»Ja, ich glaube das!«

1. April 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Auferstehung: Die Idee, die unseren Verstand überfordert


Ja – ich glaube das!« Mit erhobener Stimme reagiere ich auf die spöttisch-kritische Frage eines weitläufigen Bekannten. Vorangegangen war ein zunächst harmloses Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Dann wurde es ernsthafter. Er erzählte vom Tod seines Vaters im Herbst vergangenen Jahres. Wie froh er sei, dass nun die Qual ein Ende habe, und mit 87 Jahren sei es auch ein langes Leben gewesen.

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Zur Beerdigung war er mit seiner Frau allein anwesend; die weite Anreise sei für die Kinder ja nicht zumutbar. Und außerdem sei ja nun sowieso alles vorbei.

An der Stelle hatte ich mit der Bemerkung eingehakt, das könne man auch anders sehen. Daraufhin nahm das bisher durchaus ernsthafte Gespräch eine unerfreuliche Wendung: »Ach ja, Du glaubst ja an ein Leben nach dem Tod.« In diesem Moment stand die Überheblichkeit des Besserwissers zwischen uns. »Du kannst nicht ernsthaft annehmen«, setzte er nach, »es gäbe eine Existenz jenseits unserer Wahrnehmung!« »Ich bin sicher, so ist es«, erwiderte ich. Und dann fiel der Satz: »Ich glaube das.« Das Gespräch endete damit.

Hier trafen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen offensichtlich unvermittelbar aufeinander. Für mich bleibt in solchen Gesprächen stets offen, mit welchem standhaften Glauben behauptet wird, es könne nur Dinge geben, die unser begrenzter Verstand erfassen kann. Ganz ohne Zweifel ist die österliche Botschaft vom Ende des Todes und die Verheißung einer lebendigen Ewigkeit nach dem Tod eine so große Idee, dass unser Verstand damit bei weitem überfordert ist. Dennoch bleibt es unerklärlich, warum sich Menschen dem Universum des Glaubens verschließen, nur weil es der Vernunft nicht zugänglich ist. Der Glaube ist Teil der Vernunft und überschreitet sie.

Das leere Grab am Ostermorgen ist die größte Zusage, die wir als Menschen erhalten können. Die lapidare Feststellung, mit dem Tod sei alles vorbei, ist weder begründet noch hilfreich – erst recht nicht tröstend.

Auf Gottes Zusage fest zu vertrauen, erfordert die Bereitschaft, bisher Vertrautes hinter sich zu lassen und Gott selbst beim Wort zu nehmen. Zunächst sind es drei Frauen, die den Satz hören: »Er ist nicht hier, er ist auferstanden.« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 6) Dieser Satz gilt uns. Wir werden auferstehen. Der Tod wird ein Ende haben. Fröhliche Ostern!

Joachim Liebig, Kirchenpräsident

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Pfarrer beendet seinen Gemeindedienst

19. März 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Gottesdienst: Verabschiedung von Martin Bahlmann am 18. März in der Petrikirche Düben und Orgeleinweihung

Martin Bahlmann wird am 18. März in einem Gottesdienst in der Kirche St. Petri Düben aus seinem Dienst als Pfarrer des Regionalpfarramtes Coswig-Zieko verabschiedet (16 Uhr). Er verlässt auf eigenen Wunsch die Pfarrstelle Coswig-Zieko und scheidet zum 31. März – ebenfalls freiwillig – generell aus dem Pfarrdienst aus. Erhalten bleibt die mit der Ordination zugesprochene Berechtigung, Gottesdienste zu halten, Menschen zu taufen, zu trauen und zu beerdigen. »Ich respektiere die Entscheidung von Pfarrer Bahlmann, bedauere sie aber sehr, umso mehr als er in verschiedenen Funktionen in unserer Landeskirche eine sehr gute und wichtige Arbeit geleistet hat«, sagt Kirchenpräsident Joachim Liebig. »Dieser Schritt steht am Ende einer ganzen Reihe von Überlegungen«, betont Bahlmann, der aus Greifswald stammt und nach dem Theologiestudium in Rostock sowie dem Vikariat in Greifswald 1996 die Pfarrstelle im anhaltischen Wörpen übernahm. 2006 wurde er Landesjugendpfarrer der Landeskirche Anhalts und wechselte 2014 wieder in den Gemeindedienst nach Coswig und Zieko.

Martin Bahlmann sagt zu seiner Entscheidung: »Als ich 1996 nach Anhalt und damit in eine mir bis dahin völlig fremde Region kam, wurde ich vom ersten Tag an sehr freundlich empfangen.« Es sei ihm leicht gemacht worden, heimisch zu werden. »In den folgenden Jahren durfte ich in den Kirchengemeinden und darüber hinaus eine große Zahl von Menschen kennenlernen. Die Anforderungen und Rahmenbedingungen für den Pfarrdienst haben sich seither jedoch verändert«, so der Theologe.

Orgeleinweihung: Die romanische Kirche in Düben verfügt ab dem 18. März wieder über ein spielbares Instrument. Foto: Thorsten Keßler

Orgeleinweihung: Die romanische Kirche in Düben verfügt ab dem 18. März wieder über ein spielbares Instrument. Foto: Thorsten Keßler

»Den eigenen Erwartungen weiterhin gerecht zu werden, ist mir in letzter Zeit zunehmend schwer gefallen. Zudem blieb wenig Zeit für die Familie. So wuchs nach und nach die Gewissheit, dass ich an meinem derzeitigen Leben etwas verändern möchte.« Die Weitergabe des christlichen Glaubens bleibe ihm weiter wichtig, betont Martin Bahlmann.
Ab dem 1. April wird er mit einem geringen Stellenanteil in der Evangelischen Kindertagesstätte in Rodleben sein Wissen als Theologischer Mitarbeiter einbringen. »Mit allen Höhen und Tiefen blicke ich dankbar zurück auf beinahe 22 Jahre im Pfarrdienst.«

Den Wohnort wird Bahlmann nicht wechseln, »deshalb ist es für mich kein endgültiger Abschied von den Menschen, zu denen Beziehungen und Freundschaften gewachsen sind«. Mit seiner Familie wohnt er in der von seiner Frau betriebenen Pension »Buchholzmühle«, nordöstlich von Roßlau. Zugleich wird am 18. März die 1885 erbaute Rühlmann-Orgel der Dübener Kirche wieder in Dienst genommen. Die Orgel war in wochenlanger Arbeit auseinandergenommen und gereinigt worden. Viele Metall- und Holzpfeifen mussten repariert werden. Die in den 1940er Jahren eingebauten Zinkpfeifen wurden durch neue Zinnpfeifen ersetzt. Ein neuer und leise laufender Orgelmotor liefert jetzt den nötigen Wind. Mehr als 11 000 Euro bringt die Kirchengemeinde für die Orgelreparatur auf.

Die Predigt in dem Gottesdienst hält Martin Bahlmann. Die Wiederindienstnahme der Orgel und die Verabschiedung von Pfarrer Bahlmann nimmt Kreisoberpfarrer Jürgen Tobies vor. Für die musikalische Gestaltung sind der Posaunenchor Coswig, das Gesangsquartett »Cantus Albicus« und die Jugendband der Kirchengemeinde zuständig. Die Orgel wird von Kantorin Tatiana Alieva gespielt. Nach dem Gottesdienst gibt es im Gemeindehaus einen kleinen Imbiss mit Gelegenheit zur Begegnung.

(G+H)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Ein Hinhörer mit Fantasie und Humor

26. Februar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Kirchenpräsident Joachim Liebig zum 60. Geburtstag

In der Hand halte ich die Einladung zum 60. Geburtstag von Kirchenpräsident Joachim Liebig. Und als erstes lese ich »Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.« (Römer 1,16). Ja, es stimmt, wir haben in Anhalt einen »un-verschämten« Kirchenpräsidenten. Und das ist ein Segen. Solche Menschen wie ihn brauchen wir hier in unserer Gegend. Die bereit und auch in der Lage sind, sich vorne hin zu stellen und anzusagen, was ihr Glaube ist und was dieser ihnen bedeutet. In dieser Hinsicht habe ich Joachim Liebig nie in Verlegenheit gesehen. Ganz im Schleiermacherschen Sinne hat er jederzeit das Gespräch über den christlichen Glauben mit den Gebildeten unter dessen Verächtern gesucht. Vielleicht hat er sich auch deshalb zum Vorsitzenden der Anhaltischen Goethe-Gesellschaft wählen lassen.

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Es scheint mir eine seiner großen Begabungen zu sein, in versandete oder abgebrochene Gespräche neues Leben zu bringen. Und das nicht als einer, der alles schon weiß, sondern als einer, der erst einmal genau hinhört. Er verfügt über zwei wichtige Schmierstoffe für das Gespräch: Fantasie und Humor. Gerade letzterem fühle ich mich selbst sehr verbunden. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen: Er hat das Con­tainerprojekt »Anhalt kompakt« mit einer mobilen Ausstellung in Übersee­containern erfunden; zuerst belächelt, später auch ganz klar bewundert. Und bei der Verabschiedung eines Mitarbeiters hat er in der Predigt einmal gesagt, dass dieser dem Heiligen Geist nicht im Weg gestanden sei. Wie ich finde, ein hohes Lob für einen Pfarrer, aber nicht von allen so verstanden.

Und auch ich möchte sagen, Joachim Liebig ist ein Mensch, ein Zeuge, der dem Heiligen Geist nicht im Weg steht, sondern versucht, ihm freie Bahn zu lassen. Dafür kann er gerne mal zur Seite treten, denn sein Humor kennt auch die Selbstironie und das heißt ja nichts anderes als: Er kennt auch seine Grenzen.

Joachim Liebig wurde am 1. März 1958 in Hildesheim geboren. Er studierte evangelische Theologie in Bethel und Hamburg und absolvierte sein Vikariat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, damals die kleinste Landeskirche der EKD. Noch zu DDR-Zeiten leistete er ein Praktikum in Reinhardtsgrimma im Osterzgebirge und sammelte Auslands­erfahrung in England und Frankreich. 1987 wurde Liebig die Pfarrstelle in Frille nahe Minden übertragen. Daneben hatte er eine Reihe von Beauftragungen inne: Pressesprecher der Landeskirche, Landesjugendpastor, Super­intendent des Kirchenbezirks West, bis 2007 Präsident der Landessynode und bis Ende 2008 Präsident der Synode der Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen.

Am 14. November 2008 wurde Joachim Liebig von der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts zum Kirchenpräsidenten gewählt. Er ist Mitglied im Vorstand des Anhaltischen Heimatbundes, Vorsitzender der Anhaltischen Landschaft e.V., Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland, stellvertretender Vorsitzender im Berliner Missionsrat und Mitglied im Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP). Er engagiert sich im Petersburger Dialog und hat mittlerweile auch den Arbeitsbereich Diakonie in sein Dezernat integriert. Heute nun ist er im Osten wieder in der kleinsten Landeskirche Deutschlands angekommen. Und er steht dazu.

Joachim Liebig ist mit der Gemeindepädagogin und Arzthelferin Andrea Liebig verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Einer seiner Söhne wird zum Geburtstagsempfang in einer Feldküche einen Eintopf kochen. Auch ein Einfall Liebigs. Ich wünsche allen Gästen guten Appetit und ihm Gottes Segen für weitere Jahre im Amt und in Anhalt. In Dessau wird gerade die Bodenplatte für sein eigenes Haus betoniert. Auch das ein deutlicher Hinweis darauf, dass er in Anhalt angekommen ist.

Manfred Seifert, Oberkirchenrat i.R.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Anstoß zur Veränderung kommt rechtzeitig

Die Landeskirche Anhalts will auf ihrem Weg in die Zukunft Neues ausprobieren. Was muss sich ändern? Was soll bleiben? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Als Bedenkenträger ist Albrecht Lindemann in seiner Landeskirche bislang nicht bekannt. Doch mit Blick auf das geplante Anhaltische Verbundsystem ist er nachdenklich geworden. Zwar sieht der Zerbster Pfarrer positiv, dass nach dem Perspektivpapier von 2008 einstmals ein landeskirchlicher Impuls zur Zukunft auf dem Tisch liegt. Und er sieht auch, dass die finanzielle Situation der Landeskirche es noch erlaubt, einen Prozess zur Veränderung einzuleiten, der nicht als Reaktion auf eine Krise wahrgenommen werden muss. Aber die fehlende Definition für die geplanten Verbünde und die damit einhergehenden Veränderungen sieht er kritisch.

Einer seiner Kritikpunkte ist die weitere Schwächung der Präsenz von Gemeindepfarrern. Diese lasse nach aktuellen Studienergebnissen kaum andere Perspektiven offen als den Niedergang des gemeindlichen Lebens bei gleichzeitigem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz. »Die Stärken des landeskirchlichen Protestantismus sind eng mit der Kompetenz akademisch gebildeter Pfarrerinnen und Pfarrer verbunden«, sagt er. Ein Problem sieht er auch darin, dass die Verantwortlichkeit für das Agieren der Kirchengemeinde als öffentlich-rechtliche Körperschaft im Verbundmodell nicht geklärt ist. Mitarbeitenden auf den Gebieten der Kirchenmusik und Gemeindepädagogik und ihren Qualifikationen würde man nicht gerecht, wenn man sie als Alternative zu Pfarrpersonen sähe. Zudem fehle jegliche Aussage darüber, wie groß ein solcher Verbund sein soll und wie viele es in Anhalt davon geben soll. Albrecht Lindemann wünscht sich vor so grundlegenden Veränderungen zunächst eine gründliche Analyse der Situation einschließlich der mit den Teampfarrämtern gemachten Erfahrungen. Dazu einen Diskurs über die Frage, was für eine Kirche Anhalt sein will. »Dieser Diskurs muss mit den Gemeinden geführt werden«, fordert er.

Verantwortung übernehmen

Seit Sebastian Saß Kirchenmusik studierte, begleitet ihn intensiv die neutestamentliche Geschichte vom sinkenden Petrus (Mt 14,22–32) in Verbindung mit dem Choral »In allen meinen Taten« (EG 368). Seit er in Anhalt ist, fasziniert ihn zudem der Satz: »Die Landeskirche baut sich auf der Gemeinde auf.« Deshalb sieht der Bernburger Kreiskirchenmusikwart alle Überlegungen zur Zukunft der Landeskirche mit diesem Satz als Basis und mit dem Bild vom sinkenden Petrus als »Geländer«. Er findet, dass jeder Versuch, anderen die Verantwortung zuzuschieben – im Sinne von »die da oben« – ins Leere laufen muss. Ebenso, sich hinter Althergebrachtem zu verkriechen oder Althergebrachtes abzuschreiben, ohne Alternativen aufzeigen zu können. »Das gilt auch für mich selbst«, sagt er.

Zu erwarten, für die eigene Arbeit Vorgaben aus Dessau zu bekommen, stehe dem Selbstbewusstsein einer anhaltischen Kirchengemeinde schlecht an. Insgesamt überwiegt bei Sebastian Saß das Gefühl, dass der Anstoß zur Veränderung rechtzeitig kommt. »Die überaus große Chance besteht in meinen Augen darin, Gemeinden geistliches Leben zu ermöglichen und sie nicht weiter in Fürsorge und Versorgung durch das Erfüllen von Erwartungen zu ersticken.« Dass es Probleme geben wird, wenn alte Verhältnisse und traditionelle Erwartungen auf Neuerungen treffen, sieht er aber auch. »Was das Wesentliche ist, muss jede Gemeinde für sich herausfinden.« Das könne durchaus schmerzhaft sein. »Ich denke, einzig die Frage ›Was bedeutet mir und uns das Evangelium?‹ kann Licht ins Dunkel bringen.«

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, sieht das Vorhaben Anhaltisches Verbundsystem positiv. Sie erinnert an das Pastorale Zukunftsgespräch des Bistums Magdeburg vor einigen Jahren. Als Folge davon seien Pfarreien zusammengelegt worden. In jeder dieser vergrößerten Pfarreien würden neben dem Priester verschiedene Gemeindereferenten – für Jugendarbeit, Musik, Verwaltung – tätig sein. »Jeder kann das machen, wofür er gut ausgebildet ist«, sagt sie. In Anhalt werde es keine Rundumversorgung in jedem kleinen Ort geben. »Aber unser Kerngeschäft wie Gottesdienste, Andachten, Seelsorge, Bibelkreise soll für jeden erreichbar sein. Dafür müssen die von Verwaltungsaufgaben entlasteten Pfarrer Zeit haben.«

Auch im Kirchenkreis Ballenstedt stand das Thema »Verbundsystem« im vergangenen Jahr auf der Tagesordnung des Pfarrkonvents, der Kreissynode und der Gemeindekirchenräte. »Bei der konstituierenden Sitzung der Kreissynode im Januar 2018 haben wir einen Ausschuss gebildet, der das Vorhaben begleiten will«, sagt Kreisoberpfarrer Theodor Hering. Die Mitarbeit darin sei auf großes Interesse gestoßen. Der promovierte Theologe gehört der Steuerungsgruppe an, die sich mit dem Vorhaben seit 2015 befasst, und er hat ein theologisches Papier in die Diskussion eingebracht, das die Möglichkeiten der Bewegung »Fresh X« für Anhalt auslotet: Mit »Fresh expressions« (frische Ausdrucksformen) werden neue kirchliche Gruppen bezeichnet, die sich seit 1990 in der Church of England entwickelt haben. Die Bewegung zielt darauf ab, die Menschen in ihrem Alltag zu erreichen. Denn traditionelle Ausdrucksformen der Kirche, so die These, seien für einen Großteil der britischen Bevölkerung uninteressant geworden. In Deutschland setzt sich Michael Herbst, Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, für die Aufnahme dieser Idee in den evangelischen Landeskirchen in Deutschland ein (Quelle: Wikipedia).

Für mehr Vielfalt

»Anhalt ist auch Mitglied im Fresh-X-Netzwerk in Deutschland«, so Theodor Hering. Für ihn geht der Impuls für eine Umgestaltung der Landeskirche von der Formulierung im Glaubensbekenntnis aus: »die eine heilige, christliche und apostolische Kirche«. Diese könne sehr unterschiedliche Gemeindeformen haben – neben der Parochie zum Beispiel die Schulgemeinde, die Hauskirche oder Milieugemeinde, in denen Beziehungen gelebt werden. »Ich bin dafür, mehr Vielfalt zuzulassen«, sagt er. »Wir müssen ein betende und eine hörende Kirche sein: hören auf Gott und die Menschen, die um uns leben.« Bei »Fresh X« heißt es dazu: »Es ist nicht die Kirche Gottes, die einen missionarischen Auftrag in der Welt hat. Vielmehr hat ein missionarischer Gott eine Kirche in der Welt.«

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf

1. Januar 2018 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Eine Meditation zur Jahreslosung von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Die Jahreslosung des Jahres 2018 ist der Offenbarung des Johannes entnommen – dem letzten Buch der Heiligen Schrift. Sehr wahrscheinlich entsteht die Johannes-Offenbarung während der zweiten oder dritten Generation der frühen Christenheit: Erste Gemeinden haben sich – nicht zuletzt dank der Missionstätigkeit des Paulus – verbreitet. Nun stehen sie vor einer ersten echten Bewährungsprobe.

Vermutlich der römische Kaiser Nero entdeckt die Christen als Sündenböcke für das Römische Reich. Christenverfolgung, Anfeindung und Märtyrer um des Glaubens Willen sind für die junge Kirche neue und furchtbare Gefahren.

Die Johannes-Apokalypse – so wird die Offenbarung auch genannt – beschreibt in gewaltigen Bildern die aktuelle Situation und richtet den Blick auf die Zukunft, die ganz anders werden wird. Die Widersacher des Glaubens werden untergehen, Gott selbst wird zurückkehren, Gericht halten und die Weltgeschichte in ein ewiges Reich überführen.

Nur angesichts der Christenverfolgung wie derzeit im Mittleren Osten kann ermessen werden, in welcher schrecklichen Situation die Gemeinden damals stehen. Damit wird deutlich, wie trostreich die Bilder des Textes wirken müssen. Angesichts höchster Lebensgefahr darauf zu vertrauen, es werde am Ende alles gut werden, erfordert einen sehr starken Glauben.

In 2 000 Jahren ihrer Geschichte ist die Vieldeutigkeit der Bilder in der Offenbarung des Johannes für ungezählte Fehldeutungen missbraucht worden. Esoteriker und Verschwörungstheorien bemächtigen sich bis heute der Vorstellung eines tausendjährigen Reiches und eines unbarmherzigen Endgerichtes Gottes. Sie wollen damit Furcht erregen und Gehorsam erzwingen.

Der Zweck der Schrift als ein Trostbuch wird damit auf den Kopf gestellt.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Die Kernfrage lautet vielmehr: wie weit reicht mein Glaube in Zeiten großer Not? Diese Frage ist zeitlos und unabhängig von der Christenverfolgung im 2. Jahrhundert. Die Jahreslosung fasst die Botschaft des Autors (seine Identität ist nicht letztgültig zu klären) markant zusammen: Der Durstige soll an einer Quelle ohne Vorleistung, eben »umsonst«, seinen brennenden Durst stillen können.

Das Wort der Heiligen Schrift sagt seiner Leserschaft: Ganz gleich, wie schlecht es dir gehen mag, gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf.
Ebenso wenig wie damals wird es heute helfen, Menschen in Not und Sorge diesen Satz einfach zuzurufen. Gottvertrauen entsteht nicht durch einen Appell. Tragfähige Zuversicht braucht neben dem Wort Gottes ein verständliches Vorbild.

Als Pfarrer begegnen mir Menschen, die – obwohl ein Leben lang nicht vertraut mit Gottes Wort – in Krankheit und Leiden nach dem Sinn ihres Lebens und Leidens fragen. Selbst wenn ich ihnen diesen Sinn nicht erschließen kann, finden sie Trost in der Zusicherung: es gibt ihn – nur ist er im Augenblick noch nicht erkennbar.

Die Gemeinde der Johannes-Offenbarung vertraut in ihrer ganzen Not auf die andauernde Bewahrung durch Gott, selbst wenn alle Fakten dagegen zu sprechen scheinen. Glaube ist das tiefe Vertrauen auf Gottes Begleitung, auch wenn alles dagegen spricht. Daher ist die Johannes-Apokalypse bis heute in ihren Bildern und Deutungen ein tragfähiger Gegenentwurf zu Resignation und Fatalismus.

Die Quelle, die allen Durst stillt, ist ein lebendiger Dialog zwischen Gott und den Menschen. Alle Fragen finden jetzt oder später eine Antwort; aber sie werden beantwortet werden. Mit Geduld darauf zu warten und zugleich getröstet zu sein, ist die tiefe Bedeutung der Jahreslosung 2018 und der ganzen biblischen Schrift der Offenbarung.

Zum Auftakt eines neuen Kalenderjahres tut es gut, sich daran erinnern zu lassen und allen Unwägbarkeiten gelassen entgegen zu sehen. Das ist kein billiger Trost, sondern eine glaubensstarke Grundhaltung, die alle Freude dankbar wahrnimmt und im Leid nicht verzweifelt.

Anders als mit den zum Jahreswechsel üblichen Vorsätzen, die in der Regel bis Mitte Januar andauern, lässt sich ein ganzes Jahr damit zuversichtlich durchhalten. Die schon jetzt absehbaren Aufgaben für 2018 erfordern Glaubensstärke und Zuversicht. Nichts weniger sagt uns Gott zu. Lassen Sie uns damit das neue Jahr gestalten. Das wünsche ich uns allen im Geist Gottes.

Joachim Liebig ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland (EPVM).

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Aufbruch zu Reformen

5. Dezember 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Zukunft: Wie geht es weiter in Anhalt? Diese Frage bewegt die Synodalen seit Jahren. Am Sonnabend sprachen sie sich dafür aus, umfassende Strukturreformen einzuleiten.

Die Sitzung am 24. und 25. November in der Dessauer Auferstehungskirche hätte die letzte der 23. Legislaturperiode der Landessynode sein sollen. Doch es wird eine weitere Tagung geben. Die Diskussion um die Zukunft der Landeskirche erfordert es. »Diese sollte vor allem als eine Frage an unseren Glauben verstanden werden«, so Präses Andreas Schindler in seiner Eröffnungsrede. »Natürlich sind wirtschaftliche und organisatorische Entwicklungen von sehr großer Bedeutung. Langfristig wird es mit unserer Kirche nur weitergehen, wenn wir überlegen, wie wir unter veränderten Rahmenbedingungen die geistliche Kraft behalten, Gottes Auftrag an uns gerecht zu werden und in die Welt Zeichen der Hoffnung zu senden.«

Seit dem Frühsommer 2015 arbeitet eine Steuerungsgruppe daran, die Landeskirche fit zu machen für die Zukunft. Wesentlich ist die Annahme, dass mittelfristig mit Geld nur aus eigenen Quellen gearbeitet werden muss: Kirchensteuer, Staatsleistungen, Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Zwar besteht der Finanzausgleich der EKD-Gliedkirchen weiter, aber wie hoch er bis 2025 sein wird, ist nicht vorherzusagen. Zudem werden die Kirchengemeinden kleiner – zurzeit haben sie insgesamt rund 33 900 Mitglieder. Mitarbeitende im Haupt- und Ehrenamt sind überlastet. Das geplante »Anhaltische Verbundsystem« nahm im Bericht des Kirchenpräsidenten Joachim Liebig breiten Raum ein. Alle Aufgaben – Pfarramt, Gemeindepädagogik, Kirchenmusik, Gemeindediakonie und Verwaltung – sollen im Verbundsystem neu zugeordnet werden. »Anders als bisweilen gemutmaßt, geht es dabei nicht um einen freundlich verpackten Strukturwandel, der am Ende nur noch weniger Personal vorsieht«, so Liebig. »Im Kern geht es um die grundsätzliche Frage von Kirche in Anhalt in der kommenden Generation.« Die Landessynodalen sprachen sich nach vorangegangenem, vertraulichem Gespräch dafür aus, diese umfassende Strukturreform einzuleiten.

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Zudem verabschiedeten sie den landeskirchlichen Haushalt 2018. Er sieht Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 16,74 Millionen Euro vor und liegt damit rund 300 000 Euro unter dem von 2017. Haupteinnahmen sind 5,2 Millionen Euro Kirchensteuern, 3,17 Millionen Euro Staatsleistungen, 4,24 Millionen Euro aus dem EKD-Finanzausgleich sowie 1,4 Millionen Euro, die aus Vermietung und Verpachtung kommen. Finanzdezernent Rainer Rausch betonte in seiner Haushaltsrede, dass ein unabhängiges externes Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, erstellt auf der Basis der Haushalte von 2013 bis 2016, die Lage der Landeskirche als stabil bewertet. »Es sieht weder kurz- noch langfristig bestandsgefährdende Tatsachen für die Landeskirche.«

»Es ist eine denkwürdige Synode, die jetzt zu Ende geht«, sagte Kirchenpräsident Liebig am Sonnabend. »Wir haben über massive Veränderungen beraten.« Vielleicht habe es hier und da die Vorstellung von einem Masterplan für die Zukunft der Landeskirche gegeben. »Es ist aber erwiesen, dass ein solches Verfahren – meistens – nicht funktioniert.« Deshalb habe Anhalt einen längeren Weg gewählt und diese Tagung sei ein Zwischenschritt gewesen. Bei der endgültig letzten Tagung der 23. Legislaturperiode am 24. Februar 2018 solle ein gangbarer Weg aufgezeigt werden. Gemeinsamkeit und Angstfreiheit sollten die beiden Grundsätze dafür sein. »Wir sind in der Lage, nicht von außen gedrängt zu werden und nicht unter Zugzwang reagieren zu müssen«, betonte er. »Ich bin zuversichtlich, dass wir unseren Auftrag als Kirche in Anhalt erfüllen können und gespannt auf die Zukunft.«

Angela Stoye

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Eine Frage der Definition

3. November 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Zwischen Form und Inhalt: Formale Kriterien entscheiden, wann eine Klinik, eine Sozialstation oder ein Pflegedienst sich diakonisch nennen dürfen. Das Beispiel der Lungenklinik Ballenstedt fordert zum Umdenken auf.

Die Diakonie Mitteldeutschland prüft den Ausschluss einer Einrichtung. Der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und der Landeskirche Anhalts beschäftigt sich mit der Lungenklinik Ballenstedt. Der Grund: Das Krankenhaus, das bis zum vergangenen Jahr alleinig zur Evangelischen Stiftung Neinstedt gehörte, hat seit Februar 2017 einen weiteren Gesellschafter. Das kommunale Harzklinikum »Dorothea Christiane Erxleben« hält inzwischen 51 Prozent der Geschäftsanteile der Lungenklinik.

Das hat Folgen. »Eine Einrichtung ist dann der Diakonie zuzuordnen, wenn die Kirche den entscheidenden Anteil hat, wenn sie das Sagen hat«, erklärt Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschlands. Das ist die derzeitige Rechtslage.

Doch ein Ausschluss scheint von keinem Beteiligten gewollt und so laufen seit Monaten viele Gespräche. Das Kirchenrechtliche Institut wurde um ein Gutachten gebeten. Über einen möglichen Ausschluss oder eine weitere Zuordnung entscheidet der Diakonische Rat, dem hochrangige Vertreter der beiden Landeskirchen angehören.

»Wir stehen hier vor dem echten Problem zu definieren, was Diakonie eigentlich ist«, sagt Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig auf Nachfrage von »Glaube+Heimat«; die Lungenklinik Ballenstedt befindet sich auf dem Gebiet der anhaltischen Landeskirche.

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Wer sich Diakonie nennen und das Kronenkreuz im Logo tragen darf, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählen etwa das Arbeitsrecht und die Gesellschafterstruktur. Was aber, wenn wie im Falle Ballenstedts das Unternehmen eigenständig im Status einer Tochtergesellschaft des kommunalen Trägers bleibt, wenn Arbeitsverträge nicht angetastet werden, es weiterhin eine Klinikseelsorge, einen Besuchsdienst und eine Hospizgruppe gibt?

Zudem hat die Evangelische Stiftung ein Vetorecht. Befürworter werten dies als eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass die Ballenstedter Klinik Mitglied der Diakonie bleibt.

Dass die Lungenklinik überhaupt gemeinsam mit dem Krankenhaus des Landkreises Harz geführt wird, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Verwaltung wird gebündelt, das führt zu Einsparungen und durch den Verbund eröffneten sich neue Leistungsfelder, berichtete die »Volksstimme« bereits vor einem Jahr. Harzklinikum und Stiftung wollen mit der gemeinsamen GmbH die Lungenklinik als Krankenhaus der Region stärken. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig betonte, Kirche, Klinik und Diakonie bleiben im Gespräch. Die Frage, welche Rolle ein diakonisches Selbstverständnis und ein geistliches Profil in der Zuordnung spielen und wie belastbar inhaltliche Kriterien sein müssen und überhaupt sein können, stelle sich indes nicht nur für das Diakonische Werk und die beiden Landeskirchen in Mitteldeutschland. Es sei ein bundesweites Thema.

»Bisher gibt es da keine Einheitlichkeit, das ist außerordentlich bedauerlich«, so Liebig weiter. Nicht nur Änderungen der Gesellschafterstruktur, auch neue arbeitsrechtliche Wege fordern zum Nachdenken auf, wann ein Sozialunternehmen sich Diakonie nennen darf und wann nicht. Dies sei eine berechtige Frage der diakonischen Dachverbände an die verfasste Kirche. Aufs Tableau kommen all diese Themen, weil die Wirtschaft das Soziale längst durchdringt. Das Umfeld hat sich verschärft, die Konkurrenz durch nichtkirchliche Träger ist groß geworden.

Indes hat die Mitgliederversammlung der Diakonie Mitteldeutschland einen Sanktionskatalog verabschiedet, um künftig differenzierter auf Verstöße gegen das Satzungsrecht reagieren zu können. »Bislang hatten wir außer dem Vereinsausschluss keine anderen Möglichkeiten«, schildert Vorstand Wolfgang Teske und zählt als neue, weitere Möglichkeiten Ermahnungen oder die Einschränkung von Rechten auf. Der Ausschluss aus dem Dachverband gilt als ultimo ratio.

Katja Schmidtke

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Rückblick und Ausblick

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Vorbei: Ein Jahr lang hat die evangelische Kirche an ihre Wurzeln erinnert. Der Reformationstag soll kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt sein. Was bleibt? Was kommt?

Die Aktion »Offene Kirchen« soll weitergehen. Auch wenn das ambitionierte Ziel, alle 4 000 evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland im Reformationsjahr zu öffnen, deutlich verfehlt wurde, hält Landesbischöfin Ilse Junkermann daran fest. Gutes brauche Zeit, meint sie.

Ein Anfang ist immerhin gemacht. Im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen freut man sich über unerwartet positive Erfahrungen. In der hochfrequentierten Eisenacher Georgenkirche finden sich seit Mai Hinweise und Informationen zu 70 Kirchen im Wartburgland.

Auf zehn Themenwegen können die Besucher von Eisenach aus die Kirchen erkunden. Die Resonanz sei überraschend gut, so Ralf-Peter Fuchs, der Superintendent des Kirchenkreises.

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Das Wittenberger Konfi-Camp war ein Erfolgsschlager. Es gab mehr Interessenten als Plätze. Die Idee, dass junge Christen mit den Konfirmanden geistliche Gemeinschaft einüben, hat auf den Elbauen vor den Toren der Lutherstadt bestens funktioniert. Dieses Modell soll in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fortgesetzt werden.

Das hätte so niemand erwartet: Viele Menschen sind der Einladung zum Anhaltmahl in Dessau gefolgt. Die lange Tafel mitten durch die Stadt war voll besetzt. Für manche war es die erste Berührung mit Kirche und Gemeinde. Schon häufig wurde seitdem Kirchenpräsident Joachim Liebig angesprochen: »Wann macht ihr das wieder?« In der anhaltischen Landeskirche überlegt man deshalb, in welcher Form dieses Format der Begegnung fortgesetzt werden kann.

Drei Beispiele, die – allen Unkenrufen zum Trotz – zeigen: Ecclesia semper reformanda – Reformation geht weiter – der Slogan ist mehr als eine Durchhalteparole. Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gelten bereits jetzt als historischer Schritt auf dem Weg der Kirchen zu größerer Einheit.

Das Reformationsjubiläum ist das erste im Zeitalter der Ökumene. In den Bilanzen herrscht große Einigkeit: Das 500. Reformationsjubiläum war international von konfessioneller Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt – vor allem in Deutschland, wo es fast gleichviele katholische wie evangelische Christen gibt. Laut dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist es gelungen, das Jubiläum ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung zu feiern. Das Vertrauen zwischen Protestanten und Katholiken sei gewachsen.

Auf der Haben-Seite stehen für den Repräsentanten von rund 21,9 Millionen Protestanten in Deutschland unter anderem prall gefüllte Massenveranstaltungen wie auf der Tour des Pop-Oratoriums »Luther«; der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage der revidierten Luther-Bibel, der Erfolg der Luther-Figur von Playmobil, der Kirchentag in Berlin mit Stargast Barack Obama und viele Kontakte zu Menschen, die bis zu diesem Jahr wenig bis keine Kontakte zur Kirche hatten.

Nicht zufrieden ist man auch an der Spitze dagegen mit den Besuchszahlen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sowie den parallel zum zentralen Christentreffen in Berlin abgehaltenen Kirchentagen auf dem Weg, parallel zum zentralen Christentreffen. Einiges habe nicht funktioniert, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, kürzlich im MDR-Fernsehen.

Das EKD-Kirchenparlament kommt Mitte November zusammen. Dort werde dann Bilanz gezogen, kündigte Bedford-Strohm an. Die Mitglieder der Synode erhoffen sich auch Erkenntnisse von den von ihnen ernannten Scouts. 32 Experten aus Kirche und Gesellschaft, darunter eine Vertreterin der EKM, haben im vergangenen Jahr auch medial weniger beachtete Veranstaltungen besucht.

Auch wenn in diesem Jahr viel von Versöhnung und Einheit im Bezug auf die vor 500 Jahren begründete Kirchenspaltung die Rede war. Konkrete Schritte etwa hin zu einem gemeinsamen Abendmahl gab es nicht. Hoffnung darauf, wenn auch nicht allzu große, hatte es durchaus gegeben. Dafür brauche es Geduld, einen »langen Atem«, appellierte Bedford-Strohm.

(Willi Wild/epd)

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de


Ein deutlicher Kontrapunkt

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

In den vergangenen Monaten hatten wir viele Menschen aus aller Herren Länder zu Gast in Mitteldeutschland. Die allermeisten von ihnen werden mit einem schönen Bild von Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Das entspricht der Wahrheit.

Allerdings setzt die Wahl vom vergangenen Sonntag einen deutlichen Kontrapunkt. Eine qualifizierte Minderheit hat offensichtlich eine andere Vorstellung davon, wie dieses Land zukünftig aussehen soll. Die Auseinandersetzung darüber wird nun im Deutschen Bundestag geführt werden. So weit ist die Wahl ein Beweis für die Funktionstüchtigkeit der Demokratie.

Als Christen sind wir Bürger unseres Landes. Daher beteiligen wir uns an dieser Diskussion. Als Kirche Jesu Christi sind wir nicht Teil des Staates. Wir predigen die Rettung der Welt in Jesus Christus, und der Staat darf uns darin nicht behindern. Im alltäglichen Leben findet das Evangelium eine ausdrückliche Entschiedenheit: Unser Glaube lässt uns eintreten für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens – gleichgültig, ob sie aus Syrien oder einem sozialen Brennpunkt in Mitteldeutschland kommen. Wer einer vertieften Spaltung unserer Gesellschaft das Wort redet, kann sich nicht auf die Predigt Jesu berufen.

Mich schmerzen die kurzschlüssigen Deutungen über die Wählerschaft in unserer Region. Als Christenmenschen werden wir erkennbar und für das Evangelium streitbar, selbstbewusst weil gottesbewusst dienstbar sein. Auf die Frage, in welchem Land wir leben wollen, geben wir eine Antwort, die dem Bild unserer Gäste sehr nahe kommt. Für die Führung unseres Landes bitten wir um Gottes Geleit.

Joachim Liebig

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Der Autor ist Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Ev. Presseverbandes Mitteldeutschland.

nächste Seite »