Wenn die Masken fallen

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Foto: Sorina Bindea, sxc.hu

Foto: Sorina Bindea, sxc.hu

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Psalm 31, Vers 4

Wikinger sind in diesem Jahr stark im Kurs. ­Piraten immer noch. Auch Rotkäppchen und Löwenkönige … An diesem Wochenende ist Karneval, Fasching oder Fastnacht – je nach Tradition. Gehen Sie hin? Oder lässt sie dieses Thema kalt? In ­unserem 600-Einwohner-Dorf wird die fünfte Jahreszeit ganz groß geschrieben. An zwei Sitzungsabenden treten unter der Aufsicht des Elferrates mehrere Büttenredner auf. Kinder und Mädchen tanzen, und selbst die Männer machen Ballett. Immer eingeführt von der Prinzengarde und begleitet von Live-Musik. Schätzungsweise 30 Prozent aller Dorfbewohner sind für diese Tage aktiv. Mit viel Enthusiasmus und Aufwand an Zeit, Geld und Disziplin wird der Karneval geplant und gefeiert. Und »am Aschermittwoch …« – Sie kennen den Spruch.

An diesem Wochenende wird unser Posaunenchor nicht proben und im Gottesdienst … nun gut, die da kommen, sind am Sonntagmorgen wieder fit. Prinz Karneval hat offenbar eine wesentlich größere Gemeinde als unsere schöne Dorfkirche. Aber er hat ja auch ganz andere Grundsätze! Positiv gesehen: ein Hoch für Freude und Frohsinn. Kritisch betrachtet: eine Parade der unterdrückten Lebenswünsche. Der Aschermittwoch aber holt die ganze Gesandtschaft wieder in den Alltag zurück. Der Rausch ist verflogen. Mancher streut sich Asche aufs Haupt. Der Alltag hat uns wieder mit den gleichen Perspektiven und Stolpersteinen wie eine Woche zuvor.

Weder die Kraft der Wikinger noch die Verschlagenheit eines Piraten, auch nicht die Fürsorge eines Rotkäppchens stehen uns mehr zur Verfügung. Alles wieder auf Null. Da bin ich doch froh, dass ich mich nicht bloßgestellt fühlen muss, wenn die Masken fallen und der Alltag ruft. Denn mein Lebensanker ist mein Gott, der mein Fels und meine Burg ist, der mich leitet und führt – auch im Karneval und vor ­allem nach der Maskerade.

Gerhard Richter, Pfarrer in Bibra