Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von redaktionguh  
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»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

»Nach Abraham war Schluss«

8. August 2016 von redaktionguh  
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Religionsunterricht: Christine Demke erinnert sich an die Anfänge


Es waren – wenn man so will – Buddhisten, die in Magdeburg den Weg für den evangelischen Religionsunterricht ebneten. »Japanische Mönche befanden sich auf einem interreligiösen Friedensmarsch. Sie machten Station in Oranienburg und ich wollte aus persönlichen Gründen dabei sein«, erinnert sich Christine Demke an die folgenreiche Begegnung.
Die heute 78-Jährige war damals, Anfang der 1990er-Jahre, Katechetin am Magdeburger Dom, sie gab Christenlehre und vor kurzem war ihr Betätigungsfeld auf drei Schulen in Magdeburg erweitert worden. Es war die Zeit, als in Sachsen-Anhalt Religion ein Unterrichtsfach wurde. Weil es dafür zu wenige staatlich ausgebildete Lehrer gab, griff das Kultusministerium auf kirchliche Mitarbeiter zurück. Christine Demke, Frau des damaligen Bischofs der Kirchenprovinz Sachsen, hatte sich freiwillig gemeldet und geahnt, dass ihr auf Schulfluren und in Lehrerzimmern Skepsis begegnen würde.

Mit der Bibel im Klassenzimmer: Katechetin Christine Demke war vor 25 Jahren eine der ersten kirchlichen Mitarbeiter, die an den staatlichen Schulen Sachsen- Anhalts Religion unterrichteten. Archivfoto: Rolf Zöllner

Mit der Bibel im Klassenzimmer: Katechetin Christine Demke war vor 25 Jahren eine der ersten kirchlichen Mitarbeiter, die an den staatlichen Schulen Sachsen- Anhalts Religion unterrichteten. Archivfoto: Rolf Zöllner

All das sollte sich mit den Mönchen aus Fernost ändern. Christine Demke hatte sie kurzerhand nach Magdeburg eingeladen. Im Dom gestalteten die Buddhisten eine Morgenandacht und beteten mit katholischen und evangelischen Christen für den Frieden. Auch für Frau Demke überraschend erschienen die drei Direktorinnen ihrer Schulen. Sogar ihre Reli-Klassen waren gekommen – und danach begeistert, bewegt, beseelt. »Als ich beim nächsten Mal in die Schule kam, umarmten mich Lehrer«, sagt Christine Demke. Einst ablehnende Pädagogen begannen, sich zu öffnen. Christine Demke redet heute mit Freude darüber, sie hegt keinen Groll, sie kann ein Stück weit die Skepsis der Kirche gegenüber nachvollziehen. Immerhin war diese Skepsis 40 Jahre lang gewachsen und staatlich gefördert worden.

Auch nach dem einschneidenden Erlebnis mit den Mönchen sollte es Vorbehalte und Grenzen geben. Eltern, Schüler, Lehrer wollten wohl etwas über das Christentum erfahren, aber nicht missioniert werden. Selbst die Christenlehre-Kinder übten Zurückhaltung. »Frau Demke, heute war es nicht so gut. Sie haben einmal zu viel Gott gesagt« – an Bemerkungen wie diese erinnert sich die ausgebildete Katechetin noch heute. Ohnehin war der Unterricht in der Schule ganz anders als die Christenlehre im Dom. Die von Ingo Baldermann für Kinder aufgearbeiteten Psalme waren vielleicht noch für alle Schüler nachvollziehbar. Da aber in den 1990er-Jahren schon Flüchtlingskinder anderer Religionen in den Schulbänken saßen, war thematisch »schon bald nach Abraham Schluss«, erinnert sich Christine Demke. Die Väter-Geschichten der Bibel konnten auch die Muslime nachvollziehen. Das Neue Testament hingegen fand praktisch nicht statt. Christine Demke empfand das nicht als Einschränkung. Im Gegenteil: »Es hat Wahnsinnsspaß gemacht, auszuprobieren, was geht und was nicht.« Mit Puppenspielen, dem Schreiben eigener Theaterstücke, mit Museumsbesuchen in Berlin oder Musik führte Christine Demke in die Welt der Religion ein.

Das Wirken von Menschen wie Christine Demke war damals in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Die Kirchen hatten durch die Christenlehre ihre eigene Jugendarbeit gut aufgestellt, der Religionsunterricht stand im Zweifel Etabliertes durcheinanderzuwirbeln, Erreichtes zu gefährden. Für Christine Demke war es der Versuch, neugierig zu machen auf biblische Geschichten und auf Kirche. »Ich hoffe, das ist mir gelungen.«

Katja Schmidtke