Reformationsfrühling

17. März 2017 von redaktionguh  
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Reformation und Tourismus:
Reicht die Anziehungskraft des Lutherjahres als Touristen-Magnet, um gezielt Menschen nach Mitteldeutschland zu ziehen? Die Stammländer der Reformation scheinen gut vorbereitet und setzen auf das Prinzip Hoffnung.

Das Reformationsjubiläum 2017 ist »eine große Chance« für den Tourismus in Mitteldeutschland. Das sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Zusammen mit seinen Kollegen Wolfgang Tiefensee (SPD) aus Thüringen und Armin Willingmann (SPD) aus Sachsen-Anhalt oder, wie es Tiefensee formulierte, »der Boygroup aus Mitteldeutschland«, blickte er dort auf das anstehende Großereignis und seine Bedeutung für den Tourismus in der Region. Man spüre mittlerweile weltweit ein großes Interesse für die Region, sagte Dulig. Sogar in Südkorea sei er auf das Reformationsjubiläum angesprochen worden. Sachsen wolle 2017 dabei vor allem als Kulturland punkten. »Die große Chance, die wir haben, ist, dass unsere Region auf der Weltkarte sichtbar wird«, sagt Dulig. Denn noch wisse nicht jeder mit den Begriffen »Sachsen«, »Sachsen-Anhalt« und »Thüringen« etwas anzufangen.

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Auf der ITB in Berlin: Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (v. li.) mit r2017-Geschäftsführer Ulrich Schneider und dem Wittenberger Kirchmeister Bernhard Naumann als Luther. Foto: IMG Sachsen-Anhalt

Ähnlich äußerten sich auch seine Kollegen aus den beiden anderen Ländern: »Erste Anmeldezahlen verraten, dass in Wittenberg in diesem Jahr einiges los sein wird«, sagte Willingmann. In Wittenberg seien schon heute so viele Vorbuchungen für Stadtführungen eingegangen, wie es sie im ganzen Jahr 2016 gegeben habe. Und auch Tiefensee berichtete, dass man deutlich spüre, dass das Interesse der Gäste an der Region wachse und die Übernachtungszahlen ansteigen. In Wittenberg werde im Reformationsjahr zudem »öffentliches WLAN im großen Stil« eingerichtet. Was die Besucher erlebten, sollten sie über Twitter, Instagram und Facebook direkt in die Welt hinaus transportieren können. »Solche WLAN-Netze gibt es im Ausland schon überall – jetzt zeigen wir, dass wir das auch in Wittenberg hinkriegen.« So sieht das auch Tiefensee: Seiner Ansicht nach wäre Luther heute der Erste, der die modernen Medien genutzt hätte. »Er wäre schon längst bei Instagram«, sagte Tiefensee. Seine Thesen hätte er in einer modernen Weise publiziert und seine Verbindung mit Katharina von Bora in die Genderdebatte eingebracht. »Wenn ich den Lutherweg gehe, sehe ich zwangsläufig mehr als Luther«, sagte Tiefensee. Er hoffe deswegen, dass durch das Jubiläum auch das Interesse an den übrigen Sehenswürdigkeiten angekurbelt werde. »Wir in Thüringen haben es dringend nötig, bekannter zu werden.«

Was der Reformator heute den Wirtschaftspolitikern bedeutet? »Ich schaue auf die Person Luther mit ganz großer Bewunderung«, sagte Tiefensee. Er fände es »sehr gut, dass Luther nicht nur für Dialog innerhalb der Kirchen steht, sondern dass das Thema Luther weit über die Kirche hinausstrahlt.« Luther stehe nicht nur für eine Reformation innerhalb der Kirche, sondern letztlich am Anfang der Moderne. »Luther hat versucht, dem einfachen Volk mit einfacher Sprache etwas nahezubringen, was lebenswichtig ist«, sagte Tiefensee. »Das hat ganz direkt mit Mitbestimmung und Teilhabe auch in der heutigen Zeit zu tun.« Vom Thesenanschlag gehe das Signal aus, dass ein Einzelner »mit einer wohldurchdachten und gut überlegten Kampagne auch etwas erreichen kann«, ergänzte Willingmann. Die Reformation sei auch ein Auftrag: »Es geht darum, zu zeigen, dass wir uns einem ständigen Veränderungsprozess unterwerfen.«

Benjamin Lassiwe

Zum Surfen in die Kirche

19. August 2016 von redaktionguh  
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Ein umstrittener Vorstoß: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will in ihren Gebäuden künftig kostenloses freies WLAN anbieten.

Den Namen Fabian Kraetschmer sollten Sie sich merken. Fabian Kraetschmer ist der Mann, der Deutschland das kostenlose freie WLAN (drahtloses lokales Netzwerk) bringt. Zumindest erst einmal dem Nordosten, dem Arbeitsgebiet des 36-Jährigen. Seit 2014 leitet Kraetschmer das IT-Referat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Er ist Fachmann, kein Theologe, aber er hat eine Vision: Seine Landeskirche soll der größte Anbieter von offenem WLAN in Deutschland werden.

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über  das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Möglich machen soll dies die Initiative »Godspot«. Der einprägsame Name kombiniert den englischen Begriff für einen öffentlichen drahtlosen Internetzugriffspunkt (hotspot) mit dem englischen Wort für Gott (god). Wobei sich der Nutzer auch einmal verhören und »good« statt »god« verstehen darf. Denn »good«, also gut, finden die Macher die Idee, Hotspots in den Häusern des Herrn einzurichten. Andere finden sie weniger »good«. Was die EKBO für 3 000 Gebäude auf ihrem Gebiet – neben Kirchen zum Beispiel auch Pfarrhäuser oder evangelische Schulen – plant, hat längst auch in den übrigen Landeskirchen die Diskussion angeregt.

Im Kern sind es drei Argumente, die von den »Godspot«-Kritikern vorgebracht werden: Ablenkung, Anbiederung und die Sorge um gesundheitliche Gefahren. Vor Letztgenanntem warnt Werner Thiede, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er verweist auf Studien, wonach die WLAN-Taktung die Zellprozesse negativ beeinflussen könnte – und zwar bereits billionenfach unterhalb des in Deutschland zulässigen Grenzwertes. Für die Kirche gelte ob der unklaren Risiken das Vorsorge-Prinzip – Vorsicht also. Thiede weist außerdem darauf hin, dass Kirchen durch Hotspots zur »Bannmeile« für Menschen mit Elektrosensibilität werden. Menschen also, die eine besondere Empfindsamkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung und Magnetfeldern haben.

Das zweite Argument gilt der Ablenkung. Was, wenn die Gläubigen dem Gottesdienst nicht mehr folgen, sie lieber auf ihr Smartphone als zur Kanzel schauen? »Dann haben wir ein Predigtproblem und kein ›Godspot‹-Problem«, heißt die Antwort von Fabian Kraetschmer auf diese häufig gestellte Frage.

Und dann ist da noch die Sorge um die Anbiederung. Muss sich die Kirche mittels freiem WLAN für Besucher attraktiv machen – muss sie also mit denselben Mitteln buhlen wie etwa Café-Betreiber um ihre Kundschaft?

Bedenklich ist vor allem das Gesundheitsargument. Das allerdings weniger wegen der kurzen Zeit, die Gläubige in der Woche in der Kirche verbringen, als wegen der vielen Stunden, die sie am Arbeitsplatz oder daheim von WLAN umgeben sind. Auch die Ablenkung ist nicht von der Hand zu weisen. In Theatern und vor Konzerten wird das Publikum mittlerweile routiniert gebeten, »abzuschalten«. Das Bedienen von Smartphones stört auch in diesem, der Freizeit gewidmeten Umfeld, wo es in aller Regel keine Hotspots gibt, wo Menschen also ihren mobilen Zugang zum Internet nutzen.

Weil bei diesem aber alle bewegten Datenpakete kosten und er zudem oft langsamer ist als eine WLAN-Verbindung, sind Hotspots so beliebt. Und in anderen Ländern auch weit verbreiteter als in Deutschland. Das liegt an dem erst kürzlich gekippten Gesetz über die Störerhaftung, welches die Anbieter von Hotspots bisher verantwortlich machte für strafbare Handlungen, die von Dritten über ihre Leitungen begangen werden. Nun, da diese Unsicherheit abgeschafft ist, herrscht Nachholbedarf im Lande. Hier könnte sich die Kirche tatsächlich anschicken, flächendeckend freien Zugang zum Internet zu verschaffen. Die Infrastruktur mit Gebäuden in jedem Dorf ist vorhanden, die technischen Hürden und Kosten sind zu bewältigen.

Es wäre ein Experiment, ein Sich-offen-Zeigen für eine neue Idee. Auch wenn die nicht jeder so himmlisch findet wie Fabian Kraetschmer.

Susann Winkel