Das Leben der anderen

19. Juni 2016 von redaktionguh  
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Interreligiöser Dialog: »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen« – Christen und Moslems begegnen sich

Dialog, aus dem Griechischen  für »sich unterhalten«, scheint einfach, wenn es um das Gespräch mit Gleichgesinnten geht. Doch wie funktioniert der Dialog der Religionen? Ein Selbstversuch.

Ein Schild am Kellereingang im Hinterhof, das war’s. Zur gängigen Vorstellung von einer Moschee passt dieser Ort nicht. Die schwere Kellertür steht offen. Drinnen Teppichboden, draußen stehen Schuhe. Dass sich hierher jemand zufällig verirrt, ist unwahrscheinlich. Ich bin verabredet mit Vertretern des Vereins »Haus des Orients« und mit Ramón Seliger, Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Weimar. Es soll um den interreligiösen Dialog gehen oder einfacher ausgedrückt, um Begegnung. Was wissen wir voneinander und wie leben wir unseren Glauben im Alltag? Ein spannendes Experiment. Osama Hegazy, promovierter Architekt aus Ägypten, bittet uns freundlich, auf dem Boden Platz zu nehmen. Im Hauptberuf kümmert er sich im Jobcenter als Vermittler um Flüchtlinge und Migranten aus arabischen Ländern. Für die Moschee und den Verein ist er ehrenamtlich tätig. Auch der Imam, der Vorbeter, Krim Seghiri aus Algerien. Der Prüftechniker arbeitet in der Woche in Augsburg. Zum Freitagsgebet ist er pünktlich in Weimar zurück.

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Im Moment verbringen sie viel Zeit in der Moschee. Es ist Ramadan. Fünf Gebetszeiten pro Tag. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Mit Sonnenaufgang wird gefastet und gebetet. Das ist diesmal eine besondere Herausforderung. Die Sonne geht bereits um 3 Uhr auf und erst nach fast 19 Stunden unter. »Das Leben im Ramadan ist anders«, erklärt Hegazy. Die Muslime leben in dieser Zeit wie eine Familie zusammen. Das Fasten ist eine gemeinsame religiöse Übung. Nur Kinder, Schwangere und Kranke sind ausgenommen. Der Ramadan sei ein Monat der Einkehr und Sammlung. So wie das wöchentliche Freitagsgebet. Sie treffen sich im »Haus des Orients«. So nennen sie den Versammlungsraum im Keller. 65 Quadratmeter, auf denen sich bis zu 150 Gläubige drängeln. Sie kommen aus Pakistan, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Eritrea, Irak, Syrien, Bangladesch, Indonesien oder aus europäischen Ländern. Die arabischen Worte des Vorbeters werden ins Deutsche, Englische und in Urdu, einer Sprache die in Pakistan und Indien gesprochen wird, übersetzt. Durch die Flüchtlinge ist der Raum viel zu klein geworden. Dicht stehen die Männer beim Freitagsgebet hintereinander.

Ramón Seliger hört interessiert zu. Der Vikar sucht den Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und den Muslimen. Er will Beziehungen aufbauen, das Kennenlernen befördern. Nach dem Attentat von Paris hat er Muslime besucht und ihnen gesagt, dass er für sie bete. Er sieht im interreligiösen Dialog auf Gemeindeebene auch eine diakonische Dimension. Und er möchte das religiöse Leben der Muslime aus dem Hinterhof herausholen in die Öffentlichkeit. »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen«, meint er. Osama Hegazy nickt: »Vor allem für unsere Kinder ist es wichtig, nicht isoliert aufzuwachsen.« Deshalb sei er froh, wenn es Begegnung zwischen den Religionen gäbe und wenn man sich in der Moschee oder in der Kirche treffen könne. Er selbst habe in Alexandria eine katholische Schule besucht. Für ihn ist wichtig, dass hier ein religiöses Leben deutscher Prägung entstehe und nicht islamische Traditionen aus anderen Ländern importiert würden.

»Ein Theologe, der hier ausgebildet wird, kann ganz anders entscheiden«, so Hegazy. Auch in der Gesellschaft sei Aufklärung nötig, ergänzt Seliger. »Die Sachbearbeiter auf den Ämtern können sich oft nicht vorstellen, welche Bedeutung die Religion für Menschen haben kann.« Deshalb wollen Osama Hegazy und Krim Seghiri ihr Haus offen halten und das Gespräch suchen. Für sie zählt zunächst der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit. In der Ausgrenzung sehen sie die größte Gefahr. Dadurch würden Menschen empfänglich für radikale Ansichten. Auch da sind sich der Vikar und der Imam einig, bei aller Unterschiedlichkeit.

Bevor sie auseinander gehen, werden Kontaktdaten ausgetauscht. Es soll eine Fortsetzung geben. Dann in einer Kirche und mit den Familien. Ein Anfang ist gemacht.

Willi Wild

Von Gott können wir noch viel erwarten

2. August 2013 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33, Vers 12

Ferienzeit. Ob Tunesien oder Thüringen, Afrika oder Arendsee. Im Urlaub sehne ich mich nach Abstand vom Alltäglichen, nach einer Prise Freiheit. Womöglich suche ich danach, die Räume um mich herum weit zu machen, damit ich mich selbst wieder neu finden und ausrichten kann. Eine Zeit, von der ich etwas für mich erwarten darf, in der sich für ein paar Tage hier und dort die Vorzeichen umkehren. Das tut mir gut, die Sehnsucht danach nehme ich mit ins Jahr hinein.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Dass es gut tut, wenn sich die Vorzeichen umkehren, ist auch eine Erfahrung, die Menschen ­machen dürfen, wenn sie Gott und sein Wirken in ihrem Leben spüren. Für den Psalmbeter ist es wohl eine unbeschreibliche Erfahrung von Freiheit und Bewahrung, die er mit seinem Gott verbindet und die er sich über seinen eigenen Horizont hinaus für viele Menschen wünscht. Ich höre seine Worte deshalb auch als Zeugnis dafür, eigenes Erleben umzusetzen in Visionen und Hoffnungen für sich selbst und für ein ganzes Volk.

Aus dem Erfahrenen leben, hoffen, damit einander beschenken und gemeinsam Herzenswünsche träumen. Das ist wie ein kleiner Urlaub – für die Seele. Das brauche ich und ich denke, das brauchen wir wieder neu in Politik und Gesellschaft angesichts aller Herausforderungen. Vielleicht ist die ­anhaltende Fantasielosigkeit der Politik bzw. der Regierenden gerade ein Grund für die Verdrossenheit im Volk. Wenn allein Pragmatismus und Wachstumslogik das Tagesgeschäft regieren, hat die Sehnsucht es schwer, die uns mitnimmt in eine ­lebenswerte Zukunft.

Ich wünsche mir für unser Volk Menschen, die sich hineingenommen wissen in Gottes Bogen aus Zusage und Verheißung. Damit sich Räume öffnen abseits des Alltäglichen, wo mutiges Träumen möglich ist, wo angstfrei kreuz und quer gedacht werden kann. Damit gelebt und gestaltet wird aus einer Vorfreude auf Kommendes mit einem Gott, von dem ich noch etwas erwarten kann.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau