Nur »katholischer Sauerteig«?

13. August 2018 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren differenzierten sich im Christentum alternative Konzepte von Heiligkeit heraus. Anhalt ging einen Weg, der radikal mit der Tradition brach.

Schon im Winter 1521/22, während Luthers Aufenthalt auf der Wartburg, war sie zu Wittenberg erprobt worden, diese neue Art, Gottesdienst zu feiern: Andreas Karlstadt hatte mit dem Stadtrat eine »evangelische Messe« eingeführt. Erstmals war der Laienkelch gereicht worden; neben dem Verzicht auf einige andere Elemente hatten aber folgende Veränderungen besondere Aufmerksamkeit erweckt: Der Liturg war in ein Laiengewand gekleidet, er sprach den Einsetzungsbericht deutsch und zur Gemeinde gewandt, er verzichtete bei der Wandlung auf das Kreuzzeichnen sowie das Erheben, und die Kommunikanten nahmen Kelch und Hostie selbst in die Hand. Letzteres hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt, die vor allem eines zeigten: Den Dingen eignete eine Aura, die anzog, aber auch Angst machte.

Religion hat es mit dem Paradox zu tun, das Jenseits im Diesseits zu verorten. Ihre Vorstellungen werden durch Texte, Rituale, Symbole und Dinge in der Welt anschaulich. So werden sie Teil sozialer Wirklichkeit und Glaubensgegenstand; so kommen sie aber auch mit dem profanen Leben in Berührung und müssen sich dessen Normen gegenüber behaupten. Die Konfessionen entwickelten hier unterschiedliche Strategien.

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen  Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Widerstand: In der Stiftskirche in Hecklingen sollten die romanischen Engelsreliefs im Zuge der zweiten Reformation entfernt werden. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich dagegen. Foto: Jürgen Meusel

Die Reformation, die sich im Reich seit den 1520er-Jahren durchsetzte, hatte zwar einerseits mit der Werkfrömmigkeit gebrochen und entsprechend viele alte Andachtsformen abgeschafft. Doch sie war auch dadurch geprägt, dass sie in der Messe vieles beibehielt. Luther hatte nämlich nach seiner Rückkehr die oben genannten Reformen allesamt zurücknehmen lassen. Sie waren aus seiner Sicht einem »fleischlichen Missverstehen« entsprungen, das nicht zur Abwertung der Dinge, sondern ihrer Überbewertung führe, indem man so sehr auf sie fokussierte. Und Luther blieb von einer leiblichen Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt, die durch den Einsetzungsbericht bewirkt wurde und an die Elemente gebunden war.

Und so blieb die Liturgie der Evangelischen noch durch etwas geprägt, das seit dem Konzil von Trient zu dem Kennzeichen des Katholizismus werden sollte: Das Göttliche sollte durch Rituale, die dem Profanen besonders enthoben waren, präsent gemacht werden. Die heilswirkende Kraft der Messliturgie beruhte auf der durch den Liturgen objektivierten Präsenz Gottes in den eucharistischen Gaben. Und so setzten zum Beispiel die katholischen Reformer im Münsterland seit den 1590er-Jahren eine intensive Reform in Gang, der es gerade auf den äußerlich korrekten Vollzug des Kults und die Heiligung der Zeit wie der Orte (Kirche und Kirchhof) ankam. Die Sphäre des Göttlichen konstituierte sich hier durch Performanz und Präsenz.

In die, wenn man so will, entgegengesetzte Richtung liefen zur gleichen Zeit die Reformen in den anhaltischen Fürstentümern. Sie setzten auf Repräsentation und Innerlichkeit. Die Gegenwart Gottes wurde symbolisch verstanden: Der Gottessohn wurde im Abendmahl allein geistig gegenwärtig, und für die Aneignung der im Einsetzungsbericht verheißenen Gnade war die innere Haltung der Teilnehmer die wichtigste Bedingung. Alles, was noch den »katholischen Sauerteig« in sich trug, was also noch den Eindruck erwecken konnte, dass man Gott durch einen feierlichen Ritus quasi verobjektivieren könne, wurde seit 1596 entfernt – vom Hochaltar im Raum über die Messgewänder bis hin zur Hostie in der Kommunion.

Wie schon 1521 ging es um Entheiligung der alten Ordnung, und wieder war das Berühren der Dinge der neuralgische Punkt. Dem Einsetzungsbericht folgend wurde nun Brot gebrochen und den Kommunikanten gereicht. Aber noch immer hätten sich diese, so verlautete es, »vor [=für] vnrein, vnheilig, vnwerdig geachtet, das geheiligte brod mit ihren henden anzurühren«. Aus Sicht der Lutheraner würde so nämlich »das Sacrament … in Verachtung kom[m]en«. Ein Bürger in Jeßnitz nahm im Sommer 1600 am neuen Abendmahl teil, aber das »calvinische Brot« dann heimlich nach Hause in seine Küche, »um es dort … zu verspeisen«. Am profanen Ort zeigte sich, dass dieses Stück Brot, dieses Ding nicht mehr über jene Aura verfügte, die bis dato die Hostie ausgezeichnet hatte.

Wie andere »reformierte« Reichsstände scheiterten die Anhaltiner mit dem Versuch, ihr Territorium zu »reformieren«. Zu stark war der Widerstand. Zu radikal war wohl auch ihr Ansatz. Aber die Idee, Gott dort zu verorten, wo Menschen das Wort hören, die Zeichen sehen und darum glauben, diese Idee hat doch bestimmt etwas für sich.

Jan Brademann

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Von der Schöpfung zur Erschöpfung

28. Mai 2018 von redaktionguh  
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Lutherstadt: Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör über ein Sommermärchen und die Folgen


Es ist März, Ende März 2018. Das Thermometer erzittert sich frühlingshafte 3 Grad Celsius. Vor der Tür liegt Schnee von gestern. Nur nicht jammern! 2017 war es auch nicht viel besser. Gut, es war ein wenig besser. Na gut, es war besser. Allein das Wetter. Vom Rest ganz zu schweigen.

Ich fühle die protestantische, ja sogar ein wenig ökumenische Sehnsucht nach 2017 in mir aufsteigen. Was für ein Sommermärchen! Frühlingsgefühle? Die werden schon noch kommen. Wittenberger Frühlingsgefühle? Ich habe doch erhebliche Zweifel. Mein Mut weicht der Wehmut.

Ich bin umgeben von Heerscharen Erschöpfter. Ich treffe sie, täglich. Sie haben die Gesetze der Physik überlistet, denn sonst würden sie in der Kurve umfallen, so langsam laufen sie.

Der Tod von Stephen Hawking scheint für sie ein bedauerlicher, aber nicht ganz unwillkommener Zwischenfall. So eine Aufregung um einen, der nicht einmal einen Nobelpreis hatte. Theoretische ­Physik?! Was soll das sein? Das ist doch nicht mehr als die Homöo­pathie unter den Naturwissenschaften. Das Universum in der Nussschale. Na super, die Fortsetzung sollte wohl heißen: ein Globuli im Morgenkaffee. So ein Verrückter, der über einen Rollstuhl mit Sprachcomputer versuchte, dem kirchlichen Weltbild den Schleier des Geheimnisvollen zu nehmen.

Aber der Gedanke an 2017 zaubert auch den hauptamtlichen Reformationserschöpften ein seliges Lächeln in ihr Gesicht. Hoffnung. Ich nehme mein Herz in beide Hände und rufe ihnen zu: »Kommt, lasst uns weitermachen. Wittenberg kann Rom sein, wenn wir tanzen!«

 Foto:  Marko  Schoeneberg

Foto: Marko Schoeneberg

Das Lächeln verwandelt sich jäh von selig in müde. Nein, nein, nein. Ein Sabbatjahr, ein Sabbatjahrzehnt, besser noch ein kurzes, aber knackiges Sabbatjahrhundert, das ist es, was die protestantische Kirche jetzt angeblich brauche.

Man lässt mich wissen, die Kirche lasse sich nicht von so einem hyperaktiven Oberbürgermeisterchen vor sich hertreiben. Ja, man lässt mich spüren, ich säße zwar fest im Sattel (ohne an diesem zu kleben, was schon für sich allein in der heutigen Zeit rar wäre), aber die Kirche habe schon andere Verrückte überlebt.

Ich kann die Gedanken erraten, kann sie zwischen den Zeilen, voll mit freundlichsten zugewandten Worten, lesen: »Er wird sich mühen, kämpfen, winden, denken, denken, denken … umsonst! Der liebe Herrgott ist verlässlich und humorvoll. Die arme Stadt ist pleite, die reiche Kirche auch. Wenn sich dieser Stadtprotestant aus dem roten ­Rathaus auch fürderhin auf unerklärliche Weise immer wieder aufbäumt, so wird er doch gegen die Kommunalaufsicht und Tausendköpfigkeit evangelischer Leitungsstrukturen nicht ankommen, oder?! Lieber Herrgott, enttäusche uns nicht!«

Und überhaupt, was ich schon wieder will? Die Kirche hat doch alles getan. In Luthers Predigtkirche hängt jetzt einmal monatlich sogar eine Diskokugel. »Church@Night« heißt das Event. Mehr geht nicht! Mehr geht wirklich nicht! Abendsegen auf dem Markt? Vorbei. Musik um Drei? Vorbei.

Mein Gott, kann man denn nicht mal ein kleines Jahrzehnt erschöpft sein, ohne permanent dafür um Vergebung bitten zu müssen? Wenn der aus dem Rathaus schon so einen Wind macht, dann darf die Kirche doch wenigstens in dessen Schatten bleiben. Beim Konfi-Camp hat es doch auch funktioniert. Die Stadt plant, versorgt, baut auf, baut ab, lagert ein, evakuiert, … So soll es sein, Amen. Und die Kirche begleitet, denkt an, neigt zu, sorgt für.

Dass die Kirche nunmehr auch noch für die inhaltliche Belebung des Konfi-Camps als Investition in die eigene Zukunft zahlen muss, ist allein schon ein Skandal. Aber eben nicht zu ändern. Kinder, Jugendliche, wo auch immer sie herkommen, Eltern, Anwohner, Sonne, Regen, das ist alles mit so viel Risiko verbunden!

2017 haben zehn Wochen lang jeweils 1 500, also insgesamt circa 15 000 Jugendliche in Wittenberg im Konfi-Camp gelebt, gelacht, gefeiert. Und 2018? Zwei Wochen, so höre ich, seien genug, seien mehr als genug. Alles hängt wohl am seidenen Faden.

Die Karawane zieht weiter. Wir wollten mitziehen. Jetzt ziehen wir zuverlässig an Reißleinen, oder?! Wenn doch nur halt der Stress nicht wäre.

Jetzt bin ich auch irgendwie erschöpft. Besser ist es, ich leg mich erst mal hin …

Torsten Zugehör

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Erfolgsgeschichte: Pop-Oratorium »Luther« erklingt auch 2018

27. Mai 2018 von redaktionguh  
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Foto: Stiftung Creative Kirche

Foto: Stiftung Creative Kirche

Ob auf dem Klappstuhl, dicht gedrängt stehend, oder auch liegend auf der Campingdecke – ganz Wittenberg und Gäste von nah und fern versammelten sich im August 2017 in der Lutherstadt, um eine einzigartige Freiluftveranstaltung, das Pop-Oratorium Luther, zu erleben.

Bei herrlichem Sommerwetter genossen 3 500 Zuschauer an der Wittenberger Schlosskirche und damit an historischer Stätte eine beeindruckende Aufführung, die sich nicht allein wegen des starken Besucherandrangs als ein Höhepunkt des Reformationssommers erwies. Zudem war die Bedeutung der Konzertstätte als Geburtsort der Reformation bei vielen Zuschauern deutlich spürbar: die besondere Atmosphäre verstärkte die Wirkung des beeindruckenden Bühnenwerks.

Die Erfolgsgeschichte des Oratoriums, das als DVD und Blu-ray in gestochen scharfer HD-Qualität bestellt werden kann, geht 2018 weiter.

Nach Gastspielen in Hannover, Stuttgart, Düsseldorf, Mannheim, Hamburg, Brüssel und München im vergangenen Jahr wird es im Herbst Aufführungen in Süddeutschland und der Schweiz geben. Start ist am Reformationstag in Fellbach (31. 10.), es folgen Augsburg (1. 11.), St. Gallen (2. 11.) und Freiburg im Breisgau (4. 11.).

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Die Hoffnung ist nicht totzukriegen

7. April 2018 von redaktionguh  
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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, Vers 3

Manchmal möchte man die Hoffnung umbringen. Denn nur wenn sie wirklich tot und begraben ist, kann doch etwas Neues beginnen. Sagen manche. Das haben sie auch zu den Frauen gesagt, die Ostern zum Grab wollten: Lasst es sein. Das bringt doch nichts. Da kommt nichts mehr. Die Frauen sind aber trotzdem nochmal losgegangen.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Und dann fanden sie ein offenes Grab. »Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben.« Die Hoffnung lässt sich nicht begraben. Kein Grab ist tief, kein Stein schwer genug für sie. Gott lässt nicht zu, dass die Frauen einen Kult der begrabenen Hoffnung feiern. Es geht wieder los.

Wie ein Kind aus dem Schoß seiner Mutter kommt, so bricht die Hoffnung in die Welt ein. Die Frauen am Grab wissen bestimmt, was »geboren« heißt. Einige von ihnen haben es schon einmal erlebt. Unter »wiedergeboren« könnten sie sich deswegen etwas vorstellen. Noch einmal alles überwältigend neu, ganz von vorne, jeden Tag ein Stück wachsend. So ist das Leben der Christen seit Ostern, seit die Frauen von dem leeren Grab weggelaufen sind, erschreckt und verwirrt, mit gemischten Gefühlen aus Furcht und großer Freude.

Das ist erst eine Woche und schon 2 000 Jahre her. Und die Hoffnung ist nicht totzukriegen. Sie ist lebendig unter Christen. Wir sind selbst erschreckt und verwirrt. Wir können es nicht erklären oder beweisen. Aber wir glauben daran. Gegen alle Hoffnungslosigkeit, gegen die ewige Leier aus »Lass es sein-Das bringt doch nichts-Da kommt nichts mehr« sagen wir: Im Gegenteil. Nochmal von vorne.

Ganz neu. Jeden Tag ein bisschen mehr.« Unser Glaube ist kein Friedhof, auf dem wir andächtig herumstehen. Unser Glaube ist eine lebendige Hoffnung, jeden Tag.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

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Schlüsselgewalt: Wer den Tod aus der Welt sperren kann

31. März 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Wie schließt man eigentlich die Hölle zu? Und wie sperrt man den Tod ein? Manchmal denke ich, die Fernbedienung für den Fernseher könnte so ein Schlüssel sein. Einfach keine Nachrichten mehr gucken. Denn um 20 Uhr vor der Tagesschau muss man den Eindruck bekommen, irgendjemand habe die Hölle aufgeschlossen und den Tod freigelassen. Krieg und Gewalt an jedem Abend. Die Hölle von Ost-Ghuta in Syrien, in Afrin, in Libyen und auf dem Mittelmeer, um nur einige Orte zu nennen. Politiker, an deren Geisteszustand man berechtigte Zweifel hegen kann. Aber – auch das sehe ich jeden Abend – niemand nimmt ihnen den Stift weg, mit dem sie sich selbst wiederwählen oder ihre lächerlich protzige Unterschrift unter ihre Dekrete setzen. Stifte, Schlüssel, Atomknöpfe, all das möchte ich ihnen wegnehmen und wegschließen, so wie ich es bei meinen Kindern gemacht habe, wenn sie mit gefährlichen Gegenständen unverständig herumhantiert haben. Aber das kann ich leider nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Jesus schließt die Hölle zu und sperrt den Tod ein. Die Menschen, die das im Buch der Offenbarung aufgeschrieben haben, litten unter Verfolgung und Unterdrückung. Und zwar nicht vor dem Fernseher, sondern im richtigen Leben. Ihr Bild von Jesus ist deswegen sehr kämpferisch. Jesus ist für sie einer mit Schlüsselgewalt.

Doch die Hölle zuschließen, das geht nicht mit Gewalt. Jesus hat die Hölle erst zugeschlossen, nachdem er selber darin war. Und er war mit dem Tod in einem Grab eingesperrt, bis von außen der Stein weggerollt wurde. Gott hat diesen Weg gewählt, um uns zu zeigen, wie Hölle und Tod an ihr Ende kommen. Jesus musste ihn gehen. Gewalt und Macht sind der falsche Weg. Gewaltlosigkeit und Machtverzicht sind der einzige Weg. Lächerlich, sagen alle, mit Jesus und seiner Bergpredigt kann man doch keine Politik machen. Ich sage: Ohne sie erst recht nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

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Das Herz der Kirche ist Mission

25. März 2018 von redaktionguh  
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Die Frage, ob die Kirche missionieren soll, gleicht der Frage, ob es die Kirche geben soll. Wer nicht will, dass die Kirche missioniert, will weder, dass sie Kirche Jesu ist, noch, dass sie eine Zukunft hat.

Oder um es mit den Worten von Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999 in Leipzig zu sagen: »Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen.« Mission ist nicht eine von vielen Aufgaben. Mission ist die Identität der Kirche. Sie hat nicht Mission. Sie ist Mission. Der Vater hat Jesus in die Welt gesandt und dieser wiederum sendet die Kirche, seine Apostel, Christen und Christinnen, dass sie Gottes Sehnsucht nach uns Menschen in Wort und Tat verkündigen.

Das ist erst einmal biblisch und theologisch korrekt, provoziert aber viele Fragen und Einwände:

Erstens sind die Begriffe Mission und Evangelisation für viele kirchliche Leute negativ besetzte Reizworte, die nach Bekehrungsdruck, Einseitigkeit, rigider Moral und Fundamentalismus klingen. Auch ich habe missionierende Christen gelegentlich als eifernde Radikalinskis erlebt, die unsensibel und rechthaberisch zur Bekehrung mahnen. Das Evangelium aber ist ein respektvolles Angebot, eine Einladung, der Liebe Christi zu begegnen. Das Anliegen von Mission, Menschen in die Nachfolge Jesu zu rufen, muss aus seiner evangelikalen Verengung befreit werden und wieder zu Ehren kommen.

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche.  Foto: Mirjam Petermann

Keine Wahl: Mission ist nicht eine von vielen möglichen Aufgaben der Kirche, sondern die Identität der Kirche. Foto: Mirjam Petermann

Evangelisation und Mission sind kein Programm besonders frommer und aktiver Christen, sondern Ausdruck der suchenden Liebe Gottes, der Jesus für die Menschen gab und nun die Kirche sendet, um die Menschen zur Freundschaft mit Gott einzuladen.

Zweitens hatte es die Kirche in der Vergangenheit nicht wirklich nötig, Menschen zu gewinnen. Schließlich gehörte jeder irgendwie dazu. Das religiöse Betreuungskonzept aus der konstantinischen Ära der Kirche lebte davon, dass alle, mit Ausnahme der Juden, Kirchenmitglieder waren, die es pfarrgemeindlich zu versorgen galt. Diese Gegebenheit führte zu einer nachlässigen und faulen Grundhaltung in Sachen Mission. Aber die Situation hat sich gründlich gewandelt. Die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von Glaube und Kirche nicht nur in Ostdeutschland und steigende Kirchenaustrittszahlen zwingen die Kirchen zum Nachdenken darüber, wie sie einladender für Kirchendistanzierte werden können. Heute ist offensichtlich: eine Kirchgemeinde, die nicht missioniert, stirbt, und eine Kirche, die nicht missionarisch lebt, versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Drittens lähmt uns weithin die Erfahrung, dass unsere missionarischen Angebote bei vielen Menschen auf wenig Interesse stoßen. Wir erleben eine frustrierende Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen. Wir kommen uns vor wie Schuhverkäufer in einem Land, in dem alle barfuß gehen wollen. Gleichzeitig sind die Fragen nach Identität, Sinn, Wahrheit, Zukunft, Gotteserfahrung und Gemeinschaft präsenter denn je. Und genau darin liegt die Kernkompetenz des christlichen Glaubens. Religion und Spiritualität fasziniert in unserer säkularen Kultur viele besonders junge Menschen. Die Sehnsucht nach spiritueller Selbstvergewisserung bekommt in einer immer komplizierter werdenden und bedrohlichen Wirklichkeit wieder neuen Auftrieb. Warum kommt es nicht zu einer Begegnung von Angeboten der Kirche und der Sehnsucht der Menschen? Liegt vielleicht das Problem nicht nur in der Gleichgültigkeit unseres Gegenübers, sondern auch in der mangelnden Fähigkeit unsererseits, die Liebe Gottes einladend und lebensrelevant in die Kultur der Menschen, in ihre konkrete Lebens- und Verstehenswelt, zu kommunizieren? Offensichtlich haben wir ein handfestes Kommunikationsproblem. Die gesellschaftlichen Umbrüche, in denen sich die Menschen befinden, sind so enorm, dass die christliche Verkündigung neue Wege finden muss.

Viertens verstößt Mission gegen das Basisdogma des Relativismus unserer Zeit, nach dem es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Teilwahrheiten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wer missioniert, will demnach einem anderen seine Wahrheit aufdrücken. Mission steht für Intoleranz, die zur Gewalt gegenüber Andersgläubigen führen kann. Missionieren ist etwas, das ein anständiger Mensch nicht tut. Und die kritische Frage »Sie wollen mich wohl missionieren?« wird sofort heftig abgewehrt. Die Kirche und die Christen haben sich von diesem Glaubensbekenntnis des postmodernen Relativismus einschüchtern lassen und reden lieber über das, was in den sozial-politischen Mainstream passt, weil sie sich so der Zustimmung ihrer Mitmenschen sicher sein können. Der Missionsgedanke gehört zum Glauben wie der Donner zum Blitz. In der Zeit postmoderner Beliebigkeit geht es darum, das Sympathische, Frohmachende, Sinnstiftende, Einladende und das Leben Stabilisierende des Glaubens zu kommunizieren. »Wir sind nur Bettler, die anderen Bettlern sagen, wo es Brot gibt« umschreibt die holländische Evangelistin Corry ten Boom das Wesen von Mission. Wir sind das Evangelium den Menschen schuldig – um Gottes willen und der Menschen willen.

Fünftens verstehen viele Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche Mission additional als etwas, das sie noch zusätzlich zu den vielen Aufgaben tun sollen. »Ich schaff’ eh schon meine Arbeit kaum, und jetzt soll ich auch noch missionieren.« Dahinter steht das alte Verständnis von Mission, das eine Aufgabe und Aktivität der Kirche umschreibt. Mission aber ist kein Akt der Kirche, sondern ihr Sein in dieser Welt. Was wir als Gemeinde tun, predigen, unterrichten, verwalten, mit Leuten reden, musizieren, feiern, das alles ist Mission, wenn unser Tun durchdrungen ist von der Beauftragung und Begabung Gottes, seiner suchenden Liebe in dieser Welt Ausdruck zu verleihen.

Alexander Garth

Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Pfarrer an der Wittenberger Stadtkirche und Sachbuchautor.

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Dienen und verdienen

16. März 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld: 30 000 Mitarbeiter sind in diakonischen Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland beschäftigt. Für den Dachverband ist der soziale Dienst Ausdruck christlichen Glaubens. Die 1 700 Einrichtungen sind aber auch Teil der Sozialwirtschaft.

Er gilt als der Urvater der Inneren Mission: Johann Daniel Falk (»O du fröhliche«), an dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird. Falk wendete sich der Pflege und Erziehung verwaister und verwahrloster Jugendlicher zu. 1813 gründete er dazu die »Gesellschaft der Freunde in der Not«. Im Weimarer »Lutherhof« richtete er ein Waisenhaus und eine Sonntagsschule ein. Er, der sieben seiner insgesamt zehn Kinder begraben musste, sah es als göttlichen Auftrag an, sich den Schwächsten zuzuwenden. Er nannte es das »praktische Christentum«: »Eine Predigt ist keine Tat, aber eine Tat ist eine Predigt«, so Falk. Dabei war ihm das Leben Jesu Vorbild: »Christus hat gar nicht geschrieben, aber viel gehandelt. Wir müssen suchen, dass wir ihm in diesem Stück ähnlich werden.«

Die Falksche Rettungshaus-Idee inspirierte Johann Hinrich Wichern zum Rauhen Haus in Hamburg. Vor 170 Jahren rief er auf dem Kirchentag in Wittenberg zur Gründung der »Inneren Mission« auf. Auch für den Begründer der modernen Diakonie waren, wie für Falk, der Glaube an Gott und die christliche Nächstenliebe Motivation ihres diakonischen Handelns.

Und heute? Welche Rolle spielt der gelebte christliche Glaube als einstiges Alleinstellungsmerkmal? Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, appelliert an die kirchlichen Krankenhäuser, dem Glauben im Klinikalltag mehr Platz einzuräumen. Neben professioneller Sozialarbeit solle auch Zeit und Raum für ein Gebet sein, so Brysch in der katholischen Wochenzeitung »Kirche+Leben«. Wenn es in kirchlichen Krankenhäusern allein ums Geld gehe, »bietet das christliche Türschild keinen Mehrwert«.

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Diakonie im Ehrenamt: Die »Grünen Damen« Sabine Werner (links) und Birgit Schäfer besuchen Patienten der Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt. Foto: Daniela Klose/Marienstift

Ein Drittel, rund 600 aller Kliniken in Deutschland, sind in kirchlicher Trägerschaft. Die Diakonie ist nach dem Staat und der Caritas der größte Arbeitgeber. »Es spielt sicher eine Rolle, dass die Kirchen alte Institutionen sind, die sich bis in die Neuzeit hinein behaupten konnten und rechtliche Sonderregelungen haben«, erklärte der Volkswirtschaftler Dominik Enste im Deutschlandfunk. »Basierend auf dieser starken Stellung haben sich die Kirchen durchsetzen können, zumal der Wettbewerb in der Pflege erst langsam Einzug gehalten hat.«

Die Diakonie arbeitet heute in einem stark gewandelten Umfeld, so Harald Christa. Der Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden stellt fest, dass die diakonischen Anbieter auf dem »Sozialmarkt« gezwungen sind, die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit im Blick zu haben, um konkurrenzfähig zu sein.

Eine deutliche Unterscheidung zu privaten Trägern gibt es für die Mitarbeiter. Bei der Diakonie gilt ein besonderes Arbeitsrecht. Angestellte akzeptieren beispielsweise mit ihrem Arbeitsvertrag, dass die Einrichtung, in der sie arbeiten, Teil der Kirche ist. Für Pfarrer Andreas Müller, den Direktor des Arnstädter Marienstifts, ist die Praxis christlichen Lebens einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

In der evangelischen Klink erwarteten die Patienten, egal ob konfessionell gebunden oder nicht, den Geist christlicher Nächstenliebe. Angebote wie Andachten und Gottesdienste seien Ausdruck der christlich-diakonischen Prägung der Stiftung. In Seminaren für die Mitarbeiter werde zudem regelmäßig das evangelische Leitbild der Einrichtung erläutert.

Die Chancen diakonischer Träger, das eigene Profil gerade im Wettbewerb mit anderen zu entwickeln, sieht der Vorstandsvorsitzende der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein, Klaus Scholtissek. Das Beispiel Jesu gehe über die tätige Nächstenliebe hinaus. Vielmehr solle man Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht alleine lassen und ihnen Zeugnis geben »über die Hoffnung, die in euch ist«. Da könnten sich Kirche und Diakonie noch mehr als gegenseitige Ressourcen verstehen und bereichern, so Scholtissek.

Willi Wild

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Pfarrerinnen für die City

5. März 2018 von redaktionguh  
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Halle-Saalkreis: Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant wechseln an die Marktkirche

Neue Zeiten brechen für die hallesche Marktkirchengemeinde an: Nachdem im Dezember 2016 der langjährige Pfarrer Harald Bartl in den Ruhestand verabschiedet worden ist und Pfarrerin Sabine Kramer zu Jahresbeginn als Direktorin des Predigerseminars nach Wittenberg wechselte, steht die Gemeinde vor einem personellen und auch inhaltlichen Wandel. Im Juni werden Simone Carstens-Kant, bislang Pfarrerin an Luthers Taufkirche in Eisleben, und die Bad Lauchstädter Pfarrerin Ulrike Scheller ihren Dienst an der Marktkirche beginnen.

Damit wird Realität, wofür der Kirchenkreis Halle-Saalkreis bereits im Herbst 2014 die Weichen stellte: Die Kirche »Unser Lieben Frauen«, Schnittstelle zwischen Gemeindearbeit, Stadtkultur und Touristik und mit ihren 3 800 Mitgliedern die größte Gemeinde der Stadt, erhält eine Citypfarrstelle.

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Ulrike Scheller wurde vom Kirchenkreis für sechs Jahre mit der neu eingerichteten Pfarrstelle betraut. Ihre Arbeit soll in der gesamten Stadt Ausstrahlung entfalten. Wie dies genau aussehen wird, ob mit einem Schwerpunkt Kultur oder als Stadtteilarbeit, das muss sich finden. »Das Arbeitsfeld ist noch nicht ausdefiniert. Das lässt viel Freiheit«, sagt die 42-Jährige. Sie will sich in Halle auf die Suche nach neuen Formen der Verkündigung machen. Im Pfarrbereich Bad Lauchstädt (Kirchenkreis Merseburg), wo Scheller sieben Jahre tätig war, gelang dies beispielsweise mit thematischen Abendgottesdiensten. Für eine Predigt dieser Reihe wurde sie 2016 mit dem Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet.

Die Citypfarrstelle wird 75 Prozent einer Vollzeitstelle umfassen, zu 25 Prozent wird Scheller für den Kirchenkreis an der Organisation der ökumenischen Lebenswendefeiern mitarbeiten. Dies sei der Citykirchen-Arbeit nicht unähnlich: Auch hier geht es um die Öffnung der Kirche in die Stadt.

Dieses Ziel verbindet Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant, die die Gemeindepfarrstelle an der Marktkirche im Sommer aufnehmen soll. Nach einem Gemeindeabend und einem Gottesdienst Mitte Februar hatte der Gemeindekirchenrat mehrheitlich sein Einverständnis mit dem Besetzungsvorschlag der Landeskirche erklärt. Abschließend entscheidet die landeskirchliche Personalkommission.

Die 55-jährige Carstens-Kant hat bislang die eher projektbezogene Pfarrstelle am Zentrum Taufe in Eisleben inne und freut sich auf die Herausforderung. Es habe sich im Gemeindegespräch gezeigt, wie vielfältig das geistliche Leben an der Marktkirche ist und dass doch ein Ziel eint: Die Sehnsucht, Menschen zu erreichen. Carstens-Kant und Scheller wollen hierbei zusammenarbeiten. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sehr fröhlich sei ein erstes Telefonat verlaufen. Als ein Signal, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, wollen sie sich in einem Gottesdienst in ihre Ämter einführen lassen.

Auch Kirchenältester Gottfried Koehn begreift die Zusammenarbeit zwischen Carstens-Kant und Scheller als zusätzliche Chance. »Die Intensivierung der persönlichen Seelsorge und die weitere Öffnung der Kirche in die Stadt ist unser gemeinsames Ziel«, sagte er.

Bis die Frauen im Sommer ihre Arbeit aufnehmen, wird die Gemeinde erstmals in ihrer 500-jährigen Geschichte mit den Herausforderungen der Vakanz konfrontiert. Denn auch Vikar Helfried Maas hat die Gemeinde bereits verlassen und seinen Entsendungsdienst in Wiehe (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) angetreten. Vertretungspfarrer ist seit 1. Januar

Peter Kästner. Katja Schmidtke

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Meinetwegen: Wenn Gott zu Silvester den grünen Knopf drückt

31. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.

Psalm 103, Vers 8

Wittenberg 2017. Ich laufe durch die Ausstellung »Unheilige Bilder – Cartoons zu Kirche und Religion heute«. Erfrischend, auch mal über sich selbst lachen zu können. Ich schaue mir die Karikaturen an. Ich schmunzle, ich lache laut los, ich verstumme. Von witzig über provozierend bis hin zu grenzwertig ist alles dabei. Eine schöne Ausstellung. Es tut gut, nicht immer alles so ernst nehmen zu müssen.

»Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte« – in meinem Kopf entsteht ein weiteres Bild, welches seinen Platz in der Karikaturenausstellung hätte finden können. Zu sehen: Gott – klischeehaft stilisiert mit weißem Gewand, goldenem Dreieck auf dem Kopf, fünf Fingern an jeder Hand und einem weißen Rauschebart. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm zwei Knöpfe. Ein Roter, mit der Aufschrift: »Mir reichts!« und ein Grüner mit »Meinetwegen!«.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

Gott guckt auf den Kalender: Silvester 2017. Gott lässt das Jahr Revue passieren, seufzt einmal tief, fasst sich mit der linken Hand an die Stirn und drückt mit der rechten Hand den Knopf: Grün! Puh! Noch einmal Glück gehabt, denke ich mir. Gott sei Dank!

Ich sitze am Schreibtisch. Doch vor mir sind keine zwei Knöpfe, sondern mein Laptop: Was lief gut im letzten Jahr? Was war unerfreulich? Über wen habe ich mich geärgert, mit wem vertragen, und wem habe ich bis jetzt noch nicht verziehen? Frust und Müdigkeit breiten sich in mir aus. Wenn ich es schon nicht schaffe, mit meinen Schwächen, ja mit meiner eigenen Schuld umzugehen, wie schafft es Gott dann, den grünen Knopf zu drücken? »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte«.

Ich sitze am Schreibtisch. Ich schließe meinen Laptop und schaue auf den Kalender: 31. 12. 2017. Ein neues Jahr beginnt. Das Zurückliegende kann und darf ich nicht vergessen. Aber ich konzentriere mich auf das Neue. Gott sei Dank! Lassen sie uns mit uns selbst ein Stück barmherziger, gnädiger, geduldiger und gütiger werden. Gott ist es mit uns schon lange.

Anna Mittermayer, Pfarrerin in Sandersdorf-Brehna

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600 Baumanhänger aus Porzellan

25. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Foto: Thomas Klitzsch

Foto: Thomas Klitzsch

Das Ergebnis ihrer Arbeit im Museum Porzellanikon in Selb (Oberfranken) präsentieren Schüler aus Wittenberg und Selb in der Wittenberger Schlosskirche. Im Herbst hatten die Schüler Christbaumschmuck aus Porzellan gefertigt. Jetzt haben sie damit den Christbaum der Schlosskirche geschmückt (Foto). Die Engel, Sterne oder auch kleine Luther-Köpfe waren vorher in den Öfen des Unternehmens Rosenthal gebrannt worden. Auch die Tanne kommt übrigens aus dem Fichtelgebirge. Traditioneller Baumschmuck samt Christbaum aus Oberfranken war in der Vergangenheit bereits am Dienstsitz des Bundespräsidenten in Berlin oder im EU-Parlament in Straßburg zu bewundern.

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