Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

Fallen lassen, gehalten werden

28. August 2017 von redaktionguh  
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Zentrum Taufe: Im Reformationsjahr kommen Tausende Gäste nach Eisleben, ein besonderer fehlt

Es ist ein ungewöhnlich stiller Moment in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche. Nur wenige Besucher streifen durch den hellen Innenraum mit dem Wellenmuster im Fußboden und im Fensterglas, den Sitzbänken aus Obstbaumholz und dem im Boden eingelassenen Taufbrunnen. »Sonst ist hier viel mehr los«, sagt Pfarrerin Simone Carstens-Kant und lacht. Und schon steht eine Reisegruppe im Portal, Südkoreaner. Und eine Viertelstunde später Gäste aus dem sachsen-anhaltischen Finanzministerium. Sie wollten eigentlich nur in die Luther-Gedenkstätten – und bekamen dort den Tipp, Luthers Taufkirche zu besuchen. Während unter Christen vieler Konfessionen das »Zentrum Taufe« ein Begriff ist, müssen Touristen oft darauf aufmerksam gemacht werden.

Seit fünf Jahren gibt es das »Zentrum Taufe« in der völlig neu gestalteten Kirche. Mehr als eine Million Euro wurde investiert und eine Projektstelle für die besondere geistliche Arbeit geschaffen. Petri-Pauli ist weiterhin Gemeindekirche, Iris Hellmich ist Gemeindepfarrerin, während Simone Carstens-Kant vor allem für die thematische Arbeit rund um die Taufe zuständig ist.

So wichtig die Taufe als Eintritt in die christliche Gemeinschaft ist, so wenig wissen die Getauften oft über ihre eigene Taufe. In jüngster Zeit werden landauf, landab öfter Tauferinnerungsandachten gehalten. Auch das »Zen­trum Taufe« fügt sich in die Sehnsucht vieler Christen ein. Wenn bei Andachten den Gläubigen das Wasserkreuz auf die Stirn gezeichnet wird, fällt es selbst der Pfarrerin schwer, dieses besondere Gefühl zu beschreiben. Es gehe um Erinnerung, um Gemeinschaft und um Körperlichkeit – gerade in der wortbasierten evangelischen Kirche, gerade in der vernunftbetonten Zeit. »Das Wort ist wichtig, und das ist gut so. Aber wir sind arm an Zeichen«, sagt Carstens-Kant.

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Der Taufbrunnen ist das Zentrum in der Eisleber Petri-Pauli-Kirche: Pfarrerin Simone Carstens-Kant berichtet, dass sich die meisten erwachsenen Täuflinge gegen das Taufbecken und für den Brunnen entscheiden und dann tatsächlich mit Hilfe zweier Begleiter in das Wasser, das übrigens Leitungswasser ist, eintauchen. Foto: Maik Schumann

Im vergangenen Jahr kamen 42 000 Menschen ins »Zentrum Taufe«. In diesem Jahr sind es bereits 52 000 Besucher. »Und es werden bis Jahresende sicherlich mehr als 60 000 werden«, blickt Simone Carstens-Kant voraus. Auch über das Reformationsjubiläum hinaus würden die Menschen kommen, vor allem Christen aus Südkorea, den USA, aus Schweden, Norwegen, Polen oder Tschechien. Geschätzte drei Viertel aller Besucher sind Christen.

Um alle willkommen zu heißen, hält die Kirchengemeinde die Türen sonntags von 11.30 bis 16 Uhr und montags bis samstags 10 bis 18 Uhr offen, zwei Stunden länger als früher. Insgesamt 15 Ehrenamtliche kümmern sich darum.

Aber natürlich erinnern sich Menschen in Petri-Pauli nicht nur an ihre Taufe – regelmäßig lassen sie sich auch taufen. Säuglinge eher klassisch am Taufbecken, Erwachsene fast immer im Brunnen. Man gelangt über eine Treppe hinab, begleitet von Pfarrer und einem Assistenten, und taucht dann ein. Ein Zeichen: Man kann sich bei Gott fallen lassen, wird gehoben und ist geborgen.

Als Ministerpräsident Reiner Haseloff zum Sachsen-Anhalt-Tag das »Zentrum Taufe« besuchte, zeigte er sich tief beeindruckt und ermutigte die Gemeinde, für diese Taufen zu werben. »Wir finden es gut, wenn die Taufe heute ein besonderer Tag in einer Familie ist und so gefeiert wird. Aber gerade in unserer Diaspora-Lage ist es auch schön, wenn die Taufe in der Gemeinde stattfindet, zu der man gehört«, sagt Simone Carstens-Kant. Das konnte der Katholik Haseloff gut verstehen.

Über einen Gast würde sich Simone Carstens-Kant besonders freuen, bevor ihre Projektstelle zum 31. Juli 2018 ausläuft und in eine halbe Stelle umgewandelt wird. Gerade zum Reforma­tionsjubiläum vermisst die Pfarrerin die Aufmerksamkeit der EKD für die Taufe als Teil lutherischer Theologie. Zwei Mal hat sie dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm geschrieben und keine Antwort erhalten. Dabei, so erinnert Carstens-Kant, feiern wir 2017 nicht nur 500 Jahre Thesenanschlag, sondern auch zehn Jahre Taufanerkennung in elf christlichen Kirchen Deutschlands.

Katja Schmidtke

Wir müssen raus in die normale Welt

24. Juli 2017 von redaktionguh  
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Reformationssommer in Mitteldeutschland: Über enttäuschte Erwartungen, Christsein in einer konfessionsfreien Welt, die Lust am Streit und das schwierige Gefühl der Heimat sprach Propst Johann Schneider, Regionalbischof von Halle-Wittenberg, mit Katja Schmidtke.Sommerlogo GuH

Wir treffen uns nicht in Halle, wo Ihr Büro ist, sondern in Wittenberg, wo in diesem Jahr die Musik spielt. Sie spielt ziemlich laut, aber vor weniger Publikum als erwartet.
Schneider:
Auf den ersten Blick stimmt das, aber wir müssen genau hinsehen. Die Gottesdienste in der Stadtkirche und in der Schlosskirche sind sehr gut besucht. Die Herausforderung, die ich sehe: Die Gruppen, die die Stadt besuchen, haben in der Regel ihr eigenes Programm und für zusätzliche Aktivitäten kaum Zeit. Einige Veranstaltungen sind gut besucht, einige werden kaum wahrgenommen.

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Johann Schneider im Luthergarten in Wittenberg, einem Lieblingsplatz – im Hintergrund der Turm der Schlosskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Wir werden mit den enttäuschten Erwartungen klarkommen müssen, gerade bei Menschen, die von weither kommen, sich ehrenamtlich beteiligen oder ihren Urlaub einbringen. Da bleibt eine Spannung. Ein gutes Beispiel: Ich war auf einer nicht gut besuchten Veranstaltung, der Wind wehte, und eine Teilnehmerin schlug vor, nach drinnen zu gehen. Das ist eine typische Reaktion in der Kirche.

Wie meinen Sie das?
Schneider:
Wir ziehen uns in geschützte Räume zurück. Natürlich verlieren sich 15 Menschen auf einer Bühne mit 250 Plätzen. Aber all diese Formate auf der Weltausstellung sind doch eine gute Übung. Wir müssen als Kirche raus aus den Kirchenräumen auf die Marktplätze. Das ist auch die Quintessenz der Kirchentage auf dem Weg – bei aller Kritik. Dieses Hinausgehen in die normale Welt ist die zentrale Handlung.

Hinaus in die normale Welt – wir und die anderen? Woher kommt diese Trennung?
Schneider:
Was ich in fünf Jahren als Propst gelernt habe: Die konfessionslose Kultur bestimmt das Denken und tabuisiert subtil den Glauben. Glauben spielt einfach keine Rolle, er ist vollkommen irrelevant. Menschen verhalten sich wie religiöse Analphabeten. Wer glaubt, zieht sich in die Kirche zurück, weil er dort Menschen trifft, die ähnlich denken. Es erfordert einen Kraftakt, hinauszugehen.

So wie in Tröglitz: Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft bat mich ein Gemeindekirchenrat, zum Friedensgebet zu kommen, die Stimmung war wie gelähmt. Ich legte den Bibelvers aus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, Zuversicht, Hoffnung gegeben hat und wollte den Gottesdienst mit einem Vaterunser, einer Segensbitte vor dem ausgebrannten Haus abschließen. Das war ganz schwer durchzusetzen. »Was sollen wir da machen?«, lautete die Gegenfrage. Einfach gehen, sich als Christ zeigen, singen und beten. Wir taten es und die Leute aus der Schrebergartensiedlung gegenüber standen am Zaun und guckten uns zu. Eine typische Situation.

Es ist ungewöhnlich, wenn Christen öffentlich zusammenkommen?
Schneider:
Es ist in dieser konfessionsfreien Welt seltsam, sich öffentlich zu treffen und etwas gemeinsam zu tun. Nach 1990 haben wir einen Schub von Individualisierung und Vereinzelung erlebt, in Ost wie West, sodass Gemeinschaftliches erst einmal verdächtig ist. Aber wir wollen die Botschaft, an die wir glauben, teilen. Und das gelingt aus meiner Sicht nur, wenn Menschen sich begegnen.

Als Regionalbischof begegnen Sie den Menschen. Wir haben das Gefühl, gerade bei heißen Themen klaffen die Meinungen zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung auseinander.
Schneider:
Ich denke an den Trägerverein des Schlosses Mansfeld, der in die Kritik geraten war. Der Verein hatte der Stadt die Vermietung eines Raumes im Schloss, das die Stadt Mansfeld als Standesamt nutzte, gekündigt. Es gab Streit um die Eintragung einer Lebenspartnerschaft und die anschließende Feier auf Schloss Mansfeld. Wir dürfen bei unserem Urteil nicht außer Acht lassen: Das sind alles engagierte Ehrenamtliche, sie legen die Grundlage unseres Glaubens, die Bibel, in einer gewissen Weise aus, und diese Auslegung entspricht manchmal nicht den Trends der theologischen Forschung. Es ist eine traditionelle Auslegung, besonders bei heißen Themen wie Homosexualität, Familie, Ehe.

Wir Theologen müssen uns prüfen, wie schnell wir mit unserer Position anderen sagen wollen, was geht und was nicht. Mir ist bei der Moderation in Mansfeld aufgefallen, dass auch ich schnell ein Korrektiv im Kopf habe, »nein, so kann man das nicht auslegen«. Aber wir sind gemeinsam Hörer des Wortes. Wir ringen um die Wahrheit, sie ist nichts Statisches.

Wie ging es in Mansfeld weiter?
Schneider:
Die Mitgliederversammlung hat die Kündigung zurückgenommen, aber man muss da sehr genau hinschauen. Der Vorstand hat nicht unverantwortlich gehandelt, die Mitgliederversammlung hat ihm weiterhin ihr Vertrauen geschenkt. Ergebnis des Gesprächs: Das Standesamt kann dort wieder Eintragungen gleichgeschlechtlicher Paare vornehmen. Ich bin dankbar für eine friedliche, zivilisierte Auseinandersetzung mit dem Standesamt und auch im Verein.

Wir streiten viel, aber oft unsachlich. Ich denke an all die Debatten um die AfD, an Tröglitz und Schnellroda.
Schneider:
Uns fehlen hier die öffentlichen Räume. Wo treffen wir andere Menschen, Menschen außerhalb unserer Kreise? Außerdem ist ein Verlust an zivilisierter Gesprächskultur festzustellen. Es gehört ein Maß an Zuhörenwollen und Ertragen, dass der andere eine andere Meinung hat, dazu. Wir sind als Kirche – und da nehme ich mich nicht aus – sehr schnell bei einem Urteil. Gerade in politischen Fragen formulieren wir schnell einen moralischen Anspruch.

Ich bin kein Freund von Appellen. Ich mag nicht moralisieren. Wenn Sie in einem sozialistischen Schulsystem aufwachsen, haben Sie genug Appelle gehört. Das wunderbarste Geschenk ist doch, dass wir frei denken und frei reden können.

Zu Schnellroda: Ich bin sehr dankbar, dass die Pfarrerin zuversichtlich und fröhlich ihren Dienst tut. Sie ist eine unbefangene Christin, kommt aus einem völlig säkularen Elternhaus, sie ist so normal, sie passt ganz genau da hin. Und sie hat die Gabe, mit allen zu reden, die ihr zuhören wollen.

Sie trafen während Ihrer Studienzeit in Erlangen auf Fairy von Lilienfeld, eine Theologin des Katechetischen Oberseminars Naumburg, die die DDR verlassen durfte und in Bayern die erste Theologin und ordinierte Pfarrerin war. Was haben Sie von ihr gelernt?
Schneider:
Ich habe bei ihr viel gelernt. Menschlich und inhaltlich. Menschlich verdanke ich ihr zum Beispiel den Impuls, als junger Vater und an der Endstation meiner Promotionsarbeit den Fernseher abzuschaffen. Und im ökumenischen Gespräch, dass es hilft, die Position des Gesprächspartners sehr gut zu kennen. Fairy kannte die theologischen Grundlagen der Orthodoxie oft besser als die orthodoxen Theologen.

Teilten Sie mit ihr die Erfahrung, in einem anderen Land neu anzufangen?
Schneider:
Ja. Sie sagte: »Lieber Herr Schneider, es wartet hier niemand auf Sie – aber es ist trotzdem gut, dass Sie hier sind.« Das lässt sich auf heute übertragen, egal ob Sie aus einem fremden Land kommen oder in eine neue Stadt ziehen. In der Regel wartet niemand auf Sie. Sie müssen selbst auf die Menschen zugehen. Das habe ich auch den Stipendiaten geraten, mit denen ich durch meine Arbeit an der Universität und später für die EKD zu tun hatte. Deutschland ist eine geschlossene Gesellschaft, und die Kirche gleich noch einmal. Die Aufgabe ist es, selbst die Kirchentür aufzumachen.

Welche Tür haben Sie aufgestoßen, als Sie 1985 von Siebenbürgen nach Würzburg gekommen sind?
Schneider:
Ich habe es in der Kirchengemeinde versucht, das war nicht leicht. Wir waren Exoten. Ich suchte mir einen Studentenkreis, obwohl ich noch kein Student war; ich musste ja in Deutschland mein Abitur zum zweiten Mal ablegen. Das Studium war dann das Tor, um Menschen wirklich kennenzulernen. Ich habe aber auch in dieser Zeit oft gespürt, mein Leben, meine Geschichte haben für die anderen etwas Fremdes. Ich habe gelernt, wo ich etwas über mich erzählen kann und wo nicht.

Haben Sie das Gefühl, Ihre Heimat verloren zu haben?
Schneider:
Verloren – nein. Wir sind zwar schweren Herzens gegangen, aber kurioserweise haben uns die Jugendlichen aus der DDR ermutigt. Sie sagten: »Christus geht mit euch.«

Verloren – ja. Das waren die Freunde, der persönliche Umgang, die vertraute Umgebung. Aber ich bin inzwischen fast jedes Jahr in Rumänien, und so ist es mir nicht verloren gegangen. Das Gefühl der Heimat hat sich verlagert in die Sprache.

Was ist für mich Heimat? Es ist die Vielfalt der Sprachen: Siebenbürgisch-Sächsisch, Ungarisch, Rumänisch, und es ist auch das Miteinander. Sie werden es nicht glauben, aber wenn ich in Halle bettelnde Roma treffe, fühle ich mich nicht unbehaglich. Wir kommen miteinander ins Gespräch.

Die Emigration war ein ungemeiner Zuwachs an Freiheit. Frei zu sagen, was ich denke, nicht zu unterscheiden, was ich privat und öffentlich sagen kann, und zu kritisieren. Ich kann an Texten kritisieren, ich kann sogar die Kirche kritisieren – und bleibe dennoch drin. Das ist doch wunderbar!

»Reformation geht weiter«, heißt ein EKM-Slogan. Was heißt das für Sie?
Schneider:
Ich hadere etwas damit, weil der Slogan etwas Appellatives hat. Was heißt das für mich – »Reformation geht weiter«? Dass wir die Offenheit zu einem kritischen Streit innerhalb der Kirchen brauchen. Ich sehe diese Bereitschaft noch nicht, auch nicht in unserer Kirche. Unsere Synode streitet aus meiner Sicht viel zu wenig über kon­troverse Themen im Licht der Schrift.

»Reformation geht weiter« heißt für mich: Mut zu klaren Aussagen, zu einem Bekenntnis, das herausfordert, aber nicht abstößt, sondern einlädt, und dass wir das, was wir teilen, in einer freundlichen Weise mitteilen und mit der Ablehnung, die wir auch erfahren, umgehen lernen.

Aber der Slogan ist für Kirchenleute. Fragen Sie Menschen auf dem Wittenberger Markt dazu, greifen diese sich wahrscheinlich an die Stirn: Oh Gott, kommen die nächstes Jahr alle wieder? Es wird sich zeigen, welche Wirkung dieses Jubiläumsjahr über Wittenberg hinaus hat. Es wird auch kritische Fragen geben, natürlich. All der Aufwand. Aber es ist eine große Chance für die mitteldeutsche Kirche.

Dr. Johann Schneider wurde 1963 im siebenbürgischen Mediasch (Rumänien) geboren. Nach der Lehre als Werkzeug­macher studierte er Theologie in Neuendettelsau, Tübingen, München, Erlangen und Rom. Später arbeitete er als Pfarrer und Dozent an der Universität Erlangen, beim Diakonischen Werk der EKD und beim Lutherischen Weltbund.

Seit 2007 war er als theologischer Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover, insbesondere im ökumenischen Bereich, tätig. Im November 2011 wählte ihn die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zum Regional­bischof des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Gott in allem, was wir sind und tun

19. Juni 2017 von redaktionguh  
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Gott wohnt im Gehirn: Diese These vertreten manche Hirnforscher, doch kann man sie ganz unterschiedlich verstehen. Aus christlicher Perspektive ist man versucht zu sagen: Ja, da auch!

Der christliche Glaube versteht Gott als jemanden, der uns allen jederzeit gegenwärtig ist. Und so wie er in uns und in allen Dingen der Schöpfung gegenwärtig ist, so ist er es auch in unserem Gehirn.

Martin Luther hat deshalb behauptet, dass Gott nicht nur größer ist als alles, was überhaupt groß genannt zu werden verdient, von ihm gilt auch: »Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner …« Für Luther waren solche Überlegungen der Hinweis darauf, dass Gott nicht ein ausgestrecktes, langes, breites, dickes, hohes oder tiefes Wesen ist, sondern dass für ihn gilt, dass er auf wunderbare Weise allen und in allem ganz gegenwärtig sein kann. Im Gehirn eingesperrt ist er auf jeden Fall nicht.

Aber die These von Gott im Hirn ist ja meist so gemeint, dass Gott verstanden werden muss als Hirngespinst oder Kopfgeburt. Wann immer wir eine Hand oder einen Fuß bewegen, geschieht dies aufgrund von Gehirnvorgängen. Kann es nun nicht auch sein, dass unsere Gehirne überhaupt oder die Gehirne von religiösen Menschen im Besonderen so gebaut sind, dass sie religiöses Empfinden und damit dann auch Gottesvorstellungen hervorbringen? Immerhin hat man nachgewiesen, dass bei Menschen, die im Gebet oder in der Meditation versunken sind, bestimmte Bereiche im Stirnhirn, die mit Konzentration, Aufmerksamkeit und sozialem Empfinden zu tun haben, verstärkt aktiv sind. Andere Bereiche dagegen, die beim rationalen Denken, beim Sehen oder bei der Raum-, Zeit- und Köperwahrnehmung besonders beansprucht werden, zeigen eine reduzierte Aktivität.

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Gibt es das »Gottesmodul« in unserem Gehirn? Forscher haben angeblich Hirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Illustration: Yuriy Mazur-fotolia.com

Was sagt das über damit verbundene Gottesvorstellungen? Zunächst einmal herzlich wenig. Denn das dürfte schon seit Langem klar sein, dass alles, was wir wahrnehmen, empfinden und denken, auf Vorgängen im Gehirn beruht und deshalb auch einen Niederschlag in diesen Vorgängen findet. Auch Religion und Spiritualität spiegeln sich in den Untersuchungen der Hirnforscher, ebenso wie Kunst, Musik, Gefühle, aber auch die Prozesse, die die Hirnforschung selbst möglich machen.

Aufregender wird der Befund durch die Behauptung einiger Forscher, man habe Gehirnstrukturen entdeckt, die für Religion, Spiritualität und möglicherweise den Gottesgedanken direkt verantwortlich sind. Ein Forscher hat gar vom »Gottesmodul« gesprochen und ein wenig selbstironisch darüber spekuliert, ob eine operative Entfernung von Teilen des Schläfenlappens einer Entfernung des Gottesglaubens aus dem Denken dieser Person gleichkäme. Gott selbst wäre dann nichts anderes als das Produkt des Gehirns.

Da es Religion mit etwas zu tun hat, was wir mit unseren Sinnen in der Erfahrungswirklichkeit nicht direkt wahrnehmen können, liegt die These nahe, dass die Vorstellungen, die Begriffe und Bilder der Religionen, wie Wunder, Seele, Geist, ein Leben nach dem Tod oder eben die Vorstellung eines Gottes, nichts anderes sind als Gedanken. Und ihre Überzeugungskraft würden diese Gedanken dadurch erhalten, dass sie durch die Strukturen unseres Gehirns wie von selbst entstehen und sich unserem Denken und unserer Vorstellungskraft aufdrängen, ohne dass es etwas Entsprechendes in der Wirklichkeit gibt. Durch die in unserem Gehirn gelegten neuronalen Pfade bringt unser Denken Gott hervor.

Doch das alles ist durch Experimente schwer zu belegen. Im Jahr 2004 hatte ein »Manifest« von elf deutschen Hirnforschern noch behauptet, man werde bald allen menschlichen Empfindungen auf ihre neuronale Spur kommen und sie mit Hilfe der Hirnforschung erklären können. Und das würde dann auch ihre Manipulation durch Psychopharmaka oder gar operative Eingriffe möglich machen. Religion oder Religionslosigkeit auf Rezept, gewissermaßen. Doch inzwischen ist deutlich geworden, dass Gefühle überhaupt und religiöse Erfahrungen oder gar Glaubensvorstellungen viel zu komplex sind und zum Beispiel auch von sprachlichen, kulturellen, körperlichen und je individuellen Prägungen abhängen, als dass man sie auf die Aktivität von Gehirnarealen reduzieren und sie einfach an- oder abschalten könnte.

Man kann sich das auch an anderen Phänomenen klarmachen. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen empfinden, werden bestimmte Areale in unserem Gehirn besonders aktiv. Wir können auch die diese Aktivität auslösenden Nervenleitungen feststellen. Wir haben dann ein ganzes Netz von Ursachen und Wirkungen, von denen wir sagen, dass sie das Schmerzempfinden auslösen. Das alles macht aber den Schmerz in seiner Schmerzhaftigkeit nicht erträglicher. Erklärter Schmerz hört nicht auf, wehzutun und uns in unserem Leben zu beeinträchtigen. Der Schmerz verlangt nach einem Verstehen, das über das Erklären hinausgeht. Wir müssen ihm eine Deutung, einen Sinn geben. Aber niemand kann garantieren, dass die Deutung sich für jemanden konkret bewährt. Oft ist fraglich, ob der Sinn, den wir dem Schmerz geben, dem konkreten Schmerz standhält.

Ähnlich verhält es sich mit der Freude, der Liebe, der Gelassenheit. Der Sinn, den wir unseren Erfahrungen oft erst nachträglich geben können, liegt nicht in den Erfahrungen, er liegt jenseits von ihnen. So ähnlich scheint es mir mit »religiösen« Erfahrungen zu sein. Sie sind mit bestimmten Gehirnvorgängen verbunden. Aber dass wir sie als etwas verstehen, in dem uns Gott begegnet oder sich uns der Sinn unserer Existenz erschließt, ein bestimmter Schmerz für uns erträglich wird, wir uns unserer Schuld schmerzhaft bewusst werden oder gelassen mit uns ins Reine kommen, ist etwas, das jenseits dieser Erfahrungen liegt.

Nichts ist von sich aus eine Erfahrung Gottes, aber alles kann zur Got­teserfahrung werden. Denn Gott ist nicht eine Erfahrung unter anderen, Gott ist der Grund und das Ziel aller Wirklichkeit. Dass uns das aufgeht, dass wir uns als getragen und herausgefordert sehen durch den alles tragenden Grund der Wirklichkeit, ist ein Hinweis auf Gott selbst, der größer ist als alles, was uns groß erscheint, und der kleiner ist als alles, was unbedeutend scheint, der uns vielmehr näherkommt, als wir uns selbst nahekommen können, weil er auch das noch in unserem Leben zurechtbringt, bei dem wir versagen: bei unserer Lieblosigkeit uns und anderen gegenüber. Dann »wohnt« Gott nicht nur im Gehirn, sondern in allem, was wir sind und tun.

Dirk Evers

Mehr Hinweise dafür als dagegen

Wissenschaft und Glaube: Ein Physiker auf der Suche nach Gott

Albrecht Kellner wurde 1945 in Namibia geboren und studierte in Göttingen und Kalifornien Physik. Er promovierte über Einsteins Relativitätstheorie und war zuletzt stellvertretender Technischer Direktor der europäischen Raumfahrtfirma Astrium, einer EADS-Tochter. Über das schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube sprach er mit Katja Schmidtke.

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Der Physiker Albrecht Kellner. Foto: privat

Herr Kellner, Sie sind Physiker und Christ. Was war zuerst in Ihnen, die Suche nach den Naturgesetzen oder die nach Gott?
Kellner:
Eigentlich beides. Ich bin christlich erzogen worden, evangelisch getauft, konfirmiert, aber meine persönliche Beziehung zu Gott habe ich erst viel später, mit 25 Jahren, gefunden. Als ich begann, Physik zu studieren, war ich neugierig auf ihre Gesetze, weil ich glaubte, in ihnen die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden. Ich wollte, um es mit Faust zu sagen, wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber ich merkte schnell: Darauf geben die Naturwissenschaften keine Antwort. Sie entdecken und beschreiben Gesetze, aber nicht, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist.

Es ist nicht möglich, Gott durch die Naturgesetze auf die Spur zu kommen?
Kellner:
Sie kennen das Heisenberg-Zitat: Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott. Tatsächlich herrschte ja bis zur modernen Physik, also bis zu Schrödinger, Einstein, Planck und Heisenberg eine große Dissonanz zwischen Naturwissenschaft und Glaube. Dann wandelte sich das Bild. Die Physik entdeckte, erforschte und beschrieb Gesetzmäßigkeiten, die biblischen Aussagen nicht fremd sind.

An was denken Sie konkret?
Kellner:
Bis zu Einstein ging die Wissenschaft beispielsweise davon aus, das Universum sei schon immer da gewesen, es habe keinen Anfang und kein Ende, und weil es keinen Anfang habe, hat es auch keinen Urheber. Aber die Urknall-Theorie besagt, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, dass es vorher weder Materie noch Raum oder Zeit gab – und das finden wir auch in der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte natürlich: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Oder im Hebräer-Brief: »Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.« Der Urknall ist ein Schöpfungsakt par excellence. Oder die Biologie: Bis vor etwa 150 Jahren war es für Wissenschaftler unvorstellbar, dass die Erde einmal wüst und leer war, so wüst und leer wie im 1. Buch Mose beschrieben und dass sich das Leben dann schrittweise entwickelt hat. Heute gehört das zum Allgemeinwissen.

Das allein ist kein Gottesbeweis.
Kellner:
Das stimmt. Wir können Gott nicht beweisen, zumindest nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten, und wir sollten biblische Aussagen auch nicht auf die naturwissenschaftliche Goldwaage legen. Aber für mich ist nicht zu leugnen, dass hinter all unseren Lebensbedingungen, der Art, wie unser Weltall und die Erde gemacht sind, hinter all den Naturgesetzen eine immense Intelligenz steckt.

Sie sind ein Vertreter des Intelligent Designs?
Kellner:
Ich bin kein Verfechter eines engen Kreationismus, nein. Ich möchte durch meine Vortragsarbeit für die Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte (IVCG) Vorurteile abbauen, dass Naturwissenschaft und Glauben dissonant sind, ich möchte darauf hinweisen, dass die moderne Physik zu Erkenntnissen gekommen ist, die mit biblischen Aussagen zumindest konvergent sind; auch wenn beispielsweise die Frage der zeitlichen Dimension noch offen ist. Die Naturgesetze liefern jedenfalls aus meiner Sicht mehr Hinweise für die Existenz eines Schöpfers als dagegen. Aber natürlich kann man Menschen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu bringen, zu glauben. Nur das Evangelium führt zur Erfahrung des Sinns des Lebens.

www.ivcg.org

Gott im Gehirn

16. Juni 2017 von redaktionguh  
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Glaube, Kunst und Wissenschaft: In Michelangelos Fresken erkannten Forscher Details des Stamm-, Groß- und Kleinhirnes. Wohnt der Herr tatsächlich in unserem Hirn? Ist unser Gehirn ein Meisterwerk Gottes oder Gott ein Meisterwerk des Gehirns?

Jahre – gar jahrhundertlang galten Glauben und Wissenschaft als Antipoden, mussten Wissenschaftler widerrufen oder sterben, wenn sie Naturgesetze entdeckten, die nicht ins kirchliche Weltbild passten, wenn die Wissenschaft sich gegen die göttliche Schöpfung wandte. Inzwischen fragen Mediziner, Neurobiologen und Physiker unbefangen, ob es so etwas wie ein Gottes-Gen in unserer DNA gibt oder ein Gott-Modul in unseren grauen Zellen.

Auch den Magdeburger Hirnforscher Gerald Wolf treiben diese Fragen um. Der emeritierte Professor leitete jahrelang das Institut für medizinische Neurobiologie an der Otto-von-Guericke-Universität. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zum Skeptiker werden lassen. »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus«, sagte Wolf am Rande eines Vortrags in Halle. Er wäre lieber einer jener Menschen, die glauben können.

Religiosität hat wissenschaftlich messbare Vorteile. Glauben spendet Schutz und Trost, gibt dem Leben Sinn, macht die Welt plausibel, stärkt die seelische wie die körperliche Gesundheit und ist der Kitt, der Menschen verbindet.

Trotz all dieser Vorteile ist nicht bei allen Menschen die Glaubensbereitschaft gleich ausgeprägt. Wie die Befähigung zum Glauben in uns kommt oder eben nicht, ist eine Frage, die sich die Wissenschaft stellt, die sie aber nicht beantworten kann.

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Eine perfekte Darstellung des menschlichen Gehirns hatte schon 1990 ein amerikanischer Mediziner in Michelangelos bekanntem Fresko »Die Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle gesehen. Mehr zum Thema auf Seite 3. Fotomontage: Adrienne Uebbing

Die rund anderthalb Kilo schwere Gehirnmasse eines erwachsenen Menschen besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, sie alle sind tausendfach durch Synapsen verbunden und kommunizieren miteinander. So weit die Hirnforschung auch fortgeschritten ist, so weit sind wir davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, sagt Professor Wolf. Warum fühlen Amputierte Schmerzen in den abgenommenen Gliedmaßen? Warum wissen blinde Neugeborene, wie man lächelt? Wenn wir sterben, was passiert dann mit dem Geist, den unser Hirn eigentlich unablässig »produziert«? Woher kommt der Glauben?

Ein sogenanntes Gottes-Gen beschrieb 2004 der US-amerikanische Biochemiker und Verhaltensgenetiker Dean Hamer. Hamer ist nicht unumstritten, er hatte in den 1990er-Jahren eine Kontroverse angestoßen mit seiner Theorie von der Existenz eines Genes, das bei Männern Homosexualität vorbestimme.

Beim Gottes-Gen handelt es sich seinen Forschungen zufolge um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport glücklich machender Hormone wie Dopamin erleichtert. Für Hamer ist das Molekül auch für religiöse Empfindungen verantwortlich, und es kommt bei gläubigen Menschen in anderer Ausprägung vor als bei Atheisten.

Doch die Debatte um dieses Gottes-Gen ist laut Gerald Wolf ebenso verstummt wie jene um das Gott-Modul, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran im Zuge von Forschungen zur Schläfenlappen-Epilepsie gefunden haben will. Eine ganz andere Stelle als Ramachandran fand hingegen der Hirnforscher Andrew Newberg, als er Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternahm. Bei der »unio mystica«, dem Verschmelzen in Gott und mit der Welt, wird eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv. Geht es also um Religiosität, sind viele Bereiche im Gehirn aktiv, laufen unzählbare biochemische Prozesse ab.
Hat nun Gott unser Gehirn so geschaffen, dass er für uns erfahrbar ist? Oder ist die Befähigung unseres Hirns zum Glauben ein Teil unserer Natur und schnöder Vorteil im Evolutionsprozess? Gerald Wolf beantwortet diese Frage nicht. Seine Zuhörer schickt er mit Verunsicherung, Zweifeln, Fragen nach Hause. Und er sagt noch: »Glauben ist nicht Wissen.«

Katja Schmidtke

Die Altäre von Kemberg

12. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Der Cranach-Altar in der Kleinstadt nahe Wittenberg fiel vor 23 Jahren einem Brand zum Opfer. Bis heute schwelt der Streit über den Umgang mit dem zerstörten Kulturgut.

Kirchenkonservatorin Bettina Seyderhelm erinnert sich genau an jenen Novembertag 1994. Ein Schwelbrand hatte in der Stadtkirche zu Kemberg gewütet. Mitten im Chaos der Zerstörung lag wie ein »großer gefallener Vogel« der Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren. Zwei Drittel des Kunstwerks von 1565 waren unwiederbringlich verloren. Verbrannt. Verkohlt. Verrußt.

Auch Walter Neumann erinnert sich. Der Elektromeister war damals stellvertretender Bürgermeister, vom Stadtrat eilte er zur Kirche. »Mir war sofort klar, da müssen wir etwas tun«, sagt er. Etwas tun – doch wie? In Kemberg beschritt man verschiedene Wege. »Die Kopie eines so hochrangigen Kunstwerks nach Fotografien ist nicht nur wegen der fehlenden genauen Vorlagen unmöglich, sondern auch, weil kaum jemand die feine Technik der Cranach’schen Malerei beherrscht«, erklärt Bettina Seyderhelm. Der Gemeindekirchenrat schließt sich dieser Ansicht an und beauftragt nach einem Wettbewerb den renommierten Künstler Arnulf Rainer. Er schafft ein Altarkreuz; Günter Grohs dazu korrespondierende Fenster. »Wir haben lange diskutiert und öffentlich, transparent und demokratisch entschieden«, fasst Kirchenältester Dieter Schröter zusammen.

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Zankapfel: Eine Kopie (rechts) des 1994 nahezu vollständig verbrannten Cranach-Altars (links) in Kemberg, Kirchenkreis Wittenberg. Foto/Repro: Thomas Klitzsch

Auch wenn Walter Neumann mit in der Jury für die Neugestaltung des Altarraums sitzt, wählt er einen anderen Weg. 2010 – da ist der Chorraum seit acht Jahren neu – tritt er mit einer Gruppe anderer Handwerker in die Öffentlichkeit: Sie wollen den Cranach-Altar wie Phönix aus der Asche auferstehen lassen. Die Eisleber Künstlerin Mariana Lepadus, die in Rumänien Kirchenmalerei studierte und sich der Ikonenmalerei verschrieben hat, wagt sich an das Projekt. Mehr als 100 Menschen spenden, 74 000 Euro kommen zusammen.

Gemeindekirchenrat, Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Christian Beuchel distanzieren sich von dem Vorhaben. Die Nachbildung soll nicht in der Kirche ausgestellt werden. Kirchenältester Dieter Schröter: »Erstens: Wir haben uns für eine Neugestaltung des Altarraums entschieden und mit Arnulf Rainer einen großen Künstler gewinnen können. Zweitens: In der Sakristei können die erhaltenen Reste des Cranachs besichtigt werden. Drittens: Eine Kopie des Originals kann es nicht geben.« Mehrfach ist dieses Nein schriftlich protokolliert, betont Bettina Seyderhelm. Die Handwerker können oder wollen sich daran nicht erinnern.

Als Standort für die Nachbildung bietet sich der Kirchturm an, der sich in städtischem Eigentum befindet und Ausstellungsort ist. Das gehe aus versicherungstechnischen und klimatischen Gründen nicht, entgegnet Neumann. »Wir haben geglaubt, dass sich in der riesigen Kirche doch ein Platz finden muss«, sagt er. Auch die Spender hegen diese Hoffnung. Die Kirchengemeinde erklärt sich bereit, das Werk von Mariana Lepadus im Mai einige Tage in der Stadtkirche zu zeigen. Zur Präsentation sei die Kirche fast bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen, 300 Menschen hätten sich mit ihrer Unterschrift für den Verbleib ausgesprochen, so Neumann.

Doch inzwischen ist der Altar verabredungsgemäß wieder abgebaut, auch der Bericht der Bild-Zeitung »Altar-Skandal in Kemberg« ändert daran nichts. Die Stimmung in der Stadt ist schlecht. Pfarrer und Kirchenälteste werden überall angesprochen. Der öffentliche Druck wächst. Es heißt, der Ministerpräsident wolle sich einschalten. Am 15. Juni – nach Redaktionsschluss dieser Zeitung – wollen Kirchenkonservatorin Seyderhelm und Superintendent Beuchel zunächst mit der Gemeinde und dann mit den Initiatoren der Altar-Kopie ins Gespräch kommen. Nicht zum ersten Mal.

Katja Schmidtke

Meine Kirche, deine Kirche?

11. Juni 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Unsere Landeskirche ist reich an Kirchgebäuden und an Menschen, die sich dafür einsetzen. Viele helfen mit, auch Kirchenferne, wenn »ihre« Kirche ein neues Dach braucht oder das Mauerwerk trockengelegt werden muss. »Jene, die fern sind, werden kommen und am Tempel des Herrn bauen« (Sacharja 6,15). Wie schön. Und wie anstrengend.

Zu erleben gerade in Kemberg bei Wittenberg: Mit guter Absicht hat eine private Initiative die Nachmalung eines bei einem Brand zerstörten Cranach-Altars in Auftrag gegeben. Und lässt nun nicht locker, um das Werk dauerhaft in der Kirche zu zeigen. Was allen bisherigen Absprachen widerspricht.

Es geht in Kemberg längst nicht mehr um theologische Fragen, ob es nun gut sei oder nicht, einen kopierten Altar ins Zentrum des Gottesdienstes zu stellen, oder um den künstlerischen Wert der Nachbildung. Es geht nicht einmal um Glaubensfragen.

Es geht darum, wem die Kirchen »gehören«, wer wie mitentscheiden kann. Mein Geld, meine Kirche. Mein Glauben, meine Kirche. Und es geht um Heimat. Dieses diffuse Gefühl, das sich aus Geschichte, Erinnerungen, Begegnungen und eben jenen besonderen Orten speist, wie unsere Kirchen sie nun einmal sind. Dieses Kirchturmdenken, gerade bei Konfessionslosen und Atheisten, ist erstaunlich und bemerkenswert.

Die Kirchengemeinde in Kemberg nimmt dies ernst. Sie steht zu ihrem demokratisch gefassten Beschluss, die Altar-Kopie nicht aufzustellen. Andererseits geht sie auf die anderen zu, will helfen, einen Kompromiss zu finden. Im Gegenzug darf sie Verständnis dafür erwarten, dass Kirchen für Christen mehr sind als Gebäude. Abseits der Steine ist das unser Reichtum. (siehe Seite 5)

Katja Schmidtke

Ideen aus den Kirchenkreisen

22. Mai 2017 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Bugenhagenhaus: EKM auf der »Weltausstellung Reformation«

Mit Ausstellungen, Vorträgen und Filmvorführungen ist auch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands auf der »Weltausstellung Reformation« präsent. Vom
20. Mai bis 10. September sind Kirchenkreise und Werke der EKM Teil des Reformationssommers, sagte Adelheid Ebel vom EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum in Wittenberg. Im Bugenhagenhaus neben der Stadtkirche stellt sich die Landeskirche vor.

»Die Idee eines Ausstellungsorts für die EKM geht auf Propst Siegfried Kasparick zurück«, erinnert Adelheid Ebel an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ökumene- und Reformationsbeauftragten der mitteldeutschen Landeskirche. Gemeinsam mit Christiane Schulz, Leiterin der landeskirchlichen Geschäftsstelle für die Lutherdekade, hat Adelheid Ebel diese Idee umgesetzt. Das Programm ist angelehnt an die 16 Themenwochen der »Weltausstellung Reformation«, die mittwochs beginnen und bis Montag dauern; dienstags ist die Weltausstellung geschlossen.

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Adelheid Ebel, EKM-Projektbüro Reformationsjubiläum im Bugenhagenhaus. Foto: Thomas Klitzsch

Den Auftakt in der Festwoche vom 20. bis 29. Mai macht die von Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Reformationsjubiläum angestoßene Initiative »Offene Kirche« sowie das Querdenker-Projekt von Kirche und Internationaler Bauausstellung in Thüringen. In der sich anschließenden Europa-Woche rücken die Beziehungen der EKM zu ihren europäischen Partnern in den Fokus. In der Ökumene-Woche ab 7. Juni präsentiert sich das Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zen­trum, und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda wird schildern, wie Ökumene im Elbe-Elster-Land gelebt wird. Mitte August heißt die Themenwoche »Bibel und Bild«: Dann werden im Bugenhagenhaus der Kirchenkreis Weimar mit seiner Kinderbibel, die Kunstgutbeauftragte der EKM und die Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut in der Kirchenprovinz Sachsen das Programm gestalten. In den Blick genommen werden dabei Kinderbilder des Reformationszeitalters.

Auch die Evangelischen Frauen, die Evangelische Erwachsenenbildung, die Schulstiftung, viele Kirchenkreise aus Nord und Süd sowie die Erprobungsräume stellen sich im Verlauf der Weltausstellung im Bugenhagenhaus vor. »Die vielen Ideen zeugen von der Fülle unserer Landeskirche«, freut sich Adelheid Ebel über die Vielfalt der kommenden Wochen.

Katja Schmidtke

Schmuckstück in Blau: Die Kirche von Dobraschütz

24. April 2017 von redaktionguh  
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Barockes Kleinod am Lutherweg erstrahlt wieder in voller Schönheit

Von der Erschließung des Lutherweges können neben den touristischen Zentren auch die ländlichen Regionen profitieren. Ein Beispiel dafür ist Dobraschütz im Kirchenkreis Altenburger Land. Immer öfter finden Besuchergruppen und Wanderer den Weg in den 50-Seelen-Ort. Der Lutherweg führt an der kleinen Barockkirche vorbei, auf die die Dorfbewohner besonders stolz sind. Innerhalb von fünf Jahren ist ihnen das scheinbar Unmögliche gelungen: die Komplettsanierung des 1752 erbauten Gotteshauses. Nach der Restaurierung des Innenraumes erstrahlt nun auch das äußere Antlitz in hellen, freundlichen Farben.

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Blaues Wunder: Der Innenraum der Kirche in Dobraschütz ist mit Malereien im Stil des Bauernbarock verziert. Foto: Ilka Jost

Wer durch das Portal schreitet, kommt ins Staunen. Die gesamte Ausstattung, bis ins kleinste Detail, ist in erfrischendem Blau gehalten. Wohin das Auge reicht, finden sich Malereien in Form von Engeln, Blumengebinden, Ornamenten und Bibelsprüchen im Stile des Bauernbarocks, die so in der Region einzigartig sind. »Glücklicherweise war alles im Originalzustand erhalten, als 2011 mit den Arbeiten begonnen wurde. Die letzte Restaurierung des Innenraums ist ziemlich genau einhundert Jahre her, und an der Decke und dem Inventar hatte nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch der Holzwurm genagt. An einigen Stellen waren die Malereien nur noch zu erahnen«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Rund 189 000 Euro flossen in das Bauprojekt. Um den Eigenanteil von ca. 43 000 Euro stemmen zu können, startete die kleine Kirchengemeinde außergewöhnliche Spendenaktionen. So wurden Patenschaften für die Neuvergoldung der 126 Sterne an der Decke abgeschlossen, Benefizkonzerte veranstaltet und viele Arbeiten in Eigenleistungen erbracht. Beachtlich war der Einsatz von Karl Jungbeck, Inhaber der Altenburger Senffabrik, der mit einem befreundeten Orgelbaumeister die Orgelsanierung selbst in die Hand nahm.

Belohnt wurde all das Engagement mit einer Förderung durch die Stiftungen Denkmalschutz und Kirchenbau (KiBa) und Auszeichnungen mit dem Denkmalschutzpreis des Altenburger Landes 2013 und dem Thüringer Denkmalschutzpreis 2014. Auch Landeskirche, Kirchenkreis und viele Einzelspender unterstützten das Vorhaben.

Eine Gelegenheit, das »Schmuckstück in Blau« in Augenschein zu nehmen, bietet das Kirchen- und Dorffest am 27. Mai.

Ilka Jost


Torgau baut Brücken

Europäischer Stationenweg: Der Truck macht Halt in der Stadt an der Elbe

Vor einem halben Jahr startete der 33 Tonnen schwere himmelblaue Truck der evangelischen Kirche seine Reise durch 67 Städte in 19 Ländern Europas. Inzwischen ist er beladen mit vielen Geschichten rund um die Reformation und mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Der internationalen Bedeutung der Reformation nachzuspüren und ein Band zu knüpfen, sind die Ziele des »Europäischen Stationenwegs«, einem der zentralen Projekte zum Reformationsjubiläum. Nun macht der Truck zum ersten Mal seit seinem Start Halt auf dem Gebiet der EKM.

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

Schloss Hartenfels: politisches Zentrum der Reformation. Foto: Katja Schmidtke

In Torgau wird das begehbare Multimediamobil am 25. April auf dem Marktplatz erwartet. Ab 10 Uhr steht es für Neugierige offen. Die Stadt an der Elbe stellt den Tag passend dazu unter den Titel »Torgau baut Brücken. Reformation – Begegnung – Gegenwart«. Mit kulturellen Beiträgen soll eine Brücke geschlagen werden von der Reformationszeit über die historische Begegnung amerikanischer und russischer Truppen am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis ins Heute. Im Fokus steht die Frage nach verbindenden Werten zwischen Völkern und Religionen. Alle Stadtbewohner, Gäste und Touristen sind herzlich eingeladen, den Reformationstruck auf dem Marktplatz zu besuchen und eigene Beiträge – aufgezeichnet von Videokameras – im Inneren des Trucks zu hinterlassen.

Übrigens nicht zur symbolisch, sondern auch wortwörtlich werden in Torgau am 25. April Brücken gebaut. Zu erleben ist der Bau einer Holzbrücke durch Schüler ab 15 Uhr auf dem Markt. Grußworte sprechen Jürgen Schilling, Mitarbeiter im Projektbüro Reformprozess der EKD, und Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth.

Später erinnert Torgau an die historische Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Armeeeinheiten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau am 25. April 1945. Dort besiegelten sie symbolisch das nahe Ende des Hitler-Regimes. Daran erinnert die Stadt jährlich mit dem »Elbe Day«. Die Gedenkveranstaltung am Denkmal der Begegnung beginnt 16 Uhr. Unter den Rednern ist auch Superintendent Mathias Imbusch. Der Tag endet mit einer Festveranstaltung im Rathaus (17 Uhr), hier spricht Landesbischöfin Ilse Junkermann über das Brückenbauen.

Wer bereits am Vormittag Zeit hat, ist eingeladen in die Kulturbastion, Straße der Jugend 14b. Dort öffnet von 10 bis 11.30 Uhr das Erzählcafé, in dem es um das »Ankommen in Torgau 1945 bis 2017« geht. Zeitzeugen sind mit Schülern des Johann-Walter-Gymnasiums im Gespräch.

Nächste Station auf dem »Europäischen Stationenweg« nach Torgau ist die Bundeshauptstadt Berlin, Gastgeberin des Kirchentags. Das blaue Geschichtenmobil tourt knapp vier Wochen weiter durch das Land und macht unter anderem Halt in Eisenach (5. Mai) und Bernburg (18. Mai), bevor es am 20. Mai in der Lutherstadt Wittenberg ankommt und dort die »Weltausstellung Reformation« eröffnet.

(G+H)


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