Genug gemeinsame Themen

23. Dezember 2009 von redaktionguh  
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Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, sprach in Halle/S. über Ökumene

Prof. Dr. Friedrich Weber ist seit 2004 Braunschweiger Landesbischof und seit März 2004 ACK-Vorsitzender (Foto: landeskirche-braunschweig.de)

Prof. Dr. Friedrich Weber ist seit 2004 Braunschweiger Landesbischof und seit März 2004 ACK-Vorsitzender (Foto: landeskirche-braunschweig.de)

»Wir kümmern uns nicht mehr darum«, sagt der Mann in der ersten Reihe. Was er meint, ist weder resignativ noch ignorant: Er spricht über Glaubensvollzüge in seiner gemischt-konfessionellen Ehe und über die Tatsache, dass es sehr wohl möglich ist, sich den jeweiligen kirchlichen Gepflogenheiten anzupassen. Für Friedrich Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und Bischof der Braunschweiger Landeskirche eine zweigeteilte Botschaft, die sich da an seinen Vortrag im »Montagsgespräch« in der Paulusgemeinde in Halle anschließt. So lobt der Bischof zum einen den unverkrampften Umgang an der Basis und mahnt zum anderen an, dass Ökumene auch die Reflexion und das Wissen um das Trennende und Verbindende braucht.

Weber hatte sich für diesen Abend des 14. Dezember vorgenommen, die Ökumene auf dem Weg der Lutherdekade bis 2017 zu beschreiben. Kenntnisreich und detailliert fasste der ACK-Vorsitzende die Ereignisse, Papiere und Gespräche der vergangenen zehn Jahre zusammen, gab Insiderwissen preis und eigene Erlebnisse zum Besten. Was die Lutherdekade betrifft – da scheint in den verschiedenen Programmen und Schwerpunktjahren kein Platz für die Ökumene. Ohne allzu kritisch mit der eigenen Kirche umzugehen, macht Weber keinen Hehl daraus, dass er hier Chancen verpasst sieht. Er bedient sich einer Äußerung des Magdeburger katholischen Bischofs Gerhard Feige, der bei den Protestanten angefragt habe, ob keiner daran gedacht hätte, dass die Lutherdekade bis 2017 auch etwas mit der katholischen Kirche im Reformationsland zu tun haben könnte. »Ein ernsthaft verärgerter Bischof – zu Recht«, sagt der evangelische Amtsbruder.

Bricht eine neue Eiszeit in der Ökumene an? Die zurückliegenden Jahre zeigen viele Ereignisse und vor allem Papiere, die den Eindruck begründen. Seit 2001 hat die katholische Kirche einige Äußerungen getan, die den gemeinsamen Ökumene-Bemühungen deutlich entgegenstehen. Ein nicht autorisierter Brief aus dem Kirchenamt der EKD in Hannover hat wiederum für Unmut gesorgt. Das Papier wurde zwar zurückgezogen, dann aber anonym in Zeitungen lanciert. Stoff für einen Roman über internationale Verwicklungen. Obendrein gibt es jetzt mit Margot Käßmann eine geschiedene Frau als EKD-Ratsvorsitzende. Äußert da die Russisch-Orthodoxe Kirche laut, was die Katholiken nur denken – dass man mit einer Frau an der protestantischen Spitze nicht reden könne?

Friedrich Weber schlägt bewusst und offenbar in großer Einigkeit mit dem vatikanischen Ökumene-Beauftragen Kardinal Walter Kasper andere Töne an. Da werden gezielt die Erfolge und Gemeinsamkeiten betont. »Wir vergessen, was wir erreicht haben – das ist die eigentliche Gefahr für die Ökumene«, sagt Weber in Halle. Oder auch dies: »Kann man in Deutschland über die eigene Konfession reden in Absehung der anderen Konfession?« Die Annäherung werde nicht über die Frage der Eucharistie gelingen, schätzt Weber nüchtern ein, wohl aber über das Gemeinsame im Glaubensbekenntnis, über die Taufe und die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die katholische und evangelische Kirche 1999 unterzeichnet haben. Weber macht den etwa 50 Zuhörern aus evangelischen und katholischen Gemeinden der Saalestadt den Vorschlag, für die jeweils andere Konfession zu beten: »Wofür ich bete, das ist für mich wichtig.«

Die nahe Zukunft birgt genügend gemeinsame Themen für die Ökumene in Deutschland. Das parallele Schrumpfen, der Traditions- und Wissensverlust in den jüngeren Generationen, Struktur- und Nachwuchsprobleme in den Amtskirchen, gemeinsame Nutzung von Sakralräumen – auch Not macht verbindend erfinderisch. In der Außenwahrnehmung einer säkularen Gesellschaft gewinnt Ökumene noch eine andere Dimension: »Wir leiden an den Schwächen der jeweils anderen und wir müssen lernen, uns an den Stärken der anderen zu freuen.«

Frieder Weigmann