Seufzer im Advent

8. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Vorweihnachtszeit: Advent ist im Dezember, darauf weisen ja die Christen immer hin. Also kann es doch jetzt losgehen.

Die Weihnachtsfeier in der Schule machen wir gleich am 1. Dezember, denn die Adventszeit ist kurz dieses Jahr und je mehr es auf Weihnachten zugeht, desto hektischer wird es doch. Ich finde mich wie vereinbart zu zwei vorweihnachtlichen Stunden in der Schule ein. Es gibt Kaffee, Kinderpunsch und Plätzchen. Die Kinder führen ein kleines Theaterstück auf. Dann basteln wir. Aus dem CD-Spieler kommen gemischte weihnachtliche Klänge, die »Weihnachtsbäckerei«, gefolgt von einer mit erheblichem Pathos vorgetragenen Version von »Es ist ein Ros entsprungen«. Der Weihnachtsmann kommt und holt für jedes Kind ein Geschenk aus seinem Sack.

Später gehen wir mit unserer Bastelarbeit nach Hause. Es ist so eine Art Adventskranz aus Buntpapier zum Aufhängen geworden. Die Plätzchen hätten sehr gut geschmeckt, sagt meine Tochter. Der Kranz kommt bei uns ins Fenster. Advent ist im Dezember und heißt Plätzchen, Dekoration, stimmungsvolle Musik, die Freude der Kinder. Das ist bei mir nicht anders als bei allen anderen. Ich höre »von Jesse kam die Art« und weiß sogar, was das bedeutet. Aber das bleibt trotzdem Hintergrundmusik zum Kaffee.

Von der »Wurzel Jesse« hat schon der Prophet Jesaja gesprochen und von Jesaja kommt auch der Predigttext am 2. Advent: »Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde« steht darin (Jes 63,19). Solche sind wir geworden. Und schnell wird das vor allem auf die anderen bezogen, auf die sogenannten »Konfessionslosen« oder »religiös Indifferenten«, mit denen ich bei der Weihnachtsfeier in der Schule am Kaffeetisch gesessen habe.

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Aber ich bin doch auch so geworden. Christinnen und Christen und unter ihnen besonders die hauptamtlich Christlichen bereiten das Fest der Geburt Jesu Christi mit großer Routine vor. Unter allerlei Geseufze des vorweihnachtlichen Stresses wegen geht es zielstrebig auf den Heiligen Abend zu und dann wäre das für dieses Jahr auch wieder geschafft. Die Augen geradeaus! Der Blick nach oben lohnt sich nicht. Advent und Weihnachten kann man auch unter einem geschlossenen Himmel feiern.

Aber von Jesaja kommt eine andere Art: »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!« Erhebe dein Haupt, richte den Blick nach oben und erwarte von dort her, dass Gott noch einmal zur Welt kommt. Denn das ist am ersten Weihnachten passiert. Gott war da, unter den Menschen, und wären die Engel nicht gewesen, hätte es auch niemand bemerkt. Was wäre, wenn Gott wiederkäme und sich mit an unsere Kaffeetische setzte und in unsere Schulklassen, zu den Weihnachtsfeiern in den Betrieben käme und in die Gottesdienste? Wo wäre überhaupt Platz für Gott zwischen dem Adventskranz, den Plätzchen und den sorgfältig gefalteten Servietten?

Drei Buchstaben halten Gott einen Platz frei: »Ach«. Ein kurzer Laut nur, für Freude und Glück: »Ach, wie schön.« Und ein Seufzer, da wo die Worte fehlen: »Ach, das tut mir leid.« »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab.« »Ach« sagen die, die sich nicht abfinden mögen mit der Wirklichkeit, die noch staunen oder etwas von Herzen bedauern können. Die sich danach sehnen, dass es einmal anders wird und nicht immer alles beim Alten bleibt, alle Jahre wieder.

Ich sitze mit all den anderen am gleichen Tisch bei der Weihnachtsfeier in der Schule. Und ich weiß, dass sie alle wie ich ihr »Ach« haben, ihr Glück und ihren Schmerz. Nur sagen sie nichts darüber, sondern nehmen lieber noch einen Keks. Vielleicht ist dieses »Ach« tatsächlich »der Seufzer der bedrängten Kreatur«, wie Karl Marx es so klassisch formuliert hat.

Dann darf aber alles, was wir in Weihnachtsfeiern und Gottesdiensten verabreichen, kein Opium für das Christenvolk enthalten. Solcherart Plätzchen schmecken zweifellos gut und sind schnell verdaut. Aber wir Christenmenschen sind doch für andere Nahrung da, für das Seelenbrot statt für Dominosteine. Und dafür, den Hunger darauf zu wecken. Ach, könnten wir so den Advent feiern. Im Dezember und immer.

Kathrin Oxen

Die Autorin ist Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg.

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»Der Engel schwieg«

17. November 2017 von redaktionguh  
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Volkstrauertag: Über die Gegenwart des Leids in der Sprache wird der Autor am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung in Wittenberg sprechen.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende präsentierte Heinrich Böll mit »Heimat und keine« überschriebene Reflexionen zur Präsenz der Zerstörung in einem Land, das sich den Neuaufbau auf die Fahnen geschrieben hatte: »Menschen sind wohl nur da halbwegs zu Hause, wo sie Wohnung und Arbeit finden, Freunde und Nachbarn gewinnen. Die Geschichte des Ortes, an dem einer wohnt, ist gegeben, die Geschichte der Person ergibt sich aus unzähligen Einzelheiten und Erlebnissen, die unbeschreiblich und unwiederbringlich sind.«

Köln war für Böll – im Dezember 2017 wäre er 100 Jahre alt geworden – Heimat in doppeltem Sinn: als Vorkriegs- und Nachkriegsstadt. Beide waren für ihn »Gegenstand der Erinnerung – und der Sentimentalität natürlich«. So hatte sich in sein Gedächtnis auch die Stille eingebrannt, die wie der Staub »unermesslich« über der Zerstörungslandschaft lag. 1950 hätte Böll eigentlich einen Roman veröffentlichen wollen, in dem er sich mit dem Krieg auseinandersetzte. »Der Engel schwieg« erschien dann aber erst 1992 postum. Der Verlag hielt ihn zu Beginn der 1950er-Jahre für nicht (mehr) angemessen. Nicht der Krieg selbst war Gegenstand dieses am 8. Mai 1945 einsetzenden und mit Rückblenden arbeitenden Romans, sondern das Geschehen »zeigt nur«, wie es der Autor selbst beschreibt, »die Menschen dieser Zeit, ihren Hunger«.

Foto: epd-bild

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Berichtet wird »von einer Liebesgeschichte, klar und spröde, die der Phrasenlosigkeit der ›heimkehrenden‹ Generation entspricht, die weiß, daß es keine Heimat auf dieser Welt gibt«. Zu Beginn begegnet der Protagonist einem Engel. Der Ausdruck der Plastik war »milde und schmerzlich lächelnd«. Mit Entfernung des auf ihr liegenden Staubes verschwand die ursprüngliche Aura und damit alle Lebendigkeit. Das Schweigen des Engels, der eine Lilie in der Hand trägt, dominiert die Erzählstränge, ja, es wird am Ende noch dadurch potenziert, dass ein anderer schweigender Engel, machtlos mit dem Gesicht nach unten, während einer Beerdigung in den Friedhofsschlamm gedrückt wird, sein Schwert liegt zerbrochen neben ihm. Böll beschreibt die Unfähigkeit, erlebtes Grauen, aber auch die Einsicht in individuelle und kollektive Schuld zur Sprache zu bringen. Das Leid ist allzu übermächtig. Es gibt keine »Stunde Null«. Stattdessen dominieren eben nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitäten.

Aber die Beschwörung der Sprachlosigkeit behielt in der Literatur nach ’45 nicht das letzte Wort. Mit Energie schob sich die Einsicht in den Vordergrund, dass nur die Artikulation und die gemeinsame Kommunikation es möglich machten, sich des Gewesenen zu erinnern, um gerade auch als Gesellschaft wieder handlungsfähig zu werden.

Martin Walser, der den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 beobachtete, formulierte noch 2004 nachdrücklich: »Wenn ich mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist.« Wenn Walser Sprache als »Bewegung schlechthin« begreift, nimmt er die zentrale theologisch-philosophische Einsicht auf, dass sich in der Äußerung ein realitätsveränderndes Ereignis vollzieht. Wer also Erinnerung ausdrückt, gestaltet die Gegenwart. Trifft dies zu, wird der Zustand des Schweigens als besonders schmerzhaft und lähmend erfahren.

Gerade Schriftsteller sind es, die es, allein schon aus Gründen ihrer Profession, nicht ertragen, sprachlos bleiben zu müssen. Nicht von ungefähr sind Publikationsverbote ein bewährtes Repressionsmittel. In seltener Intensität hat auch Ingeborg Bachmann mit dem Schweigen gerungen, das in den 1950er-Jahren nicht nur lähmend über den Menschen lag, sondern auch von ihnen ausging. »Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!« – mit diesem Aufruf lässt sie in »Die gestundete Zeit« ihr Gedicht »Psalm« beginnen, das dann schließlich auf die verstörende Bitte zuläuft: »In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.«

Alf Christophersen

Der Autor ist promovierter Theologe und Studienleiter der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.

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Mit Gott und Sonnenschein

29. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Es war Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig wichtig, dass wir bei der Berichterstattung über das erste gemeinsame Interview der beiden mitteldeutschen evangelischen Bischöfe die herzliche Atmosphäre und das gute Miteinander nicht unerwähnt lassen. Landesbischöfin Ilse Junkermann schob nach, dass das natürlich auch für das Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in Erfurt und Magdeburg gelte. Und das nicht erst im Reformationsjahr.

Die gute, fast schon geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche wird in Eisenach sowie in Wittenberg von beiden Seiten hervorgehoben. Nicht nur das. Die Oberbürgermeister beider Lutherstädte betonen freudig, dass in diesem Jahr das Interesse an Reformation und Kirche unter den kirchenfernen Teilen der Bevölkerung stark zugenommen habe.

Sicher, nicht alle hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich. Aber es ist Neues entstanden und das Reformationsjahr hat Menschen zusammengebracht. Die Marktplätze und Fußgängerzonen wurden zu Begegnungsorten. Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte, dass sich die Kirche als »gute Gastgeberin« präsentiert. Das ist an vielen Orten gelungen.

Der positive Eindruck wird nachwirken. Zu danken ist er einmal mehr den vielen engagierten ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden und letztlich dem gütigen Gott, der nicht nur schönes Wetter schenkte, sondern auch, wie es am Ende des Psalms 133 heißt, der verträglichen Gemeinschaft seinen Segen und Leben bis in Ewigkeit verheißt. Das ist ein fester Grund auch für die nächsten 500 Jahre. Reformation geht weiter.

Willi Wild

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Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

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Unterstützung in der Stadt

16. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Hospiz für die Lutherstadt soll in einem halben Jahr fertig sein

Das Ende des Wartens auf ein statio­näres Hospiz in der Lutherstadt rückt näher: Am 16. Oktober nehmen nach Auskunft von Werner Weinholt die ersten Handwerker ihre Arbeit auf. Zum Ende des ersten Quartals 2018 ist mit der Fertigstellung zu rechnen: Dann könnten die ersten Schwerstkranken in die Räume auf dem Gelände des evangelischen Krankenhauses Paul Gerhardt Stift in Wittenberg einziehen.

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Stationäres Hospiz: Im einstigen Bettenhaus des Paul Gerhardt Stifts sollen die neuen Räumlichkeiten entstehen, zeigt Werner Weinholt. Foto: Thomas Klitzsch

Weinholt ist leitender Theologe der Paul Gerhardt Diakonie, die auch den Löwenanteil der Kosten trägt. Diese sind – entsprechend der Veränderungen in der ursprünglichen Planung – gestiegen: von 750 000 Euro auf 1,3 Millionen. Denn statt der geplanten acht sollen zehn Gästezimmer eingerichtet werden, dazu ein Wohlfühlbad, ein Raum der Stille, eine Wohnküche für Angehörige und Gäste. Zudem sei ein halbes Stockwerk hinzugekommen in eben jenem einstigen Bettenhaus, in dem das stationäre Hospiz entsteht. Nicht steigen soll laut Weinholt der Eigenanteil von 250 000 Euro. Um den aufzubringen, war mit Bekanntgabe der Hospizpläne für Wittenberg eine Spendenkampagne gestartet worden. Aktuell sei ein »Spendenvolumen von 200 000 Euro überschritten«. Weinholt sagt, die Beträge kamen von Privatpersonen ebenso wie von Vereinen und Firmen und lagen zwischen 2,50 Euro und 50 000 Euro. Die stattliche Großspende stammt von dem Wittenberger Chemieunternehmen SKW Piesteritz; die Firma unterstützt immer wieder örtliche Einrichtungen, zum Teil mit Beträgen in Größenordnungen.

Erstaunt zeigt sich Werner Weinholt indes auch über die vielen Gespräche, die sich ergeben haben, wenn es um das Hospiz und damit um die Erweiterung bereits vorhandener ambulanter Angebote in Wittenberg ging. Beeindruckend ist die Tatsache, wie schnell man seit den ersten Überlegungen im Jahr 2015, ein stationäres Hospiz in Wittenberg zu etablieren, über die Gründung eines Freundeskreises im Februar 2016 unter der Schirmherrschaft des inzwischen verstorbenen Propstes Siegfried T. Kasparick bis zum Start der Kampagne im März vorigen Jahres dem Spendenziel schon nahegekommen ist.

Die Spendenaktion soll 2018 fortgeführt werden. Nächster Termin ist jetzt erst einmal eine Veranstaltung zum Baubeginn: Dazu wird am 14. Oktober ins Foyer des Paul Gerhardt Stifts eingeladen. Von 11 bis 15 Uhr kann sich die interessierte Öffentlichkeit informieren lassen, es besteht die Möglichkeit, die Räume des künftigen Hospizes anzuschauen. Der feierliche Baustart mit Versenkung einer Zeitkapsel ist für 12 Uhr anberaumt.

Corinna Nitz

www.pgdiakonie.de

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Nach »Mach dich ran« geht es nun los

18. September 2017 von redaktionguh  
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Eichholz: Kirchensanierung startet nach dem Erntedank-Gottesdienst

Groß war die Freude in Eichholz über den Gewinn von 125  000 Euro Fördermitteln der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland in der MDR-Sendung »Mach dich ran« vor zwei Jahren; groß aber auch die Sorge, weitere 125 000 Euro an Eigenmitteln zusammenzubringen, um den Gewinn abzurufen. In diesem Herbst kann Pfarrer Albrecht Lindemann nun melden: »Es sieht gut aus, wir werden die Summe wohl zusammenbringen.«

Bereits nach dem Erntedankgottesdienst (1. Oktober, 14 Uhr) wird die Sanierung der baufälligen Feldsteinkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert beginnen. Zunächst wird eine Apsis neu gemauert, dann die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erweiterung abgetragen und die Kirche auf ihr ursprüngliches, mittelalterliches Maß zurückgebaut. Anschließend werden das Dachtragwerk und die Decke des Kirchenschiffes abgerissen, Risse in der Fassade saniert, der Innenraum gestaltet sowie die Elektroinstallation, der Eingang und die Fenster erneuert. Die Sanierung der Kirche am Lutherweg wird durch das Zerbster Ingenieurbüro Götz geleitet. Die künstlerische Gestaltung hat Professor Johannes Schreiter übernommen.

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Ein Luther aus Ton: Ulrich Schwarz und Harald Birck (r.) mit der Skulptur für Eichholz. Foto: Albrecht Lindemann

Viel private Unterstützung gibt es für die Eichholzer Kirchengemeinde. Die von der Schönebecker Manufaktur von Heinrich Tognino gefertigten Stifte aus Eichholzer Kirchenholz fanden viele Abnehmer, jeder siebte Euro fließt in die Kirchensanierung, bislang kamen so 2 000 Euro Spenden zusammen. Kürzlich hat die Kirchengemeinde zudem eine Lutherskulptur des Berliner Künstlers Harald Birck geschenkt bekommen. Der Maler und Bildhauer fertigte 2010 für das Wittenberger Luther-Hotel eine 2,20 Meter große Figur des Reformators. Neben dieser Bronzestatue entstand eine Reihe von Bildern und Skulpturen, viel beachtet und beschrieben in einem Sammelband von Autoren wie Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und Frank-Walter Steinmeier. Als spielerisch bezeichnet Birck seine Arbeitsweise bei der Suche nach dem eigenen Lutherbild, »mein Luther sollte ein Mensch werden: leidend, kraftvoll, stolz, sinnlich, verletzlich, handelnd, hadernd … eben lebendig«.

Der Dortmunder Unternehmer Ulrich Schwarz, der die Sanierung der Eichholzer Kirche anlässlich seines 65. Geburtstages bereits mit einer Spende von 10 000 Euro gefördert hatte, sah nun in Dortmund die Wanderausstellung »Bilder von Luther« von Birck, nahm kurzentschlossen Kontakt auf und erwarb die aus Ton gefertigte Plastik für Eichholz. »Meine Frau und ich fühlen uns Eichholz durch unsere Familie sehr verbunden«, begründet Ulrich Schwarz sein Engagement. »Wir genießen die Schönheit der Landschaft und die Gemeinschaft der Menschen. Gern tragen wir etwas bei«, so Schwarz.

»Als Kirchengemeinde sind wir für dieses Geschenk und die Unterstützung, die wir von vielen Seiten erfahren, sehr dankbar. Ob Martin Luther selbst hier war, wissen wir nicht«, sagt Maren Gabriel, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. »Reisende auf dem Lutherweg treffen zukünftig in unserer Kirche aber auf einen einmaligen Luther.«

(G+H)

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Durchweg positive Einträge

18. September 2017 von redaktionguh  
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Bugenhagenhaus: Bilanz der EKM-Themenwochen – Botschaften zum Abschluss übergeben

Im Wittenberger Bugenhagenhaus präsentierten sich während der Weltausstellung Reformation Kirchenkreise und Initiativen aus der EKM. Mit der Projektverantwortlichen Adelheid Ebel sprach Willi Wild.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Ebel:
Es war ein toller Sommer. Im Bugenhagenhaus habe ich viele wunderbare Menschen aus unserer Landeskirche kennengelernt. Unsere Kirche lebt, da ist viel Kreativität und Engagement. Der Austausch war wirklich sehr wertvoll. Ein Höhepunkt für mich waren »Luthers Freunde« aus dem Südharz, die mit einer dreieinhalb Meter großen Lutherpuppe durch die Innenstadt gezogen sind und Besucher auf die Angebote im Bugenhagenhaus aufmerksam gemacht haben.

Wie war die Resonanz?
Ebel:
Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn wir rausgehen, Menschen einladen und auf die Angebote aufmerksam machen, dann wirkte sich das auf die Resonanz im Haus aus. Nach dem Kirchentag hatten wir allerdings erst mal Flaute. Aber in der Urlaubszeit, im Juli und August, wurde es dann immer besser. Ich glaube, auch für die beteiligten Kirchenkreise war es eine schöne Erfahrung, wenn die Teams eine Woche gemeinsam hier in Wittenberg verbracht haben.

Welche Kommentare haben die Besucher im Gästebuch hinterlassen?
Ebel:
Die Kommentare sind durchweg positiv. Da heißt es dann: Vielen Dank für den einladenden Raum, für die Gestaltung, für den freundlichen Empfang, für interessante Ausstellungen, für gute Begegnung und gute Ideen, für eine tolle Zeit und tolle Gespräche. Ein Kind hat geschrieben: »Ich hab Kostüme angezogen, ich hab alte Schrift ausprobiert. Es hat mir gefallen.«

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Ein Schatzkästchen mit Botschaften übergab Adelheid Ebel (rechts) an Reformationsbotschafterin Margot Käßmann (links). Foto: Thomas Klitzsch

Der Kirchenkreis Mühlhausen hatte Kostüme mitgebracht. Damit konnte man sich fotografieren lassen. Ein weiterer Eintrag, der mich bewegt hat: »Ich wünsche der EKM den Mut eines Luthers, für Überzeugung Kopf und Kragen zu riskieren.« Diese Botschaft verstehe ich als Anregung für unsere Arbeit: Den Mut zu haben, Dinge zu lassen, wo wir wissen, das funktioniert nicht mehr. Stattdessen gemeinsam zu schauen, wo entsteht etwas Neues.

Reformation geht weiter – was bleibt von der Weltausstellung?
Ebel:
In der vergangenen Woche wurden die Zukunftsprojekte der EKM thematisiert. Die sogenannten Erprobungsräume stießen dabei auf großes Interesse auch von Mitgliedern anderer Landeskirchen. Dabei wurde gezeigt, welche Ideen und neuen Formen von Kirche in den Regionen erprobt werden und welche Auswirkungen sie haben. Da passiert Reformation ganz praktisch vor Ort. Sich darüber auszutauschen, das kam sehr gut an und geht weiter. Das war eine Art Zukunftswerkstatt mit regionalen Bezügen.

Die Weltausstellung Reformation ist zu Ende. Gilt das auch für die Aktivitäten des Kirchenkreises?
Ebel:
Nein, wir bleiben natürlich gute Gastgeber und es gibt weiterhin eine Reihe von Angeboten. Beispielsweise werden die ökumenischen Themengottesdienste in der Stadtkirche, gleich neben dem Bugenhagenhaus, jeden Mittwoch um 20.17 Uhr, bis zum 25. Oktober fortgesetzt. Im Reformationssommer haben wir gelernt, dass wir uns nicht verstecken brauchen. Wir wollen als Kirche auf vielfältige Weise erkennbar sein und uns dazu mutig auf den Marktplatz stellen.

www.kirchenkreis-wittenberg.de

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Wenn das Wort Gottes die Realität verändert

16. September 2017 von redaktionguh  
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Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Viele Verse aus der Bibel führen ein Eigenleben – nicht nur, wenn sie einer Woche zugeordnet werden. Ihrem unmittelbaren Zusammenhang entnommen, dienen sie als Losung oder Spruch zu allerlei Anlässen – ob es etwa um die Taufe, die Konfirmation, Hochzeiten, Einführungen oder Jubiläen geht.

Während die Losung durchaus darauf angelegt ist, zur weiteren Schriftlektüre anzuregen und konsequent auch Bezüge vom Alten auf das Neue Testament hergestellt werden, haben Segenssprüche noch stärker ihren Wert aus sich selbst heraus, fangen den Moment ein und stellen das Leben und Lebensübergänge unter den Zuspruch Gottes. Sie werden zunächst laut zum Ausdruck gebracht, als Sprachereignis, sind dann aber auch präsent in Urkunden oder Karten. Wer sie, womöglich nach Jahrzehnten, wieder in die Hand nimmt, fühlt sich erinnert an den einstigen Platz im Leben, kann erkennen, wie die Verse nicht nur im unmittelbaren Erleben die Kraft hatten, Realität zu bestimmen und zu gestalten, sondern auch zum Motto eigener Biografie werden konnten. Den Kontext gibt das sich wandelnde Leben vor, das so stets in Verbindung mit Gott gehalten wird.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg

Ganz andere Verweise ergeben sich, wenn der Vers an seinem literarischen Ursprungsort wahrgenommen wird. Wenn im Psalm die Seele aufgerufen ist, Gott zu loben – »meine Seele«, die gleichzeitig für die aller anderen steht –, dann wird sie verbunden mit dem Hinweis, die geschehenen guten Taten Gottes am Menschen nicht zu vergessen. In den folgenden Aussagen werden vergangenes und gegenwärtiges, ewig präsentes Handeln Gottes verknüpft. Seine Barmherzigkeit überwindet die Sünden der Menschen, und es erklingt ein Lob, in das auch die Engel einstimmen können. Die ganze Welt preist ihren Schöpfer. Und obwohl der Mensch in seinem Leben »wie Gras« ist, »wie eine Blume auf dem Felde« blüht und vom Winde verweht wird, weiß er sich doch stets von der Güte Gottes getragen und trotzt den Widerfahrnissen, die ihm begegnen.

Alf Christophersen, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt, Wittenberg


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Vater der Lieder – Martin Luther und die Musik

28. August 2017 von redaktionguh  
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Wittenberg: 12. Renaissance Musikfestival startet Kartenvorverkauf und feiert Reformator

Das Wittenberger Renaissance Musikfestival präsentiert vom 20. Oktober bis zum 5. November 13 Konzerte, 11 Kurse für Instrumentalspiel und Tanz, einen historischen Ball sowie eine Instrumentenausstellung im Alten Rathaus. Sowohl internationale Spitzenkünstler als auch selten zu erlebende Instrumentalvirtuosen gastieren vor großartiger Kulisse und bereichern das ohnehin sehr dichte Kulturprogramm in der Reformationswoche mit musikalischen Hochgenüssen.

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Historischer Klang: Die Wittenberger Hofkapelle lädt zu einer Reise von Antoine Busnois bis Heinrich Schütz ein. Foto: Veranstalter/Nils Bröer

Martin Luther war ein kunstsinniger, musikalischer und geselliger Privatmensch. Diese Seiten seines Charakters waren prägend für das Wesen und Wirken der Reformation und letztendlich für die Entwicklung der Kirchenmusik. So verwundert es nicht, dass Festivalleiter Thomas Höhne den Reformator als den »Vater der Lieder« ins Zentrum seines diesjährigen Programms stellt und daran erinnert, wie lebensnotwendig die Musik für den Theologen war. Er komponierte, dichtete, sang und spielte selbst Laute. Musik als wirksames Mittel gegen Sorge, Trauer und Hass waren für ihn untrennbar mit der religiösen Praxis verbunden. Luther vertonte zahlreiche Psalmen, komponierte regelrechte Ohrwürmer, die dazu dienten, Glaubenstexte zu verinnerlichen, und führte letztendlich den deutschsprachigen Gemeindegesang im Gottesdienst ein.

Mit Pauken und Trompeten, sprich in großer Besetzung, wird die Wittenberger Hofkapelle – als gastgebendes Ensemble des Festivals – in diesem Jahr erstmals das Eröffnungskonzert gestalten. Für ihren Leiter Thomas Höhne, der es 2006 gründete, war es wichtig, auf die reiche regionale Musiktradition zu verweisen und diese zu zelebrieren.

Um nah bei Luther zu bleiben, verkörpern Gesang und das Musizieren auf der Laute den roten Faden des Programms. Dabei vermitteln das renommierte Calmus Ensemble, die Sänger von VocaMe, der Kinderchor der Oper Leipzig, der Tenor Johannes Weiss, der Chor der Valparaiso Universität aus Indiana (USA) und die Sopranistin Julla von Landsberg vielfältige Beispiele für die berührende Kraft des Gesangs.

Mit der Lautten Compagney, dem Leipziger Barockorchester und den Solisten Rolf Lislevand, Lorenz Duftschmid und Christoph Sommer kehren international gefeierte Virtuosen der Lautenmusik zurück.

Erstmals präsentiert das Festival mit dem Potsdamer Ensemble I Confidenti auch Musiktheater. Mit Maskenspiel, Chören und Instrumentalmusik bieten sie in »Dolcissima Speranza« ein Mysterienspiel dar, das Luthers Lieder mit Kompositionen von Schütz und Monteverdi verbindet. Besonders ist hierbei, dass das Bühnenbild der Produktion unter Mitwirkung von Schülern des Wittenberger Melanchthon-Gymnasiums entsteht und das Orchester mit Schülern besetzt ist.
(G+H)

www.wittenberger-renaissancemusik.de

Auf zu neuen Ufern

28. August 2017 von redaktionguh  
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Leinen los: Mit Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg, traf sich Willi Wild zum Interview an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg«.

Wo halten Sie sich am liebsten auf? Wäre an Deck von »Junker Jörg« ein Lieblingsort?
Kasparick:
Er könnte es werden, weil es hier wunderbar ist, direkt an der Elbe, am Wasser, gegenüber den Elbauen, ein weiter Blick unter freiem Himmel. Ich bin das erste Mal hier.
Mein absoluter Lieblingsort ist allerdings mein Balkon. Ich wohne im zweiten Stock und ich habe abends noch den Blick in die Abendsonne und in die Baumkronen. Ein Platz, an dem ich mich erholen kann, und an dem ich mich auch dem Himmel nah fühle.

Können Sie mit Flusskreuzfahrten etwas anfangen?
Kasparick:
Das weiß ich nicht, das habe ich noch nicht erlebt. Als Kinder sind wir mit unseren Eltern über den Müggelsee in Berlin geschippert, von Friedrichshagen rüber zum Müggelturm. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Und eine Schiffsreise ans Nordkap haben mein Mann und ich auch einmal gemacht, mit dem Postschiff von Bergen nach Kirkenes. Einer unserer eindrucksvollsten Urlaube.

Nehmen Sie sich im Reformationsjahr Zeit für Urlaub?
Kasparick:
Ja, wenn auch nicht ganz so viel wie in den vergangenen Jahren. Es ist mir wichtig, ein Stück zur Seite zu treten, aufzuatmen und Kraft zu gewinnen. Und wenn es gut organisiert ist, dann klappt das auch in diesem Jahr.

Wo geht es hin?
Kasparick:
Ich werde zum ersten Mal zu Verwandten meines Mannes auf die Nordseeinsel Amrum fahren. Dann will ich mit einer Freundin noch eine Woche in die Provence und Avignon besuchen. Das Gebiet wollte ich schon lange einmal kennenlernen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über das Reformationsjahr von der »Pleite des Jahres«. Wie empfinden Sie das?
Kasparick:
Das kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Sicher, manche Erwartungen haben sich bislang nur zum Teil erfüllt. Aber es gibt ein vielseitiges, interessantes und schönes Angebot. In der Schlosskirche können wir uns über Zulauf nicht beklagen. Manchmal müssen wir sogar die Türen wegen Überfüllung schließen. Es ist bewegend zu sehen, wenn Menschen Tränen in den Augen haben, weil sie an der Wiege ihrer Art zu glauben stehen.

Schade ist, dass die Weltausstellung noch nicht so viele Besucher verzeichnet, wie sie es verdient hat. Aber die Menschen, die da sind, sind begeistert.

Die Schlosskirche war und ist Ihr »Baby«, wenn ich das so sagen darf?
Kasparick:
Ein ziemlich großes Baby, ein altes Baby, ein schönes Kind.

Sie haben sich sehr stark engagiert. Sind Sie stolz auf das, was aus dem Schlosskirchen-Ensemble geworden ist?
Kasparick:
Ich staune, dass es geklappt hat und ein bisschen Stolz ist auch dabei. Ich freue mich, dass die Schlosskirche und das Schlosskirchenensemble so schön geworden sind. Die Schlosskirche ist aber nicht nur mein Baby. Es ist eine Gemeinschaftsaktion, wie sie nur ein Reformationsjubiläum dieser Größenordnung mit sich bringt. Das Land Sachsen-Anhalt ist daran beteiligt, die Lutherstadt, die Stiftung Luther-Gedenkstätten, die Evangelische Kirche in Deutschland und die Evangelische Kirche der Union (EKU) gemeinsam mit dem Predigerseminar als Einrichtung vor Ort.

Sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt bei der Namensgebung des Neubaus.
Kasparick:
Ja, ein Frauenname war mein Wunsch. Da die Schlosskirche mit Männern gut gefüllt ist, sollte eine Frau Namensgeberin sein. Der Vorschlag Christine Bourbeck kam aber von meiner Kollegin, Dr. Gabriele Metzner. Christine Bourbeck war eine der ersten eingesegneten, noch nicht ordinierten, evangelischen Theologinnen in Deutschland und Leiterin des ersten Vikarinnenseminars der EKU. Sie steht auch dafür, dass der Prozess der Reformation weitergeht.

»Reformation geht weiter« – das klingt für manche nach diesem Jahr bedrohlich.
Kasparick:
Das kommt auf die Perspektive an. Die Frage ist: Was feiern wir eigentlich beim Reformationsfest und in diesem Festjahr und was davon kann weitergehen? Welche Bedeutung hat Reformation für uns und unsere Art zu glauben? Es muss nicht sein, dass man nun jedes Jahr drei Ausstellungen plant oder fünf Theaterstücke aufführt. Es geht vielmehr um unser Selbstverständnis als Kirche. Da geht das Gespräch weiter.

Kritiker meinen, die Dekade und das Reformationsjahr sei eine innerkirchliche Veranstaltung geblieben. Sehen Sie das ähnlich?
Kasparick:
Wer kommt eigentlich auf welchem Weg zu solchen Annahmen? Wer will das wie messen? In Wittenberg erlebe ich Folgendes: Hier gibt es in der Stadtgesellschaft eine starke Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Man wäre zwar auf dem Holzweg zu glauben, diese Menschen treten jetzt alle in die Kirche ein und lassen sich taufen. Doch Interesse ist geweckt.
Mein Nachbar meinte, dass es toll sei, was jetzt alles in der Stadt passiert und das könne ruhig immer so sein. Und die Kundenberaterin bei der Sparkasse sagte: »Ich nehm alles mit dieses Jahr. Das erlebt man nur einmal.«
Ja, in Wittenberg sind nur 15 Prozent Mitglied einer Kirche, aber es gibt mindestens noch einmal so viele, die sich für die kirchliche Arbeit interessieren und sich auch engagieren. Ganz zu schweigen von dem, was das Reformationsjubiläum im Bildungssektor hervorgebracht hat. Es ist immer eine Frage der Perspektive, ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

Sie konnten einige gekrönte Häupter in der Schlosskirche begrüßen. Fällt Ihnen der Umgang mit den Hoheiten leicht?
Kasparick:
Ich habe mich im Vorfeld erkundigt, damit ich protokollarisch nicht in Fettnäpfchen tappe. Erstaunt hat mich, wie unkompliziert der Umgang dann tatsächlich war. Eindrücklich waren die Gespräche mit Königin Margrethe von Dänemark. Wie aufmerksam sie zugehört hat, wie sie gefragt hat, wie theologisch tief auch ihre Fragen waren, das hat mich beeindruckt. Sie hatte mich bei der Gestaltung ihres Altartuchs sogar um Rat gefragt. Ich sollte neben ihr Platz nehmen und dann wollte sie wissen, was ich in ihrer Arbeit sehe.

Da gibt es ein schönes Foto, wo Sie mit der Königin vor dem Altar sitzen.
Kasparick:
Genau, das war die Situation, die ich gerade geschildert habe.

Sie hat Ihnen und Ihrer Familie nach dem Tod Ihres Mannes kondoliert.
Kasparick:
Das fand ich tröstlich. Es hat sie sehr bewegt, dass mein Mann nach all den Vorbereitungen das Reformationsjahr nicht mehr erleben konnte.

Vor etwas mehr als einem Jahr fand der Trauergottesdienst in der Schlosskirche statt. Was würde Ihr verstorbener Mann wohl über den Verlauf des Reformationsjahres sagen?
Kasparick:
Er hätte sich gefreut und zum Beispiel den Kirchentagsgottesdienst auf der Elbwiese gern mitgefeiert. Die Mischung zwischen dem »Asisi-Panorama« und der Avantgarde-Ausstellung gefiele ihm sicher auch gut. Die Grundsteinlegung des »Asisi-Panoramas« hat er ja noch miterlebt. Und jetzt ist daraus ein intergenerationelles Projekt geworden, wo Großeltern mit den Enkeln und Kinder mit den Eltern hinkommen.

Oder der Schwanenteich bei der Weltausstellung Reformation in den Wallanlagen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das waren seine Themen.

Hatten Sie Zeit zu trauern?
Kasparick:
Ich denke schon. Im vergangenen Sommer habe ich mir Zeit genommen. Dabei und danach habe ich erfahren, wie wichtig das Trauerjahr ist. Die Familie, die Schlosskirchengemeinde und Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, standen und stehen mir zur Seite. Auch die Arbeit war mir ein Halt.

Zudem hatten Sie im vergangenen Jahr auch noch den 200. Geburtstag des Predigerseminars zu organisieren.
Kasparick:
Ja, das stimmt. Aber das haben wir im Team gemeistert. Es war eine sehr schöne Aufgabe.

Ich versuche mal den Begriff Predigerseminar zu übersetzen: Dem Nachwuchs zeigen, wie Pfarrer geht?
Kasparick:
(lacht) Das kann man etwas salopp so sagen. Wir begleiten junge Theologinnen und Theologen, auch Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen auf dem Weg in den ordinierten Dienst. Und helfen ihnen, ihre Rolle zu finden und persönlich zu füllen.

Haben Sie den Eindruck, dass die jungen Theologiestudenten wissen, was sie im Pfarrberuf erwartet?
Kasparick:
Das ist unterschiedlich. Einige bringen Gemeindeerfahrung mit. Für manche ist tatsächlich erst im Studium die Erstbegegnung mit Gemeindewirklichkeit erfolgt.

Wir haben in Deutschland, historisch gewachsen, die erste Phase mit der universitären Theologie und dann die zweite Ausbildungsphase in den Kirchen und Gemeinden. In ihr geht es nicht einfach nur um die Vermittlung von »Handwerkszeug«, sondern vor allem darum, Klarheit über die eigene Rolle in einem öffentlichen, geistlichen Beruf zu bekommen. Dazu dient das Gemeindevikariat und wir nehmen die Erfahrungen von dort im Predigerseminar auf. Die Reflexions- und Übungsphasen sind mir dabei ganz besonders wichtig.

Stellen dabei auch angehende Theologen fest, dass der Pfarrberuf doch nichts für sie ist?
Kasparick:
Ja, und das finde ich gut. Es ist auch eine Zeit der Orientierung und Prüfung.

Wie hat sich der Pfarrberuf verändert?
Kasparick:
Er hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder verändert. Ich merke, dass wir jetzt eine neue Generation von Vikarinnen und Vikaren haben. Sie sind leistungsbereit, wissen klar, was sie wollen und stellen vieles infrage, beispielsweise: Inwieweit ist das halböffentliche Leben im Pfarrhaus Familien zumutbar? Wie ist es mit dem Dienstrecht, wenn ein Partner nicht in der Kirche ist? Auch im Predigerseminar hat sich einiges verändert. Bis dahin, dass wir im Moment einen Kurs haben, der auf mitgebrachte Kinder Rücksicht nimmt.

Auf dem Land haben die Pfarrer heute viele Gemeinden zu betreuen. Wie bereiten Sie die Vikare darauf vor?
Kasparick:
Die entscheidende Feld­erfahrung passiert in den Gemeinden. Im Predigerseminar versuchen wir, die sich wandelnden Gemeindeformen aufzugreifen und Entwicklungskonzepte zu reflektieren. Gerade die Erprobungsräume in der EKM sind da ein ermutigendes Beispiel. Wir müssen uns verabschieden von bestimmten Formen und die dürfen auch sterben. Aber wir können auch gemeinsam schauen, wo wächst denn schon etwas Neues.

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Blickt nach vorn: Hanna Kasparick an Bord des Hotelschiffs »Junker Jörg« auf der Elbe in Wittenberg. Foto: Thomas Klitzsch

Sie werden als Direktorin des Predigerseminars Ende des Jahres verabschiedet. Was wächst da Neues?
Kasparick:
Der Berufungszeitraum von 12 Jahren im Predigerseminar ist um. Die äußeren Bedingungen für einen Leitungswechsel sind günstig. Ich möchte gern noch einmal für zwei Jahre wissenschaftlich arbeiten, passend zu meiner Berufsbiografie im Bereich der neueren Kirchengeschichte.

Aber Sie bleiben der EKM erhalten?
Kasparick:
Ich bin und bleibe Pfarrerin der EKM.

Aber zunächst geht es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf zu neuen Ufern, beziehungsweise Stränden.
Kasparick:
Einmal im Jahr muss ich ans Meer. Sonst kommt die Seele nicht ins Gleichgewicht.

Dr. Hanna Kasparick, 1954 in Berlin geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bibliothekarin, bevor sie Kirchenmusik in Halle und Theologie in Berlin und Naumburg studierte. Ihr Vikariat machte sie in Osterburg/Altmark. Sie war Prädikantin und Pfarrerin für Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Osterburg.
1992 promovierte Hanna Kasparick im Fach Kirchengeschichte und war von 1993 bis 2002 Studienleiterin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Brandenburg an der Havel, bevor sie dort Direktorin des Predigerseminars wurde. Seit 2005 ist sie Direktorin des Evangelischen Predigerseminars in Wittenberg.

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