Lange nicht vorbei

4. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Christen in der DDR: Mit einem Bußwort hat sich die EKM für »Irrwege, Unrecht, Verrat und Versagen« entschuldigt. Einer der Mitautoren ist der Hallesche Kirchenhistoriker Friedemann Stengel. Vor Bekanntgabe der Erklärung sprach er mit Katja Schmidtke.

Aus, aber noch nicht vorbei. Wie ist der Stand der Aufarbeitung?
Stengel:
Aus meiner Sicht hat es an vielen wichtigen Stellen keine Aufarbeitung gegeben. Als die Kirchen für ihr Verhalten in der DDR in den frühen 1990er Jahren massiv angegriffen worden sind, war der Grundton: Apologie und Selbstschutz gegenüber dem Vorwurf, zu wenig widerstanden zu haben oder gar Mittäter gewesen zu sein. Die Debatte fokussierte sich auf die Kirche als Institution und speziell auf das leitende Personal. Das war nicht pauschal falsch und ist aus heutiger Sicht weiter zu debattieren, denn die Kirchenleitungen sind, so heterogen sie auch waren, erheblich beeinflusst worden. Die Thüringer Landeskirche und die Kirchenprovinz Sachsen sind nicht außerhalb des direkten Einflusses des MfS gewesen. Es gehört zu den noch vor uns liegenden schmerzhaften Eingeständnissen, dass es deshalb ein unabhängiges kirchliches Handeln in der DDR nicht gegeben hat, besonders wenn es im personellen Bereich um die gezielte »Zersetzung« von Menschen ging.

Welche Themen fehlen bislang?
Stengel:
Es sind Themen, die sich als Hypotheken für jetziges und künftiges kirchliches Handeln erweisen und die Kirche, Gesellschaft und Staat aufarbeiten müssen. Kaum untersucht und bislang unterschätzt wird, welchen Einfluss der in der DDR vorangetriebene Austausch der Bildungseliten bis heute hat. Darüber fällt es so schwer zu reden, weil die Eliten von heute dies erlebt und ignoriert, weil sie die vom Staat geforderte ideologische Bringschuld erbracht haben, parteilich, freiwillig oder mit Zähneknirschen. In allen Jahrgängen und überall in der DDR wurden christliche Schüler und nicht nur Kinder kirchlicher Mitarbeiter am Bildungsaufstieg gehindert. Ich vermute Zahlen im fünfstelligen Bereich.

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Friedemann Stengel in der Altstadt von Halle. Der Kirchenhistoriker lehrt an der Martin-Luther-Universität und hat über die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates promoviert. Foto: Katja Dohnke

Bislang sind in Thüringen 750 Fälle von verfolgten Schülern bekannt. Woran liegt diese Diskrepanz?
Stengel:
Es ist nicht leicht, eine politisch begründete Benachteiligung nachzuweisen. Und die Betroffenen sind in der Beweispflicht. Es ist schwer, ohne weiteres darüber zu reden. Es muss flächendeckend, aber auf individueller Ebene wissenschaftlich untersucht werden, wie diese Benachteiligung funktioniert hat.

Ich verfolge seit Jahren Diskussionen in den Medien: Wenn die Rede von Christen ist, die in der Schule benachteiligt wurden, kommen sofort Leserbriefe mit dem Hinweis auf den einen Katholiken in der Klasse. Die Gesellschaft ist scheinbar nicht bereit, sich dieses Themas anzunehmen. Und wer nicht nachweisen kann, dass ihr oder ihm das Abitur oder das Studium aus politischen Gründen verweigert worden ist, trägt einen Makel mit sich herum, der sprachunfähig machen kann.

Die Betroffenen schweigen aus Resignation, Scham oder weil sie ihre Biografie nicht revidieren wollen?
Stengel:
Diese Menschen können nicht wirklich rehabilitiert werden, denn verweigerte Chancen im Kindheits- oder Jugendalter lassen sich nicht einfach nachholen. Wer zur Wendezeit 30 Jahre alt war, dem können Sie heute nicht das in der DDR verweigerte Abitur oder Studium schenken. Einige, die 1990 im richtigen Alter waren, haben das Abitur nachgeholt, ja. Aber die, die das nicht geschafft haben und die zu alt waren, sind in einer anderen Bildungsschicht geblieben. Wer aus religiösen oder Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerte, durfte nicht Medizin studieren, arbeitet heute aber vielleicht unter Vorgesetzten, die unter Umständen ein schlechteres Zeugnis hatten, aber drei Jahre oder länger in der NVA dienten. Manche sind wütend über die verlorenen Chancen, andere sehen sie als gottgegeben an und versuchen, dennoch ein gelingendes Leben zu
führen.

Welche Rolle spielte Willkür?
Stengel:
Mal wurden die Pfarrerskinder zugelassen, aber die Kinder der Kirchenältesten nicht. In anderen Fällen durften angepasste Gemeindeglieder studieren, aber die Pfarrerskinder nicht. Manchmal durfte der älteste Sohn, nicht aber die Geschwister. Erinnern Sie sich an den Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer, der dem Ehepaar Honecker 1990 Asyl gewährte? Trotz guter und sehr guter Zeugnisse wurde keines seiner zehn Kinder zur EOS zugelassen! Das war Willkür mit System, ja sogar als System. Wir können das nur durch exemplarische Untersuchungen aufknacken. Ich habe im März für die Arbeitsgruppe der Thüringer Staatskanzlei ein Exposé geschrieben mit ganz konkreten Schritten, um dies aufklärerisch aufzuarbeiten.

Warum ist hier der Staat gefragt?
Stengel:
Juristische Rehabilitierung ist nicht alles. Es geht um Anerkennung und eine gesellschaftliche Debatte. Aufgearbeitet werden müssen die Fälle von Wissenschaftlern, aber veranlassen muss dies die Politik, denn für solch ein Forschungsvorhaben braucht es mehr Mittel. Meiner Meinung nach ist die Links-Regierung in Thüringen am besten geeignet, solch ein Vorhaben zu initiieren; gerade Bodo Ramelow aus dem Westen oder Minister Benjamin-Immanuel Hoff, der aus einer ganz anderen Generation stammt. Das ergäbe neue Kontaktzonen, neue Gesprächsinitiativen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die Staatsregierung das doch noch macht. Wir können das Thema nicht aussitzen, es erledigt sich nicht »biologisch«! Das Unrecht muss anerkannt und aufgearbeitet werden, erst dann kann es heilen.

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Stengel:
Beim Thema der verfolgten Schüler muss der Staat aktiv werden. Die Kirche selbst muss es in einer anderen Form. Die Grundhaltung der Apologie halte ich für theologisch fragwürdig. Was der Kirche gut ansteht, ist die Haltung der Selbstkritik und eben auch der Buße. Nur mit Aufrufen erreichen wir nicht viel. Kirche sollte für die Gesellschaft stellvertretend handeln. Wenn wir zur Versöhnung aufrufen, müssen wir anfangen, uns mit unseren eigenen Leuten zu versöhnen.

An wen denken Sie?
Stengel:
An die Haupt- und Ehrenamtlichen, die aus politischen Gründen verfolgt, benachteiligt und von ihrer Kirche bedrängt oder fallen gelassen worden sind. Auch an diejenigen kirchlichen Mitarbeiter, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, weil sie in einer persönlichen Situation, die immer auch politisch war, keinen anderen Ausweg gesehen haben und die im Westen mit Berufsverbot belegt worden sind. Das Thema ist damals wie heute ein Tabu – gesellschaftlich, innerkirchlich, oft auch familiär. Wer ausreiste, verlor seine Heimat doppelt. Da müssen wir endlich ran.

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Gemeinsam neue Wege gehen

27. November 2017 von redaktionguh  
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Jüdisch-Israelische Kulturtage werden 2018 gemeinsam mit »Achava« ausgerichtet

Mit einem Paukenschlag endeten die 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur in Thüringen: Das Festival wird im kommenden Jahr neu ausgerichtet und bekommt einen Mitveranstalter. Der Förderverein für jüdisch-israelische Kultur unter Vorsitz von Pfarrer i. R. Ricklef Münnich wird 2018 erstmals mit den Achava-Festspielen unter Leitung von Martin Kranz zusammenarbeiten.

Hintergrund ist das Zerwürfnis zwischen dem Förderverein und der von ihm angestellten Projektmanagerin Caroline Fischer. »Sie hat sehr gute Arbeit geleistet. Wir hätten das gerne fortgesetzt«, betont Vereinsvorstand Ricklef Münnich und ergänzt: »Aber nach unseren Vorgaben.« Zwischen Verein und Projektmanagerin hatte es Auseinandersetzungen um Ausrichtung und Gestalt des Festivals gegeben.

Caroline Fischer wollte das Festival größer machen, mit mehr Veranstaltungen als den jetzigen 162 in 17 Thüringer Städten. Sie hält das Konzept eines Trägervereins für überholt, lieber wollte sie das »Netzwerk für jüdisches Leben« stärker einbeziehen.

Selbstkritisch merkt der Verein an, dass das Programm bislang auch einem Veranstaltungskalender glich, in den Lesungen oder Theaterproduktionen aufgenommen werden, ohne dass diese tatsächlich für die Kulturtage konzipiert worden sind. Der Verein ist unsicher, ob er mehr eigene Veranstaltungen überhaupt schultern kann und will. Und er hält an der bisherigen Struktur fest.

Mehrere Angebote, auch 2018 als Projektmanagerin zu arbeiten, hat Caroline Fischer abgelehnt, schildert Ricklef Münnich. »Am 8. November sagte sie endgültig ab«, bedauert der Vereinsvorsitzende. Und er erfährt, dass die Angestellte bereits Fördergelder für die Kulturtage 2018 beantragt hat, im Namen des Netzwerks für jüdisches Leben. »Frau Fischer hat unser Vertrauen missbraucht«, sagt Ricklef Münnich. Caroline Fischer entgegnet: Der Antrag sei keine Geheimaktion, sie habe seit Februar um Gespräche zur konzeptionellen Neuausrichtung gebeten.

Seit einiger Zeit stand seitens des Vereins eine Zusammenarbeit mit den Achava-Festspielen zur Debatte. Vereinsvorstand Münnich wollte im neuen Jahr dazu erste Schritte gehen. Nachdem nun das Tischtuch mit Fischer zerschnitten ist, kommt alles schneller: Achava-Mitbegründer und Intendant Martin Kranz schloss mit dem Förderverein für jüdisch-israelische Kultur vor wenigen Tagen einen Kooperationsvertrag. »Achava übernimmt Verantwortung, auch finanziell«, sagt Kranz.

Vielfalt jüdischen Lebens: Theaterstücke, Lesungen, Musik und Führungen wie etwa durch die Alte Synagoge Erfurts (Foto) gehörten zum umfangreichen Programm der 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur. Foto: epd-bild

Vielfalt jüdischen Lebens: Theaterstücke, Lesungen, Musik und Führungen wie etwa durch die Alte Synagoge Erfurts (Foto) gehörten zum umfangreichen Programm der 25. Tage der Jüdisch-Israelischen Kultur. Foto: epd-bild

Beide Festivals bleiben bestehen und schärfen ihre Profile. Achava (hebräisch für Brüderlichkeit) ist interkulturell und interreligiös geprägt, es ist eine Einladung, gemeinsam über Fragen der Gegenwart nachzudenken. Den roten Faden der Jüdisch-Israelischen Kulturtage 2018 geben indes drei Jahrestage vor: 70 Jahre Staatsgründung Israels, 75 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto und 80 Jahre Pogromnacht. Achava-Intendant Martin Kranz verspricht, dass die Kulturtage weiterhin mit ihrer Veranstaltungsbreite und Regionalität punkten. »Gleichzeitig wollen wir die Kernidee und die Qualität garantieren«, so Kranz. Statt viele Programmpunkte anderer Vereine, Initiativen und Häuser einfach zu übernehmen, setze man selbst Schwerpunkte. So sind eigenkonzipierte Veranstaltungsreihen geplant, die durch den Freistaat touren. Auch deshalb soll das Netzwerk für jüdisches Leben ausgebaut und vor allem strukturiert werden, sagt Vereinschef Münnich.

Die Jüdische Landesgemeinde Thüringen mit ihren rund 800 Mitgliedern begrüßt die Zusammenarbeit zwischen Jüdisch-Israelischen Kulturtagen und Achava. »Die Festivals sind ganz wesentlich, nicht nur um die Lücke zu schließen, die der Nationalsozialismus gerissen hat, sondern vor allem als Beitrag zu einer lebendigen jüdischen Kultur in Thüringen«, sagt Vorsitzender Reinhard Schramm.

Katja Schmidtke

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Vorrangig den Dialog suchen

20. November 2017 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Pfarrer Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche Anhalts. Vor seinem Bericht bei der Herbsttagung der Landessynode sprach Katja Schmidtke mit ihm über Willkommenskultur, Kirchenasyl und was Gemeinden in Sachen Integration leisten können.

Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in Anhalt?
Karras:
Für die gesamte Landeskirche liegen mir die Zahlen nicht vor. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lebten zum Stichtag 30. September 1 455 Flüchtlinge. Als Flüchtlingsbeauftragter bin ich nicht nur für Kirchengemeinden Ansprechpartner, sondern für alle Initiativen auf dem Gebiet unserer Landeskirche, die Fragen haben.

In Kürze stellen Sie Ihren Bericht der Synode vor. Sie schreiben von einem Willkommenshype. Da klingt Kritik durch.
Karras:
Ich persönlich hätte mich nicht mit einem Plüschtier auf den Bahnhof gestellt. Dazu bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber natürlich muss jenen Menschen, die zu uns gekommen sind, geholfen werden. Die ehrenamtlichen Initiativen gehörten zu den Ersten, die Flüchtlinge aufgefangen und betreut haben, in wirklich vorbildhafter Weise. Inzwischen ist es so, dass die staatlichen Stellen sehr, sehr gut reagiert haben. Die erste Zeit war eine Ausnahmesituation, in der sich viele zusammengefunden haben, die helfen wollten. Nun ist der graue Alltag eingezogen.

Trotzdem brauchen wir die Initiativen?
Karras:
Ja. Sehr, sehr viele engagieren sich vorbildlich. Und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Wir sehen es an der Türkei; Erdogan ist unberechenbar.

Gibt es eine klassische Arbeitsteilung zwischen Staat und Ehrenamtlichen?
Karras:
Inzwischen nicht mehr. Einen Großteil dessen, was die Initiativen abgedeckt haben, etwa den Deutschunterricht, beherrschen die staatlichen Stellen heute. Aber die Initiativen sind noch wichtig, sie bilden einen Puffer, indem sie zwischen Flüchtlingen und Verwaltung vermitteln.

In Ihrem Bericht beschreiben Sie das Links-Rechts-Denken als kontraproduktiv. Warum?
Karras:
Diejenigen, die sich kritisch äußerten und Probleme thematisierten, wurden sehr schnell in eine Ecke gestellt, ach die sind rechts, mit denen reden wir nicht. Das halte ich für Irrsinn. Es ist wesentlich, den Dialog gerade mit Menschen zu suchen, die nicht unserer Meinung sind. Wir können in einem Dialog das Christliche herausstreichen. Das ist in erster Linie der Einsatz für die Schwachen. Unchristliche, heidnische Gesellschaften sind einem Optimierungszwang unterlegen und dieser Zwang setzt sich heute in der Frage um, was uns die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet und was uns dabei verloren geht. Diese Denkweise vermag unter ökonomischem Aspekt ihr Recht haben, aber sie hat mit christlichem Denken nichts zu tun. Und das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer ist in Not?

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Die Frage stellt sich ganz praktisch beim Kirchenasyl. Wie ist die Lage dazu in Anhalt?
Karras:
Es gibt Fälle von Kirchenasyl, aber nur Fälle mit aufschiebender Wirkung, in denen es um Rückführungen in jenes europäische Land geht, in dem die Flüchtlinge angekommen sind. Mit diesen Kirchenasylen soll erreicht werden, dass das Asylverfahren in Deutschland abgeschlossen wird. Wir haben keine Kirchenasyle zu Abschiebungen in das Herkunftsland, nachdem ein Asylverfahren negativ entschieden wurde.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Kirchengemeinden?
Karras:
Meist ist es so, dass die Betroffenen gar nicht an die Kirchengemeinde gebunden sind, sondern dass sie nach jedem Strohhalm greifen und sich an eine Gemeinde, einen Pfarrer oder direkt an mich wenden. Wer Kirchenasyl gewährt, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, hinsichtlich der Versorgung, der Betreuung oder auch, dass Kosten entstehen, wenn derjenige krank wird und behandelt werden muss.

Uns ist ganz wichtig, den Betroffenen anzuhören, seine Gründe zu erfahren, seine individuelle Not, dass möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht. Am Ende steht ein Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Welche Rolle spielt es, ob der Betroffene Christ ist?
Karras:
Es gibt Gemeinden, für die kommt ein Kirchenasyl nur in Frage, wenn der oder die Betroffene sich in der Gemeinde aufhält, Gottesdienste besucht, sich engagiert. Ich halte das nicht für richtig. Wenn man Bedingungen in dieser Hinsicht aufstellt, könnte ein Schein-Engagement kultiviert werden.

Allerdings hat das Christ-Sein oder nicht in den mir bekannten Fällen von Kirchenasyl keine Rolle gespielt. Es kam den Menschen in den Gemeindekirchenräten darauf an, ob eine Not vorhanden ist, ob sie diese lindern können; auch, ob Kirchengemeinden das ganz praktisch stemmen können. In Köthen gab es einige Kirchenasyle und die dortige Flüchtlingsinitiative erklärte sich bereit, mitzuhelfen. Kirchenasyle können mehrere Monate dauern, in dieser Zeit dürfen die Betroffenen das Gelände nicht verlassen, damit sie nicht verhaftet werden können.

Das erfordert viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen seitens der Gemeinde.
Karras:
Ein Kirchenasyl kann ermüdend sein. Es kann aber auch stärken. In Zieko fand die Gemeinde darin eine Aufgabe und es vollzog sich im besten Sinne ein Gemeindeaufbau, in dem sich viele verabredeten und einen Plan aufstellten, wer den jungen Mann betreut, wer mit ihm Deutsch lernt oder mal ein Spiel spielt.

Was kann Kirche in punkto Integration leisten?
Karras:
Die Integrationsleistung der Kirche läuft über die Gemeinden, die die Menschen einladen, ohne die Absicht, missionieren zu wollen, sondern als Möglichkeit, dass Einheimische und Flüchtlinge miteinander in Kontakt und ins Gespräch kommen.

Sie sprechen sich auch dafür aus, dass Kirche ihren Einfluss auf die Politik geltend macht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Haben Sie dafür einen Vorschlag?
Karras:
Die Entwicklungspolitik der letzten Jahre kann nicht als gelungen bezeichnet werden. Deshalb schreibe ich in meiner Naivität im Synodenbericht über meine ganz persönliche Idee, dass alle Europäer eine Entwicklungs- und Aufbausteuer zahlen müssten. Ich unterstelle, dass Flüchtlinge eigentlich viel lieber in ihrem Land bleiben würden, aber sie sehen dort keine Zukunft. Stattdessen riskieren sie eine lebensbedrohliche Flucht.

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Wir müssen reden

13. November 2017 von redaktionguh  
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Über die »Ehe für alle« gibt es in der Landeskirche Gesprächsbedarf

Die Ehe ist ein weltlich Ding – und birgt doch eine geistliche Dimension, ganz besonders die im Sommer vom Bundestag beschlossene »Ehe für alle«. Eine kirchliche »Ehe für alle« wollte die Jugend der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bereits im Frühjahr auf den Weg bringen. Doch dazu kam es nicht. Die Synodalen baten stattdessen um Geduld und beauftragten den Landeskirchenrat, ein Format zu finden, um weiter über die Gleichstellung der Ehe zu sprechen.

Dieser Prozess ist nun in Gang gesetzt, sagte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Auch der Ausschuss für Theologie und Gemeindeaufbau müsse sich damit beschäftigen, ob dem veränderten staatlichen Gesetz ein verändertes kirchliches Handeln folgt oder nicht. Aktuell liegt die Entscheidung über die Segnung eines gleichgeschlechtlichen Paares bei Pfarrer und Gemeinde.

Kern der Debatte ist für Junkermann die unterschiedliche Schriftauslegung und der Umgang damit. Die »Ehe für alle« kann zu einer schweren Gewissensbelastung werden, wenn auch für eine Minderheit. Darf sich eine Mehrheit darüber hinwegsetzen? Wieweit können sich Christen belasten, wo müssen sie akzeptieren, unterschiedlicher Meinung zu sein? Auch die Frage, warum Trauung und »Gottesdienst anlässlich der Eheschließung« unterschieden werden, will die EKM diskutieren.

Die Landesbischöfin betonte: »Ich bin froh, dass es die Segnungen gibt. Ich bin auch froh, dass die rechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft möglich ist.« Ordnung gibt der Freiheit Raum, zitierte die Bischöfin Martin Luther. Alles andere sei Willkür. »Aber wir sollten andere ernst nehmen, deren Gewissen belastet ist, und das nicht per Mehrheitsbeschluss übergehen«, sagte Junkermann. Die Bischöfin hat die Sorgen jener im Blick, die die Gefahr einer Kirchenspaltung sehen.

Joachim Liebig, Kirchenpräsident der Landeskirche Anhalts, begrüßte die ordnende, rechtliche Klarstellung durch die »Ehe für alle«. Für die Kirche sei es aber nicht nötig, alle staatlichen Beschlüsse geistlich nachzuvollziehen.

Ob homosexuelle Paare gesegnet werden, entscheiden in Anhalt Gemeinde und Pfarrer gemeinsam. Sind sie dazu nicht bereit, ist der Oberpfarrer aufgefordert, eine Lösung zu finden. »Wir hatten bisher, soweit ich sehen kann, einen einzigen Fall. Und da gab es keinen Konflikt«, sagte Liebig. Als Kirchenpräsident sei er sehr zufrieden mit der derzeitigen Situation. Der für Anhalt gefundene Modus trage das neue Gesetz mit. Deshalb rechne er nicht damit, dass sich die Synode in absehbarer Zeit mit dem Thema befassen muss.

In seiner Zeit als Gemeindepfarrer hat Liebig auch Anfragen homosexueller Paare bekommen: »Ich habe das nicht machen können.« Aber es gehöre zur innerkirchlichen Toleranz und Einheit, anders getroffene Entscheidungen von Kirchenältesten und Pfarrern zu akzeptieren. Es sei verheerend, diese Grundsatzfrage als Mittel zur Kirchenspaltung zu verwenden: »Das ist furchtbar. Das ist entsetzlich. Und das darf auf keinen Fall passieren.«

Katja Schmidtke

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Eine Frage der Definition

3. November 2017 von redaktionguh  
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Zwischen Form und Inhalt: Formale Kriterien entscheiden, wann eine Klinik, eine Sozialstation oder ein Pflegedienst sich diakonisch nennen dürfen. Das Beispiel der Lungenklinik Ballenstedt fordert zum Umdenken auf.

Die Diakonie Mitteldeutschland prüft den Ausschluss einer Einrichtung. Der Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) und der Landeskirche Anhalts beschäftigt sich mit der Lungenklinik Ballenstedt. Der Grund: Das Krankenhaus, das bis zum vergangenen Jahr alleinig zur Evangelischen Stiftung Neinstedt gehörte, hat seit Februar 2017 einen weiteren Gesellschafter. Das kommunale Harzklinikum »Dorothea Christiane Erxleben« hält inzwischen 51 Prozent der Geschäftsanteile der Lungenklinik.

Das hat Folgen. »Eine Einrichtung ist dann der Diakonie zuzuordnen, wenn die Kirche den entscheidenden Anteil hat, wenn sie das Sagen hat«, erklärt Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschlands. Das ist die derzeitige Rechtslage.

Doch ein Ausschluss scheint von keinem Beteiligten gewollt und so laufen seit Monaten viele Gespräche. Das Kirchenrechtliche Institut wurde um ein Gutachten gebeten. Über einen möglichen Ausschluss oder eine weitere Zuordnung entscheidet der Diakonische Rat, dem hochrangige Vertreter der beiden Landeskirchen angehören.

»Wir stehen hier vor dem echten Problem zu definieren, was Diakonie eigentlich ist«, sagt Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig auf Nachfrage von »Glaube+Heimat«; die Lungenklinik Ballenstedt befindet sich auf dem Gebiet der anhaltischen Landeskirche.

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov

Praktizierte Nächstenliebe auf Grundlage des christlichen Menschenbildes – so kann man die vielen diakonischen Angebote zusammenfassen. Foto: Andrey Popov - stock.adobe.com

Wer sich Diakonie nennen und das Kronenkreuz im Logo tragen darf, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu zählen etwa das Arbeitsrecht und die Gesellschafterstruktur. Was aber, wenn wie im Falle Ballenstedts das Unternehmen eigenständig im Status einer Tochtergesellschaft des kommunalen Trägers bleibt, wenn Arbeitsverträge nicht angetastet werden, es weiterhin eine Klinikseelsorge, einen Besuchsdienst und eine Hospizgruppe gibt?

Zudem hat die Evangelische Stiftung ein Vetorecht. Befürworter werten dies als eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass die Ballenstedter Klinik Mitglied der Diakonie bleibt.

Dass die Lungenklinik überhaupt gemeinsam mit dem Krankenhaus des Landkreises Harz geführt wird, hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Verwaltung wird gebündelt, das führt zu Einsparungen und durch den Verbund eröffneten sich neue Leistungsfelder, berichtete die »Volksstimme« bereits vor einem Jahr. Harzklinikum und Stiftung wollen mit der gemeinsamen GmbH die Lungenklinik als Krankenhaus der Region stärken. Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig betonte, Kirche, Klinik und Diakonie bleiben im Gespräch. Die Frage, welche Rolle ein diakonisches Selbstverständnis und ein geistliches Profil in der Zuordnung spielen und wie belastbar inhaltliche Kriterien sein müssen und überhaupt sein können, stelle sich indes nicht nur für das Diakonische Werk und die beiden Landeskirchen in Mitteldeutschland. Es sei ein bundesweites Thema.

»Bisher gibt es da keine Einheitlichkeit, das ist außerordentlich bedauerlich«, so Liebig weiter. Nicht nur Änderungen der Gesellschafterstruktur, auch neue arbeitsrechtliche Wege fordern zum Nachdenken auf, wann ein Sozialunternehmen sich Diakonie nennen darf und wann nicht. Dies sei eine berechtige Frage der diakonischen Dachverbände an die verfasste Kirche. Aufs Tableau kommen all diese Themen, weil die Wirtschaft das Soziale längst durchdringt. Das Umfeld hat sich verschärft, die Konkurrenz durch nichtkirchliche Träger ist groß geworden.

Indes hat die Mitgliederversammlung der Diakonie Mitteldeutschland einen Sanktionskatalog verabschiedet, um künftig differenzierter auf Verstöße gegen das Satzungsrecht reagieren zu können. »Bislang hatten wir außer dem Vereinsausschluss keine anderen Möglichkeiten«, schildert Vorstand Wolfgang Teske und zählt als neue, weitere Möglichkeiten Ermahnungen oder die Einschränkung von Rechten auf. Der Ausschluss aus dem Dachverband gilt als ultimo ratio.

Katja Schmidtke

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Quintessenz: Es geht doch!

30. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Premiere: Zum ersten Mal standen sie gemeinsam Rede und Antwort, die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Im Gespräch mit Katja Schmidtke und Willi Wild ziehen sie eine Bilanz des Reformationsjubiläums.

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Gute Nachbarschaft: Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kirchenpräsident Joachim Liebig bilanzieren in Magdeburg das Reformationsjahr. Foto: Katja Schmidtke

Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?
Junkermann:
Ich bin froh, dass es so gut gelaufen ist. Und dass wir so einen starken Doppelpunkt setzen für die vielen Jubiläen, die jetzt noch kommen. Aber ich bin auch froh, dass sich die großen Anstrengungen mit den Veranstaltungen gelohnt haben. Vieles ist gut gelungen. Wo es nicht gelungen ist, haben wir wichtige Erfahrungen gemacht.
Liebig: Für die Mitarbeitenden bin ich froh, dass das jetzt zu Ende geht, denn das war eine starke Belastung. Natürlich zugleich verbunden mit unerwarteten Erfahrungen. Ich erinnere an die Pfadfinderinnen und Pfadfinder und andere, die Urlaub genommen haben für die Kirchentage auf dem Weg, oder um in Wittenberg im Sommer dabei zu sein.

Wir wissen, dass so ein Enthusiasmus auch einen Spannungsbogen hat, und dieser Spannungsbogen geht jetzt zu Ende. Eines kann man sicherlich sagen: In diesem Jahr, und im Rahmen der Dekade, sind die Themen der Reformation bundesweit und darüber hinaus in den Blick gerückt worden. Ich hatte nicht erwartet, dass die Kirchengemeinden bundesweit das Thema so stark aufgreifen. Wir hatten gehofft, die kommen alle zu uns. Aber die waren so enthusiastisch, dass sie dann von Flensburg bis Berchtesgaden selbst ihren Luther entdeckt haben.

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesem Jahr?
Liebig:
Ein eindrücklicher Höhepunkt war für mich der Kirchentag auf dem Weg in Dessau mit dem Anhaltmahl auf dem Marktplatz und Tausenden von Menschen, die Gastgeber und Gäste waren. Bis heute werde ich gefragt: Wann macht ihr das wieder? Da sind wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch gekommen, die sich gar nicht mehr trennen wollten. Das wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben mit der Quintessenz: Es geht doch!
Junkermann: Mir fallen verschiedene Höhepunkte ein. Die ökumenischen Gottesdienste, der Pilgerweg der Versöhnung durch Wittenberg im November 2015. Da haben wir uns klargemacht, wie viele Scherben wir angerichtet haben. Den ökumenischen Gottesdienst, den wir Himmelfahrt 2017 in Magdeburg am Elbufer gefeiert haben, in aller Öffentlichkeit, mit vielen neugierigen Nichtchristen. Anschließend haben die Gemeinden die Tische gedeckt. Und auch hier konnten sich Menschen begegnen. Das war bei den Kirchentagen auf dem Weg auch die Erfahrung in Halle, Weimar oder Erfurt. Dort, wo Kirchengemeinden als Gastgeber auf öffentliche Plätze gegangen sind und zum zwanglosen Gespräch bei Kaffee und Kuchen oder Herzhaftem und Wein eingeladen haben, war die Resonanz sehr gut.

Beeindruckt war ich auch vom Konfi- Camp vor den Toren Wittenbergs. Ich habe 1 500 Jugendliche begeistert und laut erlebt, die dann bei der anschließenden Andacht ganz konzentriert und ruhig mitgefeiert haben. Die Camps kamen bei den Jugendlichen so gut an, dass wir uns entschlossen haben, sie in den nächsten drei Jahren fortzuführen.

Was ist gefloppt, was hätte man besser weggelassen?
Junkermann:
Ich kann keine wirkliche Pleite benennen. Die absoluten Besucherzahlen bei den Kirchentagen auf dem Weg waren geringer als prognostiziert. Ich habe selbst erlebt, dass bei einer Podiumsdiskussion anfänglich nur eine Besucherin da war. Später wurden es dann noch 18, das war auch noch sehr übersichtlich, aber intensiv.Das ist für mich eine sehr wichtige Lernerfahrung. Die Menschen haben es satt, anderen bei der Diskussion zuzuhören. Sie wollen selbst beteiligt werden. Das traditionelle Kirchentagskonzept geht heute – zumindest bei uns – nicht mehr auf. Es geht nicht mehr um Masse, sondern um intensive Gespräche in kleineren Gruppen.
Liebig: Ich frage mich, woran liegt das eigentlich, dass in den Medien bundesweit pauschal über das Reformationsjahr geurteilt wird? Ich sehe hier ein Missverständnis. Kirchentag hat hier bei uns in Mitteldeutschland einen anderen Klang als in Frankfurt oder in Hamburg. Kirchentage waren immer Orte eines intensiven Bekenntnisses zu Zeiten des Kirchenbundes der DDR. Wer zum Kirchentag ging oder gar da öffentlich auftrat, musste gewärtig sein, das wird möglicherweise Konsequenzen haben.

Das heißt, Kirchentag ist nicht immer einfach ein »Happening« gewesen, was es auch im Westen nicht war. Aber im Grunde als Gattung eine problemfreie Form, von der dann die Vorstellung bestand, solche Kirchentagsformate nicht nur an einem langen Wochenende von Himmelfahrt bis Sonntag zu machen, sondern über den ganzen Sommer hinzuziehen. Und so kamen prognostizierte Zahlen letztlich auch zustande.

Nun hat sich gezeigt, dieses Format trägt nicht über so lange Zeit. Der Deutsche Evangelische Kirchentag wird sich fragen müssen, welche Formate sind zukünftig unter Beachtung der Erfahrungen in diesem Jahr erfolgreich.
Junkermann: Eins möchte ich auch ganz klar benennen: Es hat bei den Menschen hier großes Befremden ausgelöst, dass man für kirchliche Veranstaltungen Eintritt zahlen muss. 26 Euro für die Tageskarte, das war auch ein Faktor, warum so wenig gekommen sind. Es wäre sinnvoller gewesen, Spendenkörbchen durch die Reihen gehen zu lassen.
Liebig: Da ist das ursprüngliche westdeutsche Kirchentagsformat in unzulässiger Weise einfach übertragen worden. Zwei unterschiedliche Kulturen stießen und stoßen aufeinander.

Wo war die ostdeutsche Stimme bei den Planungen oder wurde sie einfach nicht wahrgenommen?
Junkermann:
Der Vorschlag zu regionalen Kirchentagen kam von uns in der EKM. Bei der gemeinsamen Auswertung mit den Beteiligten der mitteldeutschen Landeskirchen fiel immer wieder ein Stichwort: Ignoranz. Wir haben im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Planungen und Vorschläge des Vereins r2017 vielfach nicht mit unseren Erfahrungen gedeckt sind. Bei manchem haben wir überraschend gelernt, wie gut es ist, groß zu denken und zu planen, bei anderem hat sich unsere Erfahrung – leider – bestätigt. Aber: Für uns alle war das ein neues Format, so mit dem großen Festgottesdienst verbunden.
Liebig: Es gab und gibt einen großen Unterschied zwischen den volkskirchlich geprägten Gebieten in der EKD und einer Minderheitensituation, wie wir sie hier bei uns haben. Ja, es gibt Solidarität unter den Landeskirchen, wie sie beispielsweise durch den Finanzausgleich deutlich wird. Aber es schwingt immer auch mit: Wann ist es denn nun endlich bei euch so wie bei uns? Und da sage ich jetzt nach nunmehr 10 Jahren im Amt: Es wird nie so sein wie bei euch.

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

»Jeder bringt was mit«: Unter diesem Motto trafen sich die Menschen beim Kirchentag auf dem Weg in Erfurt zum interkulturellen Tischmahl auf dem Domplatz. Foto: Diana Steinbauer

Der Ausgangspunkt im Osten war ganz anders. Wir werden gemeinschaftlich auf eine neue Situation zugehen, die wir noch gar nicht ganz genau beschreiben können. Diese Minderheitssituation wird also dauerhaft erstmal bleiben, wenn der Herr nicht eine Erweckung durch Mitteldeutschland wandern lässt, was immer möglich ist. Und es wird nicht so bleiben in den westlichen Gliedkirchen. In Hamburg war schon Ende der 1970er-Jahre nur eine Minderheit Mitglied einer Kirche. Die urbanen Zentren des Westens haben durchaus vergleichbare Situationen zu unseren. Aber das ist noch ein Tabu. Ich finde, dieses »ihr da drüben, wir hier« sollten wir hinter uns lassen.

Am Ende wird abgerechnet. Rechnen Sie mit Nachforderungen?
Junkermann:
Die Abrechnung der Kirchentage auf dem Weg ist im nächsten Frühjahr zu erwarten. Als Mitträger und Veranstalter sind wir natürlich in der Pflicht. Wir stehlen uns nicht aus der gemeinsamen Verantwortung. Ich fände es auch nicht angemessen, wenn wir uns zurückziehen: »Na, wir wussten es immer.«
Liebig: In der Summe ist das beträchtlich, was da geflossen ist. Viele fragen sich, ob dieses Geld nicht besser anderweitig verwendet worden wäre. Meine Antwort ist ganz klar: Nein! Ohne den Deutschen Evangelischen Kirchentag oder den Durchführungsverein r2017 hätten wir uns an diese Formate nicht herangewagt. Sie wären völlig undenkbar gewesen.
Wir wissen jetzt, wie es ist, als Minderheitskirche in die Mehrheitsöffentlichkeit hinauszugehen. Was funktioniert und was funktioniert nicht? Das mussten wir irgendwann auch mal wissen. Und jetzt wissen wir’s.
Junkermann: Ich bin überzeugt, dass es nicht am Geld hängt. Geld ist nur ein Indikator dafür, wo unsere Probleme sind. Es ist ein Irrglaube, zu denken, kirchliches Leben hinge an der Finanzierbarkeit. Kirchliches Leben hängt am Glauben. Und darüber sprachfähig zu sein, das ist die Aufgabe über das Reformationsjahr hinaus.
Liebig: Ich wage auch zu behaupten, dass an keiner Stelle jemandem etwas weggenommen oder vorenthalten wurde. Wir haben derzeit die komfortable Situation, dass die Einnahmen nicht rückläufig sind. Das Geld für das Reformationsjahr stand tatsächlich zur Verfügung.

Wie ist das Jubiläumsjahr in den Kirchengemeinden aufgenommen worden?
Junkermann:
In sehr vielen Orten und Kirchengemeinden hat man sich mit dem Reformator und der Reformation beschäftigt. Ich kann gar nicht alle aufzählen. Regionale Bezüge zur Reformation wurden hergestellt. Es gab vielerorts ganze Festwochen, die gemeinsam mit Vereinen und der politischen Gemeinde organisiert worden sind. Das finde ich sehr ermutigend.
Liebig: Ein Beispiel ist für mich das Zerbster Prozessionsspiel. Das ist ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht worden. Vom Bürgermeister, der nicht Kirchenmitglied ist, bis hin zu allen anderen Vereinen war der ganze Ort mit vielen Ortsteilen eingebunden. Die Veranstaltungen waren drei Abende ausverkauft. 400 Ehrenamtliche haben sich mit Kirche, Glauben und Reformation beschäftigt.

Reformation geht weiter. Was bleibt von diesem Jahr?
Junkermann:
Ich denke da vor allem an unsere Initiative »Offene Kirchen«. Ja, es geht langsam voran. Aber es ist auch gut so, weil die Kirchenältesten Zeit brauchen, sich damit auseinanderzusetzen. Wer den Schritt wagt, stellt mit Erstaunen fest, dass eine offene Kirche oft von Einheimischen und gar nicht so sehr von Touristen genutzt wird. Das ist ein gutes Zeichen. Und da wollen wir dranbleiben.
Liebig: Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns als Kirche öffnen und zu den Menschen gehen. Dass das funktioniert, haben die öffentlichen Veranstaltungen auf den Marktplätzen in diesem Jahr gezeigt.

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Wittenberg: Was bleibt?

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Endspurt: Am 31. Oktober geht in Wittenberg mit einem Fest das Reformationsjahr zu Ende. Der sogenannte Reformationssommer hinterlässt bleibende Spuren in der Lutherstadt.

Die Christen in Wittenberg haben das Reformationsjahr als Ermutigung erlebt«, bilanziert Wittenbergs Superintendent Christian Beuchel. Volle Kirchen, manchmal sogar zu voll, Gottesdienste, Konzerte, Ausstellungen – all dies habe die Christen gestärkt und jenen 85 Prozent konfessionslosen Wittenbergern ein positives Bild von Kirche vermittelt.

Lange, das verhehlt der Superintendent nicht, haben die Kirchen in der Stadt damit gerungen, welche Aufgabe sie im Jubiläumsjahr eigentlich spielen. Die so einfache wie sinnvolle Antwort: »Wir wollen gute Gastgeber sein«, mit Sonntags- und Themen-Gottesdiensten, mit Andachten und Gebeten. »Es hat der Stadt gut getan, dass an so vielen Orten und zu so vielen Zeiten gebetet wurde«, sagt Christian Beuchel und erinnert, dass in den letzten Wochen der Weltausstellung bis zu 400 Menschen die »Church@Night« der Lichtkirche besuchten. Die Idee möchten die Wittenberger fortsetzen. Jeden zweiten Freitag im Monat, 21.30 Uhr, soll die Stadtkirche in ein besonderes Licht getaucht werden. Als greifbares Erbe der Weltausstellung verbleibt zudem ein Taizékreuz in der Christuskirche, wo es regelmäßig Taizéandachten gibt.

Der Kirchenladen gegenüber dem Asisi-Panorama sei leider nicht so gut besucht worden und auch seien weniger Gemeindegruppen in die Stadt gekommen als erhofft. Beuchel berichtet auch davon, dass es anfangs schwierig gewesen sei, mit in das große Boot der EKD zu steigen. »Immerhin ist nicht nur die Stadt Wittenberg, sondern sind auch die Kirchen der Stadt Gastgeber gewesen.«

Der Verein r2017, der den Reformationssommer auf die Beine stellte, nimmt indes Abschied. Die Weltausstellung ist abgebaut, viele Mitarbeiter sind zurück in Berlin oder auf ihren vorherigen Arbeitsplätzen, ein Großteil der Volunteers hat den Freiwilligendienst beendet und der Ausverkauf von Technik, Büro- und Werbematerial läuft. »Aber: Es bleiben aus fast jedem Torraum Installationen in Wittenberg«, sagt Johanna Matuzak von r2017. Die Spiegel-Stege auf dem Bunkerberg waren von Beginn an als bleibende Installation geplant, und zu weiteren Ausstellungsstücken hat der Stadtrat jüngst einen Beschluss gefasst.

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Die Erdkugel bleibt auf dem Marktplatz, auch wenn der Countdown-Zähler zur Weltausstellung Reformation längst abgelaufen ist. Foto: epd-bild

Demnach gehen das Flüchtlingsboot auf dem Schwanenteich, die Weltkugel auf dem Marktplatz, das House of One im Luthergarten, die Schaukel am Bahnhof und die Europaallee des Stationenwegs in städtisches Eigentum über. Zudem wird geprüft, auf dem Fundament des inzwischen abgebauten Bibelturms eine Radstation zu errichten.

Das Asisi-Panorama bleibt noch vier weitere Jahre geöffnet, danach plant die Stadt, Wohnungen auf dem Grundstück zu errichten. Die Kletterkirche des YoungPointReformation zieht nach Magdeburg um. Die alte Schule, die als r2017-Hauptquartier diente, soll ab dem zweiten Schulhalbjahr 2017/2018 wieder als Gymnasium genutzt werden. »Wir von r2017 werden voraussichtlich Ende November ausziehen, in kleinere Büros in die Fleischerstraße«, sagt Johanna Matuzak. Ende des Jahres hören dann auch die letzten Volunteers auf.

Katja Schmidtke

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Auf Umwegen zurück zur Martinskirche

23. Oktober 2017 von redaktionguh  
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Bildnis hängt jahrelang unerkannt beim ehemaligen Museumschef

Nahaufnahme: Langer weißer Bart, tiefe Falten, finsterer Blick. Und dennoch fühlte sich Jürgen Weigelt, ehemals Museumsdirektor in Bernburg, nahezu magisch angezogen von diesem dunklen Gemälde. Er ersteigert es vor mehr als zehn Jahren auf einer Auktion, fasziniert von einem eigenständigen Stil. Und, ja, auch weil es signiert und datiert ist. Georg Tronnier, 1903. Weigelt hängt sich das Bild zu Hause in sein Herrenzimmer.

Lange Jahre geht er davon aus, es handele sich um ein Selbstporträt. Bis Zeit und Neugier reif für Recherchen sind. Im Künstlerlexikon findet er Tronniers Lebensdaten. Der Künstler wurde 1873 geboren; unmöglich, dass er sich 30 Jahre später als alten Mann selbst auf die Leinwand bannte. »Also telefonierte ich ein bisschen herum. Der Museumskollege aus Hannover gab den entscheidenden Hinweis, es handele sich um Conrad Wilhelm Hase.«

Das Porträt des Erbauers der Martinskirche übergibt Jürgen Weigelt (l.) an Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Foto: Ute Nicklisch

Das Porträt des Erbauers der Martinskirche übergibt Jürgen Weigelt (l.) an Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Foto: Ute Nicklisch

Jener Architekt Hase? Der königlich-hannoversche Baurat und Konsistorialbaumeister der Hannoverschen Landeskirche? Ja. Jürgen Weigelt muss schmunzeln. Ist das nun Zufall oder Fügung, fragt sich der Katholik. Und freut sich. Denn in seinem Herrenzimmer, das wird in diesem Augenblick klar, hängt seit mehr als zehn Jahren ein Porträt des Mannes, der die Gründerzeit in Bernburg entscheidend mitgestaltete – mit dem Bau der Martinskirche in der Bergstadt.

Conrad Wilhelm Hase (1819–1902) schuf rund 300 Bauwerke, darunter mehr als 100 Sakralbauten. Den Raum Hannover prägte er, sodass man statt Neugotik von »Hasik« sprach. Bis ins hohe Alter arbeitete der Architekt: Die Martinskirche in Bernburg wurde am 5. Oktober 1887 eingeweiht, nachdem im Lutherjahr 1883 erste Pläne zum Bau entstanden, erzählt der heutige Pfarrer Karl-Heinz Schmidt. Bernburg war damals eine wachsende Stadt, die Bindung an die Kirche selbstverständlich. Bis zu 12 000 Glieder zählte die Schlosskirchengemeinde – eine neue, zusätzliche Kirche wurde dringend gebraucht. Im September 1884 begannen die Bauarbeiten für die Martinskirche nach Plänen des Baurats Hase.

Ob sich damals kein anhaltischer Architekt fand und wer das Hase-Porträt 1903 posthum in Auftrag gab, das sind Fragen, die Pfarrer Schmidt noch nicht beantworten kann. Er hofft, dass es im Landeskirchenarchiv dazu Unterlagen gibt. Auch Jürgen Weigelt kann keine Angaben machen. »Bei Versteigerungen werden Provenienzen nicht bekannt gegeben«, sagt er. Dem Katholiken war jedoch klar, dass das Gemälde seinen Platz bei den evangelischen Brüdern und Schwestern finden soll. Es wird dieser Tage im Eingangsbereich der Kirche aufgehängt.

Pfarrer Schmidt hat recherchiert, dass zur Gründerzeit der Martinsgemeinde, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, rund 100 Paare getraut, 400 Menschen beerdigt und 400 Kinder getauft worden – jährlich. Heute sind es rund 20 Taufen im Jahr. Aber die neogotische Martinskirche erfährt seit zehn Jahren eine Renaissance. Mit dem Martinszentrum, das Kirche, Kita, Schule und Hort vereint, werden viele Räume zur Begegnung geschaffen.

Katja Schmidtke

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Orgel in der Box spielt ganz von selbst

11. September 2017 von redaktionguh  
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Zauberkasten: Tragbares Miniinstrument kann alle Choräle

Im Büro von Stendals Superintendenten Michael Kleemann steht ein Zauberkasten. Rund 40 mal 50 mal 20 Zentimeter klein ist er und spielt auf Knopfdruck »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Macht hoch die Tür« oder »Gelobt sei Gott im höchsten Thron«. Die Nummer eines Liedes aus dem Evangelischen Gesangbuch wird eingegeben, ebenso die Anzahl der Strophen und ob ein Vorspiel gewünscht ist. Los geht es. »Eine Orgel in der Box«, sagt Superintendent Kleemann: »Wir nutzen sie regelmäßig in Gottesdiensten ohne Kantor.«

In ländlichen Kirchenkreisen, wo Kantoren oder ehrenamtliche Organisten große Wegstrecken zurücklegen müssen und somit gar nicht alle Gottesdienste bespielen können, sorgt die Orgelbox für musikalische Begleitung der singenden Gemeinde – ohne das geringe Volumen und die beschränkte Steuerungsfähigkeit eines sonst oft verwendeten tragbaren CD-Spielers.
Neben der Idee und der Technik ist eine weitere Besonderheit der Orgel in der Box ihre Herkunft: Sie ist in der Altmark entwickelt worden und wird dort produziert.

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Wenn der Kantor keine Zeit hat: Superintendent Michael Kleemann mit dem Zauberkasten, der Orgel in der Box. Foto: Willi Wild

Der Tischler Manfred Hoffrichter hat sich nach der Wende selbstständig gemacht, fertigte zunächst Gehäuse für Orgeln. Aber als Musiker und Tüftler interessierte er sich schon bald für das Innenleben. Heute fertigt die Hoffrichter Orgel GmbH, beheimatet in Salzwedel, Nischenprodukte: Elektronische Orgeln, eine Synthese aus analoger und digitaler Technik mit individuellen Lösungen.

Weil er nebenbei selbst Orgel spielt, weiß er um die Nöte der Kirchenmusiker-Zunft. »Wenn ein Organist fehlt oder eine Orgel nicht spielbar ist, dann bietet sich die Orgel in der Box an«, sagt er. Zielgruppe seien weniger die Kirchenmusiker – die kauften eher eine mobile Blockorgel. Vielmehr würden Pfarrer angesprochen, die sonntags auf den Dörfern unterwegs sind und Gottesdienste auch mit kleinen Gemeinden feiern: »Dann ist der Pfarrer oft der Einzige, der laut singt und das auch noch ohne Begleitung.« Die Orgelbox unterstützt ihn.

Auf einem Chip sind die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs abgespeichert. Der Klang habe ausreichend Volumen und Lautstärke für Kirchenräume. »Die Box ist so laut wie eine elektronische Orgel«, so Hoffrichter. Die Geschwindigkeit lässt sich stufenlos regeln, anders als beim Kofferradio bleibt die Tonhöhe gleich. Und gibt es doch einen Organisten, aber keine spielbare Orgel, lässt sich an die Box auch eine Klaviatur anschließen.

(kas)

Durchgehend geöffnet

4. September 2017 von redaktionguh  
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St. Nikolai in Glindenberg an der Elbe gehört seit drei Monaten zu den »Offenen Kirchen«

Ihre Kirche«, heißt es auf der Homepage der Glindenberger Kirchengemeinde. »Für Sie geöffnet« steht auf dem Schild, das am Hauptportal von St. Nikolai zum Besuch einlädt. Es ist ein warmes Willkommen, das offenbart: Dies ist Gottes Haus und die Öffnungszeiten bestimmt er.

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Herzlich willkommen: Die Dorfkirche von Glindenberg im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine offene Kirche. Fotos: Ronald Floum

Die Kirche in der Gemeinde im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt ist seit Ende Mai eine jener offenen Kirchen, für die Landesbischöfin Ilse Junkermann als größtes Vorhaben der EKM im Reformationsjahr wirbt. Dem Kirchenältesten Dieter Lomberg ist die Initiative nicht fremd: Als Präses der Landessynode nahm er viele Gedanken aus den EKM-Gremien auf. Sein Vorstoß kam in der Gemeinde gut an. »Ob wir es uns trauen können, die Kirche gar nicht mehr zu verschließen, war schon eine Frage«, blickt Dieter Lomberg zurück. Jeden Tag Aufsichtspersonal und Schließdienst zu organisieren – dafür fühlte sich die Gemeinde mit ihren 160 Gliedern nicht stark genug. Aber man entschloss sich, das Experiment zu wagen mit der Option, »zuzuschließen, falls es gar nicht geht«.

Es geht – das ist das Fazit der ersten drei Monate. Kein Dreck, kein Vandalismus, kein Diebstahl. Die Altarleuchter aus Metall wurden jedoch gegen Exem­plare aus Holz ausgetauscht; nicht minder schick, wie Lomberg versichert. Relativ schnell fanden sich Einträge im Gästebuch und wenn der Kirchenälteste alle paar Tage die Kirche besucht, fallen ihm die abgebrannten Teelichter auf. »Unsere Kirche liegt am Elberadweg, da machen Radtouristen Halt«, hat er beobachtet. Aber auch Einheimische kommen und Menschen, die die Region verlassen haben, aber für ein Klassentreffen zurückkommen oder zur Erinnerung an die Großmutter. Die Bläser nutzen die Kirche inzwischen zum inidviduellen Üben.

Dieter Lomberg will andere Gemeinden ermutigen, zumindest über die Öffnung nachzudenken. Eine pauschale Empfehlung spricht er nicht aus. »Das kann nur individuell entschieden werden«, sagt er. Die Initiative birgt für den Synodenpräses eine große Chance. »Kirchen sind geschützte Räume; Menschen dürfen sich hier angenommen fühlen, egal ob sie an Gott glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich zu DDR-Zeiten viele verschiedene Menschen unter dem Dach der Kirche versammelt haben«, sagt Lomberg. Dass es ein Bedürfnis nach Religion gibt, lasse sich ablesen am Boom esoterischer und spiritueller Angebote. Da sei es gut, wenn die Kirche einlade. »Es ist ein Risiko, aber ein positives, wenn Menschen zu uns kommen, mit einem anderen Verständnis, auch mit Forderungen. Gott sagt: Kommt zu mir, und an uns gerichtet: Gehet hin!« Die offene Tür zeigt einen Weg.

Katja Schmidtke

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