Mit Fahrrad und Bibel

18. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum  Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März,  14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke

Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März, 14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke



Kirche entdeckt den Radtourismus für sich und beteiligt sich am Thüringer Themenjahr

Nicht nur für Manfred Reinhardt hat sich die Mühe gelohnt. »Die Nutzung von St. Ursula als Fahrradkirche nach der Sanierung war ein voller Erfolg«, ist der Gemeindekirchenratsvorsitzende aus Wiehe im Kyffhäuserkreis überzeugt. Vorher habe die Kirche in einem »Dornröschenschlaf« gelegen. Seit 2009 steht sie Radwanderern am Unstrut-Radweg zu Gebet und Ruhepausen offen.

Zwar hat es keine Statistik gegeben, wie viele Radler hier im vergangenen Jahr tatsächlich Station gemacht haben. Dennoch geben ihm die Einträge im Gästebuch recht. Da ­loben Radwanderer die Möglichkeit zu Stille und Einkehr sowie das angeneh­me Umfeld der kleinen Barockkirche in der Rankestadt. »Wir haben heute gelernt, dass eine Fahrradtour mehr sein kann, als nur viele Kilometer zu schaffen«, schreiben Rosi und Christian Leihmann aus Erfurt.

Am 21. März erfolgt nun der Start in die zweite Saison. Dazu hat sich auch Thüringens Verkehrsminister Christian Carius in Wiehe angesagt, der selbst passionierter Radfahrer ist. Aber das soll erst der Anfang sein. In Erfurt steht am 22. und 23. März eine Tagung bevor, die sich mit dem Radtourismus im Allgemeinen und dem spirituellen Radtourismus im Besonderen befasst. Organisiert wird das Treffen gemeinsam vom Gemeindedienst der EKM, ­Projektstelle »Kirche und Tourismus in Thüringen«, sowie der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

»Eine solche Zusammenarbeit dürfte eine Premiere sein«, schätzt Elfriede Gra­be von der Thüringer Tourismus GmbH. Der Grund ist denkbar einfach. Der Fahrradtourismus boomt, und auch der spirituelle Tourismus stellt nach Ansicht von Pfarrer Christfried Boelter vom EKM-Gemeindedienst ein wachsendes Segment dar. Die Tourismus-Fachleute haben das Jahr deshalb ­sogar zum Fahrradjahr erklärt. Unter dem Motto »Fahr Rad 2010. Am besten in Thüringen« werben sie für den ­Freistaat als Ziel von Radwanderern. Allein in Thüringen gibt es 13 Fernwege mit insgesamt 1700 Kilometern. »Das«, glaubt die zuständige Mitar­beiterin, »ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.«

Auch die Kirche setzt inzwischen verstärkt auf Fahrradpilger. Längst hat sich aus den bescheidenen Anfängen ein neues Arbeitsfeld entwickelt. Vor etwa zehn Jahren gab es erste Überlegungen, analog zu den Autobahnkirchen solche für Radwanderer zu öffnen. Den Anfang machte 2001 die Kapelle in Reinhardsbrunn. Zwei Jahre darauf folgte die Radfahrerkirche im sächsischen Weßnig. Inzwischen zählt die EKM sieben solcher Kirchen – und es werden immer mehr. Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche.

Der EKD-Dachverband und die Verantwortlichen von Kirche und Tourismus erhoffen sich vom Thüringer Themenjahr weitere Impulse für ein mitteldeutsches Netzwerk der Radwegekirchen. Die Auftaktveranstaltung im Erfurter Augustinerkloster biete den Gemeinden und Initiativgruppen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu prüfen, ob die eigene Kirche als Radwegekirche profiliert werden kann, so Boelter. Dabei soll der Ausbau eines solchen Netzes keineswegs Selbstzweck sein. Die Kirche hoffe hier auf neue Möglichkeiten, Menschen anzusprechen. »Eine Fahrradkirche hat mit ihrer niedrigeren Schwelle immer auch eine missiona­rische Dimension«, ist der Pfarrer überzeugt.

Aber auch in Sachsen-Anhalt laufen die Vorbereitungen für das Projekt »Radwegekirchen am Elberadweg«. Jährlich sind dort 145.000 Menschen als Fernradler und noch einmal so viele als Tages- und Wochenendausflügler unterwegs. Aufgrund zahlreicher Nachfragen von Kirchengemeinden und Radwanderern sei das Pilotprojekt vom Referat »Offene Kirchen« angestoßen worden, erklärt Christfried Boelter. Eröffnet wird die Initiative am 24. März vom sachsen-anhaltischen Wirtschaftsminister Reiner Haseloff und dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil in Schönebeck. Dann sollen insgesamt 26 evangelische und katholische Kirchen ihrer neuen Bestimmung übergeben werden.

Martin Hanusch

Der Fachtag zum spirituellen Radtourismus im Rahmen der Tagung Radtourismus in Thüringen am 23. März im Erfurter Augustinerkloster beginnt um 10 Uhr.

Eine schlecht verheilte Wunde

21. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Interview: Bischöfin Ilse Junkermann über Missverständnisse in der Versöhnungsdebatte und einladende Gottesdienste

Ihre Äußerungen zur Versöhnung mit DDR-Tätern und zu Gottesdiensten mit geringen Teilnehmerzahlen haben ­Widerspruch provoziert. Dietlind Steinhöfel sprach mit Ilse Junkermann.

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann 	(Foto: Heiko Kleinschmidt)

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann (Foto: Heiko Kleinschmidt)

Frau Landesbischöfin, Ihr Aufruf zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des DDR-Regimes hat hohe Wellen geschlagen. Hatten Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?

Junkermann: Dass es Reaktionen gibt, darauf habe ich gehofft. Ich habe nicht damit gerechnet, so missverstanden zu werden, als ob ich sage: Versöhnung hieße, Schwamm drüber. Das bedauere ich außerordentlich. Denn mir steht klar vor Augen, dass gerade die Opfer noch weniger vergessen können, weil sie unter den Folgen bis heute leiden. Aber man kann nicht pauschal sagen: So geht es den Opfern und so den Tätern oder so sind die Opfer und so die Täter.

Mein Anliegen ist ein seelsorger­liches, zu schauen, wie es den konkreten einzelnen Menschen geht: die bespitzelt wurden, die im Gefängnis waren oder die in ganz unterschiedlicher Weise Täter waren.

Sie fassen gleich zum Anfang Ihrer Amtszeit ein so heißes Eisen an?

Junkermann: Versöhnung ist immer ein heißes Eisen, weil Menschen ­verletzt und Menschen schuldig geworden sind. Ich habe gemerkt, dass dieses Thema unter der Oberfläche schwelt. Es ist wie bei einer schlecht verheilten Wunde.

Ein Leser schrieb: »Wir sind schon weiter, als Frau Junkermann meint.« Sehen Sie das anders?

Junkermann: Ich dachte auch, dass alle schon weiter sind. Und dass ich deshalb nicht groß erläutern muss, was Versöhnung ist und wie Versöhnung geht. Ich habe mich sehr über diesen Leserbrief gefreut. Er zeigt, dass es einen Weg gibt und Versöhnung nicht unmöglich ist. Und dass dieser Weg schon gegangen wird. Das finde ich ermutigend.

Ich bin erschrocken, wie präsent die Verletzungen sind und wie offen die Frage ist, wohin damit. Ich sehe meine Aufgabe darin zu sagen: Wir sind als Christen so frei, Dinge anzusprechen, die weh tun. Wir haben von Gott den Auftrag, zur Versöhnung einzuladen. Dabei habe ich kein fertiges Konzept. Ich spreche in diesen Wochen Menschen an, die mir geschrieben haben – zustimmend wie ablehnend. Ich möchte sie einladen, bei ­einem Treffen gemeinsam zu überlegen: Wie können wir als Kirche solche Gesprächsräume eröffnen?

Das zweite Thema, das die Menschen unserer Landeskirche beschäftigt: Gottesdienst erst ab zehn Besuchern zu feiern. Muss man nicht unterscheiden zwischen Land und Stadt?

Junkermann: Ja, man muss immer unterscheiden. Deswegen habe ich es auch als Frage gestellt: zu überlegen, ob auf Dauer Gottesdienste mit weniger als zehn Menschen noch feierliche und festliche Gottesdienste sind. Und vor allem, ob sie einladend sind, ­ausdrücklich auch für Menschen,  die bisher nicht kommen oder selten. Die treue Arbeit gerade in kleinen ­Gemeinden hat meinen uneingeschränkten Respekt.

Gleichzeitig möchte ich fragen, ob wir ab und zu über diese Realität ­hinauswachsen können. Ich möchte, dass wir darüber reden, auch wenn es schwerfällt. So werden wir offen für Ideen, die wir vielleicht noch nicht ausprobiert haben.

Die Gemeinde-Agende des Kirchenkreises Egeln hat den Publikumspreis beim EKD-Zukunftskongress bekommen, weil sie genau darauf reagiert: Wie können wir anders Gottesdienst feiern und wieder mehr Menschen gewinnen? Ich wünsche mir, dass Menschen sich sonntags austauschen: Wie sieht unser Gottesdienst im Alltag aus? Wie kann in unserem Dorf deutlich werden, dass wir einen Auftrag in der Welt haben? Wer braucht unsere Hilfe? Aber bei aller Diskussion gilt: Die Menschen, die sonntags kommen – und seien es nur vier –, sollen wirklich Trost und Zuspruch finden. Also Kirchen schließen, Menschen nach Hause schicken – das halte ich für ausgeschlossen.

Ist Regionalisierung eine Lösung?

Junkermann: Zu großen regionalen Gottesdiensten zu einem Thema, für Jugendliche oder für eine andere Zielgruppe einzuladen, ist wichtig. Aber es ist ebenso wichtig zu fragen, was Menschen an Heimat suchen und ­womit sie sich identifizieren. Nicht zuletzt zählen da auch die vielen mit viel Einsatz der Gemeindeglieder wunderbar hergerichteten Kirchenräume. Man muss jeweils vor Ort entscheiden, was geht, weil die Mentalität in den Regionen sehr unterschiedlich ist.

Eine letzte Frage: Wie stehen Sie zur Äußerung der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmnn zu Afghanistan?

Junkermann: Bischöfin Margot Käßmann hat den umstrittenen Satz »In Afghanistan ist nichts gut« in einer Predigt gesagt. Er muss im Zusammenhang der ganzen Predigt verstanden werden. Es geht um die Frage: Gerät der zivile Aufbau, der ja angestrebt wird, in Vergessenheit? Das ist auch, was die Bürger bewegt. Ich teile die Ansicht, dass Friedensarbeit wichtiger sein muss als militärisches Engagement.

Wir haben als Kirche den Auftrag, daran zu erinnern, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir auch bei denen sind, die unter Einsatz ihres Lebens nach Afghanistan gehen, demokratisch beaufragt. Unsere Landessynode hat im November einen Klartext beschlossen: Truppenabzug sobald als möglich, Stärkung der ­Friedenshilfe, sodass sie Vorrang vor Militärischem hat, und die Diskussion darüber, damit Entscheidungen immer wieder überprüft werden. Das hat Bischöfin Käßmann angeregt, ganz wie es zu ihrem Auftrag gehört.