Aue der Gnade Gottes

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Herrnhuter Brüdergemeine: Als Mustersiedlung gründeten Christen im 18. Jahrhundert den Ort Gnadau. Christliche Symbolik und ein vielfältiges kirchliches Leben prägen das Dorf bis heute. Ein Besuch.

Licht. Strahlend weiß leuchten die Wände, die Sitzbänke, die Gardinen. Hell und schlicht ist der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Keine barocken Epitaphien, keine gotischen Gewölbe, keine kunstvollen Glasmalereien. Statt eines Altars ein Tisch. Selbst das Kreuz muss man suchen. Manch einer behauptet, nur ein Operationssaal sei klinischer.

Friedemann Hasting schmunzelt. »Schauen Sie mal nach oben«, sagt der Pfarrer. Tatsächlich, auf der Empore steht die Orgel, gekrönt von einem güldenen Kreuz. Kein Kruzifix, kein Bildnis, kein Kunstwerk soll hier ablenken. Der Raum ist nicht heilig, er heißt nicht Kirche, sondern Gemeinsaal. Das leitet sich von Brüdergemeine ab: Frauen und Männer wollten einfach (daher der Name »Gemeine«) und geschwisterlich (daher »Brüder«) miteinander leben.

In Gnadau, südlich von Magdeburg, sind viele theologische Annahmen der Brüdergemeine im wahrsten Wortsinne in Stein gemeißelt. Das Dorf ist quasi eine Mustersiedlung der Herrnhuter Christen. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Ursprung im Pietismus und der tschechischen Reformation und wurde von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Herrnhut/Oberlausitz entscheidend geprägt.

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

1767 hatte die Herrnhuter Brüdergemeine Gnadau planmäßig angelegt. Der Name des Dorfs, nicht weit entfernt von Elb- und Saaleauen, setzt sich aus Gnade und Aue zusammen und erinnert an Psalm 23. Gnadau sollte zu einer »Aue der Gnade Gottes« werden. Der zentrale Zinzendorfplatz ist quadratisch, mit vielen Wegen, Ein- und Ausgängen. Sie stehen für die fünf Wundmale Jesu, die zwölf Jünger, die zwölf Tore ins himmlische Jerusalem. Die Wegführungen sind so gestaltet, dass sich aus der Vogelperspektive das Christusmonogramm erkennen lässt. Früher gab es in der Mitte einen Brunnen: »Alle Bewohner hatten den gleichen Weg zum Wasser, den gleichen Weg zu Christus«, erklärt Pfarrer Hasting. Viele Lindenbäume säumen die Straßen. Mit ihren herzförmigen Blättern symbolisieren sie Herzensbindung eines jeden Gläubigen an Gott.

Bei der Herrnhuter Brüdergemeine steht ein bewusstes, persönliches Bekenntnis im Vordergrund, wenngleich Pfarrer Hasting natürlich auch »Karteichristen« kennt. Aber im Vergleich zu den Kollegen der evangelischen Landeskirche kann der Herrnhuter Prediger besser auf diese Menschen zugehen. Er betreut rund ein Drittel der Mitglieder.

Zur Brüdergemeine in Gnadau zählen 230 Christen, wovon etwa 80 in Gnadau selbst leben. Viele andere Mitglieder wohnen in der Region verstreut: Einmal im Vierteljahr predigt Friedemann Hasting daher auch in Dessau, Leipzig, Gardelegen und Wernigerode. Gnadau selbst hat rund 500 Einwohner.

Um die rund 140 landeskirchlichen Christen im Ort kümmert sich auch der Prediger der Brüdergemeine, alle sechs bis acht Wochen feiert Friedemann Hasting einen landeskirchlichen Gottesdienst. Eine Doppelmitgliedschaft in beiden Kirchen ist möglich.

In Gnadau ist rund jeder zweite Einwohner Mitglied einer Kirche: Es gibt neben Protestanten und Herrnhuter Christen auch Baptisten und Sieben-Tags-Adventisten. Die Brüdergemeine sieht sich als Scharnier zwischen großen und kleinen Kirchen, zwischen römisch-katholischer Weltkirche, evangelischen Landeskirchen und Freikirchen. »Uns ist wichtig, Ökumene nicht nur als katholisch-evangelische Dimension zu sehen«, so Pfarrer Hasting. Dieser Weitblick habe in jüngster Vergangenheit immer wieder Menschen für die Brüder-Unität begeistert. Die kleine Gemeinde wächst zwar nicht, aber sie schrumpft auch nicht.

Kirche ist kein Ort, sondern da, wo Gottes Licht scheint, sagt Pfarrer Hasting. Aus dieser Perspektive sehen die Gnadauer ihren Saal auch nicht als heiligen Raum, sondern als gute Stube. Er fügt sich am Zinzendorfplatz in die Reihe von Wohnhäusern ein. Nur die großen Fenster und der Dachreiter kennzeichnen ihn als Versammlungsort. »Wir räumen hier auch mal flink um, feiern fröhlich Feste, schenken ein Glas Wein aus«, erzählt der Pfarrer. Was erlaubt ist, entscheidet der Ältestenrat.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit anderen Konfessionen – allem voran natürlich Christus als Zentrum des Glaubens – haben sich in der Brüdergemeine besondere liturgische Formen entwickelt. Was Protestanten als Gottesdienst kennen, ist hier eine Predigtversammlung. Auf die kann man sich gerne schon am Samstagabend mit einer Gebetsingstunde einstimmen. Die Liturgie ist immer anders: Es gibt Liturgien für Ostern und Weihnachten, orthodoxe Liturgien, welche zum Heiligen Geist oder zum Sohn. Das Abendmahl hat eine eigene Liturgie, ist eine in sich geschlossene Veranstaltung. Man teilt sich eine Doppeloblate mit seinem Nachbarn. Der Kelch wird durch die Reihen gegeben. Es wird viel gesungen.

Wenn der Saal die gute Stube der Gemeinde ist, so ist der Gottesacker ihr Schlafsaal. Auch hier herrscht Gleichheit. Keine üppigen Grabmale, nur in den Boden gelassene Steinplatten. Keiner kann sich einen besonders schönen Platz reservieren, die Anordnung der Gräber erfolgt chronologisch nach Sterbedatum. »Wenn Gott mich ruft, kann ich mir nicht aussuchen, wer mein Nachbar ist«, sagt Friedemann Hasting. Auf den Platten findet sich neben Namen, Geburts- und Sterbedatum auch ein Bibelwort. Der Gottesacker gleicht einer steinernen Bibel.

Gnadaus Anlage als Familienort ist heute noch zu spüren: In das einstige Brüderhaus ist die evangelische Grundschule gezogen, im Schwesternhaus hat eine Herberge eröffnet. Die Einrichtungen der Stiftung Herrnhuter Diakonie prägen den Ort und sind neben einem Verpackungswerk größter Arbeitgeber.

Katja Schmidtke


Gnadauer Gemeinschaftsverband

Die einzigartige Historie Gnadaus ist heute weitgehend unbekannt, sein Name jedoch im Zusammenhang mit Landeskirchlichen Gemeinschaften und Evangelischen Gemeinschaftsverbänden durchaus ein Begriff. Verwaist liegt er inzwischen da, jener Gasthof, in dem 1888 die Pfingstkonferenz der pietistischen Gemeinschaftsbewegungen tagte (Foto), aus dem besagter Gnadauer Verband hervorging. Die Konferenz gilt als erster Schritt auf dem Weg zu einer Einheit der deutschen Gemeinschaftsbewegung, deren Landesverbände bis dato isoliert arbeiteten. Trotz unterschiedlicher Prägung einte sie das Anliegen, die Arbeit von Laien in der evangelischen Kirche stärker zu entfalten. Es bestanden keine Absichten, sich von der Kirche zu separieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich der Verband entsprechend der innerdeutschen Grenze und schloss sich 1991 wieder zum »Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband« zusammen. Heute hat er seinen Sitz jedoch in Kassel. Vertreten sind darin eine große Bandbreite theologischer Auffassungen, je nach Stellung der einzelnen Gemeinschaften und ihrer Verbände in den verfassten Kirchen. Der Neupietismus und mit ihm die Gemeinschaftsbewegung setzt im Gegensatz zum klassischen Pietismus auf eine stärkere Ausrichtung auf Lehre und Verkündigung, die teilweise zu Lasten der karitativen und diakonischen Tätigkeiten gehen kann.

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Unsichtbar, dennoch da

13. Mai 2018 von redaktionguh  
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Als ich die Recherchen meiner Kollegen zu Glocken mit NS-Symbolen in Mitteldeutschland verfolgte, schnürte sich mir die Kehle zu. Unsere Kirche empfiehlt den betroffenen Gemeinden, an Glocken die Flex anzusetzen. Durch Abschleifen sollen die in Metall gegossenen Bezüge zum Nationalsozialismus verschwinden.

Das ist gut gemeint, aber alles andere als gut gemacht. Verschwindet mit dem Hakenkreuz oder mit den Inschriften auch der historische Bezug, das Gedankengut, unsere gegenwärtige Verantwortung? Im Gegenteil! Das Symbol ist abgeschliffen, aber durch die sichtbaren Folgen ist der Nazi-Bezug, vor allem aber unser Umgang damit präsenter als zuvor. Hitler ist weg und doch weiß jeder, der so eine Glocke sieht, dass er da war. Die Glocke wird immer die Glocke bleiben, die zur Zeit ihres Gusses das Empfinden und die Gesinnung einer Gemeinde ausgedrückt hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es abscheulich, dass in Kirchen der EKM Glocken mit Hakenkreuzen hängen und läuten. Glocken läuten nicht fürs Vaterland, nicht für Adolf Hitler, nicht für nationale Erhebungen, nicht für den Nationalsozialismus. Glocken läuten zum Gebet, zu Gottes Ehre.

Aber was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, ist geschehen. Diese Glocken sind da. Sie sollten weder beschliffen noch zerstört werden. Sie sollten konserviert werden. Sie erinnern uns schmerzlich an unsere Geschichte, an die Verstrickungen der evangelischen Kirche mit der Diktatur. Aber sie gehören vom Glockenstuhl genommen, sie sollten in den Türmen aufbewahrt und kommentiert werden. Diese Glocken läuten dann zwar nicht mehr zu Gott, aber sie bringen unsere Verantwortung als Christenmenschen zum Klingen.

Katja Schmidtke

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Gemeinsam am Tisch des Herrn

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ökumene: Christen haben gut lachen, findet Kirchenclown Leo aus Halle

Das Gleichnis vom Festmahl – eine andere biblische Geschichte wollten Florentine, Amanda, Pauline, Christophorus und Leo nicht erzählen. Welches Gleichnis Jesu passt auch besser zu jenen fünf Kirchenclowns, die vier verschiedenen Konfessionen angehören? Sie sind römisch-katholisch, evangelisch-uniert, evangelisch-methodistisch und freikirchlich-evangelisch – und doch folgen sie alle der großen Einladung Gottes, wie sie im Lukasevangelium (14,15ff) beschrieben wird.

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

»Das Gleichnis des Festmahls stellt alltägliche und gleichzeitig hochtheologische Fragen«, sagt Steffen Schulz alias Kirchenclown Leo aus Halle-Trotha. Da lädt ein Hausherr ein und all seine Gäste sagen ab, er aber schickt seinen Diener wieder los und lässt andere kommen, die Kranken, die Armen, die Aussätzigen. Was machen wir mit der Einladung Gottes? Nehmen wir sie aus freien Stücken an? Setzen wir uns gemeinsam an den Tisch des Herrn? Erkennen wir, dass uns so viel mehr eint als trennt?

Steffen Schulz versucht das. Seit 19 Jahren steht er als Clown Leo auf der Bühne; in der ersten Zeit allein, aber zum elften Clownsgeburtstag 2010 spürte er die große Sehnsucht, gemeinsam mit Gleichgesinnten zu spielen. So entstand das Stück »Köstlich – oder: Kommt, es ist alles bereit!« über das Festmahl-Gleichnis. Leo, Amanda, Florentine, Pauline und Christophorus sowie Almuth Schulz am Piano haben die Bibelgeschichte adaptiert. Aus dem Hausherrn wird ein Paar, neben dem Diener spielt auch ein Hofnarr mit, es gibt Slapstick-Einlagen, das Stück ist als Nummernprogramm konzipiert. »Köstlich« spricht kleine Menschenkinder mit seinen Emotionen und große mit seinen Metaphern an.

»Humor verbindet. Humor ist vielleicht sogar ein Synonym für Ökumene«, sagt Steffen Schulz. Schmunzelnd fügt der hauptberufliche Kirchenclown an, das sei nun wahrlich eine steile These. Aber wenn der Körper lacht, kommt etwas in Bewegung, in Wallung. So wie auch in der Ökumene.

Steffen Schulz hat früh gelernt, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen alle denselben Herrn haben, dass sie einer Familie angehörigen. Er selbst wuchs nahe Halle in einer ökumenischen Familie auf, der Vater katholisch, die Mutter evangelisch. Eher aus zufälligen, pragmatischen Gründen sei er Protestant geworden; die evangelische Kirche war einfach näher am Elternhaus in Gutenberg als die katholische. Mit seinem Clownsnamen Leo besinnt er sich auf seine katholischen Wurzeln, der Name stammt vom katholischen Großvater.

»Ökumene ist für mich selbstverständlich«, sagt Steffen Schulz und freut sich über das gelungene Miteinander seiner Clowns-Kollegen. »Köstlich« ist nicht nur ökumenisch inszeniert, sondern auch ökumenisch finanziert: Neben der EKM beteiligte sich unter anderem das Bistum Magdeburg an den Kosten. Im Jahr 2016, am Vorabend des Reformationsjubiläums, war das Kirchenclown-Ensemble in Luthers Kernland unterwegs. 2018 laden die Clowns im Sauer- und Siegerland zum Festmahl ein und auch für die kommenden beiden Jahre gibt es schon Anfragen und Pläne. Danach will Clown Leo seine Hosenträger an den Nagel hängen. Steffen Schulz möchte sich auf andere Wege begeben, das Evangelium zu verkünden. Ganz sicher mit einer großen Portion fröhlicher Ernsthaftigkeit.

Katja Schmidtke

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Miteinander zu sprechen ist wichtiger, als mit einer Stimme zu sprechen

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen: Geschäftsführerin Elisabeth Dieckmann über verschiedene Aspekte der Ökumene

Haltung ist ebenso wichtig wie Inhalt, geht es um die Ökumene in Deutschland. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) über den Schwung nach dem Reformationsjahr, aktuelle Herausforderungen und einfache ökumenischen Praktiken.

Der Ökumene-Tag in Halle, auf dem Sie den Hauptvortrag hielten, stand unter dem Thema »Jetzt geht’s weiter«. Das klingt nach Aufbruch, oder?
Dieckmann:
Ja, es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das Reformationsjahr ist ja wirklich ökumenisch gefeiert worden und das Fundament, das uns alle trägt, ist gewachsen. Das kann nicht mehr kaputt gemacht werden, und mehr noch, es kann uns Auftrieb geben.

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Ich spüre jedenfalls Elan und neue Zuversicht, um bei Herausforderungen in der Gesellschaft, aber auch im Dialog mit anderen Religionen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Gleichzeitig schätzen wir unsere Pluralität wert. Es gibt natürlich weiterhin Unterschiede. Wir können und müssen nicht an jeder Stelle mit einer Stimme sprechen. Aber wir sind bereit, miteinander zu reden. Wie Reinhard Kardinal Marx sagte: 2017 ist ein Kairos, ein Geschenk der Gnade.

Bedeutet die pastorale Orientierungshilfe für das Abendmahl einen Rückschlag? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie beschlossen, aber einige Bischöfe scherten danach aus und beschwerten sich beim Vatikan.
Dieckmann:
Das Kirchenrecht gewährt einen gewissen Entscheidungsspielraum: Soll ein katholischer Spender einem Protestanten die Kommunion reichen, muss eine schwerwiegende geistliche Notlage vorliegen.

1983 wurde kirchenrechtlich festgelegt, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz entscheidet, wann eine solche Notlage eintritt. Die neue pastorale Orientierungshilfe hat das Ziel, dem Pfarrer vor Ort einen Entscheidungsspielraum zu überlassen, so dass er im Gespräch mit betroffenen Eheleuten eine gute Lösung finden kann.

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass sich sieben Bischöfe an den Vatikan gewandt haben. Neu ist das nicht, wir kennen das aus der Schwangerenkonfliktberatung. Nun müssen wir abwarten, wie Rom entscheidet. Ich möchte sehr hoffen, dass nicht eine Minderheit über den Weg nach Rom die Mehrheit überstimmt. Die Bischofskonferenz hat mit ihrer Handreichung eine ökumenische Öffnung bestätigt, die in vielen katholischen Gemeinden bereits Praxis ist.

Ist diese pastorale Orientierungshilfe eine glückliche Stunde der Ökumene oder Murks?
Dieckmann:
Unsere Haltung ist entscheidend! Nur mit Forderungen auf den Partner zuzugehen, bringt uns nicht voran. Sind wir ehrlich oder rückwärtsgewandt, verharrend auf unseren eigenen Vorurteilen? Ich finde, in der deutschen Ökumene geht es durchaus ehrlich zu. Aber ich kann nachvollziehen, dass es den konfessionsverschiedenen Ehepaaren zu langsam geht.

Ist die Basis weiter als es Kirchenleitung und Theologen sind?
Dieckmann:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es muss Spielräume geben, und es gibt sie. Kirche ist nicht dazu da, ein starres Korsett vorzugeben. Natürlich gibt es Menschen an der Basis, die nach vorne drängen, das ist gut und richtig so, denn die Kontakte vor Ort tragen die Ökumene. Aber für sichere, stabile, langfristige Beziehungen braucht es auch institutionelle, verbindliche Verabredungen. Sonst wäre Ökumene ganz abhängig von den Handelnden vor Ort.

Die ACK-Mitgliedskirchen haben die Charta Oecumenica unterzeichnet. Was sind die wesentlichen Inhalte?
Dieckmann: Dass wir eine Gemeinschaft bilden in Glauben, Sakramenten, Dienst und Zeugnis. Uns gelingt schon viel, etwa bei Caritas und Diakonie, beim Religionsunterricht. An ostdeutschen Schulen gibt es schon häufiger einen gemeinsamen Reli-Unterricht, weil hier die Zusammenarbeit zwischen den Christen durch die Minderheitensituation und durch die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur geprägt ist. Manchmal, wie etwa in Berlin, sind es ganz pragmatische Gründe. Es gibt in einigen Bundesländern auch schon einen orthodoxen Religionsunterricht.

Warum verstehen wir Ökumene so oft als katholisch-evangelischen Dialog?
Dieckmann:
Die ACK wirbt seit langem dafür, dieses katholisch-evangelische Übergewicht wahrzunehmen und zu sehen, dass auch Frei- und orthodoxe Kirchen zu Deutschland gehören. Als die Planungen zum Reformationsjubiläum begannen, hieß es noch Lutherdekade, dann Reformationsdekade, schließlich feierten wir ein Christusfest. Die täuferischen Bewegungen, die ja auch aus der Reformation kommen, kamen aber kaum vor. Es ist im breiten Bewusstsein wenig verankert, dass es in Deutschland noch andere Formen von Kirche gibt. Mit einem anderen Taufverständnis, einer anderen Liturgie, einem anderem Gottesdienst-Leben. Aber das sind auch Formen des Christentums, die wir kennen lernen sollten.

Die Charta Oecumenica ist voller guter Ideen, aber sind es nicht zu viele? Der Pfarrer schreibt Predigten, unterrichtet Konfis, besucht Kranke, führt die Gemeinde geistlich und geschäftlich – und dann auch noch Ökumene?
Dieckmann:
Ist das wirklich so, muss ich Ökumene als Zusatzaufgabe auffassen? Muss jede Kirchengemeinde alles machen? Oder kann ich nicht die Chance nutzen, Ökumene als Arbeitsteilung, als Entlastung zu begreifen? Faktisch gibt es einiges, das wir ökumenisch tun können, ohne dass es Arbeit ist: beten! Ob persönlich oder als Fürbitte im Gottesdienst.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Frauen in Führungspositionen

1. Mai 2018 von redaktionguh  
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Evangelische Frauen: EKM-Werk fordert mehr Familiensinn


Zehn Jahre sind ins Land gegangen, so manche Themen sind geblieben. Mit geschlechtergerechter Sprache beschäftigten sich die Evangelischen Frauen bereits auf der ersten Frauenversammlung des geeinten Werkes. Im Jahr 2008 war das, kurz nach dem Zusammenschluss der provinzsächsischen und thüringisch-landeskirchlichen Frauenwerke zu den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland (EFiM).

Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der EFiM, ist enttäuscht über die Entscheidung der Frühjahrstagung der Landessynode, geschlechtergerechte Sprache nicht in die EKM-Verfassung aufzunehmen. Die Aussage des halleschen Kirchenrechtlers Michael Germann, die Sprache werde zu einer geschlechtsfixierten, weist Ritter zurück. »Es geht um das Sichtbarmachen von Wirklichkeit in einer Kirche des Wortes«, sagt sie.

Carola Ritter. Foto: EKM Frauenwerk

Carola Ritter. Foto: EKM Frauenwerk

Laut dem EKD-Gleichstellungsatlas ist die EKM eine Kirche, in der gleichberechtigt Männer wie Frauen engagiert sind. In Gremien seien Frauen gut vertreten, wenngleich ihre Beteiligung in leitenden Positionen einer Pyramide gleich nach oben abnimmt. Auch wenn gegenwärtig die oberste Kirchenleitung weiblich ist, sind vor allem in der mittlere Ebene, also in den Superintendenturen oder Referatsleitungen der Verwaltungen, Frauen unterrepräsentiert. Das müsse kontinuierlich beseitig werden, so Ritter. Sie wünscht sich dafür ein Umdenken in Sachen Arbeitskultur. »Reden wir von Familienfreundlichkeit, denken wir zunächst an die Phase der Familiengründung. Aber in den nächsten Jahren wird uns immer mehr beschäftigen, dass Mitarbeitende ihre Angehörigen pflegen wollen oder müssen«, sagt Carola Ritter. Sie plädiert dafür, dass Leitungspositionen geteilt wahrgenommen werden können, dass es verlässliche Möglichkeiten gibt, von Voll- auf Teilzeit und zurück zu wechseln und dass es in Berufsbiografien Raum für Weiter- und Fortbildungen gibt. Als Erfolg habe sich in den vergangenen Jahren das Mentoringprogramm in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten erwiesen, das Frauen auf Führungspositionen vorbereitet.

Neue Kompetenzen zu vermitteln, ist auch für Ehrenamtliche wichtig. 70 Prozent jener, die sich in der Kirche ehrenamtlich engagieren, sind Frauen, so Carola Ritter. Sie werden in Weiterbildungen gestärkt und finden in Frauennetzwerken Austausch und Unterstützung.
Bislang gibt es nicht in allen Kirchenkreisen Beauftragte für die Arbeit mit Frauen, und wo es sie gibt, so nur im Neben- oder Ehrenamt. »Wir müssen uns von flächendeckenden Angeboten verabschieden. Heute arbeiten wir schwerpunktmäßig«, berichtet Carola Ritter. Im Großen und Ganzen zieht sie eine positive Bilanz: »Da sind wirklich zwei Werke unterschiedlicher Prägung und Arbeitsform zusammengewachsen.«

Katja Schmidtke

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Landesgartenschau: Freier Zutritt zum Kirchenpavillon

15. April 2018 von redaktionguh  
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Die aufgeschlagene Bibel als Dach. So präsentiert sich der Kirchenpavillon auf Sachsen-Anhalts Landesgartenschau in Burg, die am 21. April beginnt.

Foto: Renate Wähnelt

Foto: Renate Wähnelt

Eine Gemeinschaft der Kirchen aus der Stadt und der Region laden 170 Tage lang unter dem Motto »Aus der Quelle erfrischt« zu Mittagsandachten und Sonntagsgottesdiensten ein, bieten Lesungen, Musik, Spiele für Groß und Klein und eine Oase der Ruhe, sagte Ute Mertens. Die Superintendentin des Kirchenkreises Elbe-Fläming, der das Kirchenprogramm in den eintrittsfreien Ihlegärten koordiniert, präsentierte gut zwei Wochen vor dem Startschuss den Pavillon und dankte der Lotto-Gesellschaft für die finanzielle Unterstützung von 9 700 Euro sowie allen Organisatoren und Helfern.

Die Kirchenzeitung ist Medienpartner der LAGA Burg 2018.

Wenn im Pfarrhaus kein Licht mehr brennt

Gemeinde: Probleme und Chancen für Regionalpfarrämter. Ein Beispiel aus dem Kirchenkreis Elbe-Fläming.

Im Pfarrhaus ist das Licht ausgegangen. Erlischt damit das Licht der Kirche? Wie viele Hauptamtliche braucht eine Gemeinde, um Kirche zu sein? Wem ist es zuzumuten, sonntags über die Dörfer zu reisen: dem Pfarrer oder den Kirchgängern?

Es sind Fragen wie diese, mit denen sich die Christen im Kirchenkreis Elbe-Fläming seit einigen Jahren auseinandersetzen. Weil die Zahl der Gläubigen zurückgeht, kann der Kirchenkreis weniger Geld für Mitarbeiter ausgeben und muss Stellen abbauen. Entwürfe zum Stellenplan wurden seit 2016 diskutiert, im September 2017 beschloss die Kreissynode auf einer Sondersitzung mit zwei Gegenstimmen und vier Enthaltungen, die Vorgaben der Landeskirche umzusetzen. Der Stellenplan sieht vor allem die Einrichtung von Regionalpfarrämtern vor.

In Tucheim, einem Ort an der brandenburgischen Grenze, ist die Pfarrstelle seit anderthalb Jahre vakant.

Tucheim ist Zentrum des gleichnamigen Pfarrbereichs mit sechs Predigtstellen gewesen und bildet nun ein Regionalpfarramt mit Wollin, Wusterwitz und Ziesar. Weil sie »ihre« Pfarrstelle erhalten wollen und aus Protest gegen das Regionalpfarramt ist der Tucheimer Gemeindekirchenrat (GKR) im Herbst geschlossen zurückgetreten. Es folgten eine hitzige Debatte in der Lokalzeitung und eine emotionale Gemeindeversammlung im Januar.

Die Gemeinde wird seitdem vom Kreiskirchenrat geleitet; das Regionalpfarramt hat seine Arbeit aufgenommen. Für die sechs Kirchspiele und eine Kirchengemeinde sind zwei Pfarrer, ein ordinierter Gemeindepädagoge, eine Gemeindepädagogin und ein Kirchenmusiker zuständig. Die drei ordinierten Mitarbeiter teilen sich die Seelsorge, dafür sind Bezirke festgelegt worden. Der für Tucheim zuständige Pfarrer Thorsten Minuth hat seine Dienstwohnung im Wolliner Pfarrhaus.

In der Region gibt es vier Pfarrhäuser. Bei drei ordinierten Mitarbeitern ist klar, dass immer ein Haus leer stehen wird. Zurzeit ist das Tucheim. »Die Gemeinde lebt nicht davon, dass ein Pfarrer im Pfarrhaus wohnt. Die Gemeinde lebt von den Christenmenschen vor Ort«, betont Superintendentin Ute Mertens.

Das Schrumpfen der Kirche lässt die jahrhundertealte Tradition einer pfarrerzentrierten Gemeinde wanken. Das schmerzt nicht nur in Tucheim, sondern auch anderswo. Mancherorts sind Einschnitte in den Gottesdienstrhythmus zu verkraften, andere verlieren den Pfarrer, den sie einmal gewählt haben, weil sie nun einem anderen Seelsorge-Bezirk zugeordnet werden, heißt es im Wusterwitzer Gemeindebrief.

Doch in der Krise liegen Chance und Freiheit. Denn es fehlen Vorgaben, wie ein Regionalpfarramt gestaltet werden soll. Das Zusammenwachsen wird vom EKD-Zentrum »Mission in der Region« begleitet. Im Gespräch sind ein Zentrum für Kinder und Jugend oder ein Regionalbüro. Schon heute gibt es einen Regionalchor. »Gerade in der Musik bricht ein zartes Pflänzchen auf«, hat Superintendentin Mertens beobachtet. Sie benennt auch die Schwierigkeiten: die Verlustängste, die Ungewissheit und ganz praktische Sorgen. Das Regionalpfarramt erstreckt sich über zwei Bundesländer. Organisiert die Kirche Kinderfreizeiten, müssen die Ferientermine von Sachsen-Anhalt und Brandenburg zueinanderpassen.

Das Zusammenwachsen erfordert Mut, einige Dinge zu lassen und andere auszuprobieren. Es wird zudem Gelassenheit, Neugier und Zeit brauchen. Der Kreiskirchenrat und die
Superintendentin laden alle ein, die sich darauf einlassen wollen und können. Eine Zukunftswerkstatt hat gerade begonnen. Egal, wie unterschiedlich die Vorstellungen von Kirche auch sein mögen: Die Basis haben alle Christen gemeinsam. Ute Mertens ist sicher: »Wir brauchen viel Gottvertrauen.«

Katja Schmidtke

Antrag an die Synode

Die Tagung der Landessynode widmet sich den Gemeinden. Ein Grund ist der Antrag, den der Kirchenkreis Elbe-Fläming im Herbst einbrachte. Darin heißt es, die Gewichtung der Kriterien für die Berechnung der Stellen mögen überdacht werden. Sie zementierten das Ausbluten kirchlichen Lebens auf dem Land.

»Die Landessynode möge klar sagen, wie sie sich in Zukunft Kirche vorstellt: als flächen­deckende Institution, die auch in kleinen Dörfern missionarische Arbeit leistet, oder als Kirche von geistlichen Zentren, die ›weiße Flecken‹ in der Fläche zulässt.«


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Kirche in der frohen Zukunft

8. April 2018 von redaktionguh  
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Gemeindeporträt: Die Heilandskirche ist das jüngste evangelische Gotteshaus in Halle

Wo ist die Frohe Zukunft? Gleich hinter dem Gertraudenfriedhof – das kann man als Hallenser und Christ so oder so sehen. Tatsächlich grenzt das in den 1930er-Jahren entstandene Wohngebiet »Frohe Zukunft« an den größten städtischen Friedhof. Einfamilienhäuser säumen die Straßen, in den Gärten recken sich die Frühblüher in die Sonne und am Krokusweg läuten die Kirchenglocken.

Kirche am Krokusweg: Die Heilandskirche im halleschen Stadtteil »Frohe Zukunft« vereint Gotteshaus und Gemeinde­räume. Sie fügt sich ins Wohngebiet ein. Foto: Ev. Kirchenkreis Halle-Saalkreis

Kirche am Krokusweg: Die Heilandskirche im halleschen Stadtteil »Frohe Zukunft« vereint Gotteshaus und Gemeinde­räume. Sie fügt sich ins Wohngebiet ein. Foto: Ev. Kirchenkreis Halle-Saalkreis

1938 wurde die Heilandskirche eingeweiht – Halles jüngstes evangelisches Gotteshaus. Im schlichten Stil erbaut, mit einem bescheidenen Turm und ohne Hauptportal, fügt sie sich in das Wohngebiet ein. Das Gebäude verbindet Kirche und Gemeinderäume – früher lebten hier Diakonissen, die den Kindergarten leiteten.

Wenige Jahre nach ihrer Einweihung wurde die Heilandskirche im Sommer 1944 von Bomben getroffen und schwer beschädigt. Den Taufstock samt Schale retteten Helfer. In den Flammen wurden die Glasfenster von Paula Jordan und die klappbaren Altartüren mit den Seligpreisungen vernichtet.

»Die Gemeinde ist jung, aber ihre Geschichte ist voller Umbrüche«, erzählt Pfarrerin Grietje Neugebauer. Die Chronik erzählt von der Einweihung unterm Hakenkreuz, Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau in der kirchenfeindlichen DDR, vom Weg als Filialkirche zur Eigenständigkeit, vom Wachsen und Schrumpfen.

1938 zählte die Gemeinde rund 3 800 Glieder, 1952 waren es 3 500, acht Jahre später nur noch 1 000. »Heute haben wir rund 500 Gemeindeglieder«, sagt Kirchenältester Jürgen Pannwitz.

Mit St. Pankratius und Paulus gibt es eine Kooperation. Pfarrerin Neugebauer betreut zudem das Kirchspiel Trotha-Seeben. Die regionale Zusammenarbeit bietet Chancen für die Gottesdienst-Gestaltung, aber sie fordert auch Einsatz. »Es gibt hier ein großes ehrenamtliches Engagement und alle sind sehr selbstständig tätig«, sagt die Pfarrerin. Das verbindet die Menschen mit ihrer Kirche. Die Fluktuation ist im Vergleich zu den Stadtgemeinden ohnehin gering, die »Frohe Zukunft« ist schon fast dörflich.

Das geistliche Leben der Heilandsgemeinde ist geprägt von regelmäßigen Gottesdiensten, dem Café Kroküsschen für Senioren, einem Diakoniekreis mit der Paulusgemeinde, dem Chor und einem Gesprächskreis 30plus – eine Zielgruppe, für die es sonst eher weniger kirchliche Angebote gibt, so Grietje Neugebauer. Alle Generationen kommen zu Gemeindeabenden über kirchliche und gesellschaftliche Themen und zum Basteln in der Advents- und Osterzeit zusammen.

Seit einigen Jahren öffnet die Gemeinde ihr Gotteshaus für weltliche Feiern: Weil viele Familien in die »Frohe Zukunft« gezogen sind und die Grundschule keinen großen Saal hat, wird die Einschulung in der Kirche gefeiert. Jürgen Pannwitz führt außerdem Schüler im Rahmen ihres Ethik-Unterrichts durch die Kirche.

Katja Schmidtke

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Gesungener Glaube

2. April 2018 von redaktionguh  
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Schule und Kirche: Musik prägt, ermutigt und lehrt. Sie hilft auch beim Aufbau einer jungen, lebendigen Gemeinde. Ein Beispiel aus Naumburg.

Seht nach vorn! Denkt schon an euer Publikum«, sagt Jan-Martin Drafehn, und 130 Augenpaare richten auf den Musiklehrer und Domkantor, der im Heft auf dem Notenständer die nächste Seite umblättert. Stille im Andachtssaal der evangelischen Grundschule St. Martin im Herzen Naumburgs. Am geschwungenen Kreuz flackert eine Kerze. Drafehn gibt ein Zeichen und die Jungen und Mädchen stimmen das nächste Lied an: »Im Namen Gottes«. Fast eine Stunde singen sie über Gott, Jesus und die Tempelreinigung. Mal stehen sie, mal sitzen sie auf Schemeln. »Stietzen, also sitzen und stehen«, erinnert Jan-Martin Drafehn seine Schüler an einen geraden Rücken. Das ist wichtig, damit die hohen Töne kraftvoll und laut die kleinen Körper verlassen können.

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Schwerpunkt Singen: Die Domschule hat ein musikalisches Profil. Auftritte, wie zur Schuleinführung, gehören dazu. Foto: Katja Schmidtke

Jeden Freitagmorgen probt der Schulchor unter Leitung von Domkantor Drafehn und der Leiterin der evangelischen Domschule, Regina Keilholz. Musik ist hier nicht irgendein Unterrichtsfach. Musik prägt, neben dem christlichen Glauben und dem reformpädagogischen Konzept, das Leben an dieser Schule. Die Kinder genießen zwei Stunden Musikunterricht wöchentlich und damit doppelt so viel wie im Lehrplan vorgesehen. Für die Dritt- und Viertklässler ist der Chor verbindlich, das freitägliche Singen ist fest im Unterrichtsplan integriert. Aktuell sind auch die Erst- und Zweitklässler dabei. Alle – Kinder, aber auch Mitarbeiter und Eltern – bereiten sich gerade auf das diesjährige Musical vor. Es gehört zu den Traditionen der noch jungen Schule. Am 20. und 21. April wird »Gerempel im Tempel« in der Marienkirche des Doms aufgeführt.

Ganz selbstverständlich erleben die Jungen und Mädchen den Dom als »ihre« Kirche, sagt Schulleiterin Regina Keilholz. Von den Fenstern ihrer Klassenräume blicken sie auf die Steine, denen man die Jahrhunderte ansieht. Regelmäßig gestalten sie Mittagsgebete, feiern Schulgottesdienste. Die Schule ist verbunden mit der Kirche.

Schule und Gemeinde, Schul- und Kirchenmusik, Bildung und Verkündigung sollen zusammenwachsen. Michael Bartsch, Dompfarrer und Vorsitzender des Trägervereins der Schule, ist Initiator dieser Idee. Als ihren Motor beschreibt er Kirchenmusikdirektor Drafehn.

Denn die Idee funktioniert nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Kirche und Schule, sondern auch wegen der Menschen, die hier wirken. »Als wir die Stelle des Domkantors vor zehn Jahren ausgeschrieben hatten, suchten wir bewusst einen Kirchenmusiker, der Musikunterricht an der Schule gibt«, schildert Pfarrer Bartsch.

Meist sind es die Pfarrer und Gemeindepädagogen, die an die Schulen kommen, aber Kantoren? In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kennt Michael Bartsch, der Vorstandsvorsitzender der Johannes-Schulstiftung ist, kein vergleichbares Modell und bedauert dies. Der Kirche, die doch händeringend nach der Zukunft suche, sei dieses Beispiel unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

»Wir haben ein großes unausgeschöpftes Potenzial in unserer Kirche, was die Kinder- und Jugendarbeit betrifft.« Umso unverständlicher für die Naumburger, dass die Kreissynode den Stellenplan beschlossen hat, der eine Kürzung der Domkantorenstelle vorsieht.

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz (Fotos rechts). Foto:Matthias Keilholz

Gelehrt wird nach der Ward-Methode, einem ganzheitlichen Ansatz. Foto:Matthias Keilholz

Naumburg, so Pfarrer Bartsch, erntet die Früchte, die vor 18 Jahren mit der Gründung des Schulvereins gesät wurden. Auch – und das soll nicht verschwiegen werden – unter Anstrengungen und mit Zweifeln innerhalb der 2 800 Glieder umfassenden Gemeinde. Doch der Theologe will evangelische Kindergärten und Schulen nicht als Last, sondern als Lust verstanden wissen.

Er spricht von den Chancen, dass junge Generationen in der Gemeinde wirken. Diese Kinder sind schon da. Sie müssen nicht mühsam gesucht und geworben werden, wenn eine Musical-Aufführung geplant ist oder die Kantorei vergreist.

In Naumburg sprechen die Zahlen für sich: Im vergangenen Jahr wurden 39 Taufen gefeiert, in diesem Jahr möchten sich mehr als 70 Jugendliche konfirmieren lassen, in der Domsingschule singen mehr als 100 Schüler, der Jugendchor umfasst nicht nur 30 Mädchen, sondern auch zwölf Jungen, die nach dem Stimmbruch weitersingen. Der Domchor besteht aus rund 70 Sängern und hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verjüngt. Immer wieder finden auch Eltern über ihre Kinder den Weg in die Kirchenmusik.

»Die Musikarbeit der Gemeinde fußt auf dem Schulsingen«, bilanziert Kantor Drafehn, aber sie sei natürlich offen für alle, und jeder Chor ist eigenständig und kein bloßes Nachwuchsreservoir, betont der Kantor.

Der Musiker ist überzeugt: Jedes Kind kann singen. In der Schule wendet er die Ward-Methode nach der amerikanischen Musikpädagogin Justine Ward an. Nach dieser vokalen Methode sollen alle musikalischen Erfahrungen über die Singstimme vermittelt werden. Dabei bekommt jeder Tone eine Silbe und eine Geste zugeordnet: So erleben die Kinder Singen mit ihrem ganzen Körper. Die Käfergruppe ist an diesem Morgen eifrig und konzentriert dabei. Wenn Jan-Martin Drafehn fragt, wie der Ton klingt, schnellen die Hände in die Höhe. Jeder will zeigen, was er kann.

Im Unterricht und darüber hinaus: Die Musik kreiert in dieser Schule eine ganz eigene Praxis der Frömmigkeit: gesungener Glaube.

Katja Schmidtke

Hintergrund
Die evangelische Domschule St. Martin in Naumburg wurde 2001 eröffnet und befindet sich in Trägerschaft des Vereins »Evangelisches Schulprojekt Burgenlandkreis«. In dem historischen Gebäudekomplex am Dom sind auch Kindergarten und Hort untergebracht, beides trägt die Kirchengemeinde. Zum Kollegium der Grundschule gehören sechs Lehrer, zwei pädagogische Mitarbeiter, ein Schulleiter und vier externe Lehrkräfte. Zwei Stunden Religion werden pro Woche unterrichtet, zum geistlichen Leben gehören Tischgebete, eine wöchentliche Andacht und natürlich die Musik. Unterrichtet wird in Lerngruppen mit Erst- und Zweitklässlern sowie Dritt- und Viertklässlern.


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Pfarrerinnen für die City

5. März 2018 von redaktionguh  
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Halle-Saalkreis: Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant wechseln an die Marktkirche

Neue Zeiten brechen für die hallesche Marktkirchengemeinde an: Nachdem im Dezember 2016 der langjährige Pfarrer Harald Bartl in den Ruhestand verabschiedet worden ist und Pfarrerin Sabine Kramer zu Jahresbeginn als Direktorin des Predigerseminars nach Wittenberg wechselte, steht die Gemeinde vor einem personellen und auch inhaltlichen Wandel. Im Juni werden Simone Carstens-Kant, bislang Pfarrerin an Luthers Taufkirche in Eisleben, und die Bad Lauchstädter Pfarrerin Ulrike Scheller ihren Dienst an der Marktkirche beginnen.

Damit wird Realität, wofür der Kirchenkreis Halle-Saalkreis bereits im Herbst 2014 die Weichen stellte: Die Kirche »Unser Lieben Frauen«, Schnittstelle zwischen Gemeindearbeit, Stadtkultur und Touristik und mit ihren 3 800 Mitgliedern die größte Gemeinde der Stadt, erhält eine Citypfarrstelle.

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Personeller Neubeginn in Halle: Simone Carstens-Kant (links) und Ulrike Scheller werden im Sommer ihren Dienst an der Marktkirche, hier vom Hallmarkt aus gesehen, beginnen. Fotos: Kirchenkreis, Katja Schmidtke, Knut Scheller

Ulrike Scheller wurde vom Kirchenkreis für sechs Jahre mit der neu eingerichteten Pfarrstelle betraut. Ihre Arbeit soll in der gesamten Stadt Ausstrahlung entfalten. Wie dies genau aussehen wird, ob mit einem Schwerpunkt Kultur oder als Stadtteilarbeit, das muss sich finden. »Das Arbeitsfeld ist noch nicht ausdefiniert. Das lässt viel Freiheit«, sagt die 42-Jährige. Sie will sich in Halle auf die Suche nach neuen Formen der Verkündigung machen. Im Pfarrbereich Bad Lauchstädt (Kirchenkreis Merseburg), wo Scheller sieben Jahre tätig war, gelang dies beispielsweise mit thematischen Abendgottesdiensten. Für eine Predigt dieser Reihe wurde sie 2016 mit dem Ökumenischen Predigtpreis ausgezeichnet.

Die Citypfarrstelle wird 75 Prozent einer Vollzeitstelle umfassen, zu 25 Prozent wird Scheller für den Kirchenkreis an der Organisation der ökumenischen Lebenswendefeiern mitarbeiten. Dies sei der Citykirchen-Arbeit nicht unähnlich: Auch hier geht es um die Öffnung der Kirche in die Stadt.

Dieses Ziel verbindet Ulrike Scheller und Simone Carstens-Kant, die die Gemeindepfarrstelle an der Marktkirche im Sommer aufnehmen soll. Nach einem Gemeindeabend und einem Gottesdienst Mitte Februar hatte der Gemeindekirchenrat mehrheitlich sein Einverständnis mit dem Besetzungsvorschlag der Landeskirche erklärt. Abschließend entscheidet die landeskirchliche Personalkommission.

Die 55-jährige Carstens-Kant hat bislang die eher projektbezogene Pfarrstelle am Zentrum Taufe in Eisleben inne und freut sich auf die Herausforderung. Es habe sich im Gemeindegespräch gezeigt, wie vielfältig das geistliche Leben an der Marktkirche ist und dass doch ein Ziel eint: Die Sehnsucht, Menschen zu erreichen. Carstens-Kant und Scheller wollen hierbei zusammenarbeiten. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sehr fröhlich sei ein erstes Telefonat verlaufen. Als ein Signal, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen, wollen sie sich in einem Gottesdienst in ihre Ämter einführen lassen.

Auch Kirchenältester Gottfried Koehn begreift die Zusammenarbeit zwischen Carstens-Kant und Scheller als zusätzliche Chance. »Die Intensivierung der persönlichen Seelsorge und die weitere Öffnung der Kirche in die Stadt ist unser gemeinsames Ziel«, sagte er.

Bis die Frauen im Sommer ihre Arbeit aufnehmen, wird die Gemeinde erstmals in ihrer 500-jährigen Geschichte mit den Herausforderungen der Vakanz konfrontiert. Denn auch Vikar Helfried Maas hat die Gemeinde bereits verlassen und seinen Entsendungsdienst in Wiehe (Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda) angetreten. Vertretungspfarrer ist seit 1. Januar

Peter Kästner. Katja Schmidtke

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Frauen, Töchter und Mütter

5. März 2018 von redaktionguh  
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Generationen im Gespräch: Am 2. März ist Weltgebetstag der Frauen, am 8. März Internationaler Frauentag. Wie wachsen Mädchen heute auf? Wie prägen Mütter ihre Töchter? Hanna (66), Anna (45) und Paula Manser (16) stellten sich diesen Fragen.

Frau Manser, Sie sind Jahrgang 1952. Mit welchem Frauenbild sind Sie aufgewachsen?
Hanna:
Wir waren vier Mädchen. Meine Mutter, Jahrgang 1913, hat sich sehr für Literatur interessiert und war gern Lehrerin. Ihren Beruf hat sie bei der Geburt meiner ältesten Schwester aufgegeben und dann nie wieder beruflich gearbeitet. Manchmal flüsterte sie mir ins Ohr: »Denk dran: immer schön lieb, leise und lächeln!« Obwohl sie sich selbst nicht so angepasst benommen hat.

Sie gewährte mir viele Freiheiten: Ich durfte mit 17 Jahren nach Ungarn trampen. Ihre nonverbale Botschaft war: »Macht was aus eurem Leben.« Unsere Mutter war innerlich rebellischer, als sie das gelebt hat.

Ihr Vater war Pfarrer, war Ihre Mutter eine klassische Pfarrfrau?
Hanna:
Nicht in dem Sinne, dass der Satz fiel: »Ich halte meinem Mann den Rücken frei.« Ich erinnere mich an Streitgespräche. Meine Mutter wollte es nicht, dass sie beim Abendmahl knien sollte. Außerdem quälte es sie, dass unser Religionslehrer den Nationalsozialismus durch seine Kindheit so verinnerlicht hatte. Sie fand, wir sollten zu diesem Mann lieber nicht zur Christenlehre gehen. Das konnte sich mein Vater als Pfarrer natürlich nicht leisten.

Sie hat uns zu nichts genötigt. Die Stärkung und den Freiheitsdrang durch den Glauben, das habe ich von meiner Mutter.

Anna, Sie sind Jahrgang 1973. Mit welchem Frauenbild sind Sie groß geworden?
Anna:
Meine Mutter hat das Thema viel kämpferischer behandelt als wir. Aber aus ihrer Sicht und ihrer Historie verstehe ich das – ihr Vater war schon patriarchalisch.

Die Gleichberechtigung, Mutsch, war dir so wichtig, die hast du manchmal auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen. Und ich habe es eher als was Selbstverständliches übernommen, als etwas Natürliches. Vielleicht hast du uns den Weg etwas ebener gemacht.

Was wollte sie auf Biegen und Brechen durchsetzen?
Anna:
In Beruf und Erziehung wolltet ihr beide einen möglichst gleichwertigen Raum bekommen. Vater hat voll gearbeitet, du halb …
Hanna: Wir haben uns abgewechselt. Ich habe streckenweise voll gearbeitet.
Anna: Ich habe noch im Ohr, wie ihr im Gespräch wart: »Wenn du, dann ich auch.« Das hieß nicht, dass du nichts mit uns Kindern zu tun haben wolltest, aber es sollte nicht auf Kosten deines Berufs gehen. Das hat mich geprägt. Ich weiß nicht, wie ich wäre ohne diese Wurzeln, du bist wie eine Löwin aufgesprungen für die Rechte der Frauen.

Paula, als Schwester unter zwei Brüdern: Wie ist das Gefüge in Ihrer Familie?
Paula: Meine Mama hat mir schon gerne Kleider angezogen und ich hatte viele Puppen. Das schon. Aber im Spiel mit meinen Brüdern gab es keine Geschlechterunterschiede.
Anna: Eher war es eine Ehre, ein Mädchen zu sein. Erinnerst du dich an deinen Spruch auf dem Anrufbeantworter: »Marc Manser, Anna Manser, Viktor Manser, Heinrich Manser, Paula Mädchen«?

Ist Emanzipation für die junge Generation ein Thema?
Paula:
Eigentlich nicht. Ein Beispiel aus dem Sportunterricht: Die Jungen haben gerade einen Kraftkreis, die Mädchen tanzen. Wir können aber wechseln, kein Problem. Ich spiele Fußball, früher auch in Jungsmannschaften.
Anna: Das höre ich zum ersten Mal mit dem Kraftkreis. Das finde ich stark. Uns sind in der Schule die Unterschiede deutlich gemacht worden. Auch was Kleidung und Spielzeug betrifft, Rosa für Mädchen, Blau für Jungs, und dass man Jungen keine Puppe schenkt.
Hanna: Mein eindrücklichstes Erlebnis ist die unterschiedliche Einschätzung des Leistungsvermögens. Mutter wollte, dass wir studieren. Vater brachte den Satz: »Ach, Krankenschwester reicht doch auch.« Und später im Studium merkte ich, Frauen werden viel mehr als Männer über ihr Äußeres eingeschätzt.
Paula: Unter uns Mädchen gibt es diese Bewertungen nicht, zumindest nicht in meinem Freundeskreis. Aber bei Jungs fragt man sich schon, ob es jetzt an Äußerlichkeiten liegt, dass die eine oder andere beliebter ist …

Anna, Sie arbeiten in einer Führungsposition. Was halten Sie von der Frauenquote?
Anna:
In unserem Team sind viele Frauen. Eine Freundin arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte und sie spricht von starken Auffälligkeiten, die eine Quote vielleicht lösen würde. Bis zur Promotion ist das Verhältnis der Bewerber pari-pari. Bei Habilitationen viele Männer. Frauen fehlt durch das Kinderkriegen z. B. oft die Auslandserfahrung, die wichtige Publikation etc.

Kinder verändern alles. Was verändern sie in einer Partnerschaft?
Anna:
Im Gegensatz zu meinen Eltern sind wir viel lockerer (mit der Aufgabenverteilung) rangegangen. Wir haben eine viel klassischere Rollenverteilung. Es war aber immer klar, dass ich wieder arbeiten gehe. Mein Mann war sehr stolz, als ich die Leitungsfunktion annahm. Wir haben das Abholen der Kinder am Nachmittag aufgeteilt.Manchmal ist mein Mann, nach meinem Empfinden, zu spät zum Kindergarten gefahren. Aber wir konnten uns immer aufeinander verlassen.

Ich war auch mal drei Wochen zur Kur, allein, ohne die Kinder. Das hat mir mein Mann nie vorgehalten.

Du lachst, Paula?
Paula:
Ja, uns kam es wie drei Jahre vor. Unter drei Männern war es nicht einfach. Ich erinnere mich, dass ich einmal vor Wut und Verzweiflung gebrüllt habe: »Papa kennt sich gar nicht mit kleinen Mädchen aus!«

War es in Ihrer Ehe auch klar, dass beide arbeiten, Hanna?
Hanna:
Ja, das war selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten bekam mein Mann einmal eine verlockende Stelle an der Uni Jena angeboten und er fragte, ob es für seine Frau auch eine Stelle gäbe. Da war nichts. Und dann hat er das Angebot abgelehnt. Unsere beiden ältesten Kinder kamen zur Welt, als wir noch studierten. Mit dem Eintritt in die Gemeinde mussten wir aushandeln, wer wann für die Kinder da ist.

Sie haben sich von dem Frauenbild Ihres Vaters emanzipiert, haben studiert, leben in einer gleichberechtigten Partnerschaft, übten einen Beruf aus, der lange Männern vorbehalten war. Dass es auch anders geht, haben Sie als Leitende Pfarrerin bei den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland erfahren, oder?
Hanna:
Ich habe in der Seelsorge oft diesen Fall erlebt: Die Frau ist Katechetin oder Sprechstundenhilfe, der Mann Pfarrer oder Arzt. Solange die Partnerschaft funktioniert, ist das kein Problem. Kommt es zur Trennung, offenbart sich ein Ungleichgewicht: Diese Frauen haben wenig verdient, waren oft nur in Teilzeit angestellt, sie sind im Alter nicht gut versorgt.

Ein Meilenstein in unserer Kirche war das Mentoring-Programm. Dort wurden Frauen begleitet und unterstützt, wenn sie Führungsaufgaben übernehmen wollten. Diese jungen Frauen haben das unglaublich dankbar angenommen. Frauen wachsen an Frauenbeziehungen.

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Drei Generationen an einem Tisch: Die 16-jährige Paula Manser besucht die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Halle, Diplom-Pädagogin Anna Manser leitet das Schirm-Projekt, eine soziale Einrichtung in Halle, und ist für 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, Pfarrerin i. R. Hanna Manser arbeitete als Gemeindepfarrerin, als Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland und im Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrum. Foto: Katja Schmidtke

Paula, wissen Sie, was Sie einmal beruflich tun möchten?
Paula:
Ich habe einmal in einen Beruf reingeguckt, das war nichts für mich. Ich kann mir bislang auch nicht vorstellen, in einer Führungsposition zu arbeiten. Ich mag es lieber, wenn mir jemand sagt, was zu tun ist, und ich das abarbeiten kann. Ich leite zwar gerade eine Gruppe von jüngeren Konfis. Wir sind vier Kreisleiter und ich bin die, die den Spaß macht.
Anna: Jetzt verkaufst du dich unter Wert. Du leitest den Kreis auch allein, wenn die anderen einmal nicht da sind. Da machst du dir gar nichts draus, du gehst los und machst es. Und das sage ich nicht nur aus Mutterstolz. Als junge Frau konnte ich mir es übrigens auch nicht vorstellen, ein Team zu führen.

Mussten Sie gegen Widerstände kämpfen?
Anna:
Nein, aber von alleine wäre keiner auf mich gekommen. Ich glaube, Männern wird es eher angeboten, sie werden angeworben. Stünden Männer und Frauen alle in einer Reihe, würde kein Unterschied gemacht werden. Aber in der Reihe stehen eben viele Männer und wenige Frauen.

Weil ihnen wegen der Baby-Pausen einige Berufserfahrungen fehlen, weil sie keine Lust auf Gerangel und Spielchen haben.

Hanna: In den Gemeindekirchenräten sitzen übrigens mehr Frauen,
da müssen wir auf eine Männerquote achten. Frauen sammeln meist die Kollekte, Männer übernehmen eher die Lesung.

Was ich rate: Frauen, tut euch zusammen. Nicht in dem kämpferischen Sinn mit gereckter Faust. Sondern: Schaut aufeinander, lernt voneinander, ermutigt euch. Und seid nicht eifersüchtig.

Anna: Neid ist nichts Frauentypisches, auch wenn es bei Frauen Stutenbissigkeit heißt.
Paula: Unter Mädchen gibt es aber nicht diese Machtstreitigkeiten wie bei Jungs. Wer ist der Anführer, wer hat die meisten Muskeln, wer kann was am besten.

Was muss sich für die Frauen heute ändern?
Hanna:
Leider sind die typischen Frauenberufe noch immer weniger anerkannt und schlechter bezahlt. Frauen dürfen sich mehr zutrauen, mehr fordern, beruflich und in der Gemeinde.

An die beiden Älteren: Was geben Sie Ihrer Enkelin und Tochter mit auf ihren Weg?
Anna:
Ich hätte nie das Geschlecht wechseln wollen. Ich empfinde es als ein Glück, eine Frau zu sein.
Paula: In unserer Familie ist das nicht die schlechteste Wahl. (Alle lachen)
Hanna: Schwanger zu sein und Kinder zu gebären, ist ein Wunder. Das Gespür, das ich dadurch bekommen habe, wie verletzlich und kostbar das Leben ist. Dass du das in aller Fülle erfährst, das wünsche ich mir für dich, Paula.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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