Der grüne Herr Keßner

23. September 2018 von redaktionguh  
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Porträt: Den Besuchsdienst im Weimarer Klinikum teilen sich zehn Frauen und ein Mann. Rudolf Keßner ist seit einem Jahr begeistert bei der Sache. Das ist aber nicht sein einziges Ehrenamt.

Wer sich mit Rudolf Keßner verabredet, sollte Zeit einplanen. Der 68-Jährige schaut auf ein bewegtes Leben zurück und kann viel und interessant erzählen. Vor einem Jahr hat er seinen grafischen Betrieb in jüngere Hände gelegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass er nun seine Hände in den Schoß legt. Der gelernte Schriftsetzer hat sich neben seiner Arbeit eigentlich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Vor der Wende war er in der kirchlichen Friedensarbeit aktiv. Für die Kirchentage in Thüringen produzierte er viele Stempel mit der Aufschrift »Frieden schaffen ohne Waffen«. Natürlich war er mit seiner Haltung dem Staat ein Dorn im Auge. Die große Stasi-Akte zeugt davon. Weil er zu den Bausoldaten ging, wurde er während des Studiums exmatrikuliert. Eigentlich wollte der junge Mann mit den vielen Ideen Entwicklungsingenieur werden. Ein bisschen trauert er noch heute den verhinderten Berufschancen nach.

Seinen Kinderglauben, erfahren im christlichen Elternhaus und später vertieft im christlichen Internat der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich Rudolf Keßner bis heute bewahrt. Er sei behütet und weltoffen aufgewachsen. Durch die von Herrnhut ausgehende internationale Missionsarbeit lernt er früh Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennen. Auf der anderen Seite empfand er das Internat, das damals Kinderheim hieß, als eine beschützende »Käseglocke«, unter der sich der impulsive und kritische Geist gut entwickeln konnte.

Keßner nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund. 1968 schloss er sich als Austauschschüler in Prag dem Widerstand an. Mut und Zivilcourage hat er in der DDR und zur Wendezeit bewiesen. Das wird nicht zuletzt in der Anerkennung als Opfer des SED-Unrechtsregimes deutlich. Nach 1989 tritt er zunächst dem Neuen Forum bei.

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Ein logischer Schritt für den Bürgerrechtler. Später wechselt er zu Bündnis 90/Die Grünen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das sind auch seine Anliegen, in dieser Reihenfolge. Kessner ist mittlerweile der einzige Weimarer Stadtrat, der seit der Wende ununterbrochen dabei ist. Ein bezahltes politisches Amt war nie sein Ziel. Ehrenamtlich hat er damals die Arbeit für Körperbehinderte in der »Aktion Annerose« in Thüringen mit aufgebaut. Selbstverständlich hilft er in seiner Kirchengemeinde mit. Der Gottesdienstbesuch gehört dazu. Die Gemeinschaft ist ihm wichtig: »Mir würde etwas fehlen«, sagt Keßner.

Der Glaube trage ihn auch durch schwere Stunden. Vor 40 Jahren mussten Rudolf Keßner und seine Frau Katharina am 23. Dezember das zweite Kind kurz nach der Geburt zu Grabe tragen. »Können Sie sich vorstellen, wie uns zu Mute war, als im Weihnachtsgottesdienst ›Ihr Kinderlein kommet‹ gesungen wurde?« Die handgedruckte Geburtsanzeige war bereits versandt. Damals hat der Schriftsetzer schweren Herzens eine Trauerkarte gestaltet. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« stand darauf. Nein, es habe seinem Glauben nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ist sich Keßner sicher.

Auch wenn ihn die Trauer nach der langen Zeit immer mal wieder übermannt. Er habe aber so ein Urvertrauen und fühle sich behütet, wofür auch seine Kopfbedeckung stehe. Ohne Baskenmütze oder Rundkappe geht er nicht aus dem Haus. Das ist sein Markenzeichen. »Wenn ich nicht behütet bin, bekomme ich Kopfschmerzen.« Außerdem sei er, der Herr mit Hut, schließlich in Herrnhut aufgewachsen, schiebt Keßner verschmitzt hinterher.

Wie man den Lebensabschnitt bezeichnen soll, den Keßner vor einem Jahr begonnen hat, ist nicht ganz klar. Bei anderen heißt das Ruhestand. Er will, so scheint es, noch mal durchstarten. Beim Ambulanten Besuchs-, Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Johanniter Unfallhilfe (JUH) hat er einen Kurs besucht und sich zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Und, er ist der einzige Herr bei den »Grünen Damen« im Weimarer Sophien- und Huflandklinikum. Besuchsdienst, das wollte er eigentlich schon immer machen. Früher fehlte dazu die Zeit.

Aber jetzt geht er Dienstagvormittag mit dem Bücherwagen durch die Gänge der Krankenstationen. Kontaktschwierigkeiten hat Keßner nicht: »Ich kann auf Menschen zugehen.« Den grünen Kittel seiner weiblichen Mitstreiterinnen trägt er aber nicht, und mit seiner schwarzen Jacke hielt man ihn auch schon mal für einen Pfarrer. Seitdem wählt er unauffällige Kleidung.

Der Besuchsdienst im Krankhaus gebe ihm sehr viel. Wer möchte, kann sich mit ihm nicht nur über Bücher, sondern über Gott und die Welt unterhalten. Die Patienten seien dankbar und nähmen zum großen Teil das Angebot der »Grünen Damen« gerne an. Leider fehle der jüngere Nachwuchs.

Er will auf jeden Fall weitermachen, schließlich sei der Familienspruch seit über 150 Jahren ja auch so eine Art Verpflichtung: »Mutig vorwärts, gläubig aufwärts, dankbar rückwärts.«

Willi Wild

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Warum ich noch dabei bin

7. September 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld Kirche: Jahr für Jahr treten Tausende aus der Kirche aus. In einer Studie wurden jüngst die Motive untersucht. Dabei lohnt es vielmehr die zu fragen, die noch dabei sind.

In der Osternacht vor drei Jahren hat Göran Westphal den Entschluss gefasst, aus der Kirche auszutreten. Er hat lange mit sich gerungen. Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass ihn mit der Institution nichts mehr verbindet. Die Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu politischen Themen stören ihn. Er vermisst Mut machende Hirtenworte des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Die Verkündigung des Evangeliums kommt ihm zu kurz.

Auf der anderen Seite engagiert er sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Das tut er gerne und auch nach seinem Austritt weiter. Egal ob beim Kindersamstag oder bei der Vorbereitung des Kirchenkonzerts. Wenn Mitarbeiter gesucht werden, Westphal ist dabei und hilft, wo er gebraucht wird. Es sind die persönlichen Kontakte, die Vertrautheit, die er an seiner Kirchengemeinde schätzt. Mitarbeit und ehrenamtliches Engagement sind für ihn nicht an eine Kirchenmitgliedschaft gebunden.

Die steht für Uta Mittelbach außer Frage. Auch sie sieht die Institution Kirche kritisch. Im Gegensatz dazu gehöre die »lebendige Kirche Gottes, die das Wort verkündet«, zu ihrem Leben. Sie kommt aus einem kirchlichen Elternhaus und engagiert sich, wie Westphal, ehrenamtlich in der Kirchengemeinde. Den Gemeindenachmittag zu organisieren oder im Projektchor mitzusingen, möchte sie nicht missen. »Ich lebe beim Singen geradezu auf«, erklärt sie begeistert. Die Gemeinschaft bedeutet ihr sehr viel. Sie möchte gern ein Feuer des Glaubens in den Herzen der Menschen entfachen und ihre Leidenschaft mit anderen teilen.

Foto: ©stokkete – stock.adobe.com

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Kirche ist für Gerhard Jahreis nicht allein die Kirchenleitung, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, unabhängig von der Konfession: »Einander lieben können wir nur, wenn wir uns treffen und gemeinsam Gottesdienst feiern.« Er habe vor dem Mauerfall keinen Ausreiseantrag gestellt, so Jahreis, weil er glaubte, »wer ausreist, verlässt nur, aber verändert nicht; außerdem schwächt er die Zurückgebliebenen.« Ähnlich argumentiert er im Zusammenhang mit der Kirchenmitgliedschaft. Der engagierte Kirchenälteste ist sich sicher: »Wer bleibt und sich einbringt, kann verändern.« Gute Anzeichen sieht er etwa bei den Erprobungsräumen der mitteldeutschen Landeskirche, »Zeit zum Aufstehen« (einem Impuls für die Zukunft der Kirche, Anm. d. Red.) oder »Church@Night«, einem Modellprojekt der EKD.

Alle drei Gemeindeglieder betonen unabhängig voneinander die Ortsgemeinde als Keimzelle und Basis der Kirche. Der Schriftsteller und Kirchenkritiker Klaus-Rüdiger Mai (»Geht der Kirche der Glaube aus«) empfiehlt der Kirchenleitung deshalb, alles zu tun, um die Gemeinden zu stärken. Das wünscht sich auch Gerhard Jahreis: »Ich hoffe, dass geisterfüllte Visionäre wirken, die den selbstzerstörerischen Stellenabbau an der Basis stoppen.« Jahreis wirbt für die einladende Gemeinde: »Dort, wo ein lebendiger Leib Christi wabert, fühlen sich Jung und Alt wohl.«

Eine Studie, die das Bistum Essen in Auftrag gegeben hat, fragt erstmals ausführlich nach den Motiven für den Kirchenaustritt. Die Ergebnisse sind vermutlich auch mit anderen Regionen kompatibel. 60 Prozent der Befragten bezweifeln, dass die Kirche Antworten auf ihre Fragen hat. Neben der Kirchensteuer ist die fehlende Bindung der meistgenannte Austrittsgrund. Die Autoren der Studie haben ferner festgestellt, dass Tradition und Spiritualität für viele eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht müssten die bestehenden Angebote nur ansprechender an die Zielgruppe gebracht werden.

Trotz aller Kritik an der Amtskirche will Klaus-Rüdiger Mai der Institution nicht den Rücken kehren. »Nicht Funktionäre, sondern Jesus Christus ist das Haupt der Kirche.« In Anfechtung lese er Giovanni Boccaccios zweite Geschichte aus dem Decameron, das helfe. Der in Staßfurt geborene Mai, atheistisch erzogen, fand erst spät zum Glauben und hat prägend erfahren, dass der Glaube eine Gnade ist: »Paulus ist mir sehr nahe – das sagt alles.«

Willi Wild

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Ausgezeichneter »Gegenstand«

3. September 2018 von redaktionguh  
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Foto: Willi Wild

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Der Kolumbianer Christian Andrés Parra Sanchez (Foto), Absolvent der Burg Giebichenstein/Kunsthochschule Halle, ist für seine Abschlussarbeit »Gegenstand« gegen Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der heutigen globalisierten Gesellschaft mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden. Der mit 2 000 Euro dotierte Preis wird vom Kirchenkreis Weimar, dem Sophien- und Hufelandklinikum und der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein im Gedenken an Johann Gottfried Herder ausgelobt. Die Preis-
verleihung gehörte zu der alljährlichen Feier zum Herdergeburtstag in der Weimarer Stadtkirche. Festredner war Professor Jan Philipp Reemtsma zum Thema »Herders Problem mit der Geschichte – und das unsere«.

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Einer von uns

27. August 2018 von redaktionguh  
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Christ und Unternehmer – geht das zusammen? Konzernchef Friedhelm Loh meint: ja. Willi Wild sprach mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) über Milliarden, Nadelöhre, Strafzölle und Bekehrung.

Es ist Ihnen wichtig, dass Menschen mit dem Evangelium in Berührung kommen. Sie lassen beispielsweise christliche Zeitschriften an Ihre Mitarbeiter verteilen. Woher dieser missionarische Eifer?
Loh:
Ich habe als junger Mann eine Entscheidung getroffen und lebe seitdem mit meinem Glauben an Jesus Christus. Das hat mich stark geprägt.

Wie kam es dazu?
Loh:
Mir hat ein Mensch erklärt, wie es ist, wenn man mit Sünde ein ganzes Leben leben muss. Wenn man all das, was in einem Leben passiert, nicht loswerden kann. Das können Belastungen sein, die Vergangenheit, die einen immer wieder einholt, so dass man nicht die Freiheit hat, nach vorne zu schauen.

Zum anderen gehörte zu diesem Prozess natürlich auch die Perspektive auf ein ewiges Leben. Die Frage: »Was geschieht danach?«, bewegt jeden Menschen. Meine Entscheidung war und ist, mich Gott anzuvertrauen – in der Hoffnung und dem Bewusstsein auf ein ewiges Leben mit ihm.

Ist so eine Entscheidung nicht ungewöhnlich für einen jungen Menschen?
Loh:
Schulderkenntnis ist uns in die Wiege gelegt. Schon ein Kind weiß sehr genau, wann es etwas falsch gemacht hat. Wir haben ein Gewissen und das meldet sich bei Lüge oder Wahrheit.

Es geht darum, ob ich mein Gewissen totschweige oder ob ich versuche, echt und ehrlich zu sein. Jeder kann sich entscheiden, wie er damit umgeht. Das ist keine Frage des Alters.

Welche Rolle spielte dabei Ihr Elternhaus?
Loh:
Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Das sehe ich als großes Privileg an. Meine Eltern haben mir Werte vermittelt und deutlich gemacht, dass das Leben mehr ist als vordergründige Ziele. Das habe ich zunächst nicht so ernst genommen, aber dann doch erkannt, dass es Wahrheit ist.

Ist der christliche Glaube vererbbar?
Loh:
Nein! Aber wir alle orientieren uns an Vorbildern, die uns auf unserem Lebensweg beeinflussen. An erster Stelle stehen mein Elternhaus und die Vorbilder, die ich in der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes in der Bibel kennengelernt habe. Daraus beziehe ich bis heute Hilfe für meinen Alltag.

Meine eigene Familie ist natürlich auch ein wichtiges, kritisches Korrektiv. Außerdem beeindrucken mich Menschen mit Haltung im geistlichen wie auch im säkularen Bereich.

Wer begeistert Sie im säkularen Bereich?
Loh:
Ich denke da zum Beispiel an Persönlichkeiten wie Robert Bosch oder Werner von Siemens, aber auch an junge Start-Ups, Unternehmer mit Ideen, Mut und Risikobereitschaft. Namen sind z. B. Viessmann, Miele oder Trumpf.

Als erfolgreicher Unternehmer sind Sie auch Vorbild. So spenden Sie nicht nur 10 Prozent Ihres Einkommens, sondern auch 10 Prozent Ihrer Zeit. Wie schaffen Sie das?
Loh:
Die ehrenamtliche Arbeit ist mir wichtig und ich sehe darin die Sinnhaftigkeit, die mich erfüllt. Ich sehe darin auch einen klaren Auftrag Gottes an mich. Ich habe viele Möglichkeiten, die andere nicht haben, und damit eine große Verantwortung, aber es ist mir auch eine Freude, diese Gaben und Fähigkeiten einzusetzen.

Jesus hat gesagt: Geht hinaus in alle Welt. Das ist mein missionarisches Anliegen, sowie die Übernahme von sozialer Verantwortung im eigenen Unternehmen und darüber hinaus.

Sehen Sie es auch als einen missionarischen Auftrag an, im entkirchlichten Osten Deutschlands zu investieren?
Loh:
Zunächst waren es betriebswirtschaftliche Gründe, die uns nach Gera führten. Dass sich aus diesem unternehmerischen Engagement auch ein ehrenamtliches Wirken vor Ort, beispielsweise für die Christliche Schule, entwickelt hat, ist Fügung und auch ein Bekenntnis zu diesem Standort.

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Außerdem ist es mir ein Herzensanliegen, gerade in dieser Region dazu beizutragen, dass Menschen eine berufliche Perspektive haben, aber auch eine geistliche durch die Botschaft von Gott dem Schöpfer und Erlöser.

Haben Sie als Freikirchler Berührungsängste mit der verfassten Kirche?
Loh:
Ganz im Gegenteil. Wir haben einen gemeinsamen Auftrag. Die Interpretation geistlicher Inhalte ist an einigen Stellen zwar unterschiedlich, aber das verbindend starke Element ist Jesus Christus und die Aufgabe, den Menschen das befreiende Evangelium zu verkündigen. Da gibt es viel Luft nach oben.

Was können beide Gruppen voneinander lernen?
Loh:
Gemeinschaft unter Christen ist ein Privileg ohne Vergleich. Einmalig! Jesus Christus als der Mittelpunkt verbindet uns miteinander. Deswegen sollten wir das Verbindende mehr suchen als das Trennende.

Wie stehen Sie zum gemeinsamen Symbol der Christen, dem Kreuz, in öffentlichen Gebäuden?
Loh:
Ich freue mich grundsätzlich über jedes Kreuz. Es ist ein Zeichen, dass es Erlösung gibt. Das Kreuz weist auf Jesus hin, der den Himmel verlassen hat und auf diese Erde gekommen ist. Er ist einer von uns. Das ist die zentrale Botschaft. Das ist eine positive und hoffnungsfrohe Aussage.

Außerdem ist das Kreuz eine Erinnerung, dass es mehr gibt als das, was uns jeden Tag bewegt. Der Schöpfergott hat sich nicht abgewandt, sondern wendet sich in Jesus uns zu.

Ob diese Erinnerung nun immer in einer Behörde stattfinden muss, will ich jetzt nicht beurteilen. Ich glaube, wir können nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass es den Schöpfergott, dass es den Retter Jesus Christus und dass es die Perspektive für die Ewigkeit gibt.

Themenwechsel. Wären Sie als Stahlverarbeiter bei Rittal auch von Trumps Strafzöllen betroffen?
Loh (lacht):
Das Thema musste ja kommen. Wir Deutsche sind aufgeregte Leute. Uns fehlt die Gelassenheit. Ich empfehle zu beobachten, abzuwarten und darüber hinaus eine nüchterne Beurteilung.

Ich bin kein Fan von Herrn Trump. Er hat uns als Europäer aber gehörig aufgeweckt, sodass wir endlich zu einer eigenen Position und einem eigenen Standpunkt in Europa kommen müssen. Das kann nur gelingen, wenn wir Europäer uns verbünden, um auf Dauer politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich unabhängig und eigenständig zu sein.

Apropos Trump. Laut »Forbes«-Magazin haben Sie den US-Präsidenten in der Liste der reichsten Menschen eingeholt. Was bedeutet Ihnen diese Rangliste?
Loh:
Überhaupt nichts. Schließlich kenne ich meine finanziellen Verhältnisse besser als die Macher dieser Liste. Die Menschheit braucht so etwas offensichtlich, aber es ist sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Von Jesus stammt das Gleichnis, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr kommen kann als ein Reicher ins Reich Gottes. Da haben Sie ja schlechte Karten oder?
Loh:
Also, erstmal ist das wahr. Wobei ich an dieser Stelle feststellen möchte, dass wir Deutschen im weltweiten Vergleich fast alle reich oder sehr reich sind.
Das Gleichnis gilt für uns alle, nicht nur für die Superreichen. Da steckt viel Lebensweisheit drin.

Je reicher und unabhängiger jemand wird, desto größer ist das Risiko, dass man sich von Gott abwendet und meint, man wäre Herrscher seines eigenen Lebens.
Wenn wir an gesundheitliche, physische oder finanzielle Grenzen kommen, dann erinnern wir uns schnell daran, dass es einen Gott gibt. Dass es da jemanden gibt, der sich um uns kümmert, wenn das Leben nicht mehr so einfach funktioniert.

Wohlstand und Wohlergehen kann für die geistliche Position gefährlich sein, im Sinne dieser biblischen Aussage.

Friedhelm Loh ist ein deutscher Unternehmer, Inhaber und Vorsitzender der Friedhelm Loh Group. Der 72 Jahre alte gelernte Starkstromelektriker und studierte Betriebswirt ist Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Loh steht einer Unternehmensgruppe mit rund 11 600 Mitarbeitern vor. Die Friedhelm Loh Group operiert weltweit. In Gera hat die Gruppe eine Nieder­lassung des Schaltschrank- und Gehäuseherstellers Rittal sowie ein Unternehmen im metallverarbeitenden Bereich gegründet. Friedhelm Loh ist ehrenamtlich im Vorstand des Bibellesebundes engagiert und Stiftungsratsmitglied der Stiftung Volkenroda. Zudem ist er Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien und engagiert sich im Kuratorium der Internationalen Martin Luther Stiftung. Loh ist verheiratet mit Debora Loh. Das Paar hat zwei Söhne und eine Tochter.

www.friedhelm-loh-group.de

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Die Wiege Thüringens

23. Juli 2018 von redaktionguh  
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Mit der Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn (Kirchenkreis Waltershausen- Ohrdruf) ist eine Chefsache von Christine Lieberknecht aus ihrer Zeit als Ministerpräsidentin auf der Zielgeraden. Willi Wild sprach mit ihr über Politik und Gipfelkreuze.

Wie haben Sie die Nachricht von der Enteignung aufgenommen?
Lieberknecht:
Am 9. Juli um 11.30 Uhr erreichten mich am Urlaubsort drei Worte: »Da ist er.« Die Kurznachricht kam vomThüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, angehängt hatte er den 37-seitigen Enteignungsbeschluss. Umgehend habe ich ihm geantwortet, dass ich mich sehr freue und die Daumen drücke für die weiteren Schritte.

Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass es dazu gekommen ist. Warum ist Reinhardsbrunn so wichtig?
Lieberknecht:
Reinhardsbrunn ist die Wiege Thüringens. Der Vorgängerbau des Schlosses war das Benediktinerkloster, Hauskloster und Grablege der Thüringer Landgrafen. Reinhardsbrunn ist durch die Hinrichtung der Wiedertäufer auch ein unrühmlicher Ort der Reformation. Auch das sollte nicht vergessen werden. Im 19. Jahrhundert gab es mit dem Gothaer Herzoghaus eine Blütezeit. Königin Victoria von England, die auch als »Großmutter Europas« bezeichnet wird, ist hier wiederholt mit Prinz Albert im Park flaniert. Der denkmalpflegerische und geistesgeschichtliche Wert dieses Ortes ist unbestritten.

Sie haben auch eine persönliche Beziehung zu Schloss und Park. Welche Erinnerungen haben Sie?
Lieberknecht:
Ich kenne Reinhardsbrunn von Kindheit an. Ich komme aus einem Pfarrhaus und meine Eltern haben in Friedrichroda im kirchlichen Erholungsheim Reinhardsberg mit der ganzen Familie Urlaub gemacht. Da gehörte ein Besuch des Schlosses Reinhardsbrunn mit Gondelfahrt auf den Schlossteichen dazu.

Sie sind in Lorenzen in Südtirol im Urlaub. Was schätzen Sie an diesem Ort?
Lieberknecht:
Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in einem ehemaligen Kloster. Von dort aus unternehmen wir Wanderungen. Wir schätzen diese einmalige Landschaft und die Gastfreundschaft. Brauchtum und Moderne ergänzen sich. Vor allem beeindruckt das Miteinander der Generationen. Ich bereite mich hier auch auf eine Wanderung im August vor. Da werden wir von Eisenach nach Detmold laufen, etwa 230 Kilometer.

Hier sind Sie weit weg von dem politischen Geschehen in der Heimat. Mit diesem Abstand betrachtet, wie bewerten Sie den Streit in der christlichen Union?
Lieberknecht:
Es ist eine erbitterte Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und die künftige deutsche und europäische Asyl- und Zuwanderungspolitik. Gefragt ist meines Erachtens nicht nur der Masterplan eines Ministers, sondern ein Plan der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern. Eine gemeinsame Asylpolitik sollte auf den Weg gebracht werden. Derzeit sind noch so viele Fragen offen auf nahezu allen politischen Feldern. Der Streit um einen Punkt nutzt da am Ende keinem etwas. Ich kann da die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz nur dringend unterstützen.

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Wir haben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg und können nicht so tun, als ob das alles an Europa vorbeiginge. Wir müssen klar-
machen, welchen Beitrag wir zur Gesamtlösung leisten können.

Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht. Wie erleben Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte die Verrohung der Sprache?
Lieberknecht:
Jedes Schlagwort behindert Lösungen. Wir haben viel mit Symbolpolitik zu tun, anstatt die Probleme endlich zu lösen, das ist doch gravierend. Wir müssen gesprächsfähig sein, um mit den Menschen gemeinsam die Integration voranzubringen. Das geht nur miteinander. Der Mensch muss an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Und danach muss man auch sein Vokabular ausrichten.

Wird Ihre gemäßigte Stimme noch gehört?
Lieberknecht:
Ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe. Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung. Ich arbeite mit in der Enquete-Kommission »Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in Thüringen« und bin stellvertretende Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).

Schließen Sie nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Bündnis Ihrer Partei mit der AfD aus?
Lieberknecht:
Ein Bündnis kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte 2014 vor der Wahl im September klar gesagt, dass es keine Gemeinsamkeit mit der AfD gibt. Damals haben mich Parteifreunde dafür kritisiert. Ich glaube aber, dass diese Kritiker durch das tatsächliche Erleben der AfD gründlich geheilt sind. Mit der AfD kann man keinen Staat machen.

Am 1. Juli haben Sie auf dem Schneekopf gemeinsam mit anderen ein Gipfelkreuz gesetzt. Welche Bedeutung hat das Kreuz im öffentlichen Raum?
Lieberknecht:
Das Kreuz ist von der Gemeinde Gehlberg, vom Ilmkreis mit Landrätin Petra Enders (Linke), vom Thüringer Gebirgs- und Wanderverein mit Unterstützung der Kirche aufgestellt worden. Eine Gemeinschaftsaktion von politischer und kirchlicher Öffentlichkeit mit den Wanderfreunden.

Das Kreuz im öffentlichen Raum ist auch ein Zeichen, dass damit ein Anspruch verbunden ist. Der Staat und seine Diener versehen ihren Dienst in der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Um mit Martin Luther zu sprechen: Dieses Zeichen kann sein, aber es muss nicht. Entscheidend ist, was man im Herzen hat.

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Die eigene Nase

22. Juli 2018 von redaktionguh  
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Neulich im Gottesdienst. In der Predigt ging es um Verständnis, Zusammenleben und die Liebe Gottes, die in jedem von uns wirksam werden kann. Auch wenn wir den Anspruch eines gottgefälligen Lebens im Alltag sehr schwer erfüllen können, komme es zumindest auf einen Versuch an.

Der Pfarrer empfahl eine Übung. Wie wäre es, eine Woche lang die Perspektive zu wechseln, einmal nur vom Anderen her zu denken. Eine interessante Vorstellung. Während ich noch darüber nachdenke, welche Auswirkungen das auf die Konflikte dieser Welt und in meinem direkten Umfeld haben könnte, werde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen.

Es wird laut. Eine Bankreihe vor mir dreht sich eine ältere Frau zu der hinter ihr sitzenden um: »Hören Sie endlich auf, ständig im Gesangbuch zu blättern. Das Geraschel geht mir auf die Nerven.« Die Angesprochene erwidert, im gleichen Tonfall: »Seien Sie nicht so empfindlich. Außerdem kann man das auch anders sagen.« Ich ziehe den Kopf ein, in Erwartung der Eskalation. Aber es bleibt still. Ungewollt liefern die beiden ein Predigtbeispiel.

Schriftsteller Mark Twain soll mal gesagt haben: »Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem, was ich in der Bibel nicht verstehe. Probleme machen mir die Stellen, die ich sehr gut verstehe.« Und ich muss mich an die eigene Nase fassen. Wie oft bin ich mit mir selber beschäftigt, drehe mich um die eigene Achse. Das Liebesgebot scheint dann nur noch aus dem zweiten Teil zu bestehen: »… wie dich selbst«.

Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Eine Woche ist für den Anfang vielleicht zu viel. Aber einen Tag lang den Blickwinkel meiner Frau, des Busfahrers, der Verkäuferin oder der Arbeitskollegen einzunehmen, sollte gehen. Ich bin gespannt.

Willi Wild

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Not und Spiele

8. Juli 2018 von redaktionguh  
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Zur Fußball-WM 1974 sangen die Spieler der DFB-Elf »Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt.« Soweit geht meine Liebe zum Ballsport nicht. Aber ich kann mich durchaus für das Spiel auf dem Rasen begeistern. Die mediale Erhöhung, die die Akteure unserer Nationalmannschaft und ihre Spiele erfahren, finde ich aber völlig unangemessen.

Nach der Niederlage in der Vorrunde gegen Mexiko begann die Tagesschau mit den Worten »Trauer und Entsetzen«. Dabei wurden nicht etwa die Menschen beklagt, die beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ertrunken sind, auch nicht die Opfer des Syrienkriegs oder die Hunderttausende Kinder, die im Südsudan vom Hungertod bedroht sind.

Nein, es ging um die Stimmungslage deutscher Fußball-Fans. Geht’s noch? Die massiv ausgeweitete Sportberichterstattung sorgt für eine deutliche Schieflage bei der Nachrichtenauswahl und ihrer Bewertung.

Nach dem Vorrunden-Aus war von Fassungslosigkeit, Tiefpunkt und einer »nationalen Katastrophe« die Rede. Sportminister Horst Seehofer sprach von einer »schweren Stunde«. Dabei ging es nur um Fußball und nicht um die aktuelle Regierungskrise. Auch diesmal nahm die 0:2-Niederlage gegen Südkorea breiten Raum ein: Das erste Drittel der Nachrichtensendung, die vorgibt das Weltgeschehen in fünfzehn Minuten abzubilden. Erst danach ging es um die dramatische Lebensrettung auf dem Hilfsschiff »Lifeline«.

Nein, Fußball ist nicht mein Leben und der Fifa-Präsident regiert nicht die Welt. Meine Hoffnung reicht weit über ein Spiel, eine Fußball-WM hinaus. Der Herr des Himmels und der Erde will unser Trost sein in wirklicher Trauer und Entsetzen. Darüber will ich schreiben.

Willi Wild

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Ich werde nicht sterben

29. Juni 2018 von redaktionguh  
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Gerade habe ich meinen Kommentar fertig. Da lese ich folgende Sätze auf dem Sperrbildschirm des Smartphones: »Roland ist tot. Er starb am Freitag.« Die Nachricht macht mich betroffen. Alles scheinbar Wichtige rückt in den Hintergrund.

Ich habe Pfarrer Roland Herrig nicht persönlich gekannt. Aber mit seinen Texten, in denen er offen über den Bauchspeicheldrüsenkrebs und seinen Umgang damit schreibt, ist er mir sehr nahe gekommen. Seine Predigt »Gegen den Dämon der Angst und Verzweiflung« ist ein Vermächtnis und ein Glaubensbekenntnis: »Wir nennen das Evangelium ›gute Nachricht‹. Und dafür stehe ich, dafür habe ich als Pfarrer immer gestanden, dass am Ende nicht die schrecklich-schlimme Nachricht steht, sondern die gute Nachricht: Das Reich Gottes ist zu euch gekommen.«

Und weiter schreibt er: »Ich bitte euch heute: Stellt euch auf die Seite Christi! Stellt euch gegen die Dämonen, vor allem gegen die böse Sprachlosigkeit! Sprecht gute Worte, ehrliche Worte, wahre Worte miteinander! Sprecht zu Christus im Gebet! Und, ja, bitte betet auch für mich, für meine Frau, für meine Eltern und Kinder. Um mit Luther zu sprechen: Dass der böse Feind keine Macht an uns finde.« Beeindruckend, wie er mit der Krankheit, mit seinen Ängsten und der Hoffnung öffentlich umgegangen ist. Er konnte und wollte nicht schweigen: »Das bin nicht ich; das ist Gottes Werk an mir.«

Roland Herrig vertraute darauf, dorthin zu kommen, wo der Tod tot sein wird. »Ich werde nicht sterben, sondern leben«, war sein Trost und ist die Botschaft des Tages. Adieu.

Willi Wild

www.glaube-und-heimat.de/2017/ 11/27/gegen-den-damon-der-angst-und-verzweiflung

www.glaube-und-heimat.de/2018/ 03/30/mitten-im-tod-mitten-im-leben

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Soli Deo Gloria

10. Juni 2018 von redaktionguh  
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Wir sind umgezogen. Sie erreichen Ihre Kirchenzeitung seit 1. Juni in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 1 a in Weimar. Telefonnummern, Internet-Adresse und E-Mail-Kontakte sind geblieben. Das ist der vierte Umzug von »Glaube + Heimat« innerhalb der Klassikerstadt seit 1956. Räumlich haben wir uns verkleinert, dafür haben wir jetzt im 4. Stock den Überblick. Sie können sich gern persönlich davon überzeugen.

Der Straßenname passt bestens zur Mitteldeutschen Kirchenzeitung. Fünf der sieben bekannten Bachstädte liegen in unserem Verbreitungsgebiet. Weimar ist eine davon. Zweimal arbeitete er hier. Als Bach von Lüneburg zurückkam, versuchte er sich ein halbes Jahr als Musiker am Hofe des Herzogs. Nachdem ihm Mühlhausen zu teuer und der Streit der Kirchenoberen zu heftig wurde, begann er in Weimar am Hofe von Johann Ernst von Sachsen-Weimar seinen Dienst.

Musikalisch stellt Weimar den Höhepunkt von Johann Sebastian Bachs Orgelkompositionen und Kantaten dar. Die Kinder Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel werden hier geboren. Weil er nicht Kapellmeister werden durfte, unterschrieb Bach einen Arbeitsvertrag in Köthen. Der Herzog wollte ihn nicht ziehen lassen. Das erboste den Hoforganisten derart, dass er zum Ende seiner neunjährigen Tätigkeit wegen »Halsstarrigkeit« das Weimarer Gefängnis kennenlernen musste.

Wir wünschen uns mindestens so viele Jahre wie Bach in Weimar, in unserem neuen Domizil. In der Lisztstraße war das Evangelische Medienhaus immerhin fast 20 Jahre ansässig. Johann Sebastian Bach überschrieb seine Werke mit »J.J.«, die Kurzform für Jesu Juva (lat. »Jesus, hilf«). Am Ende unterzeichnete er mit »S.D.G.«, Soli Deo Gloria, Gott allein die Ehre. Das soll auch über unserem Neuanfang stehen.

Willi Wild

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Das stimmt mich hoffnungsvoll

19. Mai 2018 von redaktionguh  
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Jubilar: Roland Hoffmann war von 1992 bis 2001 Landesbischof in Thüringen. Der Altbischof feierte am Montag seinen 80. Geburtstag. Willi Wild hat den Jubilar in seinem Garten in Jena getroffen.

Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand?
Hoffmann:
Das Schönste im Rentnerdasein ist der Vormittagsschlaf. Wenn da mal jemand klingelt, kann mich keiner einen »faulen Hund« schimpfen. Ich bin Rentner, ich darf vormittags schlafen. Ansonsten haben wir, meine Frau und ich, Arbeitsteilung. Im Garten ist meine Frau für das Anlegen und Pflanzen zuständig, da ich schlecht Gänseblümchen von Pfingstrosen unterscheiden kann. Ich gieße, schneide die Hecke oder zimmere das Hochbeet zusammen.

Daneben werden Sie regelmäßig
zu Gottesdiensten und Veranstaltungen eingeladen. Wie oft ist das der Fall?
Hoffmann:
Im vergangenen Jahr waren es über 50 Gottesdienste. Aber seit diesem Jahr trete ich deutlich kürzer. Mit 80 Jahren muss und kann ich nicht mehr alles annehmen, auch wenn es mir nach wie vor Freude macht.

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

»Wenn der weiße Flieder wieder blüht« ist der Geburtstag von Altbischof Hoffmann nicht mehr weit. Seit 55 Jahren sind Brigitte und Roland Hoffmann verheiratet. Foto: Willi Wild

Wie erleben Sie heute die Landeskirche, die ja nicht mehr die ist, der Sie damals als Bischof vorstanden?
Hoffmann:
Ich erlebe unsere Kirche vorwiegend in den Gemeinden und kann mich da bloß freuen. Kürzlich war ich im Thüringer Wald im Pfarramt Oberhain zu einem Abend für die Ehrenamtlichen. Der Pfarrer hat 13 Kirchen in seinem Kirchspiel. Ins Dorfgemeinschaftshaus kamen etwa 90 Frauen und Männer. Das hat mich sehr erstaunt. In Zeiten, in denen das Ein-Mann-System des Pfarrerseins zusammenbricht, kommen Jung und Alt, um ehrenamtlich in ihrer Gemeinde mitzuarbeiten. Das ist doch ein Aufbruch! Das stimmt mich hoffnungsvoll. Das hat mir gezeigt, dass auf der Gemeindeebene Kirche nicht am Ende ist.

Vor zehn Jahren gab es die Fusion der Thüringer Landeskirche mit der Kirchenprovinz Sachsen zur EKM. Wie sehen Sie heute den Zusammenschluss?
Hoffmann:
Meine Absicht war schon damals, die Kirchengebiete in Thüringen zu einigen und die Propsteien Nordhausen, Erfurt und Suhl in unsere Landeskirche einzubinden. Daraus ist dann die Fusion geworden.

Das Bußwort des Landeskirchenrates schlägt hohe Wellen. Wie sollte Ihrer Meinung nach die Aufarbeitung und Versöhnung im Bezug auf die DDR-Zeit aussehen?
Hoffmann:
Das Wenn und Aber zum Bußwort zeigt doch, dass der Weg zur Versöhnung zu schmal angelegt ist, wenn man ihn nur auf die Stasi bezieht. Man kann unsere Vergangenheit aber nicht nur darauf beschränken. Mein Vorschlag war damals, ein Trauerjahr in unserer Landeskirche einzulegen. Aber das wurde weitgehend abgelehnt. Man wollte nicht mehr rückwärts, sondern nur noch nach vorne schauen. Ich bereue es bis heute, dass ich mich damals nicht durchgesetzt habe.

Was sollte da betrauert werden?
Hoffmann:
Zum einen das, was wir in der alten Ära verloren haben, nicht nur 40 Jahre unseres Lebens und Arbeitens, sondern auch das, was wir gewollt haben. Aber auch anzuschauen, was wir nicht geschafft haben. Wir haben gearbeitet bis zum Umfallen und trotzdem sind unsere Gemeinden kleiner geworden. Oder aber die Frage zu stellen, was wir in der geistlichen Arbeit verpasst und falsch gemacht haben. Ich rede nicht von Schuldzuweisung, sondern davon, einfach zu analysieren, was wir jetzt vorfinden. Damit hätten wir die gesamte Breite des Erinnerns gehabt und nicht nur die Engführung, diese Schmalspur-Verarbeitung in Sachen Stasi. Wir kommen bis heute nicht vorwärts, weil uns die Vergangenheit zurückzieht, denke ich.

Sie haben einmal gesagt, dass unserer Landeskirche eine Erweckung gefehlt habe. Ist das ein Grund, warum es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so richtig vorwärtsgeht?
Hoffmann:
Wir hatten in Thüringen nie eine Erweckung. Der erste Schritt bei einer Erweckung ist immer die Buße, also die Änderung der inneren Haltung, eine Bekehrung. Wir haben es nie gelernt, Buße zu tun und Buße zu leben. Vielleicht ist das ein Manko in der Geschichte unserer Kirche, dass wir so eine Stelle der Umkehr nicht benennen können. Dafür braucht es eine geistliche Qualifikation, die man nicht aus Büchern hat.

Was wünschen Sie sich im Bezug auf die Landeskirche?
Hoffmann:
Ich wünsche mir, dass wir bei allem, was wir tun und tun müssen, fröhlicher sind, weniger klagen und hoffnungsvoller das tun, was jeden Tag nötig ist.

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