Land ohne Glauben?

9. Juni 2017 von redaktionguh  
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Die ARD-Themenwoche widmet sich dem Glauben und Nichtglauben. Fernseh- und Hörfunkprogramme begeben sich auf Spurensuche nach der religiösen Vielfalt in Deutschland und nach dem, was den Menschen Halt gibt.

Mit einer Themenwoche »Woran glaubst du?« will die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) zwischen dem 11. und 17. Juni in ihren Fernseh- und Hörfunkprogrammen »der Frage nach dem Sinn des Lebens« nachgehen. Religion und Weltanschauungen und die Frage nach Halt und Orientierung seien in Zeiten der Verunsicherung hochaktuelle gesellschaftlich relevante Themen, sagte MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende Karola Wille.

Die ARD-Themenwoche unter Federführung des MDR werde viele Gesichter haben und »nicht nur in religiösen Dingen unterwegs sein«, sagte Wille. Gezeigt würden Vielfalt und Facetten des Glaubens. Dabei reicht das Spektrum vom besonders in Ostdeutschland verbreiteten Atheismus bis zum religiösen Fundamentalismus.

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ausgerechnet in einer der »gottlosesten Regionen der Welt« fragt der Mitteldeutsche Rundfunk nach dem Glauben. Foto: Ingo Wagner/picture alliance

Ein breit gefächertes Programm­angebot will den Blick auf die vielen Spielarten des Glaubens öffnen. So soll im Ersten das Thema in Dokumentationen, Reportagen und Fernsehfilmen behandelt werden. Geplant sind unter anderem die Fernsehfilme »Atempause« (MDR/SWR) über den plötzlichen Hirntod eines Neunjährigen oder »Die Konfirmation« (siehe Seite 12) über einen Jugendlichen, der seine nicht gläubigen Eltern mit dem Wunsch nach einer Taufe überrumpelt.

Dazu kommen Serien, Dokumentationen und Talkrunden, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema beschäftigen. So wird sich das MDR-Magazin »Fakt« mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen, das Wirtschaftsmagazin »Plusminus« mit dem Esoterik-Markt und die »Sendung mit der Maus« mit Religion. »Auf dieses Spektrum sind wir sehr stolz«, sagte der Programmdirektor des Ersten, Volker Herres. Die Dritten Programme steuern nach Angaben von MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi weitere mehr als 100 Sendestunden bei. Zum Beispiel fragt der RBB nach »Yoga als Religionsersatz« und der SWR zeigt eine Dokumentation über einen früheren Priester, der heute verheiratet ist und acht Kinder hat.

Der MDR wird sich am 12. Juni um 22.45 Uhr im Ersten mit »Land ohne Glauben« auf Spurensuche nach dem Leben ohne Religion im eigenen Sendegebiet begeben. Darin wird auch die engagierte EKM-Pfarrerin Esther Maria Fauß aus Greußen (Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen) porträtiert.

Religionssoziologen sprechen von Ostdeutschland als einer der »gottlosesten Regionen der Welt«. So gehören in Sachsen-Anhalt 83 Prozent der Einwohner keiner christlichen Kirche mehr an. Das sind im Schnitt acht von zehn Menschen, die nicht an eine der großen Kirchen gebunden sind. In Bayern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind es nur zwei bis drei von zehn.

Ergänzt wird der MDR-Beitrag durch ein Datendossier. Dafür wurden den Angaben zufolge alle großen Sozialstudien und insgesamt 1 250 Datensätze ausgewertet, die regionale Vergleiche auch auf kleinräumlicher Ebene erlauben. Herausgekommen seien interessante Ergebnisse wie jenes, dass die Lebenserwartung in Deutschland dort am höchsten ist, wo es die meisten Kirchenmitglieder gibt, sagte Jacobi.

Die Themenwoche wird inhaltlich im Internet begleitet. Dort werden alle Aktionen und Schwerpunkte vor und während der Woche gebündelt. Für das ARD-weite Multimedia-Projekt »Woran glaubt Deutschland?« erklären Menschen aus ganz Deutschland ihre persönliche Einstellung zu Glaubensfragen (siehe Seite 2 »Namen«). Daraus entsteht eine Deutschland-Karte, die mit Videos, Fotos sowie Audios ergänzt wird und einen emotionalen Zugang zum Thema schaffen soll. Darüber hinaus können sich die Nutzer über die Sozialen Netzwerke an der Diskussion beteiligen.

Ziel der seit 2006 jährlich stattfindenden Themenwochen ist, gesellschaftlich relevante Sachverhalte zu behandeln und eine öffentliche Diskussion anzustoßen.

Markus Geiler  (epd/G+H)

www.themenwoche.ard.de

Beten mit Hashtag

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Twittergottesdienst: »Bitte das Handy nicht ausschalten!«

In diesem Gottesdienst heißt es: »Bitte lassen Sie ihr Handy an!« Wer dann auf sein Smartphone blickt, tippt und schnell mal etwas twittert, ist nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens in der Magdeburger Wallonerkirche – und das ist ausdrücklich erwünscht. Anlässlich des Kirchentages auf dem Weg unter dem Motto »Sie haben 1 gute Nachricht« gibt sich die Kirche modern und will mit neuen Formaten andere Zielgruppen erreichen.

Erstmals wird dort am Freitagabend ein Twittergottesdienst gefeiert. Unter dem Hashtag #twigo kann sich die Gemeinde über Twitter, aber auch über andere Social-Media-Kanäle, sofort einbringen. Zahlreiche Neugierige sind gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Ralf Peter Reimann, Pfarrer und Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat bereits Erfahrung mit Twittergottesdiensten: »Es ist ein Mitmach-Gottesdienst, bei dem die Gemeinde aktiv dabeisein kann.« Er gestaltet den Gottesdienst in der Wallonerkirche gemeinsam mit Pfarrer Christoph Breit von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Bereich Social Media und Networkmanagement. Breit sagt: »Das Setting bleibt klassisch: Es gibt zwei Pfarrer und es gibt die Gemeinde.« Nur sei man mit allen Inhalten eben noch bei Twitter vertreten. Dazu ist allerdings auch einige Technik und Hilfe nötig und natürlich Internet.

Wer in diesem Gottesdienst Technik benutzte, war nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens beim Twittergottesdienst in der Wallonerkirche in Magdeburg. Foto: Viktoria Kühne/epd

Wer in diesem Gottesdienst Technik benutzte, war nicht etwa abwesend und unhöflich, sondern Teil des Geschehens beim Twittergottesdienst in der Wallonerkirche in Magdeburg. Foto: Viktoria Kühne/epd

Eine große Leinwand ist aufgebaut, auf der das Ganze verfolgt werden kann. Zu Beginn twittern die Teilnehmer, woher sie kommen: Schönebeck, Magdeburg, Erfurt, Hamburg, Frankfurt am Main oder »aus der schönen Rhön«. Der Gottesdienst wird auch auf Bibel TV übertragen. Auf der »Social Media Wall« in der Wallonerkirche laufen die Tweets für alle Gottesdienstbesucher sichtbar ein, springen aber auch etwas unruhig von einer Leinwand-Ecke in die nächste. Man braucht schon Konzentration, um gleichzeitig den Gottesdienst zu verfolgen, die Tweets zu lesen und selbst mitzumischen.

»Das, was diese Form des Gottesdienstes stark macht, ist die Beteiligung«, sagt Reimann. So können Fürbitten getwittert werden. »Wir sollten diese Chance nutzen, die die Digitalisierung uns ermöglicht.«

Dabei können sich nicht nur Menschen über Twitter beteiligen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Kirche kommen könnten, so Reimann. Sondern es sei auch ein Angebot für Menschen, denen die Kirche fremd sei und natürlich für die jüngeren Generationen. Hier werde ein »niedrigschwelliger Zugang« geboten. Zudem sei die Kommunikation direkter. Normalerweise störten Rückfragen bei der Predigt, seien nicht vorgesehen. Per Twitter seien diese möglich. »Ein Twittergottesdienst wird den Gemeindegottesdienst nicht ersetzen, aber er kann Kirche für andere Zielgruppen erlebbar machen.«

Es gibt aber auch Menschen wie die ältere Frau, die in die Wallonerkirche kommt und sagt: »Ich weiß eigentlich gar nicht, was Twitter ist.« Für sie und andere Besucher werden Karteikarten verteilt, auf denen sie etwas aufschreiben können. Die jungen Helfer, die am Rande mit ihren Laptops sitzen, basteln daraus Tweets. So werden Glaubensbekenntnisse getwittert, gute Geschichten und eben Fürbitten: »Es ist ein großes Glück, glauben zu dürfen.« – »Ich glaube an die Sonne.« – »Jesus lebt. Er zeigt uns den way.« – »Gott ist immer da.« – »Segne alle, die unterwegs sind zu dir.« Und manchmal geht es auch nur um den Akkustand des eigenen Handys.

Romy Richter (epd)

Ver(g)lockende Technik

17. Januar 2017 von redaktionguh  
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Per Smartphone und App werden die Glocken der Kirche zu Hedersleben zum Läuten gebracht

Dirk Seiferheld braucht, um die Glocken in Hedersleben zu läuten, nichts anderes als sein Smartphone. In einem kleinen Programm, einer App, sind die jeweiligen Glockennamen Sophia (Taufglocke), Otto (Mittagsglocke) sowie Domenica (Sonntagsglocke) aufgelistet. Nur ein Antippen des Telefon-Bildschirms genügt, dann setzen sich die Kirchenglocken in Bewegung. Das funktioniert so: Das Signal der App wird an einen Server und von dort aus an den Rechner unterhalb des Glockenstuhls weitergeleitet. Zudem ist oberhalb des Glockenstuhls eine kleine Kamera angebracht, die die Bilder der schwingenden Glocken überträgt.

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Auf dem Smartphone werden die verschiedenen Läuteprogramme angezeigt. Foto: Susann Salzmann

Verschiedene Geläute hat Dirk Seiferheld programmiert. Selbstredend das Vollgeläut mit der vierten großen Glocke. Einen halben Tag habe es gedauert, bis alles vollständig programmiert war, erinnert sich der IT-Berater. Er ist zugleich Mitglied im Kirchbauverein Hedersleben. 16 Jahre hat es von der ersten Idee bis zur Umsetzung gedauert, erzählt Tobias Jäsch vom Verein. »Jetzt haben wir Bayern nach Hedersleben geholt«, frohlockt er über die Klänge der in Passau gegossenen Kirchenglocken. »Nach so langer Zeit ist es schön, dass es endlich geschafft wurde«, freut sich auch Pfarrerin Eva Kania. Der große Vorteil: Zum Läuten muss niemand mehr ins Gotteshaus. Mit Internetverbindung versehen, ist ein Läuten von jedem Ort der Welt aus möglich. Auch die etwa 80 Stufen in den 25 Meter hohen Glockenturm müssen nun nicht mehr gegangen werden. Ganz ungefährlich ist das Ganze ohnehin nicht mehr, zeigt Dirk Seiferheld auf die marode Treppe vom Uhrwerk hoch in den Glockenstuhl.

Laut Tobias Jäsch soll es die erste Kirche sein, deren Glocken via App zum Klingen gebracht werden. Und weitere neue Ideen haben die engagierten Vereinsmitglieder schon wieder. So würde derzeit nach Anschlaghämmern gesucht, damit einzelne Glocken angeschlagen und auf diese Weise auch Melodien gespielt werden können, verraten Tobias Jäsch und Dirk Seiferheld. »Natürlich ist das Glockenwerk kein Spielzeug, auf dem jeder seine Wunschmelodie spielen kann«, ergänzt der IT-Kundige.

Susann Salzmann

Zum Surfen in die Kirche

19. August 2016 von redaktionguh  
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Ein umstrittener Vorstoß: Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will in ihren Gebäuden künftig kostenloses freies WLAN anbieten.

Den Namen Fabian Kraetschmer sollten Sie sich merken. Fabian Kraetschmer ist der Mann, der Deutschland das kostenlose freie WLAN (drahtloses lokales Netzwerk) bringt. Zumindest erst einmal dem Nordosten, dem Arbeitsgebiet des 36-Jährigen. Seit 2014 leitet Kraetschmer das IT-Referat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Er ist Fachmann, kein Theologe, aber er hat eine Vision: Seine Landeskirche soll der größte Anbieter von offenem WLAN in Deutschland werden.

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über  das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Kontaktaufnahme im Wandel der Zeiten: In seinem berühmten Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle stellte Michelangelo Buonarroti Adam dar, der seinen Zeige- finger ausstreckt, um Gott zu erreichen; Gottvater seinerseits lässt den Lebensfunken auf Adam überspringen. Erreichbarkeit heute, das heißt oftmals, erreichbar über das Internet – demnächst auch jederzeit in der Kirche? Fotos: Wikipedia und godspot.de/Collage: G+H

Möglich machen soll dies die Initiative »Godspot«. Der einprägsame Name kombiniert den englischen Begriff für einen öffentlichen drahtlosen Internetzugriffspunkt (hotspot) mit dem englischen Wort für Gott (god). Wobei sich der Nutzer auch einmal verhören und »good« statt »god« verstehen darf. Denn »good«, also gut, finden die Macher die Idee, Hotspots in den Häusern des Herrn einzurichten. Andere finden sie weniger »good«. Was die EKBO für 3 000 Gebäude auf ihrem Gebiet – neben Kirchen zum Beispiel auch Pfarrhäuser oder evangelische Schulen – plant, hat längst auch in den übrigen Landeskirchen die Diskussion angeregt.

Im Kern sind es drei Argumente, die von den »Godspot«-Kritikern vorgebracht werden: Ablenkung, Anbiederung und die Sorge um gesundheitliche Gefahren. Vor Letztgenanntem warnt Werner Thiede, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er verweist auf Studien, wonach die WLAN-Taktung die Zellprozesse negativ beeinflussen könnte – und zwar bereits billionenfach unterhalb des in Deutschland zulässigen Grenzwertes. Für die Kirche gelte ob der unklaren Risiken das Vorsorge-Prinzip – Vorsicht also. Thiede weist außerdem darauf hin, dass Kirchen durch Hotspots zur »Bannmeile« für Menschen mit Elektrosensibilität werden. Menschen also, die eine besondere Empfindsamkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung und Magnetfeldern haben.

Das zweite Argument gilt der Ablenkung. Was, wenn die Gläubigen dem Gottesdienst nicht mehr folgen, sie lieber auf ihr Smartphone als zur Kanzel schauen? »Dann haben wir ein Predigtproblem und kein ›Godspot‹-Problem«, heißt die Antwort von Fabian Kraetschmer auf diese häufig gestellte Frage.

Und dann ist da noch die Sorge um die Anbiederung. Muss sich die Kirche mittels freiem WLAN für Besucher attraktiv machen – muss sie also mit denselben Mitteln buhlen wie etwa Café-Betreiber um ihre Kundschaft?

Bedenklich ist vor allem das Gesundheitsargument. Das allerdings weniger wegen der kurzen Zeit, die Gläubige in der Woche in der Kirche verbringen, als wegen der vielen Stunden, die sie am Arbeitsplatz oder daheim von WLAN umgeben sind. Auch die Ablenkung ist nicht von der Hand zu weisen. In Theatern und vor Konzerten wird das Publikum mittlerweile routiniert gebeten, »abzuschalten«. Das Bedienen von Smartphones stört auch in diesem, der Freizeit gewidmeten Umfeld, wo es in aller Regel keine Hotspots gibt, wo Menschen also ihren mobilen Zugang zum Internet nutzen.

Weil bei diesem aber alle bewegten Datenpakete kosten und er zudem oft langsamer ist als eine WLAN-Verbindung, sind Hotspots so beliebt. Und in anderen Ländern auch weit verbreiteter als in Deutschland. Das liegt an dem erst kürzlich gekippten Gesetz über die Störerhaftung, welches die Anbieter von Hotspots bisher verantwortlich machte für strafbare Handlungen, die von Dritten über ihre Leitungen begangen werden. Nun, da diese Unsicherheit abgeschafft ist, herrscht Nachholbedarf im Lande. Hier könnte sich die Kirche tatsächlich anschicken, flächendeckend freien Zugang zum Internet zu verschaffen. Die Infrastruktur mit Gebäuden in jedem Dorf ist vorhanden, die technischen Hürden und Kosten sind zu bewältigen.

Es wäre ein Experiment, ein Sich-offen-Zeigen für eine neue Idee. Auch wenn die nicht jeder so himmlisch findet wie Fabian Kraetschmer.

Susann Winkel

Luthers wahrer Kampf

25. März 2016 von redaktionguh  
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Es ist eine alarmierende Zahl: Zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen. Dass auch gläubige Menschen davon nicht verschont sind, erfahren Seelsorger jeden Tag.

Wer an Martin Luther denkt, sieht den glaubensstarken Reformator, den mutigen Bekenner. Doch auch Luther hatte Angst, schwere Zweifel und wohl auch Depressionen.Wenn sich die evangelische Kirche nun auf »500 Jahre Reformation 2017« vorbereitet, sollte sie diese Seite des Reformators nicht vergessen. Denn im Zentrum der Reformation stand nicht die Auseinandersetzung mit Rom, sondern eine seelsorgerliche Frage: die Tröstung des geängstigten Gewissens. Und hier war Luther ein wahrer Kämpfer. Er wehrte sich gegen die nutzlose Furcht, gegen die kirchliche Angstmacherei vor Tod und Hölle. Die Idee einer für den Glauben nützlichen Furcht verwarf er. Davon befreit, konnte sich Luther den inneren Ängsten zuwenden – zweifellos der schwierigere Part. Er praktizierte das, was die Angstforschung als Grundwahrheit erkannt hat: Angst kann nur überwunden werden, wenn man ihr ins Gesicht sieht. Er erkannte, dass sein seelischer Zustand nicht durch menschliche Anstrengung stabilisierbar ist, weder durch moralische Taten noch durch intellektuelle Denkleistungen. Erst dann konnte er sagen: »Christus ist mein Heil und Retter.«

Die Kirche ist keine Agentur für Angstbeseitigung. Der Glaube ist ein Lebensweg, auf dem Ängste der Endlichkeit, der Verlassenheit und Verlorenheit ausgedrückt, angenommen und bewältigt werden können. Luthers Kampf und die Reformation erinnern daran, dass Gott uns auf diesem Weg weit entgegenkommt.

Helmut Frank

Der Autor ist Chefredakteur des Sonntagsblattes (Evangelische Wochenzeitung für Bayern).

Fragen Sie Bodo Ramelow!

11. Juni 2015 von redaktionguh  
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Liebe Leserinnen und Leser!

Keine Landtagswahl zuvor hat im Freistaat Thüringen so heftige und gegensätzliche Reaktionen ausgelöst wie die im vergangenen Jahr. Die Wahl eines linken Ministerpräsidenten hat auch viele Christen erschüttert. Obwohl Bodo Ramelow bekennender evangelischer Christ ist, gibt es Ressentiments. Zudem kritisierte der Politiker der Linken kürzlich den Einfluss der Kirchen auf nichttheologische Lehrstühle an Universitäten in Bayern und die Finanzierung von Amtssitzen und Amtsfunktionen aus staatlichen Geldern. Er selbst sieht sich als »eine Provokation – mal für die Kirchen und mal für meine Partei«.

Es geht nicht nur um die Glaubwürdigkeit eines Menschen und Christen, es geht auch um die Glaubwürdigkeit in der Politik. Deshalb ist ein offener Dialog, auch ein offener Streit immer der bessere Weg als Mutmaßungen oder unterschwelliges Misstrauen.

Dietlind Steinhöfel

Dietlind Steinhöfel

Harald Krille

Harald Krille

Ganz sicher haben Sie als Christen und Leser unserer Kirchenzeitung Ihre eigenen Fragen an einen »linken Christen«. Für Juli konnten wir als Redaktion »Glaube + Heimat« einen Interviewtermin mit Ministerpräsident Bodo Ramelow vereinbaren. Wir möchten zu diesem Termin Ihre Fragen mitnehmen!

Schreiben Sie uns, was Sie vom Thüringer Ministerpräsidenten und Christen Bodo Ramelow schon immer einmal wissen wollten! Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund!

Wir sind darauf gespannt und freuen uns auf ein interessantes Interview!

Ihre Dietlind Steinhöfel
und Ihr Harald Krille

Zuschriften bis zum 1. Juli an:

Redaktion »Glaube + Heimat«
Lisztstraße 2 a
99423 Weimar
E-Mail <redaktion@glaube-und-heimat.de>
Fax (0 36 43) 24 61 12

Unterkante Stammtisch

15. Dezember 2014 von redaktionguh  
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Auch wenn die CSU mittlerweile zurückrudert und die Formulierungen abschwächt: Die Katze ist aus dem Sack, der Schaden angerichtet. Der bayrische Vorschlag lautet: Deutschpflicht für Ausländer. Und zwar auch in den eigenen vier Wänden. Es wäre eigentlich nur ein müdes Lächeln wert, was da aus dem wohlgefüllten Ressentiment-Portfolio der Christ-Sozialen in die Gegend posaunt wird. Aber es ist alles andere als lustig, sondern gefährlich. Denn wie die ausländerfeindlichen Demonstrationen in Dresden (PEGIDA) zeigen: In der Mitte der Gesellschaft liegt ein Zunderhaufen aus Angst und Hass bereit, der noch unentzündet daliegt. Doch statt sich konstruktiv in die Integra­tionsdebatte einzubringen und einer Spaltung der Gesellschaft in »Wir« und »Die« entgegenzuwirken, legen die vermeintlichen Wertewächter aus Bayern noch nach. Mit der Präzision eines Uhrwerks stichelt die CSU gegen Ausländer (»Wer betrügt, der fliegt«). Applaus von Rechtsaußen garantiert.

Niemand wird bestreiten, dass zur Integration Kenntnisse der Sprache notwendig sind und Zweisprachigkeit ein hohes Gut ist. Die CSU-Forderung hingegen ist absurd und gefährlich. Absurd, weil privat privat ist und kein Staat in das Private hineinregieren sollte. Und es ist gefährlich, weil es, verpackt in einer scheinbar gut gemeinten Forderung, einseitig Migranten diskriminiert. Nach dem Motto: »Die wollen gar nicht Deutsch lernen, also müssen wir sie dazu zwingen.« Rechtspopulismus wie aus dem Lehrbuch. Gut möglich, dass das Fischen am rechten Rand Kalkül ist, um AfD- oder NPD-Wähler anzulocken. Das macht aber dumpfe populistische Gedanken salonfähig.

Islamfeindlichkeit und Ausländerhass sind Phänomene der Mitte der Gesellschaft geworden. Auch Dank der Ressentiments der CSU. Das ist weder christlich noch sozial, sondern gefährlich. Nächstenliebe aber wäre das Gebot der Stunde.

Stefan Körner

Lichtes Hoffnungszeichen

25. November 2014 von redaktionguh  
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Das neue Gemeindehaus in Lichte

Tiefe Täler haben sich die Flüsschen Lichte und Piesau ins Thüringer Schiefergebirge gegraben. Bis zum Rennsteig sind es rund fünf Kilometer und nach Bayern nur ein paar mehr. Hat man Bergkuppe und Wald hinter sich gelassen, geht der Blick weit hinunter. Zwischen 800 und 500 Höhenmetern liegt der Ort Lichte mit seinen schmucken schiefergedeckten Häusern.

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Das neue Gebäude: Die Gemeinde ist stolz auf das Geschaffene. Foto: Thomas Schäfer

Zur evangelischen Kirchengemeinde Lichte (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) gehören Lichte und Wallendorf mit Bock, Teich sowie Geierstal. Seit einigen Jahren wird vom Pfarramt Wallendorf aus auch Schmiedefeld und Piesau mit versorgt. Insgesamt betreut Pfarrer Michael Nolde etwa 1 150 Gemeindeglieder. Wenn er auf die Zahlen schaut, verfinstert sich allerdings sein Gesicht: »Die Pfarrstelle hat in den letzten fünf Jahren etwa 200 Gemeindeglieder verloren.« Bislang waren zwei Pfarrhäuser und drei Kirchen zu verwalten, seit Mai ist ein weiteres Gebäude dazugekommen.

Küsterin Helga Schulz steht strahlend vor dem neuen Gemeindehaus in Lichte. Die Freude über das Geschaffene ist der Kirchenältesten ins Gesicht geschrieben. Fast 200 Jahre zog die Gemeinde von einem Ausweichquartier zum anderen. 1998 erwarb sie schließlich das Grundstück Dorst 6, auf dem bereits ihr kleiner Glockenturm stand. Erste Ideen und Entwürfe werden ab 2010 diskutiert. Im Mai 2011 dann eine Spendensammlung. »Wir sind von Haus zu Haus gegangen und fast nie abgewiesen worden«, erinnert sich Helga Schulz. Knapp 3 800 Euro und Eigenleistungen im Wert von 12 000 Euro kamen zusammen. Angespartes, Lotto-Mittel und landeskirchliche Unterstützung ermöglichen im Juli 2013 den Baubeginn, im September ist Richtfest und am 10. Mai 2014 Einweihung. »Als der Rohbau stand, setzte eine Hilfswelle ein. Es gab hohe anonyme Einzelspenden, und Handwerker ließen sich nur das Material bezahlen«, sagt Herbert Greiner. Bei dem pensionierten Bauingenieur liefen die Fäden zusammen. Gemeinsam mit Helmut Fischer sowie Helga und Günter Schulz war er täglich auf der Baustelle zu finden. »Wir sind halt die Rentnergang«, lachen sie.

Entstanden ist ein kleines Multifunktionsgebäude mit großem Raum für etwa 50 Personen, kleiner Teeküche und Toilette. Die beiden Bleiglasfenster mit Martin Luther und Johann Sebastian Bach sowie Harmonium und Liedertafel zogen stets mit der Gemeinde um und vermitteln nun ein Stück Heimat. Insgesamt seien rund 86 000 Euro an Baukosten (ohne Eigenleistungen und Sachspenden) aufgebracht worden, informiert Pfarrer Nolde. Man kam damit aus und ist schuldenfrei. Jetzt werden die Außenanlagen fertiggestellt.

Derzeit nutzen acht bis zwölf Kinder das Christenlehreangebot des Kirchspiels, und es gibt fünf Vorkonfirmanden und zehn Konfirmanden. Am Reformationstag wurde ihr Stegreiffilm »Bruder Martin« im Gemeindehaus gezeigt. Intensiv hatten sie sich mit Luthers Leben auseinandergesetzt. Zudem wird jeden Monat zu zwei Bibelabenden eingeladen. Der Kirchenchor geht auf sein 260. Jubiläum zu.

Alles gut? Nein. »Wir haben den Jammer mit der 2005 fertiggestellten Trinkwassertalsperre Leibis-Lichte. Die hohen Umweltauflagen haben unsere Porzellan- und Glasindustrie fast ganz futsch gemacht und lähmen Neuansiedlungen. Von rund 2 600 Einwohnern ist die Zahl auf 1 500 gesunken«, erklärt Helga Schulz. Man liegt an der Thüringer Porzellanstraße, aber die jungen Leute pendeln bis nach Bamberg. Viele sind deprimiert. Lichte hatte mit 28,6 Prozent die geringste Wahlbeteiligung Thüringens.

Umso mehr ist das neue Gemeindehaus ein hoffnungsvolles Zeichen von Tatkraft und Gemeinschaftssinn.

Uta Schäfer

Gemeinsam die Zukunft gestalten

23. Februar 2014 von redaktionguh  
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Interview: Nach fünf Jahren Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und zwei Jahren mit neuem Finanzgesetz (Teil 2)

Über die Entwicklung in der EKM sprachen Dietlind Steinhöfel und Harald Krille mit Finanzdezernent Stefan Große und Personaldezernent Michael Lehmann (siehe Nummer 7, Seite 5).

Derzeit sind die Kirchensteuereinnahmen aufgrund der guten Konjunktur unerwartet hoch. Doch in der Gesellschaft werden die Rufe nach einem Wegfall des staatlichen Kirchensteuereinzugs und der Staatsleistungen immer lauter. Beunruhigt das den Finanzchef?
Große:
Diese Rufe waren schon mal zu hören. Ob sie wirklich lauter werden, weiß ich gar nicht. Nicht alles, was diskutiert wird, wird sofort in Gesetzgebung umgesetzt. Zunächst darf ich darauf verweisen, dass die Kirchen einen Rechtsanspruch auf Staatsleistungen haben. Der Verfassungsauftrag zur Ablösung ist ein Auftrag an den Staat. Ablösung heißt nicht ersatzloser Wegfall, sondern Aufhebung gegen Entschädigung. Dazu braucht es aber ein vom Bundestag erlassenes Ablösegrundgesetz. Wenn der Staat sich zu einem solchen durchringen würde, würde sich unsere Kirche selbstverständlich verfassungsgemäß verhalten und wäre gesprächsbereit. Für eine Änderung beim Kirchensteuereinzug ist eine verfassungsverändernde Mehrheit im Bundestag nötig. Der staatliche Einzug der Kirchensteuer genannten Mitgliedsbeiträge hat sich bewährt. Er ist Ausdruck der Trennung von Staat und Kirche. Deshalb sehe ich diese Mehrheit nicht. Mein Problem sind nicht die Rechtspositionen, sondern der Rückgang der Gemeindemitglieder und damit der Kirchensteuerzahler aufgrund der Demografie.

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Michael Lehmann. Foto: Harald Krille

Wir evaluieren gerade das Finanzgesetz und stellen Hochrechnungen an zunächst einmal bis 2025. Was darüber hinausgeht, ist mit Prognosen nur sehr schwer zu fassen. Jetzt haben wir gute Jahre und müssen – gut biblisch – für die mageren vorsorgen. Ich möchte deshalb auf den Bericht der Landesbischöfin vor der Synode verweisen, in dem inhaltlich der Umbaugedanke stark betont wird. Für mich stellt sich die Frage, wie wird sich nach den Prognosen unsere Finanzkraft entwickeln und wie muss letztlich dann die Personalsituation gestaltet werden? Auch die EKM kann nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt. Dazu kommt: Zwar stammen 80 Prozent unserer Einnahmen aus Kirchensteuern, aber 30 Prozent davon kommen über den EKD-Finanz­ausgleich aus »reicheren« Landeskirchen. Die Staatsleistungen machen bei uns etwa 20 Prozent aus. Das ist keine gesunde Struktur.

Dieser Finanzausgleich wird ja auch zunehmend von den Geberkirchen infrage gestellt …
Lehmann:
Es mag provokant klingen: Wenn man mal in die benachbarten Landeskirchen schaut – nach Hannover, Braunschweig, Bayern – und die Pfarrer dort fragt, für wie viele Gemeindeglieder sie zuständig sind, sind das im Schnitt mehr als 3 000. Es geht dabei ja nicht nur etwa um die Zahl der Gottesdienste. Auch die Zahl der Besuche und der Kasualien, also Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen, erhöht sich ja beträchtlich mit der Zahl der Gemeindeglieder. Wenn man Pfarrer von 3 500 Gemeindegliedern ist, gibt es andere Herausforderungen, als wenn man 1 250 hat. Dass sie mit uns solidarisch sind, hängt natürlich mit der geringen Kirchlichkeit in unseren Breiten zusammen und der großen Fläche, das sehen die Geberkirchen durchaus. Wir sind gut dran, dass wir so solidarische Nachbarn haben.

In unserer Kirche gibt es ja beides – krass minderheitskirchliche und durchaus volkskirchliche Regionen. Die landeskirchlichen Kriterien für die Zuweisung von Personalmitteln an die Kirchenkreise versuchen dem Rechnung zu tragen. Von da an aber ist es Aufgabe der Kirchenkreise, die Stellen in ihrem Bereich angemessen zu verteilen. Und wenn ich das richtig sehe, schaffen sie das mit ziemlich hoher Qualität. Dennoch gibt es Erwartungen, dass die Landeskirche für diese oder jene Aufgabe finanzielle Verantwortung übernimmt. Das konterkariert aber die Entscheidung, die Verteilung der Stellen vor Ort in die Hand der Kirchenkreise zu legen. Für die verbleibenden Ausgleichsmaßnahmen bleiben uns die genannten 30 Pfarrstellen für besondere Aufgaben. Sicher – mehr wäre immer schön.

Große: Das neue Finanzsystem hat diese Diskussion natürlich auch provoziert. Das ist ein ganz bewusster Prozess, weil wir überzeugt sind, dass es richtig ist, die Kirchenkreise als eigenverantwortlich planende und selbstgestaltende Größen zu stärken. Es kann eben nicht von Erfurt aus bestimmt werden, was im Einzelnen in Salzwedel oder Hildburghausen passiert.

Der Tübinger Theologieprofessor Eberhard Jüngel etwa sieht die Zukunft der Kirche in freikirchlichen Strukturen, in denen Gemeinden weitgehend selbstständig sind. Sein Greifswalder Kollege Michael Herbst hat diese Sicht erst vor wenigen Tagen beim Willow-Creek-Leitungskongress in Leipzig bestätigt. Macht man sich auch in der EKM Gedanken um die grundsätzlichen Strukturen der Zukunft?
Lehmann:
Ja, sicher. Zum Beispiel werden wir noch in diesem Jahr ein geschlossenes Forum, eine Art »Internetkonvent« ans Netz gehen lassen, wo genau solche Zukunftsfragen durch die Betroffenen selbst offen und barrierefrei diskutiert werden können.

Ich selbst sehe die Freikirchlichkeit zurückhaltend. Denn einerseits ist unsere Kirchenstruktur ja da. Ob wir sie brauchen, ist vielleicht die falsche Frage. Wir sollten fragen: Wozu kann sie dienen, wenn sie schon da ist? Wie fördert sie das Leben der Gemeinde? Ich bin nicht davon überzeugt, dass kongregationalistische Strukturen, also die vollständige Selbstständigkeit der Gemeinden, das Zukunftsmodell sind. Denn das bedeutet eine Form von Selbstverantwortung einer Gemeinde, für die wir hier weder die Tradition noch die Kultur haben.

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Oberkirchenrat Stefan Große. Foto: Harald Krille

Stellen Sie sich vor, es finden sich nicht genügend Gemeindeglieder, die für den Unterhalt der Kirche und der dazugehörigen Pfarrstelle sorgen. Wenn das in Amerika passiert, wird ein Schloss vor die Kirche gehängt und sie wird verkauft. Versuchen Sie das mal in Mitteldeutschland! Das geht nicht: Wir haben viele schöne alte Kirchen. Und wie viele konnten in den letzten 20 Jahren saniert werden. Auf der anderen Seite sehen wir ja, dass das Finanzgesetz den Gemeinden die Verantwortung für 25 Prozent der Personalkosten in die Hand legt. Hier wächst eine neue Aufmerksamkeit der Gemeinden für die Stellenplanung ihres Kirchenkreises.

Große: Die Frage ist auch, würden freikirchliche Strukturen der Unabhängigkeit der Verkündigung des Evangeliums dienen oder nicht? Ich wage zu behaupten: Nein. Wenn nämlich der Pfarrer einige Male nicht so gepredigt hat, wie es dem Großspender in der Gemeinde gefällt, dann gibt der sein Geld vielleicht in eine andere Gemeinde. Diese Abhängigkeit hätte ich nicht gerne.

Lehmann: Unsere synodale Kirchenstruktur ist ein Schatz, den wir vielleicht manchmal deshalb so wenig schätzen, weil er uns selbstverständlich ist.

Große: Und sie erzeugt eine große Transparenz. Wir haben lange Diskussionsprozesse auf allen Ebenen zu den wirklich wichtigen Fragen geführt. Ich erinnere an die Verfassung oder das Finanzgesetz. Damit wurde auch eine starke Akzeptanz erreicht.

Dennoch, ist nicht ein Kulturwandel hin zu mehr Eigenverantwortung der Gemeindemitglieder nötig?
Große:
Natürlich, das ist ein wichtiger Punkt. Da sind wir schon mittendrin. Es war ein großer Streitpunkt im Finanzgesetz, ob denn die Kirchenkreise so viel Verantwortung tragen sollen. Es gab etliche, die gesagt haben: Wir wollen diese Verantwortung nicht. Es ist ja manchmal auch bequemer, wenn man sagen kann: Das hat die Landessynode so entschieden, da können wir gar nicht mehr viel machen hier im Kirchenkreis oder hier in der Kirchengemeinde.
Ein anderes Thema ist der Gemeindebeitrag. Wir haben das Gemeindebeitragsgesetz im letzten Jahr erneuert. Dazu gibt es eine Handreichung, wo genau diese Eigenverantwortung der Kirchengemeinden betont wird und konkrete Hilfen angeboten werden. Denn alles, was dabei gesammelt wird, bleibt in der Gemeinde vor Ort und schafft ihr Spielräume.

Dazu wünsche ich mir viele anregende Diskussionen und vor allem gute Ideen.

Bei all dem hören wir immer wieder auch die Klagen von Pfarrern, die sich überlastet und ausgebrannt fühlen. Zu Unrecht?
Lehmann:
Nein, das ist nicht von der Hand zu weisen. Und es greift einem natürlich ans Herz. Man muss sehen, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen fortwährenden Strukturwandel gegeben hat. Es ist ja nicht so, dass die Stellen mit einem Mal zusammengefasst wurden. Sondern es kam eine Gemeinde dazu, dann ein nächstes Dorf, dann drei Dörfer. Und jedes Mal muss sich die Pfarrerin oder der Pfarrer den Dienst neu organisieren, sich quasi neu erfinden. Da kann Erschöpfung wachsen.

Wir nehmen das sehr ernst. Wir haben mit dem Instrument der Mitarbeitergespräche darauf reagiert, damit wenigstens einmal im Jahr nachgefragt wird: Wie geht es dir eigentlich? Und was brauchst du? Wir sind dabei das Pastoralkolleg inhaltlich neu auszurichten. Drübeck ist ein guter Ort für Abstand und Einkehr. Wir wollen mit diesem Pastoralkolleg Ordinierte am Anfang, in der Mitte und am Ende ihres Dienstes begleiten. Wir haben deshalb auch Kurse eingeführt, die auf den Ruhestand vorbereiten. Da werden Fragen gestellt: Wie geht das, von 100 auf Null? Welche Dienste will ich fortan ehrenamtlich übernehmen? Wie ist es, wenn man im Pfarrhaus wohnen bleibt? Sollte man einen Ortswechsel vollziehen?

Das sind heikle Fragen, vor denen viele zurückschrecken, vor denen aber alle eines Tages stehen. Und bei den Bilanz- und Orientierungstagen kommen Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen, um zurück- und vorauszuschauen und sich darüber miteinander auszutauschen.

Geburtstagsfeier mit Luthers

20. November 2013 von redaktionguh  
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Eisleben war Gastgeberin für Menschen mit dem Familiennamen des Reformators

Ich bin Luther.« Diese Begrüßung war am Wochenende in Eisleben oft zu hören. Doch der geborene Reformator Martin Luther ist nicht etwa vom Sockel des Denkmals auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt gestiegen und zu neuem Leben erwacht. Diesen Ausspruch haben vielmehr 21 Frauen, Männer und ein Kind für sich in Anspruch genommen, die alle den Familiennamen Luther tragen und am Wochenende gemeinsam in der Stadt in Sachsen-Anhalt den 530. Geburtstag des Reformators feierten.

Zu der Jubiläumsfeier hatte die ­Eislebener Oberbürgermeisterin Jutta Fischer (SPD) eingeladen. Ihr Fazit: »Wir sind mit dem Zuspruch auf unsere Einladung zufrieden.« Luthers seien aus Bayern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Hessen, Niedersachsen und Berlin angereist. Immerhin hatten Recherchen der Stadtverwaltung ergeben, dass aktuell allein in Deutschland rund 1800 Luthers wohnen. Weltweit dürften noch etwa 2000 weitere hinzukommen.

Die Party am Wochenende war zudem ein Vorgeschmack auf das Reformationsjubiläum 2017. Dann sollen nämlich nach dem Willen der Kommunalpolitikerin mehrere Hundert Luthers in die Stadt kommen. Immerhin gebe es in Eisleben neben dem sanierten und erweiterten Geburts- und dem Sterbehaus sowie der Taufkirche Luthers viel Geschichtsträchtiges rund um den Reformator zu sehen. Im Juni 2014 werde zudem Luthers Elternhaus mit Neubau im unweit von Eisleben gelegenen Ort Mansfeld wieder eröffnet, kündigt sie an.

Zur Feier des 530. Geburtstages von Martin Luther gehörte auch eine Festtafel mit Stollen. Foto: Jürgen Lukaschek

Zur Feier des 530. Geburtstages von Martin Luther gehörte auch eine Festtafel mit Stollen. Foto: Jürgen Lukaschek

Schon jetzt ging es beim Eisleber Treffen familiär zwischen den Gästen zu. »Hallo Luthers«, sagte einer der Namenträger im Vorbeigehen zu Marie-Luise und ihrem Vater Hans-Günter Luther. Es sei das erste Treffen dieser Art, an der seine Familie aus Freyburg an der Unstrut teilnehme, erzählte Hans-Günter. Die 25-jährige Tochter fügte mit etwas Stolz hinzu, »wir sind mit dem berühmten Luther verwandt«. Ihre Familie stamme von Martins jüngerem Bruder Jakob (1490 bis 1571) ab. Seit zwei Wochen sei es auch amtlich. Ihre Verwandtschaft sei in einer Analyse der Lutheriden-Vereinigung Zeitz nachgewiesen worden, so Marie-Luise. Die Ahnentafel habe sie leider zu Hause liegen gelassen, fügte sie fast entschuldigend hinzu.

Klare Worte fand bei einem Empfang für die Namensträger der renommierte deutsche Namensforscher Jürgen Udolph. Die Geschichte des Namens Luther, räumte der Professor aus Leipzig ein, sei »echt kompliziert«. Es gebe viele Vermutungen, doch »was ist Wahrheit und Legende«, fragte er. Wer heute Luther heißt, könne nicht immer eindeutig mit dem Namen des Reformators verbunden werden, so der Wissenschaftler. Er rät jedem, Ahnenforschung zu betreiben, woher sein Name kommt. »Nicht jeder ist mit Luther verwandt«, betonte Udolph.

Ob nun verwandt oder nicht – jeder Namenträger, der zu Luthers Geburtstag nach Eisleben gekommen war, erhielt eine persönliche Namensurkunde mit fünf Absätzen zur Namensdeutung. Auch der zehnjährige Christian Luther aus Halle, er war der jüngste Teilnehmer.

Norbert Claus (epd)

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