Einsamer Wolf oder folgsames Schaf

14. April 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Johannes 10, Verse 11, 27, 28

Schutzbedürfnis oder Autonomie – welches ist der wichtigere Wert in unserem Leben? Uns anvertrauen oder frei sein, ein einsamer Wolf sein oder ein folgsames Schaf? Unser Schutzbedürfnis ist nicht zu verleugnen: Wir fürchten uns vor Ungerechtigkeit, Gewalt und Verletzungen. Seit wir als schutzlose Menschenkinder auf die Welt gekommen sind, haben wir ein Gespür dafür, wie verletzlich das Leben ist, welch hohe Verantwortung wir für die Unversehrtheit des Lebens haben: »Bleib behütet!«, ist nicht nur ein frommer Wunsch beim Verabschieden. Nach einer starken Ordnungsmacht rufen wir angesichts von Kriminalität und Terrorismus. In unserem Eintreten für Gerechtigkeit kämpfen wir für den Schutz der Ohnmächtigen und Leidenden.

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Andererseits aber wird der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit immer lauter. Autoritäten und Führungsgestalten werden mehr und mehr hinterfragt. Man konsumiert wohl noch Kirche, aber man tritt eher aus. Man lebt in einer Partnerschaft, aber heiratet nicht. Bindungen werden gescheut, Abhängigkeiten vermieden. Und wer aus der »Diktatur des Proletariats« kommt, weiß um die Gefahren von Gängelung und Überwachung. Wer gar noch den »Führer« erlebt hat, dem ein ganzes Volk von Schafen willig gefolgt ist, kann nicht mehr ohne Scham an diese Zeit unserer Geschichte zurückdenken.

Auf Jesu Stimme hören und ihr folgen – ist das Gehorsam oder Freiheit, Abgabe von Autonomie oder eine neue Qualität von Sicherheit? Ich habe durch die Bindung an Jesus beides gewonnen: eine ungeheure Freiheit der Entscheidung, eine Unabhängigkeit von Systemen und Ideologien, Autoritäten und Bevormundungen – und gleichzeitig eine Preisgabe an die Folgen dieser Entscheidungen, die mein Leben nicht immer leicht gemacht hat; nur – dass mir das keine Angst mehr macht! Ich habe einen Hirten und bin doch mehr als ein Schaf. Ich habe nur ein Leben, und ich werde es nicht verlieren.

Pfarrer i. R. Giselher Quast, Magdeburg

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Einheit erlebt

28. September 2015 von redaktionguh  
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Gemischte Gefühle
Pastorin Ursula Meckel, seit 1976 in Thale, Kirchenkreis Halberstadt; jetzt, im Ruhestand. Sie ist weiter engagiert in Kirche und Politik.

Pastorin Ursula Meckel, seit 1976 in Thale, Kirchenkreis Halberstadt; jetzt, im Ruhestand. Sie ist weiter engagiert in Kirche und Politik.

Mit den Gefühlen ist das ja immer so eine Sache; sie können sich im Laufe der Zeit sehr verändern. Deshalb gebe ich weiter, was ich im September 1994 bei einem Vortrag in Dallas zu dem Thema »Der lange Weg zum einig Vaterland« gesagt habe:

Geboren bin ich 1949 in Berlin, einer Stadt, die damals noch ungeteilt war. 1961 wurde die Mauer gebaut. Von einem Tag zum anderen war ich wie so viele andere abgeschnitten von Verwandten und Freunden. (…) Als ich nach 24 Jahren erstmalig in der alten Bundesrepublik beim Kirchentag war, wurde im Deutschlandfunk ein Interview mit mir gesendet. Dabei sprach ich von meinen Erlebnissen in diesem für mich »fremden« Land. Jemand schrieb einen empörten Brief, wie ich als Deutsche so etwas von Deutschland sagen könnte. (…) Ich bin eine Deutsche, von Geburt an. Dafür kann ich nichts, und es war mir nie wichtig. Zum einen, weil es mir abgesprochen wurde: In der DDR mussten wir uns »DDR-Bürger« nennen und den Begriff »Deutsche« hatten die Westdeutschen für sich reklamiert. (…)

Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, konnte ich bei einer Tagung mit west- und ostdeutschen Teilnehmern mitmachen. Dabei ging es um die »Auflösung« der DDR. Dieses Wort »auflösen« löste bei mir eine Reihe von Assoziationen aus: auflösen, sich zersetzen, verschwinden. Und dann fiel mir ein, wie sich Zucker in Tee oder Kaffee auflöst. Er ist nicht sichtbar, und doch verändert er den Geschmack des Ganzen. Damit will ich nicht sagen, dass wir aufgelösten Ostdeutschen den Westdeutschen das Leben versüßen. Zurzeit ja eher verbittern. Ich sehe eine Chance darin, nicht bitter zu bleiben, sich Verbündete zu suchen über die Mauer in den Köpfen hinweg. (…) Damit es wieder Umarmungen geben kann, die dem anderen nicht die Luft nehmen. Das halte ich nicht nur für wünschenswert, sondern auch für möglich.

Inzwischen sind wir mehr als 20 Jahre weiter und ich bemerke erfreut: Für mich ist die deutsche Einheit kein aktuelles Problem, trotz manchem Verbesserungswürdigen. Woher jemand kommt, ist für mich nicht mehr wichtig, sondern wofür sich jemand engagiert, und das ist ein rundherum gutes Gefühl.

Gewonnene Freiheit
Pfarrer Michael Wegner, heute Superintendent des Kirchenkreises Altenburger Land, lebt seit 1988 in Liebenrode, im ehemaligen Sperrgebiet.

Pfarrer Michael Wegner, heute Superintendent des Kirchenkreises Altenburger Land, lebt seit 1988 in Liebenrode, im ehemaligen Sperrgebiet.

Es war ein besonderes Gefühl, direkt an der innerdeutschen Grenze zu leben. Die Welt war zu einer Scheibe geworden. Von Wladiwostock bis zu unserem Dorf, das im westlichsten Zipfel der DDR lag. Hinter den Tälern und Bergen, die wir auf der anderen Seite der Grenze sehen konnten, war ein verborgenes Land, welches wir aus dem »Tatort« kannten.

Es war meine Frau Sabine, die es unbedingt nach Liebenrode in der Sperrzone zog. Ihr gefielen die Menschen, die sich so sehr einen Pfarrer wünschten. Ihr gefiel die Aufgabe, eine Ruine wieder zu einer Kirche zu machen. Sie bewegte das gesamte Dorf, die Kirche gemeinsam aufzubauen. Eine Erfahrung, die mein Leben bis heute prägt.

Unrecht gab es genug. Die Angst vor neuen Umsiedlungen und Vertreibungen war in vielen Familien gegenwärtig. Die Kaserne mit den Soldaten stand am Rand des Dorfes. Nebenamtliche Grenzhelfer überwachten bis zuletzt das tägliche Geschehen.

Als in vielen Städten die Montagsdemonstrationen die Menschen zusammenführten und immer mehr Bürger, auch aus Liebenrode, das Land verließen, verschärften sich die Spannungen im Dorf. »Morgen schlagen wir los«, drohte ein Feldwebel der Grenztruppen. Wie ich später erfuhr, stand ich auf den Deportationslisten der Staatssicherheit. Dann ging alles sehr schnell. Die Tore des Eisernen Vorhangs öffneten sich. Ein unglaubliches Gefühl der Freiheit hat mich damals bewegt. Die Menschen in Liebenrode wollten den Weg in die Zukunft mit einer Rückschau beginnen. Fast das ganze Dorf versammelte sich. Der Bürgermeister rief meine Frau an, ob sie nicht ein Friedensgebet halten könnte. Zu diesem kamen nur er und der Parteisekretär. Alle anderen warteten im Saal des Dorfes. Es wurde eine sehr emotionale, turbulente, aber gewaltfreie Versammlung. Ich glaube, aus heutiger Sicht hat das neue Gefühl von Freiheit viel zu dieser Haltung beigetragen. Man wusste, dass die alten Verhältnisse nicht zurückkehren würden.

Diese Freiheit wird immer Menschen bewegen, in unser Land zu kommen. Wenn wir diese Freiheit dann nicht teilen wollen, wird sie sich wieder zurückverwandeln in die Unfreiheit jener Tage.

Gefühle werden sichtbar

15. September 2014 von redaktionguh  
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Ausstellung im Landeskirchenamt zeigt Arbeiten aus dem Christophoruswerk Erfurt

Wer das Landeskirchenamt im Collegium maius betritt, kommt durch ein modernes Portal in ein Denkmal hinein. Das historische Gebäude ist von Glas umhüllt, bunte Farben prägen es eher nicht. Nun haben ihm Erfurter Künstler einen temporären »Farbenklang« verliehen. Seit vergangener Woche sind in der Galerie und im Treppenhaus Arbeiten von fünf Teilnehmern eines kunsttherapeutischen Projektes des Christophoruswerkes Erfurt zu sehen. Die Ausstellung gab den Auftakt zu vielfältigen Veranstaltungen in der Landeshauptstadt im Rahmen der Erfurter Denkmaltage unter dem Motto »Farben!«.

»Kunst, das ist für mich Freiheit«, schreibt Maik Jaskolowski im Gästebuch zur Ausstellung über sich. »Ich kann mich ausdrücken, ich kann selbst entscheiden, mein Bild ist, wie ich es will und es bleibt.« Ruhe und Konzentration findet er beim Malen, kann vom Alltag abschalten. Seit 2013 nutzt der 36-Jährige das kunsttherapeutische Angebot für Bewohner des Wohnheims in der Spittelgartenstraße. Es hilft geistig und körperlich behinderten Menschen, ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten für sich zu finden und sich neu zu entdecken. Viele von ihnen haben jahrelang nicht oder noch nie gemalt. »Es ist ganz erstaunlich, welche Entwicklungen wir in dieser Gruppe binnen anderthalb Jahren erleben durften«, berichtet die Kunsttherapeutin Ulrike Löber.

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

Die Ausstellung »Farbenklang« mit künstlerischen Arbeiten aus den Werkstätten des Erfurter Christophoruswerkes kann bis zum 28. November wochentags zwischen 10 und 16 Uhr im Collegium maius besichtigt werden. Foto: Jens-Ulrich Koch

»Anfangs beispielsweise war es für die Teilnehmer ungewohnt, selber Material oder Farben auszuwählen. Inzwischen treffen sie ganz eigenständig und bewusst solche Entscheidungen – und das sind ganz wesentliche Entwicklungsschritte für sie. Sie haben gelernt, sich ihren Platz einzurichten, sind angeregt, sich zu strukturieren.«

Die Therapeutin gibt Hilfe und In­spiration, aber keine Themen oder Inhalte vor. Da das wöchentliche Malen im Atelierraum der nahen Christophorus-Schule durchgeführt wird, bedeutet das auch Abwechslung im Alltag. »Unsere kunsttherapeutische Arbeit vermittelt die Erfahrung, dass man selber aus sich heraus etwas bewirken kann«, so Löber. »Die Gruppe kommuniziert in einer ganz eigenen Weise miteinander, Gefühle und Stimmungen werden sichtbar.« Bei der Ausstellungseröffnung im Landeskirchenamt waren die Künstler dabei und konnten so ihre Bilder selbst in einer ganz anderen Atmosphäre betrachten, erzählt die Therapeutin. Ihre Arbeit wirkt sich so positiv auf das Selbstwertgefühl ihrer Schützlinge aus.

Das Christophoruswerk legt bei den ihm anvertrauten Menschen viel Wert auf die Stärkung der Persönlichkeit, erläutert Diana Steinbauer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Die gemeinnützige GmbH betreut in Erfurt und Umgebung sowie in Gotha mehr als 700 Menschen, schafft Arbeits- und Beschäftigungsangebote, betreibt Werkstätten, individuelle Wohnformen, Tagesstätten, eine Förderschule sowie Beratungsdienste. Anschließend werden die Werke ihren Platz im Wohnheim finden. Dort sind die Wände in den offenen Wohnbereichen schon lange reserviert.

Katharina Hille

www.christophoruswerk.de

Abgedrängt, festgenagelt und trotzdem Sieger

20. September 2013 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
1. Johannes 5, Vers 4

Ausgelacht und abgeschrieben, kaltgestellt und abgedrängt – da ist wenig Sieghaftes an der heutigen Kirche. Gesellschaftliche Realitäten sind im Wandel. In tiefen Mollklängen wird das Ende der Volkskirche besungen und der Abschied aus der Fläche intoniert. Daran ändern auch Familienpapiere nichts, die mit offener Bluse sich dem Zeitgeist anbiedern, außer dass die Blutleere evangelischer Verkündigung zutage tritt. Aber der erste Johannesbrief, in einer ungleich bedrängteren Situation verfasst, wagt eine Spitzenaussage, die aufhorchen lässt.

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Sollte das wahr sein? Sollte im Glauben so viel Freiheit sein, dass die Kirche, gejagt und getrieben von Weltfurcht und Zeitgeist, es wagen könnte, stehenzubleiben? Oder gar sich umzudrehen und gegen den Strom zu laufen? Aber wohin? Dahin, wo ein für alle Mal eingelöst ist, was Johannes seiner bedrängten Gemeinde zusagt – zum Kreuz, wo der Gottessohn ausgelacht und abgeschrieben, kaltgestellt und abgedrängt festgenagelt ist, und dennoch siegt. »Wer ist der, der die Welt überwindet?«, fragt Johannes. »Der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist!«, gibt er zur Antwort. Dort gehört sie hin, unter sein Kreuz, weil dort der Überwundene der Überwinder ist, Sieger durch sein Opfer.

Dort geht die Rechnung nicht mehr auf, dass der Gewinner auch der Sieger ist. Am Kreuz zählt nicht die Masse an Zustimmern, die Anzahl der Fans, der stromlinienförmige Schwimmstil durch die Wellen der Zeit – dort ist gegen den Augenschein Freiheit, wird den Feinden vergeben und der Tod entmachtet, wird die Schuld vergeben und die Welt überwunden. Nur unter dem Kreuz ist die Kirche frei. Aber durch Buhlen um Anerkennung und Betteln um Liebkosungen riskiert sie das Wertvollste, was sie besitzt, diese Freiheit. Bonhoeffer fällt mir ein: »Wo der Dank für die institutionelle Freiheit durch ein Opfer der Freiheit der Verkündigung abgestattet werden muss, dort ist die Kirche in Ketten, auch wenn sie sich frei glaubt.«

Ernst Wachter, Pfarrer in Elbingerode

Von Gott können wir noch viel erwarten

2. August 2013 von redaktionguh  
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.
Psalm 33, Vers 12

Ferienzeit. Ob Tunesien oder Thüringen, Afrika oder Arendsee. Im Urlaub sehne ich mich nach Abstand vom Alltäglichen, nach einer Prise Freiheit. Womöglich suche ich danach, die Räume um mich herum weit zu machen, damit ich mich selbst wieder neu finden und ausrichten kann. Eine Zeit, von der ich etwas für mich erwarten darf, in der sich für ein paar Tage hier und dort die Vorzeichen umkehren. Das tut mir gut, die Sehnsucht danach nehme ich mit ins Jahr hinein.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau

Dass es gut tut, wenn sich die Vorzeichen umkehren, ist auch eine Erfahrung, die Menschen ­machen dürfen, wenn sie Gott und sein Wirken in ihrem Leben spüren. Für den Psalmbeter ist es wohl eine unbeschreibliche Erfahrung von Freiheit und Bewahrung, die er mit seinem Gott verbindet und die er sich über seinen eigenen Horizont hinaus für viele Menschen wünscht. Ich höre seine Worte deshalb auch als Zeugnis dafür, eigenes Erleben umzusetzen in Visionen und Hoffnungen für sich selbst und für ein ganzes Volk.

Aus dem Erfahrenen leben, hoffen, damit einander beschenken und gemeinsam Herzenswünsche träumen. Das ist wie ein kleiner Urlaub – für die Seele. Das brauche ich und ich denke, das brauchen wir wieder neu in Politik und Gesellschaft angesichts aller Herausforderungen. Vielleicht ist die ­anhaltende Fantasielosigkeit der Politik bzw. der Regierenden gerade ein Grund für die Verdrossenheit im Volk. Wenn allein Pragmatismus und Wachstumslogik das Tagesgeschäft regieren, hat die Sehnsucht es schwer, die uns mitnimmt in eine ­lebenswerte Zukunft.

Ich wünsche mir für unser Volk Menschen, die sich hineingenommen wissen in Gottes Bogen aus Zusage und Verheißung. Damit sich Räume öffnen abseits des Alltäglichen, wo mutiges Träumen möglich ist, wo angstfrei kreuz und quer gedacht werden kann. Damit gelebt und gestaltet wird aus einer Vorfreude auf Kommendes mit einem Gott, von dem ich noch etwas erwarten kann.

Daniel Senf, Pfarrer in Zschortau