Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Großes Hallo für das Jesuskind in der Krippe

11. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.

Jesaja 40, Vers 3.10

Jahr um Jahr bereiten wir uns auf Weihnachten vor. Advent kommt und Advent vergeht. »Alle Jahre wieder kommt das Christuskind«, so heißt es in einem Lied. Manch einer mag es vielleicht schon gar nicht mehr hören. Für mich zeigt sich jedoch in dieser Wiederholung die liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Für alle, die es beim ersten oder zweiten Mal nicht gehört haben, spricht er es wieder und wieder aus: »Ich komme zu dir. Bist du bereit, mich zu empfangen?!« Immer wieder möchte Gott bei uns »ankommen«, doch er möchte sich nicht mit Gewalt den Weg zu uns freiräumen. Nein, es ist mehr eine dieser stillen wertschätzenden Ansprachen, die er in unser Leben hineinspricht. Freundlich, aber bestimmt: »Ich komme zu dir. Bist du bereit, mich zu empfangen?!«

Es stellt sich nun die Frage: Was kann ich tun? In meiner Stadt gibt es einen Faschingsumzug, bei dem mit großem Hallo viele Themenwagen, Musik und Tanz dabei sind. Ich weiß schon im Voraus, dass Fasching stattfindet und dass es diesen Faschingszug geben wird. Von meiner Wohnung aus kann ich den Umzug zwar hören, aber nicht sehen und miterleben.

Um ihn wirklich erleben zu können, muss ich mich auf den Weg machen und mich auf das Geschehen einlassen. Nur dann kann ich die Freude der Menschen beim Faschingsumzug erleben. Nur dann kann ich Süßigkeiten bekommen (mein Sohn freut sich), die dort verteilt werden. So ähnlich ist es auch mit dem Advent. Nur wenn ich mich auf das Kommen Gottes einlasse, werde ich die Fülle und die Freude in der Begegnung mit ihm erfahren. Wenn nicht, dann bleibt Advent etwas, das in der Ferne an mir vorüberzieht. Deshalb spricht unser Wochenspruch davon, dass wir den Weg für Gott bereiten sollen. Das heißt: Alles, was mich davon abhält, mich auf die Begegnung mit dem Jesuskind in der Krippe einzulassen, hindert mich daran, dass Gott bei mir ankommt. Lassen Sie den Freudenzug des Advents nicht vorüberziehen, sondern machen Sie sich auf, mitten in den Advent hinein! Denn Gott kommt gewaltig.

Thomas Riedel, Vikar in Erfurt

Nachtschicht am Tunnel

15. März 2016 von redaktionguh  
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Ökumenische Bahnhofsmission Halberstadt kümmert sich rund um die Uhr um Bedürftige

Der Sicherheitsmann schließt die Halberstädter Bahnhofstüren und den Zugang vom Tunnel zur Halle. Es ist kurz nach 22 Uhr. Bis 5 Uhr morgens bleibt fast alles dicht. Auch Omar und seine Freunde, die ihn zum Zug nach Leipzig bringen, müssen das Gebäude verlassen und in der Kälte der Nacht warten. Constantin Schnee, der Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, bietet den jungen Männern an, in Räumen der Mission zu warten. Schnee und seine 26 Mitstreiter kümmern sich um jene, die ohne Unterstützung im Regen oder Schneesturm stehen würden. Nun auch in Nachtschichten.

Constantin Schnee (2.v.r.), Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, mit seinen arabischen Gästen auf Zeit. Die Mission kümmert sich nun auch nachts um alle Hilfsbedürftigen. Foto: Uwe Kraus

Constantin Schnee (2.v.r.), Leiter der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt, mit seinen arabischen Gästen auf Zeit. Die Mission kümmert sich nun auch nachts um alle Hilfsbedürftigen. Foto: Uwe Kraus

Für Constantin Schnee gab es ein Schlüsselerlebnis: Auf dem Weg zum Zug nach Frankfurt musste er morgens gegen 4 Uhr in der Bahnsteigunterführung über die Köpfe dort schlafender Kinder steigen. Noch auf der Bahnreise schrieb er sein Konzept »Niemand erfriert am Bahnhof Halberstadt« zur sozialen Betreuung von Menschen in den Nachtstunden. Über allem steht Mt.22,39: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Damit sollte das Zelten auf dem Bahnhofsgelände zu Ende gehen. An manchen Tagen kamen abends 400 Flüchtlinge in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber an, wo es Essen, Betten, medizinische Versorgung für sie gab. Sie verweigerten jedoch dort – sechs Kilometer vom Bahnhof entfernt – die Registrierung, um sich später aufzumachen: in Großstädte oder andere Länder. Vom Bahnhof aus, der nachts verschlossen ist.

»Wir haben uns vor Weihnachten mit dem Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke), Bundespolizei, Nahverkehrsunternehmen, Bahnhofseigentümer und der Deutschen Bahn, der der Tunnel gehört, getroffen«, sagt Constantin Schnee. Seit dem vorweihnachtlichen Gesprächen hat sich die Lage jedoch verändert. Abends kommen keine Busse mehr und die Bundespolizei geht stündlich auf Streife und registriert jeden Flüchtling am Bahnhof sofort. Die Polizisten bieten auch Nacht-Plätze in ihren Räumen an, wenn die 16 in der Bahnhofsmission nicht ausreichen. Für Notfälle stehe ein beheizbarer Zug der Bahn bereit.

Der ökumenischen Bahnhofsmission wurden vier Bundesfreiwilligen-Dienstler bewilligt. Sie arbeiten hier über ein Jahr lang, neben all den Freiwilligen. Schnee fand zwei Gemeinden, deren Mitglieder aus christlicher Überzeugung hier in der Mission Nachtdienste leisten. »Stets ein Mann und eine Frau, denn wir müssen uns darauf einstellen, dass Muslimas eben Dinge mit Frauen klären wollen.«

Der Leiter der Bahnhofsmission rückt das Bild einer Auffangstation für Flüchtlinge zurecht: »Wir sind für jeden da.« In den Nachtschichten treffen sie auch auf gestrandete Jugendliche, die Frau, die ihre Handtasche verlegt hat oder den orientierungslosen Studenten. »Im Januar hatten von unseren 1 906 Kontakten 811 Menschen einen Migrationshintergrund, 1 013 waren Reisende, der Rest kam aus dem Bahnhofsumfeld«, rechnet der Leiter der Bahnhofsmission vor. Eigentlich sei es ruhig. »Im September hatten wir von 10.30 Uhr morgens bis 22.30 Uhr 1 600 Flüchtlinge zu betreuen.« Man sei besser aufgestellt als im Herbst. Das Mutterhaus Elbingerode stellte Decken und Planen zur Verfügung, die Bahnhofsmission bekam 10 000 Trinkbecher gespendet. »Außerdem nehmen wir an einem Deeskalationstraining teil.« Denn nicht jeder ist mit dem einverstanden, was die Bahnhofsmission leistet. »Wir werden von Deutschen bespuckt, erhalten Drohanrufe. Schlimm, dass man sich als Christ in Mitteldeutschland für sein diakonisches Handeln rechtfertigen muss«, sagt Constantin Schnee und begleitet seine arabischen Gäste aus der Mission zum letzten Zug nach Leipzig.

Uwe Kraus

Europa im Salzland

8. Februar 2016 von redaktionguh  
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Bernburg bereitet sich auf Reformationsjubiläum vor

Zwar ist bis Mai 2017 noch über ein Jahr Zeit. Aber in Bernburg laufen die Vorbereitungen für ein Ereignis zum Reformationsjubiläum. Am 18. Mai 2017 ist die Saalestadt eine Station des Europäischen Stationenweges, der ab November dieses Jahres ein Band von Stadt zu Stadt hin zum Reformationsjubiläum knüpfen will. Im Mai 2017 kommt der Weg in Mitteldeutschland an und mündet in Wittenberg in die Weltausstellung Reformation. Städte in den Niederlanden und in Ungarn, in Slowenien und Irland werden ebenso einbezogen wie Rom, Augsburg, Worms und die Wartburg bei Eisenach. 36 Stunden macht ein Truck in der jeweiligen Stadt Station. Zudem laden regionale und ökumenische Partner zu einem Fest mit zahlreichen Angeboten ein, bei denen die Reformation in der jeweiligen Stadt im Mittelpunkt steht.

Bernburg und seine Kirchengemeinden waren mehrfach Gastgeber für große Ereignisse: 1996 für das »Anhaltische Gemeindefest« und 2004 für den Anhaltischen Kirchentag, von dem dieses Foto stammt. Zudem war Bernburg 1996 Gastgeber für den ersten Sachsen-Anhalt-Tag. Foto: Engelbert Pülicher

Bernburg und seine Kirchengemeinden waren mehrfach Gastgeber für große Ereignisse: 1996 für das »Anhaltische Gemeindefest« und 2004 für den Anhaltischen Kirchentag, von dem dieses Foto stammt. Zudem war Bernburg 1996 Gastgeber für den ersten Sachsen-Anhalt-Tag. Foto: Engelbert Pülicher

In Bernburg beteiligen sich neben der Landeskirche Anhalts und dem Kirchenkreis Bernburg auch die Stadt und Teile des Salzlandkreises an der Ausgestaltung der 36 Stunden des Stationenweges. Bernburg ist neben Wittenberg nicht nur die einzige Stadt in Anhalt, die beim Stationenweg mit dabei ist, sondern auch die einzige (neben dem Ziel Wittenberg) in
Sachsen-Anhalt. Seit dem Sommer vorigen Jahres tagen zwei Arbeitskreise, die das Ereignis vorbereiten: der des Kirchenkreises und der der Stadt, in dem Vertreter unter anderem des Museums, der Hochschule oder des Salzlandkreises mitwirken. Beide haben sich unabhängig voneinander gegründet. Der Bernburger Kreisoberpfarrer Karl-Heinz Schmidt arbeitet in beiden Kreisen mit. Der Theologe sieht die Einbeziehung Bernburgs als Chance. »In der heißen Phase des Jubiläums macht Bernburg den Anfang«, sagt er. »Daraus kann man etwas machen.« Denn gerade eine Woche später folgen die »Kirchentage auf dem Weg« vom 25. bis 27. Mai in Dessau-Roßlau, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar, Leipzig und Magdeburg sowie der Deutsche Evangelische Kirchentag vom 24. bis 28. Mai in Berlin und der Lutherstadt Wittenberg.

In Bernburg wird der Stationenweg Teil des Stadtfestes sein, das vom 17. bis 19. Mai 2017 ausgerichtet wird. Zwar liegen Programmdetails noch nicht vor, aber inhaltlich wird es um das »Salz der Erde« gehen. Das verweist auf den Salzbergbau als eine Tradition, zum anderen auf die Säkularisierung. In der Region sind ungefähr knapp ein Fünftel der Einwohner Christen, die sich in evangelischen, katholischen oder freikirchlichen Gemeinden versammeln. Da sollen die Ereignisse zur Reformationszeit und die Rolle der Fürsten ebenso eine Rolle spielen wie die Aufklärung, die Industrialisierung, die Diktaturen im 20. Jahrhundert und die Jahre seit 1989. »Sehr wichtig ist es uns, einen persönlichen Bezug der Menschen heute zur Reformation herzustellen«, sagt Karl-Heinz Schmidt. So sollen »Reformationsgeschichten« erzählt werden: persönliche Antworten darauf, was einen Menschen von heute mit dem historischen Ereignis Reformation verbindet, welche Orte und Ereignisse in Bernburg jemand mit der Reformation verbindet oder welche lebensverändernden »Schlüsselmomente« jemand erlebt hat. Wichtig sei, das Programm in Bernburg so zu gestalten, dass es sich inhaltlich von denen der Kirchentage auf dem Weg in Sachsen-Anhalt unterscheidet.

Anhalt-2-06-2016Kurz vor Weihnachten bekam Bernburg den Titel »Reformationsstadt Europas« verliehen. Kreisoberpfarrer Schmidt hatte die Bewerbung dazu angeregt. Den geschützten Titel vergibt die Gemeinschaft Evangelischer Kirche (GEKE) in Europa seit 2014 aus Anlass des bevorstehenden Reformationsjubiläums. Die erste Stadt mit diesem Titel war Emden. Im Dezember erhielten neben Bernburg auch Cesky Tešín als erste tschechische Stadt, St Andrews in Schottland, La Rochelle in Frankreich, Tallin (Estland) sowie Bern (Schweiz) und Zwickau den Titel. Damit gibt es inzwischen 50 Städte in 13 Ländern mit diesem Titel. Die Initiative der GEKE will nach eigenen Angaben »das erlebnisreiche Zusammenspiel von Kunst, Kultur und Spiritualität« unterstützen sowie »Geschichtsabenteuer und Tourismus in den Städten der Reformation« fördern.

Angela Stoye

www.reformation-cities.org

www.r2017.org

Weihnachten ins neue Jahr mitnehmen

2. Januar 2016 von redaktionguh  
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Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Johannes 1, Vers 14 b

Der Weihnachtsbaum in der guten Stube ist jedes Jahr eine kleine Herrlichkeit für sich. Zu schnell ist seine Zeit aber vorbei. Die letzten Süßigkeiten werden geplündert und der Baum muss raus. Das geschieht oft so nebenbei: »Bis zum nächsten Jahr«, heißt es dann. Die strahlende Herrlichkeit der Advents- und Weihnachtszeit, sie wird in Zeitung gewickelt und in den Karton gepackt. Wann diese Herrlichkeit in Gestalt der Sterne und Krippenfiguren, Pyramiden, Räuchermännchen und Schwibbögen verschwindet und wann der Baum aus dem Haus fliegt, wird unterschiedlich gehandhabt. Bei Einigen steht er bis Neujahr, bei Vielen bis zum 6. Januar.

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Wenige behalten alles bis zum Ende der Weihnachtszeit am 2. Februar. Bei wieder Anderen ist der Schulanfang der Stichtag. Wenn die Kinder von der Schule kommen, ist der Baum verschwunden, die Stube aufgeräumt, die Lichter verloschen – aus den Augen, aus dem Sinn?

Wo ist dann die Herrlichkeit der Weihnacht geblieben? Wo ist das Kind in der Krippe, wenn unsere Weihnacht vergangen ist? Wenn Maria und Joseph in den Kellern und Dachböden verschwinden. Es ist schwer, sich diese Herrlichkeit zu bewahren. Herrlichkeit, Gnade, Wahrheit – große Worte in einer Zeit, in der man danach fragt, was noch wahr ist, in der die Herrlichkeit Mühe hat in unseren Augen zu erscheinen. So viele Schrecken ziehen durch die Medien. Die Gnade tritt dann oft hinter dem vermeintlichen »Recht« zurück.

Machen wir am Anfang dieses Jahres noch einmal unsere Augen auf und unsere Herzen weit, dass die Herrlichkeit des Sohnes einziehe. Warum nicht die ganze Familie in das gemeinsame Abschmücken einbeziehen? Noch einmal ein Weihnachtslied anstimmen und sich an das Fest erinnern, die Herrlichkeit der Szene an der Krippe sehen. Einen Weihnachtsschmuck zeigen, den man besonders liebt, die letzten Leckereien vom Baum ergattern oder noch ein Plätzchen aus der Dose zaubern.

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Strahlende Kinderaugen

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gemeinden im Kirchenkreis Dessau sammelten Adventspäckchen für Kinder

Es ist irgendetwas anders in diesem Jahr. Advent ist immer noch Advent; aber der Kontext hat sich geändert. Wurden schon in der Vergangenheit in den Kirchengemeinden in der Vorweihnachtszeit Päckchen für Bedürftige gepackt, gingen diese oft raus in die Ferne, wo Armut, Flucht und Vertreibung den Alltag prägten. Alles war bei allem Mitgefühl trotzdem weit weg. In den vergangenen Monaten haben Armut, Flucht und Vertreibung ein Gesicht direkt vor der Haustür, in der Nachbarschaft bekommen. »Wir nennen sie Flüchtlinge, aber sie alle sind Menschen wie du und ich mit Hoffnungen und Ängsten«, sagt Annegret Friedrich-Berenbruch, die Dessauer Kreisoberpfarrerin. Ein freundliches Gesicht denen gegenüber zu zeigen, die hierher kommen, ist für sie schon aus dem christlichen Anspruch heraus das Mindeste. Ein Zeichen des Willkommens setzen und Signale für ein gutes Miteinander und Begegnen geben, wollen die Dessauer Gemeinden auch in dieser Vorweihnachtszeit mit der Aktion »Von Hand zu Hand im Advent«. Päckchen wurden gesammelt, die gefüllt sind mit Spielzeug, Süßigkeiten, Kleidung und Schulsachen für Flüchtlingskinder und Jugendliche bis zu 14 Jahren.

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Fotos: Lutz Sebastian

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Foto: Lutz Sebastian

»Schnell hat sich die Aktion verselbstständigt«, blickt die Kreisoberpfarrerin zufrieden zurück. Rund 800 Päckchen wurden vom 1. November bis zum Nikolaustag gepackt und in die Gemeinden gebracht. Kindergärten, Schulen, Firmen und soziale Einrichtungen in Dessau-Roßlau schlossen sich der Aktion an. Am 9. Dezember wurde ein Teil der Päckchen in einem Fest der Begegnung im Dessauer Georgenzentrum übergeben. In einem Rahmenprogramm brachten Gemeindeglieder sowie Pfarrerinnen und Pfarrer verschiedener Dessauer Gemeinden die Tradition von Advent und Weihnachten den Schutzsuchenden aus Syrien, Irak und Afghanistan näher. An reichlich gedeckten Tischen mit Weihnachtsgebäck nahmen viele Menschen Platz. Ehemalige und aktuelle Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie spielten weihnachtliche Musik; der Pfarrer der Dessauer Innenstadtgemeinden Jakobus-Paulus und St. Georg, Martin Günther, erzählte Anekdoten zu Sitten und Bräuchen in der Advents- und Weihnachtszeit auf Deutsch, die ein freiwilliger Helfer ins Arabische übersetzte.

Auch der gute Brauch des Schenkens fand darin Platz. Voller Ungeduld gab es kaum noch ein Halten, als Nikolaus und seine freiwilligen Begleiter die Türen zu dem Raum mit den Geschenken öffneten. Die Augen der Kinder und die ihrer Angehörigen leuchteten angesichts der Hülle und Fülle an weihnachtlich verpackten Spenden und ob der menschlichen Gesten, die dahinter steckten.

»Ihr seid ein großartiges Land mit wundervollen Menschen«, versuchte Malek Alshgal, 25-jähriger Wirtschaftsstudent aus Syrien auch im Namen seiner minderjährigen Cousins die Impressionen des Begegnungsfestes in Worte zu fassen. Weitere Adventspäckchen werden auch in der zentralen Dessauer Ausgabestelle für Flüchtlinge und an die städtischen Tafeln verteilt, die diese an einheimische bedürftige Kinder weitergeben.

Danny Gitter

200 Jahre »O du fröhliche«

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Das wohl bekannteste Weihnachtslied ist auch das kürzeste: Es hat nur drei kleine Strophen mit einem wiederkehrenden Refrain. Die einfache Melodie stammt aus Herders Volksliedersammlung, sie gehört zu dem sizilianischen Fischerlied »O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria!«. In der Erstausgabe der Volkslieder von 1778/79 steht der Text noch nicht. Aber in seiner Zeitschrift »Adrastea« zitierte Herder 1803 in einem Aufsatz über Georg Friedrich Händel und Kirchengesänge »das kleine Lied an die heilige Jungfrau Maria, das ein Reisender von sizilianischen Fischern auf offenem Meer singen hörte. Die Melodie ist äußerst sanft und einfach.« Johannes von Müller nahm den Text aus Herders Nachlass 1807 in die Neuausgabe der Volkslieder unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern« mit 23 weiteren Liedern auf, die Herder in seine Sammelmappe gelegt hatte. Sein Tod am 18. Dezember 1803 hatte ihn gehindert, die erweiterte Neuauflage herauszubringen. Das wollte sein ältester Sohn, der Arzt Gottfried Herder, tun, »vertraut mit des Vaters Gedanken«. Da aber der Hofmedikus, der den Vater behandelt hatte, am 11. Mai 1806 plötzlich starb, übernahm Johannes von Müller die erweiterte Neuausgabe. Bei dem Marienlied setzte er in einer Anmerkung hinzu: »Als schönste Probe italienischer Volkslieder steht hier, statt vieler, das sizilianische Fischerlied mit seiner einfachen sanften Melodie im Original und einer hierzu sangbaren Übersetzung.«

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Der Schriftsteller Johann Daniel Falk (1768–1826), der seit 1797 in Weimar lebte und oft im Herderhaus war, gab 1825 selber eine Neuausgabe der Volksliedersammlung heraus. Sein einleitendes Vorwort lässt erkennen, wie vertraut er mit Herders Gedanken war.

Den Text zu dem bekannten Weihnachtslied schrieb Falk, als er sich in der Adventszeit 1815 überlegte, wie er mit den vielen Kriegswaisen, die er bei den Handwerkern durch die »Gesellschaft der Freunde in der Not« seit 1813 ausbilden ließ, Weihnachten feiern könnte. Bei dem Aufruf zur Freude nahm der Verehrer Goethes Worte aus dessen Singspiel »Claudine von Villa Bella« (1776) auf, die der Chor mehrfach wiederholt: »Fröhlicher, seliger, herrlicher Tag!« 1816 gehörte das »Dreifeiertagslied« zu den Pflichtliedern, welche die Besucher der Sonntagsschule, die Falk mit dem Stiftsprediger Horn und jungen Pädagogen aus Herders Lehrerseminar hielt, auswendig können mussten. Bei den »Singakademien«, die Falk als Werbekonzerte für sein Jugendhilfswerk durchführte, wurde der erste Vers des Liedes gesungen, wenn die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorgetragen war: »Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich, o Christenheit!«

Nach der Rezitierung der Auferstehungsgeschichte wurde in der 2. Strophe die fröhliche, gnadenbringende Osterzeit gepriesen: »Welt lag in Banden, Christ ist erstanden!« Und nach dem Vortrag der Pfingstgeschichte wurde die Freude über Gottes Tat besungen: »Christ, unser Meister, heiligt die Geister!« Die bei uns gesungenen 2. und 3. Verse stammen von Falks Schüler Heinrich Holzschuher, der 1829 nach Falks Weimarer Vorbild in Bayreuth ein Waisenhaus mit Ausbildung für die Jugendlichen einrichtete.

Das Beispiel Falks nahm in Hamburg Johann Hinrich Wichern auf, als er 1833 das »Rauhe Haus« einrichtete: Die dort ausgebildeten Diakone verbreiten auch Falks Lied von der fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit an allen Orten, wo sie wirkten. Falk beherzigte in seinem »Lutherhof« durch sein sozialpädagogisches Werk, was Herder in seiner Schrift »Vom Geist des Christentums« 1798 gefordert hatte: Des Teils der Menschheit muss man sich annehmen, dessen sich niemand annimmt: das Verwahrloste zurechtbringen, das Irrende aufsuchen, das Kranke heilen.«

Herbert von Hintzenstern

(Aus: »Palmbaum«, 1994, Seite 71–73)

Urfassung des »Allerdreifeiertagsliedes«
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:
Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ, unser Meister, heiligt die Geister:
Freue, freue dich, Christenheit!

Vorfreude, schönste Freude

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4 und 5

Erwartungsvolle Blicke aus dem Fenster, zur Uhr und wieder aus dem Fenster. Bald müsste er kommen – der Besuch. Es kann nicht mehr lange dauern. Wie wird er jetzt aussehen? Wie wird es sein, wenn sie sich wieder sehen? Nochmal ein Blick auf die Uhr, ein Seufzen. Warten ist unerträglich, die Zeit unendlich.

Und doch setzt das Warten außerordentlich positive Energie frei: Die Wohnung ist blitzsauber, der Kuchen frisch gebacken. Der duftende Kaffee steht schon auf dem Tisch. Die Tür steht offen. Es ist ein Gefühl zwischen Spannung und Bauchkribbeln – so wie in Kindertagen am Heiligen Abend, kurz bevor ein Glöckchen zum Betreten des Weihnachtszimmers einlädt.

Die Freude, von der Paulus spricht, lässt sich für mich in etwa mit diesen Bildern vergleichen. Sie geht aber noch ein ganzes Stück tiefer. Diese Freude kann man nicht befehlen, auch wenn die Worte des Apostels sehr vehement klingen. Ich kann sie nicht erzwingen. Freude passiert einfach, wird geschenkt. Es ist kein Lächeln auf Knopfdruck, sondern eine Freude, die mich im Ganzen einnimmt. Sie bewegt mich im Innersten und bestimmt meine Haltung zum Leben. Dem kann ich mich versperren. Oder ich lasse es zu und vertraue auf sein Versprechen.

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Er hat versprochen, nahe zu sein. Das macht mich froh und gibt mir Mut für den Augenblick. Er hat versprochen wieder zu kommen. Das hilft mir, das Leben und meine Zukunft fröhlich anzunehmen, genau so wie es ist und wie es einmal sein wird. Es liegt in seiner Hand.

Und was ist meine Aufgabe dabei? Ich bereite mich vor und summe das Lied: »Vorfreude, schönste Freude«. Ich halte ihm die Tür auf, damit er Raum in meinem Leben bekommt. Damit aus Vorfreude Freude wird, die tiefer geht und die mich ausfüllt. Mal steht die Tür ganz weit offen, mal wage ich es nur, sie einen Spalt aufzumachen. Aber ich kann mir sicher sein, dass er geduldig wartet – auch vor verschlossener Tür.

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Das große Geschenk

19. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Ein Kind kommt in die Welt – und es ändert sich alles. Was in diesen Tagen nach Weihnachten klingt, ist eine Erfahrung, die so ziemlich alle machen, wenn sie zum ersten Mal Eltern werden. Nicht auszuschließen, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Verletzlichkeit des Lebens auf diese Weise neu begegnet ist. Zur Geburt des ersten Kindes schrieb der stolze Vater einen Brief an Tochter Max, der freilich mehr ein offener Brief an die Weltöffentlichkeit war. 99 Prozent seines derzeit auf 45 Milliarden Dollar taxierten Vermögens will Zuckerberg weltweit wohltätigen Zwecken zuführen. Gesundheit, Bildung und Internetzugang sollen dabei im Mittelpunkt stehen.

In Deutschland erntete Zuckerberg dafür alles andere als positive Reaktionen. Und es stimmt: Philanthropie kann keine Alternative zum Sozialstaat sein. Wenn sich das Vermögen ihrer Eltern irgendwann nur noch auf 400 Millionen Dollar beläuft, wird die kleine Max trotzdem materiell sorgenfrei aufwachsen.

Deutschland tut sich schwer mit der philanthropischen Tradition der USA – könnte hier aber durchaus etwas lernen. Vorbild ist der Stahl-Tycoon Andrew Carnegie, der in seinem Essay »Das Wohlstands-Evangelium« 1889 schrieb, wer superreich sterbe, sterbe in Schande.

SAP-Mitgründer Hasso Plattner beteiligte sich 2013 als erster deutscher Milliardär bei »The Giving Pledge«, einen Teil seines Vermögens zu stiften. Er blieb bisher allein. »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« So heißt es im Grundgesetz. In Vermögen steckt das Vermögen, etwas zu verändern. Und das bedeutet Verantwortung. Darüber sollten wir auch in Deutschland sprechen.

Markus Springer

Drei Murmeln für den Bischof

14. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Neuwahl: Die einzigen Kinderbischöfe in Mitteldeutschland

Im festlich dekorierten Raum des Pfarramts in Magdala flackert unruhig eine Kerze. Ganz offenbar wollte sie es den anwesenden Kindern, allesamt ehemalige und derzeit amtierende Kinderbischöfe, gleichtun. Altbischof Roland Hoffmann hatte sich angekündigt, in Amtstracht und mit der auffälligen goldenen Amtskette. Das Kreuz glänzte im Lichtschein. »Das ist cool, ein richtiger Bischof«, meinten die Kinder.

Der Bann war rasch gebrochen, denn in gemütlich-aufgeschlossener Runde dankte der Altbischof den Kindern, die mit dem tollen Ehrenamt und den großartigen, vorzeigbaren Ergebnissen besondere Anerkennung verdienen.

Pfarrerin Jeannette Lorenz-Büttner, die seit einem halben Jahr in Magdala aktiv ist, moderierte die Runde und konnte eine wunderbare Brücke von der Geschichte in die Gegenwart schlagen. Gut vorbereitet hatte sie den Kindern Gelegenheit gegeben, Fragen an Roland Hoffmann auf einen Zettel zu schreiben. Es war aber schon so »familiär«, dass die Fragen nur so sprudelten. Wie kam der Bischof zum Glauben und was würde er heute Gott fragen. Was hat ein Bischof zu tun und wie kann der Bischof in den Kirchgemeinden eine Gemeinschaft formen. Bevor der Altbischof zu den ehrenamtlichen Amtsbrüdern und -schwestern redete, durften die Kinder erst einmal über die eigene Arbeit sprechen.

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Emma und Matthea aus Magdala waren nämlich im Jahre 2014 Kinderbischöfe und berichteten über die Spendensammlung für krebskranke Kinder, wie sie vordem Spendendosen gebastelt und den Verkauf von Popcorn organisiert haben. Lina, gerade 8 Jahre, auch aus Magdala, ist eine der drei amtierenden Kinderbischöfe und ist noch immer stolz, das Band für den neuen Kinderspielplatz der Kirchengemeinde im Pfarrgarten durchschnitten zu haben. Die jungen Würdenträger finden Gehör, werden vom Stadtrat eingeladen und einbezogen in aller Öffentlichkeit.

Die 13-jährige Lara aus Ottstedt war bereits zwei Mal im Amt und plauderte frisch über die gesammelte Spende für Afrika. Arne, schon 14, war wiederholt im »Amt«, hörte aufmerksam zu, was Clara, 8 Jahre, aus der Kinderbischofszeit 2014 zu berichten hatte. Überhaupt zeigten sie alle mit Stolz, wie sie dabei sind, auch den Martinstag gestalteten und weiter sich für die kleinen und großen Sorgen einsetzen wollen – etwa dass in Magdala an einer gefährlichen Stelle eine Begrenzung der Geschwindigkeit gut wäre.

Dann war Altbischof Hoffmann an der Reihe, über sein langes und nicht einfaches Leben zu berichten. Behinderungen beim Studium, keine NVA, als Feind eingestuft und dennoch kein Revoluzzer, wie Hoffmann bekannte. Theologiestudium, Pfarrer, Oberkirchenrat und schließlich 10 Jahre Bischof in Thüringen bis 2001. Jetzt befindet er sich im Unruhezustand, predigt da und dort, hilft, ist bei Kirchenweihen unterwegs und kommt, wenn gewünscht, auch nach Magdala. Er musste auch über seinen Herzinfarkt sprechen und wollte damit sagen, dass im fortwährenden Dienst am Menschen auch an die eigene Gesundheit gedacht werden muss.

Die kurzweilige Lebensdarstellung beeindruckte die Kinder, die schon wieder Fragen hatten – nach der Amtskleidung, dem Hirtenstab, der Lutherweste und eben dem beeindruckenden goldenen Kreuz.

Noch immer flackerte die Kerze auf dem Adventskranz und es wurde Zeit, die Kinderschar mit dem Ehrengast ins rechte Bild zurücken. Die amtierenden Kinderbischöfe kleiden sich rasch an. Umhang und Mitra machen aus den Mädchen kleine Bischöfinnen. Für Lina wird es wohl nicht das letzte Mal sein, denn sie stellt sich wieder der Wahl – eine kleine Lektion in Demokratie.

Getreu der Jahreslosung »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob« wünschte Roland Hoffmann ein gutes Miteinander und empfahl, einen Baum nach der Wahl zu pflanzen. Die fand dann passend am Nikolaustag in der Ottstedter St. Nikolauskirche statt. Vor jedem Kandidaten stand ein Glas; mittels drei Murmeln konnten die Stimmen verteilt werden. Für ein Jahr haben nun Anna-Paulina Zorn, Clara Boroniec und Lena Zahl den Bischofshut auf. Am 10. Januar werden die neuen Kinderbischöfe im Gottesdienst eingesegnet.

Nicht nur die erste Kinderbischofskonferenz in Magdala ist einmalig, in Deutschland gibt es insgesamt nur drei Kirchengemeinden, die überhaupt Kinderbischöfe wählen. Die Wahl des Kinderbischofs geht auf eine alte Tradition in den mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen sowie Kirchen mit dem Patrozinium des Heiligen Nikolaus zurück. Im 16. Jahrhundert geriet die Tradition mit der Reformation in Vergessenheit, da die Heiligenverehrung in den Hintergrund trat. Die letzten Spuren finden sich 1634 in Jena.

Hartwig Mähler

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