Tschernobyl ist allgegenwärtig

7. Juli 2015 von redaktionguh  
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Die Katastrophe ist bei uns fast vergessen, aber bis heute leiden die Menschen

Ein trauriges Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Am 26. April 2016 jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe zum 30. Mal. Dann wird das Ereignis für einige Wochen ins Gedächtnis zurückgerufen und von den Medien aufgegriffen werden. Ansonsten spricht kaum noch jemand über den atomaren Super-GAU in der ehemaligen Sowjetunion. Wie viele Todesfälle es bis heute gegeben hat, vermag niemand genau zu sagen. Die Zahlen sind widersprüchlich und werden bewusst heruntergespielt. Nur die Menschen vor Ort wissen, wie die Realität aussieht. Noch immer ist Tschernobyl in der ukrainisch-weißrussischen Grenzregion allgegenwärtig. Täglich sterben Menschen an den Spätfolgen, darunter viele Kinder.

Fröhlich winken die Kinder in die Kamera. Ihre Krankheit sieht man ihnen nicht an. In der Mitte der letzten Reihe: Gabriele Kirmse Foto: Ilka Jost

Fröhlich winken die Kinder in die Kamera. Ihre Krankheit sieht man ihnen nicht an. In der Mitte der letzten Reihe: Gabriele Kirmse Foto: Ilka Jost

In Deutschland unterstützen Hilfsorganisationen die Betroffenen. Auch im Kirchenkreis Altenburger Land existiert eine Initiative zur »Belarus-Hilfe«. Durch Spenden und unter Trägerschaft des evangelischen Magdalenenstifts wird jedes Jahr ein 14-tägiger Erholungsurlaub für 20 schwerkranke Kinder aus dem Großraum Minsk ermöglicht. Die weißrussischen Gäste werden von der Organisation »Pol der Hoffnung« nach Krankheitsgrad ausgewählt. Sie leiden an Leukämie, Schilddrüsenkrebs oder Augenkrankheiten.

Gabriele Kirmse aus Prehlitz bei Zeitz hat die Privatinitiative vor 15 Jahren ins Leben gerufen. Aufopferungsvoll kümmert sich die 67-Jährige evangelische Christin um die Mädchen und Jungen, die ihr jedes Mal ans Herz wachsen. »Zum Abschied fließen viele Tränen, und ich brauche Monate, um alles zu verarbeiten. Schließlich verbirgt sich hinter jedem Kind ein Einzelschicksal. Man sieht ihnen nicht an, wie krank sie sind. Doch der Schein trügt. Niemand weiß, wie lange sie noch leben. Der Tod kommt oft plötzlich, weil die Strahlung von innen den Körper zerstört«, berichtet Kirmse. Durch den Aufenthalt in sauberer Luft, mit gesundem Essen und vielfältigen Aktivitäten bessere sich zwar der Allgemeinzustand und das Immunsystem werde gestärkt. Eine Heilung sei jedoch nicht möglich. Während des Urlaubs werden freundschaftliche Bande geknüpft, die oft plötzlich auseinandergerissen werden. Nicht nur viele der Kinder, auch einige Lehrerinnen, die gleichzeitig als Dolmetscherinnen arbeiteten, leben nicht mehr. Einmal verstarb ein Kind während des Erholungsurlaubs. »Das war hart«, so Gabriele Kirmse. Nie vergessen wird sie den 18-jährigen Jungen, dem mit einer Ballonfahrt ein Traum erfüllt wurde. »Kurz nach der Rückkehr in die Heimat erreichte uns die Nachricht von seinem Tod. Er hatte nur noch ein Bein, als er zu uns kam. Als ihm dann das zweite auch noch amputiert werden musste, hat er das nicht überlebt«, sagt sie und ringt um Fassung. In vielen Fällen erfahre man gar nicht, wenn jemand gestorben ist, denn oft handele es sich um Waisenkinder ohne Angehörige.

Viele der jungen Gäste kommen aus der Region Homel, die besonders schwer von der Reaktorkatastrophe betroffen ist. Oder aus dem 2 000-Einwohner-Ort Petrischki, wo sich ein enger Kontakt zur Schule entwickelt hat. Gabriele Kirmse kennt die Situation. Mit ihrem Ehemann und weiteren Helfern hat sie sich ein Bild von Weißrussland gemacht. Inzwischen war sie fünfmal im Großraum Minsk, kaum 200 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Die 1 600 Kilometer lange Fahrt mit dem Auto ist jedes Mal eine große Strapaze, welche die Familie auf sich nimmt, ohne Zwischenübernachtung. »Wir wollen so schnell und sicher wie möglich ans Ziel kommen. Jedes Mal haben wir Hilfsgüter dabei, die an der Grenze genau unter die Lupe genommen werden. Die Wartezeit und die Abfertigung dauern bis zu einem halben Tag, und Korruption ist an der Tagesordnung. Wir müssen hohe Zollgebühren zahlen, die nicht gerechtfertigt sind.« Eine Infrastruktur gebe es auf dem Lande nicht, keine befestigten Straßen und in den kleineren Ortschaften Tage ohne Strom. Umso liebevoller und gastfreundlicher seien die Menschen, bei denen die Helfer herzlich aufgenommen werden.

Noch immer sind Luft und Boden strahlenbelastet. Die Einheimischen leben fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Sie nehmen die Radioaktivität täglich mit der Nahrung auf. »Das alles wird von der Politik heruntergespielt und vertuscht. Wir wissen aus erster Hand, wie die Realität aussieht und dass es noch Hunderte Jahre dauern wird, bis die Radioaktivität in einen unbedenklichen Zustand gesunken ist«, nennt Gabriele Kirmse die Tatsachen.

Ilka Jost

Auf Spurensuche und in vorurteilsfreier Gemeinschaft

25. August 2014 von redaktionguh  
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Fünftes internationales Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Bernburg

In fröhlicher Runde sitzen die Teilnehmer des fünften Sommerlagers der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) am 14. August am Ufer der Saale beim Abendessen. Da liegen rund zehn Tage gemeinsamer Arbeit und Spurensuche hinter dem internationalen Team. Diesen Tag verbrachten sie in Magdeburg, wo sie an einem Geocaching der »Zeitreise-Manufaktur« teilnahmen. Anhand GPS-geführten und themenorientierten Suchens nach historischen Orten und aktuellen Sehenswürdigkeiten erschloss sich die ASF-Gruppe die Stadt und ihre Geschichte. Mit großer Begeisterung berichten sie am Abend über ihre Erlebnisse. In Halle hatten sie in der Woche zuvor die jüdische Gemeinde und die Synagoge besucht. Hier erfuhren sie aus erster Hand etwas über die Bedeutung und Tradition jüdischer Friedhöfe. Wie in den Jahren zuvor verbrachte das ASF-Team auch 2014 viele Stunden auf dem jüdischen Friedhof in Bernburg, um bei dessen Pflege und Erhalt zu helfen. Das war immer ein Schwerpunkt der Arbeit in Bernburg.

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Während die Gruppenleiterinnen Anne Rothärmel (Deutschland) und Hanna Lichtenwagner (Österreich) bereits zum wiederholten Male im Sommerlager in Bernburg weilten, waren die vier Teilnehmerinnen aus Weißrussland zum ersten Mal in Deutschland. Zu Hause studieren sie deutsche Literatur und Kultur. Sie erhofften sich von der Tour vor allem auch eine Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse. Aus Meran in Südtirol war Laurin in die Saalestadt gereist. Er hat das Down-Syndrom und erhoffte sich eine gute und vor allem vorurteilsfreie Gemeinschaft. Denn bekannt ist die ASF auch für ihr Bestreben nach Inklusion, das heißt, dass besonderer Wert auf die Integration von Menschen mit verschiedensten Einschränkungen gelegt wird.

Die jährlichen 20 bis 25 europäischen Workcamps sind ein fester Bestandteil der Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. In den internationalen Sommerlagern leben und arbeiten Menschen im Alter von 16 bis 99 Jahren zusammen, um die Geschichte und die aktuelle Situation der verschiedenen Projektorte kennenzulernen. Gärtnern, Bauen und Archivieren sind nur Beispiele für die unterschiedlichen Tätigkeiten, die Teil der Sommerlager sind. Auf die Teams warten auch Arbeiten, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Projektpartner orientieren.

In Bernburg ist das neben dem jüdischen Friedhof vor allem die Gedenkstätte für die Opfer der NS-«Euthanasie«, die sich in den Kellerräumen der ehemaligen NS-Tötungsanstalt befindet, in der mehr als 14 000 Menschen ermordet wurden. An diese Last der Geschichte zu erinnern, um daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen, ist ein Ziel der Aktion.

In diesem Jahr gab es für die Besucher zum ersten Mal intensivere Begegnungen mit den Bernburgern selbst. So besuchte das Team einen Gottesdienst, stellte dort sein Projekt vor und lud danach zum Brunch mit internationalen Spezialitäten ein. Auch das Medieninteresse war diesmal besonders hoch. Neben Interviews für Zeitungen und einem Radiosender wurde ein kleiner Film gedreht. Bei dem vom Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe ausgelobten »mitMenschPreis« kam die Gruppe nämlich unter die fünf besten Bewerber und gewann einen Imagefilm. Ein Kameramann begleitete sie mehrere Tage. Das Material über ihr gemeinsames Leben und Arbeiten wird er zu einem kleinen Film zusammenschneiden.

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist für die ASF Motiv und Verpflichtung für das Handeln heute. Sie will für die Folgen, die bis in unserer Gegenwart reichen, sensibilisieren und den aktuellen Formen von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten entgegentreten. Möglichst viel Öffentlichkeit kann deshalb hier nur von Vorteil sein.

Petra Franke