Jetzt wird’s schmalkaldisch!

25. Januar 2017 von redaktionguh  
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Reformations-Ausstellung zeigt aktuelle Arbeiten Thüringer Künstler in der FBF-Galerie

Zu Beginn ein kleines Gedanken­experiment, eine Reise zurück in das Jahr 1537. Jene Familie, die in besagtem Jahr in der Gillersgasse 2 in Schmalkalden, gleich hinter der Stadtkirche St. Georg, gelebt hat, dürfte durch die Fenster des urigen Fachwerkhauses des Öfteren Martin Luther gesehen haben. Durch einen Seiteneingang gelangte der Reformator in die Paramenten-Kammer über der Sakristei, wo er sich in den kalten Februartagen während der Morgengottesdienste aufwärmen konnte.

Die Lutherstube gibt es immer noch im 480. Jahr nach der größten Tagung des Schmalkaldischen Bundes, als Luther sein geistliches Testament in Artikelform vorstellte. Ebenso blieb das rote Fachwerkhaus erhalten. Dort ist seit August 2010 die FBF-Galerie untergebracht, deren besonderes Augenmerk den Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst gilt. Wer heute den großen Lichthof im Obergeschoss des Mittelalterbaus betritt, der richtet seinen Blick abermals auf den Reformator.

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Galerieleiter Prof. Norbert Krah mit dem für die Ausstellung angefertigten Glasfenster von Wolfgang Nickel, das dauerhaft in der Galerie bleibt. – Foto: Susann Winkel

Die neue Sonderausstellung heißt im Kurzen »Schmalkaldisch. Protestantisch« – und im umso längeren Untertitel »Zeitgeschichtliche Reflexionen zu Martin Luther 2017. Malereien, Grafiken, Collagen, Reliefs und Skulpturen«. Aber es kommt ohnehin mehr auf den Kurztitel an. Der soll lautmalerisch auf die Schmalkaldischen Artikel verweisen. Theologisch ein echtes Pfund, mit dem sich im Jubiläumsjahr 2017 wuchern lassen sollte. Touristisch allerdings eher Randnotiz. Weshalb es klug ist, die Schau der Flut an Jubiläumsbeiträgen voranzustellen. Noch ist die Aufmerksamkeit größer.

Die von Norbert Krah und dem Verein der Forschungs- und Bildungs-Fördergesellschaft (FBF) ist nicht kunsthistorisch konzipiert, sondern fußt auf einem weit zu fassenden Thema. Diesmal waren Thüringer Künstler aufgefordert, sich im lutherischen Geist mit aktuellen Problemen zu befassen. Ein Bezug zu Luthers Artikeln? Ist eher nicht auszumachen.

Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit
Der Auftrag brachte Arbeiten hervor, die sich um Flucht, Integration und Fremdenfeindlichkeit drehen. Etwa das Grafikblatt »Moschee am Lutherweg« von Edmond Garn aus Floh-Seligenthal oder die drei Digital-Collagen des Meiningers Dietrich Ziebart, die an die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik erinnern: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

So weit, so schlüssig: Mithilfe der Werke, die sich unten im Vortragsraum und oben auf der Galerieebene verteilen, wird eine ästhetisch anregende Atmosphäre geschaffen, die nutzbar ist für Vorträge, Gespräche, Debatten. Ein Reigen an Begleitveranstaltungen ist geplant.

Hier nun löst sich die Ausgangsidee in Beliebigkeit auf. Neben den Werken, die nach der Themenvorgabe für diese Ausstellung entstanden sind, ist allerhand zu sehen, was irgendwie mit Luther zu tun hat. Zum Beispiel eine ganze Reihe Flugschriften aus dem 16. Jahrhundert, Nachdrucke von Werken der beiden Cranachs oder von Hans Holbein dem Jüngeren, die polemisch mal für, mal wider den Reformator Partei ergreifen. Dazu Grafiken aus einer Mappe von 14 DDR-Künstlern, die 1983 anlässlich des 500. Geburtstags von Luther herausgegeben wurde. Zudem einige Kaltnadelradierungen zur Reformation vom Maler und Grafiker Harald R. Gratz (Schmalkalden), datiert auf das Jahr 2008.

Wer nun als Besucher beim Betrachten dieser Fülle ein Déjà-vu-Erlebnis hat (frz.: »schon gesehen«), der irrt nicht: Zahlreiche Exponate entstammen der 2012 gezeigten FBF-Ausstellung »Ich bin so frei«. Damals wurde an die Verkündung der Schmalkaldischen Artikel vor 475 Jahren erinnert und von einem guten Dutzend hiesiger Künstler die Verbreitung von Luthers Glaubenslehre in 50 Variationen dargestellt. Nun sind weitere dazugekommen.

Norbert Krah und die Mitstreiter der FBF-Galerie bieten Künstlern der Region eine Plattform zur Präsentation ihrer Arbeiten, geben selber Werke in Auftrag, kaufen kontinuierlich für ihre Sammlung an. So wird viel Schönes möglich, aufwendige Kunstbücher ebenso wie die Fertigung von Glasfenstern für die Galerie von Wolfgang Nickel, die dort verbleiben können.

Susann Winkel

»Schmalkaldisch. Protestantisch« ist bis Ende Juni in der FBF-Galerie Schmalkalden zu sehen, Führungen auf Anfrage, E-Mail <prof.dr.n.krah@gmx.de>

Die Sprache der Bilder

18. Februar 2015 von redaktionguh  
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Predigtreihe in Jenaer Kirchen nimmt Kunstschätze in den Blick

Anlässlich des Themenjahres »Bild und Bibel« laden die Jenaer Kirchen zu einer Gottesdienstreihe ein, in der Kunstwerke im Mittelpunkt der Predigt stehen

Seit Jahrhunderten werden Kirchen mit Kunstwerken der verschiedensten Art ausgeschmückt – mit Plastik, Tafelmalerei, farbigen Glasfenstern und dekorativen Gegenständen. Auch für Gott wurden zahlreiche Darstellungsformen gefunden. Ein Widerspruch zum dritten Gebot des Alten Testaments, auf das die Predigtreihe Bezug nimmt?

Die von dem Glaskünstler Wolfgang Nickel gestalteten Altarfenster im Gemeindezentrum in Jena Stadtmitte. Foto: Wolfgang Nickel

Die von dem Glaskünstler Wolfgang Nickel gestalteten Altarfenster im Gemeindezentrum in Jena Stadtmitte. Foto: Wolfgang Nickel

»Nein«, sagt Superintendent Sebastian Neuß: »Es geht um den Schatz unserer Kirche. Die ganze Bibel spricht in Bildern.« Als Hand, Feuersäule oder das Auge im Dreieck erscheint Gott zeichenhaft in bildlichen Darstellungen, in menschlicher Gestalt als Pantokrator oder in der Dreifaltigkeit. Aus dem frühen Mittelalter sind bereits mehrere Bildtypen bekannt. »Wir dürfen uns viele Bilder machen, erlaubt ist nicht, Gott auf eines von ihnen festzulegen«, erklärt Neuß. »Die reformatorische Kirche ist eine so bildreiche Kirche, weil sie über die Sprache der Kunst das Wort des Herrn transportieren möchte.«

Kunst hat natürlich auch eine ästhetische Komponente, aber in der Kirche hat sie vor allem eine evangelisierende Funktion. Mit der Predigtreihe wollen die Jenaer Kirchen – auch die katholische Kirche und die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde beteiligen sich – ihre Kunstschätze wieder in den Blickpunkt rücken. Bei den monatlichen Bildpredigten gibt es keine Chronologie oder einen zeitlichen Schwerpunkt. Es gilt, das Augenmerk auf die Ausstattung zu richten und ihre Bedeutung zu hinterfragen.

Wer die Januarpredigt zum neuen Altarfenster im Gemeindezentrum Stadtmitte verpasst hat, sollte die Besichtigung unbedingt nachholen. Geschaffen wurde es von dem bekannten Glaskünstler Wolfgang Nickel, von dem auch die Fenster der Severikirche in Erfurt stammen.

Superintendent Sebastian Neuß spricht im April zu den Chorfenstern der Friedenskirche von Fritz Körner, die der Jenaer Glaskünstler 1946 entwarf. Im Mittelpunkt steht der kämpfende Erzengel Michael, der Schutzheilige der Stadt. Zu beiden Seiten künden Engel mit Posaunen und Gesang von Erlösung und Aufbruch. Körnerfenster stehen auch in der Golmsdorfer Kirche und im Lutherhaus im Mittelpunkt der Predigten. In Cospeda widmet sich Pfarrer Tilman Krause einem seiner Vorgänger, der als Porträt in der Kirche hängt: Carl Friedrich Demelius (1759 bis 1820). Sein Sohn ist Friedrich Wilhelm Demelius oder auch »Bierlatte«, der als ewiger Student Eingang in die Universitätsannalen und die Stadtgeschichte fand. Das undatierte Bild ist in der Art Jenaer Professorenporträts gemalt und mit einer Inschrift zum Wirken des Pastors versehen. Mit zwei Tafelbildern, die zur mittelalterlichen Ausstattung der Stadtkirche St. Michael gehörten und die nun mit weiteren Maltafeln zurückkehren, beschäftigt sich Pfarrer Mathias Rüß in einer Predigt Ende August. »Kreuzigung Christi« (1483) und »Auferstehung Christi« (nach 1550) sind Teile des Passionszyklus’, der zu den wichtigsten Themen der christlichen Kunst zählt. Das Themenjahr ist eine weitere Wegmarke zum Reformationsjubiläum, das vom 25. bis 27. Mai 2017 mit einem »Kirchentag auf dem Weg« in Jena und Weimar gefeiert werden soll.

Doris Weilandt

Nächster Gottesdienst: Sonntag, 15. Februar, 10 Uhr im Gemeindezentrum Melanchthonhaus zu »Kreuz und Dreieinigkeit«; weitere Informationen zur Gottesdienstreihe »Du sollst dir (k)ein Bildnis machen unter www.kirchenkreis-jena.de oder Telefon (0 36 41) 57 38 36