Warum ich noch dabei bin

7. September 2018 von redaktionguh  
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Spannungsfeld Kirche: Jahr für Jahr treten Tausende aus der Kirche aus. In einer Studie wurden jüngst die Motive untersucht. Dabei lohnt es vielmehr die zu fragen, die noch dabei sind.

In der Osternacht vor drei Jahren hat Göran Westphal den Entschluss gefasst, aus der Kirche auszutreten. Er hat lange mit sich gerungen. Am Ende kommt er zu dem Schluss, dass ihn mit der Institution nichts mehr verbindet. Die Verlautbarungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu politischen Themen stören ihn. Er vermisst Mut machende Hirtenworte des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. Die Verkündigung des Evangeliums kommt ihm zu kurz.

Auf der anderen Seite engagiert er sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Das tut er gerne und auch nach seinem Austritt weiter. Egal ob beim Kindersamstag oder bei der Vorbereitung des Kirchenkonzerts. Wenn Mitarbeiter gesucht werden, Westphal ist dabei und hilft, wo er gebraucht wird. Es sind die persönlichen Kontakte, die Vertrautheit, die er an seiner Kirchengemeinde schätzt. Mitarbeit und ehrenamtliches Engagement sind für ihn nicht an eine Kirchenmitgliedschaft gebunden.

Die steht für Uta Mittelbach außer Frage. Auch sie sieht die Institution Kirche kritisch. Im Gegensatz dazu gehöre die »lebendige Kirche Gottes, die das Wort verkündet«, zu ihrem Leben. Sie kommt aus einem kirchlichen Elternhaus und engagiert sich, wie Westphal, ehrenamtlich in der Kirchengemeinde. Den Gemeindenachmittag zu organisieren oder im Projektchor mitzusingen, möchte sie nicht missen. »Ich lebe beim Singen geradezu auf«, erklärt sie begeistert. Die Gemeinschaft bedeutet ihr sehr viel. Sie möchte gern ein Feuer des Glaubens in den Herzen der Menschen entfachen und ihre Leidenschaft mit anderen teilen.

Foto: ©stokkete – stock.adobe.com

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Kirche ist für Gerhard Jahreis nicht allein die Kirchenleitung, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, unabhängig von der Konfession: »Einander lieben können wir nur, wenn wir uns treffen und gemeinsam Gottesdienst feiern.« Er habe vor dem Mauerfall keinen Ausreiseantrag gestellt, so Jahreis, weil er glaubte, »wer ausreist, verlässt nur, aber verändert nicht; außerdem schwächt er die Zurückgebliebenen.« Ähnlich argumentiert er im Zusammenhang mit der Kirchenmitgliedschaft. Der engagierte Kirchenälteste ist sich sicher: »Wer bleibt und sich einbringt, kann verändern.« Gute Anzeichen sieht er etwa bei den Erprobungsräumen der mitteldeutschen Landeskirche, »Zeit zum Aufstehen« (einem Impuls für die Zukunft der Kirche, Anm. d. Red.) oder »Church@Night«, einem Modellprojekt der EKD.

Alle drei Gemeindeglieder betonen unabhängig voneinander die Ortsgemeinde als Keimzelle und Basis der Kirche. Der Schriftsteller und Kirchenkritiker Klaus-Rüdiger Mai (»Geht der Kirche der Glaube aus«) empfiehlt der Kirchenleitung deshalb, alles zu tun, um die Gemeinden zu stärken. Das wünscht sich auch Gerhard Jahreis: »Ich hoffe, dass geisterfüllte Visionäre wirken, die den selbstzerstörerischen Stellenabbau an der Basis stoppen.« Jahreis wirbt für die einladende Gemeinde: »Dort, wo ein lebendiger Leib Christi wabert, fühlen sich Jung und Alt wohl.«

Eine Studie, die das Bistum Essen in Auftrag gegeben hat, fragt erstmals ausführlich nach den Motiven für den Kirchenaustritt. Die Ergebnisse sind vermutlich auch mit anderen Regionen kompatibel. 60 Prozent der Befragten bezweifeln, dass die Kirche Antworten auf ihre Fragen hat. Neben der Kirchensteuer ist die fehlende Bindung der meistgenannte Austrittsgrund. Die Autoren der Studie haben ferner festgestellt, dass Tradition und Spiritualität für viele eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht müssten die bestehenden Angebote nur ansprechender an die Zielgruppe gebracht werden.

Trotz aller Kritik an der Amtskirche will Klaus-Rüdiger Mai der Institution nicht den Rücken kehren. »Nicht Funktionäre, sondern Jesus Christus ist das Haupt der Kirche.« In Anfechtung lese er Giovanni Boccaccios zweite Geschichte aus dem Decameron, das helfe. Der in Staßfurt geborene Mai, atheistisch erzogen, fand erst spät zum Glauben und hat prägend erfahren, dass der Glaube eine Gnade ist: »Paulus ist mir sehr nahe – das sagt alles.«

Willi Wild

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Transparenz für gutes Geld

26. August 2018 von redaktionguh  
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Haben Sie Ihren Bankberater gefragt, ob der Ihren Notgroschen »nachhaltig« anlegt? Nein? Sollten Sie aber tun. Auch in Ihrer Kirchengemeinde lohnt eine Nachfrage nach deren Geldanlage. Diese sollte nachhaltig und nach ethischen Kriterien geschehen – das heißt: die Zerstörung unserer zukünftigen Lebenswelt stoppen! Ausgeschlossen sind beispielsweise Geldanlagen in Rüstungsproduktion, Glücksspiel oder Unternehmen, die die Umwelt belasten oder menschenunwürdige Arbeitsbedingungen bieten. Unsere Kirche betont, ihr Geld nachhaltig anzulegen. So tut es die EKM und auch die Evangelische Kirche in Deutschland.

Mein Eindruck von der Offenlegung der kirchlichen Finanzen im Internet: Angesichts der 12,29 Milliarden Euro Einnahmen aller evangelischen Kirchen ist der Medienauftritt sehr bescheiden. Warum nicht selbstbewusster begründen, was mit dem Geld der Kirchenmitglieder an Gutem bewirkt wird – weit über Pfarrgehälter, Kirchenerhaltung und Seniorenhilfe hinaus? Mir fehlt in der Darstellung der Kirchliche Entwicklungsdienst. Die Landeskirchen trugen 2017 dafür mit 54 Millionen Euro zur Überwindung weltweiter Not bei. Ist das nichts?

Unsere Kirchen sollten sich an positiven Beispielen orientieren: am evangelischen Hilfswerk »Brot für die Welt« oder auch an Oikocredit, der ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft. In deren Jahresberichten gibt es Klarheit bis zu den Gehältern ihrer Vorstände. Dabei sind unsere Kirchen und auch die evangelischen Banken mittlerweile führend in nachhaltigen Geldanlagen. Ich wünsche mir von meiner evangelischen Kirche mehr Mut zur Transparenz in Sachen Geld!

Wilfried Steen

Der Autor ist Oberkirchenrat i. R. und war Referent für Entwicklungspolitik im Kirchenamt der EKD.

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Das Kreuz mit dem Geld

24. August 2018 von redaktionguh  
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Reden wir über Geld: Denn ohne kann weder die Kirche als Institution noch der einzelne Christenmensch in unserer Gesellschaft überleben. Wie aber geht man christlich mit Geld um?

Widersprüchlich kommt die Bibel daher, wenn es um Geld geht. Aus dem 5. Buch Mose – kein Zins vom Freund, vom Angehörigen des eigenen Volkes nehmen – folgte das Zinsverbot. Zins von Fremden zu nehmen, war jedoch erlaubt. Und selbst Jesus verlangt, Geld zu den Wechslern zu geben, damit es Zins bringt (Lukas 19,23). Andererseits heißt es ganz klar bei Matthäus: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.« Also Geld oder Gott. Oder ist Geld als Werkzeug anzusehen, mit dessen Hilfe christliche Verantwortung praktisch umgesetzt wird?

Geht das überhaupt? Ist Christsein in der Finanzwelt überhaupt hilfreich? Wo geraten Akteure in Widerspruch zu christlichen Werten?

Der Vorstandsvorsitzende der Bank für Kirche und Diakonie, Ekkehard Thiesler, sagt: »Ziel unserer Kreditgenossenschaft war und ist es bis heute, die Rücklagen der evangelischen Kirche als Kredite an diakonische Unternehmen weiterzugeben. Darüber hinaus investieren wir am Geld- und Kapitalmarkt, auch hier spielen ethisch-nachhaltige Kriterien eine entscheidende Rolle.« Solche Kriterien sind beispielsweise nachzulesen im »Leitfaden für ethisch-nachhaltige Geldanlagen« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zu den am meisten nachvollziehbaren konkreten Empfehlungen der gut 50 Seiten umfassenden Publikation gehören Ausschlusskriterien wie Rüstungsgeschäfte oder die Gewinnung von Rohstoffen aus Ölsand.

Illustration  jro-grafik – stock.adobe.com

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Doch können sich Menschen in der Finanzwelt danach richten? »Ich muss mein Gewissen nicht an der Garderobe abgeben«, sagt Ekkehard Thiesler. Und Ulrich Schmidt, Vorstand der Volksbank Magdeburg, meint, dass das Agieren in der Rechtsform der Genossenschaft die Orientierung an Werten wie Demokratie, Fairness, Hilfe zur Selbsthilfe und Solidarität ermöglicht. »Und damit sind wir den christlichen Grundwerten Glaube, Liebe im Sinn von Nächstenliebe und Hoffnung doch recht nahe.«

Schmidt, ebenso Christ wie Sachsen-Anhalts Finanzminister André Schröder, wird mit diesem das nächste Spiegelsaalgespräch unter dem Titel »Finanzpolitik in christlicher Verantwortung – Frommer Wunsch oder echte Option?« bestreiten.

Im Unterschied zu den Bankern gibt der Politiker zu, dass die Regeln der Finanzen nicht immer mit christlichen Werten harmonieren. »Rendite und Sicherheit spielen in der Finanzwelt eine große Rolle. Ein natürliches Spannungsverhältnis, das in unserer täglichen Arbeit zu berücksichtigen ist.

Zudem sehe ich als meine Aufgabe, gleichzeitig auch die Balance zwischen ethischen, sozialen und Grundsätzen der Nachhaltigkeit zu schaffen. Ich sehe die Fehlbarkeit des menschlichen Tuns.«

Politik sei immer dem Allgemeinwohl verpflichtet, so Schröder. »Die unveräußerliche Würde des Menschen steht ebenso im Vordergrund meines Handelns wie das Gebot der Nächstenliebe mit dem Grundgedanken der Solidarität in der Gesellschaft.«

Ausdrücklich ohne religiöse Einflüsse agiert die Ethikbank im thüringischen Eisenberg. Die Motive der Gründer Klaus Euler und Sylke Schröder waren mehr humanistischer Natur. Die Zweigniederlassung der Volksbank – und damit ebenfalls genossenschaftlich organisiert – stelle den Menschen in den Mittelpunkt und biete Bankdienstleistungen für Menschen an, die selbstbestimmt und verantwortungsbewusst leben und die kritisch hinterfragen, was mit dem eigenen Geld passiert, teilt Vorstand Katrin Spindler mit. Die Anlagekriterien ähneln bemerkenswert denen der EKD.

Ob im Zweifel die Rendite oder das christliche Gewissen bei einer Entscheidung gewinnt, hängt vermutlich vom Einzelfall ab. Das Leben ist da mindestens so widersprüchlich wie die Bibel.

Renate Wähnelt

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Prosit Deutschland!

17. August 2018 von redaktionguh  
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Drogen: Deutschland, das Land der Säufer und Kiffer? Fast scheint es so.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2016 konsumierte im Durchschnitt jeder Bürger, also vom Säugling bis zum Greis, knapp 105 Liter Bier, 20,6 Liter Wein, 3,7 Liter Schaumwein und 5,4 Liter Spirituosen. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schlug erst kürzlich Alarm: Nach ihren Umfragen gaben 2016 16,8 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. 2008 waren es noch 11,6 Prozent. Besonders bedenklich: Bei den 12- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen stieg die Zahl zwischen 2011 und 2016 von 6,2 auf 9,5 Prozent.

Der Grundtenor sei seit Jahren gleich: »Es gibt in Deutschland eine große Zahl an Menschen mit Suchtproblematik«, bilanziert Jürgen Naundorff, Bundessekretär des Blauen Kreuzes. Und auch wenn die illegalen Drogen oft im Fokus der Wahrnehmung stehen: (Volks)Droge Nummer eins ist und bleibt der Alkohol. Etwa 3,38 Millionen Erwachsene sind jährlich von einer »alkoholbezogenen Störung« betroffen.

Zu den Forderungen des Blauen Kreuzes, einem Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Deutschland, gehört deshalb, neben der persönlichen Verhaltensprävention, eine stärkere Verhältnisprävention. Gemeint ist, dass der Staat in Sachen Verfügbarkeit und Preis regulierend in den Alkoholmarkt eingreift. Naundorff verweist auf eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, nach der in Norwegen auf Grund der stärkeren Verhältnisprävention die suchtbedingten Krankheitstage um ein Drittel geringer als in Deutschland seien.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

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Doch der Staat zeigt sich in der Suchtprävention ausgesprochen zwiespältig: Während die sogenannten weichen Drogen, wie Hasch und Cannabis, verboten und nur auf dem bis in die Gefängnisse hinein blühenden Schwarzmarkt erhältlich sind, stehen Wodka und Co. in jedem Supermarktregal. Und der Staat verdient – wie ein Drogendealer – an jeder Flasche kräftig mit. Auf 3,165 Milliarden Euro beziffert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die Einnahmen aus der Alkoholsteuer allein für das Jahr 2016.

Ein lohnendes Geschäft also? »Eine Milchmädchenrechnung!«, sagt Naundorff und hält entgegen, dass sich nach aktuellen Untersuchungen die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums auf rund 40 Milliarden Euro pro Jahr summieren.

Auch Katharina Schoett, Chefärztin der Suchtklinik im Ökumenischen Hainich Klinikum, spricht davon, dass in Deutschland alle sieben Minuten ein Mensch an den Folgen von Alkoholmissbrauch stirbt (siehe das Sommerinterview auf Seite 3). Das passe dann »nicht mehr zur fröhlichen Bierwerbung«. Und sie konstatiert, dass in der gesellschaftlich-politischen Debatte medizinischer Sachverstand nicht immer gefragt sei. Dafür sorgen nicht zuletzt Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft, die nicht müde werden, Bier und Wein als »deutsches Kulturgut« zu preisen. 557 Millionen Euro wurde 2016 allein für Alkoholwerbung in TV und Rundfunk, auf Plakaten und in der Presse ausgegeben.

Warum also nicht auch weitere weiche Drogen wie Cannabis freigeben? Für »kontraproduktiv« hält diese Diskussion die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler. Denn sie suggeriere gerade Jüngeren, Cannabis sei eine ungefährliche Substanz. »Das ist schlicht falsch«, so die CDU-Politikerin.

Auf der anderen Seite fragen auch die Suchtexperten des Blauen Kreuzes, ob es richtig ist, die Konsumenten von Cannabis zu kriminalisieren. Immerhin steigt trotz Repression die Zahl der Erstkonsumenten ständig. Gemeinsam mit anderen Akteuren fordert man deshalb schon länger die Einsetzung einer Enquete-Kommission in Sachen Cannabis.

Zudem scheuten sich mitunter Lehrkräfte und Präventionsmitarbeiter, mit Jugendlichen offen über das Konsumverhalten zu sprechen: Aus Furcht, selbst als potentielle Mitwisser in Konflikt mit den Gesetzen zu kommen. Doch Verhaltensprävention ist wichtig: Für Schulen und Jugendeinrichtungen hat das Blaue Kreuz deshalb die »blu:app for school« entwickelt. Sie steht gemeinsam mit einem Handbuch für Lehrer im Internet zur Verfügung.

Harald Krille

https://school.bluprevent.de/

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Wie sich die EKM entwickelt hat

13. August 2018 von redaktionguh  
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Nach dem Rückblick auf den Brief aus Halle zur Kirchenfusion (Nr. 27, S. 5) wollte Leserin Christiane Paul wissen, wie sich die Vereinigung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat. Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKM, und der Leiter des Finanzdezernates, Oberkirchenrat Stefan Große, antworten.

Hat sich das Zusammenlegen von zwei Kirchen auch innerhalb der EKD ausgewirkt?
Andrae:
Der Prozess des Zusammenschlusses der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist innerhalb der EKD mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das hing sicher auch damit zusammen, dass eine Vereinigung von Landeskirchen ein eher seltener Vorgang ist.

Außerdem schlossen sich zwei Kirchen zusammen, die nach Gemeindegliederzahlen annähernd gleich groß waren sowie unterschiedlichen Konfessionen und damit unterschiedlichen konfessionellen Zusammenschlüssen (UEK und VELKD) angehörten. Die EKM ist die einzige Landeskirche innerhalb der EKD, die Mitglied beider konfessioneller Zusammenschlüsse ist. Innerhalb dieser, wie auch innerhalb der EKD, hat die EKM eine wichtige Stimme.

Wie zeigt sich das?
Andrae:
Ich nenne einige Beispiele: Unsere Kirchenverfassung gilt als eine der modernsten innerhalb der EKD und war Vorbild für andere Kirchenverfassungen wie die der Nordkirche 2012. Unsere Erfahrungen im praktischen Umgang mit verschiedenen Bekenntnisgrundlagen werden immer wieder nachgefragt.

Wir haben eine Vereinheitlichung wichtiger rechtlicher Regelungen innerhalb der EKD angeregt. So ging der Anstoß, ein EKD-weit einheitliches Pfarrdienstgesetz zu schaffen, von der damaligen, aus beiden Vorgängerkirchen bestehenden Föderation aus.

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Die Bischofskirche: Der Magdeburger Dom ist die Predigtkirche der Landesbischöfin. Gleich daneben, der Bischofssitz und Teilbereiche des Landeskirchenamtes. Im Erfurter Collegium maius ist das Landeskirchenamt beheimatet. Foto: epd-bild

Zu nennen sind auch unsere innovativen Vorhaben und Projekte wie die Erprobungsräume, das Pachtvergabeverfahren, für das die EKM 2015 den 1. Preis beim Wettbewerb »BodenWertSchätzen« der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und des Rates für Nachhaltigkeit erhielt, oder das erst kürzlich preisgekrönte Projekt »Vereinheitlichung und Optimierung des Personalmanagements nach dem Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland«. Diese Beispiele wären ohne die mit dem Zusammenschluss gewonnenen Ressourcen so nicht möglich gewesen. Nachgefragt werden auch unsere praktischen Erfahrungen als Kirche in einem stark säkularisierten Umfeld von anderen Landeskirchen. Die Ausgestaltung und weitere Entwicklung der EKM wird daher nach wie vor mit Interesse verfolgt. Gelegentlich machen wir dabei die Erfahrung, dass unsere Stimme, wie die anderer östlicher Landeskirchen auch, nicht ausreichend gehört wird. Es bleibt also eine wichtige Aufgabe, auf unsere spezielle kirchliche und gesellschaftliche Situation immer wieder hinzuweisen.

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Brigitte Andrae. Foto: epd-bild

Konnte die vereinigte Kirche stärker ausstrahlen?
Andrae:
Das gerade Gesagte möchte ich mit dem Hinweis ergänzen, dass die EKM ein wichtiger Player im Dialog mit staatlichen Stellen auf Landes- und kommunaler Ebene und mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft ist. Auch dafür einige Beispiele:

So nehmen Landesbischöfin Ilse Junkermann und andere Leitungsverantwortliche auf allen Ebenen unserer Landeskirche regelmäßig zu wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung. Die EKM, ihre Kirchenkreise und Gemeinden öffnen mit ihren Veranstaltungen Räume für den öffentlichen Diskurs. Das gilt beispielsweise auch für das Landeskirchenamt in Erfurt, das seit 2011 zusammen mit zwei Kooperationspartnern zu der Reihe »Collegium maius Abende« einlädt. Und mit der Übernahme der Trägerschaft für die Opferberatung »ezra« (für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt) 2012 hat die EKM ein wichtiges Signal gesetzt.

Wurden die Hoffnungen auf Einsparungen erfüllt? Oder wurden diese durch Mehrausgaben an anderer Stelle nicht erreicht?
Große:
Der Zusammenschluss der beiden ehemaligen Teilkirchen zur EKM hatte einen wichtigen Kernprozess: die Strukturanpassung im übergemeindlichen Bereich. Ziel war es, die Explosion der Ausgaben oberhalb der Gemeinden zu vermeiden, Einsparungen nachzuweisen, Doppelstrukturen zu überprüfen sowie innovative Ansätze und eine qualitätsvolle Arbeit im Landeskirchenamt sowie den unselbstständigen Werken und Einrichtungen zu ermöglichen.

Stefan Große. Foto: EKM

Stefan Große. Foto: EKM

Mit Beschluss der Landessynode vom 10. November 2010 wurde dieser flächendeckende Prozess abgeschlossen. Die Ziele wurden erreicht. Die Kostendisziplin im Landeskirchenamt und den unselbstständigen Werken und Einrichtungen wurde befördert. Das gilt insbesondere für den anschließenden Prozess der Organisationsentwicklung im Landeskirchenamt.

Welche Veränderungen gibt es?
Große:
Mit dem Haushalt 2014 haben wir Finanzbudgets eingeführt, die sich an der Organisationsstruktur des Landeskirchenamtes orientieren. Damit steht den Dezernaten und der Landesbischöfin für ihre Bereiche ein Gesamtbetrag (Budget) zur Verfügung, mit dem alle anfallenden Ausgaben zu decken sind. Damit wird die Eigenverantwortung der Dezernate gestärkt, sie werden zu einer sparsamen Haushaltsführung motiviert und die laufende Bewirtschaftung wird durch die Deckungsfähigkeit der Personal- und Sachkosten auf der Ebene des jeweiligen Budgets erleichtert.

Was bedeuten die Veränderungen für die Kirchenkreise und -gemeinden?
Große:
Mit der Neufassung des Finanzgesetzes konnten wir eine bessere Umsetzung der Vorgaben aus der Verfassung erreichen. Es gewährleistet den solidarischen, sparsamen, wirtschaftlichen und transparenten Einsatz aller kirchlichen Mittel und setzt auf das eigenverantwortliche Handeln der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gemäß der jeweils eigenen spezifischen Situation.

Besonders hervorzuheben ist, dass verbindlich geregelt ist, dass der Löwenanteil der kirchlichen Mittel zur Finanzierung der Aufgaben der Kirchengemeinden und Kirchenkreise einzusetzen ist. Das passiert in den jährlichen Haushaltsplänen, mit denen in den vergangenen Jahren stets der Nachweis geführt wurde, dass diese Regelung mit durchschnittlich 77 Prozent der Plansumme strikt eingehalten wird. Ganz besonders erwähnenswert ist auch, dass die EKM im Finanzgesetz die Finanzierung des Verkündigungsdienstes der Kirchengemeinden und Kirchenkreise in den Mittelpunkt rückt. Veränderungen dort bedeuten automatisch die gleichen Veränderungen im Bereich der Landeskirche. Das ist auch der Grund dafür, dass im Etat 2019 die Kürzungen im Verkündigungsdienst im gleichen Verhältnis den landeskirchlichen Anteil an der Plansumme betreffen.

Ich betone: Ohne die Kirchenfusion wären derartige Regelungen zugunsten der Kirchengemeinden und Kirchenkreise nicht gelungen, ganz abgesehen davon, dass die jeweilige Teilkirche für sich drastischer hätte einsparen müssen und die Qualität ihrer Werke und Dienste wie auch der landeskirchlichen Verwaltung nicht hätte halten oder gar ausbauen können.

Benötigt die EKM weiterhin drei Leitungsebenen, wo doch die Gemeinden zum Fusionieren aufgefordert werden, um Personal zu sparen? Käme die Landeskirche nicht mit Bischof oder Bischöfin und Superintendenten aus?
Andrae:
Was ist das für ein merkwürdiges Kirchenbild? Als Juristin verweise ich auf unsere Kirchenverfassung. Die Grundbestimmungen heben hervor, dass die EKM in den vielfältigen Formen von Gemeinden und Diensten lebt und die verschiedenen Rechtsformen (Ebenen) als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft eine innere und äußere Einheit bilden. Innerhalb dieser Einheit nehmen die verschiedenen Ebenen ihre jeweiligen Aufgaben eigenverantwortlich wahr.

Oder ist gemeint, dass es keine Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe mehr in der EKM geben soll? Dem würde ich widersprechen. Das regionalbischöfliche Amt hat eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der landeskirchlichen Ebene und den Kirchenkreisen und Gemeinden. Regionalbischöfinnen und Regionalbischöfe haben Anteil an der geistlichen Leitung der EKM, sie begleiten die Mitarbeitenden in ihrem Dienst, repräsentieren Kirche auch gegenüber staatlichen Stellen und der Gesellschaft.

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Feiern ohne Frust

2. Juli 2018 von redaktionguh  
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Premiere: Erster Gottesdienst von Frauen für Frauen in Anhalt

Der Alltag vieler Frauen ist oft sehr voll, viele Dinge sind gleichzeitig zu bewältigen«, sagte Anke Zimmermann. Da sei es gut zu schauen, wo noch Raum bleibt, so die Pfarrerin aus Weißandt-Gölzau im Kirchenkreis Köthen, die seit anderthalb Jahren kommissarisch die Frauenarbeit in der Landeskirche Anhalts koordiniert. In den fünf Kirchenkreisen bilden ehrenamtliche Beauftragte für die Frauen- und Familienarbeit zusammen mit der landeskirchlichen Leiterin den entsprechenden Landesausschuss. Dieser hatte die Idee, am 24. Juni erstmals zu einem zentralen Gottesdienst von Frauen für Frauen nach Ballenstedt einzuladen. Ursprünglich sollte im Schlosspark gefeiert werden, aber wegen des Wetters am Sonntag wurde der Gottesdienst kurzerhand in die Schlosskirche verlegt. Rund 60 Frauen und einige Männer waren zum Mitfeiern gekommen. Unter dem Motto »Es ist noch Raum da« stand das Gleichnis vom großen Festmahl aus dem Lukas-Evangelium im Mittelpunkt.

In einem Anspiel im Gottesdienst ging es um die Lust und den Frust des Feierns. Der Tenor: Feiern soll nicht zum Leistungssport verkommen. Es sollte anders gefeiert werden, damit mehr Raum da ist für Freude, Gespräche und Lebendigkeit. In ihrer Predigt hob Gemeinde- und Bildungsdezernentin Ramona Eva Möbius hervor, dass Jesus genau das gewollt habe. Durch das Umdenken das Gastgebers in der Bibelgeschichte sei eine Wende eingetreten: Die leeren Plätze hätten sich mit Menschen gefüllt, die ohne die Absagen der ursprünglich Eingeladenen nie dabei gewesen wären. Möbius fragte auch nach dem Platz einer jeden in dieser Geschichte. Wie würde man sich selber bei Absagen verhalten? Sich ärgern? Runterschlucken oder nicht? Im Gleichnis habe der Gastgeber seinen Blick geweitet. Es gebe einen Ausblick darauf, wen Gott einlädt. »Jeder will Platz haben und nicht nur Zaungast sein«, so die Theologin. Die Geschichte mache Hoffnung, dass jeder seinen Platz hat bei Gott.

Kirchen-Kaffeekränzchen: Im Frauengottesdienst am Sonntag in der Ballenstedter Schlosskirche ging es darum, was gute Gastgeberinnen und eine gelungene Feier ausmachen. Foto: Jürgen Meusel

Kirchen-Kaffeekränzchen: Im Frauengottesdienst am Sonntag in der Ballenstedter Schlosskirche ging es darum, was gute Gastgeberinnen und eine gelungene Feier ausmachen. Foto: Jürgen Meusel

Im Gottesdienst verabschiedeten die Frauen vom Landesausschuss auch die Gemeindepädagogin Angela Hillig aus ihrer Mitte, die als Ruheständlerin gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard ins Erzgebirge umzieht (siehe G+H Nr. 19, S. 9). Die Gottesdienstkollekte ist für gemeinsame Projekte mit Frauen aus der Tschechoslowakisch-Hussitischen Kirche, einer Partnerkirche Anhalts, bestimmt, die 2017 auf 70 Jahre Frauenordination zurückblicken konnte.

Übrigens ist 2018 für die Frauenarbeit ein besonderes Jahr: Vor 100 Jahren wurde die konservative Evangelische Frauenarbeit in Deutschland mit dem Ziel gegründet, die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland – vor ebenfalls 100 Jahren – zu verhindern, was aber nicht gelang. Vor zehn Jahren wurde der Verband »Evangelische Frauen in Deutschland« gegründet.

In jedem Jahr wird am 1. Sonntag nach Trinitatis (oder einem späteren Sonntag) in den Landeskirchen der EKD offiziell ein Gottesdienst zum Frauensonntag gefeiert.

In Anhalt soll es, so Ramona Eva Möbius, künftig in jedem Jahr in wechselnden Orten einen Gottesdienst von Frauen für Frauen geben und damit eine Tradition begründet werden.

Angela Stoye

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Nachhall: Das geht so nicht!

29. April 2018 von redaktionguh  
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Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist das eine Blamage, die Konsequenzen haben muss. Der Vertreter der EKD im Beirat des Musikpreises Echo hat für die Zulassung der Skandalrapper Farid Bang und Kollegah zur Preisverleihung gestimmt – trotz übelster antisemitischer Texte auf ihrem Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3«.

Eigentlich ist das unvorstellbar. Denn hatte sich die EKD nicht gerade im Vorfeld des Reformationsjubiläums auf ihr besonderes Verhältnis zu Israel und dem jüdischen Volk besonnen? Hatte man nicht in unzähligen Erklärungen Luthers Antisemitismus und die christliche Judenmission verurteilt? Wie kann es sein, dass ein Mitarbeiter des EKD-Kulturbüros dann trotzdem so ein Votum abgibt? Eines ist klar: Die bescheidenen Erklärungsversuche, die der Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen gegenüber dieser Zeitung abgab, überzeugen nicht. Denn ist es nicht gerade die Aufgabe eines Kirchenvertreters in einem Ethik-Gremium, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und die Grenzen der Kunstfreiheit zu markieren? Und wieso sitzt eigentlich ein Mitarbeiter und nicht der Kulturbeauftragte selbst in diesem Echo-Beirat?

Der Rat der EKD und die Mitglieder der Kirchenkonferenz jedenfalls wären gut beraten, auf ihren nächsten Sitzungen über eine grundlegende Neuorganisation ihrer Kulturarbeit nachzudenken. Denn klar ist doch: Ohne große Not wurden hier Grundüberzeugungen des deutschen Protestantismus – zu denen nun einmal auch das entschiedene Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus gehört – einer bequemen Mehrheitsmeinung geopfert. Und die EKD wurde von ihren Mitarbeitern öffentlich blamiert. Das geht so nicht! Und es darf auf keinen Fall so weitergehen.

Benjamin Lassiwe

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In Moll und Dur: Das wunderbare Lebenslied

28. April 2018 von redaktionguh  
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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98, Vers 1

Oh ja, gern. Neue Lieder singen und nicht immer das alte Zeugs mit einer Sprache, die heute keiner mehr spricht. Neue Lieder, zeitgemäß, in unserer Sprache. Stattdessen singe auch ich oft die alten Lieder im Gottesdienst und merke, wie ich zwar die Glaubensaussagen darin nachvollziehen kann. Aber die Worte, die Bilder – sie sind mir so weit weg.

Was hat das alles mit mir heute hier zu tun? Geht Kirche nur so, muss sie einen leicht muffigen Charakter haben, oder geht das nicht auch anders? Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Genau. Er tut sie. Gegenwart, nicht Vergangenheit. Und Zukunft! Ich will meine Lieder finden und singen oder mitsummen. Lieder in meiner Sprache. Das kann gerappt sein oder gerockt, kann balladenhaft sein und leise, kann 12-tonal sein oder …

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

Aus Begeisterung heraus Lieder singen oder summen. Das ist die Frage an mein ganz eigenes Gemüt. Welche Töne schlagen die Wunder Gottes in mir an? Das kann Johann Sebastian Bach sein oder Lothar Kosse, Paul Gerhardt oder Fritz Baltruweit, Choräle oder moderne Lobpreislieder. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder – das geht nur im Hören auf die Töne, die Gott in mir anschlägt.

Was sind die Wunder Ihres Lebens? Was sind die Überraschungen, die Sie nicht zu erhoffen wagten? Menschen, die als eigene Freunde lange nicht denkbar waren? Errettung aus einer Not, die so unendlich und unabwendbar schien? Eine Aussicht auf eine glückende Zukunft, obwohl bisher mehr für Finsternis sprach als für Licht?

Sing dem Herrn dein Lied für die Wunder, die er an dir tut. So will ich dieses Wort für mich nehmen, und dann werde ich ja sehen, nein hören, welches Lied es wird. Vermutlich werden sich darin alte Töne mit neuen mischen und ich erkenne, dass Gott gestern, heute und morgen ist und mit ihm dann auch die Lieder und Töne. Und es eben kein Alt gegen Neu gibt, sondern vielmehr ein Neues aus dem Alten und dann eben »Ich sing Dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben«.

Juliane Kleemann, Pfarrerin, EKD Zentrum Mission in der Region

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Wo finde ich Gott?

20. April 2018 von redaktionguh  
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Im Konfirmationsalter beginnt oft die Suche nach dem Lebenssinn. Wo suchen Jugendliche heutzutage? Im Internet. Ein Selbstversuch.

Kennen Sie wikiHow? Unter dem Motto »Hier lernst du alles« findet man auf dieser Internetseite Anleitungen zu fast allen Themen des Lebens. Von der Frage »Wie ziehe ich nach Australien um?« oder »Wie berechne ich das Kubikmaß einer Kiste?« bis zu »Wie wende ich eine Haarspülung richtig an?«. Aber auch auf die existenzielle Frage, wo Gott zu finden ist, kennt wikiHow Antworten.

Wer diese Seite besucht, wird gleich mit »du« angeredet, was deutlich machen soll, dass sich das Angebot an junge Menschen richtet. »Wenn du ein Verlangen verspürst, einen Kontakt mit Gott herzustellen oder deine Verbindung zu Gott zu verbessern, gibt dir dieser Artikel einige Tipps, welche ersten Schritte du machen kannst, um herauszufinden, wer er wirklich ist.« Gleich in der ersten von zwölf Empfehlungen wird darauf hingewiesen, dass man nicht unbedingt eine Kirche braucht, um Gott zu finden. Versuchen könne man es aber trotzdem zunächst dort: »Wenn du Glück hast, findest du eine geistliche Kirche, die glaubt, dass sich Gott frei ohne Grenzen bewegt, und mit Menschen, die liebenswürdig und entgegenkommend sind. Wenn du so einen Platz findest, wäre es eine gute Idee in Erfahrung zu bringen, woran diese Menschen glauben.« Es geht dann weiter mit dem Vorschlag, einen Gottesdienst zu besuchen, religiöse Literatur zu lesen, den Verstand zu gebrauchen, offen zu sein und wachsam, vor allem gegenüber Menschen, die behaupten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. »Die meisten Kirchen haben nur einen Teil der Wahrheit«, heißt es weiter.

Fragen stellen, mit anderen sprechen und das Gespräch mit Gott suchen, die Anleitung klingt fast, als wäre sie aus dem Lehrbuch für den Konfirmandenunterricht. Allein schon, dass man der Frage nach Gott bei wikiHow einen ausführlichen Artikel widmet, zeigt, dass die Sinnsuche und Wertorientierung vor allem unter Jugendlichen wieder an Bedeutung gewinnt. Es wird aber auch deutlich, dass diese Frage scheinbar eher in der Anonymität des Internets gestellt wird.

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Landesgartenschau Sachsen-Anhalt in Burg: Nicht nur in der Natur, auch bei den Angeboten der Kirchen auf der Landesgartenschau kann man sich auf die Suche nach Gott begeben. Die Glasarche (Foto) steht als Symbol für die Bewahrung und Erhaltung von Gottes Schöpfung. Foto: Reiner Eckel

Was heißt das nun für die Kirche und Kirchengemeinden? Auf der Frühjahrssynode wurde eingehend über die Thesen von Professor Michael Domsgen zur Gemeindesituation beraten (siehe auch Seite 5). Dabei scheint vor allem die Antwort auf die Frage, »wie Evangelium so kommuniziert werden kann, dass es Menschen erreicht«, zentral. Die Akzeptanz von Kirche in der Öffentlichkeit ist relativ hoch. Allerdings wissen immer weniger Menschen etwas mit christlichen Inhalten anzufangen.

Die Offenheit für religiöses Denken wird hauptsächlich in der Kindheit und Jugend geweckt. Religiöse Erziehung spielt einer Studie der EKD zurfolge, die bereits 2004 veröffentlicht wurde, selbst unter kirchenaffinen Familien immer weniger eine Rolle. Da sind neue Impulse für die Gemeindearbeit gefragt, so wie sie bei der Frühjahrstagung im Kloster Drübeck formuliert wurden. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« erarbeiteten die Synodalen Anregungen und Empfehlungen für die Kirchengemeinden. Eine Gemeindesynode scheint dafür aber längst nicht ausreichend. In den Beratungen war deshalb die Rede von einem Aufbruchsignal und dem Anfang eines weitergehenden Prozesses. Für eine Bilanz der Gruppengespräche ist es noch zu früh. Die Beratungen nahmen so viel Zeit in Anspruch, dass ein Fazit und eine Zusammenfassung keinen Platz mehr fanden. Das Gemeindedezernat der EKM hat deshalb angekündigt, die Ergebnisse der sieben Arbeitsgruppen in den kommenden Wochen auswerten und aufbereiten zu wollen. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt darüber in der Kirchenzeitung berichten.

Der Internetkurs für Gottsucher bei wikiHow endet mit den Hinweisen, dass Gott einem näher sein kann als vermutet und dass man bereit sein sollte, das Bild, das man über das Wesen Gottes habe, zu verwerfen: »Deinen begrenzten Verstand zu verwenden, um Unendlichkeit zu begreifen, ist wie einen Fisch darum zu bitten, die Ozeane der Welt herunterzuschlucken.« Nichts anderes verstehen Christen darunter, wenn sie sich unter die Führung und den Segen Gottes stellen, der höher ist als Erfahrung, Verstand und Sinne.

Willi Wild

www.ekmd.de/kirche/landessynode

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An der Schnittstelle von Himmel und Erde

16. April 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

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Im Kloster Drübeck kommt vom 12. bis 14. April die Synode der EKM zu ihrer Frühjahrstagung zusammen. Porträt eines besonderen Ortes.

Die Sonne strahlt über dem Harz. Zwischen den grünenden Obstbäumen lugt der Turm der romanischen Klosterkirche St. Vitus hervor. Autos schießen vorüber, während eine Gruppe Wanderer am Ortseingang von Drübeck einen Reisesegen spricht.

Der Ilsenburger Ortsteil liegt am Weg. Doch an welchem? Farbige Tafeln verweisen auf den Klosterwanderweg, die Straße der Romanik, den HarzerKlosterSommer und auf das Netzwerk »Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt«. Seit einem Vierteljahrhundert zählt das Kloster zur Straße der Romanik, seit zehn Jahren pilgern Menschen vom niedersächsischen Wöltingerode über Ilsenburg und Drübeck bis ins Kloster Wendhusen in Thale.

Doch was sind schon Jahreszahlen? Das Evangelische Zentrum im Kloster Drübeck wirkt mit seinen 22 Jahren fast wie ein Jungspund, hat aber für viele die Sicht auf klösterliches Leben verändert. »Wir verfügen mit unserem Zentrum über ein großes Pfund. Da behütet die knapp 300-jährige Linde jene, die unter ihrem Laub Schutz suchen, es geht familiär zu, hier finden Gäste Ruhe und Besinnung, in unserer Anlage werden Paare getraut und Hochzeiten gefeiert«, beschreibt Geschäftsführer Karl-Heinz Purucker.

Bereits im 10. Jahrhundert beherbergte die Klosteranlage Benediktinerinnen. Frühmesse bei Tagesanbruch, dann zur Arbeit in Küche, Garten, Wald, auf die Felder – die Benediktsregel bestimmte den Tagesablauf der Ordensfrauen. In den Turbulenzen der Reformationszeit und des Bauernkrieges wurden die Nonnen vertrieben. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Kloster durch kurfürstliches Edikt dem Grafen zu Stolberg-Wernigerode übereignet. Nach umfangreicher Sanierung errichtete der Graf ein Damenstift. Das Diakonische Amt der Kirchenprovinz Sachsen übernahm auf Bitte der letzten Äbtissin Magdalena 1946 das Kloster und führte es als Erholungsheim fort.

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Labyrinth unter Apfelblüten: Gäste können im Kloster Drübeck – im Hintergrund die Kirche St. Vitus – verschiedene Gärten erkunden und genießen. Fotos: Frank Drechsler

Ein historischer Plan von 1737 aus dem Archiv der Evangelischen Kirche zeigt die von Mauern umschlossenen fünf Gärten der Stiftsdamen. Die Gartenhäuschen nutzten die Stiftsdamen als Ort der Entspannung und der Besinnung. Heute sitzen die Besucher darin und genießen die wahrlich himmlische Ruhe. Wer genau über die Beete schaut, erkennt am Gärtnerhaus die Kletterrose »Juliana zu Stolberg-Wernigerode«, die einen »FrauenOrt« markiert. Davon gibt es in Sachsen-Anhalt mehr als 30; sie erzählen Geschichte und Geschichten von Frauen. Zur Romantischen Nacht im Kloster erleben die Gäste jährlich ein Wandelfest: Mit Einbruch der Dämmerung verzaubert sich der Garten, rund 1 000 Windlichter erleuchten die Anlage mit der angrenzenden Streuobstwiese und holen aus dem Dunkel, was tagsüber unscheinbar und nebensächlich scheint.

Der Quedlinburger Pfarrer Christoph Carstens, Gründungsmitglied des Klostersommer-Vereins, sieht »an der Schnittstelle von Himmel und Erde« eine Dreieinigkeit. »Wir wollen uns als Kloster zeigen, Kultur entstehen lassen und zum Finden und Wiederfinden beitragen«, erklärt er. Hier treffen christliche Welt und Beherbergung zusammen: Pastoralkolleg, Pädagogisch-Theologisches Institut, Haus der Stille und Medienzentrum. Die Anlage scheint im dauernden Wandel, davon sprechen der Neubau des Eva-Heßler-Hauses, die Rekonstruktion der Gärten und der Gebetshäuschen, der Ausbau der Domänenscheune und die neue Rezeption, die Architektin Margrit Hottenrott unter dem Motto »Hinter Klostermauern die Dinge im neuem Licht sehen« geplant hat.

Für den Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Christoph Meyns, verströmt Drübeck spirituelle Dichte. In »Zeiten der geistigen Trockenheit«, in denen sich Menschen verlassen und verzweifelt fühlen, sei es ein Ort der Gotteserkenntnis. Es gelte für die Kirche und in den Klöstern Halt zu geben, Haltung zum Leben und Verhaltensregeln zu vermitteln. »Ohne Gottesdienste gleichen Klöster leeren Schneckenhäusern.« Drübeck sei so ein magischer Ort, »der mehr hat, als wir mit unseren Sinnen erfassen können.« Nicht ohne Grund zählt das Kloster zu den touristisch erschlossenen »Kraftorten im Landkreis Harz«.

Wichtig sei, dass sich die Menschen auf den Weg machten. Und verweilen. Die achte Engelsbank auf dem Klosterweg zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt steht dafür in Drübeck. Der Pastor für Führungskräfte der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Peer-Detlev Schladebusch, meinte bei einem Kloster-Seminar, »hier findet man die Ruheinsel, dieses uralte Verbinden von ›ora et labora‹, hier atme ich christliche Spiritualität.«

Wer in den geschmackvollen Zimmern nächtigt, fühlt sich deshalb bestens aufgehoben. Nicht nur, weil die Klosterküche lecker ist, geführt von einem Koch, der einen Teil seiner Kräuter selbst zieht und dem Kloster seit anderthalb Jahrzehnten die Treue hält. Nur am Morgen fühlt man sich zu früh aus den Träumen gerissen. Man setzt auf Tradition: Die Glocke ruft erstmals um sechs Uhr.

Uwe Kraus

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