Geht der Kirche der Glaube aus?

6. April 2018 von redaktionguh  
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Eine Streitschrift: Am 10. April wird ein kirchenkritisches Buch veröffentlicht. Der Autor plädiert darin für eine Rückbesinnung auf den Glauben. Die Kirchenzeitung druckt vorab einen Auszug.

Jesus war kein Theologe. Matthäus, Lukas, Markus und Petrus wohl auch nicht, am ehesten noch Paulus. Man könnte einen großen Streit anzetteln, ab wann die Theologie als Lehre von Gott und den christlichen Glaubensinhalten entstand und wen wir als ersten Theologen anerkennen. Doch ist es für den Glaubenden überhaupt nötig, Theologe zu sein? Niemand, nicht einmal Theologen würden behaupten, dass eine Voraussetzung für den Glauben darin besteht, dass der Glaubende zugleich auch Theologe ist. Dass die »Gotteswissenschaft« eine große, ernste und wichtige Wissenschaft ist, soll mit keiner Silbe in Abrede gestellt werden. Sie ist es aber nur, wenn sie nicht zu einer Art Politikwissenschaft mit eingebautem Heiligenschein verkommt, sondern Rede von Gott und seiner Beziehung zu den Menschen bleibt, wenn sie von den letzten und ersten Dingen menschlicher Existenz spricht und keine Rücksicht auf Applaus, Establishment und Mainstream nimmt.

Der Hirte und die Herde: Das Bild der christlichen Gemeinde gerät immer mehr ins Wanken. Hat die Kirche über ihr weltliches Engagement den Glauben verloren? Foto: Bergringfoto – stock.adobe.com

Der Hirte und die Herde: Das Bild der christlichen Gemeinde gerät immer mehr ins Wanken. Hat die Kirche über ihr weltliches Engagement den Glauben verloren? Foto: Bergringfoto – stock.adobe.com

Weder bin ich Theologe noch Pfarrer noch Bischof. Auch hege ich nicht den Wunsch, es zu werden. Ich bin nichts weiter als ein evangelischer Christ, Lutheraner. Aber als Lutheraner trage ich wie jeder andere Christ, wie jedes andere Glied unserer Kirche, für diese Kirche Verantwortung. Es kann mich nicht unberührt lassen, wenn Freunde und Bekannte, Christen, die ich schätze, die Kirche verlassen – oft, nachdem sie jahrelang mit sich gerungen haben.

Es kann mich nicht kaltlassen, wenn andere, wie oft auch ich, sich damit quälen, dieser Kirche anzugehören, sie mitzutragen, weil in Christi Kirche an die Stelle des Glaubens immer stärker bloße Gesinnung – oft umschrieben mit »Werten » oder »Haltung« – tritt.

Ich kann und will und werde nicht dazu schweigen, wenn Exklusionen und Herabsetzungen von Christen erfolgen, weil ihre politischen Überzeugungen nicht in das Schema einer Gesinnung passen, die einem grundlosen Optimismus folgt, der nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man die Realität verdrängt. Auf welch schwachen Füßen dieser sich »humanistisch« nennende Optimismus steht und wie realitätsblind er ist, führt die Behauptung vor, dass jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß, dass ihre Parolen (die der Populisten) keine Probleme lösen«. Denn jeder »halbwegs intelligente Mensch weiß« auch, dass die »Populisten« diese Probleme nicht geschaffen haben.

In der schönen, hellen Welt des evangelischen Poesiealbums, in dem der Mensch »eigentlich« gut ist, kommt die Realität nur als finsterer Geselle vor. Sein grundloser Optimismus benötigt genau dort, wo er der Wirklichkeit nicht mehr auszuweichen vermag, den Not­ausgang der Verschwörungstheorie, muss die Grenzen seiner braven Vorstellung mit heimtückischen Konspirateuren, mit »Welteneindunklern », die man in den »konservativen Ecken der Kirche« besonders oft anträfe, bevölkern. Diejenigen, die in dieser wenig christlichen Weise Menschen in Ecken stellen, sollten sich an den Psalm 118 erinnern: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.«

Ich schreibe dieses Buch aus der Vollmacht heraus, die Martin Luther jedem Christen in der Freiheit eines Christenmenschen zuerkannte, aus Verantwortung der Kirche gegenüber und weil ich will, dass unsere Kinder eine Zukunft in diesem guten Land haben, eine Zukunft, in der sie sich frei und ohne Repressalien zu fürchten zum Christentum, zu Christus bekennen können.

Es tut der Kirche nicht gut, wenn Glieder der Kirche, Schwestern und Brüder in Christus, kirchenamtlich heruntermoralisiert werden! Im Gegenteil: Es spaltet die Kirche. Ich wünsche mir, dass all jene, die ähnlich empfinden und denken, nicht die Kirche verlassen oder still weiter an ihrer Kirche leiden. Ich wünsche ihnen, dass sie die Angst verlieren, in Ecken gestellt zu werden, und in den Disput über den Zustand unserer Kirche eintreten. Denn die Kirche wurde nicht für die Frau Bischöfin oder den Herrn Pfarrer gestiftet, sondern für alle Christen gleichermaßen, sie ist »die Gemeinschaft der Heiligen«, die Gesamtheit ihrer Glieder.

Klaus-Rüdiger Mai

Mai, Klaus-Rüdiger: Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift – Ev. Verlags­anstalt, ISBN 978-3-374-05305-6, 15,00 Euro

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Schlüsselgewalt: Wer den Tod aus der Welt sperren kann

31. März 2018 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Wie schließt man eigentlich die Hölle zu? Und wie sperrt man den Tod ein? Manchmal denke ich, die Fernbedienung für den Fernseher könnte so ein Schlüssel sein. Einfach keine Nachrichten mehr gucken. Denn um 20 Uhr vor der Tagesschau muss man den Eindruck bekommen, irgendjemand habe die Hölle aufgeschlossen und den Tod freigelassen. Krieg und Gewalt an jedem Abend. Die Hölle von Ost-Ghuta in Syrien, in Afrin, in Libyen und auf dem Mittelmeer, um nur einige Orte zu nennen. Politiker, an deren Geisteszustand man berechtigte Zweifel hegen kann. Aber – auch das sehe ich jeden Abend – niemand nimmt ihnen den Stift weg, mit dem sie sich selbst wiederwählen oder ihre lächerlich protzige Unterschrift unter ihre Dekrete setzen. Stifte, Schlüssel, Atomknöpfe, all das möchte ich ihnen wegnehmen und wegschließen, so wie ich es bei meinen Kindern gemacht habe, wenn sie mit gefährlichen Gegenständen unverständig herumhantiert haben. Aber das kann ich leider nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

Jesus schließt die Hölle zu und sperrt den Tod ein. Die Menschen, die das im Buch der Offenbarung aufgeschrieben haben, litten unter Verfolgung und Unterdrückung. Und zwar nicht vor dem Fernseher, sondern im richtigen Leben. Ihr Bild von Jesus ist deswegen sehr kämpferisch. Jesus ist für sie einer mit Schlüsselgewalt.

Doch die Hölle zuschließen, das geht nicht mit Gewalt. Jesus hat die Hölle erst zugeschlossen, nachdem er selber darin war. Und er war mit dem Tod in einem Grab eingesperrt, bis von außen der Stein weggerollt wurde. Gott hat diesen Weg gewählt, um uns zu zeigen, wie Hölle und Tod an ihr Ende kommen. Jesus musste ihn gehen. Gewalt und Macht sind der falsche Weg. Gewaltlosigkeit und Machtverzicht sind der einzige Weg. Lächerlich, sagen alle, mit Jesus und seiner Bergpredigt kann man doch keine Politik machen. Ich sage: Ohne sie erst recht nicht.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Zentrum für Ev. Predigtkultur in Wittenberg

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Den Horizont weiten

30. März 2018 von redaktionguh  
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Ostern verändert den Blick. Gott lässt uns sehen: Unser Leben geht weiter, als wir es im Moment erfassen können. Maria von Magdala hat das als eine der ersten erfahren. Sie will am Ostermorgen dem Gekreuzigten einen letzten Liebesdienst erweisen und ihn salben. Sie will ihm gut tun.

Er hat sie gut angesehen, als normale Frau. Die anderen hatten sie verteufelt. Ja, er hat tiefer gesehen als alle anderen. Sein liebevoller Blick hat sie aufgerichtet. Aber nun ist alles aus. Sie weint. Und noch mehr, als sie das Grab leer findet. Was ist mit ihm geschehen? Können sie ihn nicht wenigstens im Tod zur Ruhe kommen lassen? Ihre Tränen verschleiern ihren Blick.

So erkennt sie den auferstandenen Jesus nicht, als er sie fragt: ›Was weinst Du?‹ Sie hält ihn für den Gärtner, der ihr weiterhelfen kann bei der Suche nach dem Toten. Da spricht Jesus sie mit Namen an und da – erkennt sie ihn! Nun sieht sie auf. Nun sieht sie klar. Alles, was sie mit Jesus erhofft und erlebt hat, ist nicht zu Ende. Gott will das Leben und aufrechte Menschen.

Ostern heißt: Gott steht für das Leben auf. Er durchbricht die Logik des Todes. Er öffnet unseren Horizont auf das Leben hin. Wir sehen weiter. Wir bekommen genügend schlechte Nachrichten jeden Tag frei Haus geliefert – lasst uns weitersehen: Kriege können enden. Gott will das Leben. Frieden ist möglich. Wir erleben schwere Krankheiten – lasst uns weitersehen, und forschen: Gott will das Leben. Heilung ist möglich.Wir erleben, wie Menschen anderen unversöhnlich gegenüberstehen, beispielsweise wenn einer einen anderen Pass hat. Lasst uns weitersehen: Man kann sich kennenlernen. Gott will das Leben. Zusammenleben ist möglich.

Frohe Ostertage mit weitem Horizont, das wünscht Ihnen

Ihre Landesbischöfin Ilse Junkermann

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So tickt Jesus: Der Andere zuerst!

17. März 2018 von redaktionguh  
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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

Matthäus 20, Vers 28

Die Auseinandersetzung, die die Jünger führen, ist nicht besonders originell, noch unmodern geworden. Schon immer wurde sie so geführt: Wer hat das Sagen? Wer ist Erster? Wer ist groß? Schon in unseren Kinderzimmern kann man das prima beobachten – und leider auch an mir selbst ist es zu sehen. Von Kindesbeinen an achte ich penibel darauf, nicht zu kurz zu kommen. Ich erkenne ganz genau, wo ich glaube, zu kurz zu kommen. Das finde ich dann ungerecht und tue was dagegen.

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

Jesus zeigt in eine ganz andere Richtung. Ihm geht es nicht um sich, ihm geht es um den Anderen. Eigentlich genau andersrum als sonst. Er sagt es auch mit einem tadelnden Blick auf seine Jünger und also auch auf uns. Da gibt es Rangeleien um die besten Plätze. Da will jeder vorne sein. Dagegen setzt er sein: »nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.« Wer es mit diesem Menschensohn, mit diesem Jesus Christus zu tun haben will, bei dem soll es zumindest ähnlich sein.

Das ist wohl die entscheidende Spielregel bei ihm. Der Andere zuerst! Das klingt, als könnte ich dabei nur verlieren. Es ist aber anders: Ich kann dabei nur gewinnen, denn so bekomme ich den Anderen in den Blick. So gucke ich nicht immer nur auf mich selber. Sondern werde frei von mir selber. Weil ich damit den Blick von mir selbst weglenke, wenn ich gucke, was dem Anderen gut tut. Ich bleibe nicht nur bei mir und meinen eigenen Wünschen und Wollen.

Ich weiß nicht mehr, wer es so auf den Punkt brachte: »Die Sorge um mein tägliches Brot ist eine materielle Frage. Die Sorge um das Brot meines Bruders ist eine geistliche Frage.« Jesus Christus heilt Menschen, gibt ihnen Brot zu essen, schenkt ihnen Leben. Er geht noch weiter: Er gibt sein Leben. So kommt Gott zu uns. Daran erinnern wir uns in der Passionszeit. Er gibt nicht etwas von sich, er gibt sich selbst.

Er gibt sich für Dich und auch für mich. So lässt sich leben. Nur so.

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

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Wenn der Schirmherr Schutz und Sicherheit bietet

20. Januar 2018 von redaktionguh  
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Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60, Vers 2

Pass auf! Über dir!« – So schnell kann ich gar nicht den Kopf drehen, da höre ich, wie rechts von mir ein dumpfer Gegenstand auf den Boden knallt. Ein Glück – der Duck-Reflex hat funktioniert! Der Ball hat mich nicht erwischt! Das ging nochmal gut, denn ein Basketball hat durchaus Schmerzpotenzial … »Entschuldigung«, ruft es von links, und ich schaue noch etwas verdattert, aber freundlich zu den Sportlern hinüber. Den Ball habe ich wirklich nicht kommen sehen! Was über mir ist, spielt ja auch selten eine wichtige Rolle.

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

Recht sicher ist es dieser Tage von oben, hier in meiner Stadt. Ich achte auf andere Dinge, wenn ich unterwegs bin: Wenn ich gehe, will ich die Bordsteinkante sehen, und den Pfeiler vor mir auch. Und natürlich freue ich mich, wenn ich bekannte Gesichter entdecke beim Unterwegssein.

Von oben kommt selten etwas, was mich betrifft. Ich richte meinen Blick gern auf das, was mich im Hier und Jetzt wirklich angeht. Auf das Gesicht meines Gegenübers, auf den Terminkalender und das, was ansteht, die Sorgen, Nöte und Freuden des Lebens. So hat jeder Tag seine Farbe, wie es in einem Buch heißt. Mal aktiv rot, mal fröhlich gelb, mal traurig schwarz, mal übermütig orange.

Im Buch des Propheten Jesaja hören wir von vielen dunklen Tagen. Da fehlt so gut wie nichts, was beschwerliches Leben ausmacht! Von A wie Angst bis Z wie Zweifel kennt Jesaja alles. Auch wenn links und rechts um ihn herum keine Möglichkeit auf Besserung aufscheint, von oben wird das Gute kommen. Darauf vertraut Jesaja ganz fest und sagt: »Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.«

Das ist unerschütterlicher Glaube! Eine herrliche Hoffnung: Gott, der Herr, ist über uns und wird unser Leben und unsere Dunkelheit hell machen! Dass der Herr und seine Herrlichkeit bei den Menschen sein will, dürfen wir wissen!

Jesus Christus sei Dank!

Kind – Krippe – Engel – Weihnachten, Sie wissen schon … Da rufe ich doch gern glatt selbst: »Pass auf! Über mir!«

Anne Puhr, Vikarin in Weimar

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Auf’s Kreuz gelegt

14. Januar 2018 von redaktionguh  
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Das lege ich Jesus auf’s Kreuz« – als vor etlichen Jahren eine junge Frau, die einer Freikirche angehört, sagte, sie lege grundsätzlich alle ihre Sorgen, die kleinen wie die großen, im Glauben, dass Jesus sie trägt, auf dessen Kreuz, dachte ich im ersten Moment: Sie macht es sich sehr einfach. Kurze Zeit später wurde ich bei einer Andacht in der Passionszeit eines Besseren belehrt.

In der Kapelle lag ein großes Kreuz und die Gäste waren aufgefordert, ihre Sorgen und Probleme »Jesus auf’s Kreuz zu legen«. Ich war durchaus skeptisch und zögerte zunächst. Schließlich beteiligte ich mich an dem Ritual, kniete nieder, legte die Stirn auf das Holz und vertraute im Gebet Jesu meine Sorgen an. Die Wirkung dieser Geste war verblüffend. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich tatsächlich das untrügliche Gefühl, alles, was mich zuvor bedrückt hatte, war auf dem Holzkreuz zurückgeblieben.

Eine bemerkenswerte Erfahrung und ein Beweis, wie stark Rituale wirken können. Beten, religiöse Gesten und Handlungen wollen geübt sein. Katholiken sowie Christen in Freikirchen sind diesbezüglich geübter, weil für sie Rituale eine größere Rolle spielen als für uns Protestanten. Nicht zu Unrecht wird uns vorgehalten, zu »verkopft« zu sein. In jedem Fall lohnt es sich, einen Blick auf die Glaubenspraxis von Christen anderer Konfessionen zu werfen. Dass sie weniger Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen, um von ihrem Glauben zu erzählen, und ansteckend wirken, betont auch das auf der Glaubenskonferenz »Mehr« in Augsburg verfasste Manifest Mission. Es geht auf die Notwendigkeit missionarischer Aktivitäten ein und fordert auf, den Glauben neu zu entdecken, ihn klar und mutig zu verkündigen.

Sabine Kuschel

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Aus dem Hause Davids

7. Januar 2018 von redaktionguh  
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Ich muss noch einmal auf die Weihnachtsgeschichte zu sprechen kommen. Das ist nicht zu spät, früher dauerte die liturgische Weihnachtszeit bis zum 2. Februar. Hintergrund meiner Rückblende ist die Frage einer Leserin: Warum wird im Lukas-Evangelium erwähnt, dass Josef aus dem »Hause und Geschlechte« Davids war und Jesus somit der in den Weissagungen erwähnte Sohn Davids sei? Jesus ist aber doch nicht Josefs Sohn? Das stimmt!

Man ist sich heute weitgehend einig, dass »nach dem Fleisch« eindeutig die physische Abstammung meint. Dadurch kommt tatsächlich nur Marias Stammbaum in Frage. Sie stammt direkt aus dem Geschlecht Davids, aus der königlichen Linie durch Davids Sohn Salomo. Während Joseph aus einer anderen Linie kam, die bei Davids Sohn Nathan ihren Ausgang nahm.

Die Weihnachtsgeschichte, so wie wir sie heute kennen und lieben ist nicht so geschehen, wie in der Bibel überliefert. Zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten weisen die Schilderungen auf. Sie hat sich in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt gewissermaßen entwickelt. Erst im zweiten Jahrhundert kommen die Könige ins Spiel. Hundert Jahre später wurden Anzahl und Namen der »Weisen aus dem Morgenland« hinzugefügt.

Wenn nun scheinbar aber nichts an der Darstellung der Geburt Jesu zusammenpasst, warum übt die Weihnachtsgeschichte auf der ganzen Welt immer noch eine derartige Faszination aus? Weil, wie ich es in einer Predigt Heiligabend gehört habe, die Weihnachtskrippe ein Sehnsuchtsort ist. Wir sehnen uns nach Geborgenheit, Frieden und nach einem Retter: »Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids« (Lukas 2, Vers 11).

Willi Wild

Die Fortsetzung: Schluss mit dem Dunkel!

2. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Sacharja 9, Vers 9

Es ist dem ein Ende gemacht, was uns beschwert. Schluss mit dem Dunkel! Die dritte Tür, der dritte Dezember, erster Advent, erstes Licht.

Licht! Ja, es vertreibt das Dunkel. Der Trost leuchtet auf. So lasst die Lichter brennen. In den Fenstern, auf den Kränzen. Die Ketten und Kerzen, knipst sie an in den Häusern, ja, meinetwegen auch die elektrischen Teelichter auf den Tischen, solange es uns an das erinnert, was wir ersehnen.

Spart nicht, ausnahmsweise mal nicht, nein, verschwendet Licht. Entzündet das Feuer des Anfangs für die Hoffnung auf Licht. Und wir kramen es raus, all das, was dazugehört, und stellen es hin: gut sichtbar für die Menschen in den Häusern und für die, die draußen vorbeigehen: die Schwippbögen, Sterne und Laternen.

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

Licht, Licht, machet Licht für unsere Seelen, und lasset die Lichter brennen, denn es ist der Anfang. Wir entzünden die Lichter der Hoffnung für die Zeit des Aufbruchs. Und die Lichter brennen, wir sehen sie im Dunkeln leuchten, ja, auch immer noch auf den Friedhöfen, in den Kirchen, ewige Lichter für das ewige Licht. Die Vielen zeigen das eine: Lichter, entzündet an Orten des Abschieds und Gedenkens für das erneute Willkommen.

Er kommt, der Eine und Einzige. Wenn wir sonst so oft sagen, dass andere ihm entgegengegangen sind, so sehen wir jetzt: Er kommt. Und wir dürfen ihn willkommen heißen.

Zeigt ihm, wie hell es leuchtet, wenn wir die Kerzen anzünden, die Lichter des Glaubens, angesteckt am Licht der Gewissheit.

Er kommt, er ist da, Gott, der Herr, der das Licht der Welt ist und dessen Strahlen wir im Kleinen abbilden, wenn wir es leuchten lassen. Zündet sie an, die erste, die zweite Kerze, jedes nur findbare Licht in euch und gebt es weiter. Spart nicht, teilt Hoffnung, Glaube, Liebe, Zuversicht, Willkommen und Mitgefühl, teilt Licht.

Das ist Advent, das ist Erinnern, das ist Licht. So gedenken wir des Anfangs.

Sophie Kersten, Pfarrerin in Langula-Kammerforst

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Von Mehrbettzimmern und der Frage: Wer ist hier gering?

10. September 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, Vers 40

Olaf hat es erwischt. Gerade noch saß er in einer Vorstandssitzung und präsentierte die Geschäftszahlen des letzten Jahres. Nun liegt er in einem noblen Einzelzimmer und wird mit Monitoren überwacht. Wie gerne hätte er jetzt Besuch. Aber wer sollte schon kommen? Seine Kollegen stehen eher distanziert zu ihm. Freundschaften hat er in letzter Zeit kaum noch gepflegt. Die Schwester wohnt weit weg.

Im Zimmer gegenüber liegt Johannes – zusammen mit drei anderen Patienten. Der Raum ist nicht groß und jetzt zur Besuchszeit passen die Angehörigen und Freunde kaum hinein. Stühle müssen aus dem Flur hereingebracht werden.

Wer ist hier der Geringste unter den Brüdern? Gebe ich das Wort »gering« in eine Suchmaschine im Internet ein, werden mir zuerst die Begriffe »geringfügige Beschäftigung« und »Geringverdiener« angezeigt. Es scheint also ums Geld zu gehen. Demnach würde Johannes im Mehrbettzimmer meinen Besuch eher verdienen als Olaf im luxuriösen Einzelzimmer.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Und was ist mit Uli Hoeneß, als er im Gefängnis saß? Ist er einer, den man als »geringsten unter den Brüdern« bezeichnen würde und der eines Besuches bedurft hätte? Hier hakt die Logik, dass mit »gering« lediglich materielle Armut gemeint sein könnte.

Wenn Jesus vom »geringsten Bruder« spricht, benennt er konkrete Bedürfnisse – nach Nahrung, Kleidung und Obdach. Aber die Bilder, die wir uns oft von den sogenannten »Geringsten« machen, die Gäste der Tafel oder der Obdachlosenunterkunft, sind mitunter verengt. Natürlich sind diese Menschen auch mit gemeint, aber nicht als Hilfsobjekte. Sie sind in mancher Hinsicht sogar reicher als ein einsamer Manager.

Neben materieller Not hat Jesus auch das Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Anteilnahme vor Augen. Demnach wäre es dann doch Olaf, dem ein Besuch besonders gut tun würde – oder auch uns selbst? Machen wir also die Augen und Herzen auf für die ganz unterschiedlich »geringen« Brüder und Schwestern.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Die Taufe – kostbares Geschenk

25. August 2017 von redaktionguh  
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Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Taufe ist kein Talisman und viel mehr als ein schönes Familienfest.

Die Taufe begründet die Gemeinschaft zwischen dem Täufling und Jesus Christus und sie stellt den Täufling damit zugleich in die Gemeinschaft der Getauften, der christlichen Gemeinde. Aber die Gemeinde lebt in einer säkularen Gesellschaft, in der die meisten Menschen nicht getauft sind. Selbst in Familien, in denen zumindest ein Ehepartner der Kirche angehört, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder getauft werden. Nicht die alten Menschen, die sterben, seien der hauptsächliche Grund für den Mitgliederschwund der Kirche. Viel mehr ins Gewicht falle, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem konfessionell gebundenen Elternteil nicht getauft würden. Diese Erkenntnis habe ihn aufgerüttelt, sagt der Weimarer Pfarrer Sebastian Kircheis. Und – zum Nachdenken und Handeln inspiriert.

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Mit Elbewasser getauft: Im Fluss bei Dessau-Roßlau taufte Pfarrer Stephan Grötzsch von der Christusgemeinde Großkühnau-Ziebigk am Sonntag den kleinen Leonard Lanfer – sicher gehalten von seinem Onkel und Paten Andreas Lanfer – gemeinsam mit drei weiteren Kindern und einem Jugendlichen. Foto: Lutz Sebastian

Um der Traditionsvergessenheit etwas entgegenzusetzen und um Kontakt herzustellen zu Menschen, die nur eine lose oder gar keine Verbindung zur Kirchengemeinde halten, ist in Weimar ein Programm entwickelt worden: Wenn ein Kind geboren wird, erhalten die Eltern einen Brief, der ihnen signalisiert: Kirche ist für Sie da, wenn Sie es wünschen. Im nächsten Jahr werden die Eltern der nun ein- bis zweijährigen Kinder erneut angeschrieben und zu einem Vormittag in der Kirchengemeinde eingeladen, an dem über ein Thema, etwa über frühkindliche Erziehung, gesprochen wird. Im dritten Jahr folgt die Einladung zu einem Tauf- oder Tauf­erinnerungsfest. Ein solches wurde in Weimar vergangenen Sonntag gefeiert.

Christen sind in der säkularen Gesellschaft eine Minderheit. Wenn Eltern ihr Kind taufen lassen wollen, stehen sie häufig vor einer Schwierigkeit. Wer soll Pate sein? Im Freundes- und Bekanntenkreis findet sich niemand, der Mitglied einer christlichen Kirche ist. Wenn niemand für das Patenamt infrage kommt, kann dies ein Kirchenältester, ein Gemeindemitglied übernehmen. »Theoretisch, vom Neuen Testament her die beste Lösung«, meint Pfarrer Matthias Ansorg vom Amt für Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Aber doch nicht so praktikabel, da meistens die persönliche Beziehung fehle.

In Weimar hat sich eine andere Variante etabliert: das Taufzeugenamt. Für Menschen, die nicht christlich getauft sind, aber die für das Kind Verantwortung übernehmen wollen. »Es geht dabei auch um das Wohl des Kindes«, betont Pfarrer Hardy Rylke. Es fehle zwar das Element der christlichen Unterweisung. »Aber ich vertraue dem Heiligen Geist«, sagt der Pfarrer. »Wir taufen in die Gemeinde. Eltern, die ihr Kind taufen lassen, tun dies nicht ohne Grund. Ich vertraue darauf, dass die Gemeinschaft der Getauften trägt.«

Warum lassen Eltern ihr Kind taufen, warum begehren Erwachsene die Taufe? Die Spannbreite, warum Menschen ihre Kinder oder sich selbst taufen lassen, ist groß. Manche sehen darin so etwas wie einen Talisman, der vor Gefahren schützt. Von dieser Erfahrung berichtet beispielsweise Barbara Reichert, Militärpfarrerin in Sondershausen. Wie sie sagt, lassen sich bei fast jedem Auslandseinsatz Soldaten taufen. Die Soldaten seien bei Einsätzen in Krisengebieten auf der Suche, sie treffen wichtige Entscheidungen im Angesicht lebensbedrohlicher Gefahren, sie fragen nach Schutz, Begleitung und Segen. In der Taufe sehen sie dies.

»Die Gründe für das Taufbegehren sind so vielfältig wie die Welt«, so die Beobachtung von Pfarrer Rylke. Er kennt Eltern, die selbst nicht konfessionell gebunden sind und dennoch für ihr Kind die Taufe wollen. »In dem Falle ist ein christlicher Pate wichtig«, bemerkt Rylke. Mitunter steht einfach der Wunsch nach einem schönen Familienfest im Vordergrund. Oder die existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld und Tod brechen sich Bahn, wie es die Militärseelsorgerin des Öfteren erlebt.

Die Taufe ist kein Talisman und sie ist viel mehr als ein schönes Familienfest. »Ich sage immer, sie ist das kostbarste Geschenk«, so Rylke. Das Sakrament der Taufe begründet die Gemeinschaft mit Jesus Christus und eröffnet im Angesicht von Schuld und Tod eine neue Lebensperspektive im Glauben.

Sabine Kuschel

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