Endlich im Rampenlicht

27. Januar 2017 von redaktionguh  
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Frauen haben die Reformation mitgestaltet. Das war lange vergessen. Auch an sie soll über 2017 hinaus erinnert werden.

Die Reformation hat auch Frauen angesprochen und aktiviert. Dass in der Taufe alle zu Priestern berufen sind und alle Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben, haben auch die Frauen gehört, ernst genommen und mit ihrem Leben und Handeln bezeugt. Leider schätzten die Männer ihrer Zeit und nachfolgender Jahrhunderte dies als zweitrangig oder noch weniger ein. Leider ist unser Wissen über diese Frauen verkümmert. Erst allmählich werden sie wiederentdeckt.

Dabei handelten Frauen so mutig, beharrlich und durchsetzungsstark wie Männer, in mancher Hinsicht mit mehr Klugheit und Besonnenheit als viele Reformatoren oder gar Martin Luther selbst. Mir ist das sehr deutlich geworden, als ich mich mit Anna II. zu Stolberg (1504–1574) beschäftigte – eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende und überaus kluge Frau, die mit nicht einmal 13 Jahren Äbtissin im Stift zu Quedlinburg wurde. Als Reichsfürstin hatte sie die Kurwürde und war einzig Papst und Kaiser zu Gehorsam verpflichtet.

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Frauen der Reformation: Unser Titelbild greift zurück auf das Tafelgemälde, das die Malerin Mariana Lepadus im Rahmen des Projektes »Frauen der Reformation in der Region« geschaffen hat, und das 12 Frauen der Reformationszeit an einem Abendmahlstisch versammelt darstellt. Illustration: Mariana Lepadus/www.frauenarbeit-ekm.de

Sehr wahrscheinlich sympathisierte sie schon lange mit dem neuen Glauben, wartete aber bis 1539 mit der Einführung der Reformation in Quedlinburg. Sie wollte ihrem katholisch gesinnten Schutzherrn Georg von Sachsen keinen Vorwand geben, sie zu entmachten.

Ihr musste klar gewesen sein, dass er nur darauf wartete. Und auch sein Nachfolger hoffte, Macht und Reichtum des Stifts an sich zu ziehen. So schritt Anna erst nach dem Tod des katholischen Schutzherrn zur Tat, und damit zugleich seinem nachfolgenden evangelischen zuvorkommend.

Die Stadt Quedlinburg verdankt ihr eine neue Kirchenordnung sowie ein völlig neu geordnetes Schul- und Finanzwesen. Sie berief den ersten Superintendenten und führte die Visitation ein. Das Besondere an ihr: Sie wartete den richtigen Zeitpunkt ab. So bewahrte sie – denn Äbtissin blieb sie weiterhin – eine erstaunliche Kontinuität trotz radikaler Umbrüche.

Anna II. zu Stolberg erreichte mit Mut und Klugheit sehr viel.

Für mich ist sie ein ermutigendes Beispiel dafür, auch heute mit Entschiedenheit und Geduld wichtige Veränderungen anzugehen und dabei den langen Atem nicht zu verlieren, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Und dabei im Blick zu haben: Es gibt auch heute so manche wohlmeinende »Schutzherren«, die hinter ihrem Beschützen-Wollen manche Machtbedürfnisse, wenn nicht gar -gelüste, ausleben wollen.

Am Beispiel Annas und der Biografien anderer Frauen habe ich die Reformationszeit besser kennengelernt: Wie komplex dieser Transformationsprozess war, der Kirche und Gesellschaft quer durch alle Schichten erfasste. Wie viele Menschen daran mitwirkten unter ihren jeweiligen, ganz speziellen Bedingungen.

Und ich habe gelernt, was der besondere Beitrag von Frauen war – ob als Fürstin mit großen Entscheidungsbefugnissen, als Verfasserin geistlicher Lieder, als Äbtissin mit geistlichen und weltlichen Leitungsaufgaben oder als Frau eines Reformators, die das Anliegen ihres Mannes nach Kräften unterstützte.

Der Blick zurück schärft den Blick für die Gegenwart, auf die »Frauenfrage« in der Kirche: Wie wirken Frauen heute in den Kirchen? Welche Veränderungen bewirken sie? Wo gehen ihre Worte ins Leere? Wo begegnen sie männlichem Reviergehabe? Was machen sie anders als Männer? Was können gerade sie besonders gut? Inwiefern leiten und führen Frauen anders? Wie veränderten und verändern sich Pfarramt und Gemeindeleben durch Pfarrerinnen, Kantorinnen und Gemeindepädagoginnen?

Mit der 2012 eröffneten Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region« hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland die Beschäftigung mit Zeuginnen der Reformation angestoßen – weg von Idealgeschichten und nur einer Heldenfigur. Sie hat die bisherige Schattengeschichte der Frauen der Reformationszeit ins Licht der Aufmerksamkeit geholt. Dieser Prozess, hoffe ich, ist mit dem 500. Jubiläumsjahr der Reformation noch lange nicht beendet.

Landesbischöfin Ilse Junkermann

»Wir sind mittendrin in dieser Geschichte«

21. November 2016 von redaktionguh  
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Wanderausstellung »Kinder im Exil« einst und heute ist bis Januar im Zerbster Rathaus zu sehen

Ist ein Flüchtling jemand, der von zu Hause hat weggehen müssen?«, fragte Anna. »Jemand, der in einem anderen Land Zuflucht sucht«, sagte Papa. So schreibt es Judith Kerr in ihrem 1973 erschienenen Roman »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl«. Die Anna ist sie selbst, Max im Buch ihr Bruder Michael. Beide, die Kinder des Theaterkritikers Alfred Kerr und der Komponistin Julia Kerr, waren Kinder im Exil.

Blick in die Ausstellung, die aus Berlin nach Zerbst »gewandert« ist. Foto: Helmut Rohm

Blick in die Ausstellung, die aus Berlin nach Zerbst »gewandert« ist. Foto: Helmut Rohm

Davon erzählt die autobiografische Geschichte. Und das Schicksal der Familie ist eines, das sich in der Ausstellung »Kinder im Exil« der Akademie der Künste Berlin findet. Sie ist jetzt im Zerbster Rathaus zu sehen. Die Präsentation ist Teil des Vermittlungsprogramms »Kunstwelten« der Akademie in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld, das in diesem Jahr erstmals auch mit mehreren Projekten in Zerbst stattfindet. Eröffnet wurde die Ausstellung am 10. November, jenem Tag, an dem Zerbst jedes Jahr der vertriebenen und ermordeten Opfer der jüdischen Gemeinde, der Auslöschung des jüdischen Lebens in der Stadt gedenkt.

»Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, waren viele antifaschistische Künstler schon so gefährdet, dass sie sofort auf die Flucht gehen mussten«, so Kuratorin Gesine Bey bei der Eröffnung. »Viele waren jüdischer Herkunft. Diese Familien waren mehrfach der Verfolgung ausgesetzt. Ihre Kinder nahmen sie mit. Sie wurden von Freunden nachgebracht oder vorausgeschickt.« Die Kinder seien nach oft zwölf Jahren im Exil in den Ländern geblieben, in denen sie ihre Jugend verbrachten, deren Sprache sie sprachen. Nur wenige seien nach dem Krieg mit ihren Eltern nach Deutschland zurückgekehrt.

Das Material zur Ausstellung kommt aus dem Akademie-Archiv, aus Nachlässen von Malern, Schauspielern, Schriftstellern und Musikern. Bilder, Texte und Dokumente berichten aus dem Leben von 26 »Kindern im Exil« zwischen 1933 und 1945. Authentische Zeugnisse ergänzten autobiografische Bücher, so Gesine Bey, oder geben Auskunft, wie sich das Exil für die Kinder anfühlte, in den Fällen, wo es diese Autobiografien nicht gibt. Dargestellt sind zum Beispiel die Schicksale von Eva und Peter Dessau, George Herzfelde, Barbara und Stefan Brecht oder Ruth und Pierre Radvanyi.

In einem zweiten Teil beschäftigt sich die Ausstellung mit Kunstwelten-Projekten von Künstlern und Kindern zum Thema Exil, die seit Herbst 2015 stattgefunden haben. »Hier geht es um ein Thema, das nicht Jahrzehnte hinter uns liegt«, betont der Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) bei der Eröffnung. »Wir sind mittendrin in dieser Geschichte, es ist nur ein anderer Krieg, der dahintersteckt.«

Helmut Rohm

Die Ausstellung ist bis zum 19. Januar zu den Sprechzeiten der Verwaltung im Saal des Zerbster Rathauses, Schloßfreiheit 12, zu sehen.

www.stadt-zerbst.de

»Fenster in die Zeit« öffnen den Blick

19. September 2016 von redaktionguh  
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Wanderausstellung: 500 Jahre Frauengeschichte in Anhalt soll 2017 erzählt werden

Anhaltische Frauen tragen die weibliche Seite der Geschichte zusammen – es geht um vermeintliche Hexen, Liederdichterinnen, Fürstinnen und Diakonissen.

Seit zwei Jahren haben die Initiatorinnen überlegt und geplant. Jetzt nimmt das Projekt Gestalt an. Aus Anlass des 500. Reformationsjubiläums im nächsten Jahr wird eine Ausstellung eröffnet, die Frauenleben in Anhalt in den Mittelpunkt rückt. »Frauen(Er)Leben in Anhalt« lautet der Titel, auf den sich die Planerinnen geeinigt haben. Die Zeitspanne umfasst im Kern die 500 Jahre vom Beginn der Reformation bis zur Gegenwart; aber auch Frauen aus der Bibel und aus 2 000 Jahren Christentum sollen eine Rolle spielen.

Die Inhalte haben zusammengetragen: Pfarrerin Claudia Scharschmidt, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung Anhalts, Pfarrerin Caroline Simmering aus dem Kirchenkreis Zerbst; die frühere Köthener Kreisoberpfarrerin Dorothee Wagner, die Leiterin der anhaltischen Frauen- und Familienarbeit, Sieglinde Lewe-Roggan, die Historikerin und Leiterin des Museums der Stadt Zerbst, Agnes-Almuth Griesbach sowie die Diplom-Sprechwissenschaftlerin Christiane Kopischke. Sie informierten Ende August in Zerbst über das Projekt.

Die Eröffnung ist am Sonntag vor dem »Kirchentag auf dem Weg« (21. Mai 2017) in der Dessauer Marienkirche vorgesehen. Zweite Station der als Wanderausstellung mit Aufstellern konzipierten Schau ist im Sommer die Dessauer Johanniskirche, bevor sie von August bis Anfang November 2017 im Zerbster Museum Station macht. »Danach kann sie in unterschiedlichen Formen in die Kirchengemeinden gehen«, so Pfarrerin Scharschmidt.

Bei ihrer Arbeit haben die Frauen gemerkt: »Es wird immer mehr Material.« Für jedes der fünf Jahrhunderte haben sie zwei Aufsteller als »Fenster« in die jeweilige Zeit vorgesehen. Auf ihnen wird in Text und Bild über Frauen und bestimmte Themen, wie etwa die Verfolgung von Frauen als Hexen, christliche Liederdichterinnen oder das Wirken der Diakonissen in Anhalt, informiert. Mithilfe eines dreiteiligen Zeitstrahls – allgemeine Geschichte, Reformationsgeschichte, Frauengeschichte – werden die Inhalte in Beziehung gesetzt. Für die Frauen des 16. Jahrhunderts stehen die Gernröder Äbtissin Elisabeth von Weida und die Fürstin Anna von Anhalt-Bernburg. Für das 17. Jahrhundert sind je eine Tafel für Henriette Catharina von Anhalt-Dessau und für die Hexenverfolgung vorgesehen. Die Fürstinnen Gisela Agnes von Anhalt-Köthen und Luise von Anhalt-Dessau sind die Persönlichkeiten aus dem 18. Jahrhundert; Stiftungsgründerin Jeanette von Pfau aus Bernburg sowie die Geschichte der Anhaltischen Diakonissenanstalt wurden für das 19. Jahrhundert ausgewählt. Über Anneliese Mai, die erste mit vollen Rechten ordinierte Pfarrerin in Anhalt (und auch EKD-weit), und die Gründerin des Cyriakusheimes in Gernrode, Annedörte Saalfeld, informieren die Info-Tafeln für das 20. Jahrhundert. Mit dem letzten Aufsteller sollen die Betrachter(innen) angeregt werden, sich mit der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart zu befassen, um sie zu sensibilisieren für die Herausforderungen unserer Zeit. Dass so viele Fürstinnen in der Ausstellung vorkommen, ist der Überlieferung geschuldet. »Wir wollten mehr Informationen über den Alltag mit hineinnehmen«, sagen die Planerinnen, »aber das geben die Quellen nicht her.«

Die Ausstellung sehen sie als Gemeinschaftsprojekt, das auf vielen Füßen steht und aus verschiedenen Töpfen finanziert wird. Als Schirmherrin konnten sie Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius gewinnen.

Voraussichtlich in Zusammenarbeit mit der Dessauer Grafikerin Sandra Heinze soll das Projekt Gestalt annehmen. Ob es Publikationen wie eine Arbeitshilfe oder einen Kalender geben soll, wird noch überlegt. Auf jeden Fall, so Museumsleiterin Griesbach, wird die Schau im Zerbster Heimatkalender 2017 eine Rolle spielen.

Angela Stoye

Der Reformationsfürst

20. März 2016 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Landeskirche und Kooperationspartner erinnern zum 450. Todestag an Wolfgang von Anhalt

Die Evangelische Landeskirche Anhalts erinnert 2016 und 2017 mit Kooperationspartnern an den bedeutenden Reformationsfürsten Wolfgang von Anhalt. Er starb vor 450 Jahren am 23. März 1566 in Zerbst.

Im Zentrum stehen mit Köthen, Bernburg und Zerbst jene Residenzstädte, in denen der Fürst politisch aktiv war und bis heute Spuren hinterlassen hat. Wolfgang unterzeichnete wichtige Dokumente der Reformation, etwa das Augsburger Bekenntnis 1530, und setzte sich für Luthers Lehre ein.

Kooperationspartner des Gedenkjahres sind die Bernburger Freizeit GmbH, die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, die Kanzler von Pfau’sche Stiftung Bernburg sowie die Köthener Kultur und Marketing GmbH (KKM). Zum Auftakt findet am 23. und 24. März in der Zerbster Kirche St. Bartholomäi eine Tagung zu Wolfgang von Anhalt in der Reihe »Anhalt[er]Kenntnisse« statt. In der Kirche ist Wolfgang gleich auf zwei Gemälden von Lucas Cranach dem Jüngeren zu sehen. Zu Gast ist als Referent unter anderem Professor Dr. Gerhard Robbers, Minister der Justiz und für Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz. Sein Vortrag »Prinzipien, Interessen, Sachzwänge: Wie macht man Politik bei starkem Gegenwind?« beginnt am Mittwoch, 23. März, um 19 Uhr.

Das Gemälde »Gnadenstuhl mit den Fürsten Joachim und Wolfgang von Anhalt« kehrte erst im Dezember 2015 nach über fünf Jahrzehnten der Vergessenheit und des desolaten Zustandes an seinen angestammten Platz, die Kirche St. Bartholomäi in Zerbst, zurück. Foto: Landeskirche Anhalts

Das Gemälde »Gnadenstuhl mit den Fürsten Joachim und Wolfgang von Anhalt« kehrte erst im Dezember 2015 nach über fünf Jahrzehnten der Vergessenheit und des desolaten Zustandes an seinen angestammten Platz, die Kirche St. Bartholomäi in Zerbst, zurück. Foto: Landeskirche Anhalts

Weiterhin geplant ist eine Wanderausstellung »Wolfgang von Anhalt (1492–1566): Fürst und Bekenner« – ab dem 23. März in St. Bartholomäi Zerbst, vom 1. Juni bis 31. August im Schlossmuseum Köthen und ab dem 2. Januar 2017 im Schlossmuseum Bernburg zu sehen. Ein Festgottesdienst an historischer Stätte findet am Ostermontag um 10 Uhr in der Zerbster Bartholomäi­kirche statt. Weitere Aktivitäten sind eine Schulung der Gästeführer beim Anhaltischen Gästeführertreffen, ein Schülerprojekt der KKM mit der Freien Schule Anhalt in Köthen sowie Vortragsabende im Juni und Oktober in der Schlosskapelle Köthen sowie in der Kanzler von Pfau’schen Stiftung Bernburg. Am 19. Juni wird in der Köthener Kirche St. Jakob das Theaterstück »Wolf streitet für das Lamm (Gottes)« von Pfarrer i. R. Armin Assmann und Nicola Hedemann gezeigt.

Zur Bedeutung von Fürst Wolfgang von Anhalt sagt Jan Brademann, Historiker und Mitarbeiter im Archiv der anhaltischen Landeskirche: »Wolfgang war zugleich Fürst und Bekenner, hat als Reichsfürst politische Verantwortung übernommen und ist klar für die Reformation eingetreten. Trotz seiner Schwäche als ›kleiner‹ Fürst und obwohl seine Dessauer Vettern und ›große‹ benachbarte Fürsten die Reformation lange ablehnten, bekannte sich Wolfgang bereits seit 1524 zu Luthers Lehre.« (siehe Biografie unten)

Schließlich gehörte er zu jenen, die auf dem Reichstag zu Speyer 1529 gegen die erneute Ächtung Luthers protestierten und 1530 auf dem Reichstag die Confessio Augustana unterschrieben. Die Gründungsdokumente der evangelischen Kirche weltweit tragen somit Wolfgangs Unterschrift.

Auch für die Staatsbildung in Anhalt leistete Wolfgang Wesentliches. »Die Erinnerung an ihn hilft, die Gegenwart Anhalts als kleine und von der Reformation geprägten Region – und Kirche – zu verstehen und sie im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 selbstbewusst zu positionieren«, betont Jan Brademann.

Johannes Killyen


Biografie

Fürstlicher Aktivist mit Beispielwirkung

Wolfgang von Anhalt war ein früher »Bekenner« und Unterstützer der Neuen Lehre

Fürst Wolfgang wurde am 1. August 1492 in Köthen auf der alten Burg geboren. Zu dieser Zeit war Anhalt unter den Askaniern in mehrere Zweige aufgeteilt. Wolfgang entstammte der Linie des Fürsten Sigmund, die über Georg I. zu Waldemar VI. führte, der ab 1474 den damaligen Köthener Teil Anhalts regierte. Wolfgang war der Erbprinz und hatte zwei Schwestern. Seine ältere Schwester Barbara wurde zunächst mit Heinrich III. von Reuß verheiratet und später die Frau von Jan von Kolowrat, der den Ruf eines »Wüstlings« besaß. Seine jüngere Schwester Margarete hingegen heiratete 1513 Johann den Beständigen, den Kurfürsten von Sachsen. Eine Verbindung mit vielgestaltigen Folgen.

Wolfgang bekam eine standesgemäße ritterliche Ausbildung und studierte dann an der Leipziger Universität. Er erbte nach dem Tod seines Vaters 1508 dessen Landesteil von Anhalt. Dazu gehörten neben Köthen halb Bernburg und halb Zerbst, auch Ballenstedt, Harzgerode sowie die Ämter Sandersleben, Freckleben, Hecklingen, Dornburg und Coswig. Ein insgesamt trotz der Kleinheit auch zerstückeltes Staatsgebilde und vor allem sehr einnahmenschwach.

Fürst Wolfgang war 16 Jahre alt. Er regierte zunächst mit Hilfe seiner Mutter, die ihm mit ihrer Sparsamkeit und ihrem politischen Pragmatismus gut ergänzte und anleitete. Der junge Fürst besuchte 1510 zusammen mit dem Fürsten Adolf, seinem vertrauten Oheim, Rom, das ihn wegen der unchristlichen Prasserei, Huren- und Pfründewirtschaft abstieß. Ihm ging es da ähnlich wie Martin Luther. Beide machten unabhängig voneinander die gleiche Erfahrung und wurden anschließend zu Kritikern der Papstkirche. Damit wurden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Nach der Heirat seiner Schwester Margarete 1513 weilte er oft am kursächsischen Hof, trat in kursächsische Dienste und begrüßte die Unterstützung des Kurfürsten für Martin Luther, zu dem er sich auf dem Reichstag zu Worms 1521 offen bekannte. Er gehörte damit zu den ersten deutschen Reichsfürsten, die die Neue Lehre unterstützten. Mehr noch. Nach der Einführung der Reformation in Preußen mit der Umwandlung in ein weltliches Herzogtum und im Kurfürstentum Sachsen führte Fürst Wolfgang seinerseits die Neue Lehre 1525 in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg ein. Parallel trat er dem Torgauer Bund der evangelischen Stände bei. In diesen Jahren zählte er zu den fürstlichen Aktivisten des Luthertums mit Beispielwirkung und beförderte gegen altkirchlichen Widerstand die Berufung lutherischer Prediger.

Zudem engagierte er sich für die Aufhebung der Klöster, schützte sie andererseits während des Bauernkrieges und nutzte das Vermögen der Klöster sowie deren Einkünfte für die Volkswohlfahrt. In Zerbst entstand schon 1531 aus dem Brüderkloster eine Schule, die als »Francisceum« bis heute existiert.

Fürst Wolfgang trat dem Schmalkaldischen Bund bei, zählte ab 1531 zu dessen Hauptrepräsentanten bei Verhandlungen sowie Kriegszügen. Mit seinen fürstlichen Vettern nahm er einen Gebietstausch vor. Er überließ ihnen Zerbst und übernahm ganz Bernburg, wo er dann auch residierte, Altstadt und Neustadt vereinte, die Kirche St. Nicolai ausbaute, eine Saale-Schleuse errichtete sowie den Schlosskomplex über der Saale umgestaltete. Es entstand durch den Baumeister Andreas Günther der sogenannte »Wolfgangbau«, der nach dem Tod des Fürsten auf Weisung von Fürst Joachim Ernst fortgesetzt wurde.

Fürst Wolfgang weilte noch am Sterbelager Martin Luthers in Eisleben, eroberte danach mit kursächsischer Hilfe Aschersleben für kurze Zeit zurück und erlebte dann die folgenschwere Niederlage des Schmalkaldischen Bundes bei Mühlberg. Der ernestinische Kurfürst kam in Gefangenschaft, Wolfgang floh in den Harz, stand unter der Reichsacht und verlor ebenfalls sein Fürstentum. Nach Bittgesuchen seiner Verwandtschaft, der Zahlung hoher Summen und der Vermittlung des nunmehrigen albertinischen Kurfürsten von Sachsen bekam Fürst Wolfgang sein Land durch den Passauer Vertrag von 1552 zurück. Fortan hielt er sich von der großen Politik fern, machte ein Fräulein von Schaderitz aus einer Gröbziger Adelsfamilie ohne Heirat zu seiner Partnerin und pflegte entsprechend dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 den Ausbau der Neuen Lehre. 1562 überließ er schließlich sein Land seinem Dessauer Vetter und zog sich für das nahe Ende nach Zerbst zurück, wo er am 23. März 1566 starb und in der Bartholomäikirche seine letzte Ruhe fand. Dazu kam in dem Sakralbau ein Ölgemälde von Lucas Cranach d. J., das den Fürsten darstellt.

Martin Stolzenau

Stille Heldinnen der Reformation

15. April 2014 von redaktionguh  
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Wanderausstellung mit vertiefendem Begleitprogramm in Gera

Die Welt kann die Frauen nicht entbehren, selbst wenn die Männer allein die Kinder bekämen«, soll Martin Luther gesagt haben. Welche Bedeutung Frauen der Region Mitteldeutschland im Schatten der Reformatoren hatten und mit welchen Schwierigkeiten und Entbehrungen sie bei ihrem Festhalten am evangelischen Bekenntnis zu kämpfen hatten, dem widmet sich die Wanderausstellung »Frauen der Reformation in der Region«. Das Leben und Wirken von zwölf Frauen wird stellvertretend vorgestellt.

Ab Dezember 2012 sind die Ausstellungstafeln deutschlandweit unterwegs und mittlerweile bis 2017 ausgebucht. Seit Anfang April haben sie für drei Wochen einen Platz in der Johanniskirche Gera gefunden.

Die eindrucksvollen Aufsteller zeigen Frauen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten. »Obwohl die Frauen vollständig im Hintergrund der Männer standen, waren einige vom Geiste der Reformation angesteckt und haben über ihre Familien hinaus in Kirche und Gesellschaft gewirkt«, erklärt Mathias Hock, Pfarrer der Johanniskirche Gera, während der Eröffnung. »Sie haben damit den Grundstein für ein modernes und ethisches Frauen- und Menschenbild gelegt.«

Foto: Wolfgang Hesse

Foto: Wolfgang Hesse

Aber auch die Begleitumstände jener Zeit werden in den Blick genommen. Die Themen hierbei sind: Ehefrau und Mutter, Nonnen und Kloster, Erziehung und Bildung, Priestertum aller Getauften, Diplomatie und Krieg sowie der »Alltagsbegleiter« Tod. Denn Krankheiten, Seuchen, fehlende Hygiene und medizinische Kenntnisse, Mangelernährung, Armut, Missernten und die überaus harte Arbeit der Landbevölkerung konnten jederzeit zum Tode führen. Aber auch die Geburten zu jener Zeit waren lebensbedrohlich. Allein am evangelischen Glauben und an den tröstenden Worten des Evangeliums konnten sich die Frauen festhalten.

»Mit den begleitenden Veranstaltungen möchten wir den Blick in die heutige Zeit eröffnen, die gesellschaftliche Rolle der Frauen und die aktuellen Situationen aufzeigen«, verdeutlicht Pfarrer Hock. Zum Begleitprogramm gehören unter anderem ein Vortrag über die erste evangelische Liederdichterin Elisabeth Crucinger, deren Lieder noch heute im Gesangbuch zu finden sind (14. 4.), sowie ein Film über Hildegard von Bingen (15. 4.). Ein weiterer Themenabend beschäftigt sich mit der aktuell schwierigen Situation der Hebammen (16. 4.).

Wolfgang Hesse

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. April in der Geraer Johanniskirche zu sehen und täglich von 14 bis 17 Uhr geöffnet.