Gehen oder bleiben

21. Januar 2017 von redaktionguh  
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Heiligabendgottesdienst mit Krippenspiel. Neben mir sitzt eine junge Mutter mit ihrem kleinen Jungen, etwa drei bis vier Jahre alt. Als die Hirten den Gang entlang nach vorn ziehen, würdigt der Kleine sie nur mit einem kurzen Blick. Er ist anderweitig beschäftigt. Mit seinem Plüschtier. Hin und wieder ist sein Stimmchen zu vernehmen, aber ganz friedlich. Die ältere Frau allerdings neben dem Kind fühlte sich offenbar in ihrer Andacht gestört. Sie gab der Mutter zu verstehen, dass sie mit dem Kind, das so wenig Anteilnahme am Gottesdienst zeige, die Kirche verlassen müsse. Ärgerlich und energisch entgegnete die junge Frau: »Nein, Sie müssen gehen!«

Vielleicht eine etwas harsche Reaktion, aber ich stimmte der Mutter innerlich zu. Gottesdienst mit Kindern. Hier stellt sich die Frage, ob es gut ist, sie in Watte zu packen oder nicht – ein Schwerpunkt dieser Ausgabe –, auf eine ganz andere Weise. Was erwarten wir von den Jüngsten in unserer Gemeinde? Sind wir bereit, uns auf sie einzustellen, gelegentlich ein Stück zurückzustecken?

Sehr wohltuend und entlastend fand ich das Wort eines Pfarrers im Taufgottesdienst. Den Eltern, die abwechselnd mit ihrem Baby auf dem Arm in der Kirche auf- und abliefen, sagte er: »Laufen Sie ruhig hin und her, wenn das Ihr Kind tröstet. Das stört nicht!« Richtig! Das stört nicht. Anders ist es freilich, wenn ein Kind lauthals schreit und sich über längere Zeit nicht beruhigen lässt. Das ist dann ebenso störend wie ein heftiger Hustenanfall eines Erwachsenen. Wahrscheinlich ist es in dem Fall besser, den Raum zu verlassen.

Nun ist nicht jeder Gottesdienst für kleine Kinder geeignet, aber beim Krippenspiel oder bei einer Taufe gehören sie dazu. Auch wenn sie dem Geschehen noch nicht folgen können und manchmal Unruhe verbreiten. »Wehret ihnen nicht.«

Sabine Kuschel

Rettung für ein Leben

28. April 2014 von redaktionguh  
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Streitfall: Babyklappen und anonyme Geburt beschäftigen nicht nur Ethikkommissionen

Zum 1. Mai tritt das Gesetz zur vertraulichen Geburt in Kraft.

Vor einigen Wochen legte eine Mutter ihr neugeborenes Baby in einem Kindergarten in Leinefelde ab. Am Nachmittag, gut platziert im Vorraum – eindeutig mit der Absicht, dass es bald entdeckt wird. Eine Babyklappe gibt es im Landkreis Eichsfeld nicht. Die sind in Thüringen nur in Eisenach, Erfurt und Saalfeld zu finden, vier solcher Einrichtungen gibt es in Sachsen-Anhalt. Doch die Aufrechterhaltung des Angebots ist umstritten, vor allem im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz zur vertraulichen Geburt, das zum 1. Mai in Kraft treten wird. Hierbei können Frauen ihr Baby entbinden, ohne ihre Identität preiszugeben, müssen aber unter Umständen mit der Vollendung des 16. Lebensjahres dem Kind ihre Identität offenlegen, wenn es darauf besteht. Das Pseudonym der Mutter wird gemeinsam mit den Geburtsdaten des Kindes aufbewahrt.

Seit 2002 gibt es am Städtischen Klinikum Dessau ein »Babynest«, in das bisher drei Babys gelegt wurden. Foto: epd-Bild/Uwe Schönfeld

Seit 2002 gibt es am Städtischen Klinikum Dessau ein »Babynest«, in das bisher drei Babys gelegt wurden. Foto: epd-Bild/Uwe Schönfeld

Aufgrund der lebenslangen Unbekanntheit der Mutter sprach sich schon im November 2009 der Deutsche Ethikrat gegen die Babyklappe sowie die anonyme Geburt aus. Die anonyme Kindesabgabe sei »ethisch und rechtlich sehr problematisch, insbesondere weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzt«, hieß es dazu in einer Stellungnahme. Außerdem liege es nahe, »dass Frauen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, von diesen Angeboten nicht erreicht werden«.

Anders sieht das Bernd Ismer, Vorsitzender des Ethik-Komitees des Eisenacher ökumenischen St.-Georg-Klinikums: »Man weiß nicht, wie sich die Person, die ihr Kind abgegeben hat, ohne das Angebot der Babyklappe verhalten hätte«, sagt er und ergänzt: »Wir sehen darin ein Rettungsangebot, das die Abwendung einer Gefahr für das Kind darstellt.« Und das habe im Zweifelsfall den Vorrang vor anderen im Grundgesetz verankerten Persönlichkeitsrechten, so der Facharzt für Innere Medizin. Der eigentliche Straftatbestand des Angebotes der Babyklappe, das Aussetzen eines Neugeborenen, wird nach Absprache der Behörden nicht durch polizeiliche Ermittlungen verfolgt.

In einem kleinen Nebengebäude und gut abgeschirmt befindet sich der Babykorb des Erfurter Helios Klinikums im Norden der Stadt. »Dass ein Kind darin abgelegt wird, ist ein seltenes Ereignis«, weiß Axel Sauerbrey, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin. Seit 2003 wurden in den Thüringer Kliniken 18 Kinder in eine der Babyklappen gebracht. Kommt es einmal vor, ertönt in Erfurt ein Signal auf der neonatologischen Intensivstation. »Ein Kinderarzt oder eine Kinderkrankenschwester nimmt das Baby anschließend in Empfang«, beschreibt der Mediziner die Situation. »Umgehend wird es von einem Kinderarzt untersucht und auf der Intensivstation für die Neugeborenen versorgt.« Parallel dazu erfolgt eine Meldung an das Jugendamt, damit es nach Pflegeeltern für das Kind suchen kann. Durch einen Code, der sich in der Babyklappe in einem Brief für die Mutter befindet, kann sie jederzeit Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen.

Die Möglichkeit der Kontaktaufnahme seitens der Mutter besteht auch nach einer vertraulichen Geburt. Vor allem aus medizinischer Sicht sei das die bessere Lösung, betont Bernd Ismer. »Die betreuten Geburten ermöglichen eine medizinische Versorgung von Mutter und Kind und stellen darüber hinaus eine Beratungssituation her, die eine spätere Annahme des Kindes vorbereiten kann«, so der Eisenacher Arzt.

Der Fall des Leinefelder Babys wurde nicht strafrechtlich verfolgt. Polizei und Staatsanwaltschaft betrachteten den Kindergarten als Art Baby-
klappe. Es handelte sich also nicht um das Aussetzen, sondern das Abgeben eines Kindes.

Mirjam Petermann

Babyklappen in Sachsen-Anhalt: Magdeburg, Halle, Bitterfeld, Dessau-Roßlau; in Thüringen: Eisenach, Erfurt, Saalfeld

Wenn ein Baby kommt

15. Januar 2014 von redaktionguh  
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Beratung für werdende Eltern in Not in Eisenach

Marianne und Olaf wissen nicht mehr weiter. Die 28-Jährige ist zum zweiten Mal schwanger und das Geld reicht für die Baby-Erstausstattung nicht aus. Sie weiß schon, dass das Kind ein Junge wird. Dem möchte sie nicht die rosa Strampler seiner zwei Jahre älteren Schwester anziehen. Zusammen mit ihrem Mann sucht sie Rat in der Schwangerenberatungsstelle der Diakonie in Eisenach auf. Dort riecht es noch nach frischer Farbe und neuen Möbeln. Die Beratungsstelle ist gerade erst in das ehemalige Diakonissenkrankenhaus in der Schillerstraße 6 umgezogen.

Wenn sich ein Baby angemeldet hat, beginnen in vielen Familien die Sorgen. Beratungsstellen der Diakonie können konkrete und seelische Hilfe leisten. Foto: Christian v. R./Pixelio

Wenn sich ein Baby angemeldet hat, beginnen in vielen Familien die Sorgen. Beratungsstellen der Diakonie können konkrete und seelische Hilfe leisten. Foto: Christian v. R./Pixelio

»Wir helfen Müttern und Eltern in finanziellen Engpässen, indem wir aufzeigen, wo sie Anspruch auf Unterstützung haben«, sagt Anne Rieth von der Schwangerenberatungsstelle der Diako Westthüringen. Über die finanziellen und rechtlichen Aspekte wüssten viele Schwangere nicht Bescheid und die Beratung ist kostenlos. Marianne und Olaf freuen sich unter anderem über den Tipp, Unterstützung bei der Stiftung »Hand in Hand« zu beantragen.

»Die Fragen sind vielfältig«, sagt Sozialpädagogin Katharina Wozniak. »Wie lange darf ich als Schwangere im Schichtdienst arbeiten? Wann beginnen und enden Mutterschutz und Elternzeit? Wie sind Vaterschaft, Sorgerecht und Unterhalt geregelt?« Fragen, die innerhalb der Beratungsstelle kompetent beantwortet werden.

Neben Anne Rieth und Katharina Wozniak arbeiten zwei weitere Mitarbeiterinnen in der Schwangerenberatungsstelle. Inka Sinn berät neben Schwangeren auch Eltern mit Kleinkindern zu Entwicklungsproblemen. Zum Beispiel wenn ältere Kinder nachts immer noch nicht durchschlafen, wenn Babys sehr viel schreien oder wenn Essstörungen auftreten.

Außerdem können sich Schwangere an die Mitarbeiterinnen wenden, wenn sie unsicher sind, ob sie ihr Kind bekommen wollen oder nicht. Ein Beispiel ist Saskia. Ihr Freund hatte sich von ihr getrennt. Danach hat sie festgestellt, dass sie schwanger ist. »Sie war ganz verzweifelt, als sie ankam«, sagt Beraterin Dana Beese. »Wir haben zusammen durchgesprochen, wie es wäre, wenn sie das Kind nicht bekommt, wie es wäre, wenn sie es bekommt und welche Unterstützung es für sie gäbe.« Den Mitarbeiterinnen ist es wichtig, dass Frauen eine freie innere Entscheidung für oder gegen eine Geburt treffen. »Es hat keinen Sinn, eine Frau zu einem Kind zu überreden, wenn sich alles in ihr dagegen sträubt.«

Die vier Kolleginnen freuen sich immer, wenn sie in Schulen gehen können. Auch die sexuelle Bildung ist ein Arbeitsfeld der Schwangerenberatungsstelle. Anne Rieth geht in Schulklassen und klärt über Sexualität und Verhütung auf. »Das geht anfangs oft mit sehr viel gickern und gackern daher, aber dann entstehen immer tolle Gespräche mit den Kindern«, sagt die Sozialpädagogin. Sie wird direkt über Lehrerinnen oder Schulleiterinnen angefragt und macht dann Termine aus.

Allgemein richtet sich das Angebot der Beratungsstelle an alle schwangeren Frauen, unabhängig vom Einkommen oder Familienstand. Zudem wird Eltern von minderjährigen Kindern bei finanziellen Engpässen geholfen. Die Schwangerenberatungsstelle arbeitet mit anderen Behörden wie der Elterngeldstelle oder dem Jobcenter zusammen.(diako)

Kontakt: Anne Rieth, Schwangerenberatungsstelle, Telefon (0 36 91) 26 03 40

www.diako-thueringen.de