Was uns im Leben trägt

21. September 2018 von redaktionguh  
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Das Selbst stärken: Es gibt Menschen, bei denen wird aus einer Krise eine Depression, während andere wie Phoenix aus der Asche aufsteigen. Was stärkt die menschliche Seele?

Im Leben mehr zu sehen als das, was die Augen wahrnehmen, Sinn und Bedeutung zu erfahren, an Gott zu glauben, das hat Einfluss auf unsere Widerstandsfähigkeit.
Resilienz nennen Wissenschaftler die Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit nach leidvollen Umständen. Wie Menschen Krisen bewältigen, hängt von komplexen neurobiologischen, psychologischen und sozialen Lernprozessen ab, ebenso wie von strukturellen Faktoren wie unserer Erziehung sowie von gesellschaftlichen Bedingungen, schildert die promovierte Psychologin Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienzzentrum der Universitätsmedizin in Mainz. Der Glaube ist ein Resilienzfaktor unter vielen.

Das Leben so zu gestalten, dass es unsere Resilienz fördert, ist eine gesamtgesellschaftliche, ja sogar politische Aufgabe, so Dr. Gilan. Andererseits ist es höchst persönlich. »Resilienz ist trainierbar«, sagt die Psychologin. Das gilt für unser Verhalten, also ob wir Emotionen wie Zorn regulieren können, ebenso wie für unsere Grundhaltungen, also ob wir realistisch-optimistisch und überzeugt davon sind, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen. Beides muss immer wieder geübt werden. »Bei Resilienz geht es um einen lebenslangen Lernprozess«, sagt Dr. Gilan.

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Dabei kann der Glaube sowohl eine Ressource zur Heilung sein als auch ihr entgegenstehen, sagt der Psychotherapeut Stefan Hilffert. Wer sich Glaubenslehren unterworfen sieht, die den eigenen Empfindungen widersprechen, kann Religion als einengend und gefangennehmend empfinden.

In seiner Praxis in Laucha bei Naumburg arbeitet er mit einem psychotherapeutischen Ansatz, im Privatleben ist Stefan Hilffert engagierter Christ. Er selbst empfindet die lutherische Botschaft als befreiend, dass nicht die Werke, sondern allein Gottes Gnade einen Menschen gerecht machen. »Ich fühle mich geborgen. Es ist gut zu wissen, nicht funktionieren zu müssen, sondern sein zu dürfen«, sagt er.

Der Schlüssel zur Heilung seelischer Wunden liegt in den Menschen selbst, sagt der Psychotherapeut. Den einen trägt Gott, der andere erfährt Trost in einer intakten Beziehung oder, ganz profan, im Sportverein. Hilfferts Aufgabe ist es, seinen Patienten zu helfen, diese Ressourcen zu entdecken, den Schlüssel zu finden und Türen zu öffnen. Heilung ist ein Prozess, aber er endet nicht damit, dass am Ende alles heil ist, sondern dass Wunden versorgt sind, dass Narben sich nicht entzünden, dass der Schmerz nachlässt.

Ob sich der Glaube positiv oder negativ auswirkt, hängt laut Donya Gilan vom Resilienzzentrum weniger mit der Stärke religiöser Überzeugungen zusammen, sondern mehr mit dem Einfluss des Glaubens auf Krisenstrategien. Wer in stressvollen Lebensphasen mit Gott hadert, kann Religion als belastend empfinden. Immerhin konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren die Freudsche Annahme widerlegen, dass Religiosität an sich der seelischen Gesundheit schadet. In einer Reihe von Studien wurde gezeigt, dass Religiosität nicht vorrangig mit Passivität, Abwehr oder Verdrängung einhergeht. Vielmehr konnte bei Gläubigen ein aktives Bewältigungsverhalten und ein eher ausgeprägtes Selbstwertgefühl beobachtet werden. Durch den sinnstiftenden Charakter, ritualisierte Handlungen und die Verbundenheit mit anderen Gläubigen kann der Glaube positive Effekte auf die psychische Gesundheit haben, so Dr. Gilan.

Der religiösen Bildung schreibt sie gerade in Zeiten zunehmend multireligiöser Gesellschaften eine Bedeutung zu: Im Sinne einer Schule der Toleranz kann Religion eine Quelle sein, um die psychische Entwicklung von Kindern zu fördern. Damit hat sich auch Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Ökumene der hessischen Kirchen beschäftigt. Besonders Kinder erfahren ihre eigene Stärke durch stabile Beziehungen. »Glaube ist eine Ressource, um zu Kräften zu kommen«, sagt sie. Dies zu erkennen und zu fördern, darin bestärkt die Bibel: Die Kindersegnung, das Gleichnis vom verlorenen Schaf, aber auch die Schöpfungsgeschichte oder die Psalmen 23 und 139 erzählen davon, dass der Mensch nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

Katja Schmidtke

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Erste Berührung mit dem Glauben

20. September 2018 von redaktionguh  
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Evangelische Grundschule Hettstedt wirkt seit 15 Jahren in der Bergbaustadt

Für das neue Schuljahr hat die evangelische Grundschule in Hettstedt schon jetzt 29 Anmeldungen. Geht es so weiter, wird es auch im kommenden Jahr zwei erste Klassen geben. Derzeit lernen 94 Mädchen und Jungen in dem Schulgebäude aus DDR-Zeiten. Vor 15 Jahren startete die »Martin Luther«-Schule mit acht Kindern.

Hettstedt war und ist geprägt vom Bergbau. Die Schule im Neubaugebiet ist für viele der erste Berührungspunkt mit Kirche überhaupt. Dies als Chance zu erkennen, ist der Verdienst der Elterninitiative, die 2003 die Schule gründete, ebenso wie von Schulleiterin Kerstin Müller und ihrem Team. Mit Unterstützung des Kirchenkreises wurde die Schule zur »Gemeinde auf Zeit«. Anerkannt und gewürdigt wurde dieser Einsatz mit der Aufnahme der Schulgemeinde in die »Erprobungsräume« der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Schulanfänger mit ihrer Lehrerin Anne Zacharias. Foto: Katja Schmidtke

Die Schulgemeinde feiert regelmäßig Gottesdienste und Andachten. Oft, aber nicht immer, ist Schulpfarrerin Dörte Paul dabei. Auch Lehrer und die Erzieher des Schulhorts »Noahs Vielfalt«, Eltern und Kinder bringen sich in das geistliche Leben ein. Tischgebete gehören zum Alltag. Im »Raum der Stille« ist das Vaterunser kunstvoll an die Wand gemalt. »All dies, das tägliche Leben hier, prägt unsere Schüler«, sagt Kerstin Müller. Auch jene Kinder, die aus konfessionslosen Elternhäusern kommen. In jedem Jahr gibt es Anfragen, Kinder, aber auch Eltern taufen zu lassen. Am Anfang hat Schulleiterin Müller für jedes Kind, das keinen Christen in der Familie hat, selbst das Patenamt übernommen. Mit der Zeit wurde das immer schwieriger, lacht die Lehrerin.

Von Schulpfarrerin Paul stammte die Idee, die Kirchengemeinden und die Schulgemeinde zusammenzubringen – und so werden heute auch junge Menschen, die gerade ihre Konfirmation gefeiert haben, dazu ermutigt, Paten für Grundschüler zu werden. Besonders aus den Heimatgemeinden der Schüler sollen sich Christen finden, damit die Kinder nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule nicht aus der christlichen Gemeinschaft heraus-, sondern in sie hineinwachsen. Um den Kontakt zu stärken, sind Hettstedts Pfarrer Sebastian Bartsch sowie Superintendent Andreas Berger im Schulkuratorium, die Schulleiterin nimmt in Abständen an den Sitzungen des Gemeindekirchenrats teil, zum Martinstag gibt es einen gemeinsamen Umzug, und der erstmals gefeierte Familiengottesdienst stieß auf eine so gute Resonanz, dass er wiederholt werden soll. Die Kantorin leitet einen Schulchor und das Kinder- und Jugendpfarramt der EKM half, eine Vater-Kind-Freizeit zu organisieren.

Zusammenzuarbeiten ist Schulleiterin Müller wichtig: auch im Team, das mit sechs Lehrern und vier Erziehern, von denen zwei als pädagogische Mitarbeiter im Unterricht dabei sind, gut besetzt ist. Ein eigenes Lehrerzimmer gibt es nicht, Lehrer und Hortner teilen sich einen Pausen- und Arbeitsraum. Alle wirken gleichberechtigt mit. Ganzjährig gibt es Angebote in den Ferien, die auch die Lehrer mitgestalten.

Nun warten alle sehnsüchtig auf eines: Den Fördermittelbescheid für die umfassende Sanierung der Schule, die sich seit 2010 in Trägerschaft der Schulstiftung befindet.

Gefeiert wird der 15. Schulgeburtstag am 21. September im Kolping-Berufsbildungswerk in Hettstedt. Die Vorführungen der Kinder stehen unter dem Thema »Das Leben ist so bunt wie ein Regenbogen«.

Katja Schmidtke

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Finanzen: Vieles wird in einen Topf geworfen

27. August 2018 von redaktionguh  
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Oberkirchenrat Stefan Große über Fakten und Vorurteile bezüglich der Staatsleistungen

Regelmäßig im Sommer veröffentlicht die Humanistische Union Berechnungen zu den Staatsleistungen für die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Diözesen. Sie betragen in diesem Jahr für die EKM rund 39,9 Millionen Euro. Katja Schmidtke sprach darüber mit dem Finanzdezernenten, Oberkirchenrat Stefan Große.

Viele Medien übernehmen den Ton der Pressemitteilung der Humanistischen Union. Ärgert Sie das?
Große:
Es ist das gute Recht der Humanistischen Union, ihre Meinung öffentlich zu vertreten. Dass das regelmäßig im Sommerloch erfolgt, spricht für sich. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, verschweigt die Humanistische Union bewusst oder unbewusst, dass man die Dinge sauber trennen muss, um eben nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Falsches wird nicht durch ständiges Wiederholen richtig.

Stefan Große. Foto:  Stephan Kurzke

Stefan Große. Foto: Stephan Kurzke

Mich enttäuscht, dass Medien relativ ungeprüft derartige Inhalte übernehmen. Die Korrektivaufgabe, die Journalisten haben, sollte doch verhindern, einfach ideologische, anti-kirchliche Reflexe zu verstärken.

Was sollte differenziert werden?
Große:
Gerne werden bei der Kirchenfinanzierung Staatsleistungen, Kirchensteuern und die Leistungen aufgrund des Subsidiaritätsprinzips, also Leistungen für die Wohlfahrtspflege, in einen Topf geworfen.

Erstens: Die Staatsleistungen. Sie sind letztlich Pachtersatzleistungen für säkularisiertes Kirchenvermögen infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Der Staat hat Land von der Kirche bekommen, und damit war die Kirche nicht mehr in der Lage, sich aufgrund der Pachterlöse von diesem Land zu finanzieren. Der Staat erfüllt damit eine Rechtsverpflichtung gegenüber der Kirche. Das haben die Weimarer Reichsverfassung und später das Grundgesetz so übernommen.

Zweitens: Die Kirchensteuer. Sie wird oft herangezogen, um eine zu enge Verflechtung zwischen Staat und Kirche in Deutschland zu belegen. Im Kern ist die Kirchensteuer das Gegenteil. Sie hat die direkte Staatsfinanzierung abgelöst und ist im Grunde nichts anderes als ein Mitgliedsbeitrag, den der Staat im Auftrag der Kirche erhebt. Für diese Dienstleistung bekommt der Staat drei Prozent des Kirchensteueraufkommens. Im digitalen Zeitalter, wo das mit relativ wenig Aufwand verbunden ist, ist das ein guter Satz.

Sie sprachen auch von Leistungen nach dem Subsidiaritätsprinzip. Was verbirgt sich dahinter?
Große:
Das sind öffentliche Mittel, die der Staat als Kostenerstattung an freie Träger der Wohlfahrtspflege zahlt, etwa dafür, dass sie Kindergärten, Pflegeheime oder Krankenhäuser betreiben. Solche Gelder bekommen die AWO, das Rote Kreuz, die Volkssolidarität, die Waldorfschulen und eben auch die kirchlichen Träger. Dies als besondere Unterstützung der Kirchen herauszustellen, ist falsch.

EKD-weit machen die Staatsleistungen zwei Prozent der Einnahmen aus. Wie sieht das in der EKM aus?
Große:
In Mitteldeutschland ist das deutlich höher, aber das hat einen Grund. In den frühen 1990er-Jahren wurden in den Staatskirchenverträgen u. a. die Staatsleistungen neu verhandelt und per Gesetz in Kraft gesetzt. Im Rahmen dieser Verhandlungen haben sich Kirche und Staat neu verständigt und sich dabei aufeinander zu bewegt. Das ging natürlich nicht ohne Zugeständnisse auf beiden Seiten. Dies also zum Vorwurf: Staatsleistungen wären ein alter Zopf. Nein, in den neuen Ländern liegen ihnen moderne Verträge zu Grunde – und Verträge sind zu erfüllen. Wir leben in einem Rechtsstaat.

Natürlich würden wir uns Ablöseverhandlungen nicht verschließen. Der Bundesgesetzgeber ist nach Artikel 140 Grundgesetz der eigentliche Verpflichtete für ein Ablösegrundsätze-Gesetz. Es sollte einen länderübergreifenden einheitlichen Maßstab geben, mit dem klar ist, wie die Staatsleistungen abgelöst werden und dass keine (Teil-) Enteignung stattfindet.

Was meinen Sie damit?
Große:
Rein juristisch bedeutet Ablösung nicht, das Recht zu entziehen und dann zu schauen, welcher Ersatz zu zahlen ist. Ablösung bedeutet, die juristische Hingabe einer Leistung an Erfüllungsstatt, also der Ersatz der abzulösenden Leistung durch eine neue, die Ablöseleistung. Wir sind die Letzten, die sich solchen Verhandlungen verschließen würden. Das hat die EKD übrigens deutlich erklärt.

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Kirche zu verkaufen


Bitterfelder Gemeinde kann sich Unterhalt von zwei Kirchen und Gemeindehaus nicht leisten

Die Bauermeister-Gedächtniskirche ist in Stein gemeißelte Geschichte. Sie erzählt nicht nur, wie Kirchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurden – im neogotischen Stil, mit fantasiereichen Wandbemalungen, bunten Bleiglasfenstern und geschnitzter Kanzel. Das ist nicht außergewöhnlich, ähnliche Kirchen stehen in Dessau, Halle oder im Bitterfelder Zentrum. Nein, die Bauermeister-Gedächtniskirche am Rande der Stadt, in der ehemaligen Kraftwerkssiedlung Deutsche Grube erzählt ein Stück Industrie- und Sozialgeschichte.
Gebaut von 1905 bis 1907, war die Kirche zunächst eine Privatkirche, bezahlt vom Unternehmer Louis Bauermeister, der eine Kohlegrube und Tonröhrenfabrik betrieb. Bauermeister und besonders seine Frau galten als sozial, und so ließ der Unternehmer einen Kindergarten, eine Schule und eben eine Kirche errichten. Denkmalschützer schwärmen, ein industriegeschichtliches Denkmal wie die neogotische Kirche in der Deutschen Grube gebe es in Sachsen-Anhalt kein zweites Mal.

Der Bitterfelder Pfarrer Johannes Toaspern erzählt diese Geschichte gerne und mit viel Enthusiasmus, aber allein aus Begeisterung heraus lässt sich kein Kirchengebäude unterhalten.
In der Kraftwerkssiedlung, zu der noch in den 1950er-Jahren eine starke christliche Gemeinde gehörte, leben inzwischen kaum mehr Christen. Nach der Wende zogen viele, die im Wolfener Neubaugebiet groß geworden sind, in die Siedlung. Menschen, die kaum christlich sozialisiert sind, schildert der Pfarrer. Inzwischen wird eine Handvoll Gemeindeblättchen verteilt, ein Aufruf vor vier Jahren, was mit der Kirche geschehen solle, blieb ohne Reaktion, und sonntags kamen so wenige zum Beten und Singen zusammen, dass seit Frühjahr 2017 keine Andachten und Gottesdienste mehr in der Bauermeister-Gedächtniskirche gefeiert werden.

Nun will die Gemeinde das Gotteshaus verkaufen. »Ich liebe diese Kirche. Je länger, desto mehr«, sagt der Pfarrer. Aber der Prediger und Seelsorger ist längst auch zum Immobilienmanager geworden. Denn die Gemeinde mit ihren 1 000 Mitgliedern kann sich auf Dauer nicht alle Gebäude leisten. Im Bitterfelder Zentrum soll die ebenfalls um die Jahrhundertwende errichtete Stadtkirche saniert und zum Gemeindezentrum umgebaut werden. Ist das geschehen, möchte die Gemeinde das Lutherhaus von 1928 veräußern – ein riesiges Haus mit Saal, Pfarrwohnung, Mietwohnungen, Büro- und Sozialräumen, Freitreppe und Terrasse.

Seit dem Frühjahr wirbt Johannes Toaspern für die Bauermeister-Gedächtniskirche. Zeitungen und Fernsehen berichteten und einige Interessenten haben sich gemeldet. Denkbar ist vieles: Die Weiternutzung als Kirche durch Freikirchen oder orthodoxe Christen, die Heimstatt für eine Communität, Wohnhaus und Ateliers für Künstler oder eine »Hochzeits-Event-Kirche«. Konkrete, ernstgemeinte Angebote mit einer überzeugenden Nutzung gibt es bislang nicht. Einen Preis hat die Kirchengemeinde nicht festgelegt. »Der Preis ist abhängig vom Nutzungskonzept«, so Pfarrer Toaspern.

Katja Schmidtke

Auf dem Trockenen

20. August 2018 von redaktionguh  
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Ein außergewöhnlicher Sommer: Hitze und Dürre seit dem Frühling fordern die Landwirte heraus. Nun ist auch die Kirche gefragt.

Mais, der nur einen halben Meter hoch wächst und Weizen-Ähren, die kleine Körner bilden. Eine Kommune verbietet ihren Bürgern das Gießen mit Trinkwasser und die andere ruft dazu auf, junge Straßenbäume zu wässern. Die Elbe führt Niedrigwasser, in Magdeburg hatte sie in der Vorwoche mit 52 Zentimetern fast ihren historischen Tiefststand von 1934 erreicht. Landwirte rechnen mit hohen Einbußen. Das ist der Sommer 2018.

Nach 1992 und 2003 sei dieses Erntejahr durch eine extreme Dürre gekennzeichnet, meldete der christlich geprägte Deutsche Bauernbund. Sachsen-Anhalts Verbandspräsident Jochen Dettmer sprach von einer Naturkatastrophe. In einigen Regionen Sachsen-Anhalts hat es seit April nicht mehr nennenswert geregnet. Mitte Juli forderten die Landwirte Unterstützung. Der Hilferuf richtete sich nicht nur an die Regierungen, sondern auch an die Kirchen. Sie gehören zu den großen Verpächtern. Die Pachtkosten müssten reduziert werden. Stundungen haben keine stabilisierenden Wirkungen, heißt es aus der Quedlinburger Geschäftsstelle des Bauernbunds.

Einen Pachterlass oder -verzicht wird es jedoch nicht geben, sagte Oberkonsistorialrat Diethard Brandt, Leiter des Grundstücksreferats im Landeskirchenamt Magdeburg. »Das Geld ist ja im Haushalt für unsere Aufgaben eingeplant.« Stattdessen wird die Kirche die Pachtzahlung stunden.

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Staubtrockene Erde: Ein Landwirt lässt Ackerboden durch seine Hände rieseln, im Hintergrund steht der Mais auf den Feldern. Foto: epd-bild

Üblicherweise endet ein Pachtjahr am 30. September, dann haben die Bauern ihre Ernte verkauft und zahlen die Pacht für die zurückliegenden zwölf Monate. Oberkonsistorialrat Brandt kündigte an, dass die Zahlung erst am Jahresende fällig wird, wenn die Landwirte ihre Subventionen und gegebenenfalls Hilfen erhalten haben. »Wir sehen, dass das Anliegen der Bauern berechtigt ist. Dem wollen wir uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten, stellen.« Verpächter haben eine Mitverantwortung, betonte Brandt. Man teile sich Erfolge und Misserfolge. »Und in diesem Jahr sind es schon sehr besondere Umstände.«

Mortimer von Rümker, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses der EKM-Landessynode und selbst Landwirt bei Gotha, betont, wie wichtig das Differenzieren ist. Die eine Landwirtschaft gibt es nicht. Während einige Ackerbaubetriebe eine gute Ernte gemacht haben, fällt sie bei anderen schlecht aus; besonders hart trifft es die Viehhalter. Weil Mais und Gras während ihrer Wachstumsphase im Frühling das Wasser fehlte, gibt es zu wenig Viehfutter.

Hingegen hat die SaatGut Friedrichswerth – Landwirtschaftsbetrieb von Rümker eine gute Ernte eingefahren. Das Getreide hat schöne, große Körner gebildet. »Schlicht und ergreifend Glück« nennt es Rümker, dass auf den 600 Hektar großen Feldern im Mai zwei Gewitterschauer niedergingen, während es nur wenige Kilometer weiter trocken blieb.

Wie soll man den Kollegen nun also helfen? Einen Pachterlass hält Rümker nicht für geeignet, um Betriebe zu unterstützen. Wohl aber empfiehlt er einen Blick in die Verträge: Der Pachtpreis kann je nach wirtschaftlicher Lage angepasst werden. »Das heißt: auch nach unten.« Auch die Bildung von Rücklagen für schlechtere Jahr wäre eine sinnvolle Maßnahme.
Hitze und Dürre treffen nicht nur die Landwirtschaft. Zwischen Schönebeck und Magdeburg trocknen die Elbauen aus, hat Hans-Joachim Döring, Umweltbeauftragter der EKM, beobachtet. Sinkt der Grundwasserspiegel, schadet das nicht nur Flora und Fauna, sondern auch dem Tourismus an der Elbe und im Wörlitzer Park sowie den auf Lehm gebauten Häusern in den Auen, Setzungsrisse tun sich auf. »Die Angst ist bei den Menschen angekommen«, sagt Döring.

Gleichsam hat er festgestellt, dass vieles, was vor Jahren als ideologieverdächtig gebrandmarkt wurde, heute ernsthafter diskutiert wird. »Wir haben genug erkannt und sollten es ändern«, sagt er und nennt als Beispiele den Ausstieg aus der Kohle, ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, eine Rückkehr zur Kreislaufwirtschaft nicht nur im Agrarbereich, ein Bodenfonds in öffentlicher Hand, eine neue Förderpraxis für Bauernhöfe oder ein Ende der Illusion, die Elbe sei eine Schifffahrtsstraße für Massengüter. »Aktuell und in unserer Gegend auch relevant: keine Parteien wählen, die den Klimawandel leugnen.«

Als Christ bringe ihn die Dürre in Erklärungsnöte, gesteht Döring. »Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen«, zitiert er Psalm 24 und fügt an: »Gilt das noch? Hat Gott seine Zusage an den Planeten zurückgestellt, hält er uns einen Spiegel vor?« Hans-Joachim Döring hadert.

Katja Schmidtke

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Angst

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Eugen Drewermann, Psychoanalytiker und ehemaliger römisch-katholischer Priester, untersucht Grimms Märchen tiefenpsychologisch. »Die Eule« ist für ihn ein Lehrstück über den Teufelskreis der Angst. Aber der Glaube kann alles verändern.

Herr Drewermann, meine dreijährige Tochter liebt Märchen, aber all die Hexen, gefräßigen Wölfe, verwunschenen Frösche bereiten mir Kopfzerbrechen und ihr schlaflose Nächte. Sind Grimms Märchen für Christen nicht zu viel Hokuspokus?
Drewermann:
Märchen spielen in unserer Seele und sie haben eine hohe Poesie. Sie schildern, was sich begibt auf der Suche nach Liebe. Märchen sind die einzige Gattung der Weltliteratur, die darauf beharrt, dass Menschen nur glücklich werden können durch die Liebe. Wer die Liebe wagt, schlägt mit den Flügeln der Seele gegen die Gefängnisstäbe der sogenannten Realität. Die Gesellschaft fürchtet die Liebe deshalb als etwas Anarchisches. Was sie auch sein kann.

Wenn Märchen von Gott reden, meinen sie in aller Regel etwas Seelisches, ein Bild von etwas, das in uns eine große Macht entfaltet. Daneben gibt es Märchen, die so von Gott reden, wie man es sich in der Bibel wünschen würde.

An welche denken Sie?
Drewermann:
Die Erzählung vom Schneider im Himmel etwa spricht davon, dass wir in den Himmel nur kommen, weil Petrus Mitleid hat. Und dann stellt es die Frage, ob wir lernen, des Mitleids würdig zu werden. Der Schneider wird, kaum dass er vom Throne Gottes sieht was auf Erden los ist, den Schemel nehmen und strafend herniederschleudern. Mit unserer Neigung zum Verurteilen und Strafen zeigen wir, dass wir des Himmels noch nicht würdig sind. Das Märchen erzählt damit etwas, das die Rechtfertigungs- und Gnadenlehre, Luther, die Reformation, Paulus, den Kern der Botschaft Jesu aufgreift und bestätigt.

Deshalb behaupte ich, für die Theologen sei es sehr wichtig, die Sprache der Kinder, der Träume, der Dichtung, der Märchen zu verstehen, jene Sprache, die man selbst einmal gelernt und geliebt hat. Sonst sollte man sich nicht einbilden, ausgerechnet die Sprache Gottes im Herzen der Menschen und in der Bibel zu verstehen.

Die Bibel ist natürlich kein Märchenbuch, aber sie enthält zahlreiche Märchenmotive und Mythen, die man entsprechend symbolisch auslegen muss.

Warum spielen in Grimms Märchen Grusel und Angst so eine große Rolle?
Drewermann:
Søren Kierkegaard meinte, Angst stelle vor eine Wahl, die einzig für unser Leben entscheidend sei, indem sie das Vorzeichen der Klammer unserer Existenz definiere: Leben wir aus Angst oder überwinden wir die Angst im Vertrauen?

Auf diese Weise entdecken wir die Religion als Anker, als Halt. Nur dann können wir inmitten dieser Welt, zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Göttlichem und Menschlichem, Bewusstem und Unbewusstem, im Denken und Fühlen einigermaßen im Gleichgewicht leben.

Das biblische Bild dafür ist Matthäus 14, der Gang des Petrus übers Wasser: Sehen wir nur die Wellen, hören wir nur den Sturm, würden wir vor lauter Angst das Leben unter unseren Füßen wegbrechen spüren. Oder wir schauen auf die Gestalt, die vom anderen Ufer auf uns zukommt, dann trägt uns das Wasser.

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Eugen Drewermann. Foto: epd-bild

Gefühlt sehen wir heute eher den Sturm: Es gibt mehr als 400 klinisch festgestellte Ängste. Sind sie Symptome einer tieferen Angst?
Drewermann:
Schon für ein Kind sind andere Menschen lebensgefährlich. Eine Grundangst besteht darin, die eigenen Eltern zu verlieren oder von ihnen nicht geliebt zu werden. Siegmund Freud hat dies mit einem eigenen Fachbegriff wiedergeben wollen: Objektverlustangst. Die 400 Symptomängste sind in aller Regel vergegenständlicht worden aus einer solchen Grundangst.

In 200 Millionen Jahren Säugetierevolution haben wir gelernt, eine Handvoll Situationen zu fürchten: Vor einem Beutegreifer, vor dem Verhungern, vor dem Ausgegrenztwerden aus der Gruppe, vor dem Schuldigsein. Das sind vier Szenarien, die auch der Tierwelt bekannt sind.

Wesentlich ist, dass wir Menschen nicht wie die Tiere situativ auf solche Augenblicke reagieren, sondern uns dank unseres Verstands vorstellen können, dass die jeweiligen Gefahrensituationen wiederkommen werden. Unser Verstand treibt uns, endgültige Antworten zu suchen. Dadurch besteht die Gefahr, dass wir in eine Angst hineingeraten, die sich verunendlicht.

Wenn z. B. Tiere miteinander kämpfen, wird der eine Sieger, der andere Verlierer, das war’s. Wir Menschen wissen: der Verlierer wird gefährlicher wiederkommen als er je war. Wir sind in der Evolution die einzigen Lebewesen, die gelernt haben, dass Töten Angst beruhigen kann. Es gibt dagegen nur einen Ausweg: wir antworten auf die verunendlichte Angst mit Gegenbildern der Vernunft, die ebenfalls ins Unendliche weisen. Dann sind wir bei der Religion.

Ich denke an Johannes 16: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Verspricht Religion Angstlosigkeit nur im Jenseits?
Drewermann:
Religion lehrt, mit dem Vertrauen, dass diese Welt nicht das Ende von allem ist, sondern eine Perspektive in einer anderen Welt eröffnet, ruhig durch die sonst schattenverwirrten Jahrzehnte unseres Lebens zu gehen. Im Vertrauen auf Gott können wir uns als gemeint und gewollt, als »Geschöpfe« entdecken; unser Dasein hört auf, im Haushalt der Natur ein bloßes Zukunftswesen ohne Bedeutung zu sein.

Es gehört in diesem Zusammenhang auch Johannes 14 mit hinein: »Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt.« Der Frieden, den die Welt verspricht, ist maximale Rüstungskapazität, das Anhäufen der tödlichsten Vernichtungswaffen. Das aber ist kein Friede. Das ist eine endlose Ausbeutung, ein wechselseitiges Schreckensszenario, ein Leben in ständiger Tötungsbereitschaft.

Können wir den Frieden lernen, den Gott verspricht?
Drewermann:
Absolut! Ich sage das mit dieser Zuversicht, weil ich in der Psychotherapie immer wieder erlebe, dass Menschen von Grundängsten hinüberfinden können zu einer Geborgenheit, die sie bei sich selber zuhause ankommen lässt.

Ich kann nicht versprechen, dass das in jedem Fall gelingt, vor allem nicht, dass es im Handumdrehen gelingt. Es ist ein langer Prozess, die eigene Schönheit zu entdecken, die eigene Wahrheit wiederzufinden, Selbstbewusstsein mit der eigenen Existenz zu verknüpfen. Doch im Grunde wartet alles auf die Entdeckung: Du lebst, weil es dich gibt. Gott möchte, dass du bist! Dass es dich gibt, ist das Kostbare.

In Ostdeutschland leben Christen in der Diaspora. Können wir hier das Vertrauen in Gott, in das Leben entfachen?
Drewermann:
Ich kann mit Menschen eigentlich nur sprechen im Bewusstsein der Unvollkommenheit, in der alles geschieht, und ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber auch nach dem Gespräch umhüllt ist von einem, der ihn weiterführt. Wohin und wie, weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf eine solche bergende Güte im Hintergrund des Lebens eines jeden.

Mit der tradierten Kirchenfrömmigkeit habe ich große Schwierigkeiten, im Protestantismus weniger als im Katholizismus. Aber ein Problem der christlichen Theologie liegt darin, dass man aus der Botschaft Jesu, die er in Bildern, Gleichnissen, Geschichten vortrug, feste Lehren gemacht hat, Dogmen, die man die Kinder aufzusagen lehrt. Das verstellt alles.

Wir sollten mehr auf Gott vertrauen als auf Institutionen, Verordnungen, Gesangbücher und Traditionen. Die alle sind hilfreich, ich will das nicht wegstreichen, aber sie müssen von Person zu Person als Lebensformen weitergegeben werden, nicht als Doktrin. Auch Riten sind überaus kostbar, wenn sie mit Sinn erfüllt sind, aber sie schrecken ab, wenn sie nichts weiter sind als Gebetsmühlen bei ihrer Umdrehung.

Wir erzählen Kindern Märchen, damit sie einschlafen und Erwachsenen, damit sie aufwachen. Was lässt uns beim Grimmschen Märchen »Die Eule« aufschrecken?
Drewermann:
Die Tatsache, dass es möglich ist, so in Angst eingeschlossen zu werden, dass wir nicht mehr imstande sind, die Realität zu sehen. Wir begreifen nicht mehr, dass, wenn wir Angst haben vor etwas, dieses andere vor uns genauso Angst hat.

Wir sehen nur unsere eigene Angst, und die nötigt uns zu Zerstörung. Wir brauchen in Angst immer mehr Tötungsmaschinen, immer mehr Helden, immer mehr Wahnsinn.

Angst ist eine ansteckende Krankheit, die sich potenziert?
Drewermann:
Im Märchen »Die Eule« beginnt es mit einem einfachen Knecht, der in die Scheune geht, dort eine Eule sieht und vor dem Tier, das er noch nie gesehen hat, so erschrocken ist, dass er seinen Herrn mit seiner Angst infiziert.

Der ist eigentlich ein vernünftiger Mann, aber durch sein Ansehen vergrößert er in der Dorfgemeinde die Wahrnehmung der Angst seines Knechts. Also werden alle Maßnahmen getroffen, gegen die Eule zu Felde zu ziehen. Niemand merkt, dass gerade die Eule nur aus Angst in der Scheune sitzt.

Wer ist heute eine Eule?
Drewermann:
Politisch ist heute in unseren Medien Putin zum Beispiel eine Eule. Wir müssen ihn eindämmen, wir müssen gegen Russland Handelsbarrieren errichten. Dabei gibt Russland rund 60 Milliarden Dollar für Rüstung aus, aber die NATO über 300 Milliarden, Amerika 700 Milliarden. Aber der Westen sagt, Russland ist gefährlich.

Und wir können deshalb gar nicht genug rüsten. Wir müssen Atombomben bauen, sie verbessern, sie genauer platzieren. Wir brauchen Drohnen. Wir können nicht genügend sichern, zuschlagen, töten. Nur der Tote bedroht uns nicht mehr. Nach dieser Rezeptur betreiben wir heute Politik. Nur darüber sind wir uns einig. Und wie wir 68 Millionen Flüchtlinge, die nicht wissen, wohin, mit militärischem Gerät daran hindern, übers Mittelmeer zu kommen.

Karl Marx hat einmal in einem Traktat über das Holzdiebstahlgesetz geschrieben: Wenn Verzweiflung zum Verbrechen wird, dann ist das Gesetz, das die Verzweiflung als Verbrechen definiert, beides selber: Verbrechen und Verzweiflung. Wir hängen Kreuze an die Wand, aber Menschen schieben wir ab, wissend, ins Elend zurück.

Können wir auf politischer und gesellschaftlicher Ebene den Teufelskreis der Angst durchbrechen?
Drewermann:
Wir müssen! Tausende ertrinken im Mittelmeer und Schiffe der Seenotrettung dürfen Häfen nicht ansteuern. Um nochmal Marx zu zitieren: Es ist leicht, heilig zu sein, wenn man nicht menschlich sein will.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke


Eugen Drewermann wurde 1966 zum Priester geweiht. Wegen strittiger Ansichten in Fragen der Bibelauslegung und der Moraltheologie geriet er in Konflikt mit dem Lehramt der katholischen Kirche. Erzbischof Degenhardt entzog ihm 1991 die katholische Lehr- und 1992 die Predigtbefugnis. 2005 trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus.

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Aue der Gnade Gottes

21. Mai 2018 von redaktionguh  
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Herrnhuter Brüdergemeine: Als Mustersiedlung gründeten Christen im 18. Jahrhundert den Ort Gnadau. Christliche Symbolik und ein vielfältiges kirchliches Leben prägen das Dorf bis heute. Ein Besuch.

Licht. Strahlend weiß leuchten die Wände, die Sitzbänke, die Gardinen. Hell und schlicht ist der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Keine barocken Epitaphien, keine gotischen Gewölbe, keine kunstvollen Glasmalereien. Statt eines Altars ein Tisch. Selbst das Kreuz muss man suchen. Manch einer behauptet, nur ein Operationssaal sei klinischer.

Friedemann Hasting schmunzelt. »Schauen Sie mal nach oben«, sagt der Pfarrer. Tatsächlich, auf der Empore steht die Orgel, gekrönt von einem güldenen Kreuz. Kein Kruzifix, kein Bildnis, kein Kunstwerk soll hier ablenken. Der Raum ist nicht heilig, er heißt nicht Kirche, sondern Gemeinsaal. Das leitet sich von Brüdergemeine ab: Frauen und Männer wollten einfach (daher der Name »Gemeine«) und geschwisterlich (daher »Brüder«) miteinander leben.

In Gnadau, südlich von Magdeburg, sind viele theologische Annahmen der Brüdergemeine im wahrsten Wortsinne in Stein gemeißelt. Das Dorf ist quasi eine Mustersiedlung der Herrnhuter Christen. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Ursprung im Pietismus und der tschechischen Reformation und wurde von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Herrnhut/Oberlausitz entscheidend geprägt.

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

Schlichter Ort der Erbauung: Der Saal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau. Fotos: Katja Schmidtke

1767 hatte die Herrnhuter Brüdergemeine Gnadau planmäßig angelegt. Der Name des Dorfs, nicht weit entfernt von Elb- und Saaleauen, setzt sich aus Gnade und Aue zusammen und erinnert an Psalm 23. Gnadau sollte zu einer »Aue der Gnade Gottes« werden. Der zentrale Zinzendorfplatz ist quadratisch, mit vielen Wegen, Ein- und Ausgängen. Sie stehen für die fünf Wundmale Jesu, die zwölf Jünger, die zwölf Tore ins himmlische Jerusalem. Die Wegführungen sind so gestaltet, dass sich aus der Vogelperspektive das Christusmonogramm erkennen lässt. Früher gab es in der Mitte einen Brunnen: »Alle Bewohner hatten den gleichen Weg zum Wasser, den gleichen Weg zu Christus«, erklärt Pfarrer Hasting. Viele Lindenbäume säumen die Straßen. Mit ihren herzförmigen Blättern symbolisieren sie Herzensbindung eines jeden Gläubigen an Gott.

Bei der Herrnhuter Brüdergemeine steht ein bewusstes, persönliches Bekenntnis im Vordergrund, wenngleich Pfarrer Hasting natürlich auch »Karteichristen« kennt. Aber im Vergleich zu den Kollegen der evangelischen Landeskirche kann der Herrnhuter Prediger besser auf diese Menschen zugehen. Er betreut rund ein Drittel der Mitglieder.

Zur Brüdergemeine in Gnadau zählen 230 Christen, wovon etwa 80 in Gnadau selbst leben. Viele andere Mitglieder wohnen in der Region verstreut: Einmal im Vierteljahr predigt Friedemann Hasting daher auch in Dessau, Leipzig, Gardelegen und Wernigerode. Gnadau selbst hat rund 500 Einwohner.

Um die rund 140 landeskirchlichen Christen im Ort kümmert sich auch der Prediger der Brüdergemeine, alle sechs bis acht Wochen feiert Friedemann Hasting einen landeskirchlichen Gottesdienst. Eine Doppelmitgliedschaft in beiden Kirchen ist möglich.

In Gnadau ist rund jeder zweite Einwohner Mitglied einer Kirche: Es gibt neben Protestanten und Herrnhuter Christen auch Baptisten und Sieben-Tags-Adventisten. Die Brüdergemeine sieht sich als Scharnier zwischen großen und kleinen Kirchen, zwischen römisch-katholischer Weltkirche, evangelischen Landeskirchen und Freikirchen. »Uns ist wichtig, Ökumene nicht nur als katholisch-evangelische Dimension zu sehen«, so Pfarrer Hasting. Dieser Weitblick habe in jüngster Vergangenheit immer wieder Menschen für die Brüder-Unität begeistert. Die kleine Gemeinde wächst zwar nicht, aber sie schrumpft auch nicht.

Kirche ist kein Ort, sondern da, wo Gottes Licht scheint, sagt Pfarrer Hasting. Aus dieser Perspektive sehen die Gnadauer ihren Saal auch nicht als heiligen Raum, sondern als gute Stube. Er fügt sich am Zinzendorfplatz in die Reihe von Wohnhäusern ein. Nur die großen Fenster und der Dachreiter kennzeichnen ihn als Versammlungsort. »Wir räumen hier auch mal flink um, feiern fröhlich Feste, schenken ein Glas Wein aus«, erzählt der Pfarrer. Was erlaubt ist, entscheidet der Ältestenrat.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit anderen Konfessionen – allem voran natürlich Christus als Zentrum des Glaubens – haben sich in der Brüdergemeine besondere liturgische Formen entwickelt. Was Protestanten als Gottesdienst kennen, ist hier eine Predigtversammlung. Auf die kann man sich gerne schon am Samstagabend mit einer Gebetsingstunde einstimmen. Die Liturgie ist immer anders: Es gibt Liturgien für Ostern und Weihnachten, orthodoxe Liturgien, welche zum Heiligen Geist oder zum Sohn. Das Abendmahl hat eine eigene Liturgie, ist eine in sich geschlossene Veranstaltung. Man teilt sich eine Doppeloblate mit seinem Nachbarn. Der Kelch wird durch die Reihen gegeben. Es wird viel gesungen.

Wenn der Saal die gute Stube der Gemeinde ist, so ist der Gottesacker ihr Schlafsaal. Auch hier herrscht Gleichheit. Keine üppigen Grabmale, nur in den Boden gelassene Steinplatten. Keiner kann sich einen besonders schönen Platz reservieren, die Anordnung der Gräber erfolgt chronologisch nach Sterbedatum. »Wenn Gott mich ruft, kann ich mir nicht aussuchen, wer mein Nachbar ist«, sagt Friedemann Hasting. Auf den Platten findet sich neben Namen, Geburts- und Sterbedatum auch ein Bibelwort. Der Gottesacker gleicht einer steinernen Bibel.

Gnadaus Anlage als Familienort ist heute noch zu spüren: In das einstige Brüderhaus ist die evangelische Grundschule gezogen, im Schwesternhaus hat eine Herberge eröffnet. Die Einrichtungen der Stiftung Herrnhuter Diakonie prägen den Ort und sind neben einem Verpackungswerk größter Arbeitgeber.

Katja Schmidtke


Gnadauer Gemeinschaftsverband

Die einzigartige Historie Gnadaus ist heute weitgehend unbekannt, sein Name jedoch im Zusammenhang mit Landeskirchlichen Gemeinschaften und Evangelischen Gemeinschaftsverbänden durchaus ein Begriff. Verwaist liegt er inzwischen da, jener Gasthof, in dem 1888 die Pfingstkonferenz der pietistischen Gemeinschaftsbewegungen tagte (Foto), aus dem besagter Gnadauer Verband hervorging. Die Konferenz gilt als erster Schritt auf dem Weg zu einer Einheit der deutschen Gemeinschaftsbewegung, deren Landesverbände bis dato isoliert arbeiteten. Trotz unterschiedlicher Prägung einte sie das Anliegen, die Arbeit von Laien in der evangelischen Kirche stärker zu entfalten. Es bestanden keine Absichten, sich von der Kirche zu separieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilte sich der Verband entsprechend der innerdeutschen Grenze und schloss sich 1991 wieder zum »Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband« zusammen. Heute hat er seinen Sitz jedoch in Kassel. Vertreten sind darin eine große Bandbreite theologischer Auffassungen, je nach Stellung der einzelnen Gemeinschaften und ihrer Verbände in den verfassten Kirchen. Der Neupietismus und mit ihm die Gemeinschaftsbewegung setzt im Gegensatz zum klassischen Pietismus auf eine stärkere Ausrichtung auf Lehre und Verkündigung, die teilweise zu Lasten der karitativen und diakonischen Tätigkeiten gehen kann.

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Unsichtbar, dennoch da

13. Mai 2018 von redaktionguh  
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Als ich die Recherchen meiner Kollegen zu Glocken mit NS-Symbolen in Mitteldeutschland verfolgte, schnürte sich mir die Kehle zu. Unsere Kirche empfiehlt den betroffenen Gemeinden, an Glocken die Flex anzusetzen. Durch Abschleifen sollen die in Metall gegossenen Bezüge zum Nationalsozialismus verschwinden.

Das ist gut gemeint, aber alles andere als gut gemacht. Verschwindet mit dem Hakenkreuz oder mit den Inschriften auch der historische Bezug, das Gedankengut, unsere gegenwärtige Verantwortung? Im Gegenteil! Das Symbol ist abgeschliffen, aber durch die sichtbaren Folgen ist der Nazi-Bezug, vor allem aber unser Umgang damit präsenter als zuvor. Hitler ist weg und doch weiß jeder, der so eine Glocke sieht, dass er da war. Die Glocke wird immer die Glocke bleiben, die zur Zeit ihres Gusses das Empfinden und die Gesinnung einer Gemeinde ausgedrückt hat.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es abscheulich, dass in Kirchen der EKM Glocken mit Hakenkreuzen hängen und läuten. Glocken läuten nicht fürs Vaterland, nicht für Adolf Hitler, nicht für nationale Erhebungen, nicht für den Nationalsozialismus. Glocken läuten zum Gebet, zu Gottes Ehre.

Aber was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, ist geschehen. Diese Glocken sind da. Sie sollten weder beschliffen noch zerstört werden. Sie sollten konserviert werden. Sie erinnern uns schmerzlich an unsere Geschichte, an die Verstrickungen der evangelischen Kirche mit der Diktatur. Aber sie gehören vom Glockenstuhl genommen, sie sollten in den Türmen aufbewahrt und kommentiert werden. Diese Glocken läuten dann zwar nicht mehr zu Gott, aber sie bringen unsere Verantwortung als Christenmenschen zum Klingen.

Katja Schmidtke

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Gemeinsam am Tisch des Herrn

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ökumene: Christen haben gut lachen, findet Kirchenclown Leo aus Halle

Das Gleichnis vom Festmahl – eine andere biblische Geschichte wollten Florentine, Amanda, Pauline, Christophorus und Leo nicht erzählen. Welches Gleichnis Jesu passt auch besser zu jenen fünf Kirchenclowns, die vier verschiedenen Konfessionen angehören? Sie sind römisch-katholisch, evangelisch-uniert, evangelisch-methodistisch und freikirchlich-evangelisch – und doch folgen sie alle der großen Einladung Gottes, wie sie im Lukasevangelium (14,15ff) beschrieben wird.

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

Ein starkes Team: (von links) Clown Christophorus, Clown Florentine, Almuth Schulz, Clown Leo, Clown Amanda, Clown Pauline. Foto: Friedbert Gruhler

»Das Gleichnis des Festmahls stellt alltägliche und gleichzeitig hochtheologische Fragen«, sagt Steffen Schulz alias Kirchenclown Leo aus Halle-Trotha. Da lädt ein Hausherr ein und all seine Gäste sagen ab, er aber schickt seinen Diener wieder los und lässt andere kommen, die Kranken, die Armen, die Aussätzigen. Was machen wir mit der Einladung Gottes? Nehmen wir sie aus freien Stücken an? Setzen wir uns gemeinsam an den Tisch des Herrn? Erkennen wir, dass uns so viel mehr eint als trennt?

Steffen Schulz versucht das. Seit 19 Jahren steht er als Clown Leo auf der Bühne; in der ersten Zeit allein, aber zum elften Clownsgeburtstag 2010 spürte er die große Sehnsucht, gemeinsam mit Gleichgesinnten zu spielen. So entstand das Stück »Köstlich – oder: Kommt, es ist alles bereit!« über das Festmahl-Gleichnis. Leo, Amanda, Florentine, Pauline und Christophorus sowie Almuth Schulz am Piano haben die Bibelgeschichte adaptiert. Aus dem Hausherrn wird ein Paar, neben dem Diener spielt auch ein Hofnarr mit, es gibt Slapstick-Einlagen, das Stück ist als Nummernprogramm konzipiert. »Köstlich« spricht kleine Menschenkinder mit seinen Emotionen und große mit seinen Metaphern an.

»Humor verbindet. Humor ist vielleicht sogar ein Synonym für Ökumene«, sagt Steffen Schulz. Schmunzelnd fügt der hauptberufliche Kirchenclown an, das sei nun wahrlich eine steile These. Aber wenn der Körper lacht, kommt etwas in Bewegung, in Wallung. So wie auch in der Ökumene.

Steffen Schulz hat früh gelernt, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen alle denselben Herrn haben, dass sie einer Familie angehörigen. Er selbst wuchs nahe Halle in einer ökumenischen Familie auf, der Vater katholisch, die Mutter evangelisch. Eher aus zufälligen, pragmatischen Gründen sei er Protestant geworden; die evangelische Kirche war einfach näher am Elternhaus in Gutenberg als die katholische. Mit seinem Clownsnamen Leo besinnt er sich auf seine katholischen Wurzeln, der Name stammt vom katholischen Großvater.

»Ökumene ist für mich selbstverständlich«, sagt Steffen Schulz und freut sich über das gelungene Miteinander seiner Clowns-Kollegen. »Köstlich« ist nicht nur ökumenisch inszeniert, sondern auch ökumenisch finanziert: Neben der EKM beteiligte sich unter anderem das Bistum Magdeburg an den Kosten. Im Jahr 2016, am Vorabend des Reformationsjubiläums, war das Kirchenclown-Ensemble in Luthers Kernland unterwegs. 2018 laden die Clowns im Sauer- und Siegerland zum Festmahl ein und auch für die kommenden beiden Jahre gibt es schon Anfragen und Pläne. Danach will Clown Leo seine Hosenträger an den Nagel hängen. Steffen Schulz möchte sich auf andere Wege begeben, das Evangelium zu verkünden. Ganz sicher mit einer großen Portion fröhlicher Ernsthaftigkeit.

Katja Schmidtke

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Miteinander zu sprechen ist wichtiger, als mit einer Stimme zu sprechen

7. Mai 2018 von redaktionguh  
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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen: Geschäftsführerin Elisabeth Dieckmann über verschiedene Aspekte der Ökumene

Haltung ist ebenso wichtig wie Inhalt, geht es um die Ökumene in Deutschland. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) über den Schwung nach dem Reformationsjahr, aktuelle Herausforderungen und einfache ökumenischen Praktiken.

Der Ökumene-Tag in Halle, auf dem Sie den Hauptvortrag hielten, stand unter dem Thema »Jetzt geht’s weiter«. Das klingt nach Aufbruch, oder?
Dieckmann:
Ja, es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Das Reformationsjahr ist ja wirklich ökumenisch gefeiert worden und das Fundament, das uns alle trägt, ist gewachsen. Das kann nicht mehr kaputt gemacht werden, und mehr noch, es kann uns Auftrieb geben.

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Elisabeth Dieckmann. Foto: epd-bild

Ich spüre jedenfalls Elan und neue Zuversicht, um bei Herausforderungen in der Gesellschaft, aber auch im Dialog mit anderen Religionen mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Gleichzeitig schätzen wir unsere Pluralität wert. Es gibt natürlich weiterhin Unterschiede. Wir können und müssen nicht an jeder Stelle mit einer Stimme sprechen. Aber wir sind bereit, miteinander zu reden. Wie Reinhard Kardinal Marx sagte: 2017 ist ein Kairos, ein Geschenk der Gnade.

Bedeutet die pastorale Orientierungshilfe für das Abendmahl einen Rückschlag? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sie beschlossen, aber einige Bischöfe scherten danach aus und beschwerten sich beim Vatikan.
Dieckmann:
Das Kirchenrecht gewährt einen gewissen Entscheidungsspielraum: Soll ein katholischer Spender einem Protestanten die Kommunion reichen, muss eine schwerwiegende geistliche Notlage vorliegen.

1983 wurde kirchenrechtlich festgelegt, dass der Diözesanbischof oder die Bischofskonferenz entscheidet, wann eine solche Notlage eintritt. Die neue pastorale Orientierungshilfe hat das Ziel, dem Pfarrer vor Ort einen Entscheidungsspielraum zu überlassen, so dass er im Gespräch mit betroffenen Eheleuten eine gute Lösung finden kann.

Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass sich sieben Bischöfe an den Vatikan gewandt haben. Neu ist das nicht, wir kennen das aus der Schwangerenkonfliktberatung. Nun müssen wir abwarten, wie Rom entscheidet. Ich möchte sehr hoffen, dass nicht eine Minderheit über den Weg nach Rom die Mehrheit überstimmt. Die Bischofskonferenz hat mit ihrer Handreichung eine ökumenische Öffnung bestätigt, die in vielen katholischen Gemeinden bereits Praxis ist.

Ist diese pastorale Orientierungshilfe eine glückliche Stunde der Ökumene oder Murks?
Dieckmann:
Unsere Haltung ist entscheidend! Nur mit Forderungen auf den Partner zuzugehen, bringt uns nicht voran. Sind wir ehrlich oder rückwärtsgewandt, verharrend auf unseren eigenen Vorurteilen? Ich finde, in der deutschen Ökumene geht es durchaus ehrlich zu. Aber ich kann nachvollziehen, dass es den konfessionsverschiedenen Ehepaaren zu langsam geht.

Ist die Basis weiter als es Kirchenleitung und Theologen sind?
Dieckmann:
Das kann man so pauschal nicht sagen. Es muss Spielräume geben, und es gibt sie. Kirche ist nicht dazu da, ein starres Korsett vorzugeben. Natürlich gibt es Menschen an der Basis, die nach vorne drängen, das ist gut und richtig so, denn die Kontakte vor Ort tragen die Ökumene. Aber für sichere, stabile, langfristige Beziehungen braucht es auch institutionelle, verbindliche Verabredungen. Sonst wäre Ökumene ganz abhängig von den Handelnden vor Ort.

Die ACK-Mitgliedskirchen haben die Charta Oecumenica unterzeichnet. Was sind die wesentlichen Inhalte?
Dieckmann: Dass wir eine Gemeinschaft bilden in Glauben, Sakramenten, Dienst und Zeugnis. Uns gelingt schon viel, etwa bei Caritas und Diakonie, beim Religionsunterricht. An ostdeutschen Schulen gibt es schon häufiger einen gemeinsamen Reli-Unterricht, weil hier die Zusammenarbeit zwischen den Christen durch die Minderheitensituation und durch die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur geprägt ist. Manchmal, wie etwa in Berlin, sind es ganz pragmatische Gründe. Es gibt in einigen Bundesländern auch schon einen orthodoxen Religionsunterricht.

Warum verstehen wir Ökumene so oft als katholisch-evangelischen Dialog?
Dieckmann:
Die ACK wirbt seit langem dafür, dieses katholisch-evangelische Übergewicht wahrzunehmen und zu sehen, dass auch Frei- und orthodoxe Kirchen zu Deutschland gehören. Als die Planungen zum Reformationsjubiläum begannen, hieß es noch Lutherdekade, dann Reformationsdekade, schließlich feierten wir ein Christusfest. Die täuferischen Bewegungen, die ja auch aus der Reformation kommen, kamen aber kaum vor. Es ist im breiten Bewusstsein wenig verankert, dass es in Deutschland noch andere Formen von Kirche gibt. Mit einem anderen Taufverständnis, einer anderen Liturgie, einem anderem Gottesdienst-Leben. Aber das sind auch Formen des Christentums, die wir kennen lernen sollten.

Die Charta Oecumenica ist voller guter Ideen, aber sind es nicht zu viele? Der Pfarrer schreibt Predigten, unterrichtet Konfis, besucht Kranke, führt die Gemeinde geistlich und geschäftlich – und dann auch noch Ökumene?
Dieckmann:
Ist das wirklich so, muss ich Ökumene als Zusatzaufgabe auffassen? Muss jede Kirchengemeinde alles machen? Oder kann ich nicht die Chance nutzen, Ökumene als Arbeitsteilung, als Entlastung zu begreifen? Faktisch gibt es einiges, das wir ökumenisch tun können, ohne dass es Arbeit ist: beten! Ob persönlich oder als Fürbitte im Gottesdienst.

Die Fragen stellte Katja Schmidtke.

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Frauen in Führungspositionen

1. Mai 2018 von redaktionguh  
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Evangelische Frauen: EKM-Werk fordert mehr Familiensinn


Zehn Jahre sind ins Land gegangen, so manche Themen sind geblieben. Mit geschlechtergerechter Sprache beschäftigten sich die Evangelischen Frauen bereits auf der ersten Frauenversammlung des geeinten Werkes. Im Jahr 2008 war das, kurz nach dem Zusammenschluss der provinzsächsischen und thüringisch-landeskirchlichen Frauenwerke zu den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland (EFiM).

Carola Ritter, Leitende Pfarrerin der EFiM, ist enttäuscht über die Entscheidung der Frühjahrstagung der Landessynode, geschlechtergerechte Sprache nicht in die EKM-Verfassung aufzunehmen. Die Aussage des halleschen Kirchenrechtlers Michael Germann, die Sprache werde zu einer geschlechtsfixierten, weist Ritter zurück. »Es geht um das Sichtbarmachen von Wirklichkeit in einer Kirche des Wortes«, sagt sie.

Carola Ritter. Foto: EKM Frauenwerk

Carola Ritter. Foto: EKM Frauenwerk

Laut dem EKD-Gleichstellungsatlas ist die EKM eine Kirche, in der gleichberechtigt Männer wie Frauen engagiert sind. In Gremien seien Frauen gut vertreten, wenngleich ihre Beteiligung in leitenden Positionen einer Pyramide gleich nach oben abnimmt. Auch wenn gegenwärtig die oberste Kirchenleitung weiblich ist, sind vor allem in der mittlere Ebene, also in den Superintendenturen oder Referatsleitungen der Verwaltungen, Frauen unterrepräsentiert. Das müsse kontinuierlich beseitig werden, so Ritter. Sie wünscht sich dafür ein Umdenken in Sachen Arbeitskultur. »Reden wir von Familienfreundlichkeit, denken wir zunächst an die Phase der Familiengründung. Aber in den nächsten Jahren wird uns immer mehr beschäftigen, dass Mitarbeitende ihre Angehörigen pflegen wollen oder müssen«, sagt Carola Ritter. Sie plädiert dafür, dass Leitungspositionen geteilt wahrgenommen werden können, dass es verlässliche Möglichkeiten gibt, von Voll- auf Teilzeit und zurück zu wechseln und dass es in Berufsbiografien Raum für Weiter- und Fortbildungen gibt. Als Erfolg habe sich in den vergangenen Jahren das Mentoringprogramm in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten erwiesen, das Frauen auf Führungspositionen vorbereitet.

Neue Kompetenzen zu vermitteln, ist auch für Ehrenamtliche wichtig. 70 Prozent jener, die sich in der Kirche ehrenamtlich engagieren, sind Frauen, so Carola Ritter. Sie werden in Weiterbildungen gestärkt und finden in Frauennetzwerken Austausch und Unterstützung.
Bislang gibt es nicht in allen Kirchenkreisen Beauftragte für die Arbeit mit Frauen, und wo es sie gibt, so nur im Neben- oder Ehrenamt. »Wir müssen uns von flächendeckenden Angeboten verabschieden. Heute arbeiten wir schwerpunktmäßig«, berichtet Carola Ritter. Im Großen und Ganzen zieht sie eine positive Bilanz: »Da sind wirklich zwei Werke unterschiedlicher Prägung und Arbeitsform zusammengewachsen.«

Katja Schmidtke

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