Lasst den Sonntag in Ruhe

8. Januar 2018 von redaktionguh  
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In Sachsen-Anhalt gibt es eine Allianz für den freien Sonntag. Arbeitgebervertreter findet man nicht darunter. Willi Wild fragte den Vizepräsidenten des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs, warum das so ist:

Was halten Sie von derartigen Bündnissen?
Wachs:
Für uns Christen gilt das 3. Gebot. Es lautet: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Im Grundgesetz steht in Artikel 140: »Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.« Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewissern.

In einer gemeinsamen Erklärung haben der Rat der EKD und die Kath. Bischofskonferenz 1999 die Eingriffe in die Sonntagsruhe durch Arbeitszeitrecht, Ladenschlussgesetz und verkaufsoffene Sonntage kritisiert. Wie stehen Sie als Christ und Unternehmer zum Feiertagsgebot?
Wachs:
Das 3. Gebot steht unter keinem Vorbehalt, insofern gilt es für alle Christen, auch für mich als Unternehmer.

Gewerkschaften schließen sich den kirchlichen Forderungen nach dem Schutz des Sonntags an. Die Initiative für die Sonntagsruhe wird als »Anregung für die Tarifpartner« betrachtet. Wie sehen Sie das?
Wachs:
Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben. Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, dass sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche.

Lässt sich das Rad z. B. bei den Ladenöffnungszeiten überhaupt zurückdrehen und welche Folgen hätte das für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft?
Wachs:
Der gesellschaftliche Konsens und die Konsensfindung der repräsentativen Demokratie bestimmen unser Zusammenleben und regeln auch diese Fragen. Keine Verfassung kann Leitentscheidungen vorgeben und eine Regel auf Dauer halten, die von einer Mehrzahl der Bürger und Parlamentarier dauerhaft nicht akzeptiert wird; das haben wir ja 1989 erlebt. Für mich beruht die Veränderung im Bereich der Ladenöffnungszeiten auf den sich verändernden Lebensvollzügen und Interessen der Menschen, sodass sich die Frage der Rücknahme der Liberalisierung für mich nicht stellt. Für die Erosion des Sonntagsschutzes ist der sinkende Anteil an Christen in der Gesellschaft das eigentliche Problem.

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Öffentliches Interesse? Damit begründen Kommunen die Sonntagsöffnung. Gewerkschaften und Kirchen halten die Feiertagsruhe dagegen. Foto: Gina Sanders – stock.adobe.com

Einige Supermarktketten hatten am verkaufsoffenen Heiligabend-Sonntag zu. Richtig oder falsch aus Unternehmer- und aus Christensicht?
Wachs:
Ich weiß nicht, ob Christen diese Entscheidung getroffen haben und ob Glaube überhaupt eine Rolle gespielt hat. Unternehmerisch gehe ich von einer rational getroffenen Entscheidung aus. Der Nutzen für Mitarbeiterinnen und Unternehmen dürfte größer sein als die Kosten für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs an einem halben Sonntag.

Haben wir in Deutschland zu viele Feiertage?
Wachs:
Es gibt Länder wie Japan mit weniger Feiertagen und weniger Urlaubstagen und die Menschen werden im Durchschnitt dort fast 3 Jahre älter als hier in Deutschland. Dort 83,84 Jahre und hier 81,09 Jahre. Wenn da ein Zusammenhang besteht, würde ich sagen: ja.

Was bedeutet Ihnen der Sonntag und können Sie am 7. Tag ruhen? Wie sieht ein typischer Sonntag bei Ihnen aus?
Wachs:
Ich habe drei kleine Kinder, sie prägen den Sonntag. Den Tag beginnen die Drei um 6:30 Uhr mit Malen und Spielen und Eltern wecken. Dann steht vormittags der Gottesdienst auf dem Plan und danach kommt es sehr auf die Aktivitäten an, die die Familie sich wünscht, und auf die Jahreszeit. Neben dem Austausch mit Freunden, umringt von tobenden Kindern, sitze ich in diesen kalten Tagen gern, schreibe, lese und widme mich nachdenkenswerten Fragen. Und wenn der Tag geht und die Kinder im Bett sind, dann freue ich mich auf die Arbeitswoche. Die ist meist ruhiger als mein Sonntag.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU) ist ein Netzwerk protestantischer Unternehmer und Führungskräfte. Friedhelm Wachs (Leipzig) ist Unternehmensberater und Sprecher der mitteldeutschen Arbeitsgruppe des AEU.

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Vorerst kein Begleitheft zum Gesangbuch

18. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Weltliche Lieder im Gottesdienst: Was Kirchenmusiker dazu sagen

In Hessen ist es kürzlich erschienen: Das EGplus, ein Begleitheft zum Evangelischen Gesangbuch (EG) mit weltlichen Liedern. Als »sehr erfreulich« und »gut gelungen« beurteilt Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, das Buch.

Dennoch wird es in der EKM in absehbarer Zeit wohl kein ähnliches Heft geben. Ehrenwerths Vorstoß ist auf einer Tagung der Kreiskantoren gescheitert. Das EG ist nach Meinung der Musiker aus den Kirchengemeinden noch nicht ausgeschöpft. Kein Einziger hielt eine gedruckte Ergänzung für nötig, so Ehrenwerth weiter. Dabei hatte der Landeskirchenmusikdirektor gemeinsam mit Landesposaunenwart Frank Plewka und Landessingwart Mathias Gauer bereits begonnen, einen Kanon bewährter weltlicher Lieder zu sammeln und zu sichten. »Mit so vielen Gegenargumenten hatten wir nicht gerechnet«, sagt Ehrenwerth überrascht. Gegen das Votum der Kreiskantoren ein Begleitheft zu veröffentlichen, sei kein Weg, denn »sie sind es, die ein neues Buch vermitteln müssen«. Dennoch treibt das Anliegen den Landeskirchenmusikdirektor weiterhin um. »Unsere Listen wollen wir fertig stellen«, kündigt Ehrenwerth an. Er möchte das Thema auch bei der Klausurtagung der Kammer für Kirchenmusik im Januar zur Sprache bringen.

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Das EGplus enthält 164 Lieder, auch aus der Popmusik. Foto: medio.tv/schauderna

Seiner Beobachtung zufolge zehren viele Gemeinden vom großen Angebot bereits vorhandener Liederbücher: »Durch Hohes und Tiefes«, »colours of grace« oder das zum Kirchentag erschienene »freiTöne«. Möglicherweise, so Ehrenwerth, setzen sich auch Lieder-Apps, wie sie die EKD jetzt angekündigt hat, durch.

Auch weltliche Lieder brauchen geistlichen Bezug

Selbst wenn derzeit kein Interesse an einem gedruckten Beiheft besteht, werden weltliche Lieder natürlich im Gottesdienst gesungen. Auf Nachfrage von G + H äußerten sich Kantoren teils aufgeschlossen, teils skeptisch. »Wenn englischsprachige Popsongs in ein Beiheft aufgenommen werden sollen, müsste man sehr genau hinschauen: Erzählen sie etwas über die Beziehung Gott-Mensch?«, sagt Thomas Ennenbach aus Eisleben. Überarbeitungen weltlicher Vorlagen seien kein Problem, dies habe eine lange Tradition. Aber immer sollte das Liedgut Gott verkündigen, loben, klagen. Allgemein bekannte Popsongs aus Radio, Kaufhaus und Reisebussen sieht Ennenbach als verzweifelten Versuch, sich dem Zeitgeist einer säkularisierten Gesellschaft anzupassen, anstatt sich auf den Kern christlicher Aussagen zu konzentrieren.

Den Gottesdienst bezeichnet Roland J. Dyck aus Salzwedel als ein Stück Himmel auf Erden. »Es ist ein bisschen wie beim Zauberportal im Märchen: Ich gehe hindurch und bin in einer anderen Welt. Wenn ich jenseits der ›schönen Pforte‹ (EG 166) aber nichts anderes vorfinde, als die mir vertraute Alltagswelt – warum soll ich mich dahin auf den Weg machen?« Vom Alltag abgehoben darf der Gottesdienst jedoch nicht sein. Beide Welten müssen in Berührung bleiben. Und was heißt das für die Musik? »Weltliche Musik in der Kirche: Ja, natürlich«, sagt Dyck. Was in Gegenwart des Gekreuzigten bestehen kann, solle auch seinen Platz in der Kirche finden. Weltliche Musik sei bei Kasualien gang und gäbe oder im Zusammenhang mit der Predigt. Mit Schmunzeln denkt der Marienkantor an eine Pfarrerin, die von der Kanzel sang: »Muss nur mal schnell die Welt retten …« und in Verbindung mit einem Bibeltext dazu predigte. »Aber weltliche Musik im Gesangbuch – als Bestandteil des regulären gottesdienstlichen Kanons? Ich sehe nicht, welchen Sinn das haben sollte – abgesehen von billigem Publikumsfang.«

Der scheidende Kantor aus Zeitz, Clemens Bosselmann, singt weltliche Lieder, die einen gewissen geistlichen Bezug haben, vor allem in Gottesdiensten mit Jugendlichen. »Ich habe wenige Berührungsängste und halte, gerade in einem Beiheft, die Einführung von solchen Songs für unproblematisch.«

Mirjam Petermann, Katja Schmidtke

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Wohin die Kirchensteuer geht

24. November 2017 von redaktionguh  
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Unerwartet: Die Einnahmen sprudeln, dank der guten Konjunktur. Und das, obwohl die Mitgliederzahlen sinken. Was haben die Kirchengemeinden vom Geldsegen?

Bei der Herbsttagung der Landessynode geht es immer auch um die Finanzen. Oberkirchenrat Stefan Große, der Finanzdezernent der EKM, hat schon andere Zeiten erlebt. Derzeit kann er seinen Bericht gelassen angehen. Die Kasse stimmt. Wie schon im vergangenen Jahr wird auch diesmal wieder ein Überschuss ausgewiesen. Die Einnahmen durch die Kirchensteuer, 54 Prozent der sogenannten Plansumme, sind in Folge höher als prognostiziert.

Die Kirchensteuer allein mache es aber nicht, so Große. »Die EKM hängt am Tropf der Westkirchen.« Ohne den Finanzausgleich, das Solidarsystem der EKD – 26 Prozent des kirchlichen Haushalts –, sähe es schlecht aus. Hinzu kommen noch die Staatsleistungen, eine Art Pachtzins für einst vom Staat enteignetes Kirchenland. Dabei handelt es sich im Übrigen nicht um staatliche Almosen. Sie sind Verpflichtungen nach den Verträgen mit den Bundesländern, die zu Beginn der 90er-Jahre geschlossen wurden, und werden für die Besoldung und Versorgung von Pfarrern und Kirchenbeamten eingesetzt.

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

In Summe stehen der Landeskirche 200 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Auf die 733 000 Mitglieder umgerechnet sind das 275 Euro Plansumme pro Gemeindeglied. Die Zahlen stammen aus dem Entwurf des Haushaltsplans, über den das Kirchenparlament auf der Herbsttagung berät und entscheidet.

Der überwiegende Teil des Plansummenanteils (210 Euro) steht den Kirchengemeinden und -kreisen zur Verfügung. Große betont, dass aber auch aus dem allgemeinen landeskirchlichen Anteil Aufgaben finanziert werden, die die Arbeit in den Gemeinden ergänzen und stärken. Der überwiegende Teil der Plansumme müsse sogar den Kirchenkreisen direkt oder indirekt zur Verfügung gestellt werden. Das sei im EKM-Finanzgesetz zwingend geregelt. Der Anteil für die allgemeinen Aufgaben der Landeskirche beinhalte beispielsweise Aufwendungen für die Ausbildung von Pfarrern, Gemeindepädagogen und Lektoren, für die Notfallseelsorge oder die Kinder- und Jugendarbeit sowie die Öffentlichkeitsarbeit. »Von jedem eingenommenen Euro gehen etwa 76 Cent in die Kirchenkreise und Gemeinden«, so der Finanzdezernent.

Eine Regelung, die die EKM von anderen Landeskirchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass der landeskirchliche Anteil, also die Mittel, die dem Landeskirchenamt zur Erfüllung der Aufgaben zur Verfügung stehen, an die Entwicklung der Kosten im Verkündigungsdienst gekoppelt sind. Das heißt, wenn 2019 durch Einsparungen weniger Geld in die Kirchenkreise überwiesen wird, muss auch das Landeskirchenamt im gleichen prozentualen Verhältnis sparen. Das sorge dafür, erklärt Große, dass der allgemeine landeskirchliche Anteil nicht zu Lasten der Kirchengemeinden aufgebläht werde. Diese Koppelung gelte
»in guten, wie in schlechten Zeiten«.

Insgesamt werden ab Januar 2019, wenn das geänderte Finanzgesetz in Kraft tritt, 80 bis 90 Stellen in den 38 Kirchenkreisen wegfallen. Schon jetzt sind die Kreissynoden damit beschäftigt, darüber zu beraten und Stellenpläne zu entwerfen.

Die gute Konjunktur dürfe nach Großes Worten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sinkenden Mitgliederzahlen und der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren voll durchschlagen werden. Die Landeskirche und die Kirchenkreise seien jedoch vorbereitet. Große sieht eine gute Basis, »nüchtern, aber angstfrei weiterzumachen« und die Einsparziele zu erreichen.

Bei immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden müsse sich die inhaltliche Ausrichtung verändern, so wie das bei den »Erprobungsräumen« versucht werde. »Wir wollen Räume eröffnen, Neues denken und dabei optimistisch und fröhlich Gottes Wort verkündigen.«

Willi Wild

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Synode: Mitteldeutsche Bilanz nicht gefragt

20. November 2017 von redaktionguh  
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Drei der sechs EKM-Vertreter in der EKD-Synode (v. l. n. r.): Jan Lemke, Colleen Michler und Andreas Piontek. Foto: Willi Wild

Drei der sechs EKM-Vertreter in der EKD-Synode (v. l. n. r.): Jan Lemke, Colleen Michler und Andreas Piontek. Foto: Willi Wild

Bonn (G+H) – Die Vertreter Mitteldeutschlands bei der EKD-Synode sehen die Leistungen und Erfolge der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der vielen Ehrenamtlichen bei der Bilanz des Reformationsjahres bei der EKD-Synodentagung in Bonn nicht ausreichend gewürdigt. »Die Vielen, die zum Gelingen beigetragen haben, sind unerwähnt geblieben«, sagte Andreas Piontek, Superintendent des Kirchenkreises Mühlhausen, am Rande der Synode.

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Unterm Strich

19. November 2017 von redaktionguh  
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Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich verrechnet. Mindestens 12 Millio­nen Euro Defizit für das Reformationsjubiläum. Offiziell ist die Rede vom »erhöhten Zuschussbedarf«. Dahinter verbergen sich Fehlkalkulationen für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg und die Ticketverkäufe bei den Kirchentagen auf dem Weg. Die vorgesehenen 30 Millionen Euro reichen nicht aus.

Die Mehrkosten will die EKD alleine tragen, hieß es. Im Klartext bedeutet das, dass die 20 Landeskirchen, die zur EKD gehören, über die Finanzumlage nun im Nachgang die Mehrkosten übernehmen. Das hätte nicht sein müssen. Die kritischen Stimmen aus Mitteldeutschland im Vorfeld zu Konzept und Umsetzung etwa der Kirchentage auf dem Weg hat man ignoriert. Das Endergebnis ist bekannt.

Kein Wunder, dass im Nachgang bei der Synode in Bonn auf eine Bilanz der gastgebenden mitteldeutschen Landeskirchen verzichtet wurde. Vermutlich hätte man, anders als die Reformationsbotschafterin, die Finger in die Wunde gelegt. Geradezu kontraproduktiv war es, für die Kirchentage Eintritt zu verlangen, während man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bemühte, alle Kirchengebäude im Reformationsjahr – kostenfrei – zu öffnen.

In der Erfolgsbilanz werden vor allem die großen Kaffeetafeln auf den Marktplätzen der Kirchentagsorte hervorgehoben. Hier sei Kirche erkennbar und mitten unter den Menschen gewesen. So war es. Die Arbeit wurde – umsonst und draußen – hauptsächlich von Ehrenamtlichen organisiert, ohne »erhöhten Zuschussbedarf«.

Wenn dieses Jahr etwas gezeigt hat, dann dies: Gespräche über Gott und die Welt gelingen eher auf öffentlichen Plätzen als hinter Bezahlschranken. Das war schon vor 500 Jahren so. Eine Binsenweisheit.

Willi Wild

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Ich setze auf die Liebe – Schluss!

4. November 2017 von redaktionguh  
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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, Vers 21

Der Hass ist wieder hoffähig geworden. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass ich Hass in dieser Weise selbst einmal erleben werde. Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen gegen Menschen aufstehen, in offenem Hass entbrannt, in dem sogenannten christlichen Abendland. Ich hätte nicht gedacht, dass ich selbst anfällig bin für einen Hass auf die Menschen, die andere hassen – warum auch immer, nur weil sie anders sind. Das war naiv gedacht!

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Es ist noch ein weiter Weg bis das Abendland ein christliches ist, nicht nach dem Wort, sondern dem Geiste nach. Paulus, der große Theologe der frühen Christenheit, wird in seinem Brief an die Gemeinde in Rom deutlich, was Nachfolge Christi nicht ist. Und er wird deutlich, was sie ist: sie ist fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Sie ist gastfreundlich, sie segnet die Verfolger, freut sich mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Sie vergilt nicht Böses mit Bösem. Nach Möglichkeit hält sie mit allen Menschen Frieden und sie widersteht eigenen Rachegelüsten. Und dann: Überwinde das Böse mit Gutem! – Mächtige Worte ohne machtlüstern zu sein. Starke Worte ohne die Stärke heraushängen zu lassen. Ein Achtungszeichen.

Alltäglich klopft die Versuchung in unterschiedlichstem Gewand auf die eigene Schulter. Und sie ist so süßlich verlockend: die eigene Rechthaberei, die eigene Bedeutung gegenüber anderen, auch die hochgehaltene eigene Demut. Aber was ist nun das Gute, mit dem man selbst dem Bösen und der Versuchung begegnen kann? Diese Frage geht an das eigene Gewissen, an die eigenen Überzeugungen. Es ist letztlich die sehr persönliche Frage: Wie will ich als Christ in der Welt leben?

Hanns Dieter Hüsch hat diese Frage in einem Gedicht für sich selbst so beantwortet: »Ich setze auf die Liebe, wenn Sturm mich in die Knie zwingt … es hat noch niemand den Hass besiegt ohne ihn selbst zu beenden. … Er kann mir sagen was er will. … Ich setzte auf die Liebe! Schluss.«

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


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