Ideal und Wirklichkeit
11. Februar 2011 von redaktionguh
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General Fritz, Kommandeur des Feldlagers Mazar-il-Sharif und EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider am 2. Februar 2011 in Mazar-i-Sharif. (Foto: EKD)
Es ist eine bekannte Tatsache: Ideal und Wirklichkeit stimmen selten überein. Das wird jeder bestätigen können, der einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist. Gleiches gilt für das religiöse Dogma und das reale Leben. Wobei das anders geartete Leben nicht zwangsweise gegen die Richtigkeit des Dogmas oder des Ideals spricht.
An dieser Diskrepanz haben sich schon viele gerieben, mancher ist gar daran zerbrochen. In einer ähnlichen Zerreißprobe stehen derzeit auch die Evangelische Kirche in Deutschland und ihr Repräsentant Nikolaus Schneider. Denn wer wollte bestreiten, dass der Satz »Krieg darf um Gottes Willen nicht sein« richtig ist?
Und dennoch zeigen die Geschichte und die Gegenwart, dass es Umstände gibt, die gewaltsame Intervention, also Krieg, rechtfertigen – oder zumindest als das kleinere Übel erscheinen lassen. Und natürlich hatte und hat Margot Käßmann mit ihrem berühmten und viel zitierten Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« recht.
Solange am Hindukusch Menschen sterben, ob »schuldig« oder »unschuldig«, ist nichts wirklich gut.
Doch das Leben ist vielschichtiger. Zwischen gut und nicht gut gibt es eine breite Spanne von besser oder schlechter. Von daher ist die differenzierte Sicht auf die Verhältnisse und Umstände in Afghanistan, die der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider nach seinem Besuch in dem Land vertritt, aufrichtig zu begrüßen. Und sie ist auch kein Verrat an protestantischen Überzeugungen oder gar dem Evangelium. Weiterhin gilt, dass friedliche Mittel zur Konfliktbewältigung den Vorrang haben sollen und müssen.
Dennoch kann ich als evangelischer Christ Hochachtung haben vor den Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens und gemäß ihrer Erkenntnis versuchen, die Umstände in Afghanistan ein wenig besser zu machen. Ob als zivile oder als bewaffnete Aufbauhelfer.
Harald Krille
Auf schwierigem Feld
7. Januar 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Militärpfarrer Wolfram Schmidt begleitete Soldaten in Afghanistan.
Ein Jahr nach der Neujahrspredigt von Margot Käßmann in Dresden wird ihr Satz »Nichts ist gut in Afghanistan« noch zitiert. Dabei war nicht neu, was sie sagte, sondern ein Teil der Friedensethik der evangelischen Kirche. Auch Militärpfarrer Wolfram Schmidt, seit 2000 hauptamtlich in der Kaserne von Bad Salzungen und zurzeit Vertretung in Gotha, kann die Gesamtaussage dieser Predigt unterschreiben. Leider sei sie in der Presse sehr verkürzt und damit missverständlich dargestellt worden.
Wolfram Schmidt war 2009 für vier Monate in Kunduz. Die Soldaten könnten mit der Kritik an ihrem Einsatz in der Regel umgehen, ist sein Eindruck, auch wenn es sie ärgert, dass manche gar nicht wirklich Bescheid wissen. Vor allem wenn Politiker sie beim Einsatz besucht haben und dann ein undifferenziertes Bild zeichnen, haben sie das Gefühl: »Die haben uns gar nicht zugehört.« Pauschalaussagen sorgen für Verärgerung. Von Politikern und Kirchenleuten wünscht sich Wolfram Schmidt, dass sie selbst mit den Soldaten und deren Familien ins Gespräch kommen, damit diese eine Möglichkeit haben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Auch aus diesem Grunde lasse er sich von Kirchengemeinden einladen, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Am 12. Januar wird der Militärpfarrer beim Evangelischen Forum in Gotha zu Gast sein und über friedensethische Fragen und Seelsorgearbeit in der Bundeswehr sprechen. Im vergangenen Jahr waren Soldaten aus der Gothaer Kaserne am Hindukusch.
Natürlich sieht Schmidt auch das Spannungsfeld unter Christen zwischen kompromisslosen Pazifisten und solchen, die auch militärische Mittel in bestimmten Situationen für legitimiert halten. »Ich als Pfarrer muss in der Kaserne deutlich machen, dass diese beiden Seiten vorhanden sind und dass es immer auch andere Antworten auf dieselben Fragen gibt«, sagt der Pfarrer. Die Soldaten wollten mit ihrem Einsatz ja erst einmal etwas Gutes erreichen. Und das sei ganz legitim. Er spreche mit ihnen jedoch darüber, dass es auch andere Konfliktlösungsmöglichkeiten gibt.
Das größte Problem für die Soldaten sei, dass sich die Situation ständig verändert. Die Bedrohung wird größer, die Gefechtssituationen häufen sich. Töten und selbst töten – da müsse man aufpassen, dass es nicht zur Verrohung kommt. »Wenn ein Kamerad stirbt, stellt sich die Sinnfrage: ›Was machen wir hier? Was schaffen wir eigentlich?‹ Sie werden von Aufständischen angegriffen, die aussehen wie einfache Bauern.« Vom zivilen Aufbau bekommen sie wenig mit. Das sei auch nicht ihre Aufgabe. Trotzdem kämen die Soldatinnen und Soldaten, die ständig unterwegs sind, mit Dorfältesten ins Gespräch, sehen, was fehlt: Hefte und Stifte in Schulen zum Beispiel, ein Brunnen … Das führe zu kleinen privaten Sammlungen und Hilfen, so Schmidt. »Aber die Soldaten sind sich bewusst, dass die militärische Präsenz ihr Kernauftrag ist, den sie gut leisten wollen. Die Bundeswehr ist kein ziviler Aufbauhelfer.«
Ein anders Problem ist die Familie zu Hause. Jeder Soldat fragt sich, was er seinen Angehörigen und Kindern zumuten kann und will. Die evangelische Kirche habe, so Wolfram Schmidt, das Problem erkannt und biete Wochenenden der Begegnung und Beratung für Familienangehörige an. Noch schwieriger sei es natürlich bei einem Todesfall. Die Erfahrung, das Kind im Kampfeinsatz verloren zu haben, sei schwierig zu teilen, sagt der Seelsorger. Das Netz verwaister Eltern reiche nicht aus. Inzwischen haben zwei jungen Frauen, die ihre Männer in Afghanistan verloren haben, ein Netzwerk für Hinterbliebene von Bundeswehrsoldaten gegründet, und die Bundeswehr hat eine Sonderbeauftragtenstelle geschaffen.
Dietlind Steinhöfel
Friede statt Sicherheit
26. August 2010 von redaktionguh
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»Christus ist unser Friede«, heißt es in der Bibel. Doch wo bleibt heute die Deutlichkeit des kirchlichen Friedenszeugnisses?
»Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.« (Dietrich Bonhoeffer, 1934) Dieses uneingeschränkte »Wort vom Frieden« als die klare Botschaft der Kirchen steht noch immer aus.
Weltfriedenstag: Die Kirche muss sich wieder stärker friedensethischen Fragen zuwenden.

Foto: epd-bild
Es ist aufgegriffen worden 1985 im konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Verpflichtung zu diesem konziliaren Prozess ist in die Verfassung der mitteldeutschen Kirche (EKM) aufgenommen worden. Und das ist gut so! Aber wie kommt der geschriebene Buchstabe in die lebendige Wirkkraft durch die Kirche? Es ist still geworden um diesen Prozess.
Der »Hausener Friedenskreis«, der Friedensgruppen innerhalb und außerhalb der EKM sammelt, ist mehr eine Ausnahme. Auch gibt es einzelne, mutige Stimmen. Aber wir brauchen mehr von ihnen. Wir brauchen den Geist von Wittenberg, in dem das Schwert zum Pflug geschmiedet wurde – in aller Öffentlichkeit. Es steht viel geschrieben zum gerechten Frieden. Es gibt umfassendes Argumentationsmaterial, dass Krieg die ultima ratio ist, um die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Aber es gibt keine ultima ratio, es wird immer eine ultima irratio sein. Friede wird nicht durch Sicherheit erlangt. »Denn Friede muss gewagt werden. (…) Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott, sie werden auch da noch gewonnen, wo der Weg zum Kreuz führt.« (D. Bonhoeffer)
Der als Symbol in die Friedensarbeit der Kirche eingegangene Text Micha 4 erzählt davon: Erst Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, dann wird Sicherheit unter dem Feigenbaum sein. Was bringt uns als Kirche dazu, militärpolitischen Verlautbarungen mehr zu trauen als der biblischen Friedensvision? Woran soll Kirche erkannt werden, wenn nicht daran, dass sie diese Verheißungen immer wieder neu zu leben versucht? Wir sind vor 20 Jahren Zeugen geworden, dass gerade diese Verheißung politische Dimension angenommen hat und zu gesellschaftlicher Veränderung führte. Was sich einmal ereignete, kann sich immer wiederholen, auch in Afghanistan.
Infolge der biblischen Verheißung, die ja auch das Verlernen des Kriegshandwerkes einschließt, kann evangelische Friedensethik heute nur Bonhoeffer folgen: im Namen Christi jedem Sohn und jeder Tochter die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei ist sekundär, ob die Waffen innerhalb einer Berufsarmee oder im Rahmen der Wehrpflicht ausgegeben werden. Friede kann nur durch Friede und Entfeindung vorbereitet werden, niemals um vermeintliche Sicherheiten zu verteidigen. Demzufolge wird Kirche nicht noch einmal Soldaten segnen. Es steht nicht geschrieben: Wenn es dein Land fordert, dann töte und lass’ dich töten. Es steht nur geschrieben: Du sollst nicht töten. Weniger ist mehr, ist alles.
Der größte Einbruch in die friedensethische Position unserer Kirche war die Übernahme des Militärseelsorgevertrages, der Pfarrer zu Militärbeamten macht, die junge Menschen betend in den Krieg begleiten, statt sie zur Umkehr zum Leben, in das Haus ihrer Familie und aus den Stiefeln in die Sandalen zu ermutigen. Ich halte eben dies für den biblisch begründeten Auftrag eines Seelsorgers an Soldaten. »Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.« (Jes 9)
»Als feindliche Schüsse dröhnten, erhielt ich den Befehl, die Abschüsse zu orten. Auf die Kompassangabe hin schlugen wir zu. Doch wir trafen keine Aufständischen, sondern ein kleines Dorf. Es wurde ausgelöscht.« Afghanistan 2008.
Am 21. November 2009 hat die EKM-Synode einen Beschluss gefasst, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, »die deutschen Truppen so bald wie möglich aus Afghanistan zurückzuziehen«. Das ist weit weniger als die meisten Politiker und Experten schon längst fordern. Wo ist die Deutlichkeit des Friedensauftrages in unserer Kirche geblieben, wenn die Formulierung »noch in dieser Legislaturperiode« aus besagtem Beschluss herausgenommen werden musste? Wovor haben wir Angst?
»Christus ist unser Friede.« Wer seinen Bruder, welcher Nation, Religion auch immer, mit der Waffe bedroht, bedroht Christus. Wer ihn tötet – auch aus »Versehen« oder im »falschen Krieg« –, tötet Christus. Er spricht zu uns: »Selig sind die Friedensstifter.« Das eine Wort, unter dem sich die Welt verändern wird, das sie aufmerken und umkehren lässt, dieses Wort steht immer noch aus. Wir werden als Kirche gut daran tun, uns an dieses Wort »Friede statt Sicherheit« heranzuwagen.
Elfriede Begrich
Die Autorin war Pröpstin in Erfurt.
Hinterhältig
13. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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© isafmedia
Ob der feige Anschlag von Kriminellen oder Taliban verübt worden ist, spielt dabei letztlich keine Rolle. Schon jetzt nimmt die Grausamkeit gegen zivile Helfer zu, weil die Islamisten überzeugt sind, auf diese Weise den Abzug aller »Ungläubigen« zu erzwingen. Zudem ist nicht erst seit dem hinterhältigen Mord an dem Ärzteteam bekannt, dass Christen in Afghanistan gefährlich leben. Da hilft es auch nichts, dass die ermordeten Helfer allenfalls Bibeln zum privaten Gebrauch dabei hatten, aber keineswegs auf Missionstour waren. Durch solche Morde wächst die Verunsicherung weiter. Genau das dürfte das Ziel der Taliban sein.
Hierzulande wird die Diskussion dadurch nicht leichter. Schon jetzt mehren sich die Stimmen derer, die einen raschen Abzug der Soldaten fordern. Zuletzt hat sich der sächsische Landesbischof Jochen Bohl in dieser Richtung geäußert und eine notwendige Verständigung über die Ziele angemahnt. Doch einfache Antworten gibt es in diesem Konflikt nicht.
Kann es uns egal sein, wenn das Land erneut im Chaos versinkt?
Sollen die afghanischen Frauen und Mädchen ihrem Schicksal überlassen bleiben?
Ein überstürzter Abzug hilft allenfalls den Taliban, nicht aber den Opfern des Terrors. Und gut wird es in Afghanistan damit auch nicht.
Martin Hanusch
Provokant
28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Yan Boechat, sxc.hu
Hannovers Bischöfin Margot Käßmann geht es derzeit ein bisschen so wie Goethes Zauberlehrling. Mit ihrer Neujahrspredigt und einigen Interviews hatte die EKD-Ratsvorsitzende eine höchst notwendige und dringend erforderliche Debatte um die Fortsetzung und künftige Gestaltung des deutschen Engagements in Afghanistan ausgelöst. Und ihr Diktum »Nichts ist gut in Afghanistan« hat schon Ende Januar gute Chancen, zu einem der Zitate des Jahres zu werden.
Sicher: Margot Käßmann äußert sich gern plakativ. Ihr ganzes Berufsleben lang hat sich die Theologin mit offenen Worten nicht zurückgehalten, auch wenn das für ihr Gegenüber zuweilen unangenehm war. Zuletzt riskierte sie einen Konflikt mit der katholischen Kirche, als sie auf die Frage, was sie ökumenisch von Papst Benedikt XVI. erwarten könne, schlicht mit »nichts« antwortete. So richtig diese Antwort ist – so sehr stößt sie die Katholiken vor den Kopf. Möglich, dass das der Sprengstoff ist, der den Ökumenischen Kirchentag im Mai vorantreibt: Mit ihrer forschen Art hatte Margot Käßmann bislang Erfolg. Als Frau und Mutter boxte sie sich in der Männergesellschaft Kirche durch. Auch deswegen ist sie so ungeheuer populär.
Doch es gehört zum Charakter einer plakativen Äußerung, dass ihr manchmal die Präzision fehlt. Am 25. Januar veröffentlichte die EKD ein Grundsatzpapier zu Afghanistan. Es ist deutlich ausgewogener als die Neujahrspredigt: Gefordert wird darin ein Vorrang des zivilen Aufbaus. Gespräche mit gemäßigten Taliban werden angemahnt. Doch auch die Rolle der ISAF-Schutztruppe wird anerkannt. Und es gibt den Vorschlag, die zivilen Friedenskräfte ebenfalls mit einem Bundestagsmandat zu versehen. Zurückgerudert sind die Protestanten damit nicht. Im Gegenteil: Sie erläutern ihre Position noch einmal so, dass es der Politik erleichtert wird, im Umfeld der internationalen Afghanistankonferenz darauf einzugehen. Denn eine provokante Position alleine reicht für die Lösung des Konfliktes nicht aus.
Benjamin Lassiwe
Eine schlecht verheilte Wunde
21. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Interview: Bischöfin Ilse Junkermann über Missverständnisse in der Versöhnungsdebatte und einladende Gottesdienste
Ihre Äußerungen zur Versöhnung mit DDR-Tätern und zu Gottesdiensten mit geringen Teilnehmerzahlen haben Widerspruch provoziert. Dietlind Steinhöfel sprach mit Ilse Junkermann.

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann (Foto: Heiko Kleinschmidt)
Frau Landesbischöfin, Ihr Aufruf zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des DDR-Regimes hat hohe Wellen geschlagen. Hatten Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?
Junkermann: Dass es Reaktionen gibt, darauf habe ich gehofft. Ich habe nicht damit gerechnet, so missverstanden zu werden, als ob ich sage: Versöhnung hieße, Schwamm drüber. Das bedauere ich außerordentlich. Denn mir steht klar vor Augen, dass gerade die Opfer noch weniger vergessen können, weil sie unter den Folgen bis heute leiden. Aber man kann nicht pauschal sagen: So geht es den Opfern und so den Tätern oder so sind die Opfer und so die Täter.
Mein Anliegen ist ein seelsorgerliches, zu schauen, wie es den konkreten einzelnen Menschen geht: die bespitzelt wurden, die im Gefängnis waren oder die in ganz unterschiedlicher Weise Täter waren.
Sie fassen gleich zum Anfang Ihrer Amtszeit ein so heißes Eisen an?
Junkermann: Versöhnung ist immer ein heißes Eisen, weil Menschen verletzt und Menschen schuldig geworden sind. Ich habe gemerkt, dass dieses Thema unter der Oberfläche schwelt. Es ist wie bei einer schlecht verheilten Wunde.
Ein Leser schrieb: »Wir sind schon weiter, als Frau Junkermann meint.« Sehen Sie das anders?
Junkermann: Ich dachte auch, dass alle schon weiter sind. Und dass ich deshalb nicht groß erläutern muss, was Versöhnung ist und wie Versöhnung geht. Ich habe mich sehr über diesen Leserbrief gefreut. Er zeigt, dass es einen Weg gibt und Versöhnung nicht unmöglich ist. Und dass dieser Weg schon gegangen wird. Das finde ich ermutigend.
Ich bin erschrocken, wie präsent die Verletzungen sind und wie offen die Frage ist, wohin damit. Ich sehe meine Aufgabe darin zu sagen: Wir sind als Christen so frei, Dinge anzusprechen, die weh tun. Wir haben von Gott den Auftrag, zur Versöhnung einzuladen. Dabei habe ich kein fertiges Konzept. Ich spreche in diesen Wochen Menschen an, die mir geschrieben haben – zustimmend wie ablehnend. Ich möchte sie einladen, bei einem Treffen gemeinsam zu überlegen: Wie können wir als Kirche solche Gesprächsräume eröffnen?
Das zweite Thema, das die Menschen unserer Landeskirche beschäftigt: Gottesdienst erst ab zehn Besuchern zu feiern. Muss man nicht unterscheiden zwischen Land und Stadt?
Junkermann: Ja, man muss immer unterscheiden. Deswegen habe ich es auch als Frage gestellt: zu überlegen, ob auf Dauer Gottesdienste mit weniger als zehn Menschen noch feierliche und festliche Gottesdienste sind. Und vor allem, ob sie einladend sind, ausdrücklich auch für Menschen, die bisher nicht kommen oder selten. Die treue Arbeit gerade in kleinen Gemeinden hat meinen uneingeschränkten Respekt.
Gleichzeitig möchte ich fragen, ob wir ab und zu über diese Realität hinauswachsen können. Ich möchte, dass wir darüber reden, auch wenn es schwerfällt. So werden wir offen für Ideen, die wir vielleicht noch nicht ausprobiert haben.
Die Gemeinde-Agende des Kirchenkreises Egeln hat den Publikumspreis beim EKD-Zukunftskongress bekommen, weil sie genau darauf reagiert: Wie können wir anders Gottesdienst feiern und wieder mehr Menschen gewinnen? Ich wünsche mir, dass Menschen sich sonntags austauschen: Wie sieht unser Gottesdienst im Alltag aus? Wie kann in unserem Dorf deutlich werden, dass wir einen Auftrag in der Welt haben? Wer braucht unsere Hilfe? Aber bei aller Diskussion gilt: Die Menschen, die sonntags kommen – und seien es nur vier –, sollen wirklich Trost und Zuspruch finden. Also Kirchen schließen, Menschen nach Hause schicken – das halte ich für ausgeschlossen.
Ist Regionalisierung eine Lösung?
Junkermann: Zu großen regionalen Gottesdiensten zu einem Thema, für Jugendliche oder für eine andere Zielgruppe einzuladen, ist wichtig. Aber es ist ebenso wichtig zu fragen, was Menschen an Heimat suchen und womit sie sich identifizieren. Nicht zuletzt zählen da auch die vielen mit viel Einsatz der Gemeindeglieder wunderbar hergerichteten Kirchenräume. Man muss jeweils vor Ort entscheiden, was geht, weil die Mentalität in den Regionen sehr unterschiedlich ist.
Eine letzte Frage: Wie stehen Sie zur Äußerung der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmnn zu Afghanistan?
Junkermann: Bischöfin Margot Käßmann hat den umstrittenen Satz »In Afghanistan ist nichts gut« in einer Predigt gesagt. Er muss im Zusammenhang der ganzen Predigt verstanden werden. Es geht um die Frage: Gerät der zivile Aufbau, der ja angestrebt wird, in Vergessenheit? Das ist auch, was die Bürger bewegt. Ich teile die Ansicht, dass Friedensarbeit wichtiger sein muss als militärisches Engagement.
Wir haben als Kirche den Auftrag, daran zu erinnern, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir auch bei denen sind, die unter Einsatz ihres Lebens nach Afghanistan gehen, demokratisch beaufragt. Unsere Landessynode hat im November einen Klartext beschlossen: Truppenabzug sobald als möglich, Stärkung der Friedenshilfe, sodass sie Vorrang vor Militärischem hat, und die Diskussion darüber, damit Entscheidungen immer wieder überprüft werden. Das hat Bischöfin Käßmann angeregt, ganz wie es zu ihrem Auftrag gehört.
Kriegslogik?
15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Dr. Margot Käßmann, Vorsitzende des Rates der EKD (Foto Monika Lawrenz/ LVH)
Eigentlich könnte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zufrieden sein. So viel Aufmerksamkeit wie nach der Kritik der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist ihr lange nicht zuteil geworden. Endlich wird über den Krieg am Hindukusch und friedensethische Fragen intensiv diskutiert. Nach den ersten massiven Reaktionen auf die Bedenken der Bischöfin hat sich die Aufregung inzwischen wieder etwas gelegt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die EKD-Ratsvorsitzende haben sich zu einem klärenden Gespräch getroffen. Soweit scheint es ein völlig normaler Vorgang.
Nicht normal sind dagegen die Unterstellungen, die Ratsvorsitzende könne nicht für die gesamte evangelische Kirche sprechen, übe »populistische Fundamentalkritik« und falle noch dazu mit ihren Äußerungen den Soldaten in den Rücken. Hier gibt es offensichtlich einigen Klärungsbedarf, was Aufgabe der Kirche ist. Die Rechtfertigung eines Krieges kann es jedenfalls nicht sein. Natürlich hat eine EKD-Ratsvorsitzende das Recht und die Pflicht, sich zu einem Bundeswehreinsatz zu äußern, der viel zu lange verharmlost worden ist.
Die Politik hat sich zuletzt um eine Diskussion über Ziele und Länge des Engagements in Afghanistan gedrückt – wohl auch aus Sorge vor der öffentlichen Meinung. Nun wagt es endlich jemand, offen zu sagen, dass die Logik des Krieges durchbrochen werden muss. Vermutlich sind die Reaktionen deshalb so heftig ausgefallen. Zudem herrscht bei manchen Politikern augenscheinlich das fatale Missverständnis vor, die Kirchen seien allein für die inneren Werte zuständig.
Doch der christliche Glaube hat auch ganz praktische Konsequenzen. Vor wenigen Wochen erst ist die mutige Rolle der Kirchen in der DDR gefeiert worden. Damals haben sich die Protestanten deutlich positioniert – auch politisch. Was früher richtig war, kann jedoch nicht plötzlich falsch sein, nur weil es der eigenen Position widerspricht.
Martin Hanusch







