Kirche ist kein Verein, sondern ein Stück Himmel auf Erden

12. Mai 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Johannes 12, Vers 32

Wozu ist die Kirche da? Wozu weht der Heilige Geist durch unsere Institutionen und durch unsere Köpfe und lässt sich trotz aller Gottlosigkeit der Welt nicht zum Schweigen bringen? »Wir sind Kirche für Andere«, so heißt eine beliebte zeitgemäße und allgemein verständlich scheinende Antwort der Christen, die wir sehr rasch in den Mund nehmen, vielleicht auch um uns vor der Welt zu rechtfertigen.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Im Wochenspruch aus dem Johannes-Evangelium höre ich etwas anderes. Da geht es zunächst nicht um die Anderen, sondern um uns selbst. Wir Christen haben es mit unserem Glauben und Hoffen alltäglich schwer genug. Damit wir uns Glauben und Hoffnung bewahren, brauchen wir Abstand, brauchen wir immer wieder den Blick des auferstandenen Herrn von oben herab auf unser Leben, auf unsere Erde. Denn die letzten Rätsel unseres Daseins lösen sich nicht im erfolgreichen oder erfolglosen Engagement in unserer weltlichen politischen Gesellschaft. Die Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Schuld und Vergebung, beantwortet mir das Glaubensbekenntnis. Es sagt mir, dass ich Gottes geliebtes Kind bin und bleibe.

Ohne diese Zusage, ohne den Trost des Heiligen Geistes, bin auch ich als Christ und Kirchenmitglied in der Welt so umhergetrieben, orientierungslos und um mich selber kreisend wie jeder andere. Nur, wer seinen Kopf wieder und wieder nach dem Himmel streckt, kann hier auf Erden engagiert und voller Nächstenliebe politisch handeln. Unsere Kirche ist darum kein »Verein«, sondern eine durch Wort und Sakrament getragene Gemeinschaft, in der wir, weil Gott gegenwärtig ist, Halt und Trost finden dürfen.

So erstaunlich das klingt, unsere Kirche ist schon ein kleines Stückchen des Himmels auf Erden. Wenn Christen in ihr Trost und Halt finden, können sie gar nicht anders, als sich für Bedrohte, Ausgegrenzte und Fremde einzusetzen. Sie können auch gegen den Strom schwimmen, weil Gott ihnen hilft, den Kopf über Wasser zu halten.

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

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Diakonie: Zwischen Glauben und Rechnen

19. März 2018 von redaktionguh  
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Anspruch und Wirklichkeit: Wieviel Diakonie steckt in den Angeboten sozial-diakonischer Einrichtungen, und ist Kirche noch erkennbar? Eine Bestandsaufnahme.

In den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts Arnstadt arbeiten zu etwa 50 Prozent Menschen, die kirchlich gebunden sind. Damit ist die Zahl der Christen hier größer als im Durchschnitt der Beschäftigten in Mitteldeutschland. Dennoch ist auch das Marienstift keine christliche Insel, sondern spiegelt die religiöse Wirklichkeit unserer Gesellschaft.

Die Arbeitswirklichkeit in den Einrichtungen zeigt, dass sich die Mitarbeiterschaft natürlich nicht in christlich Hochmotivierte und kirchlich ungebundene Normalmotivierte unterscheidet. Die Gaben, Ideen und auch die Hemmnisse sind unter uns gleichmäßig verteilt.

Die inhaltlichen und materiellen Ansprüche und Erwartungen aber gleichen sich bei allen Mitarbeitern und bei denen, die die Arbeit der diakonischen Einrichtung nutzen. Auch viele »unkirchliche« Mitarbeiter erklären die Motivation ihrer Arbeit darin, dass sie in Patienten, Schülern oder Beschäftigten Gottes Ebenbildlichkeit respektieren wollen. In der Klinik erwarten auch nichtchristliche Patienten ganz selbstverständlich und zu Recht den Geist christlicher Nächstenliebe und dass sie als Individuen und nicht als Patientennummern wahrgenommen werden.

Christliches Leben in der »realen« Diakonie

Schon aus diesem Grund ist die Pflege und die zeitgemäße Umsetzung christlichen Lebens in den verschiedenen Einrichtungen des Marienstifts eine Aufgabe, die nicht nur christliche Traditionen pflegen will, sondern den Erwartungen der Gegenwart nachkommen muss. Die Pflege christlichen Lebens ist einer der wichtigen »weichen Faktoren« diakonischen Wirtschaftens.

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland erhalten von der Diakonie Betreuung, Beratung, Pflege und medizinische Versorgung. Illustrationen: Diakonie / janvier – stock.adobe.com / elenabsl – stock.adobe.com / privat

Einige Beispiele aus dem »christlichen Leben« der Einrichtung des Marienstifts:

• Andachten und Gottesdienste der Schule im Rahmen des Kirchen- und Schuljahres; Morgenkreise der Schüler; theologisch geprägte Projektarbeiten; Segensfeier für alle Schüler der 8. Klasse; einige Konfirmationen
• Regelmäßige Gottesdienste in der Werkstatt; allsonntägliche Gottesdienste für Patienten und Gemeinde in der Klinik; christliche Symbolik
• Mitarbeiterseminar zu Tradition und Leitbild der Stiftung; Diakoniekurs
• Mitarbeiterehrung, Würdigung und Verabschiedung im Rahmen von Andachten
• Jährlicher Impulsabend
• Eine kontinuierlich arbeitende Arbeitsgemeinschaft »Geistliches Leben«, die z. B. aktiv auf die Gestaltung des Diakoniekurses Einfluss nimmt.

Die christliche Prägung der Arbeit einer diakonischen Stiftung ist in dieser Zeit kein »Selbstläufer«. Immer sind es einzelne Mitarbeiter, die aktiv auf das »christliche Klima« ihrer Einrichtung Einfluss nehmen. Ein wie auch immer gestalteter »christlicher Zwang« hilft einem christlichen Geist nicht.

Christliches Leben in Einrichtungen zu ermöglichen hat auch finanzielle und wirtschaftliche Seiten, es kostet Geld.

Freistellungen müssen ermöglicht, Prioritäten gesetzt und Räume gestaltet werden. Da der Arbeitsalltag in jeder Einrichtung auch durch Konflikte geprägt ist, macht der christliche Anspruch einer diakonischen Einrichtung das Arbeitsleben nicht leichter. Auch Neueinstellungen von Mitarbeitern können sich nicht nur an der Frage orientieren, ob sie Mitglieder in christlichen Kirchen sind. Fachlichkeit und persönliche Gaben sind ausschlaggebend.

Dennoch: Der gesetzliche und wirtschaftliche Rahmen, in dem Diakonie arbeitet, macht es – ohne die Herausforderungen und Widersprüche zu verharmlosen – Christen und Nichtchristen in unseren Einrichtungen objektiv leichter, »christlich zu leben« als in anderen Bereichen der Gesellschaft.

Es ist zeitgemäß, wirtschaftlich sinnvoll und notwendig, an der christlichen Prägung der Einrichtungen zu arbeiten. Die Nächstenliebe von Kanzeln zu predigen, reichte nie aus, Menschen für Gott zu gewinnen. Notwendig ist es, sie in der Widersprüchlichkeit des Arbeitslebens christlich zu leben. Wo steht geschrieben, dass sich Christen aus der Welt zurückziehen dürfen, nur um es einfach zu haben?

Pfarrer Andreas Müller, Direktor Marienstift Arnstadt

Die Freie Wohlfahrtspflege kann in Deutschland mit Fug und Recht als bedeutsamer Wirtschaftszweig angesehen werden. Sie beschäftigt mit einem jährlichen Umsatz von rd. 45 Milliarden Euro derzeit in über 105 000 Einrichtungen hauptamtlich rd. 1,6 Millionen Menschen, mehr als 5 Prozent des gesamten Dienstleistungssektors Deutschlands, mehr Personen als im Kredit- und Versicherungswesen und fast viermal so viel Personal wie im Bereich der Energie- und Wasserversorgung.

Die Diakonie ist die zweitgrößte Trägergruppe. In der übergroßen Mehrheit erbringt Diakonie wie die anderen Trägergruppen personenbezogene soziale Dienstleistungen, die im Rahmen der Sozialgesetzbücher als öffentlich refinanzierbar ausgewiesen sind. Sie ist damit eng an die Vorgaben und Vorstellungen des Bundes, der Länder und der Gemeinden gebunden.

Wie alle anderen Träger der Freien Wohlfahrtspflege arbeitet die Diakonie heute in einem Umfeld, das sich stark gewandelt hat. Die Auflösung von Marktzutrittsbarrieren für privat-gewerbliche Anbieter, die Umstellung der Finanzierung auf Einzelleistungsvergütung sowie ein der Erwerbswirtschaft nahezu analoger Wettbewerb sind die Stichworte, die die neuen Verhältnisse im »Sozialmarkt« beschreiben können.

Diakonie als Wohlfahrtsindustrie?

In vielen Zweigen der Wohlfahrtspflege ist ein Kosten- und Leistungsdruck zu verzeichnen, der hohe betriebswirtschaftliche Anforderungen an die Leitung der Träger, Einrichtungen und Dienste stellt. Auch Diakonische Anbieter sind mittlerweile gezwungen, den Blick auf die Aufwands- und Ertragsseite ihrer Arbeit zu richten, um konkurrenzfähig zu bleiben und das Überleben des Trägers gewährleisten zu können.

Die Anpassung an neue Umfeldbedingungen im Sinne einer Modernisierung von Strukturen und Prozessen ist gerade der Diakonie mit ihrem Traditionsverständnis und ihrem besonderen Anspruch nicht leicht gefallen. Fast zwangsläufig ergaben sich in der Frage der Ausgewogenheit von Wirtschaftlichkeit und theologisch-ethischen Ansprüchen an verschiedenen Stellen schwer auflösbare Ambivalenzen.

Wie in einem sehr großen und durchaus heterogenen Trägerverbund kaum anders zu erwarten, sind überdies einzelne betriebswirtschaftliche Überreaktionen und Fehlsteuerungen nicht ausgeblieben. Dies macht Diakonie, von der die Menschen seit jeher mehr als von vielen anderen Trägern erwarten, besonders leicht angreifbar. Schnell können dann in den Medien generalisierende Schlagzeilen wie »Wirtschaftsmacht unter einem frommen Deckmäntelchen« oder »Wohlfahrtsindustrie« entstehen.

Es ist ein Management angezeigt, welches im Spannungsfeld von Ökonomie, Diakonie und Kirche nicht nur mit Blick auf Öffentlichkeit ebenso sensibel wie ehrlich agiert. Dazu gehört auch die klare Haltung, an welchen Stellen Diakonie wie ein moderner Wirtschaftsbetrieb geführt werden darf und muss – und wo nicht.

Harald Christa, Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden

Diakonische Arbeit heute geschieht mitten in unseren bunten und unübersichtlichen Lebenswelten – sei sie ehrenamtlich, sei sie hauptamtlich. In diesen Lebenswelten will und muss sie sich bewähren. Mitarbeitende der Diakonie und ihre Führungskräfte stehen täglich vor neuen Herausforderungen: Die vertraglich vereinbarten Dienstleistungen (z. B. die Pflege) müssen fachlich und menschlich zuverlässig und ohne Ausnahmen erfolgen. Wegen Krankmeldungen werden Dienstpläne kurzfristig neu gestrickt. Die wachsende Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile sowie der Erwartungen von Kunden und Mitarbeitenden führen zu erhöhten Leistungsanforderungen.

Lebenswelten und Lebenswege

Es gleicht einer Quadratur des Kreises, individuelle Ansprüche und neue sowie wachsende Anspruchsgruppen bei gleichzeitig stark steigenden Qualitätsstandards und Dokumentationspflichten unter einen Hut zu bringen. In kurzen Abständen erweiterte Gesetze zum Daten-, Gesundheits-, Brand- und Arbeitsschutz sowie der Arbeitsmedizin und dem Arbeitsrecht zwingen zu bürokratischem Aufwand und treiben die dafür anfallenden Kosten in bisher unbekannte Höhen. Das Wunsch- und Wahlrecht von Kunden (Eltern, pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderungen etc.) und der politisch gewollte Kostendruck und Wettbewerb zwischen den freigemeinnützigen sowie privaten Trägern setzen die sogenannten Leistungserbringer unter erheblichen Druck.

Diese Liste ist nicht vollständig, aber sie zeigt auch so: Die Komplexität ist groß und fordernd. Und: Träger diakonischer Arbeit stellen sich diesen Aufgaben bewusst, willentlich und kompetent. Sie sind nicht fehlerfrei und brauchen konstruktive Kritik. Sie kennen die Logik ihres ureigenen christlichen Auftrags und sie lernen die Logik der fachlichen Qualitätsanforderungen, die Logik der technischen Funktionen (EDV, Digitalisierung), die Logik der knappen Ressourcen, die politische Logik des Machtgewinns und der Mehrheiten, die mediale Logik der geforderten Transparenz und der zuspitzenden Anklage. In der Diakoniewissenschaft hat sich hierzu die Bezeichnung der Diakonieträger als »multirationale Organisationen« eingebürgert.

Mitten in diesen Spannungsfeldern unserer modernen Gesellschaft arbeiten die freigemeinnützigen Träger der Wohlfahrtspflege. Die Gemeinnützigkeit einer Organisation ist an streng kontrollierte Auflagen des Finanzamtes gebunden. Sie erlaubt keine Gewinnausschüttungen an private Eigentümer, sondern fordert die Verwendung der Mittel, auch von Gewinnen, im sogenannten gemeinnützigkeitsrechtlichen Kreislauf.

Anders als es ein verbreiteter Sprachgebrauch will, sind freigemeinnützige Träger gerade keine privaten Träger! Gemeinnützige Träger stehen mit den Dienstleistungen, die sie im Auftrag des Staates bzw. von Sozialversicherungsträgern übernehmen, im Dienst der Gesellschaft, die sich mit der politisch gewollten Trägervielfalt subsidiär aufstellt.

Mitten in diesen bunten und unübersichtlichen Lebenswelten haben diakonische Träger viele Chancen, das ihnen eigene Profil zu entwickeln und zu bezeugen: In jedem diakonischen Tun (bilden, assistieren, begleiten, pflegen, beraten, heilen, anteilnehmen …) begegnen sich konkrete Lebenswege von zwei oder mehr Menschen. In diesen Lebenswegen geht es ausgesprochen oder unausgesprochen nicht nur um Heilung, sondern auch um Heil: Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein (vgl. 5. Mose 8,3; Mt 4,4). Es geht um den Weg von der Sinnlosigkeit zum Sinn, von der Ausweglosigkeit zum Aus-Weg: Ich denke an den blinden Bartimäus, dem Jesus sein Augenlicht wieder schenkt. Er sieht nicht nur im medizinischen Sinne, sondern er findet auch seinen neuen Lebensweg (vgl. Mk 10,46-52). Es geht darum, Menschen mit ihren existenziellen Fragen nicht allein zu lassen und ihnen Zeugnis zu geben »über die Hoffnung, die in euch ist« (1. Petr 3,15). Begegnungen können Lebenswege verändern – nicht nur die der »Klienten« – sehr wohl auch die der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden!

Wenn wir heute nach neuen Formen von ausstrahlendem christlichen Gemeindeleben suchen in den Kirchgemeinden vor Ort und darüber hinaus (vgl. u. a. »Erprobungsräume« und »Querdenker« in der EKM), dann können sich Kirche und Diakonie mehr noch als bisher gegenseitig als Ressourcen verstehen und bereichern. Denn: Gelingendes Leben ist immer ein Zeugnis für Gott: »Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch« (vivens homo gloria dei) (Irenäus von Lyon, gest. um 200 n. Chr.).

Dr. Klaus Scholtissek, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Weimar Bad Lobenstein

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»Ein Schatz, der gehoben werden will«

13. März 2018 von redaktionguh  
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Chorprojekt: Passionskantaten von Georg Gebel erklingen in Rudolstadt, Bad Blankenburg, Arnstadt und Sonneberg

In einem großen Chorprojekt werden Kirchenmusiker der Propstei Meiningen-Suhl von März bis November sechs bislang wenig bekannte Passionskantaten des Rudolstädter Hof-Komponisten Georg Gebel (1709–1753) aufführen.

Die Notenhandschriften der Stücke lagern seit vielen Jahren im Thüringer Staatsarchiv in Rudolstadt. Mithilfe des Musikwissenschaftlers Maik Richter aus Halle/Saale ist dem Zentrum für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) jetzt eine Neu-Edition von insgesamt zwölf Kantaten des Rudolstädter Komponisten im Wartburg Verlag gelungen.

»Die Kompositionen von Georg Gebel sind ein Schatz, der gehoben werden will«, sagt Katja Bettenhausen, Propsteikantorin für Meiningen-Suhl. »Wenige Oratorien sind von ihm erhalten und insgesamt 144 Kantaten. Wir sind glücklich, dass wir mit der Hilfe von Maik Richter nun den Anfang gemacht haben. Es ist eine große Chance und Bereicherung, die Stücke dieses vielerorts unbekannten Komponisten in den Kirchen zum Klingen zu bringen.«

Teamwork: Martin Hütterott (Sonneberg), Christoph Böcking (Bad Blankenburg), Jörg Reddin (Arnstadt), Matthias Erler (singt in Sonneberg mit), Thomas Brandt (Oberweißbach) und Katja Bettenhausen (Rudolstadt) kümmern sich um das Chorprojekt. Foto: Solveig Grahl

Teamwork: Martin Hütterott (Sonneberg), Christoph Böcking (Bad Blankenburg), Jörg Reddin (Arnstadt), Matthias Erler (singt in Sonneberg mit), Thomas Brandt (Oberweißbach) und Katja Bettenhausen (Rudolstadt) kümmern sich um das Chorprojekt. Foto: Solveig Grahl

Bis auf einige größere Werke wie die Johannes-Passion oder das Weihnachtsoratorium von Georg Gebel sind bisher nur wenige Einzelwerke in moderner, heute lesbarer Schreibweise herausgegeben worden. Deshalb war eine Neu-Edition notwendig. Kantaten der Passionszeit boten sich als Pilotprojekt an.

»Der Orchesterpart der Kantaten ist in der Passionszeit zumeist eher schlank besetzt, im Gegensatz beispielsweise zur Advents- und Weihnachtszeit«, so Kirchenmusikdirektorin Katja Bettenhausen. »So konnten wir Kantoren-Kollegen in der Propstei gewinnen, in diesem Jahr sechs der neuedierten Kantaten aufzuführen. Und es gibt auch schon Anfragen für 2019.«

Folgende Kantaten-Aufführungen sind geplant: 11. März in Rudolstadt (10 Uhr, Lutherkirche: »Herr, ich bin bereit« und »Soll ich den Kelch nicht trinken«) und am 18. März in Bad Blankenburg (17 Uhr, Nicolaikirche: »Heiliger Vater«) unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Katja Bettenhausen sowie am 18. November in Arnstadt und am 25. November in Sonneberg. Für 2019 ist die Aufführung von sechs weiteren Passionskantaten vorgesehen.

Georg Gebel (geboren am 25. Oktober 1709 in Brieg/Schlesien, gestorben am 24. September 1753 in Rudolstadt) war ein deutscher Komponist. Er kam nach Stationen in Breslau und Dresden nach Rudolstadt. Dort wurde er zunächst »Concert-Meister« und 1750 dann zum »Capell-Meister« berufen. Seine Werke, von denen nahezu ausschließlich die Kantaten und Oratorien erhalten geblieben sind, werden heute im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt (Schloss Heidecksburg) aufbewahrt.

(G+H)

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»Damit sich Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen«

12. Februar 2018 von redaktionguh  
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Der jüdische Professor und die Rechtsextremen: Reinhard Schramm spricht seit vielen Jahren mit Straftätern in der Jugendstrafanstalt.

Der Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000 war der Impuls für den »Thüringen Monitor«: Jenaer Wissenschaftler untersuchen seitdem regelmäßig die politische Kultur im Land. Der These »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns« schloss sich 2017 jeder siebte befragte Thüringer an.

Manche setzen ihre antisemitische Einstellung in Taten um, einige landen letztlich im Gefängnis. Dann sind sie ein Fall für Reinhard Schramm.

Der frühere Professor der Technischen Universität Ilmenau und heutige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen kommt einmal im Monat in die Jugendstrafanstalt des Landes in Arnstadt. Er trifft sich mit Gefangenen, um mit ihnen über seine Familiengeschichte zu sprechen. Darunter sind junge Männer, die auch ihre rechtsextreme Gesinnung hinter Gitter brachte. Die verurteilt wurden, weil sie schlugen oder zündelten.

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Erntet Skepsis und Anerkennung zugleich: Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, in der Synagoge in Erfurt. Einmal im Monat ist er im Jugendgefängnis und erzählt die Geschichte seiner Familie. Er kommt als Jude, der im Holocaust fast seine ganze Familie verlor. Und als Vater, dessen Sohn in der Endzeit der DDR ins Gefängnis kam. Foto: epd-Bild

Das erste Mal kam Schramm nach dem Anschlag auf die Synagoge. Einer der drei Täter bereute seine Tat. Der Professor traf sich mit ihm, redete mit ihm. Eine Aktion, die nicht allen in der Jüdischen Gemeinde gefiel. Im Gegenteil, manche zweifelten offen am Sinn derartiger Bemühungen.

In diesem Fall zu Unrecht: Schramm bekam später einen Brief des jungen Mannes. Er habe mit dem rechten Zeugs nichts mehr gemein, habe darin gestanden. Ein Zeichen? Ein Ansporn allemal. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in den Knast. Monat für Monat, »außer im Sommer«, sagt er und lacht.

Reinhard Schramm lacht gern. Er ist von ansteckender Fröhlichkeit, seine blauen Augen blitzen, wenn er einen Scherz macht. Doch sie werden sehr ernst, wenn er seine Lebensgeschichte erzählt.

Die jüdische Mutter überlebt, weil sich ihr nichtjüdischer Mann nicht scheiden lässt. Er selbst wird 1944 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er bis zum Kriegsende mit seiner Mutter im Versteck. Außer den beiden werden alle jüdischen Familienmitglieder umgebracht.

Seine Mutter will nach dem Krieg nur noch weg, in den neuen Staat der Juden. Doch Reinhard bekommt Keuchhusten. Im Krankenhaus sorgen sich die Ärzte mit Hingabe um ihn. Er wird wieder gesund. Später erfährt er, die gleichen Ärzte haben in der Nazizeit einem anderen jüdischen Kind die Behandlung verweigert: Bernd Wolfson starb an einer vereiterten Mittelohrentzündung.

Es sind Geschichten wie diese, die seine Zuhörer schlucken lassen. Er setzt sie bewusst ein. Es sind wahre Geschichten, seine Erlebnisse. Sie erzählen davon, wie im NS-Deutschland Nachbarn zu Fremden wurden, der Wert der Juden in den Augen vieler Deutscher von Tag zu Tag sank. »Bis wir nur noch Ungeziefer waren, das man zertreten kann«, setzt Schramm den Schlusspunkt. Dies soll sich nie wiederholen. Deshalb geht er regelmäßig in den Knast.

Schramm ist Ingenieur, kein Träumer. Doch er hofft, dass er mit der Geschichte seines Lebens und seiner Familie bei den jungen Leuten mehr erreichen kann als tumbe Sprücheklopfer. Meist seien seine Zuhörer interessiert, sagt er, fragten gezielt nach. Für fast zwei Stunden können sie seiner Wahrheit nicht entfliehen.

»Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, muss man sie kennen.« Das ist einer der Sätze, die er gern benutzt. Doch es geht ihm nicht nur um Historie, um die große Welt. Reinhard Schramm kommt auch als Vater. Denn sein Sohn saß selbst im Gefängnis. Zum Ende der DDR machte er aus seiner Meinung über den Arbeiter-und-Bauern-Staat keinen Hehl. Offen sprach er davon, das Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen, arbeitete wohl auch aktiv an einem Plan dazu. Der SED-Obrigkeit wurde das zu viel. Sie sperrte ihn kurzerhand ein. Reinhard Schramm hat die Monate seines Kindes im Gefängnis nicht vergessen. Wie die Zeit in der Zelle seinen Jungen veränderte, ihm mit jedem Tag mehr den Lebensmut nahm. Wie der Sohn begann nachzudenken, ob das alles noch Sinn für ihn habe. »Eine schlimme Zeit«, erinnert sich der Vater. Auch deswegen geht er jeden Monat aufs Neue in das Jugendgefängnis. Das bringt ihm immer noch Skepsis, aber auch Anerkennung ein.

»Ich kenne seine Initiative seit dem Brandanschlag und bewundere seine Ruhe und Konsequenz, mit der er sich diesen Gesprächen stellt«, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Er sei beeindruckt davon, wie Schramm immer wieder auf Menschen zugehe, bei denen er unterstellen müsse, dass diese bei einer nächtlichen Begegnung eher Angst auslösen würden. »So baut er Ängste auf beiden Seiten ab«, meint der Regierungschef. Und fügt noch an: »Mehr davon wäre wünschenswert.«

Dirk Löhr  (epd)

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Bescheidenheit statt Triumphgeschrei

19. August 2017 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erben erwählt hat!

Psalm 33, Vers 12

In der Bibel ist beschrieben, was es bedeutet, auserwählt zu sein. Das Volk Gottes Israel, die Juden also, sind ein auserwähltes Volk. Der Herrgott hat sich für sie entschieden, sie zu begleiten, zu beschützen und zu prüfen. Das Alte Testament lehrt uns, was das bedeutet. Aus der Nähe zu Gott folgt der Anspruch an ein Leben in Ungebundenheit an die Dinge der Welt, die Hoffnung auf Gottes Hilfe, aber auch die Feindschaft dieser Welt, die Andersartigkeit nicht auszuhalten vermag.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Es scheint, dass das Auserwähltsein den Juden nichts als Leiden bringt. Alle Anfechtungen und Grausamkeiten vermochten aber nicht das Verhältnis zwischen Juden und Gott zu trennen. Auserwählt sein bedeutet geprüft zu werden.

Auch wir Christen sind auserwählt. Gottes Sohn, der Jude Jesus, entscheidet sich in der Taufe für uns. Damit gehören wir zu ihm, und damit gilt all das, was dem jüdischen Volk gilt, prinzipiell auch uns. Freilich scheint in der christlichen Geschichte solches Auserwähltsein damit verbunden zu sein, dass wir Christen den Anspruch erheben, triumphieren zu dürfen, viel gelten zu wollen in dieser Welt und irgendwie an der Macht Gottes beteiligt zu sein.

Die Realität spricht dagegen. Wir erleben es auch in diesem Jahr des Reformationsjubiläums. Da richten sich viele Blicke auf uns und unsere Kirchen. Wir wollen gute Figur machen und gehört werden.Auch wir evangelisch-lutherischen Christen Mitteldeutschlands sind auserwählt, weil Gott sich für uns entschied, auserwählt aber zu Bescheidenheit, zum Bekenntnis der Wahrheiten der Bibel, zum Durchhalten und zum Hoffen. Die Bibel lehrt uns, welche Prüfung es bedeuten kann, Gottes Volk zu sein. Unsere Prüfungen als evangelische Christen sind da sehr leicht. Wir müssen hier und heute bescheiden sein, wertschätzen, was wir an unserem Glauben haben und dankbar bleiben.

Immer, wenn uns das gelingt, wird uns die Welt beachten und ernst nehmen. Im Konzert der »Triumphierer« dagegen fallen wir sowieso nicht auf.

Andreas Müller, Pfarrer, Direktor Marienstift Arnstadt

Wenn die Kirche aus allen Nähten platzt

26. Dezember 2016 von redaktionguh  
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Bergweihnacht mit den »Rühler Lütern«: Die dritte Auflage der Idee von Ziegen-Alm-Öhi ist in Ruhla ein echter Renner geworden.

Ruhlas St.-Concordia-Kirche ist eine der wenigen noch original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland. Der dort tätige evangelische Pfarrer Gerhard Reuther sorgt mit kulturellen Angeboten dafür, dass sie nicht nur an besonderen Festtagen gut besucht ist. Zur Bergweihnacht aber standen und saßen Menschen, dicht an dicht gedrängt, sogar in Gängen.

Die »Rühler Lüter« sind einer der Hauptakteure dieses Events im Zwei-Jahres-Rhythmus, das nun zum dritten Mal aufgeführt wurde. Die Veranstaltung war zugleich das 16. geöffnete Türchen des »Lebendigen Adventskalenders« der Kirchengemeinde in der Bergstadt im nordwestlichen Thüringer Wald.

Die Idee für diesen besonderen Abend, der so viel Bodenständigkeit beinhaltet, stammt von dem singenden Wirt der Ruhlaer »Geißen Alm«, Dieter Koch. Er veranstaltete viele Jahre lang in seinem Gasthaus, genauso wie seine Kollegen von der »Ruhlaer Skihütte«, Adventssingen mit Zitherbegleitung. Aufgrund der großen Nachfrage reichten die örtlichen Platzverhältnisse aber dort nicht mehr aus. Und so entstand vor sechs Jahren die Idee, das Ganze in die Concordia-Kirche zu bringen.

In diesem Jahr jedoch schien auch diese vor Menschen zu bersten, obwohl beide Flügel geöffnet waren. Nicht nur ein großer, geschmückter Lichterbaum, der Adventskranz auf dem Taufstein und die vom Kerzenschein in warme Farben getauchte Kanzel sorgten für ein besonders festliches Ambiente. Die Bläser der Erbstromtal Musikanten, die davor platzierten Zitherspieler Horst und Andreas Seyfried mit dem singenden Wirt und seiner Tochter Katrin, zwei Gitarren- und eine Akkordeonspielerin rundeten das Bild ab. An der Orgel saß begabter Nachwuchs, der 13-jährige Silvo Slotosch.

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Das Arnstädter Bierfass fehlte nicht: Die »Rühler Lüter« halten die Erinnerung an die besonders läutebegabten Ruhlaer Burschen des 18. Jahrhunderts wach. Fotos: Susanne Reinhardt

Die »Rühler Lüter« in ihrer farbenfrohen Tracht stimmten die Kirchenbesucher gesanglich ein. Auch moderne Interpretation von Weihnacht fehlte neben den heimatverbundenen Darbietungen nicht. Dafür sorgte ein Vater mit seinen drei Buben. Früher, so meinte der Geißen-Alm-Wirt, der mit seiner sonoren Stimme seine Tochter als Sopranistin bei weihnachtlichen Liedern aus ganz Europa begleitete und gleichzeitig durchs Programm führte, habe man manchmal überlegen müssen, ob man die Kirche überhaupt noch brauche. Heute aber könnte man durchaus überlegen, ob man nicht sogar anbauen sollte.

Dabei zeigen die Bergstädter ihre ganz eigene Art, um Traditionen aufrechtzuerhalten. Allein die »Rühler Lüter« als eine der Hauptakteure der Bergweihnacht haben bereits überorts für Aufsehen gesorgt. Es sind die Nachkommen dieser sieben jungen Burschen, denen einst nachgesagt wurde, im Glockenläuten sehr kunstfertig zu sein. Die beiden Hälften der infolge einer Erbteilung zu Herzogszeiten mit zwei Kirchen ausgestatteten Bergstadt konkurrierten darin.

Als Ruhlaer Messerschmiede 1730 ins brandenburgische Eberswalde auswanderten, sollen ein paar dieser fähigen Glockenläuter mitgelaufen und bis Arnstadt gekommen sein, wo sie Quartier nahmen. Um Kost und Logis bezahlen zu können, boten sie an, kunstfertig die Glocken zu läuten. Mit Erfolg: Auf dem Heimweg, der immerhin noch gleichviel 57 Kilometer zählte, schoben sie ein Fass Bier mit nach Hause, das sie von den Arnstädtern zum Dank erhalten hatten.

Im Jahre 1969 ließen sieben Urgesteine diese Geschichte wieder aufleben. Heute pflegen deren Söhne weiter diese Tradition. Zur Rühler Bergweihnacht sorgten die sieben für den lyrischen Teil des Abends und trugen Ruhlaer Schnorren und Lieder vor.

Als ein besonderer Höhepunkt sollte aber auch das von Katrin Koch gesungene »Ave Maria« in Begleitung des jungen Organisten und das Lied »Ich steh an deiner Krippen hier«, das Pfarrer Reuther als Solist darbrachte, nicht unerwähnt bleiben. Die Kollekte, die zur Bergweihnacht eingesammelt wurde, dient unter anderem der Anschaffung neuer Glocken, denn die heute in einem Glockenhaus neben der Winkelkirche auf dem angrenzenden Friedhof untergebrachten erzeugen nicht mehr den Wohlklang, für den sie einst berühmt waren.

Das ursprüngliche Bronzegeläut war dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und später durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Und an denen nagt inzwischen auch schon kräftig der Zahn der Zeit.

Susanne Reinhardt

Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von redaktionguh  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

An authentischen Orten

11. März 2015 von redaktionguh  
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Thüringer Bachwochen bieten in drei Wochen 50 Konzerte

Zu den Thüringer Bachwochen werden vom 27. März bis 19. April wieder Gäste aus aller Welt erwartet. Die Anziehungskraft des Festivals liegt darin begründet, in drei Festivalwochen 50 Konzerte an historischen Lebens- und Wirkungsorten Johann Sebastian Bachs erleben zu können. Eröffnet wird es nach der traditionellen »Langen Nacht der Hausmusik« am 28. März mit der Matthäuspassion in Arnstadts Bachkirche. Unter der Leitung von Christoph Prégardien sind mit dem »Balthasar-Neumann-Chor« und »Le Concert Lorrain« zwei Ausnahme-Ensembles erstmals im Freistaat zu Gast. Weitere Spitzensolisten, die das Programm prägen, sind die Geigerin Carolin Widmann, der Bariton Michael Nagy, die »Holland Baroque Society«, der New Yorker Pianist Jeremy Denk, das »Danish String Quartet« oder der »Seoul Motet Choir« sowie zum Abschluss der britische Star-Geiger Nigel Kennedy. Darüber hinaus werden die Bachwochen auch abseits der Festivalzeit ihre Tätigkeit erweitern: Im August laden sie zur zweiten »Weimarer Bachkantaten-Akademie« mit Helmuth Rilling ein, im Oktober begleitet eine Orgelwoche den internationalen »Bach-Liszt-Orgelwettbewerb«.

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Die »Holland Baroque Society« gastiert am 17. April im Südthüringischen Staatstheater Meiningen. Foto: Thüringer Bachwochen/Wouter Jansen

Ein Kaleidoskop aus Bachköpfen als Plakatmotiv symbolisiert die Vielfalt der Bach-Sichten und -Deutungen, die das Programm bestimmen. Neben eigenen Werken des großen Barock-Meisters sollen erneut auch Komponisten und Interpreten ein Podium erhalten, die durch Bach geprägt wurden und seine Musik direkt oder indirekt verarbeitet haben.

Die Kernaufgabe des Festivals – die Präsentation der Werke Bachs an historischen Orten – wird auf zwei Wegen erfüllt. In herausragenden Konzerten gastieren international renommierte Künstler an bis heute erhaltenen Spielstätten. Daneben gibt es erstmals die Reihe »Bachland Thüringen«, in deren Rahmen regionale Interpreten wie die »Thüringen Philharmonie Gotha«, das »Ensemble Hofmusik« (Weimar) oder der Bachchor Eisenach vorgestellt werden. Diese beiden Säulen stehen symptomatisch für das Festival, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben den Konzerten internationaler Stars auch die lebendige Bachszene in Eisenach, Arnstadt, Weimar oder Erfurt zu fördern.

Ein internationales Gipfeltreffen wird die Aufführung der Johannes­passion am Karfreitag darstellen: Studenten der beiden europäischen Elite-Musikhochschulen Mozarteum Salzburg und Royal College of Music London finden sich in Weimar zusammen, um gemeinsam mit dem italienischen Alte-Musik-Spezialisten Vittorio Ghielmi zu arbeiten. Diesem sicher von jugendlichem Spieleifer geprägten Konzert steht am gleichen Tage eine Matthäuspassion in Meiningen gegenüber, die von den Ensembles des MDR aufgeführt wird. Hier erklingt die selten zu hörende Bearbeitung durch Felix Mendelssohn Bartholdy, der das Werk 1829 erstmals nach Bachs Tod wieder aufgeführt und für den Geschmack seiner Zeit (und die Möglichkeiten seiner Ensembles) arrangiert hatte.

(mkz)

www.thueringer-bachwochen.de

Der Brückenbauer

3. März 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Arnstädter Jörg Kaps erhielt hohe jüdische Auszeichnung

Die Wintersonne strahlt am Firmament, die Temperaturen sind eisig. Der Arnstädter Jörg Kaps läuft nachdenklich zwischen den Grab- und Gedenksteinen auf einem durch eine Ziegelmauer abgetrennten Areal des städtischen Friedhofs. »Ein ganz besonderer Ort«, erläutert der Stadtjugendpfleger. »Hier ruhen viele Arnstädter Bürger. Jüdische Mitbürger.«

Der Arnstädter Stadtjugendpfleger Jörg Kaps hält die Erinnerung an Arnstädter Juden aufrecht. Foto: Andreas Abendroth

Der Arnstädter Stadtjugendpfleger Jörg Kaps hält die Erinnerung an Arnstädter Juden aufrecht. Foto: Andreas Abendroth

Im Arm hält er einen Aktenordner voller Fotos, sortiert nach Familiennamen. So erhalten die in Stein gemeißelten Namen auf den Gräbern ein Gesicht, eine Identität. Jörg Kaps zeigt mir Familienfotos: glückliche Menschen in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld, mit Kindern spielend. Etwas ganz Besonderes ist ein Gruppenbild, auf dem die damals in Arnstadt lebenden Familien festgehalten wurden. Es wurde 1927 zum jüdischen Purimball – einem Fest, bei dem man sich verkleidet – aufgenommen. Doch die Ernüchterung folgt wenige Ordnerseiten später: Fotos von Deportationslisten und Todesbescheinigungen. Mit den Namen, die ich auf dem Friedhof lese. Von den Menschen, deren Porträts ich gerade gesehen habe. Mit Ortsbezeichnungen wie Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald. »Von den 121 jüdischen Einwohnern von Arnstadt im Jahre 1933 haben nur 12 Personen die Konzentrations- oder Vernichtungslager überlebt«, sagt Jörg Kaps. Seit Anfang 2007 recherchiert er ehrenamtlich in Archiven – weltweit. »Begonnen habe ich mit vier A 4-Blättern. Heute füllen die Unterlagen 14 Ordner.«

Jörg Kaps geht es nicht allein um die Geschichtsaufarbeitung und die Dokumentation. Es arbeitet gegen das Vergessen und um Das-unter-den-Teppich-Kehren der Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich. »Aufklärung in der heutigen Zeit bedeutet, Zeichen zu setzen, die Öffentlichkeit zu suchen.« So war der Sozialarbeiter maßgeblich an der Verlegung der goldglänzenden Stolpersteine im Stadtbereich beteiligt. »Bis jetzt konnten wir 127 Steine ins Altstadtpflaster einbetten. Weitere werden noch folgen.« Darüber hinaus ist er seit fünf Jahren in Schulen unterwegs. »In Projektwochen wird es Vorträge zu dieser Thematik geben und gemeinsam mit Gymnasiasten wird der jüdische Friedhof in Plaue gepflegt«, sagt er.

Weiter befasst er sich mit genealogischen Recherchen, die immer umfangreicher wurden. »Viele der jüdischen Familien waren sehr erstaunt, als ich sie kontaktierte.« Das Ergebnis: enge Verbindungen rund um den Erdball. »Heute halte ich Kontakte zu 17 Familien, die mit Arnstadt in Verbindung gebracht werden können. Die Nachfahren leben in den USA, in Argentinien, Chile, Uruguay, England und Israel. Es ist wie die Zusammenführung einer großen Familie. Getrennte Familienzweige und alte Freundschaften konnten wiederbelebt werden«, berichtet Jörg Kaps mit leuchtenden Augen.

Ein anderes Ergebnis seiner jahrelangen Geschichtsforschung: Jörg Kaps wurde in diesem Jahr mit dem »Arthur Obermayer German Jewish History Award« geehrt, einer Auszeichnung der USA für deutsche Bürger, die sich dafür einsetzen, jüdische Geschichte und Kultur zu erhalten und das deutsch-jüdische Zusammenleben der Vergangenheit in Erinnerung zu halten und für die Zukunft wiederherzustellen. »Ich habe es zunächst nicht geglaubt, als ich von der Nominierung erfuhr. 15 ehemalige Arnstädter Familien hatten mich vorgeschlagen.«

Die Auszeichnung ist für Jörg Kaps zugleich Ansporn. Noch 50 Stolpersteine sollen verlegt werden. Zudem will er ein Buch und eine Ausstellung zusammenstellen und ein Treffen der Nachfahren in Arnstadt organisieren.

Andreas Abendroth

Mit neuem Glockenaccord

20. Januar 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Festjahr für Orgelbauer Johann Stephan Schmaltz in Wandersleben und Kornhochheim

Aus Anlass des 300. Geburtstages von Johann Stephan Schmaltz organisieren die Kirchengemeinden Wandersleben und Kornhochheim (Kirchenkreis Gotha) ein Festjahr. Dazu gehört die Veröffentlichung einer 50-seitigen Publikation, die erstmals umfassend auf das Leben und Werk des Orgelbauers eingeht. Sie wird am 21. Januar im Pfarrhof Wandersleben von ihrem Autor, Pfarrer Bernd Kramer, vorgestellt. Seine Forschungen konnten das bisherige Werkverzeichnis des Orgelbauers erheblich vergrößern.

Die wahrscheinlich einzige und ohne größere Umbauten erhaltene Orgel von Schmaltz befindet sich in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche. Anfang der 1990er Jahre restauriert, soll sie im Jubiläumsjahr wieder den einstmals vorhandenen »Glockenaccord« erhalten. Dafür startet die Kirchengemeinde Kornhochheim eine Spendenaktion und veranstaltet Benefizkonzerte.

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Johann Stephan Schmaltz wurde am 23. September 1715 in Wandersleben geboren. Seine Lehre absolvierte er bei dem Gothaer Orgelbauer Johann Christoph Thielemann, dessen Werkstatt von 1737 bis 1739 die Orgel in der Kirche zu Wölfis schuf. Dabei wird in der Kirchrechnung aufgeführt: »Dem Orgelmacher Gesell Schmaltz zum Trinkgeld, da die neue Orgel fertig den 14.8.1739: 2 Taler, 6 Groschen.«

Es ist die älteste bekannte Erwähnung seines Schaffens im Orgelmacherhandwerk. Wenig später muss er sich selbstständig gemacht haben, denn schon 1740 baute er in Hochdorf, 1741 in Blankenhain und 1742 in Krakendorf in eigener Verantwortung Instrumente. Im Folgejahr übernahm Schmaltz den Umbau der Sülzenbrückener Orgel und 1745 errichtete er in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche ein neues Orgelwerk mit neun Registern.

Im ersten Jahrzehnt seines Schaffens hatte Johann Stephan Schmaltz seine Werkstatt in seinem Geburtsort und unterschrieb in dieser Zeit die Verträge mit dem Hinweis »Orgelmacher von Wandersleben«.

Im Jahr 1751 erwarb er das Bürgerrecht von Arnstadt und erhielt nachfolgend den Titel »Fürstlich Schwarzburgischer Privilegierter Orgelmacher«. In den Rechtszettelbüchern der Stadt Arnstadt findet sich ein Hinweis auf seinen Wohnsitz im Riedviertel im »Haus unter dem Berge«.

Er war dreimal verheiratet. Sein Sohn aus zweiter Ehe Johann Wilhelm Gottlob Schmaltz und sein Stiefsohn Ludwig Wilhelm Hähner erlernten bei ihm das Handwerk des Orgelmachers. Hähner führte die Orgelbautradition in Arnstadt bis ins beginnende 19. Jahrhundert fort.

Das Wirken von J. S. Schmaltz im mittelthüringischen Raum hat die Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts sehr bereichert. Er starb am 28. April 1784 mit dem Titel Hoforgelmacher in Arnstadt. Ihm zu Ehren wird am 27. September am Wanderslebener Pfarrhaus eine Gedenktafel angebracht.

(BK/mkz)

21. Januar, 20 Uhr, Pfarrhof Wandersleben: Vortrag und Präsentation der Festschrift; 8. Mai, Kirche Kornhochheim: Benefizkonzert des Neudietendorfer Gesangvereins; 5. Juli, 16 Uhr, Kirche Kornhochheim: Orgelfest und Konzert im Rahmen des Thüringer Orgelsommers

Bestellungen der Festschrift (5 Euro plus Versandkosten): Evangelisches Pfarramt, Kirchgasse 4, 99192 Apfelstädt, Telefon (03 62 02) 9 05 95, E-Mail <ev.pfarramt.apfelstaedt@gmx.de>

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