Hilfe und Entlastung im Krisenfall

24. Juli 2016 von redaktionguh  
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Telefonseelsorge: Seit 21 Jahren als ökumenischer Dienst in Anhalt

Seit 60 Jahren gibt es die Telefonseelsorge (TS) in Deutschland, und seit 21 Jahren in Anhalt. In den Büros in Dessau, der Lutherstadt Wittenberg und in Wernigerode sind rund um die Uhr Frauen und Männer bereit, die Sorgen ihrer Mitmenschen zu hören und Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen – getreu dem Motto »Sorgen kann man teilen«.

Der erste Leiter der TS war Bernd Blömeke. Seit 2007 leitet sie Andreas Krov-Raak, Diplompädagoge mit zusätzlicher Supervisionsausbildung und Wahl-Anhalter. In die Arbeit ist er durch seine ehrenamtliche Arbeit bei der TS seit 1992 hineingewachsen. 2007 wurde sie zu seinem Beruf. »Als ich hier als Leiter anfing«, sagt Andreas Krov-Raak, »habe ich eine gut funktionierende Stelle vorgefunden.«

Das große Einzugsgebiet der ökumenischen TS umfasst ganz Anhalt sowie die Kirchenkreise Egeln, Halberstadt und Wittenberg der mitteldeutschen Landeskirche. Das Bundesland Sachsen-Anhalt, die Landeskirche Anhalts, das Bistum Magdeburg und die Stadt Dessau-Roßlau sind ebenso an der Finanzierung beteiligt wie die drei Kirchenkreise, der Landkreis Anhalt-Bitterfeld und einige Städte. »Ein Kuratorium begleitet unsere Arbeit«, so Andreas Krov-Raak. Die Telekom stelle die Leitungen kostenlos zur Verfügung. Zudem gebe es auch Spenden.

Etwa 80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nötig, um den Telefondienst rund um die Uhr absichern zu können. Einmal im Jahr bietet die TS einen Ausbildungskurs für Neulinge an. »Zwar bleiben die Ehrenamtlichen relativ lange dabei«, sagt Andreas Krov-Raak. Doch weil aus verschiedenen Gründen immer wieder welche ausscheiden, muss Nachwuchs ausgebildet werden. »Und das ist nichts, was man mal eben so macht«, sagt der Leiter. Neun Monate dauert die Ausbildung derjenigen, die sich für diesen besonderen Dienst eignen. Hinzu komme, dass der Pool möglicher Kandidaten begrenzt ist, denn viele engagierten sich mehrfach an anderen Stellen.

Im vergangenen Jahr gingen bei der Telefonseelsorge Dessau genau 21 259 Anrufe ein. Im Vergleich zu 2014 sind das 1 241 mehr und damit eine deutliche Steigerung. Das hat damit zu tun, dass es seit April 2015 möglich ist, in der Zeit von 18 bis 22 Uhr den Dienst fast immer doppelt zu besetzen. In diesen Stunden ist nach der Erfahrung der Mitarbeitenden die Telefonseelsorge besonders stark gefragt. »Die Nachfrage ist höher, als wir sie befriedigen können«, sagt Andreas Krov-Raak. »Auf ein geführtes Gespräch kommen etwa sechs bis sieben Versuche, Kontakt mit uns aufzunehmen.« Seit zwei Jahren ist es bei der TS Dessau möglich, sich per Mail beraten zu lassen, was auch angenommen wird.

Zwar gibt es immer wieder Scherzanrufe oder Menschen, die anrufen, eine Weile schweigen und dann wieder auflegen. Zieht man diese ab, bleiben knapp 12 000 Anrufe (56 Prozent) übrig, bei denen ein seelsorgerliches Gespräch zustande kommt. Die durchschnittliche Gesprächszeit liegt bei etwa 23 Minuten. Etwa 53 Prozent der Anrufe kamen von Frauen. Bei den angesprochenen Themen »gibt es nichts, was es nicht gibt«, sagt Andreas Krov-Raak. Als ein Schwerpunkt haben sich in den vergangenen fünf Jahren die Anrufe psychisch kranker Menschen entwickelt. Zum Teil würden ihre Ärzte und Therapeuten, die ja nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen, sie für Krisen in der Nacht oder am Wochenende an die TS verweisen. »Diese Gespräche bedeuten für unsere Mitarbeiter eine Herausforderung, weil die Ehrenamtlichen keine ausgebildeten Therapeuten sind.« Andererseits zeigt es, dass die TS in Fachkreisen ein gutes Ansehen genießt.

»Die Gespräche haben eine entlastende Wirkung auf Menschen, die unter Depressionen oder anderen schweren psychischen Erkrankungen leiden«, so Andreas Krov-Raak. Und verweist auf den Ursprung der Telefonseelsorge, die – mit dem Gedanken »Damit das Leben weitergeht« – einst zur Suizidprophylaxe gegründet worden war.

Angela Stoye

Kostenlose Rufnummern
(08 00) 1 11 01 11 oder (08 00) 1 11 02 22.
Chat- und Mailberatung unter:
www.telefonseelsorge.de

Zeugnis der Nächstenliebe

22. April 2012 von redaktionguh  
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Magdeburger Bahnhofsmission feierte ihr 20-jähriges Bestehen

Buchladen und Bäckerei bildeten den Rahmen für den Gottesdienst, mit dem die Magdeburger Bahnhofsmission am 11. April ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Während die rund 80 Besucher in der Bahnhofshalle beteten und sangen und der hohe Raum unter dem Glasdach von Bläser- und Orgelklängen erfüllt war, kauften Reisende Zeitungen, belegte Brötchen oder steuerten den Ticketverkauf an. »Hier pulsiert das Leben«, sagte der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der mit dem Propst des Sprengels Stendal-Magdeburg, Christoph Hackbeil, den Gottesdienst leitete. Der Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt sei zugleich ein Abbild der Gesellschaft, so Feige weiter. Hier würden Menschen einander willkommen heißen, voneinander Abschied nehmen, Orientierung suchen. Die Bahnhofsmission sei für viele »ein Stück Familie an der Bahnsteigkante« und aus dem Bahnhofsalltag nicht mehr wegzudenken, würdigte der Bischof den Dienst der Mitarbeiterinnen in der ökumenischen Einrichtung. Rund 38000 Menschen kommen heute jährlich – Durchreisende ebenso wie Obdachlose und andere Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige (am Pult) und Propst Christop Hackbeil (vorn li.) leiteten den Gottesdienst zum Jubiläum der Bahnhofsmission, der in der Bahnhofshalle gefeiert wurde. – Foto: Klaus-Peter Voigt

Propst Hackbeil dankte für »20 Jahre große und kleine Hilfeleistung, freundliche Aufnahme und ökumenische Gemeinschaft«. Er stellte ein Kreuz aus Mosaiksteinen, welches in der Anfang April in Stendal eröffneten Bahnhofsmission hängt und das jeder Gottesdienstbesucher als Bild erhielt, in den Mittelpunkt seiner Predigt über das Gebot der Nächstenliebe. Jedes Steinchen könne für die Buntheit und Vielfalt der Milieus im Land stehen. Das bedeute aber nicht, dass es bessere oder schlechtere Milieus gebe. »Das Kreuz Jesu ist auch ein Protest gegen die Milieuaufteilung unserer Gesellschaft«, so der Propst, »jeder soll so angenommen sein, wie er ist.«

»Mit ihrem Wirken schrieben die Bahnhofsmissionen Sozialgeschichte«, würdigte Christian Baron das Wirken derartiger Einrichtungen, die es seit über 100 Jahren in Deutschland gibt. Waren sie anfangs streng konfessionell getrennt, tragen sie heute vielerorts evangelische und katholische Christen gemeinsam. »Ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirchen kann nur ein gemeinsames Zeugnis sein«, so der Vorsitzende Vorstand der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission weiter.

Die Bahnhofsmission in Magdeburg tragen die Magdeburger Stadtmission und der Caritasverband für das Bistum Magdeburg. Die Bahn stellt die Räume am Gleis 6 kostenlos zur Verfügung. Drei festangestellte und dazu ehrenamtliche Mitarbeiterinnen halten montags bis freitags für 13 Stunden die Türen offen, an den Wochenenden etwas weniger. »In den 20 Jahren haben wir rund 517000 Menschen geholfen«, zieht die langjährige Leiterin der Einrichtung, Liane Bornholdt, Bilanz. Was sie freut, ist, dass die Mobilität behinderter Menschen zugenommen hat und immer mehr von ihnen auf Reisen gehen. Für Reisende in Rollstühlen bietet die Bahnhofsmission seit 2008 als Rastplatz einen Mobilitätsraum zu ebener Erde an. In den vergangenen Jahren haben es die Mitarbeiterinnen immer öfter mit psychisch kranken Menschen zu tun, die in ihrer Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit dort Rat und Hilfe suchen. »Der Bahnhof ist auch ein sozialer Brennpunkt«, sagt Liane Bornholdt, »und ein Seismograf der Not.«

Angela Stoye