Fest in Frauenhand

21. August 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Reformationsjubiläum: Frauen feiern in Wittenberg und fordern Veränderung

Mehrere hundert Frauen aus 18 Nationen haben sich am Sonnabend auf dem Wittenberger Marktplatz zu einem Frauenfestmahl zusammengefunden. Zwischen den Statuen von Martin Luther und Phillip Melanchthon ging es der weiblichen Hälfte der Menschheit darum, »nicht nur aufzutischen, sondern sich vor allem einzumischen«, wie Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland, formulierte. Sie gehörte zu den Organisatorinnen der fröhlichen Zusammenkunft. Deren Motto »ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied« war einem Songtext des Liedermachers Gerhard Schöne entliehen und lud ein zu schmackhaften Gerichten, anregenden Gesprächen und gemeinsamem Gesang.

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

Fototermin: Rund 120 Frauen im Talar fanden sich am Sonnabend auf dem Schlosshof ein. Frauen im Pfarr- oder einem anderen kirchlichen Leitungsamt sind noch immer nicht selbstverständlich. Foto: Thomas Klitzsch

»Dass wir hier stehen, ist eine Wirkung der Reformation«, bekundete Landesbischöfin Ilse Junkermann und fügte selbstbewusst hinzu, dass durch Luthers Diktum von der Priesterschaft aller Glaubenden »alle gleichermaßen berufen sind – zu allen Ämtern der Kirche«. Doch vielerorts gilt es dies immer noch durchzusetzen. Kaum jemand weiß das besser als Jana Jeruma Grinberga. Sie wurde 2009 zur ersten Bischöfin der lutherischen Kirche in Großbritannien berufen. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands wäre ihr dies inzwischen verwehrt, denn 2016 sind auf Beschluss der dortigen Synode Frauen wieder vom Pfarramt ausgeschlossen worden. Inzwischen ist die gebürtige Lettin Grinberga als Kaplanin der Anglikanischen Kirche in Riga tätig, ein Stachel im Fleisch der konservativen Kirchenvertreter in ihrem Heimatland. »Es stehen uns noch einige Kämpfe bevor«, bekundet sie im Gespräch und sprühte dabei vor Energie. Das Frauentreffen an der Wiege der Reformation gebe Kraft und es helfe, »einander zu stärken«.

Auch unter deutschen evangelischen Theologen gebe es Stimmen, die über »zu viel Sopran« auf den Kanzeln klagten, sprang ihr die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei; sie erinnerte zudem an die Reaktionen, als vor 25 Jahren Maria Jepsen zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin weltweit gewählt wurde. Jepsen war beim Frauenfestmahl dabei und wurde von den Anwesenden mit großem Beifall begrüßt und gefeiert. Sie sei »Vorbild und Mut machendes Beispiel für viele Frauen« gewesen, so die Lettin Grinberga.

Dass es in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auch noch andere Baustellen gibt, betonte Gisela Hoffmann, die zusammen mit etwa 30 anderen Frauen aus Stuttgart und Umgebung angereist war. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder hatte sich über Jahrzehnte ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert und etwas zum Festmahl mitgebracht – ihren Rentenbescheid. Der sei ein trauriges Beispiel für die Geringschätzung weiblichen Engagements jenseits der Lohnarbeit.

Es gehe darum, »fortzusetzen, was erreicht wurde und möglichst viele Frauen mit ins Boot zu holen«, fand Andrea Klose. Die Wittenbergerin arbeitet in einer Bäckerei am Marktplatz in der Lutherstadt und war spontan als Vertreterin des Bereichs »ein Törtchen« für die verhinderte Starköchin Sarah Wiener eingesprungen. Für »ein Lied« sorgten die Theologin und Musikwissenschaftlerin Sybille Fritsch-Oppermann sowie »Brass Feminale«, eine eigens zum Frauenfesttag gegründete Formation, bestehend aus acht Bläserinnen aus allen Teilen Deutschlands.

Die Reformation gehe weiter, so Landesbischöfin Ilse Junkermann, »dafür sind wir ein Zeichen heute«. Und noch »ein Wörtchen« gab sie den Frauen mit auf den Weg: »Wir haben keine Angst vor Veränderung.«

Stefanie Hommers


Alles nach Plan?

31. Juli 2017 von redaktionguh  
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Zwischenbilanz: Veranstalter in Wittenberg zufrieden – Besucherzahlen hinter den Erwartungen

Das Reformationsjubiläum wartet weiter auf den großen Durchbruch. Für die »Weltausstellung Reformation« in Wittenberg, zu der rund 500 000 Besucher erwartet worden waren, sind bislang erst 70 000 Eintrittskarten verkauft worden. Sie läuft noch bis zum 10. September.

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Guter Dinge: (v. li.) Ulrich Schneider, Geschäftsführer r2017, Margot Käßmann, Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und Pfarrer Christian Ferber vor dem Segens­roboter der Weltausstellung Reformation. Foto: r2017

Die Ausstellung in den Grünanlagen rund um die Wittenberger Altstadt sollte einer der Höhepunkte im Jahr der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag sein. Insgesamt kostet die Weltausstellung rund 20 Millionen Euro, neben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählen auch das Land Sachsen-Anhalt und der Bund zu den Geldgebern. Die Veranstalter zeigten sich dennoch zufrieden: »Die Weltausstellung hat an Fahrt aufgenommen«, sagte Geschäftsführer Ulrich Schneider. »Die Teilnehmerzahlen werden zunehmend stärker.« Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagte, sie »schätze besonders die Qualität der Begegnung von vielen Menschen, die Zuwendung zu existenziellen Fragen«. Die Weltausstellung zeige, dass 500 Jahre Reformation nicht eine Schau der Historie seien. »Wer bisher dabei ist, ist begeistert.«

Im Unterschied zum Millionenprojekt Weltausstellung kann die Stadt Wittenberg selbst im Lutherjahr nicht über fehlende Gäste klagen: Allein die Schlosskirche, an deren Tür Luther 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, zählte seit Jahresanfang rund 280 000 Besucher. Und das Luther-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi, ein begehbares Kunstwerk, das Besucher in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurückversetzt, wurde seit Oktober 2016 von rund 250 000 Menschen besucht. Die genuin kirchlichen Angebote werden dagegen deutlich schwächer wahrgenommen. Der von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ausgestellte Segensroboter, der als eines der Highlights der Weltausstellung gilt, hat nach Angaben von Standleiter Christian Ferber seit Beginn der Weltausstellung 3 800 Mal den Segen gespendet. Pro Woche würden etwa 380 bis 400 Menschen den Roboter nutzen – was zeigt, dass die Besucher zwar in Wittenberg sind, die teure Weltausstellung aber wohl weitgehend ignorieren.

Benjamin Lassiwe

Zu viel Luther?

30. Juli 2017 von redaktionguh  
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Das aktuelle Reformationsjubiläum ist kaum überschaubar und zugleich inspirierend. Eine kleine, ganz persönliche Auswahl der letzten Tage: Lesung von F. C. Delius, der in seinem Buch »Warum Luther die Reformation versemmelt hat« Luther den Erbsündenbegriff des Augustinus und damit die Sündhaftigkeit der Sexualität vorwirft und in der Diskussion einen »Erbsündenbeauftragten« der EKD fordert. Am gleichen Tag, wiederum in Wittenberg, eine Tagung über die Zukunft von Kirchengebäuden und über Ideen zur Transformation von Räumen zu Orten spiritueller Begegnung. Zwei Tage später ein Ausstellungsbesuch »Luther in Laach«, denn auch im Benediktinerkloster Maria Laach grassiert der Luther-Virus. Luther war hier natürlich nie, ist aber bis heute mit zahlreichen Schriften in der wunderschönen Bibliothek präsent, übrigens bis zum Zweiten Vaticanum als »verbotene Bücher« gekennzeichnet und erst danach als »allgemeine Theologie«. Die Vielzahl an Veranstaltungen in ganz Deutschland zeigt: Das Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung!

Luther (ver)führt viele Menschen an die authentischen Stätten. Eine schöne Erfahrung: Auch die Heimat Luthers, das Mansfelder Land, wird zunehmend wahrgenommen, die Museen in Eisleben und Mansfeld besuchen fast dreimal so viele Gäste wie im gleichen Zeitraum 2016. Denn: Das Original zieht! Gegen jede kirchliche Luther-Skepsis und Luther-Ferne sei gesagt: Mit seinen Ecken und Kanten ist Luther ein faszinierender Mensch, ein »Vater im Glauben«, der mit seinem eigenen Ringen bis heute existenziell berührt, ein großartiger Schriftsteller und Seelsorger, eine Persönlichkeit Mitteldeutschlands wie der Weltgeschichte. 2017 ist ein Luther-Jahr, und das ist auch gut so!

Stefan Rhein

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

»Es war eine unglaubliche Atmosphäre«

5. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Vom Anhalt-Mahl bis zur »Nacht der Religionen«: Mit seinem Programm hatte der Kirchentag in Dessau offenbar den Nerv getroffen und zog mit rund 12 500 Menschen mehr Besucher an als erwartet.

Das gute Wetter, das haben sie natürlich extra für den Dessauer Kirchentag auf dem Weg so bestellt, scherzten diverse Vertreter der Landeskirche Anhalts. Zumindest war das ein guter Rahmen für den Auftakt am Donnerstagabend mit dem ökumenischen Gottesdienst auf dem Marktplatz und dem anschließenden Anhalt-Mahl in der Zerbster Straße. Ganz im Sinne der Ökumene zogen sich auf rund 500 Metern 220 Tische von der Marienkirche bis zur katholischen Kirche St. Peter und Paul. 130 Privatpersonen, Vereine, Gewerbetreibende und Kirchengemeinden wollten als Tischpaten gute Gastgeber sein. Bei Brot, Obst, Kuchen, Salaten und Trank kamen die Gastgeber mit zahlreichen Gästen aus ganz Deutschland im Lauf des Abends ins Gespräch, begleitet von Musik und Theater am Rande. Rund 2 000 Teilnehmer zählte die Polizei im Laufe des Abends. So viel gute Stimmung war selten im Dessauer Zentrum. »Nehmen wir diese positiven Eindrücke mit in den Alltag nach dem Kirchentag«, sagte Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Auch für den Dessauer Oberbürgermeister Peter Kuras (FDP) war der Abend etwas Besonderes. »Es war eine unglaubliche Atmosphäre, und man hat die Liebe zwischen den Menschen gespürt«, schwärmte er noch am Sonnabend. Da nahm Kuras an einem Podiumsgespräch zu der Frage »Was bedeutet Religion in meinem Leben?« im Audimax der Hochschule Anhalt teil. Für den Kommunalpolitiker ist Religion ein guter Kompass für das Leben. Er schätzt im Buch Jeremia besonders die Stelle, wo es heißt: »Suchet der Stadt Bestes.« Zudem hat es ihm eine Abschrift von Luthers Römerbrief-Vorlesung angetan, die in der Anhaltischen Landesbücherei in Dessau-Roßlau aufbewahrt wird und die die Unesco als Welt-Dokumentenerbe anerkannt hat. Diese Vorlesung ist für Kuras sehr aktuell, weil Luther in ihr Gedanken artikuliert habe, die sich heute wie »Grundsätze für Führungskräfte« lesen würden. Luther mahne darin, auch sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

210 Bläser aus Anhalt, der Pfalz, aus Norddeutschland und Hessen unter der Leitung von Landesposaunenwart Steffen Bischoff gestalteten den Eröffnungsgottesdienst musikalisch aus. Bei dem vollen Klang war hier wie auch beim großen Konzert trotz der Hitze Gänsehaut garantiert. Foto: Johannes Killyen

Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sind es Psalm 23 und die anderen, die »wunderbaren Bilder in der Bibel, ohne die ich nicht leben könnte, wie ›Siehe, ich mache alles neu‹ oder ›Er wird abwischen alle Tränen‹«. Die biblischen Bilder und Geschichten hätten immer stärker sein Leben geprägt. Der Theologe erinnerte an die 95 Thesen Martin Luthers und an die Begriffe Buße und Sühne, die heute wieder hochaktuell seien. Luther habe die Buße als positive Kraft verstanden, zu sich selbst in eine kritische Distanz zu gehen. Was könne das auch für das politische Leben bedeuten, wenn man Fehler eingestehen könnte, »ohne von den Medien geschlachtet zu werden«.

Die Dessauer Grünen-Bundestags­abgeordnete Steffi Lemke ist Atheistin, doch Spiritualität und Meditation spielen in ihrem Leben und in ihrer Arbeit als Politikerin eine große Rolle. »Wenn ich nicht daran glauben würde, die Welt verbessern zu können, könnte ich keine Politik machen«, sagte sie vor zahlreichen Zuhörern. Bei den vielen Brandherden in der Welt benötige man auch als Politiker eine Kraftquelle. Die Kirchen sieht Lemke als starke politische Kraft an und als Akteure im Zusammenhalt gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit. »Ich habe kein Verständnis für Forderungen, dass Kirche sich aus der Politik zurückzuhalten habe, sagte sie. »Die Kirchen stehen für Werte ein, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind.«

Wichtig für die Gesellschaft seiner Zeit war Moses Mendelssohn (1729 bis 1786), in Dessau geborener Philosoph und Wegbereiter der jüdischen Aufklärung. An einen seiner Sätze lehnte sich das Motto des Kirchentages – »Forschen.Lieben.Wollen.Tun« – an: »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Dies ist die Bestimmung des Menschen.« Zu einem der Angebote, die das Verhältnis der Religionen thematisierten, gehörte ein interreligiöses Gespräch am 26. Mai. Der Muslim Ahmed Abdelemam A. Ali vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig, der Rabbiner Alexander Nachama aus Dresden und Kirchenpräsident Joachim Liebig nahmen daran teil. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie man beim Reden über den eigenen Glauben Verstehenshürden beim Gesprächspartner überwinden kann. Diese Gefahr bestünde auch bei der innerkirchlichen Ökumene, so Joachim Liebig. Es gelte, zuerst die Gemeinsamkeiten zu betonen, zuzuhören und immer wieder nachzufragen. »Das ist für unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung.« Auch Rabbiner Nachama findet es sehr wichtig, zuzuhören und nicht abzuschalten bei Punkten, die schwierig sind. Ahmed Ali sagte: »Für mich als Moslem ist die Vielfalt in der Religion verankert. Gott habe die Menschen verschieden gemacht und es gebe verschiedene Wege zu Gott: »Ich kann die Wahrheit haben, aber ein anderer kann sie auch haben.« Alexander Nachama sagte: »Ich habe bei einem Besuch der Dresdner Kreuzkirche viele Dinge nicht mitsprechen können, weil sie gegen meinen Glauben sind, aber sie haben mir beim Verstehen geholfen.«

In der schwierigen Wahrheitsfrage warnte Kirchenpräsident Liebig vor »Wohlfühltoleranz«. Jeder sollte wissen, was seine Wahrheit ist und diese auch begründen können. Es bleibe die Frage: »Wie schaffen wir es, mit den verschiedenen Wahrheitsansprüchen umzugehen, ohne intolerant zu werden?«

Angela Stoye und Danny Gitter

Generation 2017: Gebete, Schweiß und Reformation

4. Juni 2017 von redaktionguh  
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Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Das Festwochenende in der Lutherstadt

Als die Sonne über der Wittenberger Elbwiese aufging, erklang leise, sphärische Musik aus den Lautsprechern. Noch etwas müde wischte sich der Stuttgarter Pfarrer Dieter Heugel den Schlaf aus den Augen. Und auch Petra und Julia Zott aus Oberroth schälten sich aus ihren Schlafsäcken. Gemeinsam mit gut 10 000 anderen hatten sie unter freiem Himmel die »Nacht der Lichter« der Brüder aus Taizé miterlebt und gleich auf dem Festgelände übernachtet.

Impressionen vom  Festwochenende am Elbufer Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Impressionen vom Festwochenende am Elbufer. Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Auf der schattenlosen Festwiese waren in der Frühsommerhitze alle erdenklichen Arten von Sonnenschutz willkommen – Schlafsäcke aus der Nacht wurden zu Sonnensegeln umfunktioniert. Am Ende sind 120 000 Menschen zum Abschlussgottesdienst auf die Festwiese gekommen. Das sind deutlich weniger als die ursprünglich erhofften 200 000 Besucher. Der guten Stimmung tat das keinen Abbruch. »Ich glaube: Martin Luther wäre sehr zufrieden mit uns«, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) der Kirchentagsgemeinde zu.

Und die erlebten in jedem Fall den größten Gottesdienst, den Deutschlands Protestanten im Lutherjahr 2017 feierten.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Entsprechend intensiv wurde der Reformator gewürdigt: »Man kann den Beitrag Martin Luthers zu dem Teil der Welt, der durch Europa beeinflusst ist, gar nicht hoch genug einschätzen«, sagte der südafrikanische Erzbischof Thabo Makgoba in seiner Predigt (siehe letzte Seite).

Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hoffte gar auf das Entstehen einer »Generation 2017, in der junge Leute aufbrechen«. »Eine Generation, die aus dem Reformationsjubiläumsjahr einen Neuaufbruch zum Glauben mitnimmt und uns alle einschließt«, so Bedford-Strohm.

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Fotos: Steffen Giersch, epd-bild, Willi Wild

Die Bundespolizei war mit mehr als 700 Einsatzkräften aus neun Bundesländern im Einsatz in Wittenberg und sicherte vor allem die An- und Abreise der Teilnehmer mit der Bahn. Die von der Bundeswehr über die Elbe errichtete Pontonbrücke war stark frequentiert. Schätzungen zufolge soll sie für den Hin- und Rückweg etwa 50 000 Mal genutzt worden sein. Die Bundeswehr hatte 250 Soldaten im Einsatz.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe war mit 750 Kräften für den Sanitätsdienst vor Ort. 715 Hilfeleistungen wurden regis­triert. Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen litten die meisten Patienten unter Überhitzung und Überanstrengung, hieß es.

(GKZ/epd)


Mit Herzblut bei der Sache

22. Mai 2017 von redaktionguh  
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Reformationsjubiläum: Mancher fragt sich, ob die Beteiligung für Anhalt nicht eine Nummer zu groß ist. Zwar ist manches offen, aber dass etliche Hürden genommen sind, macht Mut.

Wenn am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg die Weltausstellung Reformation eröffnet wird, ist die Landeskirche Anhalts mit ihrem Übersee-Container-Projekt mitten im Geschehen. Im Vorfeld tauchte mehrfach die Frage auf, ob die kleinste Landeskirche in der EKD die Anforderungen des Reformationssommers überhaupt bewältigen könne. »Das ist sicher eine Bürde für unsere Landeskirche«, sagt Andreas Janßen, Leiter der anhaltischen Arbeitsstelle »Luther 2017«, »aber keine untragbare Last.« Anhalt habe sich durch seine Vorbereitung auf das Jubiläum 2017 in der EKD »ein Standing geschaffen, das uns als Kirche zurzeit nicht in Frage stellt«. Anhalt sei im Gespräch, werde aber manchmal sehr kritisch hinterfragt.

Mit Blick auf den Europäischen Stationenweg am 18. Mai in Bernburg sagte Janßen, dass sich das Programm mit dem großer Städte messen könne. »Man merkt sehr deutlich, dass der Kirchenkreis über die Erfahrungen aus zwei anhaltischen Kirchentagen verfügt.«

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

In der Ausstellung »Frauen(er)leben in Anhalt«, die am 14. Mai in der Dessauer Marienkirche eröffnet wurde und die auch zum Kirchentag auf dem Weg gezeigt wird, steckt viel zusätzlicher Einsatz einer Autorinnengruppe (mehr in der nächsten Ausgabe). Zur Eröffnung musizierten ein Projektchor und das Broken Consort Dessau.n Foto: Johannes Killyen

Für den Kirchentag auf dem Weg in Dessau sei es schwierig gewesen, Gastgeber für das Anhalt-Mahl zu finden. Deshalb habe es lange Zeit auf der Kippe gestanden. Aber: »Bei der letzten Infoveranstaltung wurden wir dann plötzlich so überrannt, dass wir Bierzeltgarnituren nachordern mussten.« Solche Begebenheiten machten Mut und ließen hoffen, dass der gesamte Kirchentag die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Zudem sei die Programmvielfalt nur möglich, weil Haupt- und Ehrenamtliche unermüdlich daran mitgearbeitet hätten. »Darin steckt viel anhaltisches Herzblut.« Grundsätzlich sei zum Thema »Ehrenamt« zu sagen, dass es immer schwieriger werde, die benötigten Helfer zu finden. »Wir merken, dass die Kirchengemeinden mit ihren älter werdenden Gemeindegliedern an ihre Grenzen stoßen.« Darin, dass nicht nur Anhalt, sondern auch dem Deutschen Evangelischen Kirchentag Helfer fehlten, sieht Janßen ein gesellschaftliches Problem, »dass uns in den nächsten Jahren noch zu beschäftigen hat«.

Die Vorbereitung der Weltausstellung Reformation vom 20. Mai bis 10. September stelle Anhalt jeden Tag vor neue Herausforderungen. Viele habe man vor einigen Monaten nicht absehen können.

Zum Beispiel den Standortwechsel der drei Übersee-Container, die nun im Luthergarten in der Nähe des Wittenberger Altstadtbahnhofes zu finden seien. »Der Standortwechsel führte dazu, dass wir einen neuen umfangreichen Bauantrag bei der Stadt Wittenberg stellen mussten, der mit Kosten verbunden ist.« Zudem habe sich herausgestellt, dass Verabredungen, die zu Beginn der zweijährigen Vorbereitung auf die Weltausstellung getroffen wurden, nicht mehr einzuhalten seien. So habe der Café-Betreiber auf dem Container-Sonnendeck abgesagt. Mit der Bernburger Kanzlerstiftung sei aber eine Alternative gefunden worden. Zudem habe ein Gewerbetreibender, der die Übersee-Container nach der Weltausstellung kaufen wollte, abgesagt. Sollten die Container nicht bis September verkauft werden, müssten sie nach Dessau zurück. Das sei mit hohen Kosten verbunden. Auch die Suche nach Sponsoren und Teamern für das Containerprojekt verlaufe nicht ohne Probleme. Gut ist, dass der obere der drei Container (die beiden unteren enthalten eine Ausstellung) fast durchgehend an Interessenten habe vermietet werden können. So sei vom 20. Mai bis Mitte Juni die Landeskirche Baden zu Gast, danach die Kirche der Pfalz. Von Juli bis September kommen unter anderen anhaltische Städte und die Tourismusregion Harz.

»Die Präsenz Anhalts in Wittenberg«, so Andreas Janßen, »wird sicherlich an manchen Stellen zur Herausforderung.« Trotzdem gibt er sich optimistisch. »Ich kann nicht im Geringsten sagen, wie dieser Sommer zu Ende gehen wird. Ich weiß aber, dass es immer einen Weg gibt.«

Angela Stoye

Eine Frage des Zeitgeistes?

9. Mai 2017 von redaktionguh  
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Die Landessynode hat auf ihrer Frühjahrstagung in Alexisbad eine Verfassungsänderung zur geschlechtergerechten Sprache abgelehnt. In der Neuformulierung der Verfassung sollte es beispielsweise »Pfarrerinnen und Pfarrer« und »Kirchenpräsidentin und Kirchenpräsident« heißen. Nur 23 der 33 Synodalen stimmten für den Entwurf. An dieser Stelle kommen Christine Reizig als Befürworterin und Eckhart Hundertmarck als Gegner geschlechtergerechter Sprache zu Wort.

An der österreichischen Inntalautobahn bei Kufstein: Das Projekt der Künstlerin Ursula Beiler (Foto) war ein Beitrag eines Kunstwettbewerbs des Landes Tirol und zeitlich befristet. Inzwischen ist es abgebaut. Foto: Asfinag

An der österreichischen Inntalautobahn bei Kufstein: Das Projekt der Künstlerin Ursula Beiler (Foto) war ein Beitrag eines Kunstwettbewerbs des Landes Tirol und zeitlich befristet. Inzwischen ist es abgebaut. Foto: Asfinag

Pro

Christine Reizig, Dessau-Roßlau, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau

Das war keine Sternstunde meiner Kirche! Die Landeskirche Anhalts war eine der ersten, die Frauen ordiniert hat. Ende der 1950er-Jahre war sie eine Vorreiterin der Gleichberechtigung und Gleichachtung der Frauen. Ist das vorbei?

In den Verfassungstexten des Landes und des Bundes ist es selbstverständliche Norm, Männer und Frauen gleichberechtigt zu benennen. Ich dachte, diese Gesetzesänderung wäre an der Zeit und selbstverständlich. Weit gefehlt! Der Rechts- und Verfassungsausschuss hatte sich viele Stunden mit der Anpassung befasst und sich um ein gutes und schönes Deutsch bemüht. In zwei Lesungen wurde weiter daran gefeilt.

Nach der Ablehnung gibt es in der Verfassung weiterhin ausschließlich Männer – den Pfarrer, den Ältesten, den Kirchenpräsidenten, den Oberkirchenrat. Und ein Gemeindekirchenrat ist eine brüderliche Leitung, auch wenn die Pfarrerin und – Gott sei Dank – viele Schwestern ihr Engagement einbringen.

Sprache bildet unser Denken ab! Insofern ist die grundsätzliche Ablehnung der Verfassungsänderung ein Affront gegen viele Frauen, die sich in dieser Kirche haupt-, neben- und ehrenamtlich engagieren.

Nach Genesis 1,27 f repräsentieren nur Mann und Frau gemeinsam das Ebenbild Gottes und sind auf ein Miteinander hin geschaffen. Ich empfinde den Beschluss als beschämend für die Synode. Immerhin gab es auch 23 Stimmen für die Änderung, also haben sich mindestens 18 männliche Synodale für eine sprachliche Gleichberechtigung ausgesprochen.

In diesem Jahr sind in Anhalt Gemeindekirchenrats-, danach Synodalwahlen. Liebe Schwestern, ich ermuntere Sie ausdrücklich: Kandidieren Sie und lassen Sie sich wählen! Ein höherer Frauenanteil in kirchenleitenden Gremien tut unserer Kirche not!

Kontra

Eckhart Hundertmarck, Synodaler, Gernrode, Kirchenkreis Ballenstedt

Ein Verfassungstext sollte knapp, klar verständlich und eindeutig sein. Deshalb halte ich es für absolut unbefriedigend, wenn eine Änderung in »gerechte Sprache« nur dann inhaltlich dem gewünschten Ziel nahekommt, wenn sie zum Beispiel den Absatz eines Pararafen in folgender Form hervorbringt: »Kreisoberpfarrerinnen und Kreisoberpfarrer sind Beraterinnen und Seelsorgerinnen oder Berater und Seelsorger der Pfarrerinnen und Pfarrer und der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter …«

Sprache entwickelt sich allmählich in einzelnen Begriffen (zum Beispiel Krankenschwester/Pfleger) oder auch Tendenzen (zum Beispiel Rückzug des Genitivs zugunsten des Dativs) und lässt sich nicht komplett querbeet im Ganzen durch Überstülpen eines Zeitgeistes erzwingen, dem ein Verfassungstext nicht nachlaufen sollte.

Der oben zitierte Absatz ist wenigstens sprachlich korrekt, wenn auch holprig. Für eine vertiefte Befassung mit der fortschreitenden Erfindung geschlechtsneutraler Zeichen mit – */…in,innen als schlichte Fortentwicklung dieses Zeitgeistes fehlt mir Zeit und Platz.

Nur kurz: Wehret den Anfängen, die Sprache wird so unsprechbar. Das gerne gebrachte Argument, Frauen fühlten sich von den bisherigen Texten nicht angenommen, wird meines Erachtens allein von der deutlich überwiegenden Anzahl weiblicher Gottesdienstbesucher und anderer kirchlicher Gruppen widerlegt.

Auch der Hinweis, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sei bei diesem Thema schon viel weiter, überzeugt nicht, wenn man sich die Alternativen in gerechter Sprache in dem von dieser Kirche herausgegebenen Liederbuch »freiTöne« näher ansieht.

Nach alldem halte ich eine aufgepfropfte »geschlechtergerechte« Sprache in Kirche (und Gesellschaft) nicht für zielführend.

Was 2017 gefeiert wird

7. Mai 2017 von redaktionguh  
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Pünktlich zur Halbzeit des Reformationsjubiläums will die EKD mit einer Broschüre für Kirchengemeinden, Presbyterien und engagierte Christen noch einmal an dessen Grundlagen erinnern. »Uns geht es darum, zu zeigen, was eine protestantische Lebenshaltung eigentlich heute heißen kann: Innere Freiheit und Hinwendung zum Nächsten, aus Gottvertrauen leben und Orientierung aus der Bibel schöpfen – demütig und wo nötig, auch kämpferisch«, sagte die stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus bei der Vorstellung. Das Büchlein ist in die Abschnitte »Erinnern«, »Vergewissern« und »Verantworten« gegliedert. Passend zu den binnenkirchlichen Reformprozessen der EKD spricht es stets von einer »reformatorisch geprägten Lebenshaltung« und von »protestantischer Theologie«.

Martin Luther kommt im Text nur im Zusammenhang mit Johannes Calvin vor. Stattdessen heißt es im Text: »Lebendige Gottesdienste und engagierte Bibellektüre, regelmäßige Gebete und Meditationen, Zeiten der Stille und des Rückzugs sind Quellen einer evangelischen Freiheit, die sich im Alltag bewährt.« Immer wieder betont der Text ferner die gesellschaftliche Bedeutung des Protestantismus. »Wir sind überzeugt: Reformatorisch geprägte Stimmen können der (Welt-)gesellschaft guttun«, heißt es darin etwa.
Die praktischen Wirkungen dieses Textes allerdings dürften wohl begrenzt bleiben. Denn das bekanntlich am 31. Oktober 2016 eröffnete Festjahr zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag ist schon in vollem Gange. Und eine Druckauflage von lediglich 15 000 Exemplaren führt dazu, dass – rein statistisch – für jede der rund 14 000 Kirchengemeinden in Deutschland gerade einmal ein Exemplar zur Verfügung steht.

Benjamin Lassiwe

Quo vadis: Wohin geht die Reise, Anhalt?

24. April 2017 von redaktionguh  
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Comments Off

Über die Zukunft der kleinsten Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sprach Willi Wild mit Kirchenpräsident Joachim Liebig und Pfarrer Wolfram Hädicke, dem stellvertretenden Präses der Landessynode.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand der Landeskirche Anhalts beschreiben?
Hädicke:
Von außen sieht das auf der EKD-Landkarte mit unserer kleinen Landeskirche ein bisschen seltsam aus. Die Innensicht unterscheidet sich aber doch ein ganzes Stück. Derzeit glaube ich nicht, dass grundlegende Veränderungen der Landeskirche hinsichtlich ihrer Selbstständigkeit unmittelbar bevorstehen.

Es gab kritische Fragen hinsichtlich der Finanzen unserer Landeskirche, der Rücklagen, der Verpflichtungen sowie der Versorgungslasten. Das ist in den Ausschüssen und in der Kirchenleitung besprochen worden. Das Zwischenergebnis dieses Prozesses lautet: Wenn wir die landeskirchlichen Strukturen anpassen, steht die Selbstständigkeit der Landeskirche mittelfristig keineswegs in Frage.

Bei der Herbstsynode konnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Gibt es Druck auf die kleine Landeskirche und wer übt ihn aus?
Liebig:
Seit dem EKD-Papier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 gibt es diesen mittelbaren Druck auf kleinere Landeskirchen. Das betraf nicht nur uns, sondern alle EKD-Gliedkirchen, die nicht dem damals genannten Kriterium von mindestens einer Million Mitgliedern entsprachen.

Der EKD-Finanzausgleich, der für uns und alle anderen östlichen Glied­kirchen von großer Bedeutung ist, wird jedes Jahr erneut verhandelt. Die größte Befürchtung seitens der anderen Gliedkirchen und sicherlich auch des Finanzbeirates der EKD ist, dass wir in zehn Jahren oder später nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen. Das nehmen wir sehr ernst. Zukünftig allen Verpflichtungen nachzukommen, das ist die Aufgabe und Bewährungsprobe, vor der wir permanent stehen.

Können Sie ein Beispiel für die gesetzlichen Verpflichtungen nennen, die Sie als Teil der EKD erfüllen müssen?
Liebig:
Ich denke jetzt im Besonderen an die Versorgungsleistungen, die wir für unsere Mitarbeitenden leisten müssen. Eine unserer großen Sorgen ist, dass wir einmal diese Leistungen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen könnten. Wir müssen deshalb versuchen, die Zahl der Versorgungsberechtigten mittelfristig zu reduzieren. Bis 2025 werden uns etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden in allen Berufsgruppen in den Altersruhestand verlassen. Wir werden nicht in der Lage sein, diese 30 Prozent eins zu eins wieder aufzufüllen.

Wenn wir weniger Personal haben, zahlen wir auch weniger in das Solidarsystem der Gliedkirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland ein.

Wie groß oder klein ist dieser Anteil an dem Solidarsystem?
Liebig:
Im Haushalt der Landeskirche sind ein Viertel Einnahmen aus Kirchensteuern und ebenfalls rund ein Viertel Erträgnisse aus der Vermietung und Verpachtung unseres immobilen Vermögens. Ein weiteres Viertel sind die sogenannten Staatsleistungen. Und noch ein Viertel ist der Solidarbeitrag der Gliedkirchen der EKD. Damit liegen wir im Durchschnitt.

Hädicke: Der Gesamthaushalt liegt bei 17,03 Millionen Euro für 2017 und der EKD-Finanzausgleich bei 4,3 Millionen.

Welchen Beitrag müssen Sie wieder an die EKD abführen?
Liebig:
Wir müssen für jede versorgungsberechtigte Person annähernd 20 Prozent eines Jahreseinkommens in den Versorgungsfonds einzahlen.

Grafik: Adrienne Uebbing

Grafik: Adrienne Uebbing

Ein Viertel der Einnahmen kommen aus der Kirchensteuer. Wie sieht derzeit die Entwicklung bei den Kirchenmitgliedern aus?
Liebig:
Unser zentrales Problem ist tatsächlich ein weiterer Mitgliederrückgang, der wesentlich an der Demografie hängt, weil unsere Kirchenmitglieder durchweg älter sind. Austritte fallen nicht so stark ins Gewicht. Sie werden in etwa mit den Eintritten kompensiert. Wir haben zu wenig junge Menschen, die in Anhalt leben und arbeiten.

Gibt es eine Untergrenze für die Eigenständigkeit?
Hädicke:
Ich denke, man kann das nicht an einer konkreten Gemeindegliederzahl festmachen.

Über welche Einsparungen oder Veränderungen denken Sie nach?
Hädicke:
Im Verhältnis zu unseren Nachbarkirchen haben wir deutlich mehr Pfarrpersonen pro Gemeindeglied. Da müssen wir reagieren. Vieles wird sich aber in den nächsten Jahren auf natürlichem Weg, vor allem durch Pensionierung, erledigen. Wir sind im Moment noch nicht so weit, dass wir in die Kirchenkreise Eckzahlen geben können.

In Anhalt gibt es einen Reformstau im Hinblick auf Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden. Wir haben eine Vielzahl von kaum lebensfähigen Kleinstgemeinden, die eine Verwaltung benötigen. Das schafft Handlungsdruck, auch bezüglich der Zukunft unserer Pfarrhäuser.

Liebig: Wir wollen aber nicht einfach nur den Rückgang organisieren. Es geht eher um eine neue Bestimmung der kirchlichen Professionen zueinander. Wenn wir auf der einen Seite eine Reduzierung des Pfarrpersonals haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir in anderen Bereichen, wie der Gemeindepädagogik oder in der Kirchenmusik, einen moderaten Aufwuchs haben.

Wie viele Gemeinden wird das betreffen? Und gab es da schon Gespräche?
Hädicke:
Im Prinzip betrifft es alle Gemeinden. Wir wollen uns nicht nur dem Diktat der Finanzen beugen, sondern nach den optimalen Bedingungen für Verkündigung in unserer Region suchen. Dass es da nicht nur um Pfarrer gehen kann, liegt auf der Hand.

Werden Zusammenschlüsse von Kirchengemeinden Thema auf der Sy­node sein?
Hädicke:
Wir versuchen, Gemeindeglieder und Kirchengemeinden einzubinden. Davon wird auch diese Synode geprägt sein. Ob wir in näherer Zukunft den Druck hinsichtlich des Zusammenschlusses der Kirchengemeinden erhöhen müssen, wird sich zeigen. Die Meinungen gehen diesbezüglich doch recht weit auseinander.

Ich persönlich tendiere dazu, den Druck zu verstärken. Da gibt’s unterschiedliche Instrumente. Nicht alle Gemeindeglieder werden hurra schreien.

Können Sie konkreter werden?
Hädicke:
Wenn eine Kirchengemeinde nicht mehr die Mindestanzahl von Kirchenältesten gewinnen kann, könnte das den Zwangsanschluss an die Nachbargemeinde zur Folge haben. Einem wie auch immer ausgestaltetem Gemeindeverbund wäre der Vorzug zu geben gegenüber einer Anzahl selbstständiger kleiner Gemeinden.

Vor 15 Jahren hat die Synode die Fusionsgespräche mit der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) und der Thüringer Landeskirche beendet. Würde die Entscheidung heute anders lauten?
Hädicke:
Damals hat man sich auf Augenhöhe angenähert. Jetzt gibt es die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Für Anhalt käme nur noch der Anschluss infrage. Das wäre mit heftigen Einschnitten verbunden. Zudem hat sich in unseren Nachbarkirchen auch nicht alles optimal entwickelt, sodass wir nicht begierig sind, uns deren Regularien zu unterwerfen.

Wie sehen denn die Gemeindeglieder die Situation?
Hädicke:
Das ist sehr unterschiedlich. Je nachdem, wie eng jemand mit der Kirchengemeinde verbunden ist. Es gibt einige, die sagen: Wenn ich Kirche lebensbiografisch brauche, dann möchte ich einen Pfarrer in Reichweite haben. Alles andere interessiert mich nicht. Die Engagierten in unseren Gemeinden, die haben ein anhaltisches Selbstbewusstsein: Wir sind nicht einfach nur Bürger von Sachsen-Anhalt, sondern wir sind Anhalter!

Und dieses Selbstbewusstsein wird in besonderer Weise auch in unserer Landeskirche gepflegt. Sie ist die letzte Institution, die das alte Land Anhalt abbildet. Der Glaube verbindet sich mit der Kultur, und die Tradition hilft mit, den Glauben zu stabilisieren.

Haben Sie einen Plan für die Entwicklung der Kirchengemeinden und der Landeskirche in der Schublade?
Hädicke:
Wir haben die Zauberformel noch nicht entdeckt und befinden uns da in der gleichen Situation wie unsere Nachbarkirchen im Osten Deutschlands. Wir versuchen als Kirche in die Gesellschaft hineinzuwirken.

Leider steht das in keinem guten Verhältnis zu den zahlenmäßigen Effekten. Das sollte uns aber nicht entmutigen. Umbrüche und Aufschwünge in der Kirche haben wir nicht in der Hand. Da muss der Heilige Geist zum Zuge kommen.

Das klingt nach Abwarten. Was motiviert Sie oder richtet Sie auf in dieser Situation?
Liebig:
Gerade heute Morgen erreichte mich die Nachricht einer größeren Gemeinde, die sagt: Wir wollen den Weg der Veränderung gehen und haben darüber im Gemeindekirchenrat diskutiert. Das bestätigt, dass wir nicht vorhaben, Konzepte von oben nach unten durchzusetzen. Veränderungen müssen von der Basis in den Gemeinden
ausgehen.

Ich sehe, dass wir in Anhalt einen Prozess begonnen haben, der im Grunde auch auf alle anderen Landeskirchen in Deutschland zukommt. Was wir tun, hat auch immer ein wenig Laborcharakter.

Wir fragen uns: Was ist Kirche? Im Kern sind wir eine Bewegung und gar nicht institutionalisiert. Wir haben alle Möglichkeiten, alle Chancen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und geben uns Zeit bis 2025. Bis dahin müssen die Dinge spürbar anders geworden sein, ganz gleich, in welche Richtung es nun geht.

Die Evangelische Landeskirche Anhalts in Zahlen:

Rund 34 500 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden, die sich auf fünf Kirchenkreise verteilen: Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst. In den Gemeinden sind 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.

Leitungsorgane der Landeskirche sind Landessynode, Landeskirchenrat und Kirchenleitung. (Stand 2015)

Kirche auf dem Weg

23. April 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Vor 100 Jahren endete das »landesherrliche Kirchenregiment«, das einst die protestantischen Fürsten in ihren Staatsgebieten installierten. Übrig geblieben ist ein Landeskirchentum mit 20 eigenständigen Einheiten unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Auf den Mitgliederschwund reagierte man mit Zusammenschlüssen. Anhalt hat bislang selbstbewusst widerstanden, ohne sich ökonomischen Überlegungen zu verschließen. So ist die Landeskirche Teil der Diakonie Mitteldeutschland im Verbund mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Was spräche also dagegen, auch eine landeskirchliche Verwaltungsgemeinschaft einzugehen. Die identitätsstiftende Komponente müsste dabei nicht aufgegeben werden. Vielleicht wäre es auch lohnend, über eine Landeskirche neuen Typs nachzudenken, ohne vorgegebene Strukturen. Das entspräche dem apostrophierten Laborcharakter der kleinen Kirche.

Die Herausforderungen, vor der die Landeskirche Anhalts steht, sind auch den größeren Landeskirchen nicht fremd. Die kleine Einheit könnte ein Modell sein. Das bedarf des Blickwechsels, weg von den Zahlen und Bilanzen, hin zu den Menschen. Das tut man in Anhalt bereits und ist damit auf einem guten Weg. Die Selbstständigkeit ist ein ehrenwertes Ziel, die bestmögliche Verkündigung des Evangeliums ein lohnenswertes.

Die Frage, ob die Landeskirche ohne Finanzausgleich leben könnte, ist hypothetisch. Ich glaube schon, denn Not macht erfinderisch. Das Land der Frühaufsteher, in dem Johann Sebastian Bach, der Ingenieur Hugo Junkers oder der Homöopath Samuel Hahnemann wirkten, könnte doch auch hier für eine Überraschung gut sein.

Willi Wild

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