Lust aufs Predigen wecken
18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Theologie: Am Freitag startet in Wittenberg offiziell das neue Zentrum für Predigtkultur

Die Zuhörer im Visier: Traugott Giesen, ehemaliger Pfarrer in Keitum, hat mit seiner Art zu predigen viele angesprochen. Sein Erfolgsrezept waren Predigten als Gespräch und ein Augenzwinkern dabei. Foto: epd-bild
Der Predigt kommt in der evangelischen Kirche vonjeher eine zentrale Bedeutung zu. Damit das auch künftig so bleibt, hat die EKD ein Zentrum eingerichtet, das neue Impulse für die Predigtkultur entwickeln soll.
Was macht eine gute Predigt aus? Alexander Deeg, Leiter des Zentrums für Predigtkultur der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), muss ein wenig überlegen. »Vermutlich«, sagt der promovierte Theologe, »ist es vor allem die Leidenschaft für die Worte und Bilder der Bibel.« Dazu kämen die Liebe zur deutschen Sprache, der Mut, etwas Neues auszuprobieren, und nicht zuletzt das Vertrauen in die Hörer. Doch zugleich weiß der Pfarrer auch um die Grenzen. »Bis an die Ohren kann ich kommen, aber nicht ins Herz hinein, das macht Gott«, zitiert er Martin Luther.
Bereits im Herbst vergangenen Jahres hat das Predigtzentrum, das im Rahmen des EKD-Reformprozesses ins Leben gerufen wurde, seinen Betrieb in Wittenberg aufgenommen. Die Entscheidung für die Lutherstadt kommt nicht von ungefähr. »Es ist der Ort, der sich zentral mit der evangelischen Predigt verbindet«, so der Leiter, der als ausgewiesener Experte in der Predigtlehre gilt. Schließlich hat die Wortverkündigung seit Martin Luther in der evangelischen Kirche eine besondere Bedeutung. Schon der Reformator sah das Predigtamt »als das höchste Amt« in der Kirche an. Kein Wunder also, dass die EKD mit dem Zentrum an den Ursprungsort der Reformation zurückkehrt.
Selbst der Zeitpunkt für die offizielle Eröffnung unmittelbar vor dem Sonntag Invokavit ist mit Bedacht gewählt. An jenem Sonntag 1522 war Martin Luther von der Wartburg nach Wittenberg zurückgekehrt, weil die von im angestoßenen Reformen zu tumultartigen Zuständen geführt hatten. Durch die Reihe der sogenannten Invokavit-Predigten sei es ihm gelungen, die gewaltsamen Umsturzversuche zu beenden, erklärt Alexander Deeg den Hintergrund.
Aufgabe des Zentrum ist es nun, Freude und Lust an der Predigt zu wecken – bei denen, die zu predigen haben, aber auch bei denen, die sie hören. »Aber wir sind weder eine Gesellschaft für Predigtsprache noch sind wir eine Qualifizierungsmaschine«, schränkt Rhetorikreferent Dietrich Sagert ein. Der Theologe und promovierte Kulturwissenschaftler gehört ebenfalls zum Team. Mit konkreten Anweisungen wollen sich die Mitarbeiter jedoch zurückhalten. Allenfalls einen Rat kann sich Sagert, der auch Theaterregisseur ist, nicht verkneifen: »Heute muss man vor allem kürzer predigen und auch frecher.«
Dass der Wunsch nach ansprechenden Predigten groß ist, belegen auch die Zahlen der letzten EKD-Umfragen. Demnach meinen 63 Prozent der Kirchenmitglieder im Westen und sogar 72 Prozent der evangelischen Christen im Osten, dass die Predigt das wichtigste Element im Gottesdienst ist. »Die Menschen, die hierher kommen, erwarten etwas von der Verkündigung«, ist Alexander Deeg überzeugt. Auch deshalb findet er es eigentlich »komisch«, dass es angesichts der Bedeutung der Predigt bislang noch kein solches Zentrum gegeben hat. »Wir wollen die Predigt in der kulturellen Landschaft der Gegenwart verankern«, unterstreicht sein Kollege Sagert.
»Heute muss man vor allem kürzer predigen und auch frecher«
Zwar existieren bereits Predigerseminare und Weiterbildungsmöglichkeiten für Pfarrerinnen und Pfarrer. Doch eine Einrichtung, die sich speziell mit der Weiterentwicklung der Predigkultur beschäftigt, ist tatsächlich neu. Diese Rolle soll nun das Wittenberger Zentrum übernehmen.
Neben der Aus- und Fortbildung werden sich die drei Mitarbeiter vor allem um die Vernetzung der in der Predigtlehre Tätigen kümmern, didaktische Modelle der Predigtlehre und neue Formen der Predigtrede entwickeln. Auch Seminare und Workshops soll es hier geben. Allein in diesem Jahr sind zwölf Angebote vorgesehen. So geht es unter anderem um die politische Dimension der Predigt. Die jüngsten Auseinandersetzungen um die Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden hätten gezeigt, wie aktuell dieser Ansatz ist, findet Deeg. Im Herbst steht die Frage im Mittelpunkt, ob evangelische Predigt auch als Bildungsereignis verstanden werden kann.
Wie die Angebote angenommen werden, wissen die Mitarbeiter zwar noch nicht. Aber die Türen des Zentrums stehen weit offen. »Wenn es uns gelingt, Pfarrern und Prädikanten neue Impulse zu geben«, hofft der Leiter des Zentrums,»wäre schon viel gewonnen.«
Martin Hanusch






