Theaterszenen aus der »Firma«

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ökumenische Spielgemeinde Erfurt blickt zurück auf 40 Jahre DDR, SED und Stasi

Der sowjetische Offizier (Karl-Heinz Hütter), der Walter Ulbricht (Horst Mergel) kurz nach Kriegsende nach Berlin bringt, macht ihm nach einer Flasche Wodka und trotzdem ganz nüchtern klar, wie er den Sozialismus aufzubauen hat: die Kirche nicht verbieten, sondern die Gläubigen so fest umarmen, dass sie keine Luft mehr bekommen. 	Foto: Jens-Ulrich Koch

Der sowjetische Offizier (Karl-Heinz Hütter), der Walter Ulbricht (Horst Mergel) kurz nach Kriegsende nach Berlin bringt, macht ihm nach einer Flasche Wodka und trotzdem ganz nüchtern klar, wie er den Sozialismus aufzubauen hat: die Kirche nicht verbieten, sondern die Gläubigen so fest umarmen, dass sie keine Luft mehr bekommen. Foto: Jens-Ulrich Koch

Sirenengeheul durchdringt den Raum. Die Fistelstimme von Diktator Walter Ulbricht ertönt mit dem legendären Satz: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!« Ein Stasi-Offizier brüllt einen Arbeiter an, der demonstriert hat. Von einer Kassette ist ein Ausschnitt eines Auftritts von Bettina Wegner im Erfurter Johannes-Lang-Haus zu hören.

Die Schauspieler der Ökumenischen Spielgemeinde wollen bei ihren Zuschauern Emotionen wecken und nicht nur Zeitgeschichte dokumen­tieren. Mit ihrem Stück »Die Firma im Osten«, aufgeführt in der Kleinen Synagoge, wollen sie zeigen, dass es nicht »die« DDR gab und »die« Stasi, sondern Millionen von Lebensläufen und einzelnen Schicksalen. Fotos und Videos wechseln rasch mit Musik, dokumentarischen Texten und gespielten Szenen.

Da ist der Tiefbau-Ingenieur, Mitglied in Kirchensynode und DDR-CDU, der als inoffizieller Stasi-Spitzel geködert wird mit einer Beförderung und dem Versprechen, vielen Menschen zu helfen. Da ist der Offizier der Staatssicherheit, der sich erinnert, dass sein Vater als überzeugter Kommunist im KZ saß und auch er selbst etwas zum Aufbau des Sozialismus beitragen wollte. Der die Fehler bei anderen sucht, weil er sonst sein eigenes Leben in Frage ­stellen müsste.

Da sind die beiden Stasi-Mitarbeiterinnen, die fein säuberlich und sehr systematisch Briefe aus dem Westen öffnen, die mitgeschickten D-Mark in die notorisch devisenklamme Staatskasse umleiten und sich selbst karikieren.
Auch wenn die Spielszenen als ­»fiktiv« angekündigt werden und die Dialoge es sicher sind: Der Inhalt selbst ist es nicht, er spiegelt Tatsachen. Autor und Regisseur Michael Maiwald hat dafür eigene Erlebnisse, Zeitzeugen-Berichte und unzählige Dokumente verarbeitet. Die Zuschauer kommen ins Nachdenken und ins Gespräch, und genau das ist das Ziel der vierzehn Mitglieder der seit 56 Jahren bestehenden Spielgemeinde.

Markus Wetterauer