Friede statt Sicherheit
26. August 2010 von redaktionguh
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»Christus ist unser Friede«, heißt es in der Bibel. Doch wo bleibt heute die Deutlichkeit des kirchlichen Friedenszeugnisses?
»Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.« (Dietrich Bonhoeffer, 1934) Dieses uneingeschränkte »Wort vom Frieden« als die klare Botschaft der Kirchen steht noch immer aus.
Weltfriedenstag: Die Kirche muss sich wieder stärker friedensethischen Fragen zuwenden.

Foto: epd-bild
Es ist aufgegriffen worden 1985 im konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Verpflichtung zu diesem konziliaren Prozess ist in die Verfassung der mitteldeutschen Kirche (EKM) aufgenommen worden. Und das ist gut so! Aber wie kommt der geschriebene Buchstabe in die lebendige Wirkkraft durch die Kirche? Es ist still geworden um diesen Prozess.
Der »Hausener Friedenskreis«, der Friedensgruppen innerhalb und außerhalb der EKM sammelt, ist mehr eine Ausnahme. Auch gibt es einzelne, mutige Stimmen. Aber wir brauchen mehr von ihnen. Wir brauchen den Geist von Wittenberg, in dem das Schwert zum Pflug geschmiedet wurde – in aller Öffentlichkeit. Es steht viel geschrieben zum gerechten Frieden. Es gibt umfassendes Argumentationsmaterial, dass Krieg die ultima ratio ist, um die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Aber es gibt keine ultima ratio, es wird immer eine ultima irratio sein. Friede wird nicht durch Sicherheit erlangt. »Denn Friede muss gewagt werden. (…) Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott, sie werden auch da noch gewonnen, wo der Weg zum Kreuz führt.« (D. Bonhoeffer)
Der als Symbol in die Friedensarbeit der Kirche eingegangene Text Micha 4 erzählt davon: Erst Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, dann wird Sicherheit unter dem Feigenbaum sein. Was bringt uns als Kirche dazu, militärpolitischen Verlautbarungen mehr zu trauen als der biblischen Friedensvision? Woran soll Kirche erkannt werden, wenn nicht daran, dass sie diese Verheißungen immer wieder neu zu leben versucht? Wir sind vor 20 Jahren Zeugen geworden, dass gerade diese Verheißung politische Dimension angenommen hat und zu gesellschaftlicher Veränderung führte. Was sich einmal ereignete, kann sich immer wiederholen, auch in Afghanistan.
Infolge der biblischen Verheißung, die ja auch das Verlernen des Kriegshandwerkes einschließt, kann evangelische Friedensethik heute nur Bonhoeffer folgen: im Namen Christi jedem Sohn und jeder Tochter die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei ist sekundär, ob die Waffen innerhalb einer Berufsarmee oder im Rahmen der Wehrpflicht ausgegeben werden. Friede kann nur durch Friede und Entfeindung vorbereitet werden, niemals um vermeintliche Sicherheiten zu verteidigen. Demzufolge wird Kirche nicht noch einmal Soldaten segnen. Es steht nicht geschrieben: Wenn es dein Land fordert, dann töte und lass’ dich töten. Es steht nur geschrieben: Du sollst nicht töten. Weniger ist mehr, ist alles.
Der größte Einbruch in die friedensethische Position unserer Kirche war die Übernahme des Militärseelsorgevertrages, der Pfarrer zu Militärbeamten macht, die junge Menschen betend in den Krieg begleiten, statt sie zur Umkehr zum Leben, in das Haus ihrer Familie und aus den Stiefeln in die Sandalen zu ermutigen. Ich halte eben dies für den biblisch begründeten Auftrag eines Seelsorgers an Soldaten. »Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.« (Jes 9)
»Als feindliche Schüsse dröhnten, erhielt ich den Befehl, die Abschüsse zu orten. Auf die Kompassangabe hin schlugen wir zu. Doch wir trafen keine Aufständischen, sondern ein kleines Dorf. Es wurde ausgelöscht.« Afghanistan 2008.
Am 21. November 2009 hat die EKM-Synode einen Beschluss gefasst, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, »die deutschen Truppen so bald wie möglich aus Afghanistan zurückzuziehen«. Das ist weit weniger als die meisten Politiker und Experten schon längst fordern. Wo ist die Deutlichkeit des Friedensauftrages in unserer Kirche geblieben, wenn die Formulierung »noch in dieser Legislaturperiode« aus besagtem Beschluss herausgenommen werden musste? Wovor haben wir Angst?
»Christus ist unser Friede.« Wer seinen Bruder, welcher Nation, Religion auch immer, mit der Waffe bedroht, bedroht Christus. Wer ihn tötet – auch aus »Versehen« oder im »falschen Krieg« –, tötet Christus. Er spricht zu uns: »Selig sind die Friedensstifter.« Das eine Wort, unter dem sich die Welt verändern wird, das sie aufmerken und umkehren lässt, dieses Wort steht immer noch aus. Wir werden als Kirche gut daran tun, uns an dieses Wort »Friede statt Sicherheit« heranzuwagen.
Elfriede Begrich
Die Autorin war Pröpstin in Erfurt.






