Unterstützung in der Stadt

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Hospiz für die Lutherstadt soll in einem halben Jahr fertig sein

Das Ende des Wartens auf ein statio­näres Hospiz in der Lutherstadt rückt näher: Am 16. Oktober nehmen nach Auskunft von Werner Weinholt die ersten Handwerker ihre Arbeit auf. Zum Ende des ersten Quartals 2018 ist mit der Fertigstellung zu rechnen: Dann könnten die ersten Schwerstkranken in die Räume auf dem Gelände des evangelischen Krankenhauses Paul Gerhardt Stift in Wittenberg einziehen.

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Weinholt ist leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie, die auch den Löwenanteil der Kosten trägt. Diese sind – entsprechend der Veränderungen in der ursprünglichen Planung – gestiegen: von 750 000 Euro auf 1,3 Millionen. Denn statt der geplanten acht sollen zehn Gästezimmer eingerichtet werden, dazu ein Wohlfühlbad, ein Raum der Stille, eine Wohnküche für Angehörige und Gäste. Zudem sei ein halbes Stockwerk hinzugekommen in eben jenem einstigen Bettenhaus, in dem das stationäre Hospiz entsteht. Nicht steigen soll laut Weinholt der Eigenanteil von 250 000 Euro. Um den aufzubringen, war mit Bekanntgabe der Hospizpläne für Wittenberg eine Spendenkampagne gestartet worden. Aktuell sei ein »Spendenvolumen von 200 000 Euro überschritten«. Weinholt sagt, die Beträge kamen von Privatpersonen ebenso wie von Vereinen und Firmen und lagen zwischen 2,50 Euro und 50 000 Euro. Die stattliche Großspende stammt von dem Wittenberger Chemieunternehmen SKW Piesteritz; die Firma unterstützt immer wieder örtliche Einrichtungen, zum Teil mit Beträgen in Größenordnungen.

Erstaunt zeigt sich Werner Weinholt indes auch über die vielen Gespräche, die sich ergeben haben, wenn es um das Hospiz und damit um die Erweiterung bereits vorhandener ambulanter Angebote in Wittenberg ging. Beeindruckend ist die Tatsache, wie schnell man seit den ersten Überlegungen im Jahr 2015, ein stationäres Hospiz in Wittenberg zu etablieren, über die Gründung eines Freundeskreises im Februar 2016 unter der Schirmherrschaft des inzwischen verstorbenen Propstes Siegfried T. Kasparick bis zum Start der Kampagne im März vorigen Jahres dem Spendenziel schon nahegekommen ist.

Die Spendenaktion soll 2018 fortgeführt werden. Nächster Termin ist jetzt erst einmal eine Veranstaltung zum Baubeginn: Dazu wird am 14. Oktober ins Foyer des Paul Gerhardt Stifts eingeladen. Von 11 bis 15 Uhr kann sich die interessierte Öffentlichkeit informieren lassen, es besteht die Möglichkeit, die Räume des künftigen Hospizes anzuschauen. Der feierliche Baustart mit Versenkung einer Zeitkapsel ist für 12 Uhr anberaumt.

Corinna Nitz

www.pgdiakonie.de

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Nach »Mach dich ran« geht es nun los

18. September 2017 von redaktionguh  
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Eichholz: Kirchensanierung startet nach dem Erntedank-Gottesdienst

Groß war die Freude in Eichholz über den Gewinn von 125  000 Euro Fördermitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland in der MDR-Sendung »Mach dich ran« vor zwei Jahren; groß aber auch die Sorge, weitere 125 000 Euro an Eigenmitteln zusammenzubringen, um den Gewinn abzurufen. In diesem Herbst kann Pfarrer Albrecht Lindemann nun melden: »Es sieht gut aus, wir werden die Summe wohl zusammenbringen.«

Bereits nach dem Erntedankgottesdienst (1. Oktober, 14 Uhr) wird die Sanierung der baufälligen Feldsteinkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert beginnen. Zunächst wird eine Apsis neu gemauert, dann die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erweiterung abgetragen und die Kirche auf ihr ursprüngliches, mittelalterliches Maß zurückgebaut. Anschließend werden das Dachtragwerk und die Decke des Kirchenschiffes abgerissen, Risse in der Fassade saniert, der Innenraum gestaltet sowie die Elektroinstallation, der Eingang und die Fenster erneuert. Die Sanierung der Kirche am Lutherweg wird durch das Zerbster Ingenieurbüro Götz geleitet. Die künstlerische Gestaltung hat Professor Johannes Schreiter übernommen.

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Viel private Unterstützung gibt es für die Eichholzer Kirchengemeinde. Die von der Schönebecker Manufaktur von Heinrich Tognino gefertigten Stifte aus Eichholzer Kirchenholz fanden viele Abnehmer, jeder siebte Euro fließt in die Kirchensanierung, bislang kamen so 2 000 Euro Spenden zusammen. Kürzlich hat die Kirchengemeinde zudem eine Lutherskulptur des Berliner Künstlers Harald Birck geschenkt bekommen. Der Maler und Bildhauer fertigte 2010 für das Wittenberger Luther-Hotel eine 2,20 Meter große Figur des Reformators. Neben dieser Bronzestatue entstand eine Reihe von Bildern und Skulpturen, viel beachtet und beschrieben in einem Sammelband von Autoren wie Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und Frank-Walter Steinmeier. Als spielerisch bezeichnet Birck seine Arbeitsweise bei der Suche nach dem eigenen Lutherbild, »mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd … eben lebendig«.

Der Dortmunder Unternehmer Ulrich Schwarz, der die Sanierung der Eichholzer Kirche anlässlich seines 65. Geburtstages bereits mit einer Spende von 10 000 Euro gefördert hatte, sah nun in Dortmund die Wanderausstellung »Bilder von Luther« von Birck, nahm kurzentschlossen Kontakt auf und erwarb die aus Ton gefertigte Plastik für Eichholz. »Meine Frau und ich fühlen uns Eichholz durch unsere Familie sehr verbunden«, begründet Ulrich Schwarz sein Engagement. »Wir genießen die Schönheit der Landschaft und die Gemeinschaft der Menschen. Gern tragen wir etwas bei«, so Schwarz.

»Als Kirchengemeinde sind wir für dieses Geschenk und die Unterstützung, die wir von vielen Seiten erfahren, sehr dankbar. Ob Martin Luther selbst hier war, wissen wir nicht«, sagt Maren Gabriel, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. »Reisende auf dem Lutherweg treffen zukünftig in unserer Kirche aber auf einen einmaligen Luther.«

(G+H)

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Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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Vater der Lieder – Martin Luther und die Musik

28. August 2017 von redaktionguh  
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Wittenberg: 12. Renaissance Musikfestival startet Kartenvorverkauf und feiert Reformator

Das Wittenberger Renaissance Musikfestival präsentiert vom 20. Oktober bis zum 5. November 13 Konzerte, 11 Kurse für Instrumentalspiel und Tanz, einen historischen Ball sowie eine Instrumentenausstellung im Alten Rathaus. Sowohl internationale Spitzenkünstler als auch selten zu erlebende Instrumentalvirtuosen gastieren vor großartiger Kulisse und bereichern das ohnehin sehr dichte Kulturprogramm in der Reformationswoche mit musikalischen Hochgenüssen.

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Martin Luther war ein kunstsinniger, musikalischer und geselliger Privatmensch. Diese Seiten seines Charakters waren prägend für das Wesen und Wirken der Reformation und letztendlich für die Entwicklung der Kirchenmusik. So verwundert es nicht, dass Festivalleiter Thomas Höhne den Reformator als den »Vater der Lieder« ins Zentrum seines diesjährigen Programms stellt und daran erinnert, wie lebensnotwendig die Musik für den Theologen war. Er komponierte, dichtete, sang und spielte selbst Laute. Musik als wirksames Mittel gegen Sorge, Trauer und Hass waren für ihn untrennbar mit der religiösen Praxis verbunden. Luther vertonte zahlreiche Psalmen, komponierte regelrechte Ohrwürmer, die dazu dienten, Glaubenstexte zu verinnerlichen, und führte letztendlich den deutschsprachigen Gemeindegesang im Gottesdienst ein.

Mit Pauken und Trompeten, sprich in großer Besetzung, wird die Wittenberger Hofkapelle – als gastgebendes Ensemble des Festivals – in diesem Jahr erstmals das Eröffnungskonzert gestalten. Für ihren Leiter Thomas Höhne, der es 2006 gründete, war es wichtig, auf die reiche regionale Musiktradition zu verweisen und diese zu zelebrieren.

Um nah bei Luther zu bleiben, verkörpern Gesang und das Musizieren auf der Laute den roten Faden des Programms. Dabei vermitteln das renommierte Calmus Ensemble, die Sänger von VocaMe, der Kinderchor der Oper Leipzig, der Tenor Johannes Weiss, der Chor der Valparaiso Universität aus Indiana (USA) und die Sopranistin Julla von Landsberg vielfältige Beispiele für die berührende Kraft des Gesangs.

Mit der Lautten Compagney, dem Leipziger Barockorchester und den Solisten Rolf Lislevand, Lorenz Duftschmid und Christoph Sommer kehren international gefeierte Virtuosen der Lautenmusik zurück.

Erstmals präsentiert das Festival mit dem Potsdamer Ensemble I Confidenti auch Musiktheater. Mit Maskenspiel, Chören und Instrumentalmusik bieten sie in »Dolcissima Speranza« ein Mysterienspiel dar, das Luthers Lieder mit Kompositionen von Schütz und Monteverdi verbindet. Besonders ist hierbei, dass das Bühnenbild der Produktion unter Mitwirkung von Schülern des Wittenberger Melanchthon-Gymnasiums entsteht und das Orchester mit Schülern besetzt ist.
(G+H)

www.wittenberger-renaissancemusik.de

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von redaktionguh  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


»Luther« ist weithin zu hören

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

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Pop-Oratorium: Ein Köthener Projektchor probt seit Monaten für den großen Auftritt in Wittenberg. In einer Woche ist es so weit.

Martina Apitz, die Kirchenmusikdirektorin der Köthener Jakobsgemeinde, liebt die Herausforderung. Und dieses Projekt ist eine. »Jedes große Oratorium«, gesteht sie, »ist eine Herausforderung.« Ein Weihnachtsoratorium mindestens genauso wie dieses Pop-Oratorium »Luther«, das sie derzeit mit einem Chor von Laien einstudiert. Immer mittwochs ist Probe in der Köthener Jakobskirche. Und dann ist das »Luther« weithin zu vernehmen.

Ende August haben die Köthener in Wittenberg an der Schlosskirche ihren großen Auftritt und dürfen zeigen, was sie können. Martina Apitz, die den Projektchor leitet, geht von ungefähr 500 Sängern aus, inklusive der etwa 25 aus Köthen. Dort dabei zu sein, sei für die Jakobsgemeinde, sagt sie, »ein besonderer Höhepunkt« im Jubiläumsjahr der Reformation.

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Endsport: Bald enden die Proben mit Kirchenmusikdirektorin Martina Apitz in der Jakobskirche. Dann werden die Köthener in Wittenberg Teil eines 500-köpfigen Chores. Foto: Heiko Rebsch

Im Frühjahr lädt Martina Apitz zur ersten Probe ein. Zunächst trifft man sich im Gemeindesaal, mittlerweile in der Jakobskirche. »Luther, Luther, wer ist Luther, Martin Luther?« Das ist es, worauf das Oratorium künstlerisch und musikalisch Antworten gibt. Es erzählt von Luthers Wirken, bis hin zu den Auswirkungen auf die heutige Zeit. Martina Apitz freut sich, dass sich ein generationsübergreifender Projektchor zusammenfindet, der das Thema offensichtlich spannend findet. Zehn Jahre sind die Jüngsten, Anfang 60 vermutlich die Ältesten.

So kurz vor dem großen Auftritt sind noch nicht einmal alle Soli besetzt. Die Rolle des Martin Luther indes schon. Den Reformator singt der in Köthen praktizierende Arzt Andreas Schütte. Pfarrer Horst Leischner übernimmt die Rolle des Paulus, Wolfram Hädicke die des Philipp Melanchthon. »Das ist schon etwas Besonderes«, lobt Hädicke, der wie Leischner Pfarrer der Jakobsgemeinde ist, das Vorhaben. Er glaubt: »Es wird nicht viele Gemeinden in der Region geben, die das wagen.« Dank Martina Apitz ist die Jakobsgemeinde Teil dieses spannenden Projektes. Was ihn, Wolfram Hädicke, besonders freut: »Es gibt Leute«, und damit meint er allen voran sich selbst, »die haben sogar ein Solo und nicht einmal Gesang studiert.« Er lacht und stellt sich auf zur Probe.

Das will Martin Wolff, 19, gern noch tun – Gesang studieren. Bis es so weit ist, nimmt er Unterricht und singt, wo und wann immer es Gelegenheiten dazu gibt, wie derzeit im Köthener Luther-Projektchor. Dafür kommt er sogar aus Halle in die Bachstadt zu den wöchentlichen Proben.

Auch die Köthenerin Uta Schramm ist dabei, »weil wir einfach gerne singen«. Und Elke Gutschlich, die sich das Pop-Oratorium zuvor im Internet angesehen und angehört hat – und begeistert war. »Alle haben geschwärmt.« Deshalb wollte sie die Chance nicht versäumen: »Wenn so etwas schon in der Nähe ist, kann man es doch mal ausprobieren«, sagt sie und freut sich auf den Auftritt am 26. August in Wittenberg.

Sylke Hermann

www.luther-oratorium.de

Initiator des Pop-Oratoriums »Luther« ist die Stiftung Creative Kirche. Unterstützt wird sie dabei von der Evangelischen Kirche Deutschland. Für das 500. Reformationsjubiläum schrieben Michael Kunze und Dieter Falk das Pop-Oratorium. Uraufführung war am 31. Oktober 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle – mit einem Symphonieorchester, einer Band, professionellen Musicaldarstellern und einem Chor, bestehend aus 3 000 Sängerinnen und Sängern. Nun ist das Pop-Oratorium auf Tournee. Zum Beispiel in Wittenberg, wo es am 26. August 2017, 19 Uhr, an der Schlosskirche eine große Aufführung unter freiem Himmel geben wird. Einen Tag später tritt der Köthener Projektchor damit beim Gemeindefest in der Köthener Jakobskirche auf (16 Uhr). (syh)


Heilige Schrift im Bild

14. August 2017 von redaktionguh  
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Weimarer Kinderbibel eine Woche in Wittenberg

Mitteldeutsch-2-32-2017Unter dem Motto »Bild und Bibel« steht die 13. Themenwoche der Weltausstellung Reformation vom 16. bis 21. August in Wittenberg. Besucher können alte Ikonen und neue Icons entziffern, mit Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kommen, über Bilderverbote diskutieren und vieles mehr.

Mit dabei ist im Bugenhagenhaus die Weimarer Kinderbibel, geschrieben und gestaltet von Kindern.

Mit inzwischen sechs Staffeln kann das Projekt der Kinderbibel einen Erfolg vorweisen, der beim Start im Jahr 2012 nicht abzusehen war. Im Lauf der Jahre haben sich über 500 Kinder aus Weimar und anderen Orten in Thüringen beteiligt.

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Kinder des ersten Jahrganges der Weimarer Kinderbibel blättern im fertigen Exemplar. Foto: Maik Schuck

Bei der Themenwoche in Wittenberg anwesend ist auch die Ideengeberin, die promovierte Sprachwissenschaftlerin Annette Seemann. Die von Frank Nolde kuratierte Ausstellung im Bugenhagenhaus zeigt ausgewählte Geschichten und Gestaltungen aus den sechs Jahren Projektarbeit mit Kindern der Klassenstufen vier bis sieben. Hinzu kommen Fotos vom Entstehungsprozess der Kinderbibeln und natürlich die Bibeln selber.

Ebenfalls im Bugenhagenhaus präsentiert sich unter dem Thema »Kirchliche Kunst im ganzen Land« die 1999 gegründete Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut.

(G+H)

Literarische Gesellschaft Thüringen (Hrsg.): Weimarer Kinderbibel. Geschrieben und gestaltet von Kindern: Erlesene Geschichten und Bilder, Wartburg Verlag, 168 S., ISBN 978-3-86160-278-1, 14,90 Euro

https://r2017.org/nc/weltausstellung/programm/kalender

Der Vater der »Rechtschreibung«

14. August 2017 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Der Sprachreformer und Poet Philipp von Zesen aus Anhalt besang seine Heimat und das Vaterland in tausend Versen. Zu Lebzeiten war er eher als Dichter erfolgreich.

Bin ich schon in Amsterdam bei den schönen Amstelinnen/Denk’ ich dannoch immerzu an die lieblichen Mildinnen. Werd’ ich lüstern schon gemacht durch der Amsteltöchter Spiel:

Dannoch bist du solcher Lust/liebstes Prirau/einigs Ziel. […] Aber was verzieh’ ich noch einen Wunsch zu guhter letzte Dir zu schenken/dir/ach! dir/das mich ehmals so ergetzte/Dir/mein Askre/Tespe/Päst/dir das recht ich nennen mus/Liebstes Prirau/dem ich hier geben diesen Liebeskus?«

Das Herz des Anhalters schlägt höher, vernimmt er diese Zeilen. Dabei lag dieses Priorau, das hier besungen wird, im Jahr ihrer Veröffentlichung (1680) gar nicht in Anhalt, sondern in einer kursächsischen Enklave südlich von Dessau.

Der Dichter, auf den diese Zeilen zurückgehen, stand 1680 im 61. Lebensjahr und war einer der meistgelesenen Literaten. Philipp von Zesen wurde 1619 in Priorau als Sohn eines Pfarrers geboren. Nach dem Schulbesuch in Halle veröffentlichte er noch während des Studiums in Wittenberg erste poetologische und poetische Werke. Früh wurde seine Innovationskraft deutlich, indem er dem Daktylus, einer antiken Grundform der Versbildung, zum »Revival« verhalf.

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

Das Geburtshaus: Anders als die Kirche ist das Pfarrhaus in Priorau, wo Philipp von Zesen 1619 zur Welt kam, erhalten geblieben. Foto: Lutz Sebastian

1643 gründete Zesen in Hamburg die »Deutschgesinnte Genossenschaft«, eine standes- und geschlechterübergreifende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache. Heute ist er wegen seiner Bemühungen um die Verdeutschung von Fremdwörtern ein Begriff: Zwar ist der vielzitierte »Gesichtserker« anstelle der »Nase« nicht von ihm, und seine Verdeutschung des Wortes »Pistole« als »Meuchelpuffer« hat sich ebenso wenig durchsetzen können wie der »Jungferzwinger« anstatt des Frauenklosters, aber immerhin gehen »Rechtschreibung« statt »Orthografie«, »Anschrift« statt »Adresse«, »Besprechung« für Rezension und »Freistaat« für Republik auf ihn zurück.

In seiner Zeit war Zesen vor allem als Dichter erfolgreich; auch als Übersetzer französischer und englischer Romane machte er sich einen Namen. Seine Hauptwohnorte waren Hamburg und Amsterdam. Dass er 1649 in die Fruchtbringende Gesellschaft, die größte und älteste Sprachakademie Deutschlands mit Sitz in Köthen, aufgenommen wurde, lag auch daran, dass er 1648 nach Priorau zurückgekehrt war und sich am Hof in Dessau als Gesellschafter aufhielt. Fünf Jahre später wurde Zesen von Kaiser Ferdi­nand III. geadelt. Schon 1541, also mit 22 Jahren, hatte er das Gedicht »Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne« veröffentlicht. Es steht unter Nr. 444 im EG.

Manches an der Barockdichtung erscheint uns fremd und umständlich, und Zesens eigenwillige Reformvorschläge blieben schon damals nicht ohne Kritik. Heute ist die Forschung sich jedoch einig, dass seine Poetik mithalf, eine »geschmeidige deutsche Literatursprache« zu schaffen (Ferdinand van Ingen), ohne die die klassische Dichtung kaum denkbar wäre.

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

Die Kirche von Priorau: Sie wurde erst 1817 erbaut. Nur wenige Ausstattungsstücke erinnern an die Zeit, als Philipp von Zesen hier lebte. Foto: Lutz Sebastian

»Prirau oder Lob des Vaterlandes« – so lautet der Titel des 1 000 Verse umfassenden Gedichts – ist ein patriotisches Werk. Aber dieser Patriotismus ist keiner, der sich selbst genügt oder andere herabsetzt, sondern er steht in eben diesem Kontext einer ideellen Aufwertung deutscher Kultur. Dem Gedicht fügte Zesen einen Anmerkungsapparat hinzu, der in der Erstpublikation viermal so lang war wie das Gedicht. Im Haupttext werden der Reichtum und die Schönheit einer vermeintlich unbedeutenden Landschaft aufgeschlossen; über Anspielungen wird in den Fußnoten in die Welt der Antike eingeführt. Dieses Wissen sollte nicht länger der Griechisch und Lateinisch beherrschenden Elite vorbehalten sein. Die deutsche Sprache eignete sich, dies ist Zesens wichtigste Botschaft, ebenso zu seiner Vermittlung.

Priorau steht für die Provinz, aber diese Provinz ist aller Mühen und Ehren wert. In ihrer nur scheinbaren Banalität gehört ihr die tiefste Zuneigung des lyrischen Ichs, die auch im verführerischen Amsterdam nicht verblasst: Dieses Priorau ist sein »Askre, Tespe, Päst« – das sind Städte der griechischen Mythologie – und Prioraus Berg, der Finkenberg am westlichen Muldeufer (die »Milde« ist die Mulde), das ist der »Helikon« des lyrischen Ichs. Er ist ihm mindestens so viel wert wie jenes sagenumwobene Gebirge in Griechenland.

Und der dieses Land kennt, um das es geht, wird sich auch heute dem Wunsch, mit dem das Gedicht schließt, kaum verschließen können:

»Es gehaben sich dan wohl deine Gärte[n]/mit den Feldern/Mit den Auen/mit der Trift/mit den Aengern/Wiesen/Wäldern/Mit den Bächen, mit der Mild’ und den Teichen/jahr für jahr! Alles/was mein Prirau hägt/sei gesegnet immerdar!«

Jan Brademann

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