Damenprogramm

11. August 2017 von redaktionguh  
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Grande Dame der Diakonie: Brigitte Schröder, Gründerin und langjähriger Motor der Grünen Damen und Herren, eine der größten Organisa­tionen für Ehrenamtliche, der Kranken- und Alten-Hilfe.

Alles fing damit an, dass sich in den 60er-Jahren eine deutsche Außenministergattin auf Reisen im üblichen Damenprogramm langweilte: Brigitte Schröder (1917–2000) schlug vor, in Washington Krankenhäuser zu besichtigen. Sie war die Frau des damaligen Chefdiplomaten Gerhard Schröder (CDU) – nicht zu verwechseln mit dem späteren SPD-Bundeskanzler – und hatte bereits als engagierte Lokalpolitikerin in Düsseldorf ein Herz für soziale Themen gezeigt.

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nicht alle in Grün: Das Geraer Team des Besuchsdienstes (v. l.): Juliane Rösner (sitzend), Linda Vernickel, Elke Päßler, Barbara Müller, Margot Hertel, Ilona Klimke, Birgit Kluck, Erika Hummel, Anita Herzog, Heike Kaselowsky, Kinda Al Baghdadi, Hubert Kreußler, Monika Kümritz, Helga Haase. Foto: Wolfgang Hesse

Nun also inspizierte sie US-Kliniken und lernte die »Pink Ladies« kennen. Die Ehrenamtlichen in rosa Kitteln besuchten die Patienten. »Und da sah ich die Lücke in Deutschland«, erinnerte sich Schröder später. »So kam es zu den Grünen Damen bei uns.«

Seit 1969 besuchen auch in Deutschland Ehrenamtliche Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern, machen kleine Besorgungen, haben Zeit für ein Gespräch, trösten und hören zu. Ihr Erkennungszeichen sind Kittel in Lindgrün – denn das Rosa der Washingtoner Ideengeberinnen missfiel Schröder, nüchtern, wie sie war. Derzeit sind mehr als 8 000 Grüne Damen und rund 700 Grüne Herren für die Evangelische Kranken- und Alten-Hilfe (eKH) im Einsatz.

Schröder wurde vor 100 Jahren, am 28. Juli 1917, in Breslau als Tochter eines Bankiers geboren. Die Ehe mit Gerhard Schröder im Jahr 1941 konnte nur mit einer Sondergenehmigung geschlossen werden, da sie zwei jüdische Großelternteile hatte. Die Mutter von drei Kindern galt als energisch und organisationsbegabt und knüpfte auch bei der Gründung der Grünen Damen und Herren schnell die entscheidenden Fäden. Alles begann im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in dessen Kuratorium sie saß und wo sie eine Gruppe Einsatzbereiter um sich versammelt hatte. »Am Anfang bin ich schon von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, habe Klinken geputzt«, erinnerte sie sich später. Jede Stationsschwester musste überzeugt, jedes Haus musste Stück für Stück erobert werden, bis das »Lieblingskind« der zupackenden Frau zum unverzichtbaren Dienst an heute mehr als 750 Krankenhäusern und Altenheimen im gesamten Bundesgebiet werden konnte. Fast im Alleingang organisierte Schröder von Bonn aus, dass Ehrenamtliche auf Station vorlasen, zu Spaziergängen luden und kleinere Dienste erledigten. Erst 1992 kam in der Zentrale ein Geschäftsführer hinzu. Die eKH wuchs. Die Mitarbeiterschaft ist keineswegs nur evangelisch, die Arbeit ökumenisch.

Der gemeinsame Nenner heißt: christliche Nächstenliebe. 1979 fand sich der erste Grüne Herr. Heute sind rund zehn Prozent Männer. Krankenhäuser und Altenheime beteiligten sich an der Finanzierung der Nebenkosten.

Schröders Nachfolgerinnen im Vorstand, Gabriele Trull und inzwischen Käte Roos, haben die eKH in einen eingetragenen, gemeinnützig anerkannten Verein überführt und nach dem Tod der Gründerin die Brigitte-Schröder-Stiftung gegründet. Die Geschäftsstelle ist in Berlin. Immer noch finanziert sich die eKH hauptsächlich durch Spenden. Man steht nach eigenen Angaben in freundschaftlichem Austausch mit der 1971 gegründeten Katholischen Krankenhaus-Hilfe. Und immer stehen neue Aufgaben an: etwa die Begleitung von Menschen mit Demenz oder mit Migrationshintergrund.

Brigitte Schröder starb im Jahr 2000 in Bonn. »Meine schönsten Momente sind natürlich immer die, wenn neue eKH-Gruppen zu uns stoßen«, sagte sie 1996. »Ich habe ja schon immer auf der positiven Seite gelebt. Das ist mein Lebensprinzip.« (epd)

Ebba Hagenberg-Miliu

ekh-deutschland.de

»Es gibt keine Kampagne«

14. August 2016 von redaktionguh  
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Offene Kirchen: Workshops geplant

Kirchen öffnen – das ist der Appell von Landesbischöfin Ilse Junkermann. Ihm zu folgen, dazu ermutigt eine eigens gegründete Arbeitsgruppe, die nun auch Workshops anbietet. Was es damit auf sich hat, erklärt Regionalbischof Diethard Kamm (Gera).

Mutmacher, dieses Wort lässt der Propst gelten. Er und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe »Initiative Offene Kirchen« wollen Mut dafür machen, die Kirchentüren aufzuschließen. Oder zumindest einmal darüber nachzudenken. Mit einer zwölfseitigen Handreichung informieren sie die Kirchengemeinden der EKM. Seit Monaten fahren sie für Gespräche übers Land. Nun bieten sie in den Propsteien auch Workshops zum Thema an. Den Auftakt der Reihe wird es am 16. August, 18 Uhr, im Gemeindehaus in Gera geben.

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

Propst Diethard Kamm – Foto: EKM

»Erste Anmeldungen sind eingegangen«, sagt Diethard Kamm, der die Arbeitsgruppe leitet. Sehr viele Ehrenamtliche seien darunter, wobei sich das Angebot ebenso an Pfarrer und Mitarbeiter richtet. Wer spontan dazukommen möchte, ist eingeladen. Zwei bis drei Stunden wird der Workshop dauern. Zunächst wird die Arbeitsgruppe in einer Präsentation das Anliegen »Offene Kirchen« vorstellen, anschließend sollen gemeisam Chancen und Möglichkeiten sowie Ängste und Sorgen formuliert werden.

»Es ist die Entscheidung jeder Kirchengemeinde, die Kirche zu öffnen oder eben nicht«, erklärt Diethard Kamm. Keine Kampagne also und auch kein Patentrezept für die angemessene Form der Öffnung. »Geöffnet kann heißen: ständig, in den Sommermonaten, an den Wochenenden oder auch nur der Hinweis, wer die Tür öffnen kann.« Solche Varianten sind bereits jetzt vielerorts üblich, wie Kamm bei seinen Besuchen in den Gemeinden erfuhr. Und zwar längst nicht nur bei jenen 140 Kirchen, von denen der EKM in ihrem Gebiet eine verlässliche Öffnung offiziell bekannt ist.

Wie viele Kirchen tatsächlich außerhalb der Gottesdienste zugänglich sind, das ermittelt aktuell eine Umfrage bei den Gemeinden. Diese Angebote sollen sichtbar werden, zum Beispiel auf der Internetseite »Kirchenlandkarte Mitteldeutschland« oder über die Kirchen-App der EKD. »Noch wird die Chance, die landeskirchliche Ebene als Multiplikator einzusetzen, zu wenig genutzt«, sagt Diethard Kamm. Die Landeskirche ist aber auch gefragt, wenn es um den Umgang mit Vandalismus und Diebstahl geht. Wie hier eine Unterstützung für die Gemeinden aussehen könnte, werde derzeit überlegt.

Noch eines ist Kamm wichtig: Natürlich verwies der Appell der Landesbischöfin, die Kirchen zu öffnen, auf das 500. Reformationsjubiläum. Aber die Idee der offenen Kirchen soll über den 31. Oktober 2017 hinaus getragen werden. Mit Mut geht das leichter.

Susann Winkel

Workshop-Termine: 31. August in Weimar; 10. September in Meiningen und 13. September in Halle

www.gemeindedienst-ekm.de

Stöbern bei Zweimalschön

13. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Name ist Programm: Im Haus der Magdeburger Stadtmission hat ein Charity-Shop eröffnet

Skeptisch nehmen die Bauleute die aparte violette Tapete und die Kristalllüster im Eingangsbereich wahr. Sie wollen mal schauen, ob es im neuen Second-Hand-Laden Zweimalschön etwas für sie gibt. Der ist etwas anders als andere, neu eröffnet im Haus der Magdeburger Stadtmission. Nicht beste Lage, aber gut erreichbar im Stadtzentrum. Das Angebot stammt aus Spenden und alles wirkt wie in einer Boutique. Diesmal finden die Männer zwar nichts, aber sie kommen wieder.

»Wir sind ein Charity-Shop, das heißt: alles was wir anbieten, stammt aus Spenden«, erläutert die Filialverantwortliche Monique Rehwald. Ungläubigen Blicken auf originalverpackte Ware oder makellose Handtaschen begegnet sie lächelnd: »Haben Sie noch nie etwas gekauft oder geschenkt bekommen, was Sie nicht brauchten?«

Stöbern im geräumigen Shop Zweimalschön in Magdeburg: Der Charity-Laden ist wie eine Boutique gestaltet. Foto: Renate Wähnelt

Stöbern im geräumigen Shop Zweimalschön in Magdeburg: Der Charity-Laden ist wie eine Boutique gestaltet. Foto: Renate Wähnelt

Zweimalschön ist ein Projekt der seit mehr als 50 Jahren tätigen Deutschen Kleiderstiftung, die ihren Sitz in Helmstedt hat. Seit dem 26. September bieten Haupt- und viele Ehrenamtliche in Magdeburg Damen-, Herren- und Kinderkleidung, Schuhe, Haushaltwäsche, Spiele, Bücher, Geschirr, Kleinmöbel und Accessoires im Erdgeschoss des Katharinenhauses an. Der Eingang muss noch fertig hergerichtet werden, doch innen empfängt Wohlfühlatmosphäre.

Eine schwangere junge Frau mit Kopftuch sucht beim Kleinstkindspielzeug und bei den winzigen Hosen. Eine Frau mittleren Alters, sehr elegant, stöbert einfach, lässt einen Schal durch die Finger gleiten. Ein Buch hat sie schon zum Bezahlen bereitgelegt. Im Fenster hängen Dirndl und andere Trachtenmoden. »Wir haben Oktoberfestzeit; danach werden wir hier wohl weniger Interesse an Trachten haben und gestalten dann um«, sagt Monique Rehwald. »Dort schicken wir auf Weltreise«, sie weist auf einen Koffer mit entsprechendem Inhalt inklusive Reiseführer. Das Sortiment ist bunt, liebevoll präsentiert, ein Wiederkommen lohnt.

Die Deutsche Kleiderstiftung kooperiert beim Magdeburger Zweimalschön mit der Stadtmission und setzt deren Tradition des Lädchens fort. »Zweimalschön macht das professioneller und ohne Stigmatisierung der Nutzer«, sagt Stadtmissions-Geschäftsführer Reinbern Erben. Niemand muss in der neuen Boutique seine Bedürftigkeit nachweisen. Das Lädchen im Hinterhof hat ausgedient, Zweimalschön präsentiert sich selbstbewusst.
»Wir nehmen jederzeit Spenden jeder Art, außer große Möbel, entgegen«, wirbt Monique Rehwald. Die Stiftung sortiere alles für mögliche Empfänger, denn Zweimalschön sei nur eine Verwertungsmöglichkeit unter vielen. Die Stiftung helfe auch Obdachlosen und Flüchtlingen, sende Transporte nach Albanien und Afrika, Russland und in die Ukraine. Für die Arbeit im Laden Zweimalschön und beim Sortieren und Auspreisen seien außerdem weitere Ehrenamtliche herzlich willkommen.

Renate Wähnelt

Zweimalschön, Leibnizstraße 4, Magdeburg, hat geöffnet Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Sonnabend bis 16 Uhr.

www.kleiderstiftung.de

»Da war eine Menge Heiliger Geist dabei«

1. April 2015 von redaktionguh  
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Zweite Zukunftskonferenz eröffnet neue Perspaektiven für die Kirche in der westlichen Altmark

Zum zweiten Mal lud der Kirchenkreis Salzwedel haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter zu einer Zukunftskonferenz ein. Sie ist Teil eines Prozesses, in dem neue, kreative Wege für die Zukunft der Kirche in der westlichen Altmark gesucht werden. Harald Krille sprach darüber mit dem verantwortlichen Pfarrer Jochen M. Heinecke.

Herr Heinecke, ist die Zukunft der evangelischen Kirche im Kirchenkreis Salz­wedel gesichert?
Heinecke:
Die Zukunft der Kirche im Altmarkkreis-West ist gesichert. Nicht weil wir neue Strukturen gefunden haben, sondern weil sich Menschen wieder ganz neu bewusst geworden sind, was sie selber haben und was sie selber sind. Und dass Kirche nicht irgendwas ist, was Pfarrer oder Kirchenleitungen sich ausdenken, sondern das, was Leute vor Ort gestalten.

Wer sind die Menschen, von denen sie da sprechen?
Heinecke:
Das sind zum Beispiel die mehr als 70 Leute, die zu unserem zweiten Zukunftskonferenz-Tag nach Gardelegen gekommen sind.

Was ist das besondere an dieser Zukunftskonferenz?
Heinecke:
Das Besondere sind zwei Dinge. Erstens: Es beraten nicht Experten für Verbraucher. Das heißt, es sind nicht nur Pfarrer oder irgendwelche studierten Fachleute zusammen, die dann sagen, wie Kirche vor Ort funktionieren soll. Sondern es beraten hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter, Pfarrer und Gemeindekirchenräte und andere Interessierte. Und das Zweite: Wir haben diese Zukunftskonferenz auf drei Tage mit jeweils einem halben Jahr Pause zum Nachdenken dazwischen aufgeteilt.

Und was ist bisher herausgekommen?
Heinecke:
Beim ersten Treffen haben wir Bestandsaufnahme gemacht: Wo leben wir eigentlich, was sind die Einflüsse auf unsere Arbeit von außen und von innen? Und da waren wir ziemlich traurig, weil wir gesehen haben, dass wir immer weniger werden, dass da vieles ist, was es uns schwer macht. Wir hatten noch nicht richtig erkannt, was wir dieses Mal erkannt haben, dass so ein Prozess ja auch Befreiung ist, dass wir damit auch Lasten loswerden können.

Perspektivenwechsel: Die eigenen Stärken (grün) und Chancen (gelb) standen diesmal im Fokus der 2. Zukunftskonferenz des Kirchenkreises Salzwedel in Gardelegen. Die dritte Konferenz ist für den 10. Oktober vorgesehen. Foto: Jochen M. Heinecke

Perspektivenwechsel: Die eigenen Stärken (grün) und Chancen (gelb) standen diesmal im Fokus der 2. Zukunftskonferenz des Kirchenkreises Salzwedel in Gardelegen. Die dritte Konferenz ist für den 10. Oktober vorgesehen. Foto: Jochen M. Heinecke

Jetzt, bei der zweiten Konferenz, haben wir gefragt, was sind unsere Stärken? Und was haben wir, weil wir diese Stärken haben, für Chancen? Das war plötzlich ein ganz anderes Klima, eine richtig begeisternde Erfahrung.

Die Überschrift hieß ja »Potenziale und Schätze besser nutzen«. Welche Schätze haben Sie denn?
Heinecke:
Wir haben Gegenstände und wir haben Menschen. Das heißt, wir haben viele Kirchen, viele Räume, und damit viele Begegnungsmöglichkeiten vor Ort. Wir sind nahe bei Menschen. Wir sind kleinteilig aufgestellt in den einzelnen Orten. Wir haben Nähe zu Menschen und vor allem, wir haben die Menschen. Wir haben viele engagierte Ehrenamtliche: Wir haben Musiker, wir haben Leute, die den Friedhof in Ordnung halten, also in der ganzen Bandbreite der Begabungen. Daraus ergeben sich natürlich auch viele Chancen. Wir müssen gar nicht so viel Angst haben. Als am Nachmittag die einzelnen Arbeitsgruppen ihre erarbeiteten Visionen für die Zukunft dargestellt haben, gab es nicht eine einzige Gruppe wo Leute sagen: Die Kirche gibt es bald nicht mehr, die Alten sterben, Pfarrer fehlen, nichts funktioniert mehr. Sondern es war bei allen die Überzeugung: Die Kirche lebt, die Kirche bleibt, auch in der Altmark-West, weil Menschen da sind, die die Kirche repräsentieren.

Begeisterung bei einer Konferenz ist eine Sache, die konkrete Umsetzung von neuen Ideen eine andere. Wie wird es konkret?
Heinecke:
Zum Beispiel in zwei Projekten. Das erste: Pfarrer beraten über ihr eigenes Berufsbild. Sie fragen, wie muss sich unser Pfarrerbild ändern? Wie muss sich unsere Vorstellung vom Amt ändern? Und nicht, wie passen wir die Gemeinden dem an, was wir haben und noch leisten können. Da steht noch kein Ergebnis fest, aber es kommt etwas in Bewegung, was konkrete Auswirkungen haben wird.

Oder das Projekt »www.monatswort.de«: Eine Internetplattform, auf der es für jeden Monat eine Vorlage für eine Andacht gibt, mit der Menschen pfarrerunabhängig gottesdienstliches, geistliches Leben in ihrem Ort gestalten können. Auch das braucht seine Zeit, aber etliche Ehrenamtliche benutzen es bereits erfolgreich.

Also die Kirche in der Altmark ohne Probleme?
Heinecke:
Natürlich nicht. Aber das Wichtigste ist doch, dass es einen Perspektivenwechsel gibt. Dass Menschen nicht mehr sagen, wir stehen in der Altmark mit dem Rücken an der Wand, es geht alles den Bach runter. Und das bestenfalls noch versucht wird, alles mit Hilfe von Ehrenamtlichen so lange wie möglich am Leben zu halten. Das funktioniert nicht. Nein. Die Konferenz hat eindeutig ein anderes Zeichen gesetzt. An manchen Stellen wird Gemeinde in der bisherigen Form sterben. Okay. Aber an anderen Stellen wird wieder was Neues wachsen. Es muss ja nicht überall dasselbe sein.

Das klingt sehr beeindruckend.
Heinecke:
Das klingt nicht nur, das war sehr beeindruckend! Da war, ohne dass ich jetzt pietistisch werden will, eine Menge Heiliger Geist dabei.

Große Geschichte und Herausforderungen heute

23. Juni 2014 von redaktionguh  
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Vorgestellt: Der Propstsprengel Eisenach-Erfurt ist ein Spiegelbild der jungen mitteldeutschen Landeskirche

Drei Kirchenkreise aus der Tradition der Kirchenprovinz, vier aus der einstigen thüringischen Landeskirche kommend bilden heute den Propstsprengel Eisenach-Erfurt. Die vielen Stätten der Reformation verbinden genauso wie die gemeinsamen Aufgaben für eine lebendige Gemeinde Jesu Christi.

Wenn Christian Stawenow aus dem Haus am Eisenacher Pfarrberg tritt, schaut er auf die Georgenkirche. Hier wurde einst Johann Sebastian Bach getauft, hat Martin Luther gepredigt. Der promovierte Theologe ist seit 2013 Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt, einem Landstrich voller kirchlicher und kultureller Tradition. Luther besuchte in Eisenach die Lateinschule. Johann Sebastian Bach wurde 1685 hier geboren. 1708 wurde der Komponist Georg Philipp Telemann in der Wartburgstadt Konzertmeister. Im nahe gelegenen Creuzburg kam 1571 der Pfarrerssohn und Musiker Michael Praetorius zur Welt. Zur reformatorischen Tradition gehören Erfurt, wo Luther Mönch wurde und sein Freund Johannes Lang die Reformation umsetzte; Mühlhausen, die Stadt Thomas Müntzers, oder Bad Frankenhausen, wo das Panoramamuseum an den Bauernkrieg erinnert. Überall sind Spuren zu finden.

Die Musiktradition spielt eine große Rolle

Die großen Namen haben das kirchliche Leben geprägt. Zum Beispiel die Musiktradition. Bad Frankenhausen ist Gründungsort der Deutschen Musikfeste. Das erste wurde 1804 in der Unterkirche begangen. Seit 1974 gibt es hier jährlich die »Frankenhäuser Sommermusiken«. In Ohrdruf wuchs Bach bei seinem Bruder auf, dort laufen zurzeit die Ohrdrufer Bachtage. Auch Mühlhausen hat eine Bach-Tradition; der Musiker war Organist in der Blasii-Kirche. Und Erfurt natürlich, die einzige Großstadt des Propstspengels ist eine Hochburg der Kirchenmusik, es gibt zahlreiche Chöre, Orchester und Instrumentalkreise.

Propst Christian Stawenow mit seinen Mitarbeiterinnen, Pfarrerin Frauke Wurzbacher-Müller und Sekretärin Anja Hunstock (von links) Foto: Sascha Willms

Propst Christian Stawenow mit seinen Mitarbeiterinnen, Pfarrerin Frauke Wurzbacher-Müller und Sekretärin Anja Hunstock (von links) Foto: Sascha Willms

Neben den hauptamtlichen Kantoren schätzt Stawenow das Engagement vieler Ehrenamtlicher hoch – ob als Chormitglied, Chorleiter oder Organist – rund 3 800 Ehrenamtliche zählt allein die Kirchenmusik (Stand 2012). Der Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen ist dabei mit 755 Spitzenreiter, gefolgt von Erfurt mit 690.

Die bedeutungsvolle Kirchengeschichte und die reiche Kultur sind das eine. Das Gemeindeleben und die Mitgliederentwicklung das andere. Seit 1999 hat der Sprengel fast 50 000 Gemeindemitglieder verloren.

Der Propstsprengel ist Spiegelbild der noch jungen mitteldeutschen Kirche (EKM). Vereint er doch drei einstige Kirchenkreise, die der einstigen Kirchenprovinz – Südharz, Erfurt und Mühlhausen – mit den ehemals zur Thüringer Kirche gehörenden – Gotha, Eisenach-Gerstungen, Waltershausen-Ohrdruf und Bad Frankenhausen-Sondershausen. Die unterschiedlichen Traditionen merkt Propst Stawenow vor allem bei der Liturgie.

Die Landeskirche selbst wird eher am Rande wahrgenommen. »Ich habe den Eindruck«, so Stawenow, »dass die Kirchengemeinden sehr stark das leben, was sie selbst betrifft. Die Landeskirche ist weit weg.« Die EKM kommt vor allem bei den zur einstigen Thüringer Kirche gehörenden Gemeinden negativ vor: weil sie keinen Küster mehr haben, der von der Landeskirche bezahlt wird, weil sie die Stellenpläne verändern müssen und die Aufgaben wachsen.

Das Gemeindeleben fröhlich gestalten

»Ich sehe die riesigen Herausforderungen, vor denen die Gemeinden stehen«, so der Propst. Vor allem Gemeindepädagogen fehlten. Pfarrerin Frauke Wurzbacher-Müller, die persönliche Referentin des Propstes, bedauert deshalb, dass es keine Kantorkatecheten mehr gibt. Trotzdem sieht der Regionalbischof gute Entwicklungen: ob es die Bibelwoche in Tabarz ist, das Freizeithaus »Arche« in Worbis, die Jugendkirchen in Nordhausen und Mühlhausen, Angebote für Kinder und Jugendliche, Pilgerwege, das Kloster Volkenroda, die Familienkommunität Siloah, die Augustinerkloster in Erfurt und Gotha, touristische Angebote und vieles mehr.

Genauso setze der Umgang mit den Strukturveränderungen Impulse. So hat jetzt der Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen Regionalpfarrämter gebildet. Ähnliches hat Gotha vollzogen. »Die Kirchengemeinden arbeiten verstärkt gabenorientiert – ob bei Haupt- oder Ehrenamtlichen«, hat Stawenow erfahren. Zudem beobachte er eine starke Identifizierung mit dem Kirchenkreis. Deshalb sei es kein Thema, Kirchenkreise zusammenzulegen. Für den Südharz und Waltershausen-Ohrdruf wurden vor einigen Wochen neue Superintendenten gewählt. »Die Kirchenkreise brauchen perspektivische Sicherheit. Das bedeutet, dass wir auch mit kleineren Kirchenkreisen über die nächsten zehn Jahre fröhlich christliche Gemeinde leben wollen.«

Als große Stärke und Hoffnungspotenzial bezeichnet Stawenow die kirchlichen Bildungseinrichtungen – Luthergymnasium in Eisenach, Schulzentrum und diakonische Schulen in Mühlhausen, mehrere evangelische Schulen in Erfurt, Grund- und Regelschule Gotha, Grundschule Nordhausen. Und die zahlreichen Kindergärten, allein 14 im Kirchenkreis Mühlhausen. Zudem wirke die diakonische Arbeit in die Städte und Landgemeinden – ob das in Eisenach oder Waltershausen ist, in Mühlhausen oder Erfurt. Überall seien Kirchengemeinde und Diakonie eng miteinander verknüpft. »Jede Kirchengemeinde hat ihr besonderes Profil«, so Stawenow.

Ehrenamtliche sind hoch motiviert

Die Zukunft sieht der Propst in der Vernetzung verschiedener Bildungsangebote mit der Gemeindearbeit – wie Schulen, Kindertagesstätten, Freizeiten, Tagungshäuser. Er schätzt die hohe Motivation der Ehrenamtlichen in den Ältestenkonventen, bei Lektoren und Prädikanten. »Sie sind engagiert bei der Sache. Das ist ein riesiges Potenzial.«

Ein schweres Thema sei der Bausektor. »Wir müssen die Pfarrhäuser in einen Zustand bringen, dass sie unserem heutigen Wohnstand entsprechen«, doch die hohen Investitionen, die das erfordert, können die Gemeinden nicht allein tragen. Der neue Baulastfonds fange einiges ab, diese Mittel reichten bei Weitem nicht aus.

Christian Stawenow ist seit gut einem Jahr in Eisenach. Er bereist die Kirchenkreise, um die Mitarbeiter persönlich kennenzulernen und zu hören, wo ihr Herz schlägt, wo Freude und wo Frust sitzt. Ihm ist abzuspüren, dass er in seiner Region das Evangelium trotz mancher Hürden den Menschen fröhlich nahebringen möchte.

Dietlind Steinhöfel

Man ist immer auf dem Weg

17. September 2013 von redaktionguh  
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Schlaglicht: Der Kirchenkreis Egeln begegnet größer werdenden Pfarrbereichen mit langfristiger, gemeinsamer Planung

Voll fröhlicher Tatkraft hat Superintendent Matthias Porzelle mit dem Beginn des Kirchenjahres sein Amt im Kirchenkreis Egeln angetreten; zuvor war er Pfarrer in Schönebeck und hatte ­bereits geraume Zeit amtiert. Er weiß Haupt- und viele ­Ehrenamtliche an seiner Seite.

Mit der Gemeindeagende hatte der Kirchenkreis Furore gemacht. Sie gibt Ehrenamtlichen das Handwerkszeug, um Gottesdienste zu gestalten. Und die Agende lebt. »Wir verabschieden jetzt das Pfarrerehepaar Hirschligau in Ummendorf aus dem Dienst. Seine Pfarrbereiche werden neu aufgeteilt. Einige Ältesten sind vorher in Klausur gegangen und haben unter anderem festgelegt, wie die Gottesdienste gehalten werden. Einmal im Monat wird es ein Ehrenamtlicher mithilfe der Agende tun«, erzählt Superintendent Matthias Porzelle. Und die Präses der Kreissynode, Rose-Marie Gillandt, ergänzt: »Auf dem Kirchentag in Hamburg konnten wir die Nachfrage nach der Agende kaum befriedigen. Sie wird auch von außen wahrgenommen.«

Überhaupt sei der Kirchenkreis Egeln auf Kirchentagen präsent. »Wir haben an unserem Stand in Hamburg Kinderbetreuung angeboten. Neun unserer elf Kindergärten sind in einem Zweckverband organisiert, der Erzieher und Katechetinnen entsandt hatte. Besucher nahmen dieses Angebot sehr gern an und erzählten, wir wären die einzigen«, blickt Susanne Trittel, Leiterin des Kreiskirchenamtes, stolz zurück.

Verlässliche Stellenplanung

Der Kirchenkreis Egeln erstreckt sich südlich von Magdeburg von der niedersächsischen Landesgrenze bis an die Elbe. Er ist durchweg ländlich geprägt, auch wenn mit den ehemaligen Dörfern Beyendorf und Sohlen nunmehr zwei Magdeburger Ortsteile dazugehören. Die größte Stadt ist Schönebeck. Als einziger Kirchenkreis im Propstsprengel hat er keine Kreisstadt.

Kreiskantor Thomas Wiesenberg, Amtsleiterin Susanne Trittel, Superintendent Matthias Porzelle und Präses Rose-Marie Gillandt treffen sich regelmäßig in der renovierten Suptur. Auf dem Foto fehlt Ulf Rödiger, stellvertretender Superintendent. Foto: Christiane Henze

Kreiskantor Thomas Wiesenberg, Amtsleiterin Susanne Trittel, Superintendent Matthias Porzelle und Präses Rose-Marie Gillandt treffen sich regelmäßig in der renovierten Suptur. Auf dem Foto fehlt Ulf Rödiger, stellvertretender Superintendent. Foto: Christiane Henze

Von sinkenden Einwohnerzahlen und großen Pfarrbereichen lässt sich Matthias Porzelle nicht beeindrucken. Immerhin knapp 24000 Christen leben im Kirchenkreis. Im vorigen Jahr, als amtierender Superintendent, erarbeitete er die Stellenplanung bis 2017. »Ich war jeden Tag in einer anderen der 123 Gemeinden, habe nachgefragt und diskutiert. Und schließlich beschloss die Synode sie ohne Gegenstimme«, blickt er auf eine Erfahrung zurück, die ihn mit ermutigt hat, für das Superintendentenamt zu kandidieren. Mit der Stellenplanung soll es Verlässlichkeit geben, sowohl für die 49 Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst und die weiteren vier Angestellten, als auch für die 57 Einzelgemeinden und 19 Kirchspiele. Zugleich macht die Stellenplanung überdeutlich, dass Kirche ihre Präsenz mit Hauptamtlichen nicht überall gewährleisten kann. »Es muss das Selbstverständnis wachsen: Nicht dort, wo der Pfarrer ist, ist Kirche, sondern dort, wo Christen sind.« Die Frage, wie die Christen ihren Glauben erkennbar leben, beschäftigt Ulf Rödiger, Pfarrer im Elbe-Saale-Winkel und stellvertretender Superintendent. Er macht da wundervolle ­Erfahrungen mit Ehrenamtlichen. »Aken gestaltet am 14. September erstmals eine Kirchennacht. Das hatte ich nur angeregt und weiter nichts getan. Jetzt kriege ich gesagt, was ich tun soll – alles andere haben die Ehrenamtlichen vorbereitet«, freut er sich.

Spannend und auch mit Spannungen verbunden findet Matthias Porzelle solch Wechselspiel. Denn nicht alle Hauptamtlichen können sich so locker darauf einlassen. Da schwinge auch Sorge mit, überflüssig zu werden. »Wir wollen Gemeindeleben miteinander gestalten ohne Angst, dass einer dem anderen Arbeit wegnimmt«, beschreibt der Superintendent die Aufgabe.

Zu den Projekten, die ein Hauptamtlicher allein gar nicht bewältigen kann, gehört der Pilgerweg. Ulf Rödiger schwärmt: Angefangen als Kennenlernen des Kirchenkreises mit jährlichem Pilgern, stellte der »harte Kern« fest: Wir waren zwar überall, doch das darf nicht enden. Ehrenamtliche seien es, die das Weitermachen in diesem Jahr betrieben haben und den Kirchenkreis über die Elbe hinweg verließen. »Wir wollen 2017 in Wittenberg ankommen.«

Schulungen für Ehrenamtliche

Von allein kommt solch Handeln sicher nicht. Schulungen für die Ehrenamtlichen dürften dazu beitragen, dass das Engagement leichtfällt und immer wieder neu Mut geschöpft wird zum Weitermachen oder Ausprobieren. Für die neu gewählten Kirchenältesten in den 76 Gemeindekirchenräten wird es ein Weiterbildungstreffen geben, in dem sie das nötige Handwerkszeug erhalten. Doch zuvor, am 20. September, gibt es ein großes Dankeschön-Treffen, zu dem sich etwa 200 Älteste angemeldet haben. Erstmals lädt der Kirchenkreis dazu ein.

Gemeinsame Feste haben Tradition

Tradition dagegen haben die Kreiskirchentage, die Konfirmanden- und Kinderkirchentage. »Ein Jahr feiern die Generationen getrennt, das andere Jahr alle zusammen. Inzwischen haben wir sogar zwei Kinderkirchentage, einen für die Kleinen und einen für die Größeren mit mehr als einhundert Teilnehmern«, erzählt Matthias Porzelle. 2014 wird es den gemeinsamen Kirchentag in Schneidlingen geben, wo die Klusstiftung – die diakonische Einrichtung betreut behinderte Menschen – ihr 750-jähriges Bestehen feiert.

Ohne Ehrenamtliche wäre auch das wichtige Feld der Kirchenmusik nicht zu bestellen. Kreiskantor Thomas Wiesenberg hat in Schönebeck und Oschersleben je einen hauptberuflichen Kirchenmusiker an seiner Seite. Sie haben sich den Kirchenkreis aufgeteilt. Honorarkräfte und sogenannte geringfügig Beschäftigte und viele, die einfach so sonntags im Gottesdienst spielen, werden von ihnen betreut. Chorsänger und Bläser, es sei erstaunlich, wie viele Menschen sich engagieren, freut sich der Kantor. Sie genauer zu erfassen, um ihnen Weiterbildungsangebote zu machen, ähnlich wie bei den Lektoren, sehen die Hauptamtlichen als ein künftiges Arbeitsfeld an. Derzeit ist nicht einmal genau bekannt, wie viele ehrenamtliche Sänger und Musiker mitwirken.

Mit dem Wechsel im Superintendentenamt einher ging auch der Umbau des Pfarrhauses und Amtssitzes in Egeln. Eine Sanierung hatte das Haus aus dem 16. Jahrhundert, wohl das ­älteste Pfarrhaus im Propstsprengel überhaupt, ohnehin nötig. Die nicht mehr notwendige Pfarrwohnung wurde zu Büros und einem großen Sitzungsraum. Gemeindebüro und Suptur blieben im Haus. »Wir bauen fleißig im Kirchenkreis, sind immer noch dabei, Substanzielles zu erledigen. Aber es droht uns keine Kirche zusammenzurutschen«, sagt Matthias Porzelle. Auch beim Bauen engagieren sich Ehrenamtliche in Kirchbauvereinen. Da gibt es schon mal Spannungen, wenn es an Absprachen zwischen Verein und Gemeindekirchenrat mangelt oder Veranstaltungen nicht ins Gotteshaus passen.

Konzeption für eine lebendige Kirche

Dass Kirche lebendig ist, war auch bei der Kandidatensuche für die GKR-Wahlen spürbar: Wirkliche Schwierigkeiten seien nicht bekannt. 653 Älteste gibt es, hinzu kommen etwa 150 Frauen und Männer, die ohne Wahlamt regelmäßig das Gemeindeleben mitgestalten. Allerdings gebe es durchaus das Problem, jüngere Menschen für ein Wahlamt zu gewinnen. »Ich wünsche mir eine kluge Regelung der Landeskirche, durch die Ältere Platz machen, ohne aus dem Amt gedrängt zu werden«, sagt Matthias Porzelle. Er denkt gern voraus – eine Konzeption für den Kirchenkreis ist in Arbeit. Welches Selbstverständnis haben die Kreise und Gremien, wofür steht der Kirchenkreis? Beschlossen werden soll sie von der neuen Synode.

Renate Wähnelt

www.kirchenkreis-egeln.de

Gemeinde ganz neu denken

11. Februar 2013 von redaktionguh  
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Priestertum aller Getauften: Gut besuchter Studientag der Theologischen Fakultät Jena

Nach Luther kann jeder, der »aus der Taufe gekrochen« ist, priesterliche Aufgaben übernehmen. Das kann nicht oft genug gesagt werden.

In manchen Notsituationen muss man sich nur auf das besinnen, was man schon mal gewusst hat. Der Mangel an hauptamtlichen ­Mit­arbeitern einerseits und die Reformationsdekade andererseits haben Luthers Rede vom Priestertum aller Gläubigen wieder in den Fokus gerückt, und das nicht erst seit eben. Wie aktuell sie ist, zeigte das bemerkenswert große Interesse von altgedienten Pfarrern, jungen Theologiestudenten und Ehrenamtlichen im Verkündigungsdienst, die der Einladung zum Studientag der Theologischen Fakultät Jena für den 30. Januar gefolgt waren. Verantwortung übernehmen im Ehrenamt – das ist angesichts der Lage keine Notlösung, die mit Lückenbüßern arbeitet, sondern Hoffnungszeichen für die Kirche von heute und morgen. Es tut ihr einfach gut, wenn sie nicht nur von Spezialisten lebt. Jeder kann und darf sie mitgestalten.

Ehren- und Hauptamtliche gestalten das Gemeindeleben. Auch aus Gottesdiensten sind Lektoren und Prädikanten nicht mehr wegzudenken. Foto: epd-Bild/Enderlein

Ehren- und Hauptamtliche gestalten das Gemeindeleben. Auch aus Gottesdiensten sind Lektoren und Prädikanten nicht mehr wegzudenken. Foto: epd-Bild/Enderlein

Das ist eine Überzeugung, die zu Luthers Zeiten sensationell war. »Dass auch Schneider und Schuster, ja auch Weiber und andere einfältige Idioten« die deutsche Bibelübersetzung »mit höchster Begierde lasen«, und sich nicht scheuten, »mit Priestern und Mönchen, ja auch mit Magistern und Doktoren der heiligen Schrift vom Glauben und Evangelium zu disputieren«, war für den entschiedenen Luthergegner Johannes Cochlaeus ein Skandal. Der Gedanke, dass alles, »was aus der Taufe gekrochen, zu Päpsten, Bischöfen und Priestern ­geweiht« sei und es außer Christus keines Mittlers zwischen Gott und Mensch bedürfe, erschien ihm absurd. Bis heute spaltet das Priestertum aller Gläubigen die beiden großen Kirchen, obgleich es durchaus evangelische Amtsträger gibt. Sie haben eine langjährige Berufsausbildung hinter sich und sind durch die Ordination berufen worden – eine gewisse Ordnung muss sein. Ein geistlicher Qualitätsunterschied zur Gemeinde besteht freilich nicht. Den begründet nach ­Luther keine Priesterweihe, sondern Taufe, Evangelium und Glaube.

Soweit die Theorie. In der Praxis hat sich in den vergangenen Jahrhunderten allerdings eine Pastorenkirche entwickelt, in der die Theologen weitgehend das Sagen hatten und die »Laien« wenig Selbstbewusstsein an den Tag legten. Die Folgen fallen uns heute auf die Füße. Beide Seiten müssen lernen: die einen, Kompetenzen abzugeben; die anderen, Verantwortung zu übernehmen. Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, sieht ihre Landeskirche dabei auf gutem Weg. Beispielhaft führte sie die Gemeindeagende des Kirchenkreises Egeln an, wo Haupt- und Ehrenamtliche es geschafft haben, an sogenannten Regionalsonntagen in jeder Kirche gut besuchte Gottesdienste anzubieten. Im Kirchenkreis Schleiz gibt es unter der Überschrift »Zu den Quellen« ein Andachtsprojekt zur geistlichen Selbstorganisation der Gemeinde. Und im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz ist es die Regel, dass der Sonntagsgottesdienst von Theologen und Nichttheologen gemeinsam vorbereitet wird. Bemerkenswert sind auch die Kompetenzen der Gemeindekirchenräte, die laut Kirchenverfassung von 2009 mit den Hauptamt­lichen zusammen Verantwortung tragen – nicht etwa nur für die Nutzung kirchlicher Gebäude und Personal­fragen, sondern eben auch für die reine Verkündigung und die Feier der Sakramente sowie die Ordnung und Gestaltung des kirchlichen Lebens.

Die Landesbischöfin sieht die Chance, »Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken« und die Gaben zu nutzen, die allen Getauften anvertraut sind. »Nach Jahren der finanziellen Konsolidierung bedarf es einer geistlichen Konsolidierung.« Da gibt es nach ihrer festen Überzeugung noch manchen Schatz zu heben.

Christine Lässig

Freude an Kontakt ist Motor

28. April 2011 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Zu einem »Dankeschön-Tag« trafen sich am 16. April rund 50 Ehrenamtliche in Neudietendorf.

dankeSie kommen einzeln oder im Kleinbus – aus Gera, Nordhausen und Eisenach, aus Möhra, Friedrichroda oder Plaue. Sie organisieren Gruppenerlebnisse für Kinder, Frauen, Männer, Senioren, Musikbegeisterte, sie besuchen Jubilare, gestalten den Gemeindebrief und pflegen die Internetseite, überwachen die Finanzen, kümmern sich um die Sanierung und Erhaltung von Gebäuden, vermitteln in den Leitungsgremien der Kirchengemeinden die Anliegen der verschiedenen Zielgruppen. Einige tun dies seit vier oder fünf, andere seit fast 40 Jahren.

Gut 50 Frauen und Männer folgten der Einladung zu einem »Dankeschön-Tag für Ehrenamtliche«. Elisabeth Müller und Claudia Neumann vom Gemeindedienst der mitteldeutschen Kirche (EKM) hatten in diesem Jahr erstmals solche überregionalen Treffen mit Austausch, Ortsführung und Musikdarbietung organisiert, im März in Magdeburg, am 16. April nun in Neudietendorf. Sie regten die Gemeinden an, Gutscheine an engagierte Personen weiterzugeben. Die Resonanz war »erstaunlich groß«, so Elisabeth Müller.

Die Umfrage ergab, dass die meisten Ehrenamtlichen entweder durch die direkte persönliche Aufforderung oder durch Eigeninitiative zu ihrer Aufgabe fanden. Ein öffentlicher Aufruf führt selten zum Erfolg. Wer eine Aufgabe übernimmt, tut dies nicht ­allein aus Missions- oder Verantwortungsbewusstsein. Sie erfreuen sich an Kontakten und Gesprächen, erleben Freundschaft, Dankbarkeit und geistige Anregung. Sie genießen es, dazuzugehören, informiert zu sein, gebraucht zu werden.

Vielen geht es wie Ursula Schönfisch, der einzigen Teilnehmerin aus Sachsen-Anhalt. In ihrer Gemeinde Laucha ist sie im Gemeindekirchenrat, engagiert sich in der Arbeit mit Kindern, macht Besuche und Kirchenputz.

Gertrud Schier aus Gotha empfindet ihre regelmäßigen Besuche bei betagten Menschen in Seniorenheimen nicht als Pflicht. Sie lächelt: »Das hat mir mein Herz gesagt.« Als sie in eine Straße zog, in der drei ­Seniorenheime zu finden sind, lag ihr die Aufgabe quasi vor den Füßen. »Da fühle ich mich wie zu Hause, schließlich könnte ich ja auch schon im ­Altenheim wohnen.«

Aber sie nennt auch die Hürden: Manche, die schon mal Interesse am Besuchsdienst zeigten, nehmen doch wieder Abstand vom konkreten Einstieg. Sie wollen sich nicht festlegen, und »es macht vielen Angst, sich mit dem Älterwerden und der Hilfsbedürftigkeit ausein­anderzusetzen«, glaubt sie.

Nach einer bundesweiten Statistik ist etwa ein Drittel der Bevölkerung ehrenamtlich tätig, die meisten in Sportvereinen. An zweiter Stelle steht Verbandsarbeit für Kinder und Jugendliche, gefolgt von kirchlichem Engagement. In der kirchlichen Arbeit sind rund zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer aktiv. »Im Sport ist das Geschlechterverhältnis genau umgekehrt«, erklärt Brigitte Manke, die die Thüringer Ehrenamtsstiftung vorstellte. Diese vom Thüringer Landtag 2002 ins Leben gerufene Stiftung fördert die Beratung, Qualifizierung und den Erfahrungsaustausch.

Auch die Dankeskultur sei wichtig. Denn obwohl die meisten, werden sie gefragt, nicht öffentlich bedankt werden wollen, freuen sie sich am Ende doch über eine Würdigung. Bei einer feier­lichen Veranstaltung bietet sich auch Gelegenheit, anregende Gespräche zu führen, aus denen neue Impulse, Ermutigung und hilfreiche Vernetzung erwachsen.

Ines Rein-Brandenburg

Die besondere Unterrichtsstunde

15. Oktober 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Die frühere Grundschullehrerin Renate Lange erklärt Kindern in Ilmenau die Jakobuskirche.
Kinder liegen Renate Lange besonders am Herzen. In ihr ehrenamtliches Engagement als Kirchen- führerin kann die pensionierte Grundschullehrerin auch ihr pädagogisches Geschick  einbringen. (Foto: Ines Rein-Brandenburg)

Kinder liegen Renate Lange besonders am Herzen. In ihr ehrenamtliches Engagement als Kirchen- führerin kann die pensionierte Grundschullehrerin auch ihr pädagogisches Geschick einbringen. (Foto: Ines Rein-Brandenburg)

Rund 30 Jahre Erfahrung als Grundschullehrerin fließen ein, wenn Renate Lange Kindern die Jakobuskirche in Ilmenau erklärt. Vor gut zehn Jahren absolvierte sie auf ­Anregung des damaligen Ortspfarrers eine kirchliche Fortbildung für Kirchenführer. Als Abschlussarbeit entwickelte sie eine Kirchenführung für eine Grundschulklasse, auf die sie in den folgenden Jahren weiterhin aufbaute. Ihre frühere Rektorin wirbt auch nach Renate Langes Pensionierung vor fünf Jahren bei den Kollegen anderer Schulen für das Angebot, das pro Schuljahr zwei oder drei Klassen im Ethik-, Religions- oder Heimatkundeunterricht nutzen. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass Renate Lange jede Woche als Ansprechperson für die »offene Kirche« bereitsteht.

Erwachsene Besucher interessieren sich mehr für die Ortsgeschichte, für Goethe und Herzogin Anna Amalia, die des öfteren die Fürstenloge nutzte und deren Schwiegermutter, wie man bei der Kirchenrenovierung herausfand, im Altarraum bestattet ist.

Bei Schulklassen knüpft Renate Lange an die Erfahrungen der Kinder an. »Wer war schon mal in dieser Kirche?«, fragt sie, lässt die Kinder vortreten und erzählen, zu welchem Anlass dies geschah: Gottesdienst, Taufe, Konzert, Feier. Sie lässt die Kinder selbst entdecken, welche »Geheimnisse das steinerne Geschichtsbuch« enthält, indem die kleinen ­Besucher ein Schildchen mit ihrem ­Namen an Stellen legen, zu denen sie ­etwas ­erzählen können oder zu denen sie ­etwas wissen möchten.

Renate Lange erklärt Altar, Taufstein, Orgel, Kanzel und Abendmahl in einfachen, anschaulichen Worten und in ihrer Art, liebevoll mit kleinen wie großen Menschen umzugehen – lang erprobtes pädagogisches Handwerkszeug eben. Außerdem benutzt sie selbst ­gestaltete Handzettel. »Ich kann nicht so gut mit dem Computer umgehen«, entschuldigt sie, dass die Erklärungen handschriftlich neben den kleinen Bildern stehen in ihrer ­gestochenen, exakten Lehrerhandschrift, die sie vielen Generationen von Erstklässlern gelehrt hat.

Am Ende dürfen die Kinder am »brennenden Dornbusch«, einer modernen Skulptur, eine Kerze entzünden mit der Anregung, dabei ganz fest an eine Person zu denken, die sie lieb haben – eine Hinführung zu Meditation und Gebet auch für Kinder ohne kirchliche Vorerfahrungen.

Renate Lange, 1945 in Altenfeld im Ilmkreis geboren, wuchs in einer Großfamilie auf, wurde christlich erzogen, getauft und konfirmiert. Allerdings hielt sie dies im Schuldienst in der DDR möglichst verborgen. »Kirche war tabu«, und der Kontakt für eine Lehrerin nicht erwünscht. Manch pfiffige Ausrede sei nötig gewesen, um sich nicht vom Druck des sozialistischen Regimes vereinnahmen zu lassen. Umso lieber nahm sie nach der Wende und nach dem Tod ihres Ehemannes neuen Kontakt zur Ilmenauer Kirchengemeinde auf und zeigt nun seit über zehn Jahren »von Herzen gerne« die Geheimnisse des Gotteshauses.

Ines Rein-Brandenburg