Die Hoffnung ist nicht totzukriegen

7. April 2018 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Manchmal möchte man die Hoffnung umbringen. Denn nur wenn sie wirklich tot und begraben ist, kann doch etwas Neues beginnen. Sagen manche. Das haben sie auch zu den Frauen gesagt, die Ostern zum Grab wollten: Lasst es sein. Das bringt doch nichts. Da kommt nichts mehr. Die Frauen sind aber trotzdem nochmal losgegangen.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Und dann fanden sie ein offenes Grab. »Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben.« Die Hoffnung lässt sich nicht begraben. Kein Grab ist tief, kein Stein schwer genug für sie. Gott lässt nicht zu, dass die Frauen einen Kult der begrabenen Hoffnung feiern. Es geht wieder los.

Wie ein Kind aus dem Schoß seiner Mutter kommt, so bricht die Hoffnung in die Welt ein. Die Frauen am Grab wissen bestimmt, was »geboren« heißt. Einige von ihnen haben es schon einmal erlebt. Unter »wiedergeboren« könnten sie sich deswegen etwas vorstellen. Noch einmal alles überwältigend neu, ganz von vorne, jeden Tag ein Stück wachsend. So ist das Leben der Christen seit Ostern, seit die Frauen von dem leeren Grab weggelaufen sind, erschreckt und verwirrt, mit gemischten Gefühlen aus Furcht und großer Freude.

Das ist erst eine Woche und schon 2 000 Jahre her. Und die Hoffnung ist nicht totzukriegen. Sie ist lebendig unter Christen. Wir sind selbst erschreckt und verwirrt. Wir können es nicht erklären oder beweisen. Aber wir glauben daran. Gegen alle Hoffnungslosigkeit, gegen die ewige Leier aus »Lass es sein-Das bringt doch nichts-Da kommt nichts mehr« sagen wir: Im Gegenteil. Nochmal von vorne.

Ganz neu. Jeden Tag ein bisschen mehr.« Unser Glaube ist kein Friedhof, auf dem wir andächtig herumstehen. Unser Glaube ist eine lebendige Hoffnung, jeden Tag.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

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Schlüsselgewalt: Wer den Tod aus der Welt sperren kann

31. März 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Wie schließt man eigentlich die Hölle zu? Und wie sperrt man den Tod ein? Manchmal denke ich, die Fernbedienung für den Fernseher könnte so ein Schlüssel sein. Einfach keine Nachrichten mehr gucken. Denn um 20 Uhr vor der Tagesschau muss man den Eindruck bekommen, irgendjemand habe die Hölle aufgeschlossen und den Tod freigelassen. Krieg und Gewalt an jedem Abend. Die Hölle von Ost-Ghuta in Syrien, in Afrin, in Libyen und auf dem Mittelmeer, um nur einige Orte zu nennen. Politiker, an deren Geisteszustand man berechtigte Zweifel hegen kann. Aber – auch das sehe ich jeden Abend – niemand nimmt ihnen den Stift weg, mit dem sie sich selbst wiederwählen oder ihre lächerlich protzige Unterschrift unter ihre Dekrete setzen. Stifte, Schlüssel, Atomknöpfe, all das möchte ich ihnen wegnehmen und wegschließen, so wie ich es bei meinen Kindern gemacht habe, wenn sie mit gefährlichen Gegenständen unverständig herumhantiert haben. Aber das kann ich leider nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Jesus schließt die Hölle zu und sperrt den Tod ein. Die Menschen, die das im Buch der Offenbarung aufgeschrieben haben, litten unter Verfolgung und Unterdrückung. Und zwar nicht vor dem Fernseher, sondern im richtigen Leben. Ihr Bild von Jesus ist deswegen sehr kämpferisch. Jesus ist für sie einer mit Schlüsselgewalt.

Doch die Hölle zuschließen, das geht nicht mit Gewalt. Jesus hat die Hölle erst zugeschlossen, nachdem er selber darin war. Und er war mit dem Tod in einem Grab eingesperrt, bis von außen der Stein weggerollt wurde. Gott hat diesen Weg gewählt, um uns zu zeigen, wie Hölle und Tod an ihr Ende kommen. Jesus musste ihn gehen. Gewalt und Macht sind der falsche Weg. Gewaltlosigkeit und Machtverzicht sind der einzige Weg. Lächerlich, sagen alle, mit Jesus und seiner Bergpredigt kann man doch keine Politik machen. Ich sage: Ohne sie erst recht nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

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Das Herz der Kirche ist Mission

25. März 2018 von redaktionguh  
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Die Frage, ob die Kirche missionieren soll, gleicht der Frage, ob es die Kirche geben soll. Wer nicht will, dass die Kirche missioniert, will weder, dass sie Kirche Jesu ist, noch, dass sie eine Zukunft hat.

Oder um es mit den Worten von Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999 in Leipzig zu sagen: »Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen.« Mission ist nicht eine von vielen Aufgaben. Mission ist die Identität der Kirche. Sie hat nicht Mission. Sie ist Mission. Der Vater hat Jesus in die Welt gesandt und dieser wiederum sendet die Kirche, seine Apostel, Christen und Christinnen, dass sie Gottes Sehnsucht nach uns Menschen in Wort und Tat verkündigen.

Das ist erst einmal biblisch und theologisch korrekt, provoziert aber viele Fragen und Einwände:

Erstens sind die Begriffe Mission und Evangelisation für viele kirchliche Leute negativ besetzte Reizworte, die nach Bekehrungsdruck, Einseitigkeit, rigider Moral und Fundamentalismus klingen. Auch ich habe missionierende Christen gelegentlich als eifernde Radikalinskis erlebt, die unsensibel und rechthaberisch zur Bekehrung mahnen. Das Evangelium aber ist ein respektvolles Angebot, eine Einladung, der Liebe Christi zu begegnen. Das Anliegen von Mission, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, muss aus seiner evangelikalen Verengung befreit werden und wieder zu Ehren kommen.

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche.  Foto: Mirjam Petermann

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche. Foto: Mirjam Petermann

Evangelisation und Mission sind kein Programm besonders frommer und aktiver Christen, sondern Ausdruck der suchenden Liebe Gottes, der Jesus für die Menschen gab und nun die Kirche sendet, um die Menschen zur Freundschaft mit Gott einzuladen.

Zweitens hatte es die Kirche in der Vergangenheit nicht wirklich nötig, Menschen zu gewinnen. Schließlich gehörte jeder irgendwie dazu. Das religiöse Betreuungskonzept aus der konstantinischen Ära der Kirche lebte davon, dass alle, mit Ausnahme der Juden, Kirchenmitglieder waren, die es pfarrgemeindlich zu versorgen galt. Diese Gegebenheit führte zu einer nachlässigen und faulen Grundhaltung in Sachen Mission. Aber die Situation hat sich gründlich gewandelt. Die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von Glaube und Kirche nicht nur in Ostdeutschland und steigende Kirchenaustrittszahlen zwingen die Kirchen zum Nachdenken darüber, wie sie einladender für Kirchendistanzierte werden können. Heute ist offensichtlich: eine Kirchgemeinde, die nicht missioniert, stirbt, und eine Kirche, die nicht missionarisch lebt, versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Drittens lähmt uns weithin die Erfahrung, dass unsere missionarischen Angebote bei vielen Menschen auf wenig Interesse stoßen. Wir erleben eine frustrierende Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen. Wir kommen uns vor wie Schuhverkäufer in einem Land, in dem alle barfuß gehen wollen. Gleichzeitig sind die Fragen nach Identität, Sinn, Wahrheit, Zukunft, Gotteserfahrung und Gemeinschaft präsenter denn je. Und genau darin liegt die Kernkompetenz des christlichen Glaubens. Religion und Spiritualität fasziniert in unserer säkularen Kultur viele besonders junge Menschen. Die Sehnsucht nach spiritueller Selbstvergewisserung bekommt in einer immer komplizierter werdenden und bedrohlichen Wirklichkeit wieder neuen Auftrieb. Warum kommt es nicht zu einer Begegnung von Angeboten der Kirche und der Sehnsucht der Menschen? Liegt vielleicht das Problem nicht nur in der Gleichgültigkeit unseres Gegenübers, sondern auch in der mangelnden Fähigkeit unsererseits, die Liebe Gottes einladend und lebensrelevant in die Kultur der Menschen, in ihre konkrete Lebens- und Verstehenswelt, zu kommunizieren? Offensichtlich haben wir ein handfestes Kommunikationsproblem. Die gesellschaftlichen Umbrüche, in denen sich die Menschen befinden, sind so enorm, dass die christliche Verkündigung neue Wege finden muss.

Viertens verstößt Mission gegen das Basisdogma des Relativismus unserer Zeit, nach dem es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Teilwahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wer missioniert, will demnach einem anderen seine Wahrheit aufdrücken. Mission steht für Intoleranz, die zur Gewalt gegenüber Andersgläubigen führen kann. Missionieren ist etwas, das ein anständiger Mensch nicht tut. Und die kritische Frage »Sie wollen mich wohl missionieren?« wird sofort heftig abgewehrt. Die Kirche und die Christen haben sich von diesem Glaubensbekenntnis des postmodernen Relativismus einschüchtern lassen und reden lieber über das, was in den sozial-politischen Mainstream passt, weil sie sich so der Zustimmung ihrer Mitmenschen sicher sein können. Der Missionsgedanke gehört zum Glauben wie der Donner zum Blitz. In der Zeit postmoderner Beliebigkeit geht es darum, das Sympathische, Frohmachende, Sinnstiftende, Einladende und das Leben Stabilisierende des Glaubens zu kommunizieren. »Wir sind nur Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es Brot gibt« umschreibt die holländische Evangelistin Corry ten Boom das Wesen von Mission. Wir sind das Evangelium den Menschen schuldig – um Gottes willen und der Menschen willen.

Fünftens verstehen viele Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche Mission additional als etwas, das sie noch zusätzlich zu den vielen Aufgaben tun sollen. »Ich schaff’ eh schon meine Arbeit kaum, und jetzt soll ich auch noch missionieren.« Dahinter steht das alte Verständnis von Mission, das eine Aufgabe und Aktivität der Kirche umschreibt. Mission aber ist kein Akt der Kirche, sondern ihr Sein in dieser Welt. Was wir als Gemeinde tun, predigen, unterrichten, verwalten, mit Leuten reden, musizieren, feiern, das alles ist Mission, wenn unser Tun durchdrungen ist von der Beauftragung und Begabung Gottes, seiner suchenden Liebe in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.

Alexander Garth

Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Pfarrer an der Wittenberger Stadtkirche und Sachbuchautor.

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Dienen und verdienen

16. März 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld: 30 000 Mitarbeiter sind in diakonischen Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland beschäftigt. Für den Dachverband ist der soziale Dienst Ausdruck christlichen Glaubens. Die 1 700 Einrichtungen sind aber auch Teil der Sozialwirtschaft.

Er gilt als der Urvater der Inneren Mission: Johann Daniel Falk (»O du fröhliche«), an dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird. Falk wendete sich der Pflege und Erziehung verwaister und verwahrloster Jugendlicher zu. 1813 gründete er dazu die »Gesellschaft der Freunde in der Not«. Im Weimarer »Lutherhof« richtete er ein Waisenhaus und eine Sonntagsschule ein. Er, der sieben seiner insgesamt zehn Kinder begraben musste, sah es als göttlichen Auftrag an, sich den Schwächsten zuzuwenden. Er nannte es das »praktische Christentum«: »Eine Predigt ist keine Tat, aber eine Tat ist eine Predigt«, so Falk. Dabei war ihm das Leben Jesu Vorbild: »Christus hat gar nicht geschrieben, aber viel gehandelt. Wir müssen suchen, dass wir ihm in diesem Stück ähnlich werden.«

Die Falksche Rettungshaus-Idee inspirierte Johann Hinrich Wichern zum Rauhen Haus in Hamburg. Vor 170 Jahren rief er auf dem Kirchentag in Wittenberg zur Gründung der »Inneren Mission« auf. Auch für den Begründer der modernen Diakonie waren, wie für Falk, der Glaube an Gott und die christliche Nächstenliebe Motivation ihres diakonischen Handelns.

Und heute? Welche Rolle spielt der gelebte christliche Glaube als einstiges Alleinstellungsmerkmal? Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, appelliert an die kirchlichen Krankenhäuser, dem Glauben im Klinikalltag mehr Platz einzuräumen. Neben professioneller Sozialarbeit solle auch Zeit und Raum für ein Gebet sein, so Brysch in der katholischen Wochenzeitung »Kirche+Leben«. Wenn es in kirchlichen Krankenhäusern allein ums Geld gehe, »bietet das christliche Türschild keinen Mehrwert«.

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Ein Drittel, rund 600 aller Kliniken in Deutschland, sind in kirchlicher Trägerschaft. Die Diakonie ist nach dem Staat und der Caritas der größte Arbeitgeber. »Es spielt sicher eine Rolle, dass die Kirchen alte Institutionen sind, die sich bis in die Neuzeit hinein behaupten konnten und rechtliche Sonderregelungen haben«, erklärte der Volkswirtschaftler Dominik Enste im Deutschlandfunk. »Basierend auf dieser starken Stellung haben sich die Kirchen durchsetzen können, zumal der Wettbewerb in der Pflege erst langsam Einzug gehalten hat.«

Die Diakonie arbeitet heute in einem stark gewandelten Umfeld, so Harald Christa. Der Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden stellt fest, dass die diakonischen Anbieter auf dem »Sozialmarkt« gezwungen sind, die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit im Blick zu haben, um konkurrenzfähig zu sein.

Eine deutliche Unterscheidung zu privaten Trägern gibt es für die Mitarbeiter. Bei der Diakonie gilt ein besonderes Arbeitsrecht. Angestellte akzeptieren beispielsweise mit ihrem Arbeitsvertrag, dass die Einrichtung, in der sie arbeiten, Teil der Kirche ist. Für Pfarrer Andreas Müller, den Direktor des Arnstädter Marienstifts, ist die Praxis christlichen Lebens einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

In der evangelischen Klink erwarteten die Patienten, egal ob konfessionell gebunden oder nicht, den Geist christlicher Nächstenliebe. Angebote wie Andachten und Gottesdienste seien Ausdruck der christlich-diakonischen Prägung der Stiftung. In Seminaren für die Mitarbeiter werde zudem regelmäßig das evangelische Leitbild der Einrichtung erläutert.

Die Chancen diakonischer Träger, das eigene Profil gerade im Wettbewerb mit anderen zu entwickeln, sieht der Vorstandsvorsitzende der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein, Klaus Scholtissek. Das Beispiel Jesu gehe über die tätige Nächstenliebe hinaus. Vielmehr solle man Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht alleine lassen und ihnen Zeugnis geben »über die Hoffnung, die in euch ist«. Da könnten sich Kirche und Diakonie noch mehr als gegenseitige Ressourcen verstehen und bereichern, so Scholtissek.

Willi Wild

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Pfarrerinnen für die City

5. März 2018 von redaktionguh  
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Halle-Saalkreis: Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant wechseln an die Marktkirche

Neue Zeiten brechen für die hallesche Marktkirchengemeinde an: Nachdem im Dezember 2016 der langjährige Pfarrer Harald Bartl in den Ruhestand verabschiedet worden ist und Pfarrerin Sabine Kramer zu Jahresbeginn als Direktorin des Predigerseminars nach Wittenberg wechselte, steht die Gemeinde vor einem personellen und auch inhaltlichen Wandel. Im Juni werden Simone Carstens-Kant, bislang Pfarrerin an Luthers Taufkirche in Eisleben, und die Bad Lauchstädter Pfarrerin Ulrike Scheller ihren Dienst an der Marktkirche beginnen.

Damit wird Realität, wofür der Kirchenkreis Halle-Saalkreis bereits im Herbst 2014 die Weichen stellte: Die Kirche »Unser Lieben Frauen«, Schnittstelle zwischen Gemeindearbeit, Stadtkultur und Touristik und mit ihren 3 800 Mitgliedern die größte Gemeinde der Stadt, erhält eine Citypfarrstelle.

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Ulrike Scheller wurde vom Kirchenkreis für sechs Jahre mit der neu eingerichteten Pfarrstelle betraut. Ihre Arbeit soll in der gesamten Stadt Ausstrahlung entfalten. Wie dies genau aussehen wird, ob mit einem Schwerpunkt Kultur oder als Stadtteilarbeit, das muss sich finden. »Das Arbeitsfeld ist noch nicht ausdefiniert. Das lässt viel Freiheit«, sagt die 42-Jährige. Sie will sich in Halle auf die Suche nach neuen Formen der Verkündigung machen. Im Pfarrbereich Bad Lauchstädt (Kirchenkreis Merseburg), wo Scheller sieben Jahre tätig war, gelang dies beispielsweise mit thematischen Abendgottesdiensten. Für eine Predigt dieser Reihe wurde sie 2016 mit dem Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet.

Die Citypfarrstelle wird 75 Prozent einer Vollzeitstelle umfassen, zu 25 Prozent wird Scheller für den Kirchenkreis an der Organisation der ökumenischen Lebenswendefeiern mitarbeiten. Dies sei der Citykirchen-Arbeit nicht unähnlich: Auch hier geht es um die Öffnung der Kirche in die Stadt.

Dieses Ziel verbindet Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant, die die Gemeindepfarrstelle an der Marktkirche im Sommer aufnehmen soll. Nach einem Gemeindeabend und einem Gottesdienst Mitte Februar hatte der Gemeindekirchenrat mehrheitlich sein Einverständnis mit dem Besetzungsvorschlag der Landeskirche erklärt. Abschließend entscheidet die landeskirchliche Personalkommission.

Die 55-jährige Carstens-Kant hat bislang die eher projektbezogene Pfarrstelle am Zentrum Taufe in Eisleben inne und freut sich auf die Herausforderung. Es habe sich im Gemeindegespräch gezeigt, wie vielfältig das geistliche Leben an der Marktkirche ist und dass doch ein Ziel eint: Die Sehnsucht, Menschen zu erreichen. Carstens-Kant und Scheller wollen hierbei zusammenarbeiten. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sehr fröhlich sei ein erstes Telefonat verlaufen. Als ein Signal, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, wollen sie sich in einem Gottesdienst in ihre Ämter einführen lassen.

Auch Kirchenältester Gottfried Koehn begreift die Zusammenarbeit zwischen Carstens-Kant und Scheller als zusätzliche Chance. »Die Intensivierung der persönlichen Seelsorge und die weitere Öffnung der Kirche in die Stadt ist unser gemeinsames Ziel«, sagte er.

Bis die Frauen im Sommer ihre Arbeit aufnehmen, wird die Gemeinde erstmals in ihrer 500-jährigen Geschichte mit den Herausforderungen der Vakanz konfrontiert. Denn auch Vikar Helfried Maas hat die Gemeinde bereits verlassen und seinen Entsendungsdienst in Wiehe (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) angetreten. Vertretungspfarrer ist seit 1. Januar

Peter Kästner. Katja Schmidtke

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Meinetwegen: Wenn Gott zu Silvester den grünen Knopf drückt

31. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Psalm 103, Vers 8

Wittenberg 2017. Ich laufe durch die Ausstellung »Unheilige Bilder – Cartoons zu Kirche und Religion heute«. Erfrischend, auch mal über sich selbst lachen zu können. Ich schaue mir die Karikaturen an. Ich schmunzle, ich lache laut los, ich verstumme. Von witzig über provozierend bis hin zu grenzwertig ist alles dabei. Eine schöne Ausstellung. Es tut gut, nicht immer alles so ernst nehmen zu müssen.

»Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte« – in meinem Kopf entsteht ein weiteres Bild, welches seinen Platz in der Karikaturenausstellung hätte finden können. Zu sehen: Gott – klischeehaft stilisiert mit weißem Gewand, goldenem Dreieck auf dem Kopf, fünf Fingern an jeder Hand und einem weißen Rauschebart. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm zwei Knöpfe. Ein Roter, mit der Aufschrift: »Mir reichts!« und ein Grüner mit »Meinetwegen!«.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Gott guckt auf den Kalender: Silvester 2017. Gott lässt das Jahr Revue passieren, seufzt einmal tief, fasst sich mit der linken Hand an die Stirn und drückt mit der rechten Hand den Knopf: Grün! Puh! Noch einmal Glück gehabt, denke ich mir. Gott sei Dank!

Ich sitze am Schreibtisch. Doch vor mir sind keine zwei Knöpfe, sondern mein Laptop: Was lief gut im letzten Jahr? Was war unerfreulich? Über wen habe ich mich geärgert, mit wem vertragen, und wem habe ich bis jetzt noch nicht verziehen? Frust und Müdigkeit breiten sich in mir aus. Wenn ich es schon nicht schaffe, mit meinen Schwächen, ja mit meiner eigenen Schuld umzugehen, wie schafft es Gott dann, den grünen Knopf zu drücken? »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte«.

Ich sitze am Schreibtisch. Ich schließe meinen Laptop und schaue auf den Kalender: 31. 12. 2017. Ein neues Jahr beginnt. Das Zurückliegende kann und darf ich nicht vergessen. Aber ich konzentriere mich auf das Neue. Gott sei Dank! Lassen sie uns mit uns selbst ein Stück barmherziger, gnädiger, geduldiger und gütiger werden. Gott ist es mit uns schon lange.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

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600 Baumanhänger aus Porzellan

25. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Thomas Klitzsch

Foto: Thomas Klitzsch

Das Ergebnis ihrer Arbeit im Museum Porzellanikon in Selb (Oberfranken) präsentieren Schüler aus Wittenberg und Selb in der Wittenberger Schlosskirche. Im Herbst hatten die Schüler Christbaumschmuck aus Porzellan gefertigt. Jetzt haben sie damit den Christbaum der Schlosskirche geschmückt (Foto). Die Engel, Sterne oder auch kleine Luther-Köpfe waren vorher in den Öfen des Unternehmens Rosenthal gebrannt worden. Auch die Tanne kommt übrigens aus dem Fichtelgebirge. Traditioneller Baumschmuck samt Christbaum aus Oberfranken war in der Vergangenheit bereits am Dienstsitz des Bundespräsidenten in Berlin oder im EU-Parlament in Straßburg zu bewundern.

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Seufzer im Advent

8. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Vorweihnachtszeit: Advent ist im Dezember, darauf weisen ja die Christen immer hin. Also kann es doch jetzt losgehen.

Die Weihnachtsfeier in der Schule machen wir gleich am 1. Dezember, denn die Adventszeit ist kurz dieses Jahr und je mehr es auf Weihnachten zugeht, desto hektischer wird es doch. Ich finde mich wie vereinbart zu zwei vorweihnachtlichen Stunden in der Schule ein. Es gibt Kaffee, Kinderpunsch und Plätzchen. Die Kinder führen ein kleines Theaterstück auf. Dann basteln wir. Aus dem CD-Spieler kommen gemischte weihnachtliche Klänge, die »Weihnachtsbäckerei«, gefolgt von einer mit erheblichem Pathos vorgetragenen Version von »Es ist ein Ros entsprungen«. Der Weihnachtsmann kommt und holt für jedes Kind ein Geschenk aus seinem Sack.

Später gehen wir mit unserer Bastelarbeit nach Hause. Es ist so eine Art Adventskranz aus Buntpapier zum Aufhängen geworden. Die Plätzchen hätten sehr gut geschmeckt, sagt meine Tochter. Der Kranz kommt bei uns ins Fenster. Advent ist im Dezember und heißt Plätzchen, Dekoration, stimmungsvolle Musik, die Freude der Kinder. Das ist bei mir nicht anders als bei allen anderen. Ich höre »von Jesse kam die Art« und weiß sogar, was das bedeutet. Aber das bleibt trotzdem Hintergrundmusik zum Kaffee.

Von der »Wurzel Jesse« hat schon der Prophet Jesaja gesprochen und von Jesaja kommt auch der Predigttext am 2. Advent: »Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde« steht darin (Jes 63,19). Solche sind wir geworden. Und schnell wird das vor allem auf die anderen bezogen, auf die sogenannten »Konfessionslosen« oder »religiös Indifferenten«, mit denen ich bei der Weihnachtsfeier in der Schule am Kaffeetisch gesessen habe.

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Foto: ghazii – stock.adobe.com

Aber ich bin doch auch so geworden. Christinnen und Christen und unter ihnen besonders die hauptamtlich Christlichen bereiten das Fest der Geburt Jesu Christi mit großer Routine vor. Unter allerlei Geseufze des vorweihnachtlichen Stresses wegen geht es zielstrebig auf den Heiligen Abend zu und dann wäre das für dieses Jahr auch wieder geschafft. Die Augen geradeaus! Der Blick nach oben lohnt sich nicht. Advent und Weihnachten kann man auch unter einem geschlossenen Himmel feiern.

Aber von Jesaja kommt eine andere Art: »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!« Erhebe dein Haupt, richte den Blick nach oben und erwarte von dort her, dass Gott noch einmal zur Welt kommt. Denn das ist am ersten Weihnachten passiert. Gott war da, unter den Menschen, und wären die Engel nicht gewesen, hätte es auch niemand bemerkt. Was wäre, wenn Gott wiederkäme und sich mit an unsere Kaffeetische setzte und in unsere Schulklassen, zu den Weihnachtsfeiern in den Betrieben käme und in die Gottesdienste? Wo wäre überhaupt Platz für Gott zwischen dem Adventskranz, den Plätzchen und den sorgfältig gefalteten Servietten?

Drei Buchstaben halten Gott einen Platz frei: »Ach«. Ein kurzer Laut nur, für Freude und Glück: »Ach, wie schön.« Und ein Seufzer, da wo die Worte fehlen: »Ach, das tut mir leid.« »Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab.« »Ach« sagen die, die sich nicht abfinden mögen mit der Wirklichkeit, die noch staunen oder etwas von Herzen bedauern können. Die sich danach sehnen, dass es einmal anders wird und nicht immer alles beim Alten bleibt, alle Jahre wieder.

Ich sitze mit all den anderen am gleichen Tisch bei der Weihnachtsfeier in der Schule. Und ich weiß, dass sie alle wie ich ihr »Ach« haben, ihr Glück und ihren Schmerz. Nur sagen sie nichts darüber, sondern nehmen lieber noch einen Keks. Vielleicht ist dieses »Ach« tatsächlich »der Seufzer der bedrängten Kreatur«, wie Karl Marx es so klassisch formuliert hat.

Dann darf aber alles, was wir in Weihnachtsfeiern und Gottesdiensten verabreichen, kein Opium für das Christenvolk enthalten. Solcherart Plätzchen schmecken zweifellos gut und sind schnell verdaut. Aber wir Christenmenschen sind doch für andere Nahrung da, für das Seelenbrot statt für Dominosteine. Und dafür, den Hunger darauf zu wecken. Ach, könnten wir so den Advent feiern. Im Dezember und immer.

Kathrin Oxen

Die Autorin ist Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur in Wittenberg.

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»Der Engel schwieg«

17. November 2017 von redaktionguh  
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Volkstrauertag: Über die Gegenwart des Leids in der Sprache wird der Autor am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung in Wittenberg sprechen.

Zwanzig Jahre nach Kriegsende präsentierte Heinrich Böll mit »Heimat und keine« überschriebene Reflexionen zur Präsenz der Zerstörung in einem Land, das sich den Neuaufbau auf die Fahnen geschrieben hatte: »Menschen sind wohl nur da halbwegs zu Hause, wo sie Wohnung und Arbeit finden, Freunde und Nachbarn gewinnen. Die Geschichte des Ortes, an dem einer wohnt, ist gegeben, die Geschichte der Person ergibt sich aus unzähligen Einzelheiten und Erlebnissen, die unbeschreiblich und unwiederbringlich sind.«

Köln war für Böll – im Dezember 2017 wäre er 100 Jahre alt geworden – Heimat in doppeltem Sinn: als Vorkriegs- und Nachkriegsstadt. Beide waren für ihn »Gegenstand der Erinnerung – und der Sentimentalität natürlich«. So hatte sich in sein Gedächtnis auch die Stille eingebrannt, die wie der Staub »unermesslich« über der Zerstörungslandschaft lag. 1950 hätte Böll eigentlich einen Roman veröffentlichen wollen, in dem er sich mit dem Krieg auseinandersetzte. »Der Engel schwieg« erschien dann aber erst 1992 postum. Der Verlag hielt ihn zu Beginn der 1950er-Jahre für nicht (mehr) angemessen. Nicht der Krieg selbst war Gegenstand dieses am 8. Mai 1945 einsetzenden und mit Rückblenden arbeitenden Romans, sondern das Geschehen »zeigt nur«, wie es der Autor selbst beschreibt, »die Menschen dieser Zeit, ihren Hunger«.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Berichtet wird »von einer Liebesgeschichte, klar und spröde, die der Phrasenlosigkeit der ›heimkehrenden‹ Generation entspricht, die weiß, daß es keine Heimat auf dieser Welt gibt«. Zu Beginn begegnet der Protagonist einem Engel. Der Ausdruck der Plastik war »milde und schmerzlich lächelnd«. Mit Entfernung des auf ihr liegenden Staubes verschwand die ursprüngliche Aura und damit alle Lebendigkeit. Das Schweigen des Engels, der eine Lilie in der Hand trägt, dominiert die Erzählstränge, ja, es wird am Ende noch dadurch potenziert, dass ein anderer schweigender Engel, machtlos mit dem Gesicht nach unten, während einer Beerdigung in den Friedhofsschlamm gedrückt wird, sein Schwert liegt zerbrochen neben ihm. Böll beschreibt die Unfähigkeit, erlebtes Grauen, aber auch die Einsicht in individuelle und kollektive Schuld zur Sprache zu bringen. Das Leid ist allzu übermächtig. Es gibt keine »Stunde Null«. Stattdessen dominieren eben nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitäten.

Aber die Beschwörung der Sprachlosigkeit behielt in der Literatur nach ’45 nicht das letzte Wort. Mit Energie schob sich die Einsicht in den Vordergrund, dass nur die Artikulation und die gemeinsame Kommunikation es möglich machten, sich des Gewesenen zu erinnern, um gerade auch als Gesellschaft wieder handlungsfähig zu werden.

Martin Walser, der den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 beobachtete, formulierte noch 2004 nachdrücklich: »Wenn ich mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist.« Wenn Walser Sprache als »Bewegung schlechthin« begreift, nimmt er die zentrale theologisch-philosophische Einsicht auf, dass sich in der Äußerung ein realitätsveränderndes Ereignis vollzieht. Wer also Erinnerung ausdrückt, gestaltet die Gegenwart. Trifft dies zu, wird der Zustand des Schweigens als besonders schmerzhaft und lähmend erfahren.

Gerade Schriftsteller sind es, die es, allein schon aus Gründen ihrer Profession, nicht ertragen, sprachlos bleiben zu müssen. Nicht von ungefähr sind Publikationsverbote ein bewährtes Repressionsmittel. In seltener Intensität hat auch Ingeborg Bachmann mit dem Schweigen gerungen, das in den 1950er-Jahren nicht nur lähmend über den Menschen lag, sondern auch von ihnen ausging. »Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!« – mit diesem Aufruf lässt sie in »Die gestundete Zeit« ihr Gedicht »Psalm« beginnen, das dann schließlich auf die verstörende Bitte zuläuft: »In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.«

Alf Christophersen

Der Autor ist promovierter Theologe und Studienleiter der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.

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Mit Gott und Sonnenschein

29. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133) Es war Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig wichtig, dass wir bei der Berichterstattung über das erste gemeinsame Interview der beiden mitteldeutschen evangelischen Bischöfe die herzliche Atmosphäre und das gute Miteinander nicht unerwähnt lassen. Landesbischöfin Ilse Junkermann schob nach, dass das natürlich auch für das Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in Erfurt und Magdeburg gelte. Und das nicht erst im Reformationsjahr.

Die gute, fast schon geschwisterliche Zusammenarbeit zwischen Kommune und Kirche wird in Eisenach sowie in Wittenberg von beiden Seiten hervorgehoben. Nicht nur das. Die Oberbürgermeister beider Lutherstädte betonen freudig, dass in diesem Jahr das Interesse an Reformation und Kirche unter den kirchenfernen Teilen der Bevölkerung stark zugenommen habe.

Sicher, nicht alle hochgesteckten Erwartungen erfüllten sich. Aber es ist Neues entstanden und das Reformationsjahr hat Menschen zusammengebracht. Die Marktplätze und Fußgängerzonen wurden zu Begegnungsorten. Landesbischöfin Ilse Junkermann wollte, dass sich die Kirche als »gute Gastgeberin« präsentiert. Das ist an vielen Orten gelungen.

Der positive Eindruck wird nachwirken. Zu danken ist er einmal mehr den vielen engagierten ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden und letztlich dem gütigen Gott, der nicht nur schönes Wetter schenkte, sondern auch, wie es am Ende des Psalms 133 heißt, der verträglichen Gemeinschaft seinen Segen und Leben bis in Ewigkeit verheißt. Das ist ein fester Grund auch für die nächsten 500 Jahre. Reformation geht weiter.

Willi Wild

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