Traditionen folgen und Neues wagen

10. April 2017 von redaktionguh  
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Alle Jahre wieder stellen sich die Verantwortlichen die Frage: Wie soll Konfirmationsunterricht heute aussehen? Muss er sich den Wünschen der Mädchen und Jungen und ihren veränderten (Er-)Lebensgewohnheiten anpassen oder sollte er als »Fels in der Brandung« vor allem traditionelle Glaubensunterweisung bieten? Zwei Stellungnahmen von Pfarrern, die ihre Sichtweise von zeitgemäßer Konfirmandenarbeit darlegen:

Blick-14-2017
Kurz nach der Jahrtausendwende ließen Verantwortliche für die Kinder- und Jugendarbeit aus dem Magdeburger Konsistorium verlauten: Die Auftraggeber für den Konfirmandenunterricht seien die Konfirmanden (also nicht etwa die Kirche oder letztlich Christus), an ihren Bedürfnissen sei die Beschäftigung mit ihnen auszurichten; vor allem dürfe man den Unterricht nicht als Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung betrachten. Ist das eine angemessene Haltung in Sachen Glaubensunterweisung?

Es mag für manche verstaubt und altbacken klingen: In Wasungen findet Woche für Woche der Konfirmandenunterricht für die Siebt – und Achtklässler statt, in dem wir singen, beten, auch spielen, aber vor allem lernen: Glaubensinhalte, Liturgie, biblische Inhalte.

Auch wenn die meisten Jugendlichen den Religionsunterricht besuchen, haben sie doch weiter ein großes Interesse an »harten Fakten«, an Informationen über die Kirche, über innere und äußere Zusammenhänge unseres Glaubens. Sie spüren, dass Lernen, gerade kognitives Lernen, ihnen hilft, Sicherheit zu gewinnen in einer Zeit, in der zu oft »Kompetenzen« wichtiger als Inhalte geworden sind.

Bei aller Kritik, die seit Jahrzehnten berechtigt und unberechtigt am Konfirmandenunterricht geübt wird, so am Alter der Konfirmanden und an der oft gegebenen Verbindung mit der Vorbereitung auf das Abendmahl, erlebe ich die Zeit mit den Konfirmanden als segensreich. Und: In jedem Jahr können wir vor der Konfirmation, in der Osternacht, junge Menschen taufen, die aus eigenem Entschluss zu uns gestoßen und geblieben sind.

Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen

Die Frage, ob 14-Jährige reif für ein Bekenntnis wie die Konfirmation sind, diskutiert die Kirche seit Jahrzehnten. Gegenfrage: Warum lassen sich eigentlich so viele Erwachsene scheiden? Auch 30-Jährige treffen nicht all ihre Entscheidungen nach reiflicher Überlegung, oder kippen später um. Das ist für mich kein Argument. Jesus hat Kinder und Jugendliche sehr ernst genommen, sie Erwachsenen in ihrer Entschiedenheit sogar zum Vorbild gemacht.

Die eigentliche Frage lautet: Können wir jungen Menschen bewusst machen, was die Konfirmation bedeutet? Man mag in diesem Alter vieles infrage stellen, aber es ist auch eine Zeit, in der man sich voller Eifer auf etwas stürzt und mit Leib und Seele dabei ist. Dazu ermutige ich die Konfirmanden, indem ich ihnen etwas zutraue und sie zu Entscheidungen herausfordere.

Ja, die Persönlichkeit des Pfarrers oder Gemeindepädagogen spielt bei der Konfirmandenarbeit eine Rolle. Aber auch Strukturen und die ihnen innewohnende Haltung sind nicht zu vernachlässigen. Wir müssen weg vom Säulendenken, in dem es in der Gemeinde eine Säule für die Konfirmanden, eine für die Kinder und Familien und eine für junge Erwachsene gibt. Es ist anachronistisch, mit der Konfi-Arbeit erst im Konfi-Alter zu beginnen. Wir brauchen Angebote für alle Altersgruppen und wir müssen Brücken bauen zwischen den und innerhalb der Generationen. Vor allem müssen wir junge Menschen einbinden. Gewähren wir ihnen zwei Jahre Gastrecht in der Gemeinde oder trauen wir ihnen zu, Christ zu sein für den Rest ihres Lebens?

Ich habe in der DDR-Zeit zum Glauben gefunden. Glauben hat für mich sehr mit Freiheit zu tun. Ich mag aus diesem Grund auch z. B. die Stempelkarten nicht, mit denen sich Konfirmanden ihre Teilnahme am Gottesdienst bestätigen lassen müssen. Was ist der Subtext solcher Karten? Dass, wenn sie voll ist, genügend Gottesdienste besucht wurden?

Natürlich lernen unsere Konfirmanden das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis, aber weniger auswendig, eher inwendig – durch Gottesdienste und Aktionen, die wir gemeinsam machen. Sind nicht Millionen von Menschen, die all das bimsen mussten, trotzdem aus der Kirche ausgetreten und haben dem Glauben den Rücken gekehrt?

Es geht darum, altersgerecht Glauben und Gottesbeziehung zu leben – praktisch, nicht nur mit dem Kopf. Wir stellen Glaubensinhalte, die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus, in den Mittelpunkt. Musik, gemeinsames Singen, Gebet spielen eine große Rolle. Andererseits machen wir viele herrliche Faxen, spielen und quatschen, trinken Tee, machen Ausflüge. Wer sich dann konfirmieren lassen will, nimmt an einer besonderen Konfi-Freizeit teil. Wir reden über Taufe, Abendmahl, über den Sinn der Konfirmation. Konfis müssen sich einbringen, sie gestalten Gottesdienste und Projekte mit, wir erwarten sie zum Abendmahl an Gründonnerstag. Die Konfirmation ist nicht irgendeine Segenshandlung, sie ist eine Taufbestätigung, sie ist ein »Ja, mit Gottes Hilfe«.

Ernst-U. Wachter, Pfarrer in Elbingerode

»Eine Bereicherung für alle«

5. Februar 2017 von redaktionguh  
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Fazit von Behindertenvertretern: Inklusion ist noch keine Normalität

Jürgen Schmidt aus Wasungen ist der Vorsitzende des Behindertenverbandes des Landkreises Schmalkalden-Meiningen. Ein Gespräch mit ihm und der ebenfalls im Vorstand engagierten Nicole Strauch aus Meiningen über Chancen und Barrieren.

Herr Schmidt, Sie engagieren sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Überschneidet sich der Begriff mit Integration?
Schmidt:
Vorsicht! Integration heißt, dass jemand – oder etwas – ausgegliedert ist und nun wieder eingegliedert werden soll. Inklusion hingegen bedeutet, dass jemand bereits Teil des Systems ist, aber die Bedingungen müssen für ihn noch geändert werden. Inklusion ist eine große Chance für die Gesellschaft, nämlich alle Menschen mit ihren Fähigkeiten und Gaben zu sehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, statt sie auf ihre Defizite zu reduzieren. Das ist eine Bereicherung für alle.

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Jürgen Schmidt und Nicole Strauch. Foto: Susann Winkel

Frau Strauch, wie normal ist Inklusion mittlerweile?
Strauch:
Inklusion ist leider noch nicht zur Normalität geworden. Es wird zwar viel über Inklusion gesprochen, aber die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde, ist bisher eher schleppend vorangekommen und das in allen Bereichen. Ich würde mir besonders wünschen, dass mehr Kitas inklusiv wären und auch der gemeinsame Unterricht an allen Schulen zur Normalität würde. Das wäre schon ein großer Fortschritt.

Schmidt: Zunächst müssen einmal die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn beispielsweise eine Schule neu- oder umgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Barrierefreiheit. Oft kommt dann das Argument, dass ja gar kein Kind mit Rolli die Schule besucht. Das ist aber auch gar nicht möglich, weil ja die Bedingungen gar nicht gegeben sind. Ist dann erst einmal ein Fahrstuhl da, haben alle etwas davon – Eltern mit Kinderwagen oder ältere Personen.

Erleben Sie Ausgrenzung im Alltag?
Schmidt:
Ja, etwa in den Arztpraxen. Wir haben keine freie Arztwahl, da die Barrierefreiheit nicht überall gegeben ist. Wenn ich Inklusion möchte, muss ich in der Gesellschaft nicht nur ein Bewusstsein dafür schaffen, sondern auch Geld in die Hand nehmen für bauliche Veränderungen. Hier beraten wir in den Behindertenbeiräten über den Landkreis und die Städte Schmalkalden und Meiningen. Das ist ein Teil der Verbandsarbeit. Wir unternehmen aber auch viel und mobilisieren die Menschen, am Leben teilzunehmen, ihre Teilhabe einzufordern. Hilfe zur Selbsthilfe ist sehr wichtig.

Für wie viele Menschen machen Sie sich in Ihrer Region stark?
Schmidt:
In Deutschland haben etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung offiziell anerkannte Behinderungen. Dazu gehören Sinnes-, Körper- oder Lernbehinderungen, angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Behinderungen. Dennoch sind wir im Landkreis gerade einmal dreißig Mitglieder im Verband. Es ist schwer, die Betroffenen zu erreichen und zur aktiven Mitarbeit zu bewegen.

Susann Winkel

Weitere Informationen zur Verbandsarbeit:

www.behindertenverband-sm.de

Die Konfizeit hat richtig was gebracht

20. März 2016 von redaktionguh  
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Reportage: Wie Jugendliche heute mit Glaubensgrundsätzen und kirchlichen Traditionen konfrontiert werden und was sie davon halten

Immer am ersten Sonntag im Mai ist in der Kirchengemeinde Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) Konfirmation. Derzeit bereiten sich sieben Jugendliche auf die Einsegnung im Gottesdienst vor.

Die Namen purzeln durcheinander an diesem Donnerstagnachmittag im Pfarrhaus von Wasungen. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena – ständig liegt Pfarrer Stefan Kunze daneben. Dabei kennt er die vier schon, seit sie den Kindergarten besucht haben. Er war ihr Religionslehrer in der Schule, nun bereitet er sie auf die Konfirmation vor, die vier Mädchen und mit ihnen Francesco, Jesse-Pascal und Luca.

In dieser Stunde geht es um die Liturgie des Abendmahls. Am Sonntag zuvor waren einige der Konfirmanden im Gottesdienst, sie haben genau aufgepasst, als Pfarrer Kunze mit seinen Gemeindemitgliedern das Abendmahl gefeiert hat. Nun sollen sie ihre Fragen aufschreiben, dumme Fragen gibt es nicht.

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein aus dem Abendmahlskelch und wie schmeckt eine Hostie? Antworten auf die Fragen der Jugendlichen und praktische Erfahrungen, wie hier beim Gebet, gehören zum Konfi-Unterricht. Foto: Susann Winkel

Wie groß ist der Schluck Wein, den der Gläubige nimmt? – Groß genug für den Geist, aber zu klein für den Bauch. Wein muss aber niemand trinken, in Wasungen wird der Kelch auch mit Traubensaft gereicht. Wie schmecken Hostien? – Das unterscheidet sich je nach Rezept. Neuerdings bestellt Pfarrer Kunze die Hostien in der Hostienbäckerei im Karmelitinnenkloster »Regina Pacis« im unterfränkischen Rödelmaier. Demnächst wird die Gemeinde einen Ausflug dorthin unternehmen.

Vorerst gilt seine Aufmerksamkeit aber vor allem den sieben Konfirmanden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bis sie im Gottesdienst am ersten Sonntag im Mai eingesegnet werden. Zwei der Jugendlichen, Elisa und Jesse-Pascal, werden in der Osternacht von Stefan Kunze noch getauft. Jesse-Pascal saß in der Grundschule im Ethikunterricht, mit dem Übergang zur Regelschule wechselte er zum Religionsunterricht. Jugendweihe war nie eine Alternative für ihn, sagt er. Anders ist es bei Elisa, sie ist Ende Mai auch zur Jugendweihe angemeldet. »Die Hälfte meiner Familie ist kirchlich«, erzählt die 14-Jährige, »die andere Hälfte ist es nicht.« Also beides.

Zwei Wochen nach Ostern wird Pfarrer Kunze mit seinen sieben einen Tag wegfahren, auch wenn er das Ziel erst am Ende der Stunde verraten will. Dann ist es auch schon an der Zeit für den Vorstellungsgottesdienst, in Wasungen ein besonders wichtiger Termin. Die Taufpaten werden da sein, die Hochsteckfrisur muss sitzen. Anna-Lenas Probetermin beim Friseur fällt auf den Tag des Ausflugs. Hilft nichts, da muss ein neuer Termin gefunden werden, sagt der Pfarrer.

Er hat eine Aufgabe für seine Konfirmanden vorbereitet: Sie sollen den Text, der hier im Ort zur Abendmahlsfeier gesprochen wird, in der richtigen Reihenfolge auf dem Boden zusammenlegen. Ein ganzer Stapel weißer Blätter im A 4-Format liegt bereit, auf jeder Seite stehen nur ein paar Wörter. Die sieben kommen schnell voran, fehlerfrei, da staunt sogar Pfarrer Kunze. Seit zehn Jahren hat er die Pfarrstelle in Wasungen – »so gut hat das bisher noch nie geklappt«.

Schwieriger als die richtigen Worte ist die Sache mit der Hostie. Warum kann eine Oblate der Leib Christi sein? Stefan Kunze holt einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Eigentlich auch nur ein Stück bedrucktes Papier, aber es lässt sich bezahlen damit. Dann streift er seinen Ehering vom Finger. Gar kein so teurer, aber er steht für die Liebe. Symbole. Etwas skeptisch schauen die sieben noch drein. Wieder zurück an den Tisch. Jetzt wird gebetet.

Der Unterricht ist kurzweilig. Singen. Spielen. Neues lernen. Pfarrer Kunze achtet auf Abwechslung. Diese Gruppe brauche sehr viel davon. Wie eine Gruppe funktioniert, findet er meist in den ersten drei Monaten des Vorkonfirmandenunterrichts heraus. Bis zum Martinstag kennt er sie gut genug, um ein passendes Martinsspiel für sie schreiben zu können. »Diese Gruppe ist sehr homogen«, beschreibt er. Vanessa, Jasmin, Elisa, Anna-Lena, Francesco, Jesse-Pascal und Luca kommen alle aus Wasungen, sie kennen sich von Kindestagen an, alle gehen an die Regelschule des Ortes. Und die Gruppe ist klein. Im kommenden Jahr werden zwölf Jugendliche konfirmiert. Auch die früheren Jahrgänge, deren Bilder an der Wand des Gemeinderaums hängen, waren größer.

»Nach wie vor machen hier relativ viele Konfirmation«, sagt Stefan Kunze. Nicht nur die Schüler aus Wasungen, auch ihre Mitschüler aus den umliegenden Dörfern. Dass auch sie einmal zur Kirchengemeinde gehören würden, stand für die Achtklässler außer Frage. Nur bei Elisa ist die Entscheidung erst später gefallen, im Religionsunterricht bei Pfarrer Kunze. »Schon meine Ururururgroßmutter ist konfirmiert worden«, sagt Luca. Und danach alle Generationen immer so fort. Auch ihre Kinder würden die Wasunger Konfirmanden später einmal taufen lassen. Warum auch nicht?

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Achtet auf Abwechslung: Stefan Kunze (rechts). Das gemeinsame Singen moderner Kirchenlieder gehört zu jeder Konfirmandenstunde. Der Pfarrer begleitet den Gesang am E-Piano. Foto: Susann Winkel

Langsam werden Anna-Lena und die anderen ungeduldig. Sie wissen immer noch nicht, wohin der Ausflug nach Ostern geht. Gut: Kloster Veßra. Ein Freitag im Hennebergischen Museum. Morgens Hinfahrt mit dem Zug, abends Rückfahrt mit dem Zug. Filmnacht im Pfarrhaus, dort wird die Gruppe auch übernachten und am folgenden Tag den Vorstellungsgottesdienst vorbereiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die sieben Zeit miteinander verbringen, mit dem Ende des Unterrichts soll nicht alles vorbei sein.

»Wir haben hier ein Ritual: Nach der Konfirmation schlafen die Jugendlichen eine Nacht in der Türmerwohnung«, erzählt Pfarrer Kunze. Nächstes Jahr organisiert er wieder eine Fahrt nach Taizé. Dann werden die Schüler alt genug sein, um mitzukommen. Auch wenn es keine feste Junge Gemeinde in Wasungen gibt, sollen sich die Konfirmanden in ihrer Kirche weiterhin zu Hause fühlen.

Zeit für das Spiel. Alle sitzen wieder um den langen Tisch mit den Lernheften und der Schale voll mit Stiften. »A« – Elisa beginnt stumm das Alphabet aufzusagen. Vanessa ruft »Stopp!«. Elisa ist bis »G« gekommen. Stefan Kunze überlegt kurz, dann fragt er: »Wo werden Glocken hergestellt?« – »Gießerei!« Punkt für Francesco. Aber um Punkte, Sieger oder Preise gehe es gar nicht, sagt Jesse-Pascal. Die sieben sind im Ratefieber. Noch so ein Ritual in den Donnerstagsstunden, die fest hinein in die Woche der Schüler gehören. »Die beiden Jahre haben richtig was gebracht«, sagt Anna-Lena. An Gott hat sie schon davor geglaubt, wie die anderen auch, aber jetzt verstehe sie vieles besser.

Sie sind schon aufgeregt. In sechs Wochen ist bereits 1. Mai. Aber jetzt muss Pfarrer Kunze noch allen eine Unterschrift ins Heft geben, die am Sonntag in seinem Gottesdienst saßen.

Susann Winkel

Voll im Karnevalsfieber

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Der aus Magdeburg stammende Pfarrer Stefan Kunze ist in Wasungen dem Virus verfallen

Es war die Gretchenfrage beim Vorstellungsgespräch: Wie er es denn mit dem Karneval hielte, wollte der Gemeindekirchenrat von Wasungen bei Meiningen damals vom Pfarrstellenbewerber gern wissen. Nun ist Magdeburg, die Heimatstadt von Stefan Kunze, nicht gerade als Karnevalshochburg bekannt. Ganz im Gegensatz zu Wasungen, wo mindestens seit 1524 und nur von wenigen kriegsbedingten Ausfällen begleitet die fünfte Jahreszeit zelebriert wird. Er sei ein fröhlicher Mensch, und in den Karneval werde er sich schon einfinden, sagte Kunze damals.

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Als er dann den Dienst im Dezember 2006 antrat, war klar: Wo Fasching gefeiert wird, muss es auch einen Aschermittwochsgottesdienst geben. Viele waren skeptisch. Kunze machte sich auf den Weg zu den rund 90 Gruppen des traditionellen Faschingssonnabend-Umzuges in der gerade mal rund 3 400 Einwohner zählenden Stadt. Er stellte sich als neuer Pfarrer vor und lud zum Gottesdienst ein. »Dann standen plötzlich der Präsident des ›Wasunger Carneval Clubs‹ (WCC) und sein Stellvertreter vor der Tür, versprachen mir Ehrenkarten für die närrische Sitzung, und dass man natürlich zum Gottesdienst käme«, erinnert er sich.

Damit begann wohl die Infektion mit dem »Karnevalsfieber«. Schon bald kam es am Rande einer Veranstaltung im »Bürgerhaus Paradies« zu einer folgenschweren Anfrage. Kunze saß mit Bürgermeister Manfred Koch, mit dem er schon lange gut zusammenarbeitete, gemeinsam am Tisch. Ein Mitglied des WCC fragte die beiden, ob sie nicht auch einmal gemeinsam auf die Bühne gehen würden. »In einer Bierlaune sagten wir zu und standen nun im Wort«, sagt Kunze, inzwischen Vater von vier Töchtern. 2008 waren sie erstmals gemeinsam als »Don Camillo und Peppone« in der »Bütt« und gehören seither zum festen Programm der jährlichen »Närrischen Galaveranstaltungen«. Lokale Ereignisse und Personen, die große Politik aber auch sie selbst – nichts ist vor ihrer spitzen Zunge sicher. Wie die Texte entstehen? »Da sitzen wir mit unseren Frauen bei einem Glas Wein und dann sprudeln die Ideen«, verrät Bürgermeister Koch.

In diesem Jahr freilich traten sie letztmalig in dieser Konstellation auf. Koch gibt sein Amt aus Altersgründen auf. Doch Pfarrer Kunze wird wohl irgendwie weitermachen. Das Fieber ist nicht so schnell zu heilen. Wenn an diesem Sonnabend um 13.10 Uhr der große historische Festumzug des 481. Wasunger Karnevals startet, wird Pfarrer Kunze erstmals mit seiner ältesten Tochter auch im Zug mitmarschieren. Und selbstverständlich wird die sonntägliche Predigt in Versform gehalten.

Harald Krille

Pfarrer aufs Korn genommen

3. März 2014 von redaktionguh  
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Närrische Schaufensterdekoration spielt auf den Kindersegen im Wasunger Pfarrhaus an

Wer spottet und stichelt, muss sich gefallen lassen, dass ihm Gleiches geschieht. Allzumal in der Karnevalszeit. Dass es dabei für den Pfarrersstand keine Ausnahme gibt, musste jüngst Stefan Kunze, Pfarrer in Wasungen (Kirchenkreis Meiningen) erfahren. Der (Eulen)Spiegel ist ihm vorgehalten worden – in Form einer hintersinnigen Figurenszene im Schaufenster eines Ladens. Tja, wer gern austeilt, muss auch einstecken können. Ausgeteilt hat der Theologe in der Tat gern in den letzten Jahren bei zahlreichen karnevalistischen Auftritten.

Verschmitzt winkt Mike Türk aus der Karnevalsdekoration im Schaufenster seines Geschäfts heraus. Foto: Jürgen Glocke

Verschmitzt winkt Mike Türk aus der Karnevalsdekoration im Schaufenster seines Geschäfts heraus. Foto: Jürgen Glocke

Stefan Kunze, der vor etwa zehn Jahren das Amt des Pfarrers in Wasungen antrat, hat es verstanden, das Interesse so manchen Bewohners der Stadt an der Kirche neu zu wecken. Und dies nicht zuletzt deshalb, weil sich der gebürtige Sachsen-Anhaltiner als leidenschaftlicher Karnevalist entpuppte. Regelmäßig steigt er in der fünften Jahreszeit zusammen mit Bürgermeister Manfred Koch in die Bütt, um im Zwiegespräch mit spitzer Zunge Zeitsatire zu betreiben und um seinen Schäfchen die Leviten zu lesen, ihre Marotten und Fehler aufs Korn zu nehmen.

Selbst enge Freunde nimmt er da nicht aus, wie beispielsweise Mike Türk. Ansonsten ein Herz und eine Seele, erinnern der Pfarrer und der Handwerker im Karneval an Don Camillo und Peppone. Sie kabbeln sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit und auf allen möglichen närrischen Bühnen. Ein neuerlicher Ansatzpunkt für eine »Spitze« des Pfarrers gegen seinen guten Freund ist die Tatsache, dass jüngere Erkenntnisse der örtlichen Ahnenforschung darauf hinweisen, dass ein Onkel von Karl Liebknecht zu den Vorfahren der Familie Türk gehörte. Ob er nicht meine, dass er in der falschen Partei sei, habe Kunze spitzfindig hinterfragt und den Christdemokraten Mike Türk damit herausgefordert. In der Erwartung, dass der Pfarrer ihn auch in diesem Jahr aus der Bütt heraus mit Spott überziehen wird, blies der Inhaber eines Malergeschäfts zur Gegenoffensive.

Wie in jedem Jahr hat er ein Schaufenster seines Ladens in närrischer Manier dekoriert. Zu sehen ist eine lebensgroße Puppe im Habitus eines Geistlichen, in jedem Arm ein Kind haltend und zwei weitere Knirpse vor sich sitzend. Auf einer Tafel heißt es: »Dies war mein 4. Wasunger Streich und der 5. folgt vielleicht.« Obwohl kein Name genannt wird, versteht jeder, der sich die Szene anschaut, die Anspielung auf den Kindersegen im Wasunger Pfarrhaus, in dem sich vier Kinder tummeln.

Doch nicht nach jedermanns Geschmack ist diese Art Schabernack. Bei einigen Damen aus der Nachbarschaft machte sich umgehend Entrüstung Luft. »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, das hatte Jesus anders gemeint. Nein, diese Interpretation des Bibelworts schmeckte ihnen überhaupt nicht.

Der Betroffene indes zeigt sich tolerant und amüsiert, wie es sich in der Karnevalszeit geziemt. Zusammen mit Ehefrau Sylvia hat Pfarrer Kunze vorbeigeschaut am Türk’schen Schaufenster. Beide haben geschmunzelt, wohl wissend, dass Kirche und Karneval seit jeher eine Art Symbiose eingegangen sind und das gemeine Volk mit Vorliebe die geistliche Obrigkeit persifliert. Die Szene im Fenster sehen sie als das, was es ist: ein typischer »Woesinger«. So werden die von einem historisch gewachsenen Humor getragenen Streiche genannt, für welche die Wasunger, ähnlich beispielsweise den Schwaben und den Schildbürgern, seit alters her berühmt sind.

Jürgen Glocke