So kann es nicht weitergehen
12. Juli 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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In Sondershausen diskutierte die Prominenz beim Kreiskirchentag über die Zukunft der Kirche.
Die Trinitatiskirche in Sondershausen war am Sonnabend, 2. Juli, vollbesetzt. Man spürte förmlich die freudige Erwartung, die anlässlich des großen Aufgebotes an Prominenz in der Luft lag. Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer, Ilse Junkermann und Thies Gundlach, Vizepräsident der EKD, waren vielversprechende Publikumsmagneten des Kirchentages im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen.
In dem mit Werbebannern plakatierten Altarraum trafen sich die Diskussionsteilnehmer zum freundlich kontroversen Austausch um die Frage der zukünftigen Gestalt unserer Kirche. Die Zuhörer bekamen den Eindruck, dass sich die Gesprächspartner verabredet hatten, in den unruhigen Zeiten des Aufbaus der EKM positive Signale auszusenden. Vor allem Margot Käßmann und Thies Gundlach bemühten sich, Mut zu machen und Verständnis für die Sorgen der Gemeinden zu zeigen. Dagegen legte Schorlemmer den Finger in die Wunde und sprach manchem aus dem Herzen. Einigkeit – bis hin zur Bischöfin – herrschte vor allem darin, dass der gestiegene Verwaltungsaufwand die Pfarrer von Verkündigungsdienst und Seelsorge abhalte. Mit Schorlemmers Worten: »Die Predigten werden nachts geschrieben, und die Pfarrer haben keine Zeit mehr, den Menschen ihre seelische Last abzunehmen und sie zu ermutigen. Sie haben keine Zeit mehr für ihre zentralen Aufgaben.«
Zum drängenden Thema Mitgliederschwund stellte Käßmann unmissverständlich klar: »Hätten wir den Königsweg gegen den Mitgliederrückgang bereits gefunden, dann gingen wir ihn doch längst.« Fünf Millionen Gottesdienstbesucher am Wochenende seien kein Grund, sich kleinzureden. Begleitet von Applaus äußerte sie die Überzeugung, dass es bereits erfüllend sein könne, wenn sich ein paar Gemeindeglieder mit Kerze zu Psalm und Gebet träfen. Auch zwei oder drei müssten keinesfalls freudlos wirken. Wenig beeindruckte sie auch das Fehlen der Generation zwischen 20 und 40 in den Gemeinden. Gute Kinder-, Konfirmanden- und Seniorenarbeit ziehe die vielbeschäftigten Eltern mit.
Während Bischöfin Junkermann diese Aussagen mit den Worten unterstützte: »Jeder Getaufte hat einen Verkündigungsauftrag, es braucht nicht jeden Sonntag den Pfarrer.« Schorlemmer forderte im Gegenzug: »Die Gemeinde will den Pfarrer sehen.« Er müsse wieder in die Gemeinde mit Kindern und Klampfe, konstatierte er volksnah. Anstelle der propagierten Ausdehnung von Gemeinden und Kreisen müssten die Strukturen zukünftig übersichtlicher werden. »Der Pfarrer muss wieder näher an die Menschen«, forderte der Theologe.
Nach der Diskussion hörte man eine nachdenkliche Pfarrerin Eilice Neuland aus Holzthaleben sagen: »Mir ist noch einmal klar geworden, dass wir eine Pfarrerkirche sind, das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann, ist da, aber die Umsetzung wird für beide Seiten schwer.« – »Ja«, bestätigte Kirchenältester Bernd Volkmann aus Immenrode, »wir Aktiven warten viel zu oft darauf, dass uns einer sagt, was wir tun sollen.«
Beim Verlassen der Trinitatiskirche steckten viele Kirchenälteste angeregt die Köpfe zusammen. Sie hatten Anerkennung für ihren eigenen Dienst erfahren, aber auch reichlich Diskussionsstoff für die zukünftige Arbeit erhalten.
Regina Englert
Luther vom Sockel geholt
13. August 2010 von redaktionguh
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Lutherdekade: An den Wittenberger »Lutherzwergen« scheiden sich die Geister.

Platzhalter: Am vergangenen Montag hat der Aktionskünstler Ottmar Hörl mit der Installation für die umstrittenen »Lutherzwerge« auf dem Wittenberger Marktplatz begonnen.
Der Countdown läuft: Bis Sonnabend sollen auf dem Wittenberger Marktplatz 800 ein Meter große Lutherfiguren aufgestellt werden. Bereits im Vorfeld hatte das Vorhaben des Aktionskünstlers Ottmar Hörl für einiges Aufsehen gesorgt.
Luther bunt und im Zwergenformat 800-fach auf dem Wittenberger Marktplatz – das polarisiert. In einem Internetforum der regionalen Tageszeitung sehen die Kommentatoren die Sache zunächst positiv. »Frischer Wind«, urteilt »Lizzy« und hofft auf mehr Touristen in Wittenberg. Was sie und auch »Wolfgang 63«, »K61«, »Sabine« und »Langhaarfan« bisher wohl noch nicht gehört haben: dass die Inszenierung auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitverantwortet wird. Sie will mit den offiziell »Luther-Botschafter« genannten Figuren protestantische Inhalte vermitteln.
Werbeexperten zweifeln aber daran, dass die evangelische Botschaft ankommt. »Luther würde mit dem Tintenfass nach den Initiatoren werfen«, sagt der PR-Berater und frühere VW-Kommunikationschef Klaus Kocks. Die Aktion sei »peinlich und kontraproduktiv«, wettert er wie vor ihm der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer.
Kocks ist überzeugt, dass »Form und Art des Auftritts« im Widerspruch zu Luther und seiner Lehre stehen und dass die Aktion daher keine Werbung für Protestantismus machen kann. Die Kirche sollte sich gerade bei öffentlichkeitswirksamen Aktionen eher auf das Wort zurückbesinnen und Inhalte vermitteln, sagt der Politik- und Unternehmensberater. »Man muss sich mal vorstellen, der Platz vor dem Petersdom wäre mit Papstfiguren übersät«, sagt Kocks, der selbst der evangelischen Kirche angehört. »Was will man denn damit aussagen?«
Die Hamburgerin Eva Jung, die selbst Werbung für christliche Inhalte unter anderem für die Deutsche Bibelgesellschaft macht, bleibt ebenfalls skeptisch. »Das ist ein komischer Umgang mit Luther.« Die Kirche schaffe es nicht, aus ihren alten Gemäuern herauszukommen. »Zur entscheidenden Zeit war doch Luther ein junger Rebell«, sagt sie. Wenn der Reformator aber wie auf dem Wittenberger Denkmal, das Hörl für seine Aktion ins Miniaturformat kopierte, wieder als alter Mann gezeigt werde, führe dies auf die falsche Fährte.
Das wiederum findet der Wittenberger Superintendent Christian Beuchel überhaupt nicht. Die Aktion rege vielmehr dazu an, neu über Luther nachzudenken und über die Frage, welche Bedeutung er heute noch habe. »Ihn dazu vom Sockel zu holen, halte ich für eine gut Idee.«
Andere stößt dagegen ab, dass Luther im Anschluss der Aktion wie eine Heiligenfigur verkauft wird. Tatsächlich sollen die Figuren nach dem Abbau Mitte September für 250 Euro pro Stück veräußert und Hörls Kunstaktion dadurch refinanziert werden. PR-Berater Klaus Kocks spricht gar von einer »Kommerzialisierung des Glaubens« und »Tingeltangel mit Ablass«.
Prälat Stephan Dorgerloh, als EKD-Beauftragter in Wittenberg für die Aktionen in der Reformationsdekade bis 2017 verantwortlich, hört all die Kritik nicht zum ersten Mal. Er sagt, dass sich die Kirche, auch wenn sie das Projekt unterstütze und begleite, bei provozierender Kunst auch zurücknehmen müsse. »Und wo findet moderne Kunst schon hundertprozentige Zustimmung?« Schließlich sei die EKD auch finanziell nicht an der Aktion beteiligt. Der Künstler nehme das ganze Risiko auf sich, so Dorgerloh.
Der Beauftragte ist überzeugt, dass die Aktion bereits jetzt einen großen Teil des mit Hörl abgemachten evangelischen Auftrags erfüllt habe. So wird der Kirchenkreis Wittenberg gemeinsam mit dem Predigerseminar täglich viertelstündige Lesungen von Luthertexten auf dem Marktplatz veranstalten. Jeweils werktags von 17.45 Uhr lesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, aber auch des Predigerseminars und der Evangelischen Akademie unter dem Motto »O-Ton Luther« Texte des Reformators vor. Sonntags beginnt die Lesung bereits um zwölf Uhr, dann kommt zudem Live-Musik dazu. »Das Kunstwerk ist also Anlass, sich inhaltlich mit Luther zu beschäftigen«, freut sich Dorgerloh.
Ob es gelingt, »wenigstens nachträglich dem ganzen Sinn zu verleihen«, sieht hingegen der ehemalige Superintendent Albrecht Steinwachs skeptisch. Auch Werbeexpertin Eva Jung bleibt zurückhaltend. Es gelte abzuwarten, worüber in Wittenberg mehr geredet wird: Über die Figuren oder über Luther. »Wenn die Diskussion sich mehr um die Zwerge dreht, ist sie eigentlich den Atem nicht wert.«
Corinna Buschow (epd/mkz)






