Ein Weg, der sich lohnt

15. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Jubiläum: Pilgerroute auf den Spuren Luthers in Sachsen-Anhalt besteht seit zehn Jahren

Als sich der Landwirt Wolf von Bila aus Wohlsdorf bei Köthen am 25. August 2006 mit einer Idee an die Landeskirche Anhalts wandte, war nicht abzusehen, was daraus werden würde. Sein Vorschlag lautete, die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg durch einen Pilgerweg zu verbinden. Einen Monat später gab es das erste Planungstreffen in seinem Haus. Vertreter von Kirchen, Kommunen und Tourismusverbänden ließen sich von der Idee anstecken. Zwei Jahre später wurde der Lutherweg durch Sachsen-Anhalt eingeweiht. Er war der erste auf den Spuren des Reformators überhaupt. Heute ist er ein Wegenetz, das sich durch sechs Bundesländer zieht.

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Ehrung: Bei der Jubiläumsfeier in Kemberg wurden Gert Scholz (Schköna), Gabriele und Rudolf Kunze (Pratau) sowie Dieter Schröter für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Pflege des Lutherweges ausgezeichnet. Links im Bild Ministerpräsident Reiner Haseloff, rechts der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Ekkehard Steinhäuser. Foto: Johannes Killyen

Zum zehnjährigen Bestehen des Lutherweges Sachsen-Anhalt würdigte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ihn als touristisches und spirituelles Projekt. »Die Idee, Luthers zahlreiche Wege nachzuzeichnen und Pilger ebenso wie Wanderer zu bedeutenden Orten der Reformation in Sachsen-Anhalt zu führen, ist aufgegangen«, sagte er einem Festakt am 4. Oktober in Kemberg bei Wittenberg. »Ich bin froh, dass der Lutherweg auch nach dem Reformationsjubiläum 2017 weiter besteht und bestehen wird. Vor diesem Hintergrund ist das zehnjährige Jubiläum ein wichtiger Zwischenschritt«, so Haseloff, der auch Schirmherr des Lutherweges in Sachsen-Anhalt ist.

Der Lutherweg Sachsen-Anhalt war am 28. März 2008 in Höhnstedt nahe der Lutherstadt Eisleben von Vertretern aus Kirche, Tourismus, Politik und von Verbänden eingeweiht worden. Er verbindet im Sinne seines Erfinders auf dem Rundkurs die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg. Im Norden verläuft er durch Anhalt, im Süden durch Halle an der Saale. 2017 wurde eine zusätzliche Strecke von Zerbst nach Magdeburg aufgenommen.

Hinter Eisleben führt der Weg, der insgesamt rund 460 Kilometer lang ist, nach Mansfeld-Lutherstadt und weiter in Richtung Thüringen. Nach und nach kamen weitere Lutherwege in Thüringen, Sachsen, Bayern, Hessen und zuletzt in Brandenburg dazu. Als Dachorganisation sichert die Deutsche Lutherweg-Gesellschaft die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Lutherwegen. Zugleich ist sie Trägerin der Koordinationsstelle für den Lutherweg Sachsen-Anhalt, die von Grit Gröbel geleitet wird.

Bei der Jubiläumsfeier erinnerte der Präsident der Lutherweg-Gesellschaft, Pfarrer Ekkehard Steinhäuser, an einige Initiatoren des Lutherweges: an den oben genannten, 2012 verstorbenen Wolf von Bila oder den katholischen Pfarrer Willi Kraning. In einem Referat wies Steinhäuser darauf hin, dass Luther das Pilgern mit dem Ziel, dadurch Gottes Gnade zu erreichen, abgelehnt habe. Zugleich gebe es heute aber zahlreiche Gründe für ein »evangelisches Pilgern«, etwa das Erlebnis des gemeinschaftlichen Christseins. »Außerdem kann man beim Pilgern seinen Problemen nicht weglaufen, man ist sich selbst näher und kann auch Gott besser zuhören.«

Steinhäuser würdigte in einem Gespräch mit der Kirchenzeitung auch die Arbeit der ehrenamtlichen Weg-Pfleger, von denen bei der Feier in Kemberg einige ausgezeichnet wurden. Für die Zukunft des Weges wünscht er, dass es immer wieder und immer mehr Menschen gibt, die nach dem Pilgern mit dem Gefühl innerer Zufriedenheit nach Hause zurückkehren und sagen: Ja, das Pilgern tut gut.

(G+H)

www.lutherweg.de

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Mit Überraschung im Gebälk

8. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Eichholz: Die kleine Kirche ist zurzeit Großbaustelle. Im Oktober soll das Richtfest sein.

Zurzeit ist an der Kirche in Eichholz bei Zerbst nichts, wie es einmal war. Das Inventar ist ausgelagert, das Orgelgehäuse sicher verpackt, es fehlt seit Monaten der Dachstuhl und baufällige Mauern der romanischen Feldsteinkirche mussten abgetragen werden. Der zweite Bauabschnitt ist in vollem Gange. »Aber im Dezember müssen wir ihn beendet und abgerechnet haben«, sagt Pfarrer Albrecht Lindemann. Heiligabend wolle die Gemeinde wieder in ihrer Kirche Gottesdienst feiern, auch wenn die Vollendung des Innenraumes erst in einem dritten Bauabschnitt vorgesehen sei.

Seit Jahren ist klar, dass an der Kirche in Eichholz nichts mehr so bleiben konnte, wie es seit Jahrhunderten war. Vor allem die Risse im Mauerwerk des Ostteils bereiteten der Gemeinde Sorgen. Dort war im 19. Jahrhundert angebaut worden, allerdings ohne ordentliches Fundament. Als Folge eines Granateneinschlags nebst Brand im Jahr 1945 fehlte der Kirche bis in die 1950er-Jahre das Dach. Das damals aufgesetzte musste in den 1990er-Jahren durch ein Notdach aus Blech ersetzt werden. Rund 20 Jahre später erlaubten die Schäden keinen Bauaufschub mehr. Die 80 Mitglieder zählende Kirchengemeinde Eichholz-Kermen musste handeln.

Viele Förderanträge wurden für den Erhalt des Baudenkmals am Lutherweg gestellt und bewilligt. Auch an einem Wettbewerb beteiligte sich die Gemeinde und ging als Zweitplatzierte daraus hervor. In der MDR-Show »Mach dich ran« erkämpfte ein Team im Herbst 2015 die Option auf 125 000 Euro Förderung, die die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) zahlen wollte. Bedingung war unter anderem, dass die Kirchengemeinde noch einmal dieselbe Summe als Eigenanteil aufbringen musste. Das gelang, und das KiBa-Geld ist inzwischen auf dem Konto angekommen.

Erinnert: Beim Mannschaftsspiel um Fördergeld der Stiftung KiBa Ende Oktober 2015 in Wittenberg belegte die Kirchengemeinde Eichholz den zweiten Platz. Foto: Konstanze Förster-Wetzel

Erinnert: Beim Mannschaftsspiel um Fördergeld der Stiftung KiBa Ende Oktober 2015 in Wittenberg belegte die Kirchengemeinde Eichholz den zweiten Platz. Foto: Konstanze Förster-Wetzel

Um auf ihr großes Vorhaben aufmerksam zu machen und Spenden einzuwerben, ließ sich die Gemeinde allerhand einfallen. Die Benefizveranstaltungen »Rock auf der Koppel« und »Advent auf der Koppel« sind inzwischen zur festen Größe im Gemeindekalender geworden. Und mit dem »Sommerkino auf der Koppel« ist eine neue hinzugekommen. Auch der Verkauf edler Stifte, die aus altem Eichenholz gefertigt wurden, gehörte dazu.

Insgesamt rund 600 000 Euro waren für alle drei Bauabschnitte für den Kirchenerhalt veranschlagt. Dass Kostenvoranschläge manchmal korrigiert werden müssen, zeigte sich in diesem Sommer: Als ein Bauforscher des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt die Eichenbalken des Dachstuhles untersuchte, stellte er zwei Dinge fest: Die Bäume wurden im Winter 1178/79 gefällt. Damit ist die Kirche älter als angenommen. Außerdem sah der Fachmann, dass die mittelalterlichen Kehlbalkengebinde weit umfangreicher als gedacht erhalten sind und sie nach Reparatur und einigen Veränderungen ohne statische Funktion wieder eingefügt werden sollten.

Das verursachte rund 60 000 Euro Mehrkosten. »Der Förderbescheid vom Land ist inzwischen eingetroffen«, sagt Pfarrer Lindemann erleichtert.

Noch eine solche Überraschung möchten er und die Gemeinde nicht erleben, dafür aber im Oktober Richtfest feiern können. Das Datum stand bei Redaktionsschluss zu Monatsanfang noch nicht fest.

Angela Stoye

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Zeitzeugen erzählen

7. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung im Landeskirchenamt


Sie wollten um Gottes Willen nicht schweigen. Im Mai 1934 kamen evangelische Christen aus ganz Deutschland nach Wuppertal-Barmen. Sie gründeten dort die »Bekennende Kirche«, deren Fundament die Thesen der Barmer Theologischen Erklärung waren.

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Organisatorinnen: Brigitte Andrae (links) und Friederike Spengler in der Ausstellung im Landes­kirchenamt. Foto: Diana Steinbauer

Welche Grundlagen diese Erklärung hatte, welchen Weg ihre Unterzeichner während der NS-Zeit und danach gingen und welche Auswirkungen diese theologischen Thesen haben, das beleuchtet die interaktive Ausstellung »Gelebte Reformation – Barmer Theologische Erklärung«, die derzeit im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen ist. Anhand von Bildern, Filmszenen, Dokumenten und Erfahrungsberichten bringt sie Licht in eine dunkle Zeit, in der ein eigener Standpunkt und Courage nicht selten lebensgefährlich waren. Auch für evangelische Christen.

Die Barmer Erklärung war ein Protest gegen die Gleichschaltung und Instrumentalisierung der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Anders als viele Deutsche, für die Vaterland und Kirche zusammengehörten und die später auch den Einfluss des Führers auf die Kirche nicht kritisierten, stellen sich die Verfasser der Barmer Erklärung dem entgegen. Sie betonten in erster Linie wieder die Devise der Reformation »Verbum domini manet in aeternum« – Das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit!«

Landeskirchenamtspräsidentin Brigitte Andrae sprach bei der Vernissage der Ausstellung von einer herausragenden Schau. »Vor allem in den persönlichen Zeitzeugenaufnahmen wird für mich die Zeit und ihr Umfeld lebendig«, erklärt Andrae. Vor allem an der Hörstation, an der man den Geschichten derer lauschen kann, die unmittelbar oder als Kinder oder Lebenspartner der Akteure an diesem Ereignis beteiligt waren. »Man kann hier eintauchen in ein Geschehen, und anhand der Einzelschicksale ergibt sich ein ganzer historischer Zusammenhang, ein geschichtliches Ereignis, von dessen Brisanz wir heute noch lernen und profitieren können.«

Andraes Referentin im Landeskirchenamt, Friederike Spengler, hat die Ausstellung, die als Beitrag zur Weltausstellung in Wittenberg 2017 konzipiert wurde, nach Erfurt geholt. Die Ausstellung kann und soll vor allem auch Schüler und Studenten, Konfirmanden- und Jugendgruppen ansprechen und das Lernen im Geschichtsunterricht unterstützen. Spengler ist froh, dass die Landeskirche von der Evangelischen Bank und der KD-Bank Stiftung unterstützt wird, um diese Schau zeigen zu können. »Es ist eine facettenreiche Ausstellung«, erklärt Friederike Spengler, »die hilft, den Kontext zu bebildern, die historische, ethische und religiöse Fragen zu klären versucht und die den Anstoß geben kann, den eigenen Standpunkt zu finden. Nicht belehrend, sondern anhand von Dokumenten.«

Diana Steinbauer

Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr im Collegium maius im Landeskirchenamt in Erfurt zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Dank für Braten und Kloß an Koch und Schöpfer

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Psalm 145, Vers 15

Als vierstimmiger Gesang erklingt »Aller Augen warten auf dich, Herr« in der Vertonung von Heinrich Schütz. Als Tischgebet wird es gesungen oder gesprochen. »Aller Augen« ist in aller Munde, wo es Sitte ist, dass zum Essen gebetet wird.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wo ist das so? In meiner Kindheit und Jugend kannte ich kein Tischgebet. In meinem Elternhaus wurde gutbürgerlich gekocht und sonntags festlich gedeckt. Die Mutter wurde für den schmackhaften Braten gelobt, der Großvater für die handgemachten Klöße aus Zweidrittel rohen und einem Drittel gekochten Kartoffeln. Doch zum Essen gebetet oder »Aller Augen« gesungen wurde nicht. Das Beten zu Tisch und das Beten als Gesang habe ich erst spät in meinem Leben durch die Familie meines Mannes kennen gelernt. In der Ausbildung angehender Pfarrerinnen, Pfarrer und Gemeindepädagogen im Predigerseminar gehört das Mittagssingen eine halbe Stunde vor dem Essen zum festen Bestand des Tages und für mich zu den unverzichtbaren Momenten.

Das Tischgebet hebt das Essen auf eine andere Ebene: vor den gefüllten Tellern sitzend, für einen Moment Gott zu erwarten, sich die Augen nicht allein an den Köstlichkeiten in den Schüsseln übergehen zu lassen, sondern aufzuschauen, sich von Gott die Speise geben, sich sättigen zu lassen. Zu spüren: Gott schenkt mir das zum Leben Notwendige zur rechten Zeit. Indem ich »Aller Augen warten auf dich, Herr« singe, werde ich zurückgebunden an Gott und die Welt, die Gott geschaffen hat. Von Gott kommt alles Leben, mein Leben eingenommen. Mir ist aufgegeben, das von Gott Geschaffene zu verwalten. Wie sorgsam oder wie achtlos gehe ich damit um? Das Tischgebet macht mich nachdenklich.

Zu Erntedank liebe ich den Duft, die Farben der Blumen und Früchte in der Kirche. Die Natur zeigt sich mit ihrem ganzen Reichtum. Ihn zu schmecken, sich daran zu erfreuen und neu oder wieder einzustimmen in das Tischgebet »Aller Augen warten auf dich, Herr«, dafür ist zu Erntedank die beste Gelegenheit.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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Von Balladen bis zum Boogie Woogie

6. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Mühlhausen: Bugenhagen-Musical mit »Pommerschen Engelspierken« in Bad Tennstedt

Musik, Gesang und Tanz machen Geschichte lebendig, wenn am 9. Oktober in der Nikolaikirche von Bad Tennstedt (Kirchenkreis Mühlhausen) ein Musical über Johannes Bugenhagen aufgeführt wird. Es erzählt die bewegte Geschichte des Reformators, der als Freund und Seelsorger Luthers in Wittenberg in die Geschichte eingegangen ist. In Greifswald, Hamburg, Schleswig und verschiedenen vorpommerschen Kirchen wurde das mitreißende Stück bereits aufgeführt.

Es musizieren und spielen »De pommerschen Engelspierken«, eine Gruppe von etwa 40 Menschen unterschiedlichen Alters aus vielen Bereichen des Lebens. Einige können gut singen, andere gut spielen. Manche sind tolle Typen auf der Bühne, andere haben großes Organisationstalent. Geleitet wird die Gruppe von Pastorin Dr. Nicole Chibici-Revneanu, die das Musical auch komponiert hat.

»Engelspierken« ist eine pommersch-plattdeutsche Bezeichnung für Libellen. Das Wort weckt Erinnerungen an einen Sommer am Badeteich: Libellen fliegen durchs Schilf und übers Wasser. Je nach Blickwinkel schimmern sie in vielen bunten Farben. Die Truppe ist genauso bunt.

Jeder und jede hat etwas einzubringen, ist und kann was. Da geht es ihnen manchmal ein bisschen wie den Hauptfiguren des Stückes.

Das Wort »Spierken« bedeutet für sich auch »kleines Holzstückchen«, »Reisig« oder »Span« – also Holz, das mit einer kleinen Flamme leicht anbrennt und so zum Entfachen eines Feuers dient. »Wenn Leute aus dem Publikum nach einer Vorstellung sagen, sie hätten die Reformation jetzt erst richtig verstanden, haben wir »Spierken« vielleicht auch ein Feuer zum Brennen gebracht«, sind die Mitwirkenden überzeugt.

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Bunte Truppe: Die 40 Mitglieder können gut singen und gut spielen. Foto: Veranstalter

Hauptdarsteller des Bugenhagen-Musicals ist Paul Gohlke, der auch im richtigen Leben den Beruf eines Theologe ausübt. Zu der Musicalgruppe gehören jedoch auch Schülerinnen, Ärzte, Tischler, Krankenschwestern, Mathelehrer und Menschen, die noch ihren beruflichen Platz suchen. Sie alle eint die Begeisterung, die die Musik auszulösen vermag.

Pastorin Nicole Chibici-Revneanu, im Hauptberuf Leiterin des Barther Bibelzentrums, hält die Fäden der Musicalgruppe in der Hand. Sie hat die Musikstücke komponiert und begleitet sie auf dem Klavier.

Stephanie Schwenkenbecher stellt die Darsteller mit ihren originellen Texten vor einige Herausforderungen, insbesondere durch plattdeutsche, sächsische und sogar lateinische Passagen.

Damit das Publikum bei alledem gut folgen kann, gibt es hochdeutsche Texthefte. Musikalisch sind verschiedenste Stilrichtungen von Balladen bis Boogie vertreten, die Engelspierken singen solistisch, in Duetten, Trios und im Chor. Mit all dem gelingt es, einen weniger bekannten Mitstreiter Martin Luthers darzustellen.

(G+H)

Dienstag, 9. Oktober, 19 Uhr, Kirche St. Nikolai Bad Tennstedt, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 3 Euro

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Einen schöneren Beruf kann es nicht geben: Liebesprediger

29. September 2018 von redaktionguh  
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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Untrennbar gehören sie zusammen. Wie eine Münze, die zwei Seiten hat, ist die Liebe zu Gott auf der einen und die Liebe zum Bruder auf der anderen Seite. Die Liebenden sind wir, auf beiden Seiten. Von Gott wird gesagt: Gott ist die Liebe. Wir leben aus Gottes Liebe. Und wir erwidern diese Liebe, weil die Liebe das Gegenüber sucht. Wir lieben Gott, indem wir die Liebe weitergeben an Menschen neben uns.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

Doch wer sind unsere Mitmenschen? Und vor allem, wo ist die Grenze der Liebe? Wir erleben harte Auseinandersetzungen in Kirche und Gesellschaft, wem die Liebe eigentlich gilt. Da sehen die einen die eigenen Volksgenossen. Oder sind die Geschwister die Gläubigen der drei Religionen, die sich auf Abraham zurückführen: das Judentum, das Christentum und der Islam? Andere sagen: Es sind die Glaubensgeschwister in der eigenen Gemeinde. So sieht es der Johannesbrief. Er lebt das Modell der kleinen Gruppe. Jesus jedoch geht mit seiner Liebe weiter, wenn er auffordert: »Liebt eure Feinde!« Kein Gebot fordert mich mehr heraus als dieses.

In unseren Gemeinden streiten wir, wie weit die Liebe gehen kann. Dahinter steht die Frage, wer ist mein Nächster, mein Bruder, meine Schwester? Schon Adams und Evas Sohn Kain muss sich diese Frage von Gott gefallen lassen: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Kain hat Abel aus Neid getötet. Trotzig erwidert er: »Soll ich meines Bruders, meines Mitmenschen, Hüter sein?« Klar gestellt wird: Lieblosigkeit, Gewalt, brutale Sprache, Hasspredigt können sich nicht auf Gott berufen. Das Bibelwort sagt nicht pauschal: Die Liebe gilt allen. Sondern: Die Liebe gilt den Menschen, die hier sind. An sie bist du gewiesen, zu lieben.

Im Predigerseminar bilden wir angehende Predigerinnen und Prediger aus. Wunderbar daran ist: Sie werden ausgebildet zu Liebespredigern! Als künftige Pfarrerinnen und Pfarrer sollen sie den Menschen Liebe ins Herz legen, Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Einen schöneren Beruf kann es nicht geben.

Sabine Kramer, Direktorin des Predigerseminars in Wittenberg

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Seelsorger braucht das Land

10. September 2018 von redaktionguh  
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Der demografische Wandel trifft die ganze Breite der Gesellschaft und damit auch den Pfarrberuf. Plagen auch die EKM Nachwuchssorgen?

Am 1. September startet traditionell nicht nur das Ausbildungsjahr im Handwerk, sondern auch der Vorbereitungsdienst für angehende Pfarrer. Vor wenigen Tagen also haben die jungen Vikare dieses Jahrgangs begonnen. Es ist nur eine kleine Schar, elf an der Zahl. »Wir haben mit weitaus mehr Bewerbern gerechnet«, sagt Michael Lehmann, Leiter des Dezernats Personal im Landeskirchenamt der EKM in Erfurt. Dennoch ist er nicht beunruhigt, was den Pfarrnachwuchs in der Landeskirche angeht. »Wir haben in den vergangenen drei Jahrgängen so viele Bewerber gehabt, dass wir mit unseren Partnerkirchen, der Landeskirche Sachsen, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Landeskirche Anhalts, mit denen wir das Predigerseminar in Wittenberg betreiben, überlegen mussten, wie wir das Platzangebot ausweiten«, erzählt Lehmann. Das dritte Jahr in Folge habe es doppelte Jahrgänge gegeben. Das letzte Mal wird 2019 einer dieser großen Jahrgänge in den Dienst kommen. »Das ist wichtig, weil auch bei uns massive Ruhestands­eintritte bevorstehen«, so Lehmann. Dennoch seien die Zahlen insgesamt noch nicht beunruhigend. Die Aufregung um einen Beitrag bei MDR Kultur, der meldete, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland könne nicht alle ihre Stellen besetzen, kann Lehmann darum nicht verstehen.

Bei einem Pressegespräch Anfang des Jahres hatte die EKM Zahlen zur Personalsituation von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu den Theologiestudierenden und Vikaren veröffentlicht und eine frohe Botschaft gesendet: Die Zahlen seien stabil, es gäbe genügend Personen für den landeskirchlichen Dienst. Außerdem vermeldete man, dass immer mehr Frauen sich zum Pfarrdienst berufen fühlten. An dieser Situation habe sich auch nichts geändert, betont Michael Lehmann. »In den vergangenen Jahren waren die Zahlen konstant«, erklärt der Oberkirchenrat. Derzeit gibt es 884 Stellen in der EKM. Die Vakanzquote liegt bei 3,4 Prozent, das heißt 30 Stellen können derzeit nicht besetzt werden. »Das hat verschiedene Gründe«, weiß Personaldezernent Lehmann.

Foto: epd-bild/Collage G+H

Foto: epd-bild/Collage G+H

Die Regel ist ein ganz normaler Stellenwechsel. Pfarrer A wechselt von X nach Y. Die Stelle wird frei und die Gemeindekirchenräte beantragen die Wiederbesetzung der Stelle. Der Kreiskirchenrat überlegt, ob angesichts des verabschiedeten Stellenplans die Stelle wieder ausgeschrieben werden kann. Dann wird die Stelle ausgeschrieben und es bewerben sich Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese stellen sich in Gottesdiensten vor und werden durch Gemeindekirchenräte gewählt. Drei Monate später treten sie die Stelle an. Das bedeutet: Es gilt bei einem normalen Stellenwechsel eine Zeit von 9 bis 12 Monaten zu überbrücken, in denen diese Stelle frei bleibt.

Um aber neue Pfarrer für die Gemeinden der EKM zu gewinnen, müssen junge Menschen für ein Theologiestudium begeistert werden. »Wenn wir unsere Studenten fragen, warum sie Theologie studieren, dann sagen sie in der Regel, sie seien angeregt worden durch eine gute Gemeindearbeit. Sie haben eine kirchliche Jugendarbeit erlebt, die sie attraktiv fanden, und sie waren auch in Ehrenamtsstrukturen eingebunden«, berichtet Michael Lehmann. Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die nicht aus kirchlichen Strukturen stammen und bei denen der Religionsunterricht das Interesse an Fragen der Theologie geweckt hat.

Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer beschreibt seine Intention zum Theologiestudium so: »Weil ich genauer wissen wollte, was an der politisch so bescholtenen Kirche und ihrer Botschaft dran ist, und weil ich eine Möglichkeit suchte, mich meines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen – auch öffentlich – zu bedienen. Dabei wollte ich die Tradition immer als ein Sprungbrett verstehen, gebrauchen, verändern. Seither sinne ich einem Gedanken Luthers nach: ›Was Gott nicht hält, hält nicht‹.«

Schorlemmer hat damals einen klassischen Weg beschritten. Er wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge in der Prignitz (Brandenburg) geboren. Wie er wurden damals viele Pfarrerskinder wieder Pfarrer. Dafür gab es besondere Umstände, gerade in der DDR, die Pfarrerskindern oftmals kein Studium ermöglichte. Wenn ja, dann nur Theologie. »Heute können Pfarrerskinder studieren, was sie wollen, und sie tun es auch«, weiß Michael Lehmann. Das sieht er als großen Vorteil, aber damit sei auch eine Selbstverständlichkeit – wenn auch eine erzwungene – verloren gegangen.

Deshalb macht die EKM Werbung für das Theologiestudium. So beteiligt sich die Kirche an einer Zeitschrift, die Schülerinnen und Schüler in Thüringen erhalten und die bei der Berufswahl helfen soll. Zudem bieten Studienhäuser in evangelischer Trägerschaft attraktive Wohnangebote für Studenten an und die kirchliche Studierendenberatung in Halle und Jena hilft jungen Menschen, Unterstützungsangebote der Kirche, Stipendien, Büchergeld und vieles mehr nutzen zu können.

Diana Steinbauer

Hintergrund
In der EKM gibt es 884 Pfarrstellen, von denen sich 20 in der Ausschreibung befinden. Weitere Stellen werden für 23 Personen vorbereitet, die im April 2019 mit ihrem Entsendungsdienst beginnen wollen. Laut Studierendenliste der Hochschulen auf dem Gebiet der EKM haben sich 2017/18 für den Studiengang Theologie 122 Studierende eingeschrieben. Die tatsächliche Anzahl derer, die in ein Vikariat, also den Vorbereitungsdienst gehen, zeigt sich erst am Ende des Haupt­studiums. Am 1. September haben elf Vikarinnen und Vikare mit dem Vorbereitungsdienst begonnen.


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Nur »katholischer Sauerteig«?

13. August 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren differenzierten sich im Christentum alternative Konzepte von Heiligkeit heraus. Anhalt ging einen Weg, der radikal mit der Tradition brach.

Schon im Winter 1521/22, während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg, war sie zu Wittenberg erprobt worden, diese neue Art, Gottesdienst zu feiern: Andreas Karlstadt hatte mit dem Stadtrat eine »evangelische Messe« eingeführt. Erstmals war der Laienkelch gereicht worden; neben dem Verzicht auf einige andere Elemente hatten aber folgende Veränderungen besondere Aufmerksamkeit erweckt: Der Liturg war in ein Laiengewand gekleidet, er sprach den Einsetzungsbericht deutsch und zur Gemeinde gewandt, er verzichtete bei der Wandlung auf das Kreuzzeichnen sowie das Erheben, und die Kommunikanten nahmen Kelch und Hostie selbst in die Hand. Letzteres hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die vor allem eines zeigten: Den Dingen eignete eine Aura, die anzog, aber auch Angst machte.

Religion hat es mit dem Paradox zu tun, das Jenseits im Diesseits zu verorten. Ihre Vorstellungen werden durch Texte, Rituale, Symbole und Dinge in der Welt anschaulich. So werden sie Teil sozialer Wirklichkeit und Glaubensgegenstand; so kommen sie aber auch mit dem profanen Leben in Berührung und müssen sich dessen Normen gegenüber behaupten. Die Konfessionen entwickelten hier unterschiedliche Strategien.

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen  Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Die Reformation, die sich im Reich seit den 1520er-Jahren durchsetzte, hatte zwar einerseits mit der Werkfrömmigkeit gebrochen und entsprechend viele alte Andachtsformen abgeschafft. Doch sie war auch dadurch geprägt, dass sie in der Messe vieles beibehielt. Luther hatte nämlich nach seiner Rückkehr die oben genannten Reformen allesamt zurücknehmen lassen. Sie waren aus seiner Sicht einem »fleischlichen Missverstehen« entsprungen, das nicht zur Abwertung der Dinge, sondern ihrer Überbewertung führe, indem man so sehr auf sie fokussierte. Und Luther blieb von einer leiblichen Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt, die durch den Einsetzungsbericht bewirkt wurde und an die Elemente gebunden war.

Und so blieb die Liturgie der Evangelischen noch durch etwas geprägt, das seit dem Konzil von Trient zu dem Kennzeichen des Katholizismus werden sollte: Das Göttliche sollte durch Rituale, die dem Profanen besonders enthoben waren, präsent gemacht werden. Die heilswirkende Kraft der Messliturgie beruhte auf der durch den Liturgen objektivierten Präsenz Gottes in den eucharistischen Gaben. Und so setzten zum Beispiel die katholischen Reformer im Münsterland seit den 1590er-Jahren eine intensive Reform in Gang, der es gerade auf den äußerlich korrekten Vollzug des Kults und die Heiligung der Zeit wie der Orte (Kirche und Kirchhof) ankam. Die Sphäre des Göttlichen konstituierte sich hier durch Performanz und Präsenz.

In die, wenn man so will, entgegengesetzte Richtung liefen zur gleichen Zeit die Reformen in den anhaltischen Fürstentümern. Sie setzten auf Repräsentation und Innerlichkeit. Die Gegenwart Gottes wurde symbolisch verstanden: Der Gottessohn wurde im Abendmahl allein geistig gegenwärtig, und für die Aneignung der im Einsetzungsbericht verheißenen Gnade war die innere Haltung der Teilnehmer die wichtigste Bedingung. Alles, was noch den »katholischen Sauerteig« in sich trug, was also noch den Eindruck erwecken konnte, dass man Gott durch einen feierlichen Ritus quasi verobjektivieren könne, wurde seit 1596 entfernt – vom Hochaltar im Raum über die Messgewänder bis hin zur Hostie in der Kommunion.

Wie schon 1521 ging es um Entheiligung der alten Ordnung, und wieder war das Berühren der Dinge der neuralgische Punkt. Dem Einsetzungsbericht folgend wurde nun Brot gebrochen und den Kommunikanten gereicht. Aber noch immer hätten sich diese, so verlautete es, »vor [=für] vnrein, vnheilig, vnwerdig geachtet, das geheiligte brod mit ihren henden anzurühren«. Aus Sicht der Lutheraner würde so nämlich »das Sacrament … in Verachtung kom[m]en«. Ein Bürger in Jeßnitz nahm im Sommer 1600 am neuen Abendmahl teil, aber das »calvinische Brot« dann heimlich nach Hause in seine Küche, »um es dort … zu verspeisen«. Am profanen Ort zeigte sich, dass dieses Stück Brot, dieses Ding nicht mehr über jene Aura verfügte, die bis dato die Hostie ausgezeichnet hatte.

Wie andere »reformierte« Reichsstände scheiterten die Anhaltiner mit dem Versuch, ihr Territorium zu »reformieren«. Zu stark war der Widerstand. Zu radikal war wohl auch ihr Ansatz. Aber die Idee, Gott dort zu verorten, wo Menschen das Wort hören, die Zeichen sehen und darum glauben, diese Idee hat doch bestimmt etwas für sich.

Jan Brademann

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Von der Schöpfung zur Erschöpfung

28. Mai 2018 von redaktionguh  
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Lutherstadt: Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör über ein Sommermärchen und die Folgen


Es ist März, Ende März 2018. Das Thermometer erzittert sich frühlingshafte 3 Grad Celsius. Vor der Tür liegt Schnee von gestern. Nur nicht jammern! 2017 war es auch nicht viel besser. Gut, es war ein wenig besser. Na gut, es war besser. Allein das Wetter. Vom Rest ganz zu schweigen.

Ich fühle die protestantische, ja sogar ein wenig ökumenische Sehnsucht nach 2017 in mir aufsteigen. Was für ein Sommermärchen! Frühlingsgefühle? Die werden schon noch kommen. Wittenberger Frühlingsgefühle? Ich habe doch erhebliche Zweifel. Mein Mut weicht der Wehmut.

Ich bin umgeben von Heerscharen Erschöpfter. Ich treffe sie, täglich. Sie haben die Gesetze der Physik überlistet, denn sonst würden sie in der Kurve umfallen, so langsam laufen sie.

Der Tod von Stephen Hawking scheint für sie ein bedauerlicher, aber nicht ganz unwillkommener Zwischenfall. So eine Aufregung um einen, der nicht einmal einen Nobelpreis hatte. Theoretische ­Physik?! Was soll das sein? Das ist doch nicht mehr als die Homöo­pathie unter den Naturwissenschaften. Das Universum in der Nussschale. Na super, die Fortsetzung sollte wohl heißen: ein Globuli im Morgenkaffee. So ein Verrückter, der über einen Rollstuhl mit Sprachcomputer versuchte, dem kirchlichen Weltbild den Schleier des Geheimnisvollen zu nehmen.

Aber der Gedanke an 2017 zaubert auch den hauptamtlichen Reformationserschöpften ein seliges Lächeln in ihr Gesicht. Hoffnung. Ich nehme mein Herz in beide Hände und rufe ihnen zu: »Kommt, lasst uns weitermachen. Wittenberg kann Rom sein, wenn wir tanzen!«

 Foto:  Marko  Schoeneberg

Foto: Marko Schoeneberg

Das Lächeln verwandelt sich jäh von selig in müde. Nein, nein, nein. Ein Sabbatjahr, ein Sabbatjahrzehnt, besser noch ein kurzes, aber knackiges Sabbatjahrhundert, das ist es, was die protestantische Kirche jetzt angeblich brauche.

Man lässt mich wissen, die Kirche lasse sich nicht von so einem hyperaktiven Oberbürgermeisterchen vor sich hertreiben. Ja, man lässt mich spüren, ich säße zwar fest im Sattel (ohne an diesem zu kleben, was schon für sich allein in der heutigen Zeit rar wäre), aber die Kirche habe schon andere Verrückte überlebt.

Ich kann die Gedanken erraten, kann sie zwischen den Zeilen, voll mit freundlichsten zugewandten Worten, lesen: »Er wird sich mühen, kämpfen, winden, denken, denken, denken … umsonst! Der liebe Herrgott ist verlässlich und humorvoll. Die arme Stadt ist pleite, die reiche Kirche auch. Wenn sich dieser Stadtprotestant aus dem roten ­Rathaus auch fürderhin auf unerklärliche Weise immer wieder aufbäumt, so wird er doch gegen die Kommunalaufsicht und Tausendköpfigkeit evangelischer Leitungsstrukturen nicht ankommen, oder?! Lieber Herrgott, enttäusche uns nicht!«

Und überhaupt, was ich schon wieder will? Die Kirche hat doch alles getan. In Luthers Predigtkirche hängt jetzt einmal monatlich sogar eine Diskokugel. »Church@Night« heißt das Event. Mehr geht nicht! Mehr geht wirklich nicht! Abendsegen auf dem Markt? Vorbei. Musik um Drei? Vorbei.

Mein Gott, kann man denn nicht mal ein kleines Jahrzehnt erschöpft sein, ohne permanent dafür um Vergebung bitten zu müssen? Wenn der aus dem Rathaus schon so einen Wind macht, dann darf die Kirche doch wenigstens in dessen Schatten bleiben. Beim Konfi-Camp hat es doch auch funktioniert. Die Stadt plant, versorgt, baut auf, baut ab, lagert ein, evakuiert, … So soll es sein, Amen. Und die Kirche begleitet, denkt an, neigt zu, sorgt für.

Dass die Kirche nunmehr auch noch für die inhaltliche Belebung des Konfi-Camps als Investition in die eigene Zukunft zahlen muss, ist allein schon ein Skandal. Aber eben nicht zu ändern. Kinder, Jugendliche, wo auch immer sie herkommen, Eltern, Anwohner, Sonne, Regen, das ist alles mit so viel Risiko verbunden!

2017 haben zehn Wochen lang jeweils 1 500, also insgesamt circa 15 000 Jugendliche in Wittenberg im Konfi-Camp gelebt, gelacht, gefeiert. Und 2018? Zwei Wochen, so höre ich, seien genug, seien mehr als genug. Alles hängt wohl am seidenen Faden.

Die Karawane zieht weiter. Wir wollten mitziehen. Jetzt ziehen wir zuverlässig an Reißleinen, oder?! Wenn doch nur halt der Stress nicht wäre.

Jetzt bin ich auch irgendwie erschöpft. Besser ist es, ich leg mich erst mal hin …

Torsten Zugehör

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Erfolgsgeschichte: Pop-Oratorium »Luther« erklingt auch 2018

27. Mai 2018 von redaktionguh  
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Foto: Stiftung Creative Kirche

Foto: Stiftung Creative Kirche

Ob auf dem Klappstuhl, dicht gedrängt stehend, oder auch liegend auf der Campingdecke – ganz Wittenberg und Gäste von nah und fern versammelten sich im August 2017 in der Lutherstadt, um eine einzigartige Freiluftveranstaltung, das Pop-Oratorium Luther, zu erleben.

Bei herrlichem Sommerwetter genossen 3 500 Zuschauer an der Wittenberger Schlosskirche und damit an historischer Stätte eine beeindruckende Aufführung, die sich nicht allein wegen des starken Besucherandrangs als ein Höhepunkt des Reformationssommers erwies. Zudem war die Bedeutung der Konzertstätte als Geburtsort der Reformation bei vielen Zuschauern deutlich spürbar: die besondere Atmosphäre verstärkte die Wirkung des beeindruckenden Bühnenwerks.

Die Erfolgsgeschichte des Oratoriums, das als DVD und Blu-ray in gestochen scharfer HD-Qualität bestellt werden kann, geht 2018 weiter.

Nach Gastspielen in Hannover, Stuttgart, Düsseldorf, Mannheim, Hamburg, Brüssel und München im vergangenen Jahr wird es im Herbst Aufführungen in Süddeutschland und der Schweiz geben. Start ist am Reformationstag in Fellbach (31. 10.), es folgen Augsburg (1. 11.), St. Gallen (2. 11.) und Freiburg im Breisgau (4. 11.).

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