Bescheidenheit statt Triumphgeschrei

19. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

In der Bibel ist beschrieben, was es bedeutet, auserwählt zu sein. Das Volk Gottes Israel, die Juden also, sind ein auserwähltes Volk. Der Herrgott hat sich für sie entschieden, sie zu begleiten, zu beschützen und zu prüfen. Das Alte Testament lehrt uns, was das bedeutet. Aus der Nähe zu Gott folgt der Anspruch an ein Leben in Ungebundenheit an die Dinge der Welt, die Hoffnung auf Gottes Hilfe, aber auch die Feindschaft dieser Welt, die Andersartigkeit nicht auszuhalten vermag.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Es scheint, dass das Auserwähltsein den Juden nichts als Leiden bringt. Alle Anfechtungen und Grausamkeiten vermochten aber nicht das Verhältnis zwischen Juden und Gott zu trennen. Auserwählt sein bedeutet geprüft zu werden.

Auch wir Christen sind auserwählt. Gottes Sohn, der Jude Jesus, entscheidet sich in der Taufe für uns. Damit gehören wir zu ihm, und damit gilt all das, was dem jüdischen Volk gilt, prinzipiell auch uns. Freilich scheint in der christlichen Geschichte solches Auserwähltsein damit verbunden zu sein, dass wir Christen den Anspruch erheben, triumphieren zu dürfen, viel gelten zu wollen in dieser Welt und irgendwie an der Macht Gottes beteiligt zu sein.

Die Realität spricht dagegen. Wir erleben es auch in diesem Jahr des Reformationsjubiläums. Da richten sich viele Blicke auf uns und unsere Kirchen. Wir wollen gute Figur machen und gehört werden.Auch wir evangelisch-lutherischen Christen Mitteldeutschlands sind auserwählt, weil Gott sich für uns entschied, auserwählt aber zu Bescheidenheit, zum Bekenntnis der Wahrheiten der Bibel, zum Durchhalten und zum Hoffen. Die Bibel lehrt uns, welche Prüfung es bedeuten kann, Gottes Volk zu sein. Unsere Prüfungen als evangelische Christen sind da sehr leicht. Wir müssen hier und heute bescheiden sein, wertschätzen, was wir an unserem Glauben haben und dankbar bleiben.

Immer, wenn uns das gelingt, wird uns die Welt beachten und ernst nehmen. Im Konzert der »Triumphierer« dagegen fallen wir sowieso nicht auf.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von redaktionguh  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

An authentischen Orten

11. März 2015 von redaktionguh  
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Thüringer Bachwochen bieten in drei Wochen 50 Konzerte

Zu den Thüringer Bachwochen werden vom 27. März bis 19. April wieder Gäste aus aller Welt erwartet. Die Anziehungskraft des Festivals liegt darin begründet, in drei Festivalwochen 50 Konzerte an historischen Lebens- und Wirkungsorten Johann Sebastian Bachs erleben zu können. Eröffnet wird es nach der traditionellen »Langen Nacht der Hausmusik« am 28. März mit der Matthäuspassion in Arnstadts Bachkirche. Unter der Leitung von Christoph Prégardien sind mit dem »Balthasar-Neumann-Chor« und »Le Concert Lorrain« zwei Ausnahme-Ensembles erstmals im Freistaat zu Gast. Weitere Spitzensolisten, die das Programm prägen, sind die Geigerin Carolin Widmann, der Bariton Michael Nagy, die »Holland Baroque Society«, der New Yorker Pianist Jeremy Denk, das »Danish String Quartet« oder der »Seoul Motet Choir« sowie zum Abschluss der britische Star-Geiger Nigel Kennedy. Darüber hinaus werden die Bachwochen auch abseits der Festivalzeit ihre Tätigkeit erweitern: Im August laden sie zur zweiten »Weimarer Bachkantaten-Akademie« mit Helmuth Rilling ein, im Oktober begleitet eine Orgelwoche den internationalen »Bach-Liszt-Orgelwettbewerb«.

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Ein Kaleidoskop aus Bachköpfen als Plakatmotiv symbolisiert die Vielfalt der Bach-Sichten und -Deutungen, die das Programm bestimmen. Neben eigenen Werken des großen Barock-Meisters sollen erneut auch Komponisten und Interpreten ein Podium erhalten, die durch Bach geprägt wurden und seine Musik direkt oder indirekt verarbeitet haben.

Die Kernaufgabe des Festivals – die Präsentation der Werke Bachs an historischen Orten – wird auf zwei Wegen erfüllt. In herausragenden Konzerten gastieren international renommierte Künstler an bis heute erhaltenen Spielstätten. Daneben gibt es erstmals die Reihe »Bachland Thüringen«, in deren Rahmen regionale Interpreten wie die »Thüringen Philharmonie Gotha«, das »Ensemble Hofmusik« (Weimar) oder der Bachchor Eisenach vorgestellt werden. Diese beiden Säulen stehen symptomatisch für das Festival, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den Konzerten internationaler Stars auch die lebendige Bachszene in Eisenach, Arnstadt, Weimar oder Erfurt zu fördern.

Ein internationales Gipfeltreffen wird die Aufführung der Johannes­passion am Karfreitag darstellen: Studenten der beiden europäischen Elite-Musikhochschulen Mozarteum Salzburg und Royal College of Music London finden sich in Weimar zusammen, um gemeinsam mit dem italienischen Alte-Musik-Spezialisten Vittorio Ghielmi zu arbeiten. Diesem sicher von jugendlichem Spieleifer geprägten Konzert steht am gleichen Tage eine Matthäuspassion in Meiningen gegenüber, die von den Ensembles des MDR aufgeführt wird. Hier erklingt die selten zu hörende Bearbeitung durch Felix Mendelssohn Bartholdy, der das Werk 1829 erstmals nach Bachs Tod wieder aufgeführt und für den Geschmack seiner Zeit (und die Möglichkeiten seiner Ensembles) arrangiert hatte.

(mkz)

www.thueringer-bachwochen.de

Der Brückenbauer

3. März 2015 von redaktionguh  
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Arnstädter Jörg Kaps erhielt hohe jüdische Auszeichnung

Die Wintersonne strahlt am Firmament, die Temperaturen sind eisig. Der Arnstädter Jörg Kaps läuft nachdenklich zwischen den Grab- und Gedenksteinen auf einem durch eine Ziegelmauer abgetrennten Areal des städtischen Friedhofs. »Ein ganz besonderer Ort«, erläutert der Stadtjugendpfleger. »Hier ruhen viele Arnstädter Bürger. Jüdische Mitbürger.«

Der Arnstädter Stadtjugendpfleger Jörg Kaps hält die Erinnerung an Arnstädter Juden aufrecht. Foto: Andreas Abendroth

Der Arnstädter Stadtjugendpfleger Jörg Kaps hält die Erinnerung an Arnstädter Juden aufrecht. Foto: Andreas Abendroth

Im Arm hält er einen Aktenordner voller Fotos, sortiert nach Familiennamen. So erhalten die in Stein gemeißelten Namen auf den Gräbern ein Gesicht, eine Identität. Jörg Kaps zeigt mir Familienfotos: glückliche Menschen in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld, mit Kindern spielend. Etwas ganz Besonderes ist ein Gruppenbild, auf dem die damals in Arnstadt lebenden Familien festgehalten wurden. Es wurde 1927 zum jüdischen Purimball – einem Fest, bei dem man sich verkleidet – aufgenommen. Doch die Ernüchterung folgt wenige Ordnerseiten später: Fotos von Deportationslisten und Todesbescheinigungen. Mit den Namen, die ich auf dem Friedhof lese. Von den Menschen, deren Porträts ich gerade gesehen habe. Mit Ortsbezeichnungen wie Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald. »Von den 121 jüdischen Einwohnern von Arnstadt im Jahre 1933 haben nur 12 Personen die Konzentrations- oder Vernichtungslager überlebt«, sagt Jörg Kaps. Seit Anfang 2007 recherchiert er ehrenamtlich in Archiven – weltweit. »Begonnen habe ich mit vier A 4-Blättern. Heute füllen die Unterlagen 14 Ordner.«

Jörg Kaps geht es nicht allein um die Geschichtsaufarbeitung und die Dokumentation. Es arbeitet gegen das Vergessen und um Das-unter-den-Teppich-Kehren der Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich. »Aufklärung in der heutigen Zeit bedeutet, Zeichen zu setzen, die Öffentlichkeit zu suchen.« So war der Sozialarbeiter maßgeblich an der Verlegung der goldglänzenden Stolpersteine im Stadtbereich beteiligt. »Bis jetzt konnten wir 127 Steine ins Altstadtpflaster einbetten. Weitere werden noch folgen.« Darüber hinaus ist er seit fünf Jahren in Schulen unterwegs. »In Projektwochen wird es Vorträge zu dieser Thematik geben und gemeinsam mit Gymnasiasten wird der jüdische Friedhof in Plaue gepflegt«, sagt er.

Weiter befasst er sich mit genealogischen Recherchen, die immer umfangreicher wurden. »Viele der jüdischen Familien waren sehr erstaunt, als ich sie kontaktierte.« Das Ergebnis: enge Verbindungen rund um den Erdball. »Heute halte ich Kontakte zu 17 Familien, die mit Arnstadt in Verbindung gebracht werden können. Die Nachfahren leben in den USA, in Argentinien, Chile, Uruguay, England und Israel. Es ist wie die Zusammenführung einer großen Familie. Getrennte Familienzweige und alte Freundschaften konnten wiederbelebt werden«, berichtet Jörg Kaps mit leuchtenden Augen.

Ein anderes Ergebnis seiner jahrelangen Geschichtsforschung: Jörg Kaps wurde in diesem Jahr mit dem »Arthur Obermayer German Jewish History Award« geehrt, einer Auszeichnung der USA für deutsche Bürger, die sich dafür einsetzen, jüdische Geschichte und Kultur zu erhalten und das deutsch-jüdische Zusammenleben der Vergangenheit in Erinnerung zu halten und für die Zukunft wiederherzustellen. »Ich habe es zunächst nicht geglaubt, als ich von der Nominierung erfuhr. 15 ehemalige Arnstädter Familien hatten mich vorgeschlagen.«

Die Auszeichnung ist für Jörg Kaps zugleich Ansporn. Noch 50 Stolpersteine sollen verlegt werden. Zudem will er ein Buch und eine Ausstellung zusammenstellen und ein Treffen der Nachfahren in Arnstadt organisieren.

Andreas Abendroth

Mit neuem Glockenaccord

20. Januar 2015 von redaktionguh  
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Festjahr für Orgelbauer Johann Stephan Schmaltz in Wandersleben und Kornhochheim

Aus Anlass des 300. Geburtstages von Johann Stephan Schmaltz organisieren die Kirchengemeinden Wandersleben und Kornhochheim (Kirchenkreis Gotha) ein Festjahr. Dazu gehört die Veröffentlichung einer 50-seitigen Publikation, die erstmals umfassend auf das Leben und Werk des Orgelbauers eingeht. Sie wird am 21. Januar im Pfarrhof Wandersleben von ihrem Autor, Pfarrer Bernd Kramer, vorgestellt. Seine Forschungen konnten das bisherige Werkverzeichnis des Orgelbauers erheblich vergrößern.

Die wahrscheinlich einzige und ohne größere Umbauten erhaltene Orgel von Schmaltz befindet sich in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche. Anfang der 1990er Jahre restauriert, soll sie im Jubiläumsjahr wieder den einstmals vorhandenen »Glockenaccord« erhalten. Dafür startet die Kirchengemeinde Kornhochheim eine Spendenaktion und veranstaltet Benefizkonzerte.

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Johann Stephan Schmaltz wurde am 23. September 1715 in Wandersleben geboren. Seine Lehre absolvierte er bei dem Gothaer Orgelbauer Johann Christoph Thielemann, dessen Werkstatt von 1737 bis 1739 die Orgel in der Kirche zu Wölfis schuf. Dabei wird in der Kirchrechnung aufgeführt: »Dem Orgelmacher Gesell Schmaltz zum Trinkgeld, da die neue Orgel fertig den 14.8.1739: 2 Taler, 6 Groschen.«

Es ist die älteste bekannte Erwähnung seines Schaffens im Orgelmacherhandwerk. Wenig später muss er sich selbstständig gemacht haben, denn schon 1740 baute er in Hochdorf, 1741 in Blankenhain und 1742 in Krakendorf in eigener Verantwortung Instrumente. Im Folgejahr übernahm Schmaltz den Umbau der Sülzenbrückener Orgel und 1745 errichtete er in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche ein neues Orgelwerk mit neun Registern.

Im ersten Jahrzehnt seines Schaffens hatte Johann Stephan Schmaltz seine Werkstatt in seinem Geburtsort und unterschrieb in dieser Zeit die Verträge mit dem Hinweis »Orgelmacher von Wandersleben«.

Im Jahr 1751 erwarb er das Bürgerrecht von Arnstadt und erhielt nachfolgend den Titel »Fürstlich Schwarzburgischer Privilegierter Orgelmacher«. In den Rechtszettelbüchern der Stadt Arnstadt findet sich ein Hinweis auf seinen Wohnsitz im Riedviertel im »Haus unter dem Berge«.

Er war dreimal verheiratet. Sein Sohn aus zweiter Ehe Johann Wilhelm Gottlob Schmaltz und sein Stiefsohn Ludwig Wilhelm Hähner erlernten bei ihm das Handwerk des Orgelmachers. Hähner führte die Orgelbautradition in Arnstadt bis ins beginnende 19. Jahrhundert fort.

Das Wirken von J. S. Schmaltz im mittelthüringischen Raum hat die Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts sehr bereichert. Er starb am 28. April 1784 mit dem Titel Hoforgelmacher in Arnstadt. Ihm zu Ehren wird am 27. September am Wanderslebener Pfarrhaus eine Gedenktafel angebracht.

(BK/mkz)

21. Januar, 20 Uhr, Pfarrhof Wandersleben: Vortrag und Präsentation der Festschrift; 8. Mai, Kirche Kornhochheim: Benefizkonzert des Neudietendorfer Gesangvereins; 5. Juli, 16 Uhr, Kirche Kornhochheim: Orgelfest und Konzert im Rahmen des Thüringer Orgelsommers

Bestellungen der Festschrift (5 Euro plus Versandkosten): Evangelisches Pfarramt, Kirchgasse 4, 99192 Apfelstädt, Telefon (03 62 02) 9 05 95, E-Mail <ev.pfarramt.apfelstaedt@gmx.de>

Mit Herz und Teamgeist

16. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Petra Hegt managt die Evangelische Stadtmission Erfurt

Alle Jahre wieder am Nikolaustag öffnet in der Erfurter Allerheiligenstraße das »Restaurant des Herzens«. Es hält für Menschen bis Mitte Januar täglich kostenlos ein warmes Mittagessen, Kaffee und Kuchen bereit. An den Wochenenden wird den Gästen – Bedürftigen und Einsamen – zudem Kulturelles geboten. Dass die umfangreiche Arbeit der Evangelischen Stadtmission Erfurt, die in der Advents- und Weihnachtszeit das »Restaurant des Herzens« betreibt, auf festem Grund steht, ist auch Geschäftsführerin Petra Hegt zu verdanken. Sie übernahm vor zehn Jahren die Verantwortung. 2004 habe der Kirchenkreis einen Mitgesellschafter für die Stadtmission gesucht, sagt die zierliche Frau. Denn das Sozialunternehmen sei permanent von Insolvenz bedroht gewesen.

Die diakonische Einrichtung Marienstift Arnstadt konnte gewonnen werden. Und Petra Hegt, die beim Marienstift als Kaufmännischer Vorstand tätig ist, wurde nun auch die Geschäftsführung in Erfurt übertragen. Einen Tag pro Woche ist sie in ihrem schlichten Büro in der Allerheiligenstraße. Seit Kurzem hat sie einen neuen Mann vor Ort, der sie als zweiter Geschäftsführer unterstützt: Christoph Knoll, Pfarrer an der Thomasgemeinde. Im Herbst war sein Vorgänger Andreas Lindner in den Ruhestand verabschiedet worden.

Die erste Zeit sei nicht leicht gewesen, bekennt die 53-Jährige. Doch die Kolleginnen und Kollegen hätten alle an einem Strang gezogen. »Das hat uns in kurzer Zeit zusammengeschweißt«, sagt sie. Die Netzwerkerin versteht es, Sponsoren anzusprechen, Menschen zu sensibilisieren, weil sie selbst mit ihrer Person hinter der sozialen Arbeit steht. 200 000 Euro Bargeldspenden brauchen sie jedes Jahr, um schwarze Zahlen zu schreiben. Da ist ihr Talent für Netzwerkarbeit und ihre offene und gewinnende Ausstrahlung ein großes Plus. »Wir wollen die Arbeit mit Herz machen, denn es geht ja um Menschen. Da können wir nicht technokratisch und bürokratisch handeln«, betont sie. Die Evangelische Stadtmission betreibt unter anderem das Obdachlosenheim »Haus Zuflucht«, das »Café des Herzens«, ein Suchthilfezentrum, das Frauenhaus, offene Sozialarbeit und anderes. Dass diese wichtige Arbeit weitergehen kann, dafür setzt Petra Hegt gern Kraft, Zeit und Talent ein.

Petra Hegt. Foto: Dietlind Steinhöfel

Petra Hegt. Foto: Dietlind Steinhöfel

Als »Managerin mit Herz« wurde sie deshalb im Herbst mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Doch sie winkt ab. Natürlich habe sie sich gefreut, aber sie sei ja nicht allein. »Ich habe kluge und engagierte Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit vorbildlich leisten.« Rund 60 Festangestellte und zahlreiche Ehrenamtliche stehen ihr zur Seite. Die Arbeit mache viel Freude, sagt Mitarbeiterin Doris Winkler, die für die Spendenerfassung zuständig ist. »Bei so einer tollen Chefin!«

Das Team ist Petra Hegt wichtig – ebenso wie die Vertragspartner: die Stadt Erfurt, der Freistaat, Vereine, Organisationen, auch Einzelpersonen spenden regelmäßig. Sie lobt das soziale Engagement der Thüringer Landeshauptstadt, in der die Unterstützung überparteilich funktioniert. Dass die Bankkauffrau und studierte Ökonomin strukturiert arbeiten muss, versteht sich. Ihre Arbeitswoche hat mindestens 60 Stunden. Wie sie dann neben dem Beruf auch noch in Aufsichtsräten, im Gemeindekirchenrat und der Kreissynode tätig sein kann, scheint ein Rätsel. Die Arbeit mache ihr Spaß. Das ist wohl das Geheimnis. »Meine Kraft hole ich bei meiner Familie«, sagt Petra Hegt. Dazu gehören ihr Mann, zwei Kinder und ein Enkel. Zudem treibe sie viel Sport, liest auf dem Ergometer Bücher und hört Musik beim Autofahren. Und Kuchen backt sie auch gern.

Priorität habe jedoch bei ihr immer, »wenn einer vor der Tür steht und ein Problem hat«.

Dietlind Steinhöfel

Gemeinsam handeln

16. September 2013 von redaktionguh  
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Bildungsinitiative der Diakonie Mitteldeutschland bietet Fachtage

In diesen Monaten startet die ­Dia­konie Mitteldeutschland mit vier Fachtagen eine Bildungsinitiative zum Thema Profilbildung durch Personalbildung. »Im ersten Schritt richtet sich die Initiative innerhalb der Evaluierungsphase an die Diakoniebeauftragten und die hauptamtlichen Mitarbeiter in den Kirchengemeinden und natürlich an unsere diakonischen Mitarbeiter, insbesondere die, die ­Leitungsverantwortung tragen«, bescheibt Christoph Victor, Bereichsleiter Theologie in der Diakonie Mitteldeutschland, die Zielgruppe. Im Ergebnis soll »Kirche wieder als Diakonie und Diakonie wieder als Kirche erkennbar sein«.

Kirche und Diakonie miteinander: die Geraer Superintendentin Gabriele Schaller, Christoph Victor (li.), und Peter ­Nietzer, beide Diakonie Mitteldeutschland, während des Fachtages in Gera. Foto: Wolfgang Hesse

Kirche und Diakonie miteinander: die Geraer Superintendentin Gabriele Schaller, Christoph Victor (li.), und Peter ­Nietzer, beide Diakonie Mitteldeutschland, während des Fachtages in Gera. Foto: Wolfgang Hesse

Unter dem Motto »Wissen Warum?« wird an vier Standorten in Mitteldeutschland versucht, die Grundlage für eine Umsetzung zu erarbeiten. Nach Nordhausen im Juni wurde am 3. September eine Fachtagung zu diesem Thema in Gera angeboten. Vertreter von Diakonie und Kirche aus dem Propstsprengel Gera-Weimar waren eingeladen. In einem Impulsreferat stellte Victor das geschwisterliche Verhältnis von Diakonie und Kirche auf den Prüfstand. Als »Erfahrungen eines Grenzgängers« bezeichnet der seit 20 Jahren in der Arbeitsgruppe geistliches Leben tätige Theologe seine Ausführungen. »Warum gibt es so wenig Gemeinsames zwischen Diakonie und Kirche?«, fragte er. Er verwies auf Doppelstrukturen in den Kirchenkreisen und gab Denkanstöße.

Der Koordinator in der Diakonie Mitteldeutschland und der Landeskirche Anhalts, Peter Nietzer, nennt ein lebendiges Beispiel, wie dies in der Praxis aussehen könnte: Das Nikolaistift in Ballenstedt ist ein neu errichtetes Gemeindezentrum. Zwei diakonische Träger betreiben ein Altenpflegeheim und einen Kindergarten. »Veranstaltungen und die Kinderarbeit  werden von Diakonie und Kirchengemeinde Ballenstedt gemeinsam organisiert. Als ein organisches Ganzes ist die Diakonie ein fester Bestandteil der Kirchengemeinde.«

Peter Nietzer ist als Diakoniepfarrer für die Aus- und Weiterbildung diakonischer Mitarbeiter in der anhaltischen Kirche verantwortlich. »Die Menschen, die in der Diakonie arbeiten, müssen wissen, wo sie arbeiten und warum sie dort arbeiten.« An ­einem Beispiel aus Thüringen macht er dies deutlich: Die Mitarbeiter vom Bodelschwingh-Hof Mechterstädt im Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf absolvieren berufsbegleitende Kurse. Unter dem Kernthema »Durch das Kirchenjahr« erfahren sie unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit, worauf es bei ihrer Arbeit in einer diakonischen Einrichtung ankommt. »Das Ergebnis zeigt sich in einem gestiegenen Interesse am eigenen Glaubensleben. Die Hauptziele sind hierbei, eine Identifikation mit dem Unternehmen aufzubauen, Mut zur Offenheit zu fördern und Gesprächsthemen anzubieten, die die kirchliche Verantwortung der Diakonie widerspiegeln.«

In einem von Nietzer selbst entwickelten Kurs werden diakonische Mitarbeiter auf religiöse und ethische Fragen in ihrem Berufsalltag vorbereitet. »Hierbei gilt es, sich mit den Basics des Glaubens und den Anliegen der Diakonie auseinanderzusetzen, um dabei die Diakonie als christliche Existenz und diese christliche Existenz im Beruf zu erkennen. Diakonie ist am Ende auch immer Kirche und das mit den Mitarbeitern, die da sind, ob nun Kirchenmitglied oder nicht.«

In Workshops an den jeweiligen Fachtagen analysieren die Teilnehmer die derzeitige Situation in den einzelnen Kirchenkreisen und loten Defizite und Möglichkeiten aus, um ein engeres und geschwisterlicheres Miteinander von Kirche und Diakonie zu entwickeln.

Wolfgang Hesse

Weitere Fachtage der Bildungsinitiative: 15. Oktober – Propstsprengel Meiningen-Suhl in Arnstadt; 19. November – Propst-sprengel Stendal-Magdeburg in Burg

Jugendliche sind ideale Mitarbeiter

26. März 2013 von redaktionguh  
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Konfirmanden- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau

Das sind doch fromme Utopien!« Christian Rämisch, seit 2009 Kreisjugendpfarrer, kann sich noch gut an diesen Kommentar erinnern, als er vor einigen Jahren im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau für ein Überdenken der Kinder- und Jugendarbeit warb.

Kreisjugendpfarrer Christian Rämisch Foto: Sabine Kuschel

Kreisjugendpfarrer Christian Rämisch Foto: Sabine Kuschel

»Wir müssen die Kinder vor der Konfirmation für den Glauben interessieren und nach der Konfirmation für die Kirche.« Die Konfirmandenzeit sei ein wichtiges Scharnier im Gemeindeleben, das es nach vorn und hinten einzubinden gilt. »Weg von in sich geschlossenen Abschnitten, hin zu vernetzten Alters-Stufen«, so einer seiner Postulate. Ganz konkret heiß das für ihn: Während der Konfirmandenzeit positive Erlebnisse mit Kirche schaffen, eine Art »Konfi-Klub« vor Ort installieren und hier wie bei den eher regionalen Konfi-Freizeiten ältere Jugendliche mit einbeziehen, ihnen wichtige Aufgaben übertragen. Diese Vorbildwirkung sei für Jüngere der beste Stimulator, sich später ebenso zu engagieren. »Pflicht, Stress und harte Arbeit machen Jugendlichen Spaß, wenn sie mit Gestaltungslust, Selbstentfaltung und echter Verantwortung einhergehen«, so Christian Rämisch.

»Jugendliche sind näher an der Lebenswelt von Kindern und Altersgenossen dran und deshalb ideale Mitarbeiter. Sie wissen genau, was aktuell diskutiert wird. Ich muss hier nicht den Berufsjugendlichen spielen«, so der 44-Jährige. »Aber meine Aufgabe ist es, Lebensthemen biblisch zu deuten.« Deshalb müsse jedes Vorhaben gemeinsam entwickelt und vorbereitet werden. Der Mitarbeiter-Kreis sei dafür der geeignete Ort, um auf einer Ebene Ideen zu sammeln und die nötige Anleitung zu geben.

Wie soll das gehen bei immer größeren Pfarrämtern, immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern und ­abnehmenden Kinderzahlen? Pfarrer Rämisch kennt diese eher resignierende Fragestellung und setzt dagegen. »Ich halte nichts von plumpem Zentralismus, sondern sehr viel von genauerem Hinschauen: Welche Veranstaltung, welches Format ist örtlich und welches regional sinnvoll?« Es dürfe nicht pauschal einen Rückzug aus der Fläche geben, denn eins stehe fest: »Die Generation der aktiven ­Eltern bezahlt die Kirche.« Deshalb dürfe man nicht den Gemeinden etwas wegnehmen, sondern sollte etwas Neues anbieten, so sein Vorschlag. Wenn beispielsweise im ländlichen Raum die wöchentliche Christenlehre permanent Koordinierungsstress für Kinder, Eltern und hauptamtliche ­Mitarbeiter bedeutet, könnten monatliche Samstags-Modelle, Kinderbibelwochen oder Kinderfreizeiten regional angesiedelt ein sinnvolleres Angebot sein, für das sich dann auch ­jugendliche Mitarbeiter generieren lassen. Über sie wird wiederum der Kontakt in die örtliche Struktur aufgebaut und eine Vernetzung geschaffen. Gleichzeitig können sie zur Keimzelle für die Jugendarbeit vor Ort werden.

»Wir fingen in unserem Kirchenkreis klein und mit vielen Bedenken an. Heute haben wir einen Pool von rund 50 jugendlichen Mitarbeitern, und unsere verschiedenen Freizeiten erreichen etwa 350 Jugendliche«, so Christian Rämischs ermutigende Erfahrung. Häufig sei mehr als die Hälfte der Teilnehmer nicht christlich sozialisiert. »Von ihnen erwarten wir aber Respekt vor unserer Lebensüberzeugung. Deshalb gehören tägliche Andachten und das Tischgebet selbstverständlich dazu. Auch hier bringen sich die Jugendmitarbeiter aktiv ein, sind kreative Partner und eine gute Ergänzung.«

Uta Schäfer

Sommer voller Musik

25. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Seit 1992 bringt der Thüringer Orgelsommer die Instrumente im Freistaat zum Klingen. Sein Ziel: Die Menschen daran zu erinnern, welche musikalischen Kleinode in ihrem Land auf Hilfe warten.

Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller wurde 1981 Kantor an die Arnstädter Bach-Kirche. Als Orgelsachverständiger weiß er um die Schätze und Nöte in der Thüringer Orgellandschaft. Foto: Susann Winkel

Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller wurde 1981 Kantor an die Arnstädter Bach-Kirche. Als Orgelsachverständiger weiß er um die Schätze und Nöte in der Thüringer Orgellandschaft. Foto: Susann Winkel

»Wir tun etwas für die Orgeln in Thüringen«, das kann Gottfried Preller an diesem warmen Juliabend voller Überzeugung sagen. Dichte Menschentrauben haben sich auf dem Marktplatz von Arnstadt versammelt, um gemeinsam mit dem Kantor der Johann-Sebastian-Bach-Kirche und seinen Mitstreitern zu feiern. Zu feiern gibt es 20 Sommer voller Musik im Freistaat, 1558 Konzerte zwischen Nordhausen und ­Meiningen, zwischen Altenburg und Eisenach. An diesem Abend nun also das 1559., in Arnstadt, wo alles im Februar 1992 begann. Damals hatte sich auf Initiative von Gottfried Preller der Thüringer Orgelsommer e.V. gegründet. Ein gemeinnütziger Verein, der aufmerksam machen will auf die so einmalige wie bedrohte Thüringer Orgellandschaft – und retten, zumindest jedoch helfen.

Viel gab es zu tun, so desolat war der Zustand zahlreicher wertvoller Instrumente. Jahrzehnte hatte man sie dem Verfall preisgegeben – ein politisches Kalkül, um die Rolle der Kirche während des Sozialismus zu schwächen. Tiefe Wunden hat diese Taktik vor allem in Nordthüringen hinterlassen, sie sind bis heute zu sehen. Im Süden des Freistaates hat sich die ­Situation unterdessen längst gebessert. Generalsaniert beim Orgelbauer, haben viele der denkmalgeschützten ­Orgeln zu altem Wohlklang zurückgefunden. Auch dank der Unterstützung des Thüringer Orgelsommers.

An seinen jährlichen Konzertreihen beteiligen sich nicht nur Organisten aus dem In- und Ausland. Trompeten erklingen, Vokalisten, Alphorn, Tuba, Chöre, Marimbafone oder Pauken. So facettenreich das musika­lische Programm auch sein mag, im Fokus steht doch immer die Königin der Instrumente. »Wir machen ja auch einen Orgelsommer, keinen Flötensommer«, lacht Gottfried Preller. Gespielt wird überall. In Dorfkirchen, auf Burgen, Schlössern, gerne auch unter freiem Himmel. Auswahl gibt es reichlich, 2000 Orgeln, davon etwa 1500 historisch wertvolle, überwiegend aus der Barockzeit. Wo es keine Orgel gibt oder das vorhandene Instrument nicht mehr bespielbar ist, bringt der Verein kurzerhand die eigene mobile Spezialanfertigung mit.

Ungefähr 50.000 Euro kostet die Reihe pro Sommer. Finanziert wird sie aus den Eintrittsgeldern, Fördergeldern und der Unterstützung von Sponsoren. Bleibt Geld übrig, erhalten es Kirchengemeinden, die aktuell eine Restaurierungsmaßnahme durchführen. So wie im vergangenen Jahr, als drei Gemeinden je 700 Euro erhielten, um ihren Eigenanteil an der Finanzierung zu erhöhen. Welche das sind, darüber möchte Gottfried Preller nicht gerne reden. 15 waren es bisher, in 20 Sommern.

Und auch an diesem Geburtstagsabend im Juli steht da wieder die schmucke große Spendenpfeife. Für Münzen, besser noch für Scheine. Die Sorge und der Eifer für die gefährdeten Instrumenten-Kunstwerke, an denen schon Große wie Bach spielten – sie lassen den Kantor selbst in der Feststunde nicht los. Doch er wirbt nicht nur um Spenden, vielmehr wirbt er um Besucher für die Konzerte des Thüringer Orgelsommers. Damit sie an Ort und Stelle sehen, wofür der Verein kämpft – wohl auch die nächsten 20 Sommer.

Susann Winkel