Mitbewohner und nicht nur Festtagsgast

25. Dezember 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1, Vers 14a

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg.

Claudia Kuhn ist Pfarrerin in Osterburg.

Es steht vor der Tür – das Wort. Es klopft leise an – das Wort. Es will gehört werden – das Wort. Ich öffne, bin erwartungsvoll, vorbereitet und dann doch sehr überrascht.

Zu Weihnachten wird es häufig an unseren Türen klopfen oder klingeln. Besuch steht vor der Tür. Erwarteter Besuch nach langer Zeit. Vielleicht kommt aber auch ein ganz überraschender Gast. Bin ich vorbereitet? Was erwartet mich? Wie wird die Begegnung verlaufen? Kommen gute Gespräche zustande oder wird es anstrengend? Ich lasse meinen Besuch gern ein, gebe ihm Wohnung auf Zeit, meiner Familie, denen aus der Ferne und den Freunden aus der Nähe.

Tischgemeinschaft, neue Nachrichten, natürlich auch Geschenke und gutes Essen. Aber da klopft es noch einmal an der Tür – das Wort – es klopft leise, es will gehört werden – das Wort – ich öffne und lasse seine Botschaft ein: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. (Lukas 2,10–12)

Das Wort nimmt Gestalt an. Gott wird begreifbar, wird einer von uns, lebt mitten unter uns und lässt sich spüren. Er kommt in unsere Zeit, in unsere Welt und ist doch höher als unsere Vernunft und unser Begreifen. Wir können seine Herrlichkeit sehen.

Er will bei uns wohnen, nicht nur als Festtagsgast, sondern als unser Mitbewohner. Lassen wir ihn ein, wenn er klopft, ganz leise, und gehört werden will. Geben wir ihm Raum, Herberge, Wohnung in uns.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest mit vertrauten Menschen und auch überraschenden Gästen. Vor allem wünsche ich Ihnen gute Begegnungen mit Gottes Wort, das unter uns und in uns wohnen will.

Claudia Kuhn, Pfarrerin in Osterburg

Mut zur Zivilcourage

30. Oktober 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, Vers 14

Jutta Noetzel ist Pfarrerin in Herzberg.

Jutta Noetzel ist Pfarrerin in Herzberg.

Wer kann sich schon sicher sein, dass richtig ist, was er sagt? Berufsredner pflegen leidenschaftlicher zu sprechen und eindringlicher zu gestikulieren, je unsicherer der Boden der Argumentation wird. Der normale Bürger spricht nach, was die anerkannten Autoritäten meinen. Manch Einfältiger verstummt.

In dieser Woche gedenken wir der Reformation, die mit dem Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg vor 494 Jahren ihren Lauf begann. Woher hatte Luther seine Gewissheit, mit seinen 95 Thesen in die Öffentlichkeit zu gehen? Woher den Mut, in Worms vor den Reichstag zu treten, zu reden und zu schließen: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.«

Von Jeremia, dem Propheten, wird erzählt, dass er in solch einem Moment gebetet hat: »Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen, denn du bist mein Ruhm.« Heilung im altorientalischen Sinn des Ins-Recht-Setzens. Wer zu Unrecht ins Unrecht gesetzt wird, lässt Federn.

Ich mag sie, diese Unbequemen, die sich trauen, auf ihre innere Stimme zu hören, die ihrem eigenen Gewissen folgen und dafür Ächtung in Kauf nehmen. Ich mag ihr Ringen um Wahrheit, das brennende Feuer in ihrem Herzen, ihr Vertrauen auf Gott, das stärker ist als die Zweifel. Sie halten ­meinen Glauben lebendig und meine Sicht auf das Leben veränderlich.

Luther leitete bisweilen seinen Familiennamen vom Griechischen eleúteros »der Freie« her. Der Reformationstag in diesem Jahr mag uns ermutigen, frei genug zu sein, den Impulsen unseres Gewissens zu folgen. Die Stimme zu erheben, obwohl es gerade so schwer ist, sich sicher zu sein, ob es richtig ist, was man sagt. Im Meer der Meinungen nicht zu resignieren. Lösungen, die angeblich alternativlos sind, nicht blind zu glauben. Zivilcourage zu zeigen. Immer mit der Gewissheit: »Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen, denn du bist mein Ruhm.«

Jutta Noetzel, Pfarrerin in Herzberg

Dieses Kapital kommt aus dem Herzen

21. Oktober 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Dieses Gebot ist uns gegeben: Alle, die Gott lieben, sollen auch ihre Geschwister lieben.
1. Johannes 4, Vers 21

Frau
Da ist diese merkwürdige Frau. Sie ist weise. Kann mehr sehen als andere. Viele Leute kommen zu ihr, um sich beraten zu lassen. Es ist ihr Job. Sie hört zu, sie hört in sich hinein und dann rät sie etwas. Sie begleitet, geht solidarisch ein Stück des Weges mit. Manchmal findet sie das heilende Wort. Das ist eine hohe Form der Mitmenschlichkeit.

Nur: mit ihren Nachbarn ist sie verkracht. Mit der Telekom liegt sie im Rechtsstreit wegen einer Rechnung. Im Ort geht sie nicht mehr einkaufen, weil »die nur Stroh im Kopf haben«. Viele frühere Freunde heben mittlerweile die Hände und winken ab. Nein, eine Freundschaft ist das gewiss nicht mehr.

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der EKM

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der EKM

Komisch, nicht? Sie ist so klug, aber ihr Herz bleibt hart.

Ganz anders diese Frau nebenan. Sie ist eine wundervolle Mutter. Hat prachtvolle vier Söhne großgezogen. Selbst der Älteste kommt manchmal nach Hause, um sich bei ihr auszuweinen. Bei der kann man das.

Ihren Mann hat sie all die Jahre treu begleitet. All seine Alleingänge toleriert, seinen Missmut ertragen. Und seinen Geiz geschickt umschifft. Sie will es sich abtrainieren, vorwurfsvoll zu sein, sagt sie.

Auch dienstlich läuft es: Die Familienfirma hat einen guten Ruf, die Rechnungen werden pünktlich bezahlt. Ihre Art, die Dinge zu hegen und zu pflegen, sieht man nicht zuletzt in ihrem Garten. Da blüht es, die Kräuter wachsen üppig. Sie gibt gern.

Und am Sonntag predigt der Pfarrer von dem Gebot, Gott zu lieben. Bei ihm klingt es ein bisschen theoretisch. Aber sie mag es. Lädt ihn anschließend zum Mittagessen ein. Für sie geht es um mehr als unser Kleinklein. Der Horizont ist so weit. Und wir sind immer auf dem Weg.

Wohin?

Zu einer Weisheit des Herzens. Denn letztlich geht es nur um diese Fähigkeit: das Herz offen halten zu können. Trotz allem.

»Ich habe keine Angst vor der Liebe«, sagt sie lachend bei Tisch. Und die Jungen nicken. Was für ein Kapital, das sie ihnen da mitgibt!  

Ulrike Greim

Tragfähig und fest wie Kinderglauben

14. Oktober 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

kind
Gestern haben sie den kleinen Jungen begraben, der in Gretas Kindergarten-Gruppe ging. Er war schlimm krank. Greta denkt seitdem über vieles nach. Sie sitzt am Frühstückstisch, schaut ins Weite und sagt: »Wenn man stirbt, wacht man morgens nicht mehr auf.«

Es folgt ein langer Moment des Schweigens.

Dann stellt sie fest: »Nur Jesus, der konnte das.«

Und sie schiebt sich einen großen Löffel Müsli in den Mund und kann den Tag beginnen.

Kinderglaube ist nicht leicht, aber fest und tragfähig. Johannes, der Briefschreiber, sagt uns, dass wir Gottes Kinder seien. Als Geschwister können wir uns auf diesen Vater einlassen. Und Jesus »kennt auch dich und hat dich lieb«, würde Greta jetzt ­sicher eines ihrer Abendlieder zitieren. Sie kann das, sie sagt das Unsagbare. Und überwindet damit auch meine Sprachlosigkeit.

Ja, wie gut: Jesus konnte das! Jesus hat den Tod überwunden. Und seit er das am Kreuz vollbracht hat, brauchen wir das Kreuz des Lebens und des Todes nicht mehr allein zu tragen.

Dennoch drückt die Angst oft so, dass sie mir die Luft zum Atmen nimmt. Aber sie soll mich nicht beherrschen.

Der Tod soll nicht das letzte Wort behalten.

Der unsagbare Schmerz soll uns nicht zerstören. Ich brauche, wenn ich ringe, weder Siegerin noch Besiegte sein.

Greta hat sich einfach so in Jesu Hände gegeben. Manchmal wünsche ich mir, meine Sorgen um Glauben und Leben so loslassen zu können, wie Greta an jenem Morgen ihren Schmerz und ihre Fragen einfach so in Jesu Hand gelegt hat. Sie hat sich selbst bei ihrem Glauben gepackt.

Auch ich will meinen Glauben ernst nehmen und Jesus in Anspruch nehmen.

Johannes weist neben dem Blut Christi sogleich auf das Wasser des Geistes hin. Ja, hineingetauft in die Gemeinschaft mit Christus und mit allen, die seiner Liebe folgen, darf ich mich befreit fühlen zu neuem Leben. »Drum soll nicht Not, nicht Angst noch Tod von deiner Lieb uns trennen.«

Das will ich frei bekennen.

Ulrike Reichardt

Mit zweierlei Maß gemessen

20. August 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.
Lukas 12, Vers 48

Margot Runge, Pfarrerin in Sangerhausen

Margot Runge, Pfarrerin in Sangerhausen

Kleine Geheimnisse machen schnell die Runde. Der Buschfunk funktioniert vorzüglich, wenn etwas vertraulich bleiben soll. In manchen Familien oder Arbeitsstellen wissen es dann sofort alle.

Ganz Schlaue machen sich das zunutze und bringen auf diesem Weg sogar gezielt Informationen in Umlauf.

Zugegeben: Viele bewahren auch sehr sorgsam, was ihnen anvertraut wurde, und der kleine Klatsch bedeutet nicht sofort Intrige und Geheimnisverrat. Dennoch: Wie vertrauenswürdig sind wir?

Anvertraut ist uns viel mehr.

Traditionen und eine reiche Kultur sind uns überliefert. Das Geschenk der Demokratie haben wir uns erkämpft. Den Reichtum des westlichen Europa haben wir, anders als die restlichen ehemals sozialistischen Staaten, geerbt. Unsere Orte sind eingebettet in eine Natur, die uns das Staunen lehren kann.

Ob ideell oder materiell – wir sind unvorstellbar reich, verglichen mit ungezählten Menschen neben uns und sämtlichen Generationen vor uns.

Dieser Reichtum ist zumeist nicht unser Verdienst. Er ist uns anvertraut. Wir können und sollen ihn hüten, damit andere Völker und kommende Generationen auch etwas davon haben.

Ein Anrecht auf Besitzstandswahrung haben wir nicht, eher eine Pflicht zum Teilen und Weitergeben. Wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern, erinnert Jesus.

Wir werden tatsächlich mit zweierlei Maß gemessen. Die Starken sind zuerst in der Pflicht.

Das gilt auch für die Demokratie.

Am Sonntag trauert Norwegen um die Opfer. Die Anschläge galten auch der liberalen und offenen Gesellschaft. Freiheit ist ein kostbares Gut. Wir tun gut daran, die Demokratie bei uns zu stärken und zu pflegen. Je stärker sie bei uns ist, desto mehr Rückenwind bekommen Menschen in anderen Ländern, die Menschenrechte und Freiheit einfordern.

Uns ist tatsächlich viel anvertraut. Rechtfertigen wir es!

Margot Runge

Ein starker Glaube bringt Licht und Güte in die Welt

11. August 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, Verse 8 und 9

Zu jeder Taufe verschenken wir eine Kerze. Sie wird an der Osterkerze angezündet und dem Täufling – und wenn der noch zu klein ist einem Paten – überreicht. Dabei werden die Worte »Ich gebe dir dies Licht, um zu zeigen, dass du von der Finsternis in das Licht gekommen bist, dass von jetzt an du selber scheinen magst als ein Licht in der Welt zur Ehre Gottes« gesprochen.

Christus spricht: »Ich bin das Licht der Welt.« Allen, die ihm folgen, spricht er zu, dass auch sie das Licht des Lebens haben werden.

So wissen wir, dass das Wort aus dem Epheserbrief für jeden Einzelnen von uns gilt. »Lebt als Kinder des Lichts!« Dieses Licht scheint in unser Leben. Und ändert unseren Umgang mit anderen. Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit werden aus dem Licht entstehen. Im Sonnenlicht sehen wir die Dinge, wie sie wirklich sind. Hier ist es nicht möglich, zu verschleiern oder zu kaschieren.

So ist die Wahrheit mit dem Licht verbunden.

Kommt ein Unrecht zutage – also ans Licht –, dann ist es aufgedeckt. Und das ist der erste Schritt zur Gerechtigkeit und zur Versöhnung. Aber vor allem: Wer von sich wirklich weiß, ein Kind des Lichts zu sein, der kann sich selbst mit Freude ansehen.

Wer sagen kann: »Ich bin ein Kind des Lichts, von Gott geliebt«, der muss sich nicht erst noch beweisen. Er braucht ungeliebte Eigenschaften nicht zu verstecken. Kann zu sich stehen. Vor sich selbst und vor anderen. Der Druck, sich abzugrenzen und andere herabzustufen, um von sich selbst vielleicht etwas mehr halten zu können, fällt weg.

Wer sich selbst annimmt, kann sein Gegenüber annehmen. Toleranz ist die Frucht aus einem Selbstbewusstsein, das den anderen auch anders lassen kann, weil man sich selbst nicht stets infrage gestellt fühlt.

Ein starker Glaube hält auch den anderen Glauben und den Andersgläubigen aus. So bringt das Licht die Güte zu uns. Eine Glaubensfrucht, nach der diese Welt hungert.

Lars Ophagen, Pfarrer in Kaltennordheim

So einfach und doch so schwer

23. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Epheser 2, Vers 8

Ein Geschäftsmann kommt zum Pfarrer und fragt: »Was denken Sie, wenn ich für die Restaurierung der Orgel 100.000 Euro spende, komme ich dann in den Himmel?« Darauf der Pfarrer: »Das kann ich Ihnen nicht versprechen, aber ich würde es schon mal probieren.«

So etwas kommt doch in der Realität nicht vor, so fragt doch heute keiner, sagen Sie. Das kann sein. Aber ganz abwegig ist die Szene trotzdem nicht.

Wer hat nicht ab und an im Hinterkopf den Gedanken, sich den Himmel vielleicht doch – so ein bisschen – erkaufen zu können. Engagement in einem Eine-Welt-Projekt, ein offenes Ohr für den unangenehmen Nachbarn, ein klimafreundlicher Lebenswandel, der auch mal Verzicht übt, regelmäßiger Gottesdienstbesuch – alles ohne Hintergedanken? Alles aus einer großen inneren Freiheit und der Liebe zu Gott und den Menschen? Wir wären wohl nicht ganz ehrlich, würden wir das behaupten.

Gern taxieren oder beurteilen wir auch mal danach, was einer oder eine leistet. Und die »Rating-Agentur« in uns arbeitet in aller Regel auch sehr gut. Insofern ist der Satz des Paulus ein Stachel im Fleisch. Wie werde ich selig, glücklich, himmelszugewandt und heil? »Gottes Gabe ist es.« So einfach. So schwer. Wir sind Empfangende. Zuerst die Gabe, dann die Aufgaben. Man könnte sich selbst fragen: Was bekommt wie viel Zeit bei mir?

Die Suche nach dem, was selig macht, nennen viele heute auch die Sehnsucht nach Spiritualität oder nach einer Mitte im Leben oder nach Gemeinschaft. Wie die meisten lebenswichtigen Dinge lässt sich diese Sehnsucht nicht durch permanenten Aktionismus stillen. Eher sind Fragen wachzuhalten: Was brauche ich zum Leben? Wo liegen die Motive meines Handelns? Wie kann ich Empfangende werden?

Vielleicht sollten wir weniger mit viel Anstrengung verändern wollen und dafür mehr Empfangen üben. Wer’s glaubt, wird selig.

Dorothee Land, Landesjugendpfarrerin, Magdeburg

Entschuldige, mein Freund …

20. Juli 2011 von redaktionguh  
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Einer trage des andern Last,  so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Galater 6, Vers 2

Kürzlich las ich in der Wochenzeitung »Die Zeit« einen Beitrag über ein Konzert des holländischen Sängers Herman van Veen. Das Konzert beginnt – aber irgendjemand im Dunkel des Saals lallt, brüllt und grölt die Lieder falsch mit. Das nervt nicht nur viele im Publikum, sondern auch den Künstler, der darum bittet, mit dem Gejohle aufzuhören. Das dritte Lied, wieder das gleiche laute Gelalle.

Herman van Veen 2009, Foto: Anghy, Wikipedia

Herman van Veen 2009, Foto: Anghy, Wikipedia

Mitten im Lied bricht van Veen ab und geht von der Bühne runter ins Publikum, um den Unruhestifter zur Rede zu stellen. Der Lichtkegel begleitet ihn und führt ihn zu einem körperlich und geistig schwer Behinderten. Herman van Veen stockt, nimmt die Hand des Schwerbehinderten und sagt: »Entschuldige, mein Freund …«

Es ist nicht einfach, die Last des andern auf Anhieb zu erkennen – geschweige denn, sie zu tragen. Sie ist wohl da und beschwert irgendwo auch in ­unserer Nähe einen Menschen – aber wir nehmen sie nicht wirklich wahr. Zu sehr sind wir mit der ­Inszenierung unseres Selbst beschäftigt. Schließlich stehen wir auf der Bühne des Lebens und versuchen, die Konzentration hochzuhalten und eine gute Figur zu machen. Da können wir störende ­Nebengeräusche nicht gebrauchen. Sie irritieren – und bringen uns aus dem Konzept.

Und dennoch macht der Apostel Mut, uns durch das »Gelalle« der Last anderer unterbrechen zu ­lassen. Es ist zwar nicht schön und erzeugt Ärger. Es kostet zudem Überwindung, die eigene Bühne zu verlassen und sich auf eine andere Ebene zu ­begeben.

Aber wer sich irritieren lässt, wer dem Brüllen und Gejohle nachgeht und sich das genaue Hinhören und -sehen auf die Last andrer nicht erspart, der hat Gewinn davon. Dem eröffnet sich eine neue, eine wohlwollende und zugleich beziehungsreiche Perspektive: »Entschuldige, mein Freund …« Derartig angestoßen kommt es zu einem Klang, der uns Menschen reicher macht. Und uns das Gesetz Christi mit Leben erfüllen lässt.

Thomas Kratzer, Pfarrer in Remda

Einfach mal die Perspektive ändern

10. Juli 2011 von redaktionguh  
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Der Menschensohn ist gekommen,  zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.Lukas 19, Vers 10

Der Vers, der uns durch die neue Woche begleiten soll, steht am Ende der Geschichte von Zachäus, dem Zöllner, der auf einen Baum geklettert ist, um Jesus zu sehen. Sie ist ein Lehrstück über menschliche Eitelkeit und Jesu Zugewandtheit. Je nachdem, aus welcher inneren Verfassung heraus ich den Text lese, verstehe ich mich manchmal als der unverstandene Zachäus, manchmal als murrendes Volk und manchmal sehe ich mich selbst wie Jesus Menschen am Rande entdecken und ansprechen.

Die vielen Perspektiven, aus denen wir ein und dieselbe Sache unterschiedlich beurteilen, faszinieren mich. Alle Seiten kann ich verstehen. Der Frust über Reiche, die nur reich sind, weil andere arm sind. Die Angst, nicht wahrgenommen zu werden und zu kurz zu kommen. Die Wut, wenn so vielen gelingt, wonach sie streben, und ich endlos auf der Stelle trete. Die Sehnsucht, dass doch auch ich endlich einmal gesehen werde, so wie ich bin – oder sein möchte.

Jesus zieht durch Jericho. Und er nimmt hier genau den wahr, den andere schon nicht mehr sehen wollen oder den sie verabscheuen. Er entdeckt den körperlich kleinen Zachäus auf einem Maulbeerfeigenbaum. Er lädt sich bei ihm ein, und der Zöllner verspricht im glücklichen Überschwang, dass er sein zu Unrecht erworbenes Geld weggeben und neu beginnen will, ganz neu. Ob er es am Ende tut, bleibt uns verborgen, denn dies ist die einzige Geschichte, die wir von ihm kennen.

Die Geschichte lehrt uns, dass Jesus jedem, der ­etwas sucht – wo auch immer er steht – an Zachäus’ Stelle, im Volk oder in der Nachfolge – Möglichkeiten eröffnet, die Perspektive auf das Leben zu verändern. In der Begegnung mit Jesus in Wort, Gebet oder Gedanken wird auch uns die Möglichkeit eröffnet, Festgefahrenes zu verlassen. Dann kann auch für uns der Vers aus Psalm 118 gelten: »Dies ist der Tag, den der Herr macht! Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Kerstin Höpner-Miech, Pfarrerin in Mühlberg/Elbe

Herausgehoben aus dem Alltag

3. Juli 2011 von redaktionguh  
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Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!
Matthäus 11, Vers 28

Anne-Katrin Kummer ist Pastorin in Gefell. Foto: privat

Anne-Katrin Kummer ist Pastorin in Gefell. Foto: privat

Wer kommt in meine Arme …?« – Kennen Sie das Spiellied? Als unsere Kinder klein waren, habe ich es oft gesungen. Und sie kamen angerannt, stürzten sich in die ausgebreiteten Arme, um sich hochheben zu lassen, jubelnd eine Runde zu fliegen und dabei zu hören: »… den hab ich ganz doll lieb!« Es war ein froher Augenblick, ein Moment des Getragenseins. Dann ließ sich der Alltag wieder gut bestehen.
»Kommt her zu mir«, dieses Jesuswort höre ich als eine ebensolche Einladung: Lasst für einen Augenblick alles stehen und liegen, kommt und lasst euch mal herausheben aus eurem Alltag mit seinen Aufgaben, ich will euch aufatmen lassen!

»Die ihr mühselig und beladen seid«, im biblischen Zusammenhang sind damit die Menschen gemeint, die litten unter dem als Joch empfundenen Gesetz. Weil sie es nicht erfüllen konnten, bildete es eine Sperre zwischen ihnen und Gott. Das, was dem Leben dienen sollte, wurde zur Last.

Wir empfinden diesen Grundkonflikt heute nur selten, doch wir spüren ebenfalls, wie mühselig und beladen sich unsere Lebenstage dahinschleppen. Zuviel Arbeit oder keiner, der mein Können schätzt; familiäre Turbulenzen; gesellschaftliche Zwänge; Entwicklungen in der Kirche … Wir können wohl viele Lasten benennen. Dagegen verspricht Jesus: »Ich will euch erquicken.« Also: Ich will euch neu beleben, euch ausruhen und aufatmen lassen.

Wir werden unser Leben mit seinen Aufgaben und Anfechtungen trotzdem weiter zu bestehen ­haben. Aber wir können das auch, weil unsere Schultern und unsere Seelen in den Pausen bei ihm genügend Kraft und Stärke dazu finden. In einem Gottesdienst oder Sie wagen sich heraus aus dem Gemein­dealltag, vielleicht in einem Frauensonntag.

Welche Idee Sie auch haben, Hauptsache, Sie stürzen sich ab und zu in die Arme Gottes, um einen Augenblick lang seine Liebe zu spüren und dann neu belebt auch die Mühsal zu bestehen.

Anne-Katrin Kummer, Pastorin in Gefell

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