Unterm Strich

19. November 2017 von redaktionguh  
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Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich verrechnet. Mindestens 12 Millio­nen Euro Defizit für das Reformationsjubiläum. Offiziell ist die Rede vom »erhöhten Zuschussbedarf«. Dahinter verbergen sich Fehlkalkulationen für die Weltausstellung Reformation in Wittenberg und die Ticketverkäufe bei den Kirchentagen auf dem Weg. Die vorgesehenen 30 Millionen Euro reichen nicht aus.

Die Mehrkosten will die EKD alleine tragen, hieß es. Im Klartext bedeutet das, dass die 20 Landeskirchen, die zur EKD gehören, über die Finanzumlage nun im Nachgang die Mehrkosten übernehmen. Das hätte nicht sein müssen. Die kritischen Stimmen aus Mitteldeutschland im Vorfeld zu Konzept und Umsetzung etwa der Kirchentage auf dem Weg hat man ignoriert. Das Endergebnis ist bekannt.

Kein Wunder, dass im Nachgang bei der Synode in Bonn auf eine Bilanz der gastgebenden mitteldeutschen Landeskirchen verzichtet wurde. Vermutlich hätte man, anders als die Reformationsbotschafterin, die Finger in die Wunde gelegt. Geradezu kontraproduktiv war es, für die Kirchentage Eintritt zu verlangen, während man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bemühte, alle Kirchengebäude im Reformationsjahr – kostenfrei – zu öffnen.

In der Erfolgsbilanz werden vor allem die großen Kaffeetafeln auf den Marktplätzen der Kirchentagsorte hervorgehoben. Hier sei Kirche erkennbar und mitten unter den Menschen gewesen. So war es. Die Arbeit wurde – umsonst und draußen – hauptsächlich von Ehrenamtlichen organisiert, ohne »erhöhten Zuschussbedarf«.

Wenn dieses Jahr etwas gezeigt hat, dann dies: Gespräche über Gott und die Welt gelingen eher auf öffentlichen Plätzen als hinter Bezahlschranken. Das war schon vor 500 Jahren so. Eine Binsenweisheit.

Willi Wild

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Ich setze auf die Liebe – Schluss!

4. November 2017 von redaktionguh  
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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, Vers 21

Der Hass ist wieder hoffähig geworden. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass ich Hass in dieser Weise selbst einmal erleben werde. Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen gegen Menschen aufstehen, in offenem Hass entbrannt, in dem sogenannten christlichen Abendland. Ich hätte nicht gedacht, dass ich selbst anfällig bin für einen Hass auf die Menschen, die andere hassen – warum auch immer, nur weil sie anders sind. Das war naiv gedacht!

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

Es ist noch ein weiter Weg bis das Abendland ein christliches ist, nicht nach dem Wort, sondern dem Geiste nach. Paulus, der große Theologe der frühen Christenheit, wird in seinem Brief an die Gemeinde in Rom deutlich, was Nachfolge Christi nicht ist. Und er wird deutlich, was sie ist: sie ist fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Sie ist gastfreundlich, sie segnet die Verfolger, freut sich mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Sie vergilt nicht Böses mit Bösem. Nach Möglichkeit hält sie mit allen Menschen Frieden und sie widersteht eigenen Rachegelüsten. Und dann: Überwinde das Böse mit Gutem! – Mächtige Worte ohne machtlüstern zu sein. Starke Worte ohne die Stärke heraushängen zu lassen. Ein Achtungszeichen.

Alltäglich klopft die Versuchung in unterschiedlichstem Gewand auf die eigene Schulter. Und sie ist so süßlich verlockend: die eigene Rechthaberei, die eigene Bedeutung gegenüber anderen, auch die hochgehaltene eigene Demut. Aber was ist nun das Gute, mit dem man selbst dem Bösen und der Versuchung begegnen kann? Diese Frage geht an das eigene Gewissen, an die eigenen Überzeugungen. Es ist letztlich die sehr persönliche Frage: Wie will ich als Christ in der Welt leben?

Hanns Dieter Hüsch hat diese Frage in einem Gedicht für sich selbst so beantwortet: »Ich setze auf die Liebe, wenn Sturm mich in die Knie zwingt … es hat noch niemand den Hass besiegt ohne ihn selbst zu beenden. … Er kann mir sagen was er will. … Ich setzte auf die Liebe! Schluss.«

Juliane Kleemann, Theologische Referentin im EKD-Zentrum für Mission in der Region

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

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Alles dreht sich ums Leben

13. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Welthospiztag: Am 14. Oktober rückt das Thema Sterben in den Fokus der Öffentlichkeit. Wie steht es aktuell um die Hospiz- und Palliativversorgung in Mitteldeutschland?

Dinge müssen geregelt werden – auch wenn es ums Sterben geht: Vor zwei Jahren wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland beschlossen. Es findet nüchterne Worte für das, was sich für die meisten von uns nur schwer in Worte fassen lässt.

Durch dieses Gesetz hat sich einiges verändert: So gehört die Sterbebegleitung jetzt ganz konkret zum Versorgungsauftrag der sozialen Pflegeversicherung; die Palliativversorgung wurde mit dem Gesetz zudem ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die finanzielle Ausstattung stationärer Kinder- und Erwachsenen-Hospize ist besser geworden. Zum einen durch die Erhöhung des Mindestzuschusses der Krankenkassen: Der Tagessatz liegt in stationären Hospizen je betreutem Versicherten, also pro belegtem Bett, bei rund 260 Euro (in 2017). Zum anderen hat sich durch das neue Gesetz der Krankenkassen-Anteil erhöht. Die Krankenkassen tragen fortan 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten. Die restlichen 5 Prozent sind durch das jeweilige Hospiz, zum Beispiel in Form von Spenden oder ehrenamtlicher Mitarbeit, aufzubringen.

Wichtig, und vielen nicht bekannt: Der in den Hospizen »Gast« genannte Patient muss für den Aufenthalt nicht zahlen: Eigenanteile dürfen dem Versicherten weder ganz noch teilweise in Rechnung gestellt werden.

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

Treuer Begleiter: In manchen Hospizen sind Therapiehunde für die Gäste da und sorgen mit ihrer Anwesenheit für Wohlbefinden. Foto: Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu – fotolia.com

In Thüringen gibt es aktuell sechs stationäre Hospize – in Bad Berka, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Neustadt/Harz und Weimar – sowie das Kinder- und Jugendhospiz in Tambach-Dietharz. Insgesamt bieten diese Einrichtungen Platz für 78 Gäste. Hinzu kommen 13 Palliativstationen mit insgesamt 133 Plätzen sowie 10 sogenannte »Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams« (SAPV), davon eines für Kinder. Diese ermöglichen es Sterbenden, zu Hause bleiben zu können. Einen wichtigen Beitrag im Netzwerk leisten die 31 ambulanten Hospizdienste (26 für Erwachsene, 5 für Kinder), 1 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier thüringenweit.

Laut Ilka Jope von der Geschäftsführung des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands in Erfurt ist Thüringen im Bereich der Palliativ- und Hospizversorgung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ausgestattet – allerdings werden die Plätze auch benötigt.

Die Situation in Sachsen-Anhalt: Hier gibt es laut Ulrich Paulsen, Vorsitzender des Vereins Hospiz Sachsen-Anhalt, aktuell sechs stationäre Hospize – in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg, Quedlinburg, Stendal und Zerbst – mit insgesamt 60 Plätzen, hinzu kommen ein stationäres Kinderhospiz in Magdeburg und rund 12 Palliativstationen sowie 13 professionell und 10 ehrenamtlich koordinierte ambulante Hospizdienste, 5 davon für Kinder. Insgesamt sind rund 680 ausgebildete Ehrenamtliche im Einsatz. In Sachsen-Anhalt gibt es zehn SAPVs (plus zwei für Kinder).

Die Erkenntnis, dass Schwerstkranke und sterbende Menschen und die ihnen Nahestehenden am Ende des Lebens Zuwendung und Unterstützung bedürfen, hat sich gesamtgesellschaftlich immer mehr etabliert, die Hospizbewegung insgesamt eine starke Entwicklung genommen. Trauerbegleitung und Bildungsveranstaltungen werden vielerorts angeboten. 2017 feiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) sein 25-jähriges Bestehen. Er ist der Dachverband für über 1 100 Hospizvereine und Pal­liativeinrichtungen.

In Deutschland gibt es seit 2008 die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. Seit ihrer Veröffentlichung haben sich viele Unterzeichner gefunden, darunter die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und auch zahlreiche Institutionen in Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Adrienne Uebbing

www.hospiz-thueringen.de


www.hospize-sachsen-anhalt.de


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Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Zu viel Luther?

30. Juli 2017 von redaktionguh  
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Das aktuelle Reformationsjubiläum ist kaum überschaubar und zugleich inspirierend. Eine kleine, ganz persönliche Auswahl der letzten Tage: Lesung von F. C. Delius, der in seinem Buch »Warum Luther die Reformation versemmelt hat« Luther den Erbsündenbegriff des Augustinus und damit die Sündhaftigkeit der Sexualität vorwirft und in der Diskussion einen »Erbsündenbeauftragten« der EKD fordert. Am gleichen Tag, wiederum in Wittenberg, eine Tagung über die Zukunft von Kirchengebäuden und über Ideen zur Transformation von Räumen zu Orten spiritueller Begegnung. Zwei Tage später ein Ausstellungsbesuch »Luther in Laach«, denn auch im Benediktinerkloster Maria Laach grassiert der Luther-Virus. Luther war hier natürlich nie, ist aber bis heute mit zahlreichen Schriften in der wunderschönen Bibliothek präsent, übrigens bis zum Zweiten Vaticanum als »verbotene Bücher« gekennzeichnet und erst danach als »allgemeine Theologie«. Die Vielzahl an Veranstaltungen in ganz Deutschland zeigt: Das Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung!

Luther (ver)führt viele Menschen an die authentischen Stätten. Eine schöne Erfahrung: Auch die Heimat Luthers, das Mansfelder Land, wird zunehmend wahrgenommen, die Museen in Eisleben und Mansfeld besuchen fast dreimal so viele Gäste wie im gleichen Zeitraum 2016. Denn: Das Original zieht! Gegen jede kirchliche Luther-Skepsis und Luther-Ferne sei gesagt: Mit seinen Ecken und Kanten ist Luther ein faszinierender Mensch, ein »Vater im Glauben«, der mit seinem eigenen Ringen bis heute existenziell berührt, ein großartiger Schriftsteller und Seelsorger, eine Persönlichkeit Mitteldeutschlands wie der Weltgeschichte. 2017 ist ein Luther-Jahr, und das ist auch gut so!

Stefan Rhein

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

»Es war eine unglaubliche Atmosphäre«

5. Juni 2017 von redaktionguh  
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Vom Anhalt-Mahl bis zur »Nacht der Religionen«: Mit seinem Programm hatte der Kirchentag in Dessau offenbar den Nerv getroffen und zog mit rund 12 500 Menschen mehr Besucher an als erwartet.

Das gute Wetter, das haben sie natürlich extra für den Dessauer Kirchentag auf dem Weg so bestellt, scherzten diverse Vertreter der Landeskirche Anhalts. Zumindest war das ein guter Rahmen für den Auftakt am Donnerstagabend mit dem ökumenischen Gottesdienst auf dem Marktplatz und dem anschließenden Anhalt-Mahl in der Zerbster Straße. Ganz im Sinne der Ökumene zogen sich auf rund 500 Metern 220 Tische von der Marienkirche bis zur katholischen Kirche St. Peter und Paul. 130 Privatpersonen, Vereine, Gewerbetreibende und Kirchengemeinden wollten als Tischpaten gute Gastgeber sein. Bei Brot, Obst, Kuchen, Salaten und Trank kamen die Gastgeber mit zahlreichen Gästen aus ganz Deutschland im Lauf des Abends ins Gespräch, begleitet von Musik und Theater am Rande. Rund 2 000 Teilnehmer zählte die Polizei im Laufe des Abends. So viel gute Stimmung war selten im Dessauer Zentrum. »Nehmen wir diese positiven Eindrücke mit in den Alltag nach dem Kirchentag«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Auch für den Dessauer Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) war der Abend etwas Besonderes. »Es war eine unglaubliche Atmosphäre, und man hat die Liebe zwischen den Menschen gespürt«, schwärmte er noch am Sonnabend. Da nahm Kuras an einem Podiumsgespräch zu der Frage »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« im Audimax der Hochschule Anhalt teil. Für den Kommunalpolitiker ist Religion ein guter Kompass für das Leben. Er schätzt im Buch Jeremia besonders die Stelle, wo es heißt: »Suchet der Stadt Bestes.« Zudem hat es ihm eine Abschrift von Luthers Römerbrief-Vorlesung angetan, die in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau-Roßlau aufbewahrt wird und die die Unesco als Welt-Dokumentenerbe anerkannt hat. Diese Vorlesung ist für Kuras sehr aktuell, weil Luther in ihr Gedanken artikuliert habe, die sich heute wie »Grundsätze für Führungskräfte« lesen würden. Luther mahne darin, auch sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sind es Psalm 23 und die anderen, die »wunderbaren Bilder in der Bibel, ohne die ich nicht leben könnte, wie ›Siehe, ich mache alles neu‹ oder ›Er wird abwischen alle Tränen‹«. Die biblischen Bilder und Geschichten hätten immer stärker sein Leben geprägt. Der Theologe erinnerte an die 95 Thesen Martin Luthers und an die Begriffe Buße und Sühne, die heute wieder hochaktuell seien. Luther habe die Buße als positive Kraft verstanden, zu sich selbst in eine kritische Distanz zu gehen. Was könne das auch für das politische Leben bedeuten, wenn man Fehler eingestehen könnte, »ohne von den Medien geschlachtet zu werden«.

Die Dessauer Grünen-Bundestags­abgeordnete Steffi Lemke ist Atheistin, doch Spiritualität und Meditation spielen in ihrem Leben und in ihrer Arbeit als Politikerin eine große Rolle. »Wenn ich nicht daran glauben würde, die Welt verbessern zu können, könnte ich keine Politik machen«, sagte sie vor zahlreichen Zuhörern. Bei den vielen Brandherden in der Welt benötige man auch als Politiker eine Kraftquelle. Die Kirchen sieht Lemke als starke politische Kraft an und als Akteure im Zusammenhalt gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit. »Ich habe kein Verständnis für Forderungen, dass Kirche sich aus der Politik zurückzuhalten habe, sagte sie. »Die Kirchen stehen für Werte ein, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind.«

Wichtig für die Gesellschaft seiner Zeit war Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), in Dessau geborener Philosoph und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung. An einen seiner Sätze lehnte sich das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – an: »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Dies ist die Bestimmung des Menschen.« Zu einem der Angebote, die das Verhältnis der Religionen thematisierten, gehörte ein interreligiöses Gespräch am 26. Mai. Der Muslim Ahmed Abdelemam A. Ali vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig, der Rabbiner Alexander Nachama aus Dresden und Kirchenpräsident Joachim Liebig nahmen daran teil. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man beim Reden über den eigenen Glauben Verstehenshürden beim Gesprächspartner überwinden kann. Diese Gefahr bestünde auch bei der innerkirchlichen Ökumene, so Joachim Liebig. Es gelte, zuerst die Gemeinsamkeiten zu betonen, zuzuhören und immer wieder nachzufragen. »Das ist für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung.« Auch Rabbiner Nachama findet es sehr wichtig, zuzuhören und nicht abzuschalten bei Punkten, die schwierig sind. Ahmed Ali sagte: »Für mich als Moslem ist die Vielfalt in der Religion verankert. Gott habe die Menschen verschieden gemacht und es gebe verschiedene Wege zu Gott: »Ich kann die Wahrheit haben, aber ein anderer kann sie auch haben.« Alexander Nachama sagte: »Ich habe bei einem Besuch der Dresdner Kreuzkirche viele Dinge nicht mitsprechen können, weil sie gegen meinen Glauben sind, aber sie haben mir beim Verstehen geholfen.«

In der schwierigen Wahrheitsfrage warnte Kirchenpräsident Liebig vor »Wohlfühltoleranz«. Jeder sollte wissen, was seine Wahrheit ist und diese auch begründen können. Es bleibe die Frage: »Wie schaffen wir es, mit den verschiedenen Wahrheitsansprüchen umzugehen, ohne intolerant zu werden?«

Angela Stoye und Danny Gitter

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von redaktionguh  
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Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


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