Altes Leben in neuer Freiheit als Christenmenschen

6. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Dieser Spitzensatz paulinischer Theologie blickt von der Ostererfahrung her auf zwei Momente jüdischer Schöpfungstheologie. Diese ergeben sich aus dem Glauben an das Geschaffen-Sein des Menschen, das Kreatur-Sein, und erhalten von Paulus ihre christliche Deutung.

Zum einen die Kreatur des Menschen als Ebenbild Gottes. Anders als in jüdischer Theologie wird diese Ebenbildlichkeit nicht primär in der Leiblichkeit des Menschen sichtbar. Die Leiblichkeit des Menschen erhält zwar durch Jesus eine neue, ethische Bedeutung und ist zentraler Aspekt in der Theologie des Paulus, wurde aber im Zuge neuzeitlicher Philosophie zurückgedrängt. Vernunft, Freiheit und Autonomie sind die neuen Stichworte, die mit ihrem Einfluss heute noch ein christliches Menschenbild ermöglichen, ohne die Körperlichkeit zu betonen.

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Zum anderen nimmt das Christentum das Scheitern der Beziehung zwischen Mensch und Gott in den Blick, wie es mit dem Ausschluss aus dem Paradies erzählt wird. Die Distanzierung zwischen Gott und Mensch erhält als »Sündenfall« eine herausgehobene Rolle. Der Mensch als endliches Wesen tritt zu Gott als dem Ewigen in eine Opposition.

Diese Spannung zwischen Ebenbild-Sein und Sünder-Sein wird für Paulus durch den Glauben an Christus aufgehoben. Die christliche Lehrtradition bekräftigt im Konzil in Chalcedon (451 n. Chr.) dieses neue Menschenbild. Das, was der Mensch wahrhaft ist, entscheidet sich nicht empirisch, sondern theologisch an dem, was Christus ist – wahrer Mensch und wahrer Gott.

Die »Erlösung« oder »Versöhnung«, von der das Christentum redet, besteht darin, dass die ursprüngliche Freiheit des Menschen mit Christus wiederhergestellt ist. »Zur Freiheit hat uns Christus befreit!« (Galater 5), die Opposition zu Gott wird überwunden und der Mensch in nächste Nähe zu Gott gerückt, sodass es heißen kann: »Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!« (Römer 8,15 b).

Dipl.-Theol. Samuel Hüfken, Halle

Aussaat im Frühjahr

9. April 2017 von redaktionguh  
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Die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden ist für die Verantwortlichen eine Herausforderung. Denn der Umgang mit pubertierenden Jugendlichen ist alles andere als einfach. Jede noch so scheinbar unverfängliche Bemerkung des Pfarrers löst bei den Teenagern Kichern aus. Und manchmal sind die Geschenke wichtiger als die Segenshandlung.

Wer an seine eigene Konfirmation vor vielen Jahren denkt, erinnert sich, dass diese Lebensphase damals nicht ganz unkompliziert war. Aber die Konfirmation gehört im Rückblick dazu und sie war zeitlich richtig platziert. Auch wenn der eine oder die andere lediglich der Tradition folgte und das bewusste Ja zum christlichen Glauben vielleicht nicht im Vordergrund stand.

Die Wege, wie Menschen zum Glauben kommen, sind sehr unterschiedlich. Manche – auch Konfirmierte – finden erst als Erwachsene einen Draht zu Gott. In einem Alter, in dem sich eine gewisse Anzahl ehemaliger Konfirmanden bereits von der Kirche verabschiedet hat. Für etliche junge Erwachsene ist die Konfirmation der letzte Kontakt zur Kirche.

Vielen Menschen bleibt der Zugang zur Religion zeitlebens verschlossen. Welch ein Glück, wenn Christen ein Leben lang aus ihrem Glauben Kraft schöpfen können. Das Gleichnis vom Sämann erzählt eindrücklich, wie es im Glauben zugehen kann. Ob der Samen aufgeht und Früchte trägt, hängt von der Beschaffenheit des Bodens und der Umgebung ab.

Den Pfarrern und Gemeindepädagogen geht es mit der Konfirmation so ähnlich wie dem biblischen Sämann. Sie säen im Frühjahr, zu einem Zeitpunkt, der bestens geeignet ist. In einer Zeit, in der die Jugendlichen nach Orientierung und Halt suchen.

Sabine Kuschel

Dem kindlichen Impuls nicht gedankenlos nachgeben

14. Januar 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1, Vers 17

Es ist schwer, bei diesem Satz sein »Kind-Ich« zu unterdrücken: »Ätsch, ihr habt das Gesetz, aber wir haben die Gnade und die Wahrheit.« In der 2000-jährigen Geschichte der »Vergegnungen« (Martin Buber) zwischen Juden und Christen haben Christen viel zu oft diesem kindischen Impuls nachgegeben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Ja, hier klingt ein Streit an. Dem »denn« zu Beginn des Satzes möchte man unwillkürlich ein »aber« vor dem zweiten Satz hinzufügen. Abgesehen davon, dass die beiden Sätze grammatikalisch parallel formuliert sind – dieser Streit ist nicht der Streit zwischen Juden und Christen. Es ist ein innerjüdischer Konflikt. Die einen halten Jesus für den Messias, der das Gesetz des Mose erfüllt, die anderen für einen gefährlichen Reformer, dessen Erneuerungsbestrebungen das Fundament des jüdischen Glaubens gefährden.

Ein Streit, der Nichtjuden zunächst nichts angeht. Und ein Streit, in den wir uns nicht einzumischen haben. In der Geschichte des christlich begründeten Antisemitismus dienten Worte wie diese, aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang gerissen, als Waffen im Kampf gegen Gottes auserwähltes Volk. Noch heute wird auf einer antisemitischen Website mit diesen Worten aus dem Johannesevangelium judenfeindliche Propaganda gemacht.

Auch die angedeutete Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium ist vor diesem Hintergrund nicht unproblematisch. Die Unterscheidung zwischen dem Anspruch des Gesetzes und dem Zuspruch des Evangeliums ist nicht mit einer schlichten Zuordnung zu Judentum und Christentum oder Altem und Neuem Testament aufzulösen. Gerade in einer Zeit, in der einfache Zuordnungen wieder im Kommen sind, ist es wichtig, den einfachen Lösungen zu widersprechen.

Als Nichtjuden, als Gottes Volk aus den Völkern, leben wir von einer anderen Gnade und Wahrheit: Davon, dass der Gott Israels der Vater Jesu Christi ist und wir durch Jesus Christus einen Zugang zu ihm haben.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Eine Tür, viele Wohnungen?

13. Januar 2017 von redaktionguh  
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Wir Christen sind tolerant, rücksichtsvoll und folgen dem Gebot der Nächstenliebe. Das gilt zunächst natürlich im Umgang mit unseresgleichen unterschiedlicher Prägung. Wir können trotz Verschiedenheit miteinander beten und Gottesdienst feiern. Zum Anfang eines Jahres wird das bei der Allianzgebetswoche deutlich. Christliche Kirchen und Gemeinschaften treffen sich, lernen sich kennen.

Auch im Zusammenhang mit Juden und Muslimen werden die gemeinsamen Wurzeln der abrahamitischen Religionen betont. War es nicht Jesus selbst, der erklärte: In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen. Darauf wies auch der Weimarer Pfarrer Frieder Krannich in seiner Predigt zu Beginn der Allianzgebetswoche hin. Allerdings stehe das im krassen Widerspruch zum Absolutheitsanspruch, den Jesus in den »Ich bin«-Worten formulierte. So hatte ich die Worte bislang nicht verstanden. Ich hielt sie eher für eine Orientierung. Aber Krannich hat natürlich recht, denn Jesus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ein anderer Weg scheint ausgeschlossen. Das verwirrt. Was soll man da auf die Frage antworten, ob wir alle an denselben Gott glauben? Ich weiß es nicht.

Vielleicht muss ich es auch nicht wissen. »Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde«, so beginnt unser Glaubensbekenntnis und das ist, wenn ich die unterschiedlichen Statements in dieser Ausgabe lese, der größte gemeinsame Nenner. Ich muss gar nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Dieser Glaube kann Berge versetzen und hat von Abraham bis heute schon vielen geholfen. Was glauben Sie? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften: redaktion@glaube-und-heimat.de

Willi Wild

Das Leben der anderen

19. Juni 2016 von redaktionguh  
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Interreligiöser Dialog: »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen« – Christen und Moslems begegnen sich

Dialog, aus dem Griechischen  für »sich unterhalten«, scheint einfach, wenn es um das Gespräch mit Gleichgesinnten geht. Doch wie funktioniert der Dialog der Religionen? Ein Selbstversuch.

Ein Schild am Kellereingang im Hinterhof, das war’s. Zur gängigen Vorstellung von einer Moschee passt dieser Ort nicht. Die schwere Kellertür steht offen. Drinnen Teppichboden, draußen stehen Schuhe. Dass sich hierher jemand zufällig verirrt, ist unwahrscheinlich. Ich bin verabredet mit Vertretern des Vereins »Haus des Orients« und mit Ramón Seliger, Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Weimar. Es soll um den interreligiösen Dialog gehen oder einfacher ausgedrückt, um Begegnung. Was wissen wir voneinander und wie leben wir unseren Glauben im Alltag? Ein spannendes Experiment. Osama Hegazy, promovierter Architekt aus Ägypten, bittet uns freundlich, auf dem Boden Platz zu nehmen. Im Hauptberuf kümmert er sich im Jobcenter als Vermittler um Flüchtlinge und Migranten aus arabischen Ländern. Für die Moschee und den Verein ist er ehrenamtlich tätig. Auch der Imam, der Vorbeter, Krim Seghiri aus Algerien. Der Prüftechniker arbeitet in der Woche in Augsburg. Zum Freitagsgebet ist er pünktlich in Weimar zurück.

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Ramón Seliger (Mitte), Krim Seghiri (re.) und Osama Hegazy (li.) im »Haus des Orients« in Weimar – ein Pfeil an der Decke zeigt nach Mekka. Fotos: Harald Krille

Im Moment verbringen sie viel Zeit in der Moschee. Es ist Ramadan. Fünf Gebetszeiten pro Tag. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Mit Sonnenaufgang wird gefastet und gebetet. Das ist diesmal eine besondere Herausforderung. Die Sonne geht bereits um 3 Uhr auf und erst nach fast 19 Stunden unter. »Das Leben im Ramadan ist anders«, erklärt Hegazy. Die Muslime leben in dieser Zeit wie eine Familie zusammen. Das Fasten ist eine gemeinsame religiöse Übung. Nur Kinder, Schwangere und Kranke sind ausgenommen. Der Ramadan sei ein Monat der Einkehr und Sammlung. So wie das wöchentliche Freitagsgebet. Sie treffen sich im »Haus des Orients«. So nennen sie den Versammlungsraum im Keller. 65 Quadratmeter, auf denen sich bis zu 150 Gläubige drängeln. Sie kommen aus Pakistan, Tunesien, Marokko, Libyen, Sudan, Eritrea, Irak, Syrien, Bangladesch, Indonesien oder aus europäischen Ländern. Die arabischen Worte des Vorbeters werden ins Deutsche, Englische und in Urdu, einer Sprache die in Pakistan und Indien gesprochen wird, übersetzt. Durch die Flüchtlinge ist der Raum viel zu klein geworden. Dicht stehen die Männer beim Freitagsgebet hintereinander.

Ramón Seliger hört interessiert zu. Der Vikar sucht den Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und den Muslimen. Er will Beziehungen aufbauen, das Kennenlernen befördern. Nach dem Attentat von Paris hat er Muslime besucht und ihnen gesagt, dass er für sie bete. Er sieht im interreligiösen Dialog auf Gemeindeebene auch eine diakonische Dimension. Und er möchte das religiöse Leben der Muslime aus dem Hinterhof herausholen in die Öffentlichkeit. »Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen«, meint er. Osama Hegazy nickt: »Vor allem für unsere Kinder ist es wichtig, nicht isoliert aufzuwachsen.« Deshalb sei er froh, wenn es Begegnung zwischen den Religionen gäbe und wenn man sich in der Moschee oder in der Kirche treffen könne. Er selbst habe in Alexandria eine katholische Schule besucht. Für ihn ist wichtig, dass hier ein religiöses Leben deutscher Prägung entstehe und nicht islamische Traditionen aus anderen Ländern importiert würden.

»Ein Theologe, der hier ausgebildet wird, kann ganz anders entscheiden«, so Hegazy. Auch in der Gesellschaft sei Aufklärung nötig, ergänzt Seliger. »Die Sachbearbeiter auf den Ämtern können sich oft nicht vorstellen, welche Bedeutung die Religion für Menschen haben kann.« Deshalb wollen Osama Hegazy und Krim Seghiri ihr Haus offen halten und das Gespräch suchen. Für sie zählt zunächst der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit. In der Ausgrenzung sehen sie die größte Gefahr. Dadurch würden Menschen empfänglich für radikale Ansichten. Auch da sind sich der Vikar und der Imam einig, bei aller Unterschiedlichkeit.

Bevor sie auseinander gehen, werden Kontaktdaten ausgetauscht. Es soll eine Fortsetzung geben. Dann in einer Kirche und mit den Familien. Ein Anfang ist gemacht.

Willi Wild

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von redaktionguh  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

»Das Beste der Stadt suchen«

16. Mai 2016 von redaktionguh  
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Dreizehn prägende Jahre hat Luther in Mansfeld verbracht. Heute leben die Christen hier in der Minderheit – zwischen Reformationsjubel und Gemeindealltag.

Ein verregneter Vormittag. Die Läden: geschlossen. Der Marktplatz: leer. Unter den Regenschirm geduckt, huscht der Ortsunkundige an Luthers Elternhaus vorbei, einzig die kühne Betonfassade des Museumsneubaus gegenüber fällt ins Auge.

Der Titel der Dauerausstellung lautet: »Ich bin ein Mansfeldisch Kind«. Martin Luther stellte sich damit in einem Brief im Oktober 1545 vor; nicht einmal ein halbes Jahr später starb der Reformator in Eisleben, wo er 1483 auch geboren wurde. Nur 15 Kilometer von Eisleben entfernt, das mit Geburts- und Sterbehaus sowie dem Zentrum Taufe auftrumpft, liegt Mansfeld im Schatten von Luthergedenken, Reformationsjubel und spirituellem Tourismus.

Seit der Eröffnung im Juni 2014 haben nach Angaben der Stiftung Luthergedenkstätten 13 500 Gäste das Mansfelder Elternhaus besucht. Jährlich, so Stiftungssprecher Florian Trott, zähle man rund 6 000 Gäste. Zum Vergleich: Luthers Geburts- und Luthers Sterbehaus in Eisleben werden jährlich von jeweils rund 25 000 Menschen besucht, im Wittenberger Lutherhaus zählt man gar 85 000 Gäste pro Jahr. »Mansfeld hat tatsächlich noch ganz viel Luft nach oben«, sagt Florian Trott.

Pfarrer Matthias Paul. Foto: Katja Schmidtke

Pfarrer Matthias Paul. Foto: Katja Schmidtke

Dabei gilt die Neueröffnung des Museums in der Kleinstadt als Meilenstein. »1983 war Mansfeld als Lutherort ausgeknipst«, sagt Matthias Paul, Pfarrer und promovierter Kirchenhistoriker. Was das bedeutet, ist in der Stadtkirche St. Georg zu sehen. Zuletzt umfassend saniert wurde der aus dem 15. Jahrhundert stammende Sakralbau 1929/1930. Jahrzehntelang war das Dach undicht, nun ist es geschlossen und die Außenfassade saniert. Im Kircheninneren trocknen die Feuchteschäden. Decke, Wände, Fußböden müssen neu gefasst, Elektrik und Heizung erneuert, Kunstgüter gereinigt und gesichert werden. Jahrelang gab es keine positiven Bescheide für Mittel aus dem Reformationstopf des Bundes, konstatiert Matthias Paul, der seit 2009 Pfarrer in der Stadt ist. Gleichwohl konnten nach und nach Unterstützer gefunden werden. Landeskirche, Kirchenkreis, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Lotto Toto und viele kleinere Stiftungen haben Geld bereitgestellt. Auch Landesmittel sind erneut avisiert. Wie das Bildungsministerium mitteilt, sind in die Sanierung seit 2011 rund 800 000 Euro geflossen. Ganz richtig ist das nicht. Denn 480 000 Euro sind noch nicht ausgezahlt. »Der schon vergangenes Jahr angekündigte Bescheid fehlt bislang«, sagt Matthias Paul. Insgesamt soll die Sanierung des Innenraums rund 680 000 Euro kosten.

Doch selbst wenn die Kirche zum 500. Reformationsjubiläum nicht in altem Glanz erstrahlt, so hat die Kirchengemeinde Glanzpunkte gesetzt. In der Grafenloge spiegeln zwei Glasfenster von Julian Plodek Mansfelder und Reformationsgeschichte und wecken die Neugier auf eine bereits konzipierte Ausstellung über die Geschichte von Stadt und Kirchengemeinde. Über dem Eingangsportal grüßt die im Vorjahr geschaffene Plastik von Marc Fromm »Luther als Treckejunge« .

»Luther ist in Mansfeld pausenlos ein Thema«, sagt Pfarrer Paul. Stadt, Museum und Kirche befruchten sich gegenseitig. Im vergangenen Jahr besuchten mehr als 3 000 Menschen die St.-Georgskirche – meist Individualreisende, Kirchengemeinden und Schüler der Region. Dass sich Mansfeld als Ort nationaler Bedeutung keinen Namen gemacht hat, stellt Bürgermeister Gustav Voigt (Freie Wähler) mit Bedauern fest. Zuletzt hatte sich die Kommune zwei Mal erfolglos um Fördergelder des Bundes beworben, um das Umfeld des Museums aufzuwerten. Nun nimmt man einen dritten Anlauf und blickt erwartungsvoll ins kommende Jahr: Bürgermeister Voigt wünscht sich mehr Besucher zum Reformationsjubiläum und setzt viel Hoffnung in den Erweiterungsantrag zum Weltkulturerbe: Mansfeld soll mit dem Elternhaus und der Stadtkirche aufgenommen werden.

Dass mehr Touristen kommen, wünscht sich auch Pfarrer Paul. Aber wichtiger als Besucherströme im Jubeljahr sei es, den Menschen hier mithilfe von Kirchen- und Reformationsgeschichte ihre eigene Herkunft zu erschließen, um mit mehr Hoffnung das Beste der Stadt zu suchen. In der Kernstadt »Tal Mansfeld« leben rund 1 500 Menschen, davon sind rund 220 Kirchenmitglieder. Eine Stütze vor Ort ist das Johanniterhaus. Neben der Lutherstadt ist Pfarrer Paul zuständig für neun weitere Gemeinden. Elf Kirchen, acht Pfarrhäuser und drei Friedhöfe sind in kirchengemeindlicher Verantwortung. Gottesdienste gibt es in großen Orten wie Mansfeld alle 14 Tage, sonst monatlich, außer in Klostermansfeld, wo wöchentlich mit Hilfe von Lektoren Gottesdienst gefeiert wird. »Unsere vier Gemeindekirchenräte sind sich einig, Gottesdienste und Gemeindegruppen so lange wie möglich nicht zu zentralisieren«, sagt Matthias Paul. Und so wird zum Beispiel auch für einen Konfirmanden ein festlicher Gottesdienst ausgerichtet. Jugendarbeit ist schwer, gibt der 42-Jährige zu. Nicht zuletzt deshalb, weil im Mansfeldischen bereits die dritte Generation Menschen aufwächst, denen die Kirche fern ist.

Für Matthias Paul führt diese Tatsache zum Nachdenken über die Reformation und wie aktuell sie heute ist. Den Kirchen laufen die Mitglieder davon, genauso geht es Parteien und Vereinen. »Die Menschen sind nicht mehr bereit, sich zu binden. Es gibt ein Problem mit Institutionen.«

Katja Schmidtke

Auswendiglernen macht schlau

1. Mai 2016 von redaktionguh  
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Gedankensport: Gerade in Notzeiten haben auswendig gelernte Worte und Gebete Menschen getragen

Rogate – betet, so lautet die kirchliche Bezeichnung für diesen Sonntag. Doch wie und wofür betet man richtig?

Eine Frage, die auch die Jünger Jesu beschäftigte. Jesu Antwort: das Vaterunser. Bis heute betet es die Christenheit auf der ganzen Welt. Wirklich? In Deutschland kennt es jeder Zweite auswendig. Klingt gut, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass bei nominell rund 60 Prozent Mitgliedern christlicher Kirchen auch etliche ohne Textvorlage nicht mitsprechen können. Von anderen Bibelstellen wie Psalm 23, der Bergpredigt, Jesu »Ich bin«-Worten oder den Zehn Geboten, Luthers kleinem Katechismus und den kernigen Trost- und Glaubensliedern eines Paul Gerhardt ganz zu schweigen. Und es werden wohl immer mehr Nichtkenner. Denn Auswendiglernen gilt bei vielen als mega-out. Zumindest in der kirchlichen Konfirmanden- und Jugendarbeit. Statt »sturem« Auswendiglernen, so hört man immer wieder, sollen die jungen Menschen lieber Zusammenhänge erkennen, durch Verknüpfungen zu eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen gelangen. Bloß: Zum Verknüpfen bedarf es fester Punkte, sicherer Fakten.

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Warum auswendig lernen, steht doch alles im Internet? – Wer auswendig lernt, begreift Inhalte besser und schult das Gedächtnis. Fotos: sveta – Fotolia

Abgesehen davon haben Studien gezeigt, dass das Auswendiglernen zu Unrecht in Verruf ist. Jeffrey Karpicke vom Psychologischen Institut der Purdue Universität in Indiana (USA) hat es getestet. Studenten sollten sich einen wissenschaftlichen Text einprägen, um anschließend möglichst viel vom Inhalt wiedergeben zu können. Eine Gruppe bediente sich dabei der Methode des »Concept Maps«. Dabei wird zum Inhalt eine Art »Begriffslandkarte« erarbeitet, auf der mit Pfeilen und Diagrammen Begriffe visualisiert und Inhalte verknüpft werden. Die andere Gruppe versuchte, sich die Inhalte durch sture Wiederholung einzuprägen.

Das Ergebnis: Die Auswendiglerner wussten hinterher wesentlich mehr vom Inhalt, wie die Tageszeitung »Die Welt« vor einigen Jahren zu berichten wusste. Selbst im Blick auf das Langzeitgedächtnis waren die traditionell Lernenden im Vorteil. Auswendiglernen gehört seit jeher zur jüdisch-christlichen Kultur. Der Anfang der biblischen Überlieferung, vor der schriftlichen Fixierung, ist das Weitererzählen. Martin Luther war der Meinung, dass ein Christenmensch – neben dem kleinen Katechismus – auch die gesamten Psalmen auswendig kennen sollte. Solche auswendig gelernten Worte und Gebete haben Menschen immer wieder durch Not- und Leidenssituationen getragen. Gerade dann, wenn keine Bibel, kein Nachschlagewerk, kein Liederbuch zur Hand war.

In Nordkorea, so berichten Missionswerke, lernen die in der Illegalität lebenden Christen ganze Bibelabschnitte auswendig. Nur so können sie den Schatz des Evangeliums weitertragen in einer Gesellschaft, in der der aufgedeckte Besitz einer Bibel oft genug einem Todesurteil gleichkommt.

Freilich geht es dabei nicht um stures Pauken von Fakten. Im Englischen spricht man vom »to know something by heart« – »etwas mit dem Herzen wissen«.

Immerhin gibt es Ansätze einer Trendwende, auch in den Kirchen. Der Schweizer Pfarrer Peter Schafflützel entwickelte als Hobbyinformatiker bereits vor sechs Jahren die Bibel-App »Remember Me« (Erinnere mich). Sie will dabei helfen, in spielerischer Art Bibelverse auswendig zu lernen. Zwar könne er Bibelverse auch jederzeit mit seinem Smartphone nachschlagen, aber: »Die auswendig gelernten Texte trage ich in meinem Herzen, wodurch sie ein zusätzlicher Kommunikationskanal zwischen Gott und mir sind«, erklärt er. Bereits im vergangenen Jahr hatten mehr als eine Million Menschen sich diese App, die der Pfarrer ständig weiterentwickelt, auf ihre Smartphones geladen.

Von einem steigenden Interesse am Auswendiglernen berichtet auch das Missionswerk »Die Navigatoren« in Bonn. Ihr vierteiliges Bibelvers-Auswendiglern-Projekt »Bible to grow« hat sich zu einem richtigen »Renner« entwickelt. »Lass Gottes Verheißungen in Kopf und Herz hinein und erlebe, wie sie dein Denken und Handeln verändern«, heißt es dazu auf der Website.

Harald Krille

http://de.remem.me

www.navigatoren.de/b2gr

Miteinander reden

17. April 2016 von redaktionguh  
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Der Gesprächsbedarf ist groß, die Unsicherheit wächst. Mit der Diskussion über den Umgang mit der AfD waren die Frühjahrssynoden der EKM und der Landeskirche Anhalts in Drübeck und Zerbst nah dran am gesellschaftlichen Diskurs. Argumentieren oder ausgrenzen? – Darüber wurde bis spät in die Nacht trefflich debattiert. Von der generellen Ächtung der Rechtspopulisten bis zur Dialogbereitschaft mit AfD-Mitgliedern und -Wählern reichte die Bandbreite.

Das Thema ist längst in den Kirchengemeinden angekommen, und deshalb ist es gut, dass sich das Kirchenparlament damit beschäftigt. Wenn Regionalbischof Propst Christian Stawenow den Glauben, der durch die Liebe tätig wird, als Maßstab christlichen Handelns vorgibt, hat er recht. Das gilt nicht nur in der Einschätzung von Parteien, sondern sollte auch die Richtschnur im Umgang mit Andersdenkenden sein.

Als Christen wollen und müssen wir uns deutlich abgrenzen und Menschenverachtung sowie undemokratisches Handeln öffentlich anprangern. Kirche hat dabei ein Wächteramt inne. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und dürfen nicht schweigen. Das Liebesgebot gilt aber auch gegenüber denen, die die AfD gewählt haben. Die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft macht nicht vor den Kirchengemeinden halt. Doch wo, wenn nicht dort, sollten Gräben überwunden werden können?

Wo versucht wird, die Einheit der Christen zu leben, kann es nicht um Ausgrenzung gehen. Die Grundlage unseres gemeinsamen Lebens ist die Verständigung. Die Synoden haben den Anfang gemacht. Jetzt muss es in den Kirchenkreisen und vor Ort in den Kirchengemeinden weitergehen. Ich bin gespannt.

Willi Wild

Mitmachen ist angesagt

6. März 2016 von redaktionguh  
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Eigentlich eine Binsenweisheit – die Gestaltung unseres Gemeinwesens gelingt nicht ohne Beteiligung. Eine Weisheit allerdings, die in Erinnerung gerufen werden muss. Insbesondere im Vorfeld von Wahlen.

In Sachsen-Anhalt wird ein neuer Landtag gewählt. Wie er sich zusammensetzt, das hängt nicht nur von der Frage ab, wer wo sein Kreuzchen macht, sondern auch davon, wer sich in Bewegung setzt zur Wahl. Gerade die Hälfte der Wahlberechtigten war das bei der letzten Wahl. Warum? Weil die Menschen zufrieden sind? Das wäre die eher zynische Deutung. Wahrscheinlicher ist, dass die Gestaltung des Lebens eine immer komplexere Aufgabe ist. Und damit schwerer durchschaubar.

Manche entwickeln dann das Gefühl, in Wirklichkeit doch nichts verändern zu können. Andere suchen nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Und schließlich gibt es noch die, die einfach Schuldige suchen. Deren Zahl ist größer geworden in den vergangenen Monaten. Aber das Leben verträgt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen. Es fordert die Mühe, sich Gedanken zu machen über sich und die Welt. Und es braucht Menschen, die sich dieser Herausforderung stellen. Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die sich manchmal übel beschimpfen lassen müssen dafür. Menschen mit Stärken und Schwächen, denen wir als Christen Gebet und Begleitung schuldig sind.

Und es braucht Menschen, die nicht einfach alles laufen lassen, wie es halt läuft; die nachfragen, sich eine Meinung bilden, und diese dokumentieren am Tage der Wahl.
Demokratie braucht Beteiligung. Eine Binsenweisheit. Eigentlich.

Albrecht Steinhäuser

Der Autor ist Beauftragter der evangelischen Kirchen in Sachsen-Anhalt bei Landtag und Landesregierung.

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