Chorsänger leben länger

24. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Kirchenmusik: Warum Singen glücklich macht und Kirchenchöre eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe haben

Wer zu Hause singt, schafft sich eine positive Stimmung, ergaben wissenschaftliche Untersuchungen. Und schon der Kirchenlehrer Augustinus wusste: Wer singt, betet doppelt.

Es ist keine Glaubensfrage: »Jeder Mensch kann singen, man muss es nur tun!« Ulrike Rynkowski-Neuhof lässt Ausreden nicht gelten. Die Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik in Weimar weiß, viele Erwachsene singen nicht, weil man ihnen in der Grundschule gesagt hat, dass sie es nicht könnten. Beschämende Erfahrungen aus der Kindheit prägten oft ein Leben lang. Zudem förderten perfekt klingende Vorbilder aus der Konserve die übernommenen Annahmen. Dabei gehe es gar nicht um Perfektion und Talent, sondern darum, die eigene Stimme zu entdecken, erklärt Rynkowski-Neuhof. »Jede Stimme ist einzigartig!« Aber diese Einzigartigkeit auszuhalten, müsse man lernen. Anleitung und Training seien so wichtig wie im Sport.

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Der Kinderlieder-Hit von Hella Heizmann bringt es auf den Punkt: »Wer nicht singen kann, der summt halt, wer nicht summen kann, der brummt halt, wer nicht brummen kann, der klatscht halt. Hauptsache, du bist dabei!« Gerade kleine Kinder profitieren von Gesangsstunden, ist die Erfahrung von Mathias Gauer, Landessingwart der EKM. Kirche ist seiner Meinung nach gut beraten, in Stimmbildung und gemeinsames Singen in den Kindergärten zu investieren. »Früher war das Singen eine allgemeine Kulturtechnik«, so Gauer. Heute werde leider in den Familien nur noch selten gesungen. Deshalb sei es wichtig, Erzieherinnen und Erziehern in der Ausbildung das kindgerechte Singen zu vermitteln. »Singen ist wie eine ansteckende Gesundheit, wenn jemand anfängt, dann singen andere mit«, ist sich der Landessingwart sicher. Singen ist erwiesenermaßen gesund. Es fördert die soziale, psychische und körperliche Fitness. Abwehrkräfte werden aktiviert, Stress abgebaut und die Sauerstoffversorgung der Organe verbessert. »Singen müsste zum normalen Lebensalltag gehören«, fordert Gauer. Wer allerdings nur aus gesundheitlichen Gründen zum Kirchenchor gehe, täte ihm leid. Singen mache Freude, vor allem in Gemeinschaft. Singen als Balsam für die Seele funktioniere bis ins hohe Alter, erlebt Ulrike Rynkowski-Neuhof, wenn sie sich mit ihrem Senioren-Singkreis zur Stimmbildung trifft. Natürlich lasse im Alter die Stabilität und Tonhöhe nach, aber durch regelmäßiges Training kann ein »reifer Stimmklang« gefestigt werden. Höchstleistungen seien im Alter nicht mehr zu erwarten, trotzdem, da ist sich die Musikprofessorin und EKM-Synodale sicher, bereichert der gemeinsame Gesang ein Leben in jedem Alter.

Von der gemütsaufhellenden Wirkung ist bereits im Alten Testament die Rede. Mit Gesang und Harfenspiel befreite schon David König Saul von depressiven Stimmungen. Über drei Millionen Menschen in Deutschland singen in Chören. Der Münsteraner Musikpsychologe Karl Adamek hat herausgefunden, dass Choristen lebenszufriedener und ausgeglichener sind. Durch regelmäßiges Singen verbinden sich Synapsen im Gehirn neu und machen die Sängerin, den Sänger klüger. Chorsingen kann wohl sogar lebensverlängernden Einfluss haben, ergab eine Untersuchung schwedischer Forscher. Trotzdem gehe die Singkompetenz gesamtgesellschaftlich gesehen zurück, stellt Landessingwart Gauer fest. Kirchenchöre und gemeindlicher Gesang im Gottesdienst erfüllten deshalb auch eine wichtige Aufgabe. Im Zentrum für Kirchenmusik der EKM sind 850 Chöre mit etwa 15 000 Sängern erfasst. Geleitet werden die Gesangsgruppen von 185 Kirchenmusikern und 400 ehrenamtlichen Chorleitern. Neben Kirchen- und Kinderchören vervollständigen Gospel- und Jugendchöre das Angebot.

Die Bibel ist voll von Gesang. Klagelieder, Danklieder, Lieder der Freude, des Jubels oder aber Liebeslieder. »Singt Gott in eurem Herzen«, heißt es im Kolosserbrief. Von Einschränkungen oder Begabung ist nicht die Rede. Auf geht’s! Das Evangelische Gesangbuch hat viel zu bieten: »Ich singe Dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von Dir bewusst.«

Willi Wild

Auf dem Weg des Zusammenwachsens

25. November 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Nachgefragt: Drei Mitglieder der ersten EKM-Synode ziehen am Ende der Legislatur Bilanz

Vom 19. bis 22. November kommt die erste Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu ihrer letzten Tagung zusammen. »Glaube + Heimat« befragte drei Synodale, was sie vor sechs Jahren motivierte, Mitglied des gemeinsamen »Kirchenparlaments« zu werden, auf welche Entwicklungen und Erfahrungen sie zurückblicken und worauf die Landeskirche künftig ihre Kraft und ihr Engagement richten sollte.

Ich bin seit 23 Jahren Pfarrerin in der Altmark. Als die Anfrage für die Mitarbeit in der Landessynode kam, habe ich mich gern zur Wahl gestellt und bin als Vertreterin des pfarramtlichen Dienstes gewählt worden. Ich habe meine Erfahrungen aus der Gemeindearbeit und auch aus kreiskirchlichen Verantwortungen in die Landessynode eingebracht.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg, Kirchenkreis Stendal.

Sehr gespannt war ich auf die Synodalen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und aus den doch ganz verschiedenen Regionen unserer Landeskirche von Arendsee bis Sonneberg. Der Dialog mit ihnen hat auch meine Arbeit vor Ort bereichert. Ich denke, wir sind in den vergangenen sechs Jahren ein gutes Stück zusammengewachsen, auch wenn es ganz unterschiedliche Traditionen gibt. »Als Gemeinde unterwegs« zog sich wie ein Leitgedanke durch unsere Tagungen. Auf diesem Weg haben wir ermutigende, manchmal auch enttäuschende Erfahrungen gemacht. Manche Entscheidungen wurden mühsam errungen, andere einstimmig getroffen. Besonders die Tätigkeit im Theologischen Ausschuss war mir wichtig. Mit unseren unterschiedlichen Hintergründen haben wir miteinander diskutiert und einen gemeinsamen Weg gesucht. Das war trotz aller Geschwisterlichkeit nicht immer einfach.

Die Arbeit der Gemeinden vor Ort im Blick zu behalten, sehe ich als eine besonders wichtige Aufgabe auch für die neue Landessynode, der ich allerdings nicht mehr angehören werde. Die gemeinsame Zeit war für mich eine sehr stärkende Erfahrung.

_________________________________________________________________

Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Ulrike Rynkowski-Neuhof ist Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Das war damals keine leichte Entscheidung, und ich habe mich im Vorfeld mit Freunden, Kollegen und sogar mit einigen meiner Studierenden beraten. Sie haben mir alle zugeredet, mich auf diese Weise zu engagieren. Und für mich war es in erster Linie ein Gefühl von Verantwortlichkeit für »meine Kirche«, in die ich mich trotz sehr knapper Freizeit nach Kräften einbringen wollte. Als Professorin der Musikhochschule schlägt natürlich mein Herz in besonderem Maße für die Kirchenmusik in unserer Landeskirche.

Ich zolle den vielen ehrenamtlichen Gemeindegliedern meinen besonderen Respekt für ihr großes und un­eigennütziges Engagement, ohne das Gemeindeleben gar nicht zu denken wäre. Und ich habe allerdings auch erfahren, dass für mich selbstverständliche Dinge »bei Kirchens« manchmal länger dauern.

Worauf die Landeskirche ihre Kraft und ihr Engagement setzen sollte, lässt sich schwer so verkürzt darstellen. Die Basis ist erst einmal eine gute, es beginnen die früheren Landeskirchen Thüringen und die Kirchenprovinz Sachsen in einer gemeinsamen mitteldeutschen Kirche zusammenzuwachsen. Es wird weiter der Anpassung bedürfen, ohne zu sehr zu vereinheitlichen. Qualitätvolle Kirchenmusik in unterschiedlichster Form, Jugendarbeit, Ökumene, die Thematik der Gleichstellung, die Darstellung oder besser noch die deutliche Positionierung unserer Kirche in der Gesellschaft, das wären einige der Zielrichtungen, die ich mir denken könnte.

Als ich 2002 in die zehnte und letzte Thüringer Landessynode gewählt und nach meiner Motivation gefragt wurde, nannte ich gegenüber »Glaube + Heimat« – schon mit Blick auf eine Föderation mit der damaligen Kirchenprovinz Sachsen – drei mir wichtige Schwerpunkte: die Gemeindesicht, das Bekenntnis und die Ökumene. Alle drei Themen sind mir weiter wichtig geblieben, und es gab Zeiten, da war mal mehr das eine, mehr das andere dran. Für mich gehören die drei Felder aber zusammen.

_________________________________________________________________

Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Sabine Bujack- Biedermann ist Redakteurin bei der Ostthüringer Zeitung in Saalfeld.

Wirklich zufrieden wäre ich, wenn es uns gelungen wäre, den Gemeinden die Notwendigkeit und die Vorteile der Fusion zur EKM besser zu verdeutlichen. Leider wird sie dort mehr als Sparrunde und Bürokratie wahrgenommen, denn als Chance, mit weniger Gemeindegliedern und weniger Mitteln Neues zu gestalten. Der Gemeindekongress in Halle, der aus unserem Synodenthema »Als Gemeinde unterwegs« erwachsen ist, hat dazu ermutigende, kreative Möglichkeiten gezeigt.

Als Gemeindeglied aus dem Süden der EKM wünsche ich mir, dass es weiter solche Begegnungsmöglichkeiten für die gesamte Landeskirche wie zum Gemeindekongress gibt. Auch Bildung sollte unser ureigenes protestantisches Thema bleiben – mit einem klaren Profil. Außerdem halte ich es für unser christliches, ökumenisches Gebot, uns bei der Betreuung der Flüchtlinge zu engagieren, uns für Frieden ohne Waffen einzusetzen, unseren Reichtum nicht auf Kosten unserer Nachkommen und nicht so wohlhabenden Nachbarn zu mehren, sondern zu teilen.