Ein Erbe, das Christen verbindet

8. August 2015 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat.

Psalm 33, Vers 12

Wenn es ums Erben geht, denke ich entweder an viele Güter oder an hohe Schulden. Manche Geschichten von Menschen, besonders Erbstreitigkeiten, können breit ausgewalzt werden. Normalerweise wird schon vor dem Tod klug geordnet, damit die Nachkommen geklärte Verhältnisse übernehmen können. Doch dieses Glück haben leider nicht alle.

Schon bevor wir geboren wurden, hat Gott die Verhältnisse bereitet, in die wir hineinkommen. Wir bekommen Anteil an seiner Schöpfung, am Menschengeschlecht, an der Kirche, an seiner Gegenwart. Im Glauben treten wir das göttliche Erbe an, indem wir die Welt gestalten, Leben erhalten, Glauben bewahren und schließlich das ewige Leben ererben. Kurz: indem wir Kirche sind.

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Auch wenn dieses Erbe von jedem Einzelnen angetreten wird, so stehen wir trotzdem mit vielen zusammen. Wir sind sogar nicht nur in der Gemeinschaft derer, die im Moment mit uns Kirche sind. Vor uns haben Menschen schon Glauben gelebt, und auch nach uns werden Menschen im Glauben an Jesus Christus leben. Die Rede vom »Volk« ist etwas schwierig – denn es geht nicht um Nationalitäten. Auch wenn ein Volk oder die Kirche mehr ist als die Summe ihrer Einzelnen – so besteht es doch aus Einzelnen.

Das Volk, dessen Gott der Herr ist, ist ein Volk von Erben. Das Volk Gottes besteht aus denen, die Gottes Erbe antreten. Auf diese Weise wird das Volk, dessen Gott der Herr ist, auf nur eines begrenzt: auf den Glauben an Gott den Herrn. Der Glaube verbindet Menschen aller Generationen und unabhängig von ihrer Herkunft.

Mir wird das immer dann deutlich, wenn ich bei Reisen ins Ausland oder auch hier auf mir fremde Menschen stoße. Stellen wir fest, dass wir Christen sind, ergibt sich meist ein Gespräch über den Glauben und was wir damit erlebt haben. Es ist beglückend, dass Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen so glauben wie wir hier.

Dann spüre ich: »Wohl dem, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat.«

Christian Göbke, Pfarrer in Hamersleben

Befreiende Perspektive

13. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.

Jesaja 40, Vers 3 und 10

Die starken Worte aus dem Alten Testament haben eine Faszination. Das sind Kraftausdrücke. Und diese Worte klingen fast bedrohlich.

Was ist das für eine gewaltige Sache, die da auf uns zukommt? Gewaltig und groß ist sie. Und unwiderstehlich. Wenn da Gewalt ausgeübt werden sollte, dann hat es gar keinen Sinn, sich dem etwa in den Weg zu stellen. Das kommt sowieso, dem kann man sich nur fügen. Was soll man da vorbereiten? Da kann man sich nur in vorauseilendem Gehorsam dem, der da unausweichlich kommt, schon mal beugen, den Kopf einziehen, nur nicht auffallen. Das hat sich doch bewährt. Da eckt man nicht an und ist auf der sicheren Seite.

Aber nein, »denn siehe«: Da hebt jemand den Kopf, er blickt auf das, was auf ihn zukommt. So hat er die Chance, genauer hinzuschauen. Denn der Blick auf die Füße, auf den Boden vor uns kann keine Perspektive bieten. Aber der hoch erhobene Kopf kann sich in viele Richtungen wenden, nach vorn schauen, auch mal zurück.

Denn das Volk Israel, dem dieser Spruch gesagt ist, lebt in der Gefangenschaft und hofft auf Befreiung. Diese Hoffnung darf nicht verlorengehen in der Bedrückung. Denn der da kommt, ist der, der uns befreien wird – unwiderstehlich, aus der Bedrückung der Gegenwart, aus den ungezählten Katastrophen, die an unseren Alltag branden, und aus der Gewöhnung an dessen Beschränkungen. Dieses Bereiten öffnet die Sinne, öffnet die Zukunft, denn da ist eine starke, eine gewaltige Kraft, die nicht begrenzt ist in den menschlichen Denkmustern.

Ja, der Herr wirkt. Und der Herr kommt. Ob wir mit ihm rechnen, ihn erwarten, ihn schon sehen oder nicht. In den Wechselfällen des Lebens, in Zeiten des abnehmenden Lichts wie jetzt im Dezember, in Zeiten der Ungewissheit und des Wechsels ist es gut, den Blick zu erheben. Über das Heute hinaus auf die unüberwindliche Hoffnung, die
kommt.

Hildigund Neubert (CDU), ehemalige Thüringer Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Von Gott können wir noch viel erwarten

2. August 2013 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33, Vers 12

Ferienzeit. Ob Tunesien oder Thüringen, Afrika oder Arendsee. Im Urlaub sehne ich mich nach Abstand vom Alltäglichen, nach einer Prise Freiheit. Womöglich suche ich danach, die Räume um mich herum weit zu machen, damit ich mich selbst wieder neu finden und ausrichten kann. Eine Zeit, von der ich etwas für mich erwarten darf, in der sich für ein paar Tage hier und dort die Vorzeichen umkehren. Das tut mir gut, die Sehnsucht danach nehme ich mit ins Jahr hinein.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Dass es gut tut, wenn sich die Vorzeichen umkehren, ist auch eine Erfahrung, die Menschen ­machen dürfen, wenn sie Gott und sein Wirken in ihrem Leben spüren. Für den Psalmbeter ist es wohl eine unbeschreibliche Erfahrung von Freiheit und Bewahrung, die er mit seinem Gott verbindet und die er sich über seinen eigenen Horizont hinaus für viele Menschen wünscht. Ich höre seine Worte deshalb auch als Zeugnis dafür, eigenes Erleben umzusetzen in Visionen und Hoffnungen für sich selbst und für ein ganzes Volk.

Aus dem Erfahrenen leben, hoffen, damit einander beschenken und gemeinsam Herzenswünsche träumen. Das ist wie ein kleiner Urlaub – für die Seele. Das brauche ich und ich denke, das brauchen wir wieder neu in Politik und Gesellschaft angesichts aller Herausforderungen. Vielleicht ist die ­anhaltende Fantasielosigkeit der Politik bzw. der Regierenden gerade ein Grund für die Verdrossenheit im Volk. Wenn allein Pragmatismus und Wachstumslogik das Tagesgeschäft regieren, hat die Sehnsucht es schwer, die uns mitnimmt in eine ­lebenswerte Zukunft.

Ich wünsche mir für unser Volk Menschen, die sich hineingenommen wissen in Gottes Bogen aus Zusage und Verheißung. Damit sich Räume öffnen abseits des Alltäglichen, wo mutiges Träumen möglich ist, wo angstfrei kreuz und quer gedacht werden kann. Damit gelebt und gestaltet wird aus einer Vorfreude auf Kommendes mit einem Gott, von dem ich noch etwas erwarten kann.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Luther traf den Ton des Volkes

10. August 2012 von redaktionguh  
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Gott der Vater steh uns bei
Evangelisches Gesangbuch 138, Vers 1

Obgleich Martin Luther von seiner »garstigen und schnöden Poeterey« überzeugt war, setzte er sich als Schöpfer eines großartigen Liederwerkes ein unvergängliches Denkmal. Luther, der Erfinder des Gemeindegesangs, hat das gesamte Kirchenjahr vertont und schuf für das Trinitatisfest das Kirchenlied »Gott, der Vater, wohn uns bei«, das heute den unmissverständlichen Titel »Gott der Vater steh uns bei« trägt.

Marco Lemme, Kantor in der Bachstadt Ohrdruf

Marco Lemme, Kantor in der Bachstadt Ohrdruf

Als Vorlage diente ihm eine Litanei, welche im Mittelalter als eine Form des gemeinschaftlichen Gebets im Wechselgesang sehr beliebt waren. Das Gesangbuchlied eröffnet demgemäß mit der Anrufung der Trinität, gefolgt von der Bitte um Beistand, Vergebung und Erlösung und endet mit dem Schlussruf »Amen, Amen, das sei wahr«.

Seine Lieder schuf Luther unter der Prämisse, den Ton des Volkes zu treffen. Die »Wittenbergische Nachtigall«, wie ihn ein Zeitgenosse nannte, suchte nach Gesängen, die einfache, aber reine Worte von klarem Sinn aufwiesen. Dies gelang ihm in diesem Lied in hervorragender Weise. Die mittelalterliche Teufelsgläubigkeit, die heute nicht mehr zu verfangen vermag, lässt sich dabei ohne viel Fantasie auf die Anfechtungen der Moderne übertragen.

Ein Geschenk im Besonderen ist die Melodie, die im ionischen C-Dur Zuversicht und Gewissheit verstrahlt. Sie bewegt sich in einfachen Tonleiterbewegungen und Dreiklangsbrechungen, ist schlicht und kunstvoll zugleich. Durch die litaneiartigen Wiederholungen birgt sie überdies einen meditativen Charakter. Ein gewisser Wort-Ton-Bezug ist unverkennbar. Den tiefsten Punkt erreicht die Melodie, wenn vom »Teufel« die Rede ist, den höchsten beim »festen Glauben« der »rechten Christen«. Bekräftigung erfährt der feste Glaube zudem mittels rhythmischer Betonung. Teufel und Glaube sind einander unmittelbar gegenübergestellt, hier monotone Tiefe, dort jubilierende Höhe. »Die Musica«, wusste Luther, »verjagt den Geist der Traurigkeit und machet die Leute fröhlich.« Den Beweis erbrachte er mit »Gott der Vater steh uns bei«.

Marco Lemme, Kantor in der Bachstadt Ohrdruf