Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Gottes Rote Karte für Grüne Gentechnik?

17. April 2016 von redaktionguh  
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Kontroverse: Pro und Kontra Gentechnik – Kirche sollte differenzieren

Mit »Plaste und Elaste«, Düsenjets, Kernkraft und industrieller Landwirtschaft blickten wir in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in eine verheißungsvolle Zukunft. Mit Forschung und Technik waren Heilserwartungen verbunden, die sich am Ende nicht erfüllten.

Offensichtlich ist die in der jüngeren Vergangenheit entwickelte Vision einer durch Wissenschaft und Technik zügig genesenden Welt falsch. Zum einen gelangten wir zu der Erkenntnis, dass Technik insbesondere durch nicht kalkulierte Fernwirkungen nur unzureichend beherrschbar ist. Zum anderen entwickelte sich Widerstand gegen eine zum Allgemeingut gewordene Erwartung an das menschliche Leben, die sich mit der Erfüllung materieller Wünsche erschöpfte. Der Philosoph Hans Jonas sprach in seinem Buch »Das Prinzip Verantwortung« von der Notwendigkeit, Ehrfurcht, Staunen und Bescheidenheit wieder zu erlernen. Insbesondere im kirchlichen Raum wurde und wird ein alternativ einfacher Lebensstil kommuniziert und praktiziert. Damit begann auch eine Debatte über Chancen und Risiken moderner Wissenschaft und Technik. Die im Kontext einer Agrargesellschaft niedergeschriebene Bibel kann uns allerdings nur begrenzt bei einer ethischen Bewertung moderner Technologien zur Seite stehen. Sie mutet uns vielmehr ein abstraktes Spannungsfeld zwischen Unterwerfung der Schöpfung einerseits und deren Bewahrung andererseits zu.

Insbesondere bei der Bewertung der Gentechnik erweist sich dieser duale Verhaltenskodex als schwierig. Die Gentechnik umfasst verschiedene Verfahren, mit denen in das Erbgut von Organismen gezielt eingegriffen wird. Bei der Weißen Gentechnik werden gentechnisch optimierte Enzyme und Mikroorganismen zur Herstellung von Bioethanol, Hormonen, Waschmitteln usw. eingesetzt. Die Rote Gentechnik ermöglicht Anwendungen in der Medizin, Tiermedizin und Pharmazie. Mehr als 130 verschiedene Medikamente einschließlich Insulin werden heute so hergestellt.

Insbesondere die Grüne Gentechnik, bei der gezielt einzelne Gene in das pflanzliche Erbgut eingebaut werden, ist als Protagonistin eines naiven Fortschrittsglaubens und eines sich humanistisch tarnenden Profitstrebens grundsätzlich stigmatisiert. Auch die evangelische Kirche hat sich entschieden: Die Grüne Gentechnik sei nicht notwendig, birgt angeblich unkalkulierbare Risiken für die menschliche Gesundheit in sich, zerstöre das ökologische Gleichgewicht und vernichte kleinbäuerliche Existenzen in den Entwicklungsländern. Diesen pauschalen Annahmen widersprechen nahezu alle Pflanzengenetiker. Viele Molekularbiologen, die sich als Christen bekennen, stehen für eine Revision der ethischen Bewertung der Gentechnik. Sie sehen keine Legitimation ihrer Kirche für eine behauptete »Rote Karte« Gottes für die Grüne Gentechnik, verleugnen aber auch nicht die jeder Technik innewohnende Ambivalenz. So, wie jeder Hammer ein äußerst nützliches Werkzeug ist, kann dieser auch als Mordwaffe verwendet werden. In diesem Sinn ist es falsch, die Grüne Gentechnik per se als »gut« zu bezeichnen, genauso jedoch, sie generell zu dämonisieren.

Schäden für Mensch und Tier?

Der kirchliche Einwand ist richtig, dass Risiken für Mensch und Tier bei Anbau und Nutzung von gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen nicht ausgeschlossen werden können. Doch dieses gilt für jede andere Kulturpflanze auch. So mussten in der Vergangenheit einige, durch herkömmliche Züchtung entwickelte Sorten aus dem Verkehr gezogen werden, da diese toxische Wirkung zeigten.

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Foto: LeitnerR – fotolia.com

Um ein hohes Maß an Verbraucherschutz zu gewährleisten, investierte die Europäische Union seit 1982 über 300 Millionen Euro in Forschungsprojekte, um mögliche Risiken besser abschätzen zu können. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass gv-Pflanzen keine »größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen«. Dagegen kommunizieren NGO (Nichtregierungsorganisation) nahe Einrichtungen konträre Ergebnisse: So erkrankten angeblich Ratten nach der Fütterung mit gv-Lektin-Kartoffeln, erlitten Mäuse durch gv-Erbsen einen Defekt ihres Immunsystems und wurden Kühe, Marienkäfer und Florfliegen durch gv-Mais vergiftet. Auch das Bienensterben soll eine direkte Folge des Anbaus von gv-Pflanzen sein. Diese und ähnliche schwerwiegende Behauptungen hielten einer kritischen Überprüfung durch Dritte nicht stand.

Unkontrollierte Verbreitung von gv-Pflanzen?

Richtig ist, dass eine ungewollte Verbreitung und auch Auskreuzungen von Kulturpflanzen stattfinden können, egal ob sie nun konventionell gezüchtet oder gentechnisch verändert sind. In geringem Umfang werden solche Vermischungen auch beobachtet und durch Isolationsabstände zwischen benachbarten Feldern minimiert. Die öffentliche Dramatisierung einer ungewollten Verbreitung von gv-Pflanzen beruht allerdings auf der Annahme einer – nicht nachgewiesenen – besonderen Gefährlichkeit der Produkte der Grünen Gentechnik.

Überflüssig für Bekämpfung des Hungers?

Derzeit sind zwei Milliar­den Menschen unter- bzw. mangel­ernährt. Dabei geht es bei der Bekämpfung des Hungers nicht nur um die notwendige Zufuhr an Kalorien durch pflanzliche und tierische Produkte, sondern auch um die Überwindung des »stillen Hungers«, nämlich des erheblichen Mangels an Vitaminen, Spurenelementen und Aminosäuren in den Hauptnahrungsmitteln. Entwicklungen wie die des »Golden Rice«, einer mit Provitamin A angereicherten Reispflanze, können dazu beitragen, dass sich Menschen in den asiatischen Entwicklungsländern vollwertiger ernähren und nicht Hunderttausende von Kindern erblinden. Auch der Welternährungsgipfel 2009 in Rom hat einen spürbaren Beitrag der Grünen Gentechnik zur Welternährung eingefordert. Dazu gehört ein erleichterter Zugang zu patentgeschützten Produkten oder solchen, die sich Entwicklungsländer aus anderen Gründen nicht leisten können. Bestehende Abhängigkeiten von Konzernen – die im übrigen auch für konventionelles landwirtschaftliches Saat- und Pflanzgut bestehen – müssen reduziert werden, um die von den UNO-Staaten proklamierten Ziele zur Welternährung zu erreichen. Züchtungserfolge können selbstverständlich nicht eine gerechtere Weltwirtschaft ersetzen.

Die Flut von Veröffentlichungen mit Pro- und Kontra-Argumenten zur Grünen Gentechnik (siehe unter anderem: Reinhard Szibor – Memorandum zur Verantwortung der Kirchen hinsichtlich des Themenkreises Grüne Gentechniker und Brot für die Welt: Es ist genug für alle da, Aufruf 50) erschwert selbst einem gebildeten Zeitgenossen eine Meinungsbildung.

Differenzierte Sichtweise geboten

Wie sollten sich die Kirchen bei dieser speziellen wissenschaftsethischen Frage positionieren, wenn ihnen die eigene Kompetenz zur Bewertung fehlt? Bislang haben sich die Vertreter unserer Kirchen auf die Befunde NGO–naher Einrichtungen verlassen. Die Bevorzugung von Forschungsergebnissen von »alternativen« Einrichtungen ist nach der Erfahrung einer staatlich gewollten Technikgläubigkeit der zurückliegenden Jahrzehnte nachvollziehbar, aber auf Dauer nicht fortschreibbar. Nur eine unabhängige und seriöse Forschung ist geeignet, die Öffentlichkeit über gv-Pflanzen zu informieren. Erst auf dieser Grundlage ist eine Bewertung möglich. Sollten wissenschaftliche Ergebnisse einander widersprechen, sind diese im Zweifelsfall unter kontrollierten Bedingungen zu verifizieren. Christen dürfen die Grüne Gentechnik als ein Instrument der von Gott empfohlenen Unterwerfung der Erde verstehen. Ob bei ihrer Nutzung die Schöpfung bewahrt wird oder nicht, kann nur im Einzelfall auf der Basis einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung entschieden werden. Dies bedeutet, dass die Grüne Gentechnik nicht per se als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Den Kirchen ist der Mut zu wünschen, sich einer Korrektur der von der EKD formulierten grundsätzlichen Ablehnung der Grünen Gentechnik zu öffnen.

Eberhard Brecht

www.ekd.de/agu/themen/gentechnik.html

Der Autor ist promovierter Physiker und war unter anderem am Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR beschäftigt. Bis 1989 war er parteilos. Im September 1989 trat er in das Neue Forum ein und engagierte sich hier als Mitinitiator der Bürgerrechtsbewegung in Quedlinburg. Im Dezember 1989 trat er in die SPD ein. Der ersten frei gewählten Volkskammer gehörte er vom 18. März bis zum 2. Oktober 1990 an. Bei den Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag konnte er 1990 in den Deutschen Bundestag einziehen, dem er bis zum 30. Juni 2001 angehörte.

2001 wurde Eberhard Brecht zum Oberbürgermeister der Stadt Quedlinburg gewählt und am 2. März 2008 in seinem Amt bestätigt. Am 30. Juni 2015 schied Brecht aus Altersgründen aus und trat daher zur Wahl am 22. März 2015 nicht mehr an.


Hintergrund

Immer dann, wenn mit Hilfe besonderer Verfahren die Erbinformation der Lebewesen analysiert, die Träger einer bestimmten Erbinformation, die Gene, isoliert und auf andere Lebewesen übertragen werden, sprechen wir von Gentechnik. Dabei wird häufig unterschieden zwischen der »Grünen Gentechnik«, der Anwendungen bei Pflanzen und Lebensmitteln, der »Roten Gentechnik«, der Anwendung in der Medizin und der »Weißen Gentechnik«, der Anwendung in der Produktionstechnik. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, direkt in die Erbanlagen von Lebewesen einzugreifen, deren räumlichen Kontext willkürlich zu verändern und sogar einen Austausch von Genen über die natürlichen Artgrenzen hinweg vorzunehmen. Durch die Gentechnik erfolgt eine völlig neue Eingriffstiefe in die Grundlagen des Lebens, wobei die Zeitspannen, in denen Veränderungen erzielt werden, gegenüber der Evolution wesentlich verkürzt sind.

Dies führt zu neuen Herausforderungen in der Wissenschaft, deren ethische Beurteilung auch in den Kirchen als wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen wird.

Die Kampagne »Keine Gentechnik auf Kirchenland« der kirchlichen Umweltbeauftragten führte zu zahlreichen Beschlüssen zum Umgang mit der Gentechnik auf kirchlichem Pachtland.

Reli unterm Halbmond?

9. Februar 2015 von redaktionguh  
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Thema: Der Staat muss Lehrprogramme für Religionsunterricht kontrollieren

Ist islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen möglich? Die Gesellschaft muss sich dieser Frage stellen.

Das Thema wurde jetzt in Thüringen laut: Der Erfurter Imam Abdullah Dündar hat eine Diskussion über einen islamischen Religionsunterricht in Thüringen angestoßen. »Wir stehen als Kirchen insgesamt einem islamischen Religionsunterricht offen gegenüber«, sagt Albrecht Steinhäuser. Der Oberkirchenrat ist Beauftragter der evanglischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt. Auf der einen Seite müssten die Islamverbände bei der Lehrplanentwicklung beteiligt sein, auf der anderen gehe kein Weg an der Aufsicht des Staates vorbei.

»Ich sehe darin einen geeigneten Weg für junge Muslime, den eigenen Glauben auch im Kontext anderer Religionen kennenzulernen«, so Steinhäuser. »Langfristig wird an dem Thema kein Weg vorbeiführen.« Aber es gibt so manche Schwierigkeiten, ganz unabhängig von der Frage, wie sich der Bedarf entwickelt. Der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bodo Seidel aus Niedersachswerfen im Kirchenkreis Südharz, sieht vor allem im Wissenschaftsverständnis ein großes Problem. »Der Wissenschaftskonsens des Abendlandes ist dem Islam fremd«, sagt der promovierte Theologe. Theologische Wissenschaft ist kritisches Denken und messe sich an der Überprüfbarkeit der Methode.

Muslimische Kinder in der Schule. Wie kann ein Religionsunterricht an staatlichen Schulen für sie aussehen? Foto: Jasmin Merdan – fotolia.com

Muslimische Kinder in der Schule. Wie kann ein Religionsunterricht an staatlichen Schulen für sie aussehen? Foto: Jasmin Merdan – fotolia.com

»Für uns ist Lehre methodenorientiert, das Bekenntnis ist glaubensorientiert. Auf dem Wege über Reformation und Aufklärung kommt es in der Kirche zu einer kritischen Synthese von Wissenschaft und Glauben. Sie führt aber nicht zur Identität beider Größen«, so Seidel. Wesentliche Hauptströmungen des Islams sind von einem vergleichbaren Wissenschaftskonsens weit entfernt – mit wenigen Ausnahmen. Es sei doch die Frage, ob die islamischen Körperschaften, die den Religionsunterricht mitgestalten sollen, auch die Wissenschaftsausrichtung an einem Lehrinstitut (Uni) mittragen können.

In Münster zum Beispiel gibt es eine entsprechende Ausbildung für islamische Theologen und Religionslehrer. Dort wurde 2010 der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide als Professor berufen. Allerdings, so ist in einem Artikel auf Spiegel-online vom März 2014 zu erfahren, wird seine liberale Theologie von Islamverbänden inzwischen abgelehnt.

Auf der anderen Seite wird der Bekenntnisunterricht vorwiegend in Moscheen gehalten. Islam als Lehrfach aber heißt: Die Öffentlichkeit kann und darf wissen, was als gelehrt wird. Deshalb sieht Bodo Seidel die Notwendigkeit, einen islamischen Religionsunterricht aufzubauen, dessen Lehrprogramme durch öffentlich-rechtliche Stellen kontrolliert werden. Eine entsprechende Ausbildung von Religionslehrern sei die Konsequenz. Und das könnten keine Imame sein, die aus der Türkei kommen.

Die islamischen Gemeinden in Thüringen und Sachsen-Anhalt sind sehr verschieden aufgestellt, schätzt Seidel ein. So sei die Erfurter Ortsgemeinde in der Presse nicht selten kritisch dargestellt worden – wegen ihrer Sicht auf den Salafismus. Ähnlich die muslimische Gemeinde in Nordhausen. In Städten wie Jena, Halle, Magdeburg oder Dessau seien die muslimischen Gemeinden deutlich liberaler. Für Dessau bestätigt das Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch. Man sei schon mit Konfirmanden in der Moschee gewesen, der Imam, ein sehr offener Muslim, habe sich den Fragen der Jugendlichen gestellt. Trotzdem hat sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen nicht ernst genommen und mit ihnen nicht auf Augenhöhe verhandelt wird. In Dessau habe es noch keine Anfragen wegen eines islamischen Religionsunterrichts gegeben. »Wir sollten den zweiten Schritt nicht vor dem ersten gehen«, betont die Theologin.

Die Thüringer Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) äußert sich in einem Interview mit einer Tageszeitung zum Gespräch bereit, wenn die Gemeinden auf sie zukämen. Doch sie betont ebenfalls die Notwendigkeit der staatlichen Kontrolle, der Ausbildung von Lehrern an deutschen Hochschulen und einer liberalen Theologie.

Dietlind Steinhöfel