Ein schlafender Riese

28. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Startschuss: Die EKM und die Kirchenzeitung unterstützen Gemeinden mit neuem Gemeindebriefportal

Ein Dorf, eine Kirche, ein Pfarrer – dieser Dreiklang ist in der Mitte Deutschland längst Geschichte. Ein Pfarrer betreut inzwischen mehrere Gemeinden. Für die Kirchgänger ist es da nicht leicht, den Überblick zu behalten: Wo ist am Sonntag nun der Gottesdienst? Orientierung bieten die Gemeindebriefe, kleine Zeitungen, die neben dem richtigen Ort und der Zeit für Predigt und gemeinsames Gebet auch andere nützliche Informationen bereithalten, zum Beispiel wer sich jüngst traute oder wo ein Geburtstag ins Haus steht.

Etwa 300 dieser Gemeindebriefe gibt es in Thüringen und Sachsen-Anhalt, dem Kerngebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Sie erscheinen einmal im Monat oder viermal im Jahr, meist im A 5-Format und oft schwarz-weiß plus eine Schmuckfarbe. Bei den kleinsten liegt die Auflage bei 100 Exemplaren, in den Städten können es auch ein paar Tausend sein. Oft kümmert sich ein kleines Redaktionsteam im Ehrenamt um Texte, Fotos und Layout, manchmal macht es der Pfarrer ganz allein.

Viel Zeit für ein gewagteres Layout gibt es für die Feierabend-Redakteure eher nicht; der Wunsch nach mehr Farbe bleibt meist auf der Strecke. Geld für Extras sitzt bei den Gemeinden nicht gerade locker.

Wir sind dabei: 24 Gemeindebriefredaktionen meldeten am Fachtag bereits konkretes Interesse zur Teilnahme im Portal an. Die ersten wollen nach Abschluss der Pilotphase bereits im Januar mit der Umsetzung beginnen. Fotos: Harald Krille

Wir sind dabei: 24 Gemeindebriefredaktionen meldeten am Fachtag bereits konkretes Interesse zur Teilnahme im Portal an. Die ersten wollen nach Abschluss der Pilotphase bereits im Januar mit der Umsetzung beginnen. Fotos: Harald Krille

Das könnte sich jetzt ändern. Die EKM hat mit Hilfe von »Glaube + Heimat« das Internet-Portal »unsergemeindebrief.de« ins Leben gerufen. Im Netz sollen die Gemeindebriefe künftig entstehen, Texte und Fotos eingebaut und das Ganze druckfähig gemacht werden.
Mit vier Redaktionen wurden jetzt die ersten Ausgaben produziert. Mit einigem Erfolg. Die Titelseite des Gemeindeblattes der Erfurter Predigergemeinde etwa schmücken passend zum Thema »Vom Umgang mit dem Geld« Euroscheine in grün, gelb und orange. In Kapellendorf zeigt man sich in rot und blau solidarisch mit der Nachbarstadt: »Wir für Apolda. Kein Ort für Nazis!« ist dort auf Seite 1 zu lesen.

Pfarrer Thomas Robscheit hat das Gemeindeblatt bisher am Computer im Pfarrhaus selbst gestaltet. Er hat schon im Studium in Jena bei der Studentenzeitung mitgemacht.

Auch die Computertechnik schreckt ihn nicht. Er kam bisher auch ohne Portal zurecht. Doch jetzt sei die Zusammenarbeit mit den anderen, die ihm zuarbeiten, leichter geworden, sagt er.

Auch in der Erfurter Pilotredaktion ist man zufrieden. Schon bald will das Team ganz mit »unser-gemeindebrief.de« produzieren. Von den Mitarbeitern von »Glaube + Heimat« kam jede Hilfe, lobt Arne Langer. Gemeinsam mit Robscheit und den anderen »Piloten« ist er am Sonnabend in das Landeskirchenamt gekommen. Dort sind bei einem Fachtag das Portal, seine Möglichkeiten und die ersten Ergebnisse vorgestellt worden.

Mit Erfolg; mehr als 120 Männer und Frauen, die in etwa 50 Gemeinden für die Kirchenzeitungen Verantwortung tragen, sind gekommen. Über Stunden wird beraten, werden viele Fragen gestellt und beantwortet. Erfahrungen mit solch einem Unterfangen gibt es in Deutschland bisher noch nicht. Die EKM ist die erste evangelische Landeskirche, die sich an die Gemeindebriefe als Ganzes heranwagt, heißt es.

Umringt: Redakteurin Adrienne Uebbing (Mitte) zeigt den Teilnehmern welche gestalterischen Möglichkeiten das Gemeindebriefportal bietet.

Umringt: Redakteurin Adrienne Uebbing (Mitte) zeigt den Teilnehmern welche gestalterischen Möglichkeiten das Gemeindebriefportal bietet.

Dabei ist klar, alles auf einmal geht nicht. Den Redakteuren von etwa 20 Kirchenblättchen pro Jahr soll die Arbeit mit und auf dem Portal näher und beigebracht werden, blickt Willi Wild voraus. Doch der Chefredakteur von »Glaube + Heimat« warnt auch vor zu großen Ambitionen. Die Zeitung ist das Wohnzimmer des Lesers, erklärt er. Ein frischer Anstrich ist bestimmt willkommen, aber ob sich gleich alle über ein komplettes Möbelrücken freuen? Behutsamkeit und Augenmaß sind also angesagt.

Auch wenn die EKM den Gemeinden Technik und Unterstützung kostenlos zukommen lässt, sollen sich die Anstrengungen für sie auszahlen. Es geht schlicht darum, die mehr als 700 000 Kirchenmitglieder überhaupt zu erreichen. Das klappe angesichts dünner Besucherzahlen bei den Gottesdiensten immer weniger, erklärt Kirchensprecher Ralf-Uwe Beck.

Ganz anders die Gemeindebriefe. Die erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Obwohl in seinen acht Dörfern die Zahl der Kirchenmitglieder in den letzten Jahrzehnten von etwa 1 000 auf 650 zurückgegangen sei, würden nach wie vor 420 Exemplare des meist acht-, manchmal auch zwölfseitigen Gemeindebriefes zum Preis von 30 Cent an den Mann und die Frau gebracht, erklärt Pfarrer Robscheit. Für Ralf-Uwe Beck sind die vielen kleinen Zeitungen daher zusammen »ein schlafender Riese« der evangelischen Publizistik.

(epd)

www.unser-gemeindebrief.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die Zukunft ist sein Land

21. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Bei uns liegt er in der Schublade an der Garderobe, unser Gemeindebrief. Eine unverzichtbare Informationsquelle. Fast jede Kirchengemeinde hat einen. Die Reichweite beträgt weit über 80 Prozent. Etwa 650 000 Gemeindeglieder kommen theoretisch in den Genuss ihres Kirchenblättchens. Das ist eine unglaubliche Quote, die keine andere kirchliche Publikation erreicht. Die ehrenamtlichen Redaktionsteams in den Kirchengemeinden machen ihre wichtige Arbeit effektiv und nahezu geräuschlos.

Vor drei Jahren haben wir im Rahmen der EKM-Erprobungsräume mit der Entwicklung eines Gemeindebriefportals im Internet begonnen. Die Idee, Kirchenzeitung und Gemeindebriefe zusammenzubringen, hatte vor einigen Jahren Ralf-Uwe Beck, der Pressesprecher der EKM. Dank der Weitsicht der Landessynode, die damals die Projektfinanzierung beschlossen hat, kann das Redaktionsportal jetzt an den Start gehen.

Vier Gemeindebrief-Redaktionen aus Elbingerode, Naumburg, Kapellendorf und Erfurt haben ihre erste Pilot-Ausgabe im Portal erstellt. Am Sonnabend werden sie die Ergebnisse bei einem Fachtag im Landeskirchenamt vorstellen. Dazu haben sich über 100 Interessierte aus unserem Verbreitungsgebiet angemeldet. Die Veranstaltung ist ausgebucht. Deshalb wollen wir im neuen Jahr für alle, die nicht dabei sein können, einen weiteren Fachtag anbieten.

Als Kirchenzeitung unterstützen wir die Gemeindebrief-Redaktionen. Auch »Glaube+Heimat« soll demnächst im Portal entstehen. Die Inhalte stehen dann sowohl gedruckt als auch im Internet zur Verfügung. Das ist neu und aufregend. Wir sind zuversichtlich: Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Sie werden ein Fleisch sein

21. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Lebendspende: Auf ihren Garten sind Silke und Uwe Alberti zu Recht stolz. Hinter ihrem Haus in Apolda steigt er an. Gerade im goldenen Herbst ein Refugium mit Gewächshaus, bewachsenem Spalier, Sitzecke und Pavillon.

Das Ehepaar trinkt Espresso und genießt die Abendsonne. Als sie am 12. April 2010 die Haustüre abschließen, um nach Jena in die Universitätsklinik zu fahren, war nicht klar, ob sie diese Idylle jemals wieder gemeinsam erleben können.

Uwe hat eine Autoimmunerkrankung. Der Fachbegriff Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) kommt ihm locker über die Lippen. Eine Verengung der Gallengänge, so dass die Galle aus der Leber nicht mehr abfließen kann. Die Leber entzündet sich. Als Uwe Alberti zum ersten Mal mit 40 Fieber in die Notaufnahme muss, schreibt der Arzt auf die Einwilligungserklärung: »Die Untersuchung kann zum Tod führen.« Fünf Monate mit Fieber­schüben, Blutvergiftung, Gelbsucht, Antibiotika-Behandlung, Schmerzen und Schwächeanfällen folgen.

Dann ist klar: Besserung oder überhaupt ein Weiterleben ist nur mit einer gesunden Spenderleber möglich. Damit ist der selbstständige Fernsehtechniker-Meister einer von 3 000 Patienten, die auf eine der verfügbaren knapp 500 Spenderlebern warten. Zwischenzeitlich stabilisiert sich sein Gesundheitszustand wieder. Das ist ein Nachteil, denn auf der Rangliste der Bedürftigen rutscht er damit wieder weit nach hinten. Nur wer die nächsten 72 Stunden nicht überleben würde hat die Chance, eher dranzukommen. Die Wartezeit beträgt im Schnitt drei Jahre. Für viele kommt die Nachricht zu spät.

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Freuen sich des Lebens: Ehepaar Alberti genießt die Zeit zu zweit. »Ohne Silkes Spende würde ich heute nicht mehr leben«, ist sich Uwe Alberti sicher. Foto: Willi Wild

Für Silke Alberti beginnt eine stressige Zeit. Tagsüber arbeitet sie in ihrem Floristikgeschäft, abends fährt sie nach Jena und verbringt die Zeit am Krankenbett ihres Mannes. Heute sagt sie, dass es auch ein Stück weit Selbstschutz gewesen sei, als sie sich entschließt: Ich spende Uwe einen Teil meiner Leber. Der lehnt zunächst ab. »Es ist doch verrückt, einen gesunden Menschen zu zerschneiden, nur damit es mir wieder besser geht«, meint er.

Als dann aber die Untersuchungen ergeben haben, dass die Voraussetzungen für eine Lebendspende gegeben sind, und Silke unbeirrt bleibt, willigt er ein.

Rückblickend sagt sie: »Mir war damals klar: das klappt. Da war ein absolutes Gottvertrauen.« Bei Uwe überwiegt die Skepsis: »Ich habe in mancher Nacht meine Todesanzeige vorgestaltet, weil ich dachte, das überlebe ich nicht«.

Vor dem OP-Termin regelt Uwe alles, als gäbe es kein Danach. Er beteiligt einen Mitarbeiter an der Firma, macht ein Testament und bestellt die Zeitung ab. Für Silke kam das nicht infrage. Sie denkt bereits an die Zeit nach dem Eingriff.

Am 13. April ist es dann endlich so weit. Um 7 Uhr wird Silke in den Operationssaal geschoben, um 10 Uhr folgt Uwe. Um 17 Uhr, 10 Stunden später, legen die Ärzte das Operationsbesteck aus der Hand. Es ist geschafft. Nun beginnt die Zitterpartie und das bange Warten. Wird das Organ im Körper angenommen? Kann die Funktionalität hergestellt werden? Wie verkraftet Silke die Entnahme von zwei Drittel ihrer Leber? Die Sterblichkeitsrate in den ersten Wochen ist bei Transplantierten sehr hoch. Uwes Ziel war es, den 49. Geburtstag noch zu erleben.

11 Tage nach der OP ist es so weit. Seinen zweiten Geburtstagstermin hat er nun immer am 13. April.

»Der Pfarrer sagte bei unserer Trauung, ihr werdet ein Fleisch sein«, meint Uwe und lächelt dabei verschmitzt. »Bei uns stimmt das. Ich habe ein Stück Silke in mir.« Die Gebete und Unterstützung von Freunden aus der Kirchengemeinde haben beiden geholfen. Silke findet Halt in der Liturgie. Für Uwe muss es eine gute Predigt sein. Mittlerweile sind über acht Jahre seit der Operation vergangen. Beide müssen sich schonen und passen aufeinander auf.

Uwe ist aktiver Rentner und studiert seit zwei Jahren in Jena Astrophysik. Silke fertigt ihre kunstvollen Blumensträuße und -gebinde von Zuhause aus. »Wir leben heute viel ruhiger als früher und genießen die Zeit, die wir jetzt miteinander haben.« Für sie war die Spende selbstverständlich und nicht der Rede wert. Uwe sieht das anders: »Silkes Lebendspende schafft eine ewige Verbindung. Etwas Größeres kann ein Mensch nicht für einen anderen tun.«

Mit dieser Erfahrung wirbt Uwe Alberti leidenschaftlich und pausenlos für den Organspendeausweis. Silke lehnt den Ausweis ab. Für sie kommt eine generelle Bereitschaft zur Organspende überhaupt nicht in Frage. Sie will nicht ausgeschlachtet werden. Die Vorstellung, dass eine Klinik Geschäfte mit ihren Organen machen könnte, macht sie wütend. Uwe lässt sich davon nicht beirren: »Bitte füllen Sie den Ausweis aus, egal wie.«

Am Vorabend vor dem gemeinsamen Gang ins Krankenhaus haben Silke und Uwe Alberti in ihrem Garten noch eine Pfingstrose gepflanzt. In der chinesischen Gartenkunst symbolisiert die Päonie ein Liebespfand. »Die mickert so vor sich hin«, sagt Uwe und lacht dabei. »Die braucht Geduld und Pflege, wie wir«, meint die Floristmeisterin Silke.

Willi Wild

www.uwe-alberti.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Synodenpräses: Kein Mangel an Kandidaten

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Dieter Lomberg über die bevorstehenden Bischofswahlen

Der Bischofswahlausschuss der EKM bekommt viel Arbeit. Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt wechselt als Landesbischöfin in die Nordkirche. Und in der EKM wird für Landesbischöfin Ilse Junkermann ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht. Dieter Lomberg, der Vorsitzende des Bischofswahlausschusses, antwortet auf die Fragen der Kirchenzeitung:

Mit Pröpstin Kühnbaum-Schmidt verliert die EKM eine profilierte Führungspersönlichkeit. Wie sieht der Zeitplan für die Wahl der Nachfolgerin, des Nachfolgers aus?
Lomberg:
Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt ist nicht nur eine profilierte, sondern auch eine prägende Persönlichkeit. Sie hat viele Anstöße zum Nachdenken gegeben, konstruktive Ideen eingebracht und Dinge kritisch und vor allem theologisch hinterfragt.

Es wird jetzt das in der EKM festgelegte Verfahren beginnen. Der Bischofswahlausschuss wird von mir einberufen, sich konstituieren, eine Findungsgruppe bilden und sich mit Kandidatinnen und Kandidaten befassen, die für das Amt geeignet sind. Am Ende steht dann die Wahl in der Synode. Wann das genau sein wird, kann ich noch nicht sagen.

Hat der Bischofswahlausschuss zur Kandidatensuche für die Nachfolge von Landesbischöfin Ilse Junkermann bereits getagt und gibt es schon Kandidaten?
Lomberg:
Zum Bischofswahlausschuss kann ich nur sagen, er macht seine Arbeit mit großem Engagement, großer Sorgfalt und nach den rechtlichen Vorgaben unseres kirchlichen Rechts.

Wie ist die Lage im Sprengel Halle-Wittenberg? Ist Propst Johann Schneider nach der gescheiterten Kandidatur in Oldenburg dort nun ein Kandidat auf Abruf?
Lomberg:
Er ist selbstverständlich kein Propst auf Abruf! Es ist immer eine Ehre, wenn eine Kirche jemanden für wert erachtet, für ein kirchenleitendes Amt zu kandidieren. Es gehören Mut und Gottvertrauen dazu, sich auf dieses Verfahren einzulassen.

Dieter Lomberg: Präses der Landessynode und Vorsitzender des Bischofswahlausschusses. Foto: Willi Wild

Dieter Lomberg: Präses der Landessynode und Vorsitzender des Bischofswahlausschusses. Foto: Willi Wild

Es spricht doch für die EKM, dass eine Pröpstin und ein Propst von den Wahlausschüssen anderer Kirchen für fähig gehalten wurden, das Amt einer Landesbischöfin bzw. eines Landesbischofs in ihrer Kirche gut ausfüllen zu können. Gott hat für Propst Schneider einen anderen Weg gewählt als für Pröpstin Kühnbaum-Schmidt. Anders als in den weltlichen Organisa­tionen und Unternehmen gibt es in der EKM keinen Grund, an der Loyalität zur Kirche und zum Amt zu zweifeln oder gar danach zu streben, ihn oder sie aus dem Amt zu drängen. Das wäre Unsinn.

Gehen der EKM langsam die Führungskräfte aus? Plädieren Sie eher für Lösungen von außen oder tendieren Sie mehr zu internen Kandidaten?
Lomberg:
Der EKM gehen weder schnell noch langsam die Führungskräfte aus! Wir haben viele Frauen und Männer, die sehr gut geeignet sind, Führungsämter in unserer Kirche zu übernehmen. Wir sehen sehr genau, wer sich für welches Amt wann eignen könnte und eignet. Deshalb gibt es keine pauschale Festlegung auf »außen oder innen« bei der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten. Wir fragen: was und wen will wann Gott in welchem Amt in unserer Kirche?

Kommen für die Ämter auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer infrage oder geht die Suche erst ab Superintendent los?
Lomberg:
Natürlich kommen für die Ämter auch Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer in Frage, wenn sie geeignet sind. Wir haben solche Personen durchaus, und in der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) hat es das auch schon gegeben, dass sie in Leitungsämter gewählt wurden. Ich erinnere an Bischof i. R. Axel Noack.

Ich zitiere einen Superintendenten: Die Anforderungen für die Kirchenleitungsebene seien so hoch, dass sie vermutlich nur von Jesus selbst erfüllt werden können. Warum ist das so?
Lomberg:
Wenn ein Superintendent das meint, frage ich mich, welches theologische Verständnis von den Ämtern der Kirchenleitung dahintersteht. Ich weiß nur aus der Bibel, dass Jesus eine Vielzahl von Menschen berufen hat. Sehen Sie sich die Geschichten dieser Menschen an, dann werden Sie feststellen: Gott beruft nicht die Befähigten, sondern befähigt die Berufenen! Nehmen Sie nur Noah, Mose, Petrus und Paulus. Die haben sicherlich nicht die hohen Anforderungen erfüllt, die sich der von Ihnen zitierte Super­intendent vorstellt, aber sie haben als Werkzeuge Gottes Großes geleistet.

Die Fragen stellte Willi Wild.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Eine geht, einer bleibt

EKM-Regionalbischöfe sind begehrt

Die Regionalbischöfin des Sprengels Meiningen-Suhl, Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, ist neue Landesbischöfin der evangelischen Nordkirche. Die 54-Jährige erhielt bereits im ersten Wahlgang die erforderlichen Stimmen der Landessynode. Kühnbaum-Schmidt wird ihr neues Amt am 1. April 2019 antreten. Sie wird am 10. Juni, Pfingstmontag, im Schweriner Dom in ihr Amt eingeführt. Nach der Abstimmung im Kirchenparlament sagte die Theologin, sie sei dankbar für das große Vertrauen und freue sich auf Schwerin. Schwerin ist Sitz der Landesbischöfin. Aufgabe der nächsten Monate werde sein, ihren Bischofsbezirk in Thüringen »gut und geordnet« zu hinterlassen. Ihren Dienst in der Nordkirche werde sie damit beginnen, erst einmal zuzuhören.

Der Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, Propst Johann Schneider, unterlag im dritten Wahlgang bei der Bischofswahl in Oldenburg Oberkirchenrat Thomas Adomeit. Schneider bezeichnete seine Entscheidung, die Anfrage der Präsidentin der Oldenburger Synode positiv zu beantworten und für die Wahl des Bischofs zu kandidieren, als eine positive Erfahrung. Enttäuscht zeigte sich der Theologe über die seiner Meinung nach »ungleichen Bedingungen« für die beiden Kandidaten.
Nach dem Bekanntwerden seiner Kandidatur im August habe er viele Rückmeldungen aus der EKM bekommen, die einen möglichen Wechsel bedauerten. Umso erfreuter seien diese Menschen, dass er nicht gewählt wurde, so Schneider gegenüber der Kirchenzeitung. »Das erleichtert mir das Hierbleiben, stärkt meine innere Haltung und gibt mir Mut, meinen Dienst mit neuem Elan fortzusetzen.« Er habe viele Ideen, die er gerne mit Menschen guten Willens in der EKM teilen und umsetzen möchte.

(G+H/epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wir sind mehr

14. Oktober 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Es war wieder mal so weit. Pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit haben die Welt­erklärer hüben und drüben den Ist-Zustand der Gesellschaft aus ihrem Blickwinkel beschrieben. Der Osten habe bis heute Demokratiedefizite, heißt es auf der einen Seite. Das sei ein Stereotyp, resultierend aus der Ignoranz und Arroganz des Westens, auf der anderen.

Dazu gesellt sich immer wieder die Behauptung, der Osten sei die gottloseste Region der Welt. Eine Studie aus dem fernen Chicago sollte dazu 2012 den Beweis liefern. Der ehemalige Ministerpräsident von Bayern, Günther Beckstein, sprach jüngst an der ehemaligen innerdeutschen Grenze (Westseite) davon, dass der Osten Deutschlands »weitgehend entchristlicht« sei. Woraus speist sich die Erkenntnis des früheren Synodalen und CVJM-Mitglieds? Woran will man eine gottlose, gottvolle oder bigotte Region erkennen?

Die Zahlen besagen anderes: Jeden Sonntag werden in unserem Verbreitungsgebiet weit über 1 000 evangelische Gottesdienste mit insgesamt durchschnittlich etwa 40 000 Besuchern gefeiert. Knapp 80 000 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich in ihrer Kirchengemeinde vor Ort. Am Wochenende verbanden sich drei Kirchenkreise miteinander, um gemeinsam in Apolda ein friedliches Zeichen gegen Hass und für Feindesliebe zu setzen. Basis waren ein ökumenischer Gottesdienst und Andachten. Das war ein öffentliches Glaubensbekenntnis, wie es Christen bereits in Themar, Mattstedt, Köthen oder anderswo abgelegt haben. So etwas geschieht, Gott sei Dank, in Ost und West und nicht nur sonntags.

Ich bin froh, dass wir Christen im Osten immer noch mehr sind, als viele glauben. Und dass unser Herr auch über dem vermeintlich »kleinen Häuflein« seine schützenden und segnenden Hände hält.

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der grüne Herr Keßner

23. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Porträt: Den Besuchsdienst im Weimarer Klinikum teilen sich zehn Frauen und ein Mann. Rudolf Keßner ist seit einem Jahr begeistert bei der Sache. Das ist aber nicht sein einziges Ehrenamt.

Wer sich mit Rudolf Keßner verabredet, sollte Zeit einplanen. Der 68-Jährige schaut auf ein bewegtes Leben zurück und kann viel und interessant erzählen. Vor einem Jahr hat er seinen grafischen Betrieb in jüngere Hände gelegt. Allerdings bedeutete das nicht, dass er nun seine Hände in den Schoß legt. Der gelernte Schriftsetzer hat sich neben seiner Arbeit eigentlich schon immer ehrenamtlich engagiert.

Vor der Wende war er in der kirchlichen Friedensarbeit aktiv. Für die Kirchentage in Thüringen produzierte er viele Stempel mit der Aufschrift »Frieden schaffen ohne Waffen«. Natürlich war er mit seiner Haltung dem Staat ein Dorn im Auge. Die große Stasi-Akte zeugt davon. Weil er zu den Bausoldaten ging, wurde er während des Studiums exmatrikuliert. Eigentlich wollte der junge Mann mit den vielen Ideen Entwicklungsingenieur werden. Ein bisschen trauert er noch heute den verhinderten Berufschancen nach.

Seinen Kinderglauben, erfahren im christlichen Elternhaus und später vertieft im christlichen Internat der Herrnhuter Brüdergemeine, hat sich Rudolf Keßner bis heute bewahrt. Er sei behütet und weltoffen aufgewachsen. Durch die von Herrnhut ausgehende internationale Missionsarbeit lernt er früh Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kennen. Auf der anderen Seite empfand er das Internat, das damals Kinderheim hieß, als eine beschützende »Käseglocke«, unter der sich der impulsive und kritische Geist gut entwickeln konnte.

Keßner nimmt bis heute kein Blatt vor den Mund. 1968 schloss er sich als Austauschschüler in Prag dem Widerstand an. Mut und Zivilcourage hat er in der DDR und zur Wendezeit bewiesen. Das wird nicht zuletzt in der Anerkennung als Opfer des SED-Unrechtsregimes deutlich. Nach 1989 tritt er zunächst dem Neuen Forum bei.

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Gruppenbild mit Herrn: Rudolf Keßner und die »Grünen Damen« des Sophien- und Hufelandklinikums Weimar (v. l. n. r.) Friederike Prieß, Cäcilia Huhn und Ilse Mäurer. Foto: Maik Schuck

Ein logischer Schritt für den Bürgerrechtler. Später wechselt er zu Bündnis 90/Die Grünen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das sind auch seine Anliegen, in dieser Reihenfolge. Kessner ist mittlerweile der einzige Weimarer Stadtrat, der seit der Wende ununterbrochen dabei ist. Ein bezahltes politisches Amt war nie sein Ziel. Ehrenamtlich hat er damals die Arbeit für Körperbehinderte in der »Aktion Annerose« in Thüringen mit aufgebaut. Selbstverständlich hilft er in seiner Kirchengemeinde mit. Der Gottesdienstbesuch gehört dazu. Die Gemeinschaft ist ihm wichtig: »Mir würde etwas fehlen«, sagt Keßner.

Der Glaube trage ihn auch durch schwere Stunden. Vor 40 Jahren mussten Rudolf Keßner und seine Frau Katharina am 23. Dezember das zweite Kind kurz nach der Geburt zu Grabe tragen. »Können Sie sich vorstellen, wie uns zu Mute war, als im Weihnachtsgottesdienst ›Ihr Kinderlein kommet‹ gesungen wurde?« Die handgedruckte Geburtsanzeige war bereits versandt. Damals hat der Schriftsetzer schweren Herzens eine Trauerkarte gestaltet. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!« stand darauf. Nein, es habe seinem Glauben nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ist sich Keßner sicher.

Auch wenn ihn die Trauer nach der langen Zeit immer mal wieder übermannt. Er habe aber so ein Urvertrauen und fühle sich behütet, wofür auch seine Kopfbedeckung stehe. Ohne Baskenmütze oder Rundkappe geht er nicht aus dem Haus. Das ist sein Markenzeichen. »Wenn ich nicht behütet bin, bekomme ich Kopfschmerzen.« Außerdem sei er, der Herr mit Hut, schließlich in Herrnhut aufgewachsen, schiebt Keßner verschmitzt hinterher.

Wie man den Lebensabschnitt bezeichnen soll, den Keßner vor einem Jahr begonnen hat, ist nicht ganz klar. Bei anderen heißt das Ruhestand. Er will, so scheint es, noch mal durchstarten. Beim Ambulanten Besuchs-, Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Johanniter Unfallhilfe (JUH) hat er einen Kurs besucht und sich zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Und, er ist der einzige Herr bei den »Grünen Damen« im Weimarer Sophien- und Huflandklinikum. Besuchsdienst, das wollte er eigentlich schon immer machen. Früher fehlte dazu die Zeit.

Aber jetzt geht er Dienstagvormittag mit dem Bücherwagen durch die Gänge der Krankenstationen. Kontaktschwierigkeiten hat Keßner nicht: »Ich kann auf Menschen zugehen.« Den grünen Kittel seiner weiblichen Mitstreiterinnen trägt er aber nicht, und mit seiner schwarzen Jacke hielt man ihn auch schon mal für einen Pfarrer. Seitdem wählt er unauffällige Kleidung.

Der Besuchsdienst im Krankhaus gebe ihm sehr viel. Wer möchte, kann sich mit ihm nicht nur über Bücher, sondern über Gott und die Welt unterhalten. Die Patienten seien dankbar und nähmen zum großen Teil das Angebot der »Grünen Damen« gerne an. Leider fehle der jüngere Nachwuchs.

Er will auf jeden Fall weitermachen, schließlich sei der Familienspruch seit über 150 Jahren ja auch so eine Art Verpflichtung: »Mutig vorwärts, gläubig aufwärts, dankbar rückwärts.«

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Warum ich noch dabei bin

7. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Spannungsfeld Kirche: Jahr für Jahr treten Tausende aus der Kirche aus. In einer Studie wurden jüngst die Motive untersucht. Dabei lohnt es vielmehr die zu fragen, die noch dabei sind.

In der Osternacht vor drei Jahren hat Göran Westphal den Entschluss gefasst, aus der Kirche auszutreten. Er hat lange mit sich gerungen. Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass ihn mit der Institution nichts mehr verbindet. Die Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu politischen Themen stören ihn. Er vermisst Mut machende Hirtenworte des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Die Verkündigung des Evangeliums kommt ihm zu kurz.

Auf der anderen Seite engagiert er sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Das tut er gerne und auch nach seinem Austritt weiter. Egal ob beim Kindersamstag oder bei der Vorbereitung des Kirchenkonzerts. Wenn Mitarbeiter gesucht werden, Westphal ist dabei und hilft, wo er gebraucht wird. Es sind die persönlichen Kontakte, die Vertrautheit, die er an seiner Kirchengemeinde schätzt. Mitarbeit und ehrenamtliches Engagement sind für ihn nicht an eine Kirchenmitgliedschaft gebunden.

Die steht für Uta Mittelbach außer Frage. Auch sie sieht die Institution Kirche kritisch. Im Gegensatz dazu gehöre die »lebendige Kirche Gottes, die das Wort verkündet«, zu ihrem Leben. Sie kommt aus einem kirchlichen Elternhaus und engagiert sich, wie Westphal, ehrenamtlich in der Kirchengemeinde. Den Gemeindenachmittag zu organisieren oder im Projektchor mitzusingen, möchte sie nicht missen. »Ich lebe beim Singen geradezu auf«, erklärt sie begeistert. Die Gemeinschaft bedeutet ihr sehr viel. Sie möchte gern ein Feuer des Glaubens in den Herzen der Menschen entfachen und ihre Leidenschaft mit anderen teilen.

Foto: ©stokkete – stock.adobe.com

Foto: ©stokkete – stock.adobe.com

Kirche ist für Gerhard Jahreis nicht allein die Kirchenleitung, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, unabhängig von der Konfession: »Einander lieben können wir nur, wenn wir uns treffen und gemeinsam Gottesdienst feiern.« Er habe vor dem Mauerfall keinen Ausreiseantrag gestellt, so Jahreis, weil er glaubte, »wer ausreist, verlässt nur, aber verändert nicht; außerdem schwächt er die Zurückgebliebenen.« Ähnlich argumentiert er im Zusammenhang mit der Kirchenmitgliedschaft. Der engagierte Kirchenälteste ist sich sicher: »Wer bleibt und sich einbringt, kann verändern.« Gute Anzeichen sieht er etwa bei den Erprobungsräumen der mitteldeutschen Landeskirche, »Zeit zum Aufstehen« (einem Impuls für die Zukunft der Kirche, Anm. d. Red.) oder »Church@Night«, einem Modellprojekt der EKD.

Alle drei Gemeindeglieder betonen unabhängig voneinander die Ortsgemeinde als Keimzelle und Basis der Kirche. Der Schriftsteller und Kirchenkritiker Klaus-Rüdiger Mai (»Geht der Kirche der Glaube aus«) empfiehlt der Kirchenleitung deshalb, alles zu tun, um die Gemeinden zu stärken. Das wünscht sich auch Gerhard Jahreis: »Ich hoffe, dass geisterfüllte Visionäre wirken, die den selbstzerstörerischen Stellenabbau an der Basis stoppen.« Jahreis wirbt für die einladende Gemeinde: »Dort, wo ein lebendiger Leib Christi wabert, fühlen sich Jung und Alt wohl.«

Eine Studie, die das Bistum Essen in Auftrag gegeben hat, fragt erstmals ausführlich nach den Motiven für den Kirchenaustritt. Die Ergebnisse sind vermutlich auch mit anderen Regionen kompatibel. 60 Prozent der Befragten bezweifeln, dass die Kirche Antworten auf ihre Fragen hat. Neben der Kirchensteuer ist die fehlende Bindung der meistgenannte Austrittsgrund. Die Autoren der Studie haben ferner festgestellt, dass Tradition und Spiritualität für viele eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht müssten die bestehenden Angebote nur ansprechender an die Zielgruppe gebracht werden.

Trotz aller Kritik an der Amtskirche will Klaus-Rüdiger Mai der Institution nicht den Rücken kehren. »Nicht Funktionäre, sondern Jesus Christus ist das Haupt der Kirche.« In Anfechtung lese er Giovanni Boccaccios zweite Geschichte aus dem Decameron, das helfe. Der in Staßfurt geborene Mai, atheistisch erzogen, fand erst spät zum Glauben und hat prägend erfahren, dass der Glaube eine Gnade ist: »Paulus ist mir sehr nahe – das sagt alles.«

Willi Wild

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Ausgezeichneter »Gegenstand«

3. September 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Foto: Willi Wild

Foto: Willi Wild

Der Kolumbianer Christian Andrés Parra Sanchez (Foto), Absolvent der Burg Giebichenstein/Kunsthochschule Halle, ist für seine Abschlussarbeit »Gegenstand« gegen Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der heutigen globalisierten Gesellschaft mit dem Herder-Förderpreis ausgezeichnet worden. Der mit 2 000 Euro dotierte Preis wird vom Kirchenkreis Weimar, dem Sophien- und Hufelandklinikum und der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein im Gedenken an Johann Gottfried Herder ausgelobt. Die Preis-
verleihung gehörte zu der alljährlichen Feier zum Herdergeburtstag in der Weimarer Stadtkirche. Festredner war Professor Jan Philipp Reemtsma zum Thema »Herders Problem mit der Geschichte – und das unsere«.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Einer von uns

27. August 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Christ und Unternehmer – geht das zusammen? Konzernchef Friedhelm Loh meint: ja. Willi Wild sprach mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) über Milliarden, Nadelöhre, Strafzölle und Bekehrung.

Es ist Ihnen wichtig, dass Menschen mit dem Evangelium in Berührung kommen. Sie lassen beispielsweise christliche Zeitschriften an Ihre Mitarbeiter verteilen. Woher dieser missionarische Eifer?
Loh:
Ich habe als junger Mann eine Entscheidung getroffen und lebe seitdem mit meinem Glauben an Jesus Christus. Das hat mich stark geprägt.

Wie kam es dazu?
Loh:
Mir hat ein Mensch erklärt, wie es ist, wenn man mit Sünde ein ganzes Leben leben muss. Wenn man all das, was in einem Leben passiert, nicht loswerden kann. Das können Belastungen sein, die Vergangenheit, die einen immer wieder einholt, so dass man nicht die Freiheit hat, nach vorne zu schauen.

Zum anderen gehörte zu diesem Prozess natürlich auch die Perspektive auf ein ewiges Leben. Die Frage: »Was geschieht danach?«, bewegt jeden Menschen. Meine Entscheidung war und ist, mich Gott anzuvertrauen – in der Hoffnung und dem Bewusstsein auf ein ewiges Leben mit ihm.

Ist so eine Entscheidung nicht ungewöhnlich für einen jungen Menschen?
Loh:
Schulderkenntnis ist uns in die Wiege gelegt. Schon ein Kind weiß sehr genau, wann es etwas falsch gemacht hat. Wir haben ein Gewissen und das meldet sich bei Lüge oder Wahrheit.

Es geht darum, ob ich mein Gewissen totschweige oder ob ich versuche, echt und ehrlich zu sein. Jeder kann sich entscheiden, wie er damit umgeht. Das ist keine Frage des Alters.

Welche Rolle spielte dabei Ihr Elternhaus?
Loh:
Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Das sehe ich als großes Privileg an. Meine Eltern haben mir Werte vermittelt und deutlich gemacht, dass das Leben mehr ist als vordergründige Ziele. Das habe ich zunächst nicht so ernst genommen, aber dann doch erkannt, dass es Wahrheit ist.

Ist der christliche Glaube vererbbar?
Loh:
Nein! Aber wir alle orientieren uns an Vorbildern, die uns auf unserem Lebensweg beeinflussen. An erster Stelle stehen mein Elternhaus und die Vorbilder, die ich in der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes in der Bibel kennengelernt habe. Daraus beziehe ich bis heute Hilfe für meinen Alltag.

Meine eigene Familie ist natürlich auch ein wichtiges, kritisches Korrektiv. Außerdem beeindrucken mich Menschen mit Haltung im geistlichen wie auch im säkularen Bereich.

Wer begeistert Sie im säkularen Bereich?
Loh:
Ich denke da zum Beispiel an Persönlichkeiten wie Robert Bosch oder Werner von Siemens, aber auch an junge Start-Ups, Unternehmer mit Ideen, Mut und Risikobereitschaft. Namen sind z. B. Viessmann, Miele oder Trumpf.

Als erfolgreicher Unternehmer sind Sie auch Vorbild. So spenden Sie nicht nur 10 Prozent Ihres Einkommens, sondern auch 10 Prozent Ihrer Zeit. Wie schaffen Sie das?
Loh:
Die ehrenamtliche Arbeit ist mir wichtig und ich sehe darin die Sinnhaftigkeit, die mich erfüllt. Ich sehe darin auch einen klaren Auftrag Gottes an mich. Ich habe viele Möglichkeiten, die andere nicht haben, und damit eine große Verantwortung, aber es ist mir auch eine Freude, diese Gaben und Fähigkeiten einzusetzen.

Jesus hat gesagt: Geht hinaus in alle Welt. Das ist mein missionarisches Anliegen, sowie die Übernahme von sozialer Verantwortung im eigenen Unternehmen und darüber hinaus.

Sehen Sie es auch als einen missionarischen Auftrag an, im entkirchlichten Osten Deutschlands zu investieren?
Loh:
Zunächst waren es betriebswirtschaftliche Gründe, die uns nach Gera führten. Dass sich aus diesem unternehmerischen Engagement auch ein ehrenamtliches Wirken vor Ort, beispielsweise für die Christliche Schule, entwickelt hat, ist Fügung und auch ein Bekenntnis zu diesem Standort.

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Foto: Bert Bostelmann/Bildfolio

Außerdem ist es mir ein Herzensanliegen, gerade in dieser Region dazu beizutragen, dass Menschen eine berufliche Perspektive haben, aber auch eine geistliche durch die Botschaft von Gott dem Schöpfer und Erlöser.

Haben Sie als Freikirchler Berührungsängste mit der verfassten Kirche?
Loh:
Ganz im Gegenteil. Wir haben einen gemeinsamen Auftrag. Die Interpretation geistlicher Inhalte ist an einigen Stellen zwar unterschiedlich, aber das verbindend starke Element ist Jesus Christus und die Aufgabe, den Menschen das befreiende Evangelium zu verkündigen. Da gibt es viel Luft nach oben.

Was können beide Gruppen voneinander lernen?
Loh:
Gemeinschaft unter Christen ist ein Privileg ohne Vergleich. Einmalig! Jesus Christus als der Mittelpunkt verbindet uns miteinander. Deswegen sollten wir das Verbindende mehr suchen als das Trennende.

Wie stehen Sie zum gemeinsamen Symbol der Christen, dem Kreuz, in öffentlichen Gebäuden?
Loh:
Ich freue mich grundsätzlich über jedes Kreuz. Es ist ein Zeichen, dass es Erlösung gibt. Das Kreuz weist auf Jesus hin, der den Himmel verlassen hat und auf diese Erde gekommen ist. Er ist einer von uns. Das ist die zentrale Botschaft. Das ist eine positive und hoffnungsfrohe Aussage.

Außerdem ist das Kreuz eine Erinnerung, dass es mehr gibt als das, was uns jeden Tag bewegt. Der Schöpfergott hat sich nicht abgewandt, sondern wendet sich in Jesus uns zu.

Ob diese Erinnerung nun immer in einer Behörde stattfinden muss, will ich jetzt nicht beurteilen. Ich glaube, wir können nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dass es den Schöpfergott, dass es den Retter Jesus Christus und dass es die Perspektive für die Ewigkeit gibt.

Themenwechsel. Wären Sie als Stahlverarbeiter bei Rittal auch von Trumps Strafzöllen betroffen?
Loh (lacht):
Das Thema musste ja kommen. Wir Deutsche sind aufgeregte Leute. Uns fehlt die Gelassenheit. Ich empfehle zu beobachten, abzuwarten und darüber hinaus eine nüchterne Beurteilung.

Ich bin kein Fan von Herrn Trump. Er hat uns als Europäer aber gehörig aufgeweckt, sodass wir endlich zu einer eigenen Position und einem eigenen Standpunkt in Europa kommen müssen. Das kann nur gelingen, wenn wir Europäer uns verbünden, um auf Dauer politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich unabhängig und eigenständig zu sein.

Apropos Trump. Laut »Forbes«-Magazin haben Sie den US-Präsidenten in der Liste der reichsten Menschen eingeholt. Was bedeutet Ihnen diese Rangliste?
Loh:
Überhaupt nichts. Schließlich kenne ich meine finanziellen Verhältnisse besser als die Macher dieser Liste. Die Menschheit braucht so etwas offensichtlich, aber es ist sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.

Von Jesus stammt das Gleichnis, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr kommen kann als ein Reicher ins Reich Gottes. Da haben Sie ja schlechte Karten oder?
Loh:
Also, erstmal ist das wahr. Wobei ich an dieser Stelle feststellen möchte, dass wir Deutschen im weltweiten Vergleich fast alle reich oder sehr reich sind.
Das Gleichnis gilt für uns alle, nicht nur für die Superreichen. Da steckt viel Lebensweisheit drin.

Je reicher und unabhängiger jemand wird, desto größer ist das Risiko, dass man sich von Gott abwendet und meint, man wäre Herrscher seines eigenen Lebens.
Wenn wir an gesundheitliche, physische oder finanzielle Grenzen kommen, dann erinnern wir uns schnell daran, dass es einen Gott gibt. Dass es da jemanden gibt, der sich um uns kümmert, wenn das Leben nicht mehr so einfach funktioniert.

Wohlstand und Wohlergehen kann für die geistliche Position gefährlich sein, im Sinne dieser biblischen Aussage.

Friedhelm Loh ist ein deutscher Unternehmer, Inhaber und Vorsitzender der Friedhelm Loh Group. Der 72 Jahre alte gelernte Starkstromelektriker und studierte Betriebswirt ist Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Loh steht einer Unternehmensgruppe mit rund 11 600 Mitarbeitern vor. Die Friedhelm Loh Group operiert weltweit. In Gera hat die Gruppe eine Nieder­lassung des Schaltschrank- und Gehäuseherstellers Rittal sowie ein Unternehmen im metallverarbeitenden Bereich gegründet. Friedhelm Loh ist ehrenamtlich im Vorstand des Bibellesebundes engagiert und Stiftungsratsmitglied der Stiftung Volkenroda. Zudem ist er Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien und engagiert sich im Kuratorium der Internationalen Martin Luther Stiftung. Loh ist verheiratet mit Debora Loh. Das Paar hat zwei Söhne und eine Tochter.

www.friedhelm-loh-group.de

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Die Wiege Thüringens

23. Juli 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Mit der Enteignung von Schloss Reinhardsbrunn (Kirchenkreis Waltershausen- Ohrdruf) ist eine Chefsache von Christine Lieberknecht aus ihrer Zeit als Ministerpräsidentin auf der Zielgeraden. Willi Wild sprach mit ihr über Politik und Gipfelkreuze.

Wie haben Sie die Nachricht von der Enteignung aufgenommen?
Lieberknecht:
Am 9. Juli um 11.30 Uhr erreichten mich am Urlaubsort drei Worte: »Da ist er.« Die Kurznachricht kam vomThüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, angehängt hatte er den 37-seitigen Enteignungsbeschluss. Umgehend habe ich ihm geantwortet, dass ich mich sehr freue und die Daumen drücke für die weiteren Schritte.

Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass es dazu gekommen ist. Warum ist Reinhardsbrunn so wichtig?
Lieberknecht:
Reinhardsbrunn ist die Wiege Thüringens. Der Vorgängerbau des Schlosses war das Benediktinerkloster, Hauskloster und Grablege der Thüringer Landgrafen. Reinhardsbrunn ist durch die Hinrichtung der Wiedertäufer auch ein unrühmlicher Ort der Reformation. Auch das sollte nicht vergessen werden. Im 19. Jahrhundert gab es mit dem Gothaer Herzoghaus eine Blütezeit. Königin Victoria von England, die auch als »Großmutter Europas« bezeichnet wird, ist hier wiederholt mit Prinz Albert im Park flaniert. Der denkmalpflegerische und geistesgeschichtliche Wert dieses Ortes ist unbestritten.

Sie haben auch eine persönliche Beziehung zu Schloss und Park. Welche Erinnerungen haben Sie?
Lieberknecht:
Ich kenne Reinhardsbrunn von Kindheit an. Ich komme aus einem Pfarrhaus und meine Eltern haben in Friedrichroda im kirchlichen Erholungsheim Reinhardsberg mit der ganzen Familie Urlaub gemacht. Da gehörte ein Besuch des Schlosses Reinhardsbrunn mit Gondelfahrt auf den Schlossteichen dazu.

Sie sind in Lorenzen in Südtirol im Urlaub. Was schätzen Sie an diesem Ort?
Lieberknecht:
Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in einem ehemaligen Kloster. Von dort aus unternehmen wir Wanderungen. Wir schätzen diese einmalige Landschaft und die Gastfreundschaft. Brauchtum und Moderne ergänzen sich. Vor allem beeindruckt das Miteinander der Generationen. Ich bereite mich hier auch auf eine Wanderung im August vor. Da werden wir von Eisenach nach Detmold laufen, etwa 230 Kilometer.

Hier sind Sie weit weg von dem politischen Geschehen in der Heimat. Mit diesem Abstand betrachtet, wie bewerten Sie den Streit in der christlichen Union?
Lieberknecht:
Es ist eine erbitterte Auseinandersetzung über die Deutungshoheit und die künftige deutsche und europäische Asyl- und Zuwanderungspolitik. Gefragt ist meines Erachtens nicht nur der Masterplan eines Ministers, sondern ein Plan der Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern. Eine gemeinsame Asylpolitik sollte auf den Weg gebracht werden. Derzeit sind noch so viele Fragen offen auf nahezu allen politischen Feldern. Der Streit um einen Punkt nutzt da am Ende keinem etwas. Ich kann da die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz nur dringend unterstützen.

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Christine Lieberknecht vor den Drei Zinnen Foto: privat

Wir haben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg und können nicht so tun, als ob das alles an Europa vorbeiginge. Wir müssen klar-
machen, welchen Beitrag wir zur Gesamtlösung leisten können.

Sie wählen Ihre Worte mit Bedacht. Wie erleben Sie im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte die Verrohung der Sprache?
Lieberknecht:
Jedes Schlagwort behindert Lösungen. Wir haben viel mit Symbolpolitik zu tun, anstatt die Probleme endlich zu lösen, das ist doch gravierend. Wir müssen gesprächsfähig sein, um mit den Menschen gemeinsam die Integration voranzubringen. Das geht nur miteinander. Der Mensch muss an erster Stelle stehen, das ist ganz klar. Und danach muss man auch sein Vokabular ausrichten.

Wird Ihre gemäßigte Stimme noch gehört?
Lieberknecht:
Ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe. Aber wenn ich gefragt werde, sage ich meine Meinung. Ich arbeite mit in der Enquete-Kommission »Auseinandersetzung mit Rassismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung in Thüringen« und bin stellvertretende Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK).

Schließen Sie nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Bündnis Ihrer Partei mit der AfD aus?
Lieberknecht:
Ein Bündnis kann ich mir nicht vorstellen. Ich hatte 2014 vor der Wahl im September klar gesagt, dass es keine Gemeinsamkeit mit der AfD gibt. Damals haben mich Parteifreunde dafür kritisiert. Ich glaube aber, dass diese Kritiker durch das tatsächliche Erleben der AfD gründlich geheilt sind. Mit der AfD kann man keinen Staat machen.

Am 1. Juli haben Sie auf dem Schneekopf gemeinsam mit anderen ein Gipfelkreuz gesetzt. Welche Bedeutung hat das Kreuz im öffentlichen Raum?
Lieberknecht:
Das Kreuz ist von der Gemeinde Gehlberg, vom Ilmkreis mit Landrätin Petra Enders (Linke), vom Thüringer Gebirgs- und Wanderverein mit Unterstützung der Kirche aufgestellt worden. Eine Gemeinschaftsaktion von politischer und kirchlicher Öffentlichkeit mit den Wanderfreunden.

Das Kreuz im öffentlichen Raum ist auch ein Zeichen, dass damit ein Anspruch verbunden ist. Der Staat und seine Diener versehen ihren Dienst in der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Um mit Martin Luther zu sprechen: Dieses Zeichen kann sein, aber es muss nicht. Entscheidend ist, was man im Herzen hat.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


nächste Seite »