Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Plädoyer für das Leben

16. September 2017 von redaktionguh  
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Es war der berührendste Moment bei der »Wahlarena« im Fernsehen. Eine junge Frau, 18 Jahre alt, Erstwählerin, mit Downsyndrom, erklärt, dass neun von zehn Babys mit Downsyndrom in Deutschland abgetrieben werden und dass das bis wenige Tage vor der Geburt geschehen darf. Sie fragt Bundeskanzlerin Angela Merkel, wieso man Babys mit Downsyndrom bis kurz vor der Geburt abtreiben darf. »Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben!« Großer Applaus im Publikum, die Kanzlerin sichtlich bewegt. Sie verweist darauf, dass die Unionsfraktion eine verpflichtende Beratung bei Spätabtreibungen eingeführt habe. Eine Antwort auf die Frage bleibt sie schuldig.

CDU-Fraktionschef Volker Kauder gestand jüngst in einem Interview ein, dass er politisch in Sachen Abtreibung nichts mehr erreichen könne. Die Abtreibungsfrage sei entschieden. Die großen Parteien überlassen das Thema augenscheinlich der AfD. Christliche Lebensrechtsgruppen, die am Wochenende gemeinsam beim Schweigemarsch für das Leben in Berlin für den Schutz des ungeborenen Lebens demonstrieren, werden dadurch politisch in die rechte Ecke gedrängt.

Die Betroffenen, die Eltern, fühlen sich oft alleingelassen. Daran kann vermutlich auch ein Beratungsgespräch oder ein »Marsch für das Leben« nicht viel ändern. Durch den medizinischen Fortschritt ist Früherkennung möglich, aber die Überlebenschancen sind eben auch gestiegen. Geburt oder Abtreibung, wer will das entscheiden?

Die Entscheidung obliegt der Mutter. Es ist an uns, dass wir uns nicht wegducken, sondern den Betroffenen beistehen. Der Mut der jungen Frau in der Fernsehsendung ist bewundernswert. Ihr Plädoyer für das Leben hat mich beeindruckt.

Willi Wild

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Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Die Sonntagsfrage

10. September 2017 von redaktionguh  
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Es sind diesmal nicht die obersten kirchlichen Kreuzträger, die das Symbol der Christenheit fürs Foto abnehmen. Der Discounter Lidl lässt auf den Verpackungen seiner griechischen Spezialitäten die Kirchenkreuze der fotogenen Kulisse der Griecheninsel Santorin entfernen. Feta, Bifteki und Zaziki der Eigenmarke »Eridanous« zeigen zwar die Kuppeln der Kirchen, von denen es auf Santorin wohl 300 gibt, die Kreuze hat man wegretuschiert. »Eridanous« sieht griechisch aus und klingt auch so, ist es aber nicht. Im Englischen steht der Begriff für »erbärmlich« und das trifft auch auf die Erklärung des Konzerns zu. Das Unternehmen
respektiere die religiöse Vielfalt, deshalb habe man bewusst das Design verändert. Für Lidl sei eine religiöse Parteinahme nicht relevant.

Fast wäre auch das sogenannte Kanzlerduell ohne Kirche ausgekommen, hätte nicht Sandra Maischberger etwas unvermittelt die Sonntagsfrage gestellt: »Waren Sie heute in der Kirche?« Unvorbereitet und fast wie ertappte Konfirmanden gestanden beide Kandidaten, im Gottesdienst gefehlt zu haben. Recht viel mehr kam dann nicht mehr zu Kirche und Christentum und wurde auch nicht abgefragt. Mit knapp 60 Prozent stellen die Christen in unserem Land die größte religiöse Gruppe. Und es scheint, als werde sie von Medien und Politik wenig wahr- und vor allem ernst genommen.

Deshalb ist es gut, dass in einigen Kirchengemeinden den Bundestagskandidaten auf den Zahn gefühlt wird, wie beim öffentlichen Podiumsgespräch der evangelischen Jakobsgemeinde in Köthen. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung konfrontieren wir Bewerber für den Bundestag mit Fragen, die uns Christen bewegen. Auf die Antworten bin ich gespannt.

Willi Wild

Wenn die Großnichte mit dem Onkel die Orgel schlägt

8. September 2017 von redaktionguh  
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Liszt-Orgel: Seit fast 40 Jahren engagiert sich G+H-Redakteur Michael von Hintzenstern in Denstedt im Weimarer Land für den Erhalt der Orgel in der Dorfkirche. Willi Wild sprach mit ihm über sein Engagement.

Wie sind Sie auf die Orgel gestoßen?
von Hintzenstern:
Ich bekam 1980 den Auftrag, zu den Thüringer Orgeltagen einen Vortrag über den Weimarer Stadtorganisten, Komponisten und Orgelbautheoretiker Johann Gottlob Töpfer (1791–1870) zu halten, der aus Niederroßla bei Apolda stammt und als wichtigster Orgelbautheoretiker des 19. Jahrhunderts gilt. Er hat ein Lehrbuch der Orgelbaukunst veröffentlicht, das eine Art Bibel für Orgelbauer war. Ein Standardwerk.

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Lisztorgel in Denstedt. Foto: Maik Schuck

Bei der Recherche im Goethe-Schiller-Archiv und in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bin ich auf einen Brief von 1860 gestoßen, den Franz Liszt an seinen »legendarischen Kantor« Alexander Wilhelm Gottschalg schrieb. Darin ist »von ländlichen Orgelexperimenten« in der Kirche in Denstedt die Rede. Ich bin daraufhin mit meinem Trabbi rausgetuckert. Und fand eine Orgel vor, für die sich niemand interessiert hat. Es gab kein Firmenschild. Wir wussten also gar nicht, wer die Orgel erbaut hat. Mein Vater fand dann in einer alten Tageszeitung eine Dankanzeige der Gemeinde Denstedt an die »edlen Stifter«. Ihr war zu entnehmen, dass die Orgel von den Gebrüdern Peternell aus Seligenthal (Schmalkalden) nach einer Disposition von Prof. Töpfer erbaut wurde. Geadelt ist das Instrument dadurch, dass sich Franz Liszt mehrfach dort aufgehalten hat, um »Orgelconferenzen« mit Gottschalg und sogenannte »Privatkonzerte« für das »sehr gewählte Publikum aus der nahen Residenzstadt« (Gottschalg) durchzuführen. Also, wir haben da einen hundertprozentig originalen Liszt-Klang, deswegen ist Denstedt ein ganz besonderes Orgeldenkmal.

Aber warum ausgerechnet Denstedt?
von Hintzenstern:
Die Denstedter Kirche war das ideale Quartier. Liszt kam von der Altenburg in Weimar, hielt in Tiefurt, lud Gottschalg ein, dann haben die sich mit der Kutsche nach Denstedt fahren lassen. Dort waren sie ungestört. Die Dorfjugend freute sich, denn Liszt gab dem Bälgetreter einen Taler. Das war also ein gutes Geschäft. Liszt und Gottschalg haben sich mit Orgelwerken verschiedener Epochen beschäftigt. Liszt hat für die Denstedter Orgel beispielsweise zwei Bach-Bearbeitungen geschaffen und Töpfer gewidmet.

Wie fanden Sie 1980 das vergessene Instrument vor?
von Hintzenstern:
Der Zustand der Kirche war schlecht. Vor allem der Turm war baufällig. Damit wurde dann auch bei der Instandsetzung begonnen, denn die Orgel steht direkt am damals einsturzgefährdeten Turm. Zwölf Jahre später, 1992, war die Kirche vollständig restauriert.

Welche Hindernisse hatten Sie da zu überwinden?
von Hintzenstern:
Eine Schwierigkeit war, dass Baubilanzen fehlten. Ich habe versucht, für Öffentlichkeit zu sorgen, um auf die offiziellen Stellen etwas Druck ausüben zu können. So habe ich Stargeiger Yehudi Menuhin angeschrieben, der Ehrenpatron der englischen »Liszt Society« war. Er hat gleich 5 000 Mark für Denstedt gestiftet. Dadurch konnte ich sagen: Lord Yehudi Menuhin wird bald nach Thüringen kommen, um zu sehen, was mit seinem Geld passiert ist. Eine Enkeltochter Gottschalgs hat eine Eingabe an Erich Honecker geschickt. Am Ende hat es nicht sehr viel gebracht.

Kam der angekündigte Besuch Yehudi Menuhins zustande?
von Hintzenstern:
Leider nicht. Es war mehrfach geplant. Kurz vor seinem Tod dirigierte er noch in Leipzig und sollte anschließend nach Denstedt kommen. Der Besuch wurde aber kurzfristig abgesagt. Er war ein wichtiger Impulsgeber und fand es auch sehr schön, dass wir uns um die Liszt-Orgel kümmern.

Konnte die Orgel bei der Kirchensanierung mit berücksichtigt werden?
von Hintzenstern:
Anfang der 1990er-Jahre gab es eine erste Teilrestaurierung, die aber eher eine Generalreparatur war. Zum Liszt-Jahr 2011 konnten wir die Orgel vollständig restaurieren lassen. Dabei hatten wir die Unterstützung vieler weltberühmter Organisten.

Was fasziniert Sie an dem Instrument?
von Hintzenstern:
Ich finde es spannend, dass der Zukunftsmusiker Franz Liszt in dieser Dorfkirche Klangexperimente durchgeführt hat. Als ich die Orgel das erste Mal gesehen habe, stellte ich fest, dass es an den mechanischen Registerzügen Bleistiftstriche gab, wie ich sie aus der experimentellen Spielpraxis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kannte. Dass man die Register nicht vollständig herauszieht, sondern nur zu 25 oder 50 Prozent, um Zwischenklänge zu erzeugen. Ich dachte mir, dass das vermutlich nicht der Dorforganist gemacht hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach war das Franz Liszt. In der alten Orgelmusik, z.B. bei Frescobaldi in Rom, gab es schon den Versuch, mit einem nicht vollständig gezogenen Register solche Schwebeklänge zu erzeugen.

Denstedt war für mich in der DDR auch eine Art Spielwiese, da ich in dieser Kirche frei schalten und walten konnte, was in Weimar nicht so einfach war. Da gab es immer gewisse Animositäten gegenüber der Neuen Musik, bis hin zu Spielverboten. Deswegen wurden die Tage Neuer Musik auch 1988 in Denstedt begründet. Inzwischen freuen wir uns auf das 30. Festival! Damals haben wir für Furore gesorgt mit einem Programm zum 60. Geburtstag des BRD-Komponisten Karlheinz Stockhausen: 22 Kompositionen, darunter sechs DDR-Erstaufführungen, alles an drei Tagen.

War Stockhausen selber auch mal da?
von Hintzenstern:
Zunächst kam sein Sohn Markus, ein genialer Trompeter. 1992 betrat der Meister anlässlich einer Aufführung seiner Komposition »Unbegrenzt« höchstselbst die Kirche. Es hat ihn sichtlich bewegt, den Ort zu besuchen, wo seine in der DDR tabuisierte Musik gespielt wurde.

Gibt es neben dem künstlerischen auch einen geistlichen Aspekt?
von Hintzenstern:
Ja, einen sehr starken sogar. Liszt, der in erster Linie als Klaviervirtuose wahrgenommen wurde, war ein tief religiöser Mensch. Sein erstes Werk in Weimar war eine Messe für Männerchor und Orgel. Sein Orgelschaffen umfasst zehn Bände! Liszt überlegte sogar, ein Luther-Oratorium zu schreiben. Ein ganz ökumenischer Aspekt. Auch bei Stockhausen findet sich ein ausgeprägtes religiöses Denken. Er betonte, dass alle seine Werke geistliche Musik seien.

Neue Musik ist mitunter schwere Kost. Wie ist es Ihnen gelungen, Kinder einzubeziehen und zu begeistern?
von Hintzenstern:
Ein wunderbarer Zufall. Ich bin bei meinen Recherchen auf Liszts einziges Kinderlied gestoßen, ein Text Hoffmann von Fallerslebens. Nach einem erfolgreichen Kinderkonzert habe ich ein Veranstaltungsformat entwickelt, mit dem Titel: »Orgelkonzert für Kinder, Puppen und Teddybären«. Da konnten Kinder ihre Spielgefährten mitbringen.

Ich habe auf der Orgel Tänze gespielt, zu denen die Kinder ihre Puppen tanzen ließen. Dabei konnte ich unmittelbar erklären, wie die Orgel funktioniert. Ich habe das Bild von der »Königin der Instrumente« gebraucht, die Kinder durften selber in die Tasten greifen. Das ist jetzt auch bei meiner Großnichte ein ganz großer Wunsch. Der Impuls geht weiter. Und das finde ich toll.

30. Tage Neuer Musik in Weimar, 20. bis 28. Oktober unter dem Motto: »Konzert-Installa­tionen – Installations-Konzerte«

www.lisztorgel.de

Offenheit braucht Zeit

1. September 2017 von redaktionguh  
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Das große Ziel: 95 Prozent der Kirchen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sollen im Reformationsjahr offen sein, so der Wunsch der Kirchenleitung. Was ist daraus geworden?

Mehr als 4 000 Kirchen gibt es in der EKM. Und all diese Gotteshäuser sollten innerhalb des Reformationsjubiläumsjahres zu offenen Kirchen werden. So die Idee der Landeskirche. »Das Ziel, was ich angegeben habe – 95 Prozent geöffnete Kirchen Ende 2017 –, werden wir bestimmt nicht erreichen«, stellt Landesbischöfin Ilse Junkermann heute fest. Ein Fazit, das für viele Begleiter der Ini­tiative »Offene Kirchen« ernüchternd ist. Dennoch glaubt Junkermann, dass in den vergangenen Monaten ein Stein ins Rollen gekommen ist, der – auch wenn es längere Zeit brauchen wird – doch ins Ziel treffen werde. Die Zahl 95 ist für Junkermann vor allem eine symbolische: »Sie steht dafür zu sagen, dass die Mehrheit geöffnet ist«, erklärt Junkermann. Nach der neuesten Erhebung sind derzeit 1 000 Gottes­häuser in der EKM »offene Kirchen«. »Laut der Umfrage, die wir vor einem Jahr gemacht haben, waren zwölf Prozent der Kirchen geöffnet. Heute sind es mit 1 000 ein Viertel. Das bedeutet eine Verdopplung«, so Junkermann. Bis heute, so glaubt die Landesbischöfin, habe sich in den Gemeinden viel verändert, denn das Herumdrehen des Schlüssels und das Öffnen der Türen sei nicht nur ein äußerer Vorgang. Ihm entspreche eine innere Haltung, betont die Landesbischöfin.

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen.  Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin  Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Kapellendorf: Die Türen der Kirche von Kapellendorf (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) stehen schon lange offen. Besucher der historischen Wasserburg Kapellendorf können auch die Kirche besichtigen. Ein Angebot, das gern und viel genutzt wird – auch Landesbischöfin Ilse Junkermann machte davon Gebrauch. Foto: Willi Wild

Das Thema »Offene Kirchen«, so der Wunsch der Kirchenleitung, solle alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der EKM beschäftigen. Was heißt überhaupt »offene Kirche«? Dafür haben die Kirchengemeinden unterschiedliche Antworten gefunden. Die einen öffnen 24 Stunden, andere nur im Sommer, wieder andere nur von Donnerstag bis Sonntag. Die gängige Praxis ist mit zahlreichen Kirchenältesten diskutiert worden. Denn die Kirche öffnen zu wollen, wirft praktische Fragen auf: Wer soll öffnen und wie oft? Was geschieht mit der kostbaren Ausstattung? Was passiert im Schadensfall?

Viele Gemeindeglieder hatten und haben Bedenken. Das weiß auch die Landesbischöfin. Vor allem die Befürchtung, in der Kirche könnte etwas gestohlen oder beschädigt werden, kennt sie. »Man muss Ängste ernst nehmen, man kann sie nicht zerstreuen. Es gibt die Möglichkeit einer Versicherung, auch wenn eine Entschädigung wertvolles Kunstgut nicht ersetzen kann.« Laut Junkermann wurden in der EKM in den vergangenen acht Monaten 160 Versicherungen für offene Kirchen abgeschlossen. Vandalismus und Zerstörung seien sicher schlimm, dennoch solle man sich in den Kirchengemeinden mit der Frage auseinandersetzen, was wichtiger sei: »die Botschaft und die Offenheit für andere oder unser Besitz, unser Haben?«

Mit der Botschaft Jesu Christi und geöffneten Kirchen ein Willkommensangebot auch an die senden, die bisher nicht den Weg in eine Kirche gefunden haben, das war und ist die Idee hinter den »offenen Kirchen«. Ausgangspunkt dabei sei das starke Bedürfnis vieler, in einem Kirchenraum still zu werden, innezuhalten und in dieser besonderen Atmosphäre den Weg zu sich und zu Gott zu suchen. Dieses Bedürfnis hätten Gläubige wie Nichtgläubige, ist sich die Landesbischöfin sicher. Und während Kirchenmitglieder in der Regel wüssten, wo und wie sie mit Gott in Verbindung treten könnten, kann der freie Zutritt zu einer Kirche eine Brücke für Kirchenferne sein.

Die Landesbischöfin bekräftigt: »Die Botschaft einer verschlossenen Tür kommt an. Ich denke, dass sich viele Kirchenälteste dessen gar nicht bewusst sind, dass es sich hier um eine negative Botschaft handelt.« Die Kirchen öffnen und mit niederschwelligen Angeboten die Menschen einladen, das müsse das Ziel für die Zukunft sein. In diesem Jahr sei aber auch die Erkenntnis gewachsen, dass dieses Ziel nicht in kurzer Zeit erreichbar sein wird.

Diana Steinbauer

www.ekmd.de/service/offenekirchen

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von redaktionguh  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Man müsste mal

13. August 2017 von redaktionguh  
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Die Idee war und ist klasse. Gesunde besuchen Kranke und tun ihnen Gutes. Die Anregung dazu bekam Brigitte Schröder in den USA von den »Pink Ladies«. Der Grundgedanke ist aber schon in der Bibel zu finden. Dort ist zwar nicht von den Grünen Damen die Rede, aber vom Dienst am Nächsten. In Matthäus 25 Vers 40 heißt es: »Ich war krank und ihr habt mich besucht.« Die Präambel der Grünen Damen und Herren. Apro­pos Herren. Von den 9 000 Ehrenamtlichen in 600 Krankenhäusern und Altenhilfe-Einrichtungen sind nicht einmal 10 Prozent Männer.

Die Arbeit der Grünen Damen wird zu Recht hoch gelobt. Oft sind es Männer, die die Arbeit öffentlich würdigen. Da kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass damit der fehlende eigene Einsatz kompensiert werden soll. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Wie oft schiebt man den Mangel an Zeit und Möglichkeit vor. Im erwähnten Bibelvers geht es nicht nur um den Besuchsdienst. Das Geschlecht und die Farbe des Kittels spielen in diesem Zusammenhang auch keine Rolle. Kleiderkammer, Gefangenen-Betreuung, Kollektendienst im Gottesdienst oder Putzkolonne im Gemeindehaus. Oft bleiben wir bei »man müsste mal« stehen.

Wollte ich nicht bei der Freitagsmusik des Posaunenchores im Krankenhaus mitwirken? Wöchentlich zieht eine kleine Gruppe Blechbläser von Station zu Station und spielt Choräle auf den Gängen. Entweder kam etwas dazwischen oder ich habe es schlicht vergessen. Das will ich ändern. Der nächste Termin steht fest im Kalender. Brigitte Schröder hat sie vorgelebt, die praktische Nächstenliebe. Oder wie es der Sozialreformer Johannes Falk ausdrückte: »Die Predigt ist keine Tat, wohl aber die Tat eine Predigt.«

Willi Wild

Wir sind »intensiv evangelisch«

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Die 122. Allianzkonferenz in Bad Blankenburg ist die erste für Ekkehart Vetter als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA). Willi Wild sprach mit ihm über Einheit, Konflikte, Reformation und Thüringer Bratwurst.

Herr Vetter, Sie stehen einem Verband vor, der als Mitbegründer der Pfingstbewegung in Deutschland gilt, und man bezeichnet den Mülheimer Verband auch als einen Zusammenschluss evangelikal-charismatischer Gemeinden, was bedeutet das?
Vetter:
Der Begriff »evangelikal« ist umstritten, je nachdem, was man damit verbindet. »Evangelikal« kommt von Evangelium. Die Bundeskanzlerin hat einmal gesagt, das seien Menschen, die intensiv evangelisch sind. Das ist zwar keine theologische Definition, aber durchaus zutreffend. Also Menschen, denen es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes.

Charismatisch kommt vom griechischen Charisma und meint Gnadengabe. Da geht es um Menschen, die besonders nach dem Heiligen Geist fragen und um geistliche Erlebnisse mit dem Heiligen Geist bitten. Beides zusammen ergibt dann diese evangelikal-charismatische Mischung. Der Mülheimer Verband ist übrigens eine Freikirche, die anderen Freikirchen evangelischen Bekenntnisses sehr ähnlich ist.

Bislang war die Allianzkonferenz in Bad Blankenburg keine charismatisch geprägte Veranstaltung, sondern ein klassisches Glaubensfest. Wollen Sie das ändern?
Vetter:
Wir sind als Evangelische Allianz zusammen unterwegs und haben gemeinsame geistliche Ziele. Die unterschiedliche Prägung und Glaubensstile stehen nicht im Vordergrund. Als Konferenzgemeinde sollten wir nicht auf vielleicht unterschiedliche Prägungen schauen, sondern wo wir gemeinsam hinwollen.

Wer oder was ist die Evangelische Allianz überhaupt?
Vetter:
Sie ist 1846 in England gegründet worden, und die deutschen Teilnehmer an dieser Gründungskonferenz haben sich darauf verständigt, diese Bewegung auch nach Deutschland zu bringen. Heute handelt es sich um eine globale Bewegung. Früher nannte man das einen Bruder- oder Geschwisterbund von evangelischen Christen. Heute sprechen wir von einem Netzwerk evangelisch gesinnter, dem Evangelium verpflichteter Christen.

»Evangelisch« in unserem Namen ist eben keine konfessionelle, sondern eine inhaltliche Aussage. Darum sind wir natürlich auch ökumenisch. Auch katholische Christen fühlen sich hier und da der Allianz zugehörig. Wir haben eine gemeinsame Glaubensbasis.

Wozu braucht es diese Allianz, wenn im Prinzip unter Christen Glaubenskonsens herrscht?
Vetter:
Die Evangelische Allianz hat fünf Ziele: Wir wollen die Einheit unter Christen fördern. Wir wollen Bibelbewegung und Gebetsbewegung sein. Wir wollen Mission und Evangelisation in unserem Land fördern. Und wir wollen gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und öffentlich für die biblische Ethik einstehen, von der wir überzeugt sind, dass sie nicht nur für Christen verbindlich ist, sondern auch für das Miteinander in einer Gesellschaft hervorragende Grundsätze liefert.

Um die Einheit innerhalb der Leitung der Evangelischen Allianz stand es in der jüngeren Vergangenheit nicht zum Besten. Bei den Themen Umgang mit Homosexualität oder Bibeltreue gab es deutlich Dissens und sogar eine Abspaltung. Wie wollen Sie hier wieder die Einheit herstellen?
Vetter:
Sie haben noch ein paar andere kontroverse Themen vergessen: Der Klassiker ist das Thema Taufe, überhaupt das Sakramentsverständnis, das Gemeindeverständnis.

Wir sind uns in der Allianz längst nicht in allen Fragen einig. Darum geht es aber auch gar nicht. Wir wollen gemeinsame Ziele fördern. Über strittige Fragen diskutieren wir miteinander und suchen nach gemeinsamen Positionen.

Die Evangelische Allianz ist keine Kirche. Wir wollen Gemeinsamkeiten betonen, ohne die unterschiedlichen Prägungen zu verleugnen. Abspaltungen von der Allianz gab es übrigens keine.

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Ekkehart Vetter auf der Terrasse des Allianzhauses in Bad Blankenburg. Foto: Willi Wild

Die Allianz-Gebetswoche ist die zentrale Veranstaltung, zu der unterschiedliche Gruppen, Gemeinden und Kirchen zusammenkommen. Welche Bedeutung hat das Gebet in unserer aufgeklärten Welt?
Vetter:
Ich weiß, dass ganz viele Menschen beten. Oft fehlt der Zugang zu den kirchlichen Formen. Hier brauchen wir größere Flexibilität. Es gibt in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Kontakt mit Gott. Ich habe mal eine Anhalterin mitgenommen. Als ich sie fragte, ob sie bete, sagte sie: Na klar, jeden Morgen und jeden Abend. Zu Kirche hatte sie praktisch keinen Bezug.

Wir sollten uns um Formen bemühen, die für Menschen zugänglich sind. Das Gebet ist eine Lebensäußerung von uns Christen. Auch Skeptiker und Zweifler wenden sich an Gott mit ihren Fragen.

Ist Meditation die attraktivere Alternative zum Gebet?
Vetter:
Es gibt sicher Schnittmengen. Man kann gut biblische Texte, Psalmen meditieren. Psalmen sind uralte Gebete. Gebete können auch gesungen werden. Ich denke an Taizé-Gesänge oder die Lieder der charismatischen Bewegung.

Gebete in den unterschiedlichen Formen sind eine Herzensangelegenheit. Nehmen Sie die Gospelmusik. Da wird zigmal die gleiche Liedzeile wiederholt. Aber viele freuen sich, wenn der Chor vorne steht. Wir brauchen mehr Emotionen im Glauben. In anderen Ländern scheint das den Menschen schon in die Wiege gelegt.

In Kirche und Medien werden die Evangelikalen oft in eine politisch rechte Ecke gesteckt. Wie gehen Sie damit um?
Vetter:
Ich denke, da muss man differenzieren. Rechtspopulistische oder gar rechtsradikale, fremdenfeindliche Äußerung passen nicht zu einer wertkonservativen, evangelikalen Lebenshaltung. Beispielsweise haben wir bereits vor der großen Flüchtlingswelle die Schrift »Fremde willkommen« verabschiedet. Wir orientieren uns an der Bibel und dort ist eindeutig die Rede von Fremdenliebe und nicht Fremdenhass. Das ist unser Maßstab.

Wie stehen Sie zur AfD?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist ein Netzwerk. Wir fragen keine politische Gesinnung ab und sind nicht dazu da, politische Parteien als Ganzes zu werten. Wer sich auf der Basis des Evangeliums bewegt, ist herzlich willkommen. Wer Werte außerhalb biblischer Normen vertritt, wird von uns Widerspruch, aber gern auch Dialog angeboten bekommen, unabhängig von Parteienzugehörigkeit.

Meine Stimme bekommt die AfD nicht. Es gibt aus dem AfD-Kontext viel zu viele hochproblematische Äußerungen zu unterschiedlichen Themen.

Welches Verhältnis haben Sie als Vertreter einer Freikirche zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?
Vetter:
Die Evangelische Allianz ist seit jeher eine Gemeinschaft von Christen, die verschiedenen Kirchen und Werken angehören. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Maßgeblich ist die Bereitschaft, gemeinsam geistliche Anliegen zu bewegen.

Ihr Vorgänger Michael Diener hatte es als Mitglied des Rates der EKD sicher leichter.
Vetter:
Er gehört ja nach wie vor zum Hauptvorstand der Evangelischen Allianz und hat nach wie vor viele Möglichkeiten, unsere Themen und Inhalte an verschiedenen Stellen einzubringen. Er war ja nicht Mitglied des Rates der EKD und hat dann die ehrenamtliche Leitungsaufgabe bei uns angenommen, sondern es war umgekehrt. Und wegen der damit verbundenen Fülle von Aufgaben hat er dann bei uns sein Leitungsamt niedergelegt.

Ich glaube, dass das Miteinander der Christen unabhängig von den Funktionen klappen muss.

Das Thema der Allianzkonferenz ist »reform.aktion«, in Anlehnung an 500 Jahre Reformation. Was haben Sie als Freikirchler mit Luther am Hut?
Vetter:
Na, wir sind auf dem Boden der Reformation. Wir sind Kinder und Enkelkinder der Reformation. Dabei bitte ich auch zu bedenken: Bei aller Wertschätzung von Martin Luther – er war ja nicht der einzige Reformator. Reformatorisch ist nicht einfach gleich lutherisch. Da gab es und gibt es eine viel größere konfessionelle reformatorische Breite.

Freikirchler gestalten ihre Theologie und Praxis oft eher in einer reformierten Tradition. Aber die vier Soli der Reformation – solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide – sind in den Freikirchen ebenso bestimmend und prägend. Es geht uns an der Stelle weniger um Reformation, sondern um die geistlichen Inhalte.

Bei der Allianzkonferenz geht es inhaltlich um Texte aus dem Römerbrief. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Vetter:
Das Motto »reform.aktion« klingt vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es umschreibt den Schwerpunkt: Was wird denn konkret aus den in Römer 1–8 aufgezeigten theologischen Grundlagen in unserem persönlichen Leben, aber auch in der Haltung zu Israel, in der Einstellung zu unserem Staat oder im Blick auf das Miteinander der Christen?

Ist die Evangelische Allianz reformbedürftig?
Vetter:
Sicher. Wir sind alle immer reformationsbedürftig. Wir müssen uns mehr um junge Leute bemühen. Das gilt sicher für die Konferenz, aber auch weit darüber hinaus, nämlich für die circa 1000 Orte in Deutschland, wo sich Christen unter der Überschrift »Evangelische Allianz« treffen. Wir müssen uns auch über die Zukunft der Allianzkonferenz und ihre Ausrichtung Gedanken machen. Geistliches Leben lässt sich nicht einfach vererben.

Hundert Jahre lang ist das Konzept aufgegangen. Ist die Allianzkonferenz ein Auslaufmodell?
Vetter:
Das intensive Arbeiten an und mit der Bibel ist und bleibt ein wesentliches Markenzeichen der Allianz. Es kann nicht zur Debatte stehen. Aber das befreit uns natürlich nicht davon, immer wieder neu zu überlegen, wie und in welcher Form wir das in Zukunft tun wollen und können und Menschen damit angesteckt werden.

Inwieweit kennen Sie sich als gebürtiger Norddeutscher mit den Gepflogenheiten im Thüringer Wald in Bad Blankenburg aus?
Vetter:
Thüringer Bratwurst ist ein Muss. Ich habe familiäre Bindungen in den Osten, allerdings eher nach Sachsen. Bereits zu DDR-Zeiten war ich regelmäßig im Großraum Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Durch meine häufigen Aufenthalte im Evangelischen Allianzhaus bin ich mit den regionalen Besonderheiten im Thüringer Wald vertraut.

Gehört im Reformationsjahr dazu: Ihr Lieblings-Luther-Zitat?
Vetter:
»Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.«

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?
Vetter:
Ich will meinen Beitrag leisten, die Einheit der Christen voranzutreiben, aus mindestens zwei Gründen: Erstens hat Jesus dafür gebetet! Wenn es ihm ein so starkes Anliegen war, dann muss es für mich auch ein sehr wichtiges sein. Und zum Zweiten können wir Christen die Herausforderungen in unserer Zeit nur gemeinsam schultern.

Ekkehart Vetter studierte Evangelische Theologie in Hamburg und war ab 1983 zunächst Vikar und dann Pfarrer in Stade. 1993 wurde er Hauptpfarrer der Christus-Gemeinde in Mülheim an der Ruhr, die zum Mülheimer Verband Freichristlich-Evangelischer Gemeinden gehört, dessen Präses er seit 2003 ist. Zwischen 2011 und 2014 war Vetter im Vorstand der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Vetter gehört seit 2004 dem Vorstand der DEA an, seit 2012 war er deren 2. Vorsitzender. 2017 trat er die Nachfolge von Michael Diener im Amt des Vorsitzenden an. Vetter ist der erste Allianzvorsitzende aus der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung. Er ist seit 1978 mit seiner Frau Sabine verheiratet. Das Paar hat sechs Kinder und elf Enkel. (G+H)

Ein weltlich Ding

8. Juli 2017 von redaktionguh  
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Der Bundestag hat entschieden. Insgesamt stimmten 393 Parlamentarier mit Ja, 226 mit Nein. Danach können künftig homosexuelle Paare genauso heiraten wie Mann und Frau. Eine demokratische Entscheidung des Parlaments. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begrüßt in seiner Stellungnahme das Votum. Weiter heißt es: »Die Bedeutung der Ehe zwischen Mann und Frau wird dadurch keineswegs geschmälert. Im Gegenteil – sie wird noch einmal unterstrichen.« Das sehen naturgemäß nicht alle Protestanten so.

Nach Luther ist die Ehe ein »weltlich Ding«. Das evangelische Eheverständnis ist davon geprägt. Von jeher versteht man darunter das geregelte Zusammenleben zwischen Mann und Frau. Die Ehe ziele vor allem auf die Gründung einer Familie, ist in der Agenda einer Landeskirche zur kirchlichen Eheschließung zu lesen. »Und schuf sie als Mann und Frau«, heißt es in 1. Mose 1, Vers 27 und in Vers 28: »Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.« Dass die biblische Grundordnung kein Maßstab für die Mehrheit des Bundestages ist, erstaunt nicht. Für die EKD sollte sie das schon sein, glauben nicht nur Evangelikale.

»Versöhnen statt spalten« – dieses Motto verbindet sich mit dem politischen Leben von Johannes Rau. Das wünschen sich nicht wenige von ihrer Kirche. Mit ihrer Stellungnahme polarisiert die EKD und grenzt aus, wo sie doch genau das Gegenteil im Sinn hat. Der Rat der EKD ist die öffentliche Stimme der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er vertritt die Interessen von 20 Landeskirchen mit insgesamt 22 Millionen Gemeindegliedern. Und die können eigentlich mehr erwarten als die uneingeschränkte Zustimmung zur »Ehe für alle«.

Willi Wild

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