Künftig ohne Kastanien?

Neugestaltung des Schlossplatzes in Wittenberg wirft Fragen auf

Blick auf den Schlossplatz der Lutherstadt Wittenberg. Kurz vor Redaktionsschluss am Dienstag erfuhr die Redaktion, dass die erste Kastanie bereits gefällt wurde. Foto: Achim Kuhn

Blick auf den Schlossplatz der Lutherstadt Wittenberg. Kurz vor Redaktionsschluss am Dienstag erfuhr die Redaktion, dass die erste Kastanie bereits gefällt wurde. Foto: Achim Kuhn

Auf eine Vervollständigung der bisherigen »Mosaiksteinchen« im Hinblick auf ernestinisches Schloss und askanische Burg hofft Andreas Hille bei Ausgrabungen auf dem Schlossplatz in Wittenberg. Bei einer Diskussionsrunde in der Evangelischen Akademie in der Lutherstadt begründete der Archäologe vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt seine Zuversicht unlängst damit, dass bei Bodenuntersuchungen in Wittenberg schon oft klein angefangen wurde und dann sei (Stichwort Anbau am Lutherhaus) »etwas Großes« rausgekommen.

Die jüngste Grabung steht im Zusammenhang mit geplanten baulichen Aktivitäten in Wittenberg bis zum Reformationsjubiläum 2017. Laut Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) belaufe sich das Investitionsvolumen auf etwa 50 Millionen Euro. Davon müssen die EU-Mittel bis 2015 verbaut sein. Was die Sanierung des Schlossensembles und dessen künftige Nutzung betrifft, so sei im Erdgeschoss ein Empfang für die Schlosskirche vorgesehen, in der ersten Etage eine reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek.

Und in einen noch zu errichtenden Südflügel wird das Evangelische Predigerseminar einziehen. Im Gegenzug erhält die Stiftung Luthergedenkstätten mit dem Augusteum als bisherigem Sitz des Seminars dringend benötigte Flächen etwa für eigene  Sonderausstellungen. Die Baulast trage sie schon.

Vorigen Monat hatte das Land Sachsen-Anhalt eine Million Euro für Planungsarbeiten und die Grabungen für dieses Jahr bereitgestellt. Seit dem 28. Juni koordiniert die sachsen-anhaltische Landesentwicklungsgesellschaft (Saleg) die Untersuchungen. Bereits Anfang Juli, so Saleg-Mann Frank Herfurth, waren etwa 2000 Tonnen Aushub abtransportiert worden, inzwischen dürfte es erheblich mehr sein. Nun ist klar, dass, wo gehobelt wird, Späne fallen.

Im Fall des Schlossplatzes werden es allerdings ganze Bäume sein. Konkret handelt es sich um stattliche Kastanien, die der Zukunft im Weg stehen. Die Bäume spenden nicht nur Schatten und prägen das Bild des Platzes zum Teil seit fast 150 Jahren. Sie bieten auch Lebensraum. Buchfinken sind es gegenwärtig, deren Drang zur Arterhaltung zumindest eine Galgenfrist für zwei der fünf grünen Riesen zur Folge hat: Solange die Piepmätze brüten, darf nicht gefällt werden. Nicht gegraben werde auch an zwei weiteren Kastanien, deren Wurzeln über Versorgungsleitungen liegen.

Bäume in die Planung einbeziehen und nicht fällen
Mit ihrem »Talk am Turm« wollten Akademiedirektor Friedrich Kramer und die für Umweltmanagement zuständige Studienleiterin Siegrun Höh-ne den zahlreich erschienenen Besuchern die Möglichkeit geben, sich Informationen aus erster Hand zu holen. Denn genau daran hat es dem Anschein nach in der Vergangenheit gehapert.

Von einem Kommunikationsdesaster sprach ein Besucher. Wichtig sei nicht, was er (Naumann) gesagt habe, sondern was bei den Menschen ankommt. Nicht zerstreuen ließen sich Zweifel an der Notwendigkeit des Anbaus, zumal die Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, einräumte, dass ihre Einrichtung im Augusteum gut aufgehoben sei.

Allerdings gehe es um eine »Gesamtlösung für Wittenberg, wo alle gewinnen«. Inwieweit die Natur dabei verliert (und mit ihr der Mensch?), ließ sich erahnen, als Siegrun Höhne vom Wert der Bäume sprach. Abgesehen vom emotionalen Wert haben sie auch einen messbaren: Je nach Art und Alter speichern sie pro Jahr einige Tausend Tonnen Kohlendioxid und filtern ebenso viel Staub aus der Luft. Höhne, die sich grundsätzlich darüber freue, dass der »hässliche Schlossplatz ästhetisch gestaltet werden soll«, bat die Verantwortlichen, entweder einen Teil des Altbaumbestandes in die Bauplanungen mit einzubeziehen. Oder, falls dies nicht geht, Neupflanzungen wegen des Klimaschutzes im Stadtgebiet vorzunehmen.

Nach dem jetzigen Stand sind offensichtlich 23 Ersatzbäume vorgesehen. Das ist, nicht nur nach Höhnes Auffassung, zu wenig. 

Corinna Nitz

Lust aufs Predigen wecken

18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Theologie: Am Freitag startet in Wittenberg offiziell das neue Zentrum für Predigtkultur

Die Zuhörer im Visier: Traugott Giesen, ehemaliger Pfarrer in Keitum, hat mit seiner Art zu predigen viele angesprochen. Sein Erfolgsrezept waren Predigten als Gespräch und ein Augenzwinkern dabei. Foto: epd-bild

Die Zuhörer im Visier: Traugott Giesen, ehemaliger Pfarrer in Keitum, hat mit seiner Art zu predigen viele angesprochen. Sein Erfolgsrezept waren Predigten als Gespräch und ein Augenzwinkern dabei. Foto: epd-bild

Der Predigt kommt in der evangelischen Kirche vonjeher eine zentrale Bedeutung zu. Damit das auch künftig so bleibt, hat die EKD ein Zentrum eingerichtet, das neue Impulse für die Predigtkultur entwickeln soll.

Was macht eine gute Predigt aus? Alexander Deeg, Leiter des Zentrums für Predigtkultur der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), muss ein wenig überlegen. »Vermutlich«, sagt der promovierte Theologe, »ist es vor allem die Leidenschaft für die Worte und Bilder der Bibel.« Dazu kämen die Liebe zur deutschen Sprache, der Mut, etwas Neues auszuprobieren, und nicht zuletzt das Vertrauen in die Hörer. Doch zugleich weiß der Pfarrer auch um die Grenzen. »Bis an die Ohren kann ich kommen, aber nicht ins Herz hinein, das macht Gott«, zitiert er Martin Luther.

Bereits im Herbst vergangenen Jahres hat das Predigtzentrum, das im Rahmen des EKD-Reformprozesses ins Leben gerufen wurde, seinen Betrieb in Wittenberg aufgenommen. Die Entscheidung für die Lutherstadt kommt nicht von ungefähr. »Es ist der Ort, der sich zentral mit der evangelischen Predigt verbindet«, so der Leiter, der als ausgewiesener Experte in der Predigtlehre gilt. Schließlich hat die Wortverkündigung seit Martin Luther in der evangelischen Kirche eine besondere Bedeutung. Schon der Reformator sah das Predigtamt »als das höchste Amt« in der Kirche an. Kein Wunder also, dass die EKD mit dem Zentrum an den Ursprungsort der Reformation zurückkehrt.

Selbst der Zeitpunkt für die offizielle Eröffnung unmittelbar vor dem Sonntag Invokavit ist mit Bedacht gewählt. An jenem Sonntag 1522 war Martin Luther von der Wartburg nach Wittenberg zurückgekehrt, weil die von im angestoßenen Reformen zu ­tumultartigen Zuständen geführt hatten. Durch die Reihe der sogenannten Invokavit-Predigten sei es ihm gelungen, die gewaltsamen Umsturzver­suche zu beenden, erklärt Alexander Deeg den Hintergrund.

Aufgabe des Zentrum ist es nun, Freude und Lust an der Predigt zu wecken – bei denen, die zu predigen haben, aber auch bei denen, die sie hören. »Aber wir sind weder eine Gesellschaft für Predigtsprache noch sind wir eine Qualifizierungsmaschine«, schränkt Rhetorikreferent Dietrich Sagert ein. Der Theologe und promovierte Kulturwissenschaftler gehört ebenfalls zum Team. Mit konkreten Anweisungen wollen sich die Mitarbeiter jedoch zurückhalten. Allenfalls einen Rat kann sich Sagert, der auch Theaterregisseur ist, nicht verkneifen: »Heute muss man vor allem kürzer predigen und auch frecher.«

Dass der Wunsch nach ansprechenden Predigten groß ist, belegen auch die Zahlen der letzten EKD-Umfragen. Demnach meinen 63 Prozent der Kirchenmitglieder im Westen und sogar 72 Prozent der evangelischen Christen im Osten, dass die Predigt das wichtigste Element im Gottesdienst ist. »Die Menschen, die hierher kommen, erwarten etwas von der Verkündigung«, ist Alexander Deeg überzeugt. Auch deshalb findet er es eigentlich »komisch«, dass es angesichts der Bedeutung der Predigt bislang noch kein solches Zentrum gegeben hat. »Wir wollen die Predigt in der kulturellen Landschaft der Gegenwart verankern«, unterstreicht sein Kollege Sagert.

»Heute muss man vor allem kürzer predigen und auch frecher«

Zwar existieren bereits Predigerseminare und Weiterbildungsmöglichkeiten für Pfarrerinnen und Pfarrer. Doch eine Einrichtung, die sich speziell mit der Weiterentwicklung der Predigkultur beschäftigt, ist tatsächlich neu. Diese Rolle soll nun das Wittenberger Zentrum übernehmen.

Neben der Aus- und Fortbildung werden sich die drei Mitarbeiter vor allem um die Vernetzung der in der Predigtlehre Tätigen kümmern, didaktische Modelle der Predigtlehre und neue Formen der Predigtrede entwickeln. Auch Seminare und Workshops soll es hier geben. Allein in diesem Jahr sind zwölf Angebote vorgesehen. So geht es unter anderem um die politische Dimension der Predigt. Die jüngsten Auseinandersetzungen um die Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden hätten gezeigt, wie aktuell dieser Ansatz ist, findet Deeg. Im Herbst steht die Frage im Mittelpunkt, ob evangelische Predigt auch als Bildungsereignis verstanden werden kann.

Wie die Angebote angenommen werden, wissen die Mitarbeiter zwar noch nicht. Aber die Türen des Zentrums stehen weit offen. »Wenn es uns gelingt, Pfarrern und Prädikanten neue Impulse zu geben«, hofft der Leiter des Zentrums,»wäre schon viel gewonnen.«

Martin Hanusch

Kleiner Mann ganz groß

21. Januar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Ausblick: In diesem Jahr dreht sich bei der Reformationsdekade alles um Philipp Melanchthon und die Bildung

Er war einer der engsten ­Mitstreiter Martin Luthers und ein Vordenker der Reformation: Philipp Melanchthon (1497–1560). Vor allem in der Bildung hat er Spuren hinterlassen. Das schlägt sich auch im Programm des Themenjahres nieder.

Wenn auf eure Veranlassung hin die Jugend richtig unterrichtet wird, wird sie der Schutz der Stadt sein, denn kein Bollwerk und keine Befestigung macht eine Stadt stärker als gebildete, kluge und mit anderen Tugenden begabte Bürger«. Solche Sätze, zugegeben in modernerer Sprache, hört man heute oft. Dieses Zitat aber stammt von ­Philipp Melanchthon – aus dem Jahr 1526!

Im Foyer des Rathauses seiner Geburtsstadt Bretten können die Besucher zu einer Gipsstatue des Gelehrten und ­Reformators Philipp Melanchthon aufblicken. (Foto: epd-bild)

Im Foyer des Rathauses seiner Geburtsstadt Bretten können die Besucher zu einer Gipsstatue des Gelehrten und ­Reformators Philipp Melanchthon aufblicken. (Foto: epd-bild)

2010 wird an den 450. Todestag jenes Mannes erinnert, der als Philipp Schwartzerdt am 16. Februar 1497 in Bretten geboren wurde, mit 21 Jahren Professor für Griechisch war und der in Wittenberg zum wichtigen Wegbegleiter Martin Luthers wurde. Im Rahmen der Lutherdekade zum Reformationsjubiläum 2017 soll nun zur Auseinandersetzung mit jenen Bildungsimpulsen eingeladen werden, die ohne Melanchthon nicht zu denken wären.

Er gründete in Nürnberg das erste humanistische Gymnasium auf deutschem Boden, unzählige Lehrbücher hat er verfasst und Lehrpläne erstellt. Schüler- und Studententheater gehen auf seine Initiative zurück, stets überfüllt waren seine Vorlesungen an der Wittenberger Universität. Seine Lebensleistung sollte ihm schließlich den Beinamen »Praeceptor Germaniae« eintragen; für Luther, der den Gefährten wegen dessen schmächtiger Statur auch »mein kleines Griechlein« nannte, wurde er zum »Außenminister der Reformation«.

Vielerorts im Land wird also an diesen (Vor)Denker in diesem Jahr erinnert. Unter dem Motto »Staat, Religion, Bildung – reformatorisches Erbe vor der Herausforderung einer säkularen Gesellschaft« firmiert eine hochkarätig besetzte Tagung, zu der vom 19. bis 20. April in den Thüringer Landtag eingeladen wird.

In Wittenberg, Melanchthons Hauptwirkungsort, gibt es Tagungen und Vorträge mit Schreibwerkstätten für Schüler. Christian Lehnert von der Evangelischen Akademie startet seine Melanchthon-Tage der Gegenwarts­literatur. Die Cranach-Stiftung diskutiert über kulturelle Bildung als ­»Humus« für die Entwicklung von Kindern … Wenn das kein Déjà-vu ist. Auch das Evangelische Predigerseminar hat seine Sonntagsvorlesungen 2010 dem Bildungsreformer gewidmet, und bereits diesen Sonntag hält der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, die Eröffnungsvorlesung, bei der es um Melanchthon als Bürger Wittenbergs geht.

Ebenfalls lange vor dem Festmarathon im April wird am 16. Februar, Melanchthons 513. Geburtstag, der Garten hinter seinem einstigen Wohnhaus seine ursprüngliche Größe erhalten. 1860 wurde das Idyll geteilt, nun werden die Gartengrundstücke wiedervereinigt, weshalb das Melanchthonhaus an diesem Tag auch vorübergehend geschlossen ist. Was die baulichen Aktivitäten angeht, so kommt in diesem Jubiläumsjahr einiges auf Rheins Stiftung zu: Das Nachbarhaus zum Melanchthonhaus wird abgerissen; an dessen Stelle entsteht ein neues Ausstellungsgebäude, über das man später ins Museum gelangt. Zudem wird zusätzliche Ausstellungsfläche geschaffen, die es ermöglicht, in der neuen Dauerausstellung eine größere Themenvielfalt zu präsentieren.

Einen kleinen Vorgeschmack auf diese Exposition gibt es am 16. April, wenn im Melanchthonhaus eine Interimsausstellung eröffnet wird, in der vorab einige zentrale Exponate gezeigt werden. Die Stiftung konnte in den letzten Jahren zahlreiche neue Objekte erwerben, darunter Melanch­thons Antrittsvorlesung sowie zahlreiche Büsten und Gemälde. Im Übrigen soll das ansonsten leere Gebäude auch als Raum erfahrbar gemacht werden. Dazu wird den Besuchern am 17. April eine theatralische Lektion ­erteilt, die unter dem Titel »Herzkammer und Hirnkasten« in die Anatomie des Hauses einführt. Eingebettet ist diese Veranstaltung in die lange Melanchthon-Nacht, deren Motto »Kleiner Mann ganz groß« lautet.

Danach geht es zum offiziellen Festakt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am 19. April, Melanch­thons Todestag, werden sich Persönlichkeiten aus Kirche, Staat und internationaler Ökumene in Wittenberg treffen. Es heißt, dass ebenso bei Bundeskanzlerin Angela Merkel angefragt wurde. Vielleicht ist dann auch wieder die Rede von der Bildung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Gesellschaft.

Corinna Nitz