Vergeben, nicht vergessen

29. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das Alter sieht man ihm nicht an. Mit fast 90 Jahren ist Altbischof Dr. Werner Leich noch unglaublich fit und agil. Geistig rege und aufmerksam stellte er sich über eine Stunde den Fragen der Kirchenzeitungs-Redakteure. Er behauptete zwar, dass er sich danach wie eine ausgepresste Zitrone fühlte, aber anzumerken war ihm das nicht.

Ausführlich äußerte er sich zum Thema Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Er, dem der verlängerte, kriminelle Arm des Staates, die Stasi, nach dem Leben trachtete, findet, dass es Zeit sei, einen Schlussstrich zu ziehen. 25 Jahre seien eine lange Zeit, die Akteure alt und die geschichtliche Aufarbeitung bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in guten
Händen. Außerdem sei er nicht nachtragend und lebe als Christ selbst von der Vergebung. »Vergeben ja, vergessen nicht«, meint Leich.

Das finde ich wichtig zu betonen. Damit nicht im Nachhinein aus Tätern Opfer und Opfer zu Tätern gemacht werden. So wie es der geschasste Berliner Staatssekretär Andrej Holm mit seiner »Biografie mit Widersprüchen« versuchte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die friedliche Revolution ein Gottesgeschenk war und mutige DDR-Bürger zunächst in die Kirche und dann auf die Straße gegangen sind. Die Deutungshoheit darf darum nicht den Tätern überlassen werden.

Der Altbischof betonte, dass auch die heutige Generation aus der Geschichte lernen sollte. Dazu braucht es die öffentliche Auseinandersetzung. Ich bin dankbar für die Stimme der Zeitzeugen oder die Arbeitsgruppe Aufarbeitung und Versöhnung in der EKM. Was an uns ist, so wollen wir als Kirchenzeitung weiterhin dafür ein Podium bieten.

Willi Wild


Anmerkung:
Altbischof Leich wird an seinem Geburtstag nicht zu Hause sein. Er freut sich aber über schriftliche Glückwünsche und Gratulationen.

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

Frommer Glückskeks

8. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf vor 280 Jahren »Die Parole für den Tag« an seine Gemeinde in Herrnhut ausgab, ahnte er vermutlich nicht, dass sich daraus ein Bestseller entwickeln würde. »Die Losungen« sind heute auf der ganzen Welt verbreitet und in über 50 Sprachen erhältlich. Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hat sie auf dem Handy und Schlichter Matthias Platzeck las 2015 vor jeder Runde mit Bahn und Gewerkschaft den Verhandlungspartnern aus dem blauen Büchlein vor. Für einige haben sie den Status eines frommen, chinesischen Glückskekses, für andere sind sie, wozu sie gedacht waren: »Fortgesetzte Gespräche des Heilands mit der Gemeinde« (Zinzendorf).

Die Ziehung der Tageslosung geschieht im kleinen Saal des Herrnhuter »Vogtshofes«. Aus rund 1 100 nummerierten Kärtchen werden hier immer im Frühjahr die alttestamentlichen Bibelverse gezogen.

Die Jahreslosung kommt indes nicht aus der Oberlausitz. Sie wird, wie auch die Monatssprüche, von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) festgelegt. Vertreter von Kirchenverbänden bestimmen in einem Wahlverfahren die Jahreslosungen und Monatssprüche vier Jahre im Voraus. Die aktuelle Situation spielt deshalb bei der Auswahl keine Rolle. Trotzdem passt die Jahreslosung für 2017 zum Reformationsgedenken.

Um die Verwirrung komplett zu machen: Der Wochenspruch, der unserem »Wort zur Woche« zugrunde liegt, hat weder mit der ÖAB noch mit Herrnhut etwas zu tun. Er ist in der sogenannten Perikopenordnung für die Predigttexte in der evangelischen Kirche festgelegt. Nachzulesen im Evangelischen Kirchengesangbuch.

Der Ordnung halber und von Herzen: Ein gesegnetes neues Jahr!

Willi Wild

Das Christusbild in der Kunst

6. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

»Diese Ausstellung hätten viele gerne zum Reformationsjubiläum gehabt«, freut sich Hans Jürgen Giese.

Der umtriebige Geschäftsführer vom Kunsthaus Apolda Avantgarde ist stolz, dass es ihm gelungen ist, die begehrten druckgrafischen Arbeiten aus der Sammlung der Stiftung Christliche Kunst der Lutherstadt Wittenberg gleich zu Beginn des Reformationsjahres zeigen zu können.

130 der mehr als 400 Werke umfassenden Sammlung des Stifterehepaars Gisela Meister-Scheufelen und Ulrich Scheufelen sind vom 15. Januar bis 26. März in Apolda zu sehen, darunter Arbeiten von Gauguin, Corinth, Beckmann, Rouault, Dix, Beuys, Rauschenberg oder Haring.

Die Ausstellung biete damit einen umfassenden und variationsreichen Überblick über das Christusbild in der Kunst der letzten 140 Jahre, so Tom Beege, der zusammen mit Andrea Fromm die Ausstellung kuratiert. Die Grafiksammlung zu religiösen Themen mit Arbeiten international bedeutender Künstler des späten 19. Jahrhunderts bis in das 21. Jahrhundert hinein scheint ein Herzensanliegen des baden-württembergischen Stifters und Papierfabrikanten Scheufelen zu sein. »Jesus ist in all seinen Facetten Vorbild für mich«, erklärt er in der Zeitung »Die Welt«. Luther ist eine seiner Lieblingsfiguren.

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Keith Haring, Untitled, 1982. Foto: Keith Haring Foundation

Das würde Hans Jürgen Giese so nicht behaupten. Doch seit der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« mit Exponaten der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin ist er begeistert von der Vielfalt religiöser Motive im Expressionismus. Auch wenn die meisten Künstler, deren Werke bei »Jesus Reloaded« ausgestellt sind, nicht zu Gläubigen im traditionellen Sinne zählen, regen sie Christen wie Nichtchristen gleichermaßen an, sich mit der Figur des Jesus von Nazareth zu beschäftigen.

Der Kirchenkreis Apolda-Buttstädt und die Kirchengemeinde in Apolda bringen sich in Begleitveranstaltungen ein. Dabei soll eine Verbindung zwischen der künstlerischen und der christlichen Botschaft hergestellt werden. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist nicht nur Schirmherrin der Ausstellung, sondern wird über den Impressionisten Lovis Corinth und sein Werk »Kreuztragung« sprechen. Als Kirchenzeitung präsentieren wir drei Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung. »Wort zur Woche«-Autor Alf Christophersen, der stellvertretende Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und Studienleiter für Theologie, Politik und Kultur, widmet sich den Inkarnationsprozessen – Mensch und Gott bei Beckmann und Beuys.

Der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen, beleuchtet das Verhältnis der modernen Kunst zum Protestantismus. Mit dem Künstler Johannes Stüttgen kommt sogar ein Meisterschüler Joseph Beuys’ nach Apolda. Stüttgen, der bei Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt, katholische Theologie studierte, hat seinen Vortrag »Joseph Beuys und Jesus Christus« betitelt.

»Jesus Reloaded«, also Jesus und seine Botschaft zu aktualisieren, die Bibel in verständlichem Deutsch zu übersetzen, darum ging es vor 500 Jahren, und das ist eine Chance im Reformationsjahr 2017. Auch die Jahreslosung könnte man dahingehend auslegen. Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Die Erneuerung von Herz und Sinn ist sowohl Wesen der Kunst als auch des Glaubens.

An öffentlicher Akzeptanz fehlt es mitunter beiden Seiten. In dem Gemälde »Der gelbe Christus« von 1889 malt sich Paul Gauguin selbst als Gekreuzigten. Er hatte das Gefühl, dass die Menschen seine Kunst, ebenso wie die Heilsbotschaft des gekreuzigten Christus, ablehnten.

Apolda steht in diesem Jahr mit einem weiteren Ereignis im Blickpunkt. Die Glockenstadt richtet die vierte Landesgartenschau in Thüringen aus. Neben dem Thüringentag und dem Weltglockengeläut wird »Gottes Gartenhaus« auf dem Landesgartenschaugelände in der Herressener Promenade ein Anziehungspunkt sein.

Vom 29. April bis 24. September präsentieren sich am Ufer des Friedensteichs die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und andere kirchliche Gruppen mit einem überkonfessionellen Angebot.

Willi Wild

www.kunsthausapolda.de

Wo ist Gott?

25. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Weihnachtsfrieden in Zeiten des Terrors

Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Vorbei die Besinnlichkeit bei Lebkuchen und Kerzenschein, der unbekümmerte Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, die heitere Gelassenheit am Glühweinstand. Alles zerstört, aus den Träumen der Weihnachtsromantik gerissen. Menschen schreien vor Schmerzen, Blut klebt an zerstörten Buden. Blaulicht und Martinshorn statt Weihnachtsstern und »Stille Nacht«. Das »O du fröhliche« bleibt im Halse stecken und »Friede auf Erden« klingt wie Hohn, angesichts des Schreckens vor der Berliner Gedächtniskirche.

Diese Kirche ist selbst ein Mahnmal, ein Ort der Erinnerung an menschliche Grausamkeit, Krieg, Zerstörung und Leid. Die Inschrift der großen Glocke lautet: »Eure Städte sind mit Feuer verbrannt.« (Jesaja 1,7) »Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird kein Ende haben.« (Jesaja 51,6). Wo sind da, bitteschön, Gerechtigkeit und ewiges Heil?

Mitten hinein wird Jesus geboren, in eine Welt voll Hass und Unfrieden. Das war vor 2 000 Jahren nicht anders als heute. »Euch ist heute der Heiland geboren« – was bedeutet das für eine Gesellschaft, die mehrheitlich nichts mehr mit dem Anlass des Weihnachtsfestes anfangen kann? Wer oder was kann trösten, Ängste nehmen, Hoffnung geben? Das hilflose Kind in der Krippe? Der gekreuzigte Christus?

Mir hilft, dass Gott uns zusagt, nahe zu sein: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, heißt es in der Jahreslosung 2016. Er steht uns bei, leidet mit uns, teilt unsere Ängste, und er will uns Hoffnung geben. Das Jesus-Baby ist ein Bild dafür. Er legt die Zukunft in unsere Hände. Wir sollen dieses zarte Pflänzchen der Liebe Gottes unter uns aufnehmen.

Gewalt eben nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe beantworten. Nur so kann Frieden werden. Gibt es eine Alternative? Alleine schaffen wir das nicht, aber: Der Herr ist nahe! Dieses Versprechen gilt, und die Gewissheit wünsche ich uns allen zum Fest und im neuen Jahr.

Willi Wild

Henkelkirche

10. Dezember 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Neben die Kirche, so mein früherer Nachbar, gehöre im Dorf eine »Henkelkirche«. Er meinte damit die Dorfschenke für den sonntäglichen Frühschoppen. Einst ging man nach dem Gottesdienst dorthin, um die Predigt auszuwerten und die Neuigkeiten auszutauschen. Lang ist’s her.

Viele Henkelkirchen sind geschlossen oder haben schon lange keine Gottesdienstbesucher mehr gesehen. Regelmäßige Gottesdienste sind in kleinen Kirchengemeinden die Ausnahme. Nur Heiligabend, da ist alles anders. In jeder noch so kleinen Kirchengemeinde gibt es eine Christvesper oder, besser noch, ein Krippenspiel. Da ist das ganze Dorf, ob christlich sozialisiert oder nicht, auf den Beinen.

Ein Erlebnis der besonderen Art war für mich der Besuch eines Krippenspiels in einem kleinen Ort mit großem Kirchengebäude. Abgesehen von einer dem Anlass unangemessenen Geräuschkulisse wurden auf den Emporen hochprozentige Getränke durch die Reihen gegeben. Glühwein, Piccolo, Taschenrutscher – ein Sortiment an Hochprozentigem, das jedem Getränkestand auf dem Weihnachtsmarkt zur Ehre gereicht.

Der Gottesdienst? Nebensache. Ich bin irritiert. Nein, ich finde das unmöglich! Habe ich nur ein verklärtes Bild der romantisch-besinnlichen Christnacht? Warum zieht es so viele Menschen Heiligabend in die Kirche, wenn sie mit dem Geschehen so wenig anfangen können und wollen? Warum ist das Kind in der Krippe, wenn überhaupt, nur Beiwerk? Der Engel spricht: »Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.« Stimmt, von einer Auswahl des Publikums ist hier nicht die Rede. Wenn die große Freude allen gilt, sollte man da nicht froh sein, wenn alle kommen? Der Schlusssegen und »Stille Nacht« erreicht schließlich auch alle, ob sie wollen oder nicht. Selbst die auf der zweiten Empore.

Willi Wild

8 geben

26. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Das sieht auf den ersten Blick komisch aus: »Wir geben 8 aufs Wort«, so lautet der Slogan der Verwertungsgesellschaft Wort, die die Urheberrechte von Au­toren schützt. Achtgeben auf das geschriebene oder gesprochene Wort ist das eine, miteinander achtsam umgehen, vom anderen her denken, das andere.

Um scheinbar falsch verstandene Rücksichtnahme geht es auf unserer letzten Seite. Selten bekamen wir so viele Reaktionen auf ein Thema. Der Besuch deutscher Bischöfe auf dem Tempelberg in Jerusalem ohne ihr Bischofskreuz erhitzt die Gemüter. Fehlender Mut oder Achtsamkeit? Trotz der vielfach geäußerten Enttäuschung von der Kirchenleitung stelle ich bei den Leserbriefen einen achtsamen Umgang mit den Worten fest – im Gegensatz zu Kommentaren, die in sozialen Medien im Internet verbreitet werden.

Als Christen können und sollen wir lebhaft und kontrovers miteinander diskutieren. Jüngst erlebt, bei den Synodentagungen in Erfurt und Dessau-Roßlau. Nirgends lese ich in der Bibel, dass Christen einer Meinung sein müssen. Schon eher eines Sinnes. »Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander«, heißt es im Markus-Evangelium. Das ist die Spannung, in der wir leben. Kon­troversen respektvoll austragen, im Geist des Glaubens.

Menschen, die miteinander beten und Lieder singen, können in der Sache streiten, aber gehen meistens achtsam miteinander um. Unser Leserforum und die Herbsttagungen der Kirchenparlamente sind für mich beredte Beispiele zu unserem Adventsthema »Achtsamkeit«.

Und noch etwas gehört dazu: Landesbischöfin Ilse Junkermann begrüßt bei öffentlichen Anlässen die Anwesenden »unterschiedlicher Ehre, aber gleicher Würde«.

Bleiben Sie achtsam! Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit.

Willi Wild

Sternstunden

20. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

In unserm Staat sind alle gleich, doch d’Kirch ghört zum Himmelreich«, dichtete der bayerische Kabarettist Fredl Fesl. Daran wurde ich erinnert, als ich mir die Kundgebungen und Beschlüsse der EKD-Synode von Magdeburg durchlas.

Da ruft die »hohe Synode« die Menschen Europas auf: »Lasst euch keine Zäune und Mauern in Köpfe und Herzen setzen.« Allgemeinplätze zum Schwerpunktthema. Christen, so heißt es an anderer Stelle, seien nicht zur Judenmission berufen. Diese Erkenntnis galt gar als Sternstunde der Synode.

Da wurde eher der Ausgang der US-Präsidentenwahl kommentiert und mit Respekt und Bestürzung zur Kenntnis genommen, nicht aber die Tatsache, dass immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren. Stapelweise gab es Texte in Kirchensprache, die die Papiercontainer überquellen ließen. Auf der anderen Seite scheint es eine seltsame Sprachlosigkeit zu geben, wenn es um die alltagstaugliche Vermittlung von Glaubensinhalten geht.

EKD-Synodale halten im persönlichen Gespräch die Tagungen in Teilen für abgehoben und realitätsfern. Sie wähnten sich in einem Raumschiff. Ohne Zweifel ist es wichtig, dass sich Kirche Gedanken über Frieden, Aussöhnung und Gerechtigkeit in Europa macht. Aber wenn die Kundgebungen und Beschlüsse im Sitzungssaal bleiben und nicht die Kirchengemeinden vor Ort erreichen, dann stimmt etwas nicht.

Auch wenn man Synodia als Reisegesellschaft, Karawane oder Familie übersetzen kann, sollte sie nicht zuerst eine Gemeindeversammlung sein? Wie dankbar bin ich für unsere Landessynoden. Da geht es um geöffnete Kirchen, einen Gebetskalender, Gemeinde-Erprobungsräume oder das Sündenbekenntnis im Gottesdienst. Mit diesen Themen kann ich etwas anfangen.

Willi Wild

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Exklusive Postkarte

8. November 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Treffpunkt Kirchenzeitung beim Reformationsmarkt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 10. November, Luthers Geburts­tag, steigt auf dem Eisenacher Lutherplatz ein großes Fest. Zum Auftakt des Reformationsjahres im Freistaat Thüringen sind wir als Ihre Kirchenzeitung »Glaube + Heimat« zusammen mit der Deutschen Post mit einem Stand vor dem Lutherhaus vertreten. Zur Feier des Tages bringen wir 500 exklusive Postkarten mit Briefmarken, eigens für diesen Tag gestaltet, mit. Die Deutsche Post hat sogar einen Sonderstempel anfertigen lassen. Lieben Menschen können Sie so einen individuellen Gruß aus Eisenach zum Beginn des Reformationsjubiläums schicken, passend zum Motto »Am Anfang war das Wort«.

Die stilgerecht passende Briefmarke zur Postkarte von Deutscher Post und »Glaube + Heimat«

Die stilgerecht passende Briefmarke zur Postkarte von Deutscher Post und »Glaube + Heimat«

Die Postkarten und das Porto stellen die Deutsche Post kostenlos zur Verfügung. Wir bitten dafür um Spenden für ein Flüchtlingsprojekt des Lutherhauses sowie Lettern für Luthers Werkstatt.

Natürlich haben wir auch die aktuelle Ausgabe der Kirchenzeitung mit dabei und Sie können mit uns ins Gespräch kommen. Ich freue mich auf die Begegnung.

Ihr Willi Wild

nächste Seite »