Gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf

1. Januar 2018 von redaktionguh  
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Eine Meditation zur Jahreslosung von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Die Jahreslosung des Jahres 2018 ist der Offenbarung des Johannes entnommen – dem letzten Buch der Heiligen Schrift. Sehr wahrscheinlich entsteht die Johannes-Offenbarung während der zweiten oder dritten Generation der frühen Christenheit: Erste Gemeinden haben sich – nicht zuletzt dank der Missionstätigkeit des Paulus – verbreitet. Nun stehen sie vor einer ersten echten Bewährungsprobe.

Vermutlich der römische Kaiser Nero entdeckt die Christen als Sündenböcke für das Römische Reich. Christenverfolgung, Anfeindung und Märtyrer um des Glaubens Willen sind für die junge Kirche neue und furchtbare Gefahren.

Die Johannes-Apokalypse – so wird die Offenbarung auch genannt – beschreibt in gewaltigen Bildern die aktuelle Situation und richtet den Blick auf die Zukunft, die ganz anders werden wird. Die Widersacher des Glaubens werden untergehen, Gott selbst wird zurückkehren, Gericht halten und die Weltgeschichte in ein ewiges Reich überführen.

Nur angesichts der Christenverfolgung wie derzeit im Mittleren Osten kann ermessen werden, in welcher schrecklichen Situation die Gemeinden damals stehen. Damit wird deutlich, wie trostreich die Bilder des Textes wirken müssen. Angesichts höchster Lebensgefahr darauf zu vertrauen, es werde am Ende alles gut werden, erfordert einen sehr starken Glauben.

In 2 000 Jahren ihrer Geschichte ist die Vieldeutigkeit der Bilder in der Offenbarung des Johannes für ungezählte Fehldeutungen missbraucht worden. Esoteriker und Verschwörungstheorien bemächtigen sich bis heute der Vorstellung eines tausendjährigen Reiches und eines unbarmherzigen Endgerichtes Gottes. Sie wollen damit Furcht erregen und Gehorsam erzwingen.

Der Zweck der Schrift als ein Trostbuch wird damit auf den Kopf gestellt.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Das Bild von Gerlach Bente stammt aus seinem Entwurf für das Fenster in der Ev. Kirche Nutha bei Zerbst.

Die Kernfrage lautet vielmehr: wie weit reicht mein Glaube in Zeiten großer Not? Diese Frage ist zeitlos und unabhängig von der Christenverfolgung im 2. Jahrhundert. Die Jahreslosung fasst die Botschaft des Autors (seine Identität ist nicht letztgültig zu klären) markant zusammen: Der Durstige soll an einer Quelle ohne Vorleistung, eben »umsonst«, seinen brennenden Durst stillen können.

Das Wort der Heiligen Schrift sagt seiner Leserschaft: Ganz gleich, wie schlecht es dir gehen mag, gib dein Vertrauen auf Gott nicht auf.
Ebenso wenig wie damals wird es heute helfen, Menschen in Not und Sorge diesen Satz einfach zuzurufen. Gottvertrauen entsteht nicht durch einen Appell. Tragfähige Zuversicht braucht neben dem Wort Gottes ein verständliches Vorbild.

Als Pfarrer begegnen mir Menschen, die – obwohl ein Leben lang nicht vertraut mit Gottes Wort – in Krankheit und Leiden nach dem Sinn ihres Lebens und Leidens fragen. Selbst wenn ich ihnen diesen Sinn nicht erschließen kann, finden sie Trost in der Zusicherung: es gibt ihn – nur ist er im Augenblick noch nicht erkennbar.

Die Gemeinde der Johannes-Offenbarung vertraut in ihrer ganzen Not auf die andauernde Bewahrung durch Gott, selbst wenn alle Fakten dagegen zu sprechen scheinen. Glaube ist das tiefe Vertrauen auf Gottes Begleitung, auch wenn alles dagegen spricht. Daher ist die Johannes-Apokalypse bis heute in ihren Bildern und Deutungen ein tragfähiger Gegenentwurf zu Resignation und Fatalismus.

Die Quelle, die allen Durst stillt, ist ein lebendiger Dialog zwischen Gott und den Menschen. Alle Fragen finden jetzt oder später eine Antwort; aber sie werden beantwortet werden. Mit Geduld darauf zu warten und zugleich getröstet zu sein, ist die tiefe Bedeutung der Jahreslosung 2018 und der ganzen biblischen Schrift der Offenbarung.

Zum Auftakt eines neuen Kalenderjahres tut es gut, sich daran erinnern zu lassen und allen Unwägbarkeiten gelassen entgegen zu sehen. Das ist kein billiger Trost, sondern eine glaubensstarke Grundhaltung, die alle Freude dankbar wahrnimmt und im Leid nicht verzweifelt.

Anders als mit den zum Jahreswechsel üblichen Vorsätzen, die in der Regel bis Mitte Januar andauern, lässt sich ein ganzes Jahr damit zuversichtlich durchhalten. Die schon jetzt absehbaren Aufgaben für 2018 erfordern Glaubensstärke und Zuversicht. Nichts weniger sagt uns Gott zu. Lassen Sie uns damit das neue Jahr gestalten. Das wünsche ich uns allen im Geist Gottes.

Joachim Liebig ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland (EPVM).

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Aufbruch zu Reformen

5. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Zukunft: Wie geht es weiter in Anhalt? Diese Frage bewegt die Synodalen seit Jahren. Am Sonnabend sprachen sie sich dafür aus, umfassende Strukturreformen einzuleiten.

Die Sitzung am 24. und 25. November in der Dessauer Auferstehungskirche hätte die letzte der 23. Legislaturperiode der Landessynode sein sollen. Doch es wird eine weitere Tagung geben. Die Diskussion um die Zukunft der Landeskirche erfordert es. »Diese sollte vor allem als eine Frage an unseren Glauben verstanden werden«, so Präses Andreas Schindler in seiner Eröffnungsrede. »Natürlich sind wirtschaftliche und organisatorische Entwicklungen von sehr großer Bedeutung. Langfristig wird es mit unserer Kirche nur weitergehen, wenn wir überlegen, wie wir unter veränderten Rahmenbedingungen die geistliche Kraft behalten, Gottes Auftrag an uns gerecht zu werden und in die Welt Zeichen der Hoffnung zu senden.«

Seit dem Frühsommer 2015 arbeitet eine Steuerungsgruppe daran, die Landeskirche fit zu machen für die Zukunft. Wesentlich ist die Annahme, dass mittelfristig mit Geld nur aus eigenen Quellen gearbeitet werden muss: Kirchensteuer, Staatsleistungen, Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Zwar besteht der Finanzausgleich der EKD-Gliedkirchen weiter, aber wie hoch er bis 2025 sein wird, ist nicht vorherzusagen. Zudem werden die Kirchengemeinden kleiner – zurzeit haben sie insgesamt rund 33 900 Mitglieder. Mitarbeitende im Haupt- und Ehrenamt sind überlastet. Das geplante »Anhaltische Verbundsystem« nahm im Bericht des Kirchenpräsidenten Joachim Liebig breiten Raum ein. Alle Aufgaben – Pfarramt, Gemeindepädagogik, Kirchenmusik, Gemeindediakonie und Verwaltung – sollen im Verbundsystem neu zugeordnet werden. »Anders als bisweilen gemutmaßt, geht es dabei nicht um einen freundlich verpackten Strukturwandel, der am Ende nur noch weniger Personal vorsieht«, so Liebig. »Im Kern geht es um die grundsätzliche Frage von Kirche in Anhalt in der kommenden Generation.« Die Landessynodalen sprachen sich nach vorangegangenem, vertraulichem Gespräch dafür aus, diese umfassende Strukturreform einzuleiten.

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Zudem verabschiedeten sie den landeskirchlichen Haushalt 2018. Er sieht Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 16,74 Millionen Euro vor und liegt damit rund 300 000 Euro unter dem von 2017. Haupteinnahmen sind 5,2 Millionen Euro Kirchensteuern, 3,17 Millionen Euro Staatsleistungen, 4,24 Millionen Euro aus dem EKD-Finanzausgleich sowie 1,4 Millionen Euro, die aus Vermietung und Verpachtung kommen. Finanzdezernent Rainer Rausch betonte in seiner Haushaltsrede, dass ein unabhängiges externes Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, erstellt auf der Basis der Haushalte von 2013 bis 2016, die Lage der Landeskirche als stabil bewertet. »Es sieht weder kurz- noch langfristig bestandsgefährdende Tatsachen für die Landeskirche.«

»Es ist eine denkwürdige Synode, die jetzt zu Ende geht«, sagte Kirchenpräsident Liebig am Sonnabend. »Wir haben über massive Veränderungen beraten.« Vielleicht habe es hier und da die Vorstellung von einem Masterplan für die Zukunft der Landeskirche gegeben. »Es ist aber erwiesen, dass ein solches Verfahren – meistens – nicht funktioniert.« Deshalb habe Anhalt einen längeren Weg gewählt und diese Tagung sei ein Zwischenschritt gewesen. Bei der endgültig letzten Tagung der 23. Legislaturperiode am 24. Februar 2018 solle ein gangbarer Weg aufgezeigt werden. Gemeinsamkeit und Angstfreiheit sollten die beiden Grundsätze dafür sein. »Wir sind in der Lage, nicht von außen gedrängt zu werden und nicht unter Zugzwang reagieren zu müssen«, betonte er. »Ich bin zuversichtlich, dass wir unseren Auftrag als Kirche in Anhalt erfüllen können und gespannt auf die Zukunft.«

Angela Stoye

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Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Eine Frage der Definition

3. November 2017 von redaktionguh  
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Zwischen Form und Inhalt: Formale Kriterien entscheiden, wann eine Klinik, eine Sozialstation oder ein Pflegedienst sich diakonisch nennen dürfen. Das Beispiel der Lungenklinik Ballenstedt fordert zum Umdenken auf.

Die Diakonie Mitteldeutschland prüft den Ausschluss einer Einrichtung. Der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und der Landeskirche Anhalts beschäftigt sich mit der Lungenklinik Ballenstedt. Der Grund: Das Krankenhaus, das bis zum vergangenen Jahr alleinig zur Evangelischen Stiftung Neinstedt gehörte, hat seit Februar 2017 einen weiteren Gesellschafter. Das kommunale Harzklinikum »Dorothea Christiane Erxleben« hält inzwischen 51 Prozent der Geschäftsanteile der Lungenklinik.

Das hat Folgen. »Eine Einrichtung ist dann der Diakonie zuzuordnen, wenn die Kirche den entscheidenden Anteil hat, wenn sie das Sagen hat«, erklärt Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschlands. Das ist die derzeitige Rechtslage.

Doch ein Ausschluss scheint von keinem Beteiligten gewollt und so laufen seit Monaten viele Gespräche. Das Kirchenrechtliche Institut wurde um ein Gutachten gebeten. Über einen möglichen Ausschluss oder eine weitere Zuordnung entscheidet der Diakonische Rat, dem hochrangige Vertreter der beiden Landeskirchen angehören.

»Wir stehen hier vor dem echten Problem zu definieren, was Diakonie eigentlich ist«, sagt Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig auf Nachfrage von »Glaube+Heimat«; die Lungenklinik Ballenstedt befindet sich auf dem Gebiet der anhaltischen Landeskirche.

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Wer sich Diakonie nennen und das Kronenkreuz im Logo tragen darf, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählen etwa das Arbeitsrecht und die Gesellschafterstruktur. Was aber, wenn wie im Falle Ballenstedts das Unternehmen eigenständig im Status einer Tochtergesellschaft des kommunalen Trägers bleibt, wenn Arbeitsverträge nicht angetastet werden, es weiterhin eine Klinikseelsorge, einen Besuchsdienst und eine Hospizgruppe gibt?

Zudem hat die Evangelische Stiftung ein Vetorecht. Befürworter werten dies als eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass die Ballenstedter Klinik Mitglied der Diakonie bleibt.

Dass die Lungenklinik überhaupt gemeinsam mit dem Krankenhaus des Landkreises Harz geführt wird, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Verwaltung wird gebündelt, das führt zu Einsparungen und durch den Verbund eröffneten sich neue Leistungsfelder, berichtete die »Volksstimme« bereits vor einem Jahr. Harzklinikum und Stiftung wollen mit der gemeinsamen GmbH die Lungenklinik als Krankenhaus der Region stärken. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig betonte, Kirche, Klinik und Diakonie bleiben im Gespräch. Die Frage, welche Rolle ein diakonisches Selbstverständnis und ein geistliches Profil in der Zuordnung spielen und wie belastbar inhaltliche Kriterien sein müssen und überhaupt sein können, stelle sich indes nicht nur für das Diakonische Werk und die beiden Landeskirchen in Mitteldeutschland. Es sei ein bundesweites Thema.

»Bisher gibt es da keine Einheitlichkeit, das ist außerordentlich bedauerlich«, so Liebig weiter. Nicht nur Änderungen der Gesellschafterstruktur, auch neue arbeitsrechtliche Wege fordern zum Nachdenken auf, wann ein Sozialunternehmen sich Diakonie nennen darf und wann nicht. Dies sei eine berechtige Frage der diakonischen Dachverbände an die verfasste Kirche. Aufs Tableau kommen all diese Themen, weil die Wirtschaft das Soziale längst durchdringt. Das Umfeld hat sich verschärft, die Konkurrenz durch nichtkirchliche Träger ist groß geworden.

Indes hat die Mitgliederversammlung der Diakonie Mitteldeutschland einen Sanktionskatalog verabschiedet, um künftig differenzierter auf Verstöße gegen das Satzungsrecht reagieren zu können. »Bislang hatten wir außer dem Vereinsausschluss keine anderen Möglichkeiten«, schildert Vorstand Wolfgang Teske und zählt als neue, weitere Möglichkeiten Ermahnungen oder die Einschränkung von Rechten auf. Der Ausschluss aus dem Dachverband gilt als ultimo ratio.

Katja Schmidtke

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Rückblick und Ausblick

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Vorbei: Ein Jahr lang hat die evangelische Kirche an ihre Wurzeln erinnert. Der Reformationstag soll kein Schluss-, sondern ein Doppelpunkt sein. Was bleibt? Was kommt?

Die Aktion »Offene Kirchen« soll weitergehen. Auch wenn das ambitionierte Ziel, alle 4 000 evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland im Reformationsjahr zu öffnen, deutlich verfehlt wurde, hält Landesbischöfin Ilse Junkermann daran fest. Gutes brauche Zeit, meint sie.

Ein Anfang ist immerhin gemacht. Im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen freut man sich über unerwartet positive Erfahrungen. In der hochfrequentierten Eisenacher Georgenkirche finden sich seit Mai Hinweise und Informationen zu 70 Kirchen im Wartburgland.

Auf zehn Themenwegen können die Besucher von Eisenach aus die Kirchen erkunden. Die Resonanz sei überraschend gut, so Ralf-Peter Fuchs, der Superintendent des Kirchenkreises.

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Lichtgestalten: Zum Abschluss des Reformationsjahres wird die Wartburg in Eisenach vom 30. Oktober bis 1. November (ab 18 Uhr) noch einmal spektakulär in Szene gesetzt – mit Soundinstallation und beeindruckenden Projektionen auf die Außenmauern, die Luthers Leben und Wirken Revue passieren lassen. Foto: epd-bild

Das Wittenberger Konfi-Camp war ein Erfolgsschlager. Es gab mehr Interessenten als Plätze. Die Idee, dass junge Christen mit den Konfirmanden geistliche Gemeinschaft einüben, hat auf den Elbauen vor den Toren der Lutherstadt bestens funktioniert. Dieses Modell soll in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fortgesetzt werden.

Das hätte so niemand erwartet: Viele Menschen sind der Einladung zum Anhaltmahl in Dessau gefolgt. Die lange Tafel mitten durch die Stadt war voll besetzt. Für manche war es die erste Berührung mit Kirche und Gemeinde. Schon häufig wurde seitdem Kirchenpräsident Joachim Liebig angesprochen: »Wann macht ihr das wieder?« In der anhaltischen Landeskirche überlegt man deshalb, in welcher Form dieses Format der Begegnung fortgesetzt werden kann.

Drei Beispiele, die – allen Unkenrufen zum Trotz – zeigen: Ecclesia semper reformanda – Reformation geht weiter – der Slogan ist mehr als eine Durchhalteparole. Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gelten bereits jetzt als historischer Schritt auf dem Weg der Kirchen zu größerer Einheit.

Das Reformationsjubiläum ist das erste im Zeitalter der Ökumene. In den Bilanzen herrscht große Einigkeit: Das 500. Reformationsjubiläum war international von konfessioneller Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt – vor allem in Deutschland, wo es fast gleichviele katholische wie evangelische Christen gibt. Laut dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ist es gelungen, das Jubiläum ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung zu feiern. Das Vertrauen zwischen Protestanten und Katholiken sei gewachsen.

Auf der Haben-Seite stehen für den Repräsentanten von rund 21,9 Millionen Protestanten in Deutschland unter anderem prall gefüllte Massenveranstaltungen wie auf der Tour des Pop-Oratoriums »Luther«; der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage der revidierten Luther-Bibel, der Erfolg der Luther-Figur von Playmobil, der Kirchentag in Berlin mit Stargast Barack Obama und viele Kontakte zu Menschen, die bis zu diesem Jahr wenig bis keine Kontakte zur Kirche hatten.

Nicht zufrieden ist man auch an der Spitze dagegen mit den Besuchszahlen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg sowie den parallel zum zentralen Christentreffen in Berlin abgehaltenen Kirchentagen auf dem Weg, parallel zum zentralen Christentreffen. Einiges habe nicht funktioniert, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, kürzlich im MDR-Fernsehen.

Das EKD-Kirchenparlament kommt Mitte November zusammen. Dort werde dann Bilanz gezogen, kündigte Bedford-Strohm an. Die Mitglieder der Synode erhoffen sich auch Erkenntnisse von den von ihnen ernannten Scouts. 32 Experten aus Kirche und Gesellschaft, darunter eine Vertreterin der EKM, haben im vergangenen Jahr auch medial weniger beachtete Veranstaltungen besucht.

Auch wenn in diesem Jahr viel von Versöhnung und Einheit im Bezug auf die vor 500 Jahren begründete Kirchenspaltung die Rede war. Konkrete Schritte etwa hin zu einem gemeinsamen Abendmahl gab es nicht. Hoffnung darauf, wenn auch nicht allzu große, hatte es durchaus gegeben. Dafür brauche es Geduld, einen »langen Atem«, appellierte Bedford-Strohm.

(Willi Wild/epd)

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Ein deutlicher Kontrapunkt

1. Oktober 2017 von redaktionguh  
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In den vergangenen Monaten hatten wir viele Menschen aus aller Herren Länder zu Gast in Mitteldeutschland. Die allermeisten von ihnen werden mit einem schönen Bild von Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt sein. Das entspricht der Wahrheit.

Allerdings setzt die Wahl vom vergangenen Sonntag einen deutlichen Kontrapunkt. Eine qualifizierte Minderheit hat offensichtlich eine andere Vorstellung davon, wie dieses Land zukünftig aussehen soll. Die Auseinandersetzung darüber wird nun im Deutschen Bundestag geführt werden. So weit ist die Wahl ein Beweis für die Funktionstüchtigkeit der Demokratie.

Als Christen sind wir Bürger unseres Landes. Daher beteiligen wir uns an dieser Diskussion. Als Kirche Jesu Christi sind wir nicht Teil des Staates. Wir predigen die Rettung der Welt in Jesus Christus, und der Staat darf uns darin nicht behindern. Im alltäglichen Leben findet das Evangelium eine ausdrückliche Entschiedenheit: Unser Glaube lässt uns eintreten für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens – gleichgültig, ob sie aus Syrien oder einem sozialen Brennpunkt in Mitteldeutschland kommen. Wer einer vertieften Spaltung unserer Gesellschaft das Wort redet, kann sich nicht auf die Predigt Jesu berufen.

Mich schmerzen die kurzschlüssigen Deutungen über die Wählerschaft in unserer Region. Als Christenmenschen werden wir erkennbar und für das Evangelium streitbar, selbstbewusst weil gottesbewusst dienstbar sein. Auf die Frage, in welchem Land wir leben wollen, geben wir eine Antwort, die dem Bild unserer Gäste sehr nahe kommt. Für die Führung unseres Landes bitten wir um Gottes Geleit.

Joachim Liebig

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Der Autor ist Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Ev. Presseverbandes Mitteldeutschland.

Drei Container voller Ideen

27. Juni 2017 von redaktionguh  
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»Anhalt kompakt« heißt der Beitrag der Landeskirche zur Weltausstellung Reformation

Container sind aus dem modernen Transportwesen nicht mehr wegzudenken. Dass sich Überseecontainer auch auf kurzen Strecken bewähren und Inhalte besonderer Art transportieren können, beweist derzeit die Landeskirche Anhalts in Wittenberg. Von Dessau aus hat sie sich aufgemacht zur Weltausstellung Reformation in die Lutherstadt – im Gepäck drei leuchtend blaue Behältnisse, zwölf Meter lang und je 2,50 Meter breit und hoch. Im Inneren eröffnen sich dem Besucher kleine, feine Ausstellungen.

Ein Container erzählt die Geschichte Anhalts anhand ausgewählter Objekte von A-Z, ein zweiter stellt das Thema Glauben in den Mittelpunkt, präsentiert Sakralbauten der Region in Hülle und Fülle. Der Besucher erlebt reiche Kulturhistorie auf kleinstem Raum unter dem Motto »Anhalt kompakt«.

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Leuchtendes Blau: Nahe des Wittenberger Altstadtbahnhofs präsentiert sich die Landeskirche in drei Überseecontainern mit Ausstellungen, Kaffeeterrasse und viel Platz für Gespräche. – Foto: Thomas Klitzsch

Zur offiziellen Eröffnung in der vergangenen Woche war auch Kirchenpräsident Joachim Liebig dabei zusammen mit Gästen aus der Pfalz. Man sei, versichert Liebig, gleichsam »in beiderlei Gestalt vor Ort«. Schließlich sind die kleine pfälzische Landeskirche und die noch kleinere aus Anhalt schon lange partnerschaftlich verbunden, gehörte doch der askanische Fürst von Anhalt-Köthen, Wolfgang der Bekenner, 1529 zu den Unterzeichnern der Protestation auf dem Reichstag zu Speyer. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden zudem zahlreiche pfälzische Pfarrer nach Anhalt entsendet.

Unter dem Motto »Das Wort bewegt« haben die protestantischen Gäste den dritten Container belegt und bereichern die Weltausstellung mit SMS im Lutherstil sowie nicht zuletzt mit Pfälzer Trauben. Unter dem Motto »Wasser zu Wein« offerieren sie Besuchern, die leere Wasserflaschen mitbringen, einen guten Tropfen und verbinden das Ganze mit einem guten Zweck. Der Erlös aus dem Flaschenpfand kommt einem Trinkwasserprojekt im afrikanischen Ghana zugute.

Noch bis zum 10. Juli werden die pfälzischen Partner mit von der Partie sein, unter anderem mit Vertretern der überkonfessionellen Männergruppe der protestantischen Gemeinde Herxheim, die sich den schönen Namen »mann!schafft« gegeben hat und unter dem Titel »95 Flaschen Wein für Wittenberg« biblische Weinproben anbietet. Rätselfreunde können sich auf die Suche nach einem Code machen, mit dessen Hilfe die »Rätselbox zu Luthers Leben« geknackt werden kann.

Wenn sich die Partner aus der Pfalz verabschieden, bleiben die Kirchenvertreter in ihren blauen Containern unweit des Altstadtbahnhofes nicht unter sich. Ende Juli etwa wird hier der Kunstpreis der in Dessau ansässigen Karl-Heinz-Heise-Stiftung verliehen, auch die anhaltischen Städte präsentierten sich je eine Woche lang, unterstreicht Andreas Janßen, Leiter der landeskirchlichen Arbeitsstelle »Kirche, Kultur und Tourismus«, der das Containerprojekt von Anfang an begleitet und gestaltet hat. »Anhalt kompakt« war beim Kirchentag 2013 in Hamburg ebenso zu sehen wie auf dem Posaunentag 2016 in Dresden. Die Reise nach Wittenberg wird indes die letzte sein. Nach dem Ende der Weltausstellung Reformation im September wird das gemeinsam von der Landeskirche und der »Anhaltischen Landschaft« initiierte Vorhaben nicht fortgeführt.

Stefanie Hommers

Recht auf Sonntagsruhe

18. Juni 2017 von redaktionguh  
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Mehr verkaufsoffene Sonntage, damit Einzelhändler gegenüber dem Internethandel weniger benachteiligt sind? Das mag einleuchtend klingen, ich kann der Idee jedoch nichts abgewinnen. Der Sonntag ist nach christlichem Verständnis der Ruhetag, den Gott selbst bei der Erschaffung der Welt eingelegt hat. Es ist der Tag, an dem Menschen in den Kirchengemeinden zusammenkommen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern und Gott zu loben. An diesem Tag soll die Arbeit ruhen.

Hinzu kommt: Auch viele Händler bezweifeln, dass eine erweiterte Öffnung am Sonntag ihnen mehr Umsatz bringen würde. Im Gegenteil: Sie befürchten einen stärkeren Verdrängungswettbewerb, von dem nur die großen Einkaufszentren auf der Grünen Wiese profitieren würden. Doch es gibt noch viele weitere Argumente für die Sonntagsruhe. Der Sonntag gibt der Woche und damit unserem Alltag, unserem Leben, Rhythmus. Er ist der Tag, an dem Familien und Freunde zusammen ihre Freizeit verbringen können.

Einkaufen ist zu einer Freizeitbeschäftigung geworden. Die Antwort darauf liegt aus kirchlicher Sicht jedoch nicht in erweiterten Öffnungszeiten an Sonntagen. Denn unter ihnen leiden im Gegenzug Hunderttausende von Menschen, die im Einzelhandel tätig sind. Den Konsum in den Mittelpunkt von Freizeitaktivitäten zu stellen grenzt zudem jene aus, die es sich gar nicht leisten können, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Auch vor diesem Hintergrund können wir eine Erweiterung der Öffnungszeiten am Sonntag nicht befürworten. Im Gegenteil: Mehr Sonntagsschutz, als ihn die Gesetze derzeit bieten, wäre wünschenswert.

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Das große Christusfest

2. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gutes Wetter, gute Atmosphäre, gutes Programm. Leider entsprach die Resonanz nicht den Erwartungen. Das trübt den ansonsten strahlenden Erfolg des Himmelfahrtswochenendes etwas ein. Der Versuch einer Bilanz:

Von unseren Korrespondenten

Weit weniger verkaufte Karten als erhofft, dennoch zufriedene Veranstalter: Der Verein Reformationsjubiläum hat zum Abschluss der sechs Kirchentage auf dem Weg in acht mitteldeutschen Städten eine insgesamt positive Bilanz gezogen. Atmosphärisch seien die Veranstaltungen in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Halle/Eisleben, Jena/Weimar und Dessau-Roßlau ein voller Erfolg gewesen. Allerdings seien deutlich weniger Karten verkauft worden als erhofft, erklärte der Verein in Wittenberg.

In Leipzig zählte der Verein 15 000 Kartenverkäufe. »Wir haben auf das Dreifache der Zahlen hingearbeitet«, räumte Geschäftsführer Hartwig Bodmann ein. Bei den anderen Kirchentagen auf dem Weg sähen die Zahlen ähnlich aus. Die größte Einzelveranstaltung war mit 6 000 Besuchern die Flussinszenierung »Unseres Herrgotts Kanzlei« mit Schiffsprozession in Magdeburg.

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Höhepunkt: 6 500 Bläser begleiteten den Gesang der 120 000 Teilnehmer beim Abschluss der Kirchentage in den Elbauen vor den Toren Wittenbergs. Foto: Carsten Stolze, r2017

Als sommerliches Open-Air-Vergnügen in historischer Kulisse erlebten viele Erfurter und Kirchentagsgäste den Kirchentag. Vor allem die Großveranstaltungen auf dem Domplatz zogen die Menschen an. Was bei den kostenfreien Veranstaltungen im Freien funktionierte, ging bei anderen Veranstaltungen nicht auf. Die Bilanz des Kartenverkaufs sähe schlecht aus, hieß es seitens des Veranstalters. Aus Sicht des Kirchenkreises Erfurt haben sich die langjährigen Vorbereitungen auf den Kirchentag trotzdem gelohnt. Man habe als Kirche selbstbewusst und fröhlich unter den Augen der Öffentlichkeit gefeiert, sagte Erfurts Senior Matthias Rein. Das könne als klares Angebot in die Gesellschaft hinein verstanden werden. Zudem blieben auch einige konkrete Projekte erhalten. Dazu zählte für Rein neben der vom Kirchentag in Auftrag gegebenen Komposition »Enchiridion-Echo« die Glocke für den Ortsteil Salomonsborn.

Auch in Magdeburg blieben im Gegensatz zu Dessau die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. Trotz interessanter Themen bei Podien und Gesprächsrunden fanden sich manchmal nur eine Handvoll Besucherinnen und Besucher ein. Als Magneten erwiesen sich vor allem die Angebote am Abend, wie die Eröffnungsgottesdienste und -abende, Konzerte oder gemeinsame Mahlzeiten. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig sieht durch die Kirchentage das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinden in Ostdeutschland gestärkt. Er dankte allen Helfern und Unterstützern des Kirchentages. »Es war eine wunderbare Atmosphäre und Leichtigkeit. Die sollten wir für die kommende Zeit in unseren Alltag mitnehmen.«

»Der riesige Aufwand hat sich gelohnt«, bilanziert Simone Carstens-Kant, Pfarrerin im Zentrum Taufe Eisleben. Mit Halle und Eisleben fand ein Kirchentag in einer der am stärksten entkirchlichten Regionen Deutschlands statt. Gerade einmal jeder zehnte Einwohner von Halle gehört der evangelischen Kirche an. In Eisleben sind es noch weniger. Eine besondere Gemeinschaft erlebten kirchliche wie nichtkirchliche Teilnehmer beim Willkommensfest »Kultur in den Höfen«. Resonanz erfuhren Konzerte, wie das Kantatenprojekt »Luther«. Weitaus weniger Zuspruch auch hier bei den vielfältigen Angeboten – wie Bibelarbeiten, Vorträgen oder Workshops. Mitwirkende, Helfer und Teilnehmer zeigten sich dennoch zufrieden, lobten das intensive Miteinander und die fami­liäre Atmosphäre. Überhaupt, die Begegnungen unter freiem Himmel waren, dank des sommerlichen Wetters, das Markenzeichen der Kirchentage. Nicht nur bei den »Anna-Amalia-Tischgesellschaften« in der Weimarer Innenstadt wurde dabei die »Gretchenfrage« gestellt. Mit 2 000 Einzelveranstaltungen konnten es die Kirchentage auf dem Weg mit dem Berliner Kirchentag durchaus aufnehmen. Leider nicht mit der Besucherzahl.

(epd, G+H)

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