Trauer und Erlösung

26. März 2017 von redaktionguh  
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So war das nicht gedacht. Mein Kommentarthema sollte die Aktion von Aldi-Süd sein: Ostern einfach erklärt – Warum feiern wir eigentlich Ostern? Doch in der vergangenen Nacht ist meine Mutter gestorben. Mein Herz ist voll Trauer und wehmütiger, guter Gedanken an sie. Zwei Jahre nach meinem Vater ist sie gegangen. Ich habe meinen Eltern viel zu verdanken. Sie waren Vorbilder im Glauben, haben mich in Höhen und Tiefen begleitet, mir unglaublich viel Gutes mitgegeben und waren da, wenn ich sie brauchte.

Ganz ehrlich, zu Jesu Tod und Auferstehung hatte ich bislang keine emotionale Beziehung. Die Passionszeit gehörte zum Kirchenjahr, war Tradition. Dass Jesus am Kreuz für mich gestorben ist, habe ich zwar gehört, aber stark berührt hat mich das nicht. Jetzt merke ich, dass es eine dunkle Vorstellung wäre, sollte mit dem Tod alles aus sein. Jesus hat den Tod am Kreuz überwunden. Das hat er seinen Jüngern gesagt, erfahre ich auch aus der Osterbroschüre für Kinder von Aldi. Und weiter heißt es da: »Ostern ist das wichtigste Fest der christlichen Kirche. Christen auf der ganzen Welt feiern die Auferstehung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.«

Heute nehme ich Abschied von meiner Mutter. Ich bin mir sicher, es wird kein Abschied für immer sein. Wir sehen uns im Himmel oder wenn Jesus wiederkommt. Das ist eine Gewissheit, die ich spüre und die mir meine Mutter am Kinderbett vorgesungen hat: »Solang mein Jesus lebt und seine Kraft mich hebt, muss Furcht und Sorge von mir fliehn, mein Herz in Lieb erglühn.«

Ich darf traurig sein, aber ich habe auch eine starke Hoffnung. Der Frühling beginnt erst. »Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht« (Lukas 21, Vers 28).

Willi Wild

Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser

11. Februar 2017 von redaktionguh  
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Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, Vers 18

Der Weihnachtsfestkreis mit der Epiphaniaszeit liegt hinter uns. Was bleibt? »Alles hat seine Zeit« (Prediger 3,1), auch die Feste und das Feiern. Der Alltag des Kirchenjahres hat uns wieder. Und Alltag heißt Arbeit, Engagement, Tätigsein. So sehr wir die Feierzeit und freie Zeit auch genießen, gibt uns der Alltag doch unsere eigentliche Bestätigung: das Gebrauchtsein, die Anerkennung, die Selbstverwirklichung, den Erfolg. Aber das Weihnachtsfest wie das ganze Kirchenjahr erinnert uns daran, dass unser Leben, unser Erlöstsein, unsere Zukunft nicht in unseren eigenen Kräften liegt, nicht alltäglich, nicht Ergebnis unserer Bemühungen ist, sondern reines Geschenk, Gnade, Barmherzigkeit! Unsere Weihnachtsgeschenke waren ein kleiner Widerschein dieser großen Gnade: alles umsonst, aus lauter Liebe, unverdient!

Wohin wir mit unseren eigenen Kräften kommen, zeigt die gesellschaftliche, politische und globale Gegenwart deutlich genug. Und im Privaten sieht es oft nicht viel verheißungsvoller aus. Deswegen liegen wir »vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit«. Selbstvertrauen ist gut – Gottvertrauen ist besser.

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Giselher Quast, Pfarrer i. R., Magdeburg

Die gegenwärtige Entwicklung hin zum Selbstvertrauen der Protestbürger, die zwar wenig politische Kultur und Einsicht haben, dafür aber die Macht der Masse erkennen, das Selbstbewusstsein von Politikern, die jetzt Drohung, Egoismus und Geschäft an die Stelle des Wohles aller setzen, spricht Bände über den Verfall des Gottvertrauens. »Wir aber vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.«

Wir, das sind Menschen, die keineswegs sich selber nichts zutrauen, aber deren Motivation nicht aus der Machbarkeit der Dinge kommt, sondern aus der Kraft, die Gott gibt – unverdient, umsonst, aus lauter Liebe. An der Gerechtigkeit scheitern wir mit schöner Regelmäßigkeit. An der Barmherzigkeit können wir nur wachsen – hin zu Kräften, die nicht resignieren, und zu einer Dankbarkeit, die alles gibt.

Giselher Quast Pfarrer i.R., Magdeburg

Advent: Wenn aus Liebe Leben wird

27. November 2016 von redaktionguh  
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Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.

Sacharja 9, Vers 9

Und dann ist es da! Endlich ist es geschafft! Unheimlich anstrengend und kräftezehrend, die halbe Nacht hat es gedauert, aber dann ist es da. Einfach so. Der Schmerz ist vorbei. Ein neuer Mensch wurde geboren. Das Leben auf der Erde beginnt. Während der Momente einer Geburt ist wahres Glück zu spüren. Wenn Mutter und Kind wohlauf sind, gibt es nichts Schöneres im Leben. Unbeschreiblich, dies alles hautnah mitzuerleben.

Die Veränderungen, die die Geburt eines neuen Erdenbürgers mit sich bringen, sind für die engsten Beteiligten umfassend und dauerhaft. Aus Liebe wird Leben; aus Mann wird Vater; aus einem Paar wird eine Familie. Die Geburt eines Kindes ereignet sich sekündlich in unserer Welt. Die Schwangerschaft, die vor jeder Geburt steht, ist ebenfalls sehr aufregend; es ist eine Zeit des Wartens.

Der Beginn des neuen Kirchenjahres ist ebenfalls vom Warten auf eine Geburt geprägt. Im Advent, der mit dieser Woche beginnt, denken wir an das Warten der Welt auf die Geburt unseres »Königs«, so wie es uns im Buch des Propheten Sacharja angekündigt wird. Was erwarten wir dieses Jahr von dieser Geburt? Was soll dieser »König« in diesem Jahr zu uns Menschen bringen? Immer wieder denken wir an diese Geburt, die für uns Menschen so viel gebracht hat. Ja, was eigentlich? Was hat dieser sogenannte König schon alles mitgebracht? »Ein Gerechter und ein Helfer« soll er sein.

Wo ist unsere Welt ungerecht, wo ist Hilfe nötig? Ein Tagestreff der Caritas in meiner Nachbarschaft führt es mir täglich vor Augen. Bedürftige Menschen aus Erfurt bekommen Tee, Suppe, Kleider sowie Beratung in Schwellen- und Konfliktsituationen. Aber nicht nur das. Dieser Ort ermöglicht auch Gemeinschaft mit anderen Menschen unabhängig von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Religion und sozialer Herkunft. Für diese Angebote bin ich dankbar, dass es sie gibt, dass der »König« sie mitgebracht hat. Wo wird er noch mit seiner Hilfe und Gerechtigkeit wirken? Welche Orte werden wir finden?

Philipp Gloge

Die Saat der Begeisterung

23. Mai 2015 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Vom pfingstlichen Enthusiasmus der Jünger und dem Bemühen der Kirche heute

Das Fest des Heiligen Geistes spielt im gemeindlichen Bewusstsein eine eher untergeordnete Rolle.

Es ist wieder Pfingsten. Das heißt für viele Gemeinden: Wenn nicht eine Kasualie ansteht – fällt der Gottesdienstbesuch spärlich aus. Es steht ein verlängertes Wochenende an und der Frühling lockt die Leute ins Freie. Doch gerade zum Fest des Heiligen Geistes soll es um die Dynamik und Lebendigkeit der Gemeinden gehen.

Dass 50 Tage nach Ostern eine große Begeisterung über die Jünger gekommen war, ist eine schöne Erinnerung. Doch diese auf den Punkt zelebrieren zu wollen ist ein Unding. Hier liegt der tiefere Grund, warum es keine Pfingstspiele gibt. Die Christgeburt und seine Passion lassen sich nachempfinden, weshalb sich Krippen- und Passionsspiele großer Beliebtheit erfreuen. Pfingsten, die Begeisterung der Jünger, kann ich in ihrer Wirkung zur Kenntnis nehmen, aber sie in ihrer gegenwärtigen Wirkung spielen, das kann ich nicht. Ich kann sie nur leben. Ist Pfingsten also nur ein Heilig-Geist-Erinnerungsfest und die Gemeinde ein Jesu-Erbe-Förderverein? Glaube lebt vom dankbaren Erinnern, aber zu Pfingsten geht der Modus des Erinnerns am Eigentlichen vorbei. Pfingsten ist die Gegenwart der Kirche oder sie ist nicht lebendige Gemeinde.

Foto: Brian Jackson – Fotolia.com.

Foto: Brian Jackson – Fotolia.com.

Weil wir das wissen, versuchen wir dem Geist auf die Sprünge zu helfen durch Synoden- und Gemeindekirchenratsbeschlüsse, durch das Organisieren von Veranstaltungen und Kampagnen, durch Öffentlichkeitsarbeit. Da sind wir hochengagiert und oft richtig gut. Aber wenn sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt – wir schaffen es ja noch nicht mal, den Schwund an Gemeindegliedern aufzuhalten – dann stemmen wir uns mit Kreativität und Aktivitäten gegen den Trend. Nicht wenige laufen dabei heiß und brennen aus. Sieht so das Wirken des Geistes Gottes aus? Braucht er unseren Dienst bis zur Erschöpfung? Wir wissen doch: Der Geist weht, wo er will. Wir können um ihn beten, Hindernisse aus dem Weg räumen, uns für ihn offen- und bereithalten, aber machen können wir sein Wirken nicht.

Insbesondere wir Mitarbeiter stehen in der Gefahr, die Gemeinde als etwas Mechanisches zu verstehen. Hier eine Aktion, dort ein Impuls für den Gemeindeaufbau, natürlich Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und anderen Zielgruppen – und schon lebt die Gemeinde. Bereits die Worte sind verräterisch. Als ob wir es wären, die Gemeinde bauen und Gemeindeleben erarbeiten könnten. Insbesondere bei den Kasualien und in der Seelsorge können wir beobachten, dass sich auch abseits unserer Bemühungen Glaube in Menschenherzen bildet und entfaltet: Da kommt ein junges Paar, das keiner kennt, und bittet um die Taufe seines Kindes. Da kommen Kinder und Jugendliche aus atheistischem Kontext und wollen konfirmiert werden. Da möchte der Abteilungsleiter einer großen Firma wieder in die Kirche eintreten. Auch die Sensibilität dafür, dass Gottes Geist nicht allein in der Gemeinde lebt, sondern dass er als Geist des Lebens in der Schöpfung lebt und ständig Neues schafft, kann uns den Horizont öffnen. Ist womöglich auch der Atomausstieg der Bundesregierung ein Werk des Heiligen Geistes?

Pfingsten erinnert uns daran, dass wichtig ist, sich für das Wirken des Heiligen Geistes offenzuhalten. Heilig nennen wir diese Kraft, weil wir nicht über sie verfügen und sie viel größer ist, als wir denken können. Die Kirche hat keinen Vorrat an dieser Kraft. Es ist Gnade, wenn der Heilige Geist unser menschliches Tun belebt. Dazu kommt es nicht auf das jeweils Brandneue, Aktuelle und Moderne an. Freikirchliche Pfingstgemeinden bieten den permanenten Modus der Begeisterung an; doch bedingt durch die starke Betonung des persönlichen Erlebens stehen sie ungleich stärker in der Gefahr, die subjektive Begeisterung mit dem Heiligen Geist zu verwechseln. Nicht selten stehen wir Gottes Geist im Wege oder spüren nichts von ihm. Da kommt es darauf an, auszuhalten, in Treue zu dem zu stehen, was den Glauben bis hierher getragen hat, und die Gemeinde auch in bescheidenen Verhältnissen dafür zu sensibilisieren, dass Gottes Kraft anwesend ist. Wo Gemeinde ist, da ist auch Gottes Geist – oft unscheinbar, aber von Zeit zu Zeit offensichtlich. Da wird sich sein Wort selbst erklären, und die Welt wird durch seine Anwesenheit neu und heil.

Wolfram Hädicke

Der Autor ist Pfarrer in Köthen.

Neugeboren aus der Liebe

11. April 2015 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Quasimodogeniti – Kleinostern oder Weißer Sonntag

Der Sonntag nach dem Osterfest ermutigt Christen, bewusst neu zu leben.

Weiß ist die Farbe der Unschuld, heißt es im Volksmund. Das kommt nicht von ungefähr. Denn unsere optische Wahrnehmung zeigt, dass das weiße Sonnenlicht im Prisma oder in den Regentropfen am Himmel in die sogenannten Spektralfarben zerlegt wird. Ein vielfarbiger Regenbogen – eines der Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen – leuchtet am Himmel. Das hat die Menschheit schon vor Jahrtausenden fasziniert. Im Licht vereinen sich die uns sichtbaren Farben zum strahlenden Weiß. Es ist die Summe aller Farben und gilt damit als vollkommen – ist Symbol für Heiliges, für Gutes, für den Glauben und eben die Unschuld, das neue Leben in Jesus Christus. Deshalb tragen zum Beispiel Täuflinge ein weißes Taufgewand, für die Braut ist zur Hochzeit ein weißes Kleid bestimmt, sind Kindersärge weiß. Als Christusfarbe ist Weiß die liturgische Farbe zu den Christusfesten: Weihnachten, Epiphanias oder während des Osterfestkreises.

Der kommende Sonntag trägt in der katholischen Kirche den Namen »Weißer Sonntag«. Wahrscheinlich geht er auf einen Brauch in der alten Kirche zurück. Die zu Ostern Getauften legten ihre weißen Kleider von der Tauffeier am Sonntag darauf ab. In der Woche zuvor wurden sie im Glauben unterwiesen. Die Farbe Weiß spielt aber bis heute eine Rolle am Weißen Sonntag, der auch Kleinostern genannt wird. In alter Tradition werden an diesem Tag die Mädchen und Jungen zum ersten Mal an den Tisch des Herrn geführt. Sie feiern ihre Erstkommunion. Etwa ein Jahr lang wurden die Zehn- bis Zwölfjährigen darauf vorbereitet. Ein zentraler Punkt ist die Vorbereitung auf die Beichte – die Voraussetzung für die Vergebung der Sünden. Ohne die direkte Beichte beim Priester, die Ohrenbeichte, und die Vergebung ist eine Erstkommunion nicht möglich. Die Beichte muss heute intensiver als früher eingeübt und nahegebracht werden. Denn außerhalb der Kirche in den Elternhäusern spielt sie kaum noch eine Rolle.

Die Erstkommunion ist ein großer Tag für katholische Jungen und Mädchen im Grundschulalter. Weiß ist die Farbe dieses Festes. Foto: epd-bild/Thomas Rohnke

Die Erstkommunion ist ein großer Tag für katholische Jungen und Mädchen im Grundschulalter. Weiß ist die Farbe dieses Festes. Foto: epd-bild/Thomas Rohnke

Endlich feiern sie ihr großes Fest und werden dazu besonders herausgeputzt. Zu ihrer Erstkommunion tragen zumeist die Mädchen weiße Kleider und sehen aus wie kleine Bräute. In manchen katholischen Gemeinden werden auch die Jungen in weiße Gewänder gekleidet.

Auch wenn der traditionelle Weiße Sonntag nicht mehr überall der Erstkommunionstag ist, wird vielerorts an der Tradition festgehalten. Wenn evangelische Gemeinden davon wissen, können sie am Sonntag auch die Erstkommunionskinder der katholischen Nachbargemeinde mit in ihre Fürbitte einschließen.

Im evangelischen Kalender steht als Sonntagsname »Quasimodogeniti«. Er leitet sich von den Anfangsversen der früheren lateinischen Antiphon ab: »Quasi modo geniti infantes, halleluja, rationabile, sine dolo lac concupiscite (1. Petrus 2,2, – deutsch: Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch). Neugeboren durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist – erlöst, befreit von Sünden und Tod.

Das Leben mit Jesus Christus steht im Mittelpunkt. Glaubende haben die Osterbotschaft vernommen, angenommen und hören sie nun noch einmal. Die Schuld ist durch Gottes große Gnade und Liebe genommen, mit Christus auferstanden und neugeboren, kann der Mensch neu zu leben beginnen und seine Verantwortung im Herrn tragen. Quasimodogeniti ist also ganz eng mit der Osterbotschaft verknüpft – eben ein »Kleinostern«. Und ein wunderbares Taufdatum – mit weißen Taufkleidern und Tauferinnerung.

Dietlind Steinhöfel

Durch den Tod zum Leben

4. April 2015 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Osterwort von Propst Christian Stawenow

Man kann nur da sein«, antwortete ein Notfallseelsorger auf die Frage, was er denn den Menschen in ihrem Entsetzen über die Opfer des Absturzes des Germanwings-Airbusses sagen könne. Dasein, Mitfühlen, Mitleiden, in diesem unvorstellbaren Leid. Plötzlich sind 150 Menschen tot, herausgerissen aus dem hoffnungsvollen Leben. Offenbar war ein Mensch willentlich der Verursacher. Ihm wurde vertraut. Wie sollen wir das klarkriegen? Wie sollen Angehörige mit dem Unfassbaren zurechtkommen – mit ihrer Trauer, ihrem Schmerz, dem Verlust, der Unabänderlichkeit dieses Wahnsinns?

Abbildung: Das Motiv »Osterlicht« ist einer von mehreren Entwürfen für ein Glasfenster in der Kirche in Schönau/Hörsel des Thüringer Künstlers Gert Weber.Repro: Gert Weber

Abbildung: Das Motiv »Osterlicht« ist einer von mehreren Entwürfen für ein Glasfenster in der Kirche in Schönau/Hörsel des Thüringer Künstlers Gert Weber. Repro: Gert Weber

Der Karfreitag lenkt unseren Blick auf den Schmerzensmann. Es fiel mir immer schwer, das Lied »O Haupt voll Blut und Wunden« für den Gemeindegesang auszuwählen. Wem kann und wollte ich zumuten, sich so in das Bild des Gekreuzigten zu versenken? Verraten und enttäuscht, geschlagen und unschuldig verurteilt, unter Qualen gekreuzigt. Doch im Leiden Jesu ist auch das Leiden der Menschen vor Augen. Paul Gerhardt dichtet: »Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.« Stehen und sehen und schweigen. Ohnmacht spüren. Der eigenen Grenzen bewusst werden, Schuld empfinden. Die Gedanken schweifen vom Kreuz zur Absturzstelle in den französischen Alpen, zu Trümmerstätten in Syrien, der Ukraine … Wie viel Tod durch Menschenwille und Menschenhand heute, damals und zu allen Zeiten! Mittendrin ist Jesus, sein Kreuz. In den Kreuzwegen folgen wir ihm nach. Wir bedenken, dass Gott sich selbst in die Gottverlassenheit gegeben hat, dass er selbst Bitterkeit, Schmerzen, Todesängste hat durchstehen müssen, Abschiede und die Tränen derer, die um ihn weinten. Wir denken an ihn, an die vielen Leidenden. Wir tragen etwas – vielleicht ist es nur so schwer wie eine Feder oder ein Sandkorn – von der Last in unserer Welt. Warum hatte der Flugzeugabsturz nicht verhindert werden können? Wer kann Fesseln der Verzweiflung sprengen?

Jesus trägt am Kreuz die ganze Last der Welt. Das Kreuz Jesu birgt dieses Geheimnis. Gott vergibt Schuld. Es gibt Vergebung und Versöhnung, Versöhnung auch mit uns selbst. Wie könnten wir Menschen sonst leben? Wer spräche uns frei?

Unaufhaltsam schreiten die Stunden und Tage fort. Der Ostermorgen rückt heran. Die Evangelien erzählen uns, wie die Frauen um Maria und Maria Magdalena die Kreuzigung Jesu erlebten, wie sie Jesus gern bestattet hätten und am frühen Morgen nach dem Sabbat zum Grab gingen. Der Stein war weggewälzt. Zwei Boten sagten ihnen: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden« (Lukas 24, 5.6). Die Reaktion auf diese Botschaft beschreiben die Evangelisten unterschiedlich. Bei Markus fliehen sie vom Grabe, »denn Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas«, nach Lukas gingen sie nachdenklich davon und erzählten es seinen Jüngern, die ihnen jedoch nicht glaubten. Bei Matthäus erfahren wir, dass sie »mit Furcht und großer Freude« vom Grabe wegliefen, »um es seinen Jüngern zu verkünden«. Die Osterbotschaft muss sich aus tiefster Finsternis zum Licht Bahn brechen. Die Jünger zweifeln selbst noch, als sie den auferstandenen Jesus sehen. Aber mehr und mehr setzt sich Gewissheit durch. Der Apostel Paulus bezeugt: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn« (Römer 8,39). Es gibt Auferstehung. Es gibt ein Leben durch den Tod hindurch. Dieses Leben hat Jesus Christus eröffnet. »Er ist um unsrer Sünde willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt«, so lautet eine bündige Zusammenfassung des christlichen Glaubens, ein ganz frühes Bekenntnis (Römer 4,25). So kurz es ist, so lang kann aber der Weg sein, der von Trauer, Ohnmacht und Gewissensangst zur Erfahrung der Freiheit und Freude führt.

»Es gibt Vergebung und Versöhnung, Versöhnung auch mit uns selbst. Wie könnten wir Menschen sonst leben? Wer spräche uns frei?«

Paul Gerhardt nennt in seinem Osterlied »Auf, auf, mein Herz mit Freuden« (EG 112) eine Weise, die Ostererfahrung zu ergreifen. Mutig und zumutend bekennt er: »Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied, wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.« Aber es folgt ja zum Glück gleich anschließend: »Er dringt zum Saal der Ehren, ich folg ihm immer nach …« Sich an Christus heften, das ist seine Antwort. Wir tun das im Gedenken an sein Sterben und Auferstehen, wir erinnern uns an unsere Taufe. Wir nehmen unsere Trauer und unser Entsetzen, auch die Not von Versagen und Schuld mit in den Karfreitag. Wir lassen es zu, dass Jesus auch für uns und unsere Welt am Kreuz gestorben ist, und wir erwarten den Anbruch des Ostertages. So lassen wir uns von Christus mitnehmen auf den Weg durch den Tod zum Leben. Jesus Christus ist da.

Autor: Der promovierte Theologe ist Regionalbischof des Propstsprengels Eisenach-Erfurt.

Das Gespräch mit Gott neu entdecken

14. Juli 2014 von redaktionguh  
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Mit der Aktion »Anhalt betet« hat die Landeskirche Anhalts einen Stein ins Rollen gebracht

Etwa 20 Frauen und Männer sitzen im Halbkreis vor dem Altar in der Marienkirche in Harzgerode. Als das Glockengeläut ausklingt, eröffnen sie mit der Formel »Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« im Kerzenschein eine kleine Andacht. Unter den Beterinnen und Betern sind am 3. Juli der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig; der Kreisoberpfarrer des Kirchenkreises Ballenstedt, Theodor Hering; die Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, Christine Reizig, und die Harzgeröder Pfarrerin Anke Dittrich. Die Zusammenkunft gilt als Eröffnung der Aktion »Anhalt betet«. Die anhaltische Landeskirche will damit Menschen in ganz Anhalt einladen, das Gebet in der Kirche als gemeinsames Gespräch mit Gott neu zu entdecken. In Harzgerode ist man dabei.

Kirchenpräsident Joachim Liebig (rechts) eröffnete die Aktion »Anhalt betet« mit den Christen in Harzgerode. Foto: Joerg Reiber

Kirchenpräsident Joachim Liebig (rechts) eröffnete die Aktion »Anhalt betet« mit den Christen in Harzgerode. Foto: Joerg Reiber

»Ja, das machen wir«, sagt Sonja Schlüfter. Als die Rendantin (Rechnungsführerin) der Harzgeröder Kirchengemeinde, die auch Kreissynodale ist, von der Frühjahrstagung ihrer Synode zurückkam, stand ihr Entschluss fest. Auch ein geeigneter Tag war schnell gefunden: der Donnerstag, einer der beiden Markttage in Harzgerode, an dem mehr Menschen als sonst in der Stadt unterwegs sind. Ab 10 Uhr ist die Kirche verlässlich für Besucher geöffnet. Das Gebet beginnt um 10.30 Uhr. »Wir haben am 8. Mai mit vier Teilnehmern begonnen«, sagt Sonja Schlüfter. »Die Teilnehmerzahl schwankt. Manchmal waren wir schon zehn.« Hauptsächlich Kirchenälteste und andere Gemeindemitglieder beteiligen sich. Aber es seien schon Fremde, die die Kirche nur besichtigen wollten, dazugekommen. Die Kirchenälteste Gisela Scholz war am 3. Juli zum ersten Mal dabei. Sie und Sonja Schlüfter nutzen die schön gestaltete Vorlage, die die Landeskirche für die Aktion »Anhalt betet« herausgegeben hat. Auf ihr sind Psalm 84, Verse aus dem Matthäusevangelium, ein kurzes Gebet, das Vaterunser und ein Segen abgedruckt. Auch eine Zeit der Stille ist vorgesehen.

»Wir haben schon darüber gesprochen, im Lauf des Kirchenjahres oder in einer besonderen Situation andere Gebete zu verwenden«, sind sich die beiden Harzgeröderinnen einig.

Im November vergangenen Jahres hatte die Landessynode Anhalts den auf zwei Jahre angelegten Gebetsversuch beschlossen. Der Theologische Ausschuss hatte dazu das Faltblatt mit dem knappen liturgischen Ablauf erarbeitet. Für die Teilnahme an den Gebeten seien Kirchenmitgliedschaft, Zweifel oder alle bisherigen Erfahrungen mit Gebeten unwichtig. »Selbst noch nie gebetet zu haben ist kein Hindernis«, heißt es auf der Vorlage. In einigen Kirchengemeinden haben sich inzwischen Gruppen gebildet, die an einem festen Termin zum Gebet zusammenkommen. So trifft sich in Dessau-Roßlau eine Gruppe mittwochs, um 11.30 Uhr in der Georgenkirche, eine weitere immer donnerstags, um 20 Uhr in der Weidenkapelle an der Auferstehungskirche. Auch in Steutz haben sich Beter zusammengefunden. In der Region Schackstedt/Schackenthal heißt es bis zum Jahresende an einem festgelegten Tag im Monat »Anhalt betet«.

Kirchenpräsident Liebig kam bei der Eröffnung in Harzgerode auch auf die Kirchen in Anhalt zu sprechen. »Es gibt Orte, an denen man mehr zu Ruhe kommt als an anderen.« Hier könne man lesen, beten, zur Stille finden. Menschen heute seien es nicht mehr gewohnt, still zu sein. »Es ist auch der Versuch, der Stille eine Chance zu geben.«

Angela Stoye

Plädoyer für Beziehungskirche

8. Juni 2014 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Pfingsten ist mehr als der Geburtstag der Kirche

Zum Fest des Heiligen Geistes lenkt der Autor den Blick auf die Kirche und ihre Reformbemühungen.

Vor zwei Jahren dachte sich ein hessisches Dekanat: Pfingsten feiern wir mal eine richtige Geburtstagsparty – mit Luftballons, Live-Musik und vielen Geburtstagstorten. Zum Glück waren 21 Orte, katholische wie evangelische Gemeinden, eingebunden. Wie hätte man sonst 1 982 Geburtstagskerzen anzünden und auf einmal auspusten können? 2014 benötigte man zwei mehr: Die Kirche wird 1 984 Jahre alt – wahrscheinlich, denn einiges spricht dafür, dass alles im Jahre 30 begann. Damals waren die Jünger in Jerusalem zusammen, sie beteten, dann trieb es sie als Begeisterte auf die Straßen. Menschen unterschiedlicher Nationen haben sie verstanden – die Nachricht von Jesus ging ihnen zu Herzen. Es entstand die erste christliche Gemeinde. Am Anfang waren da keine denkmalgeschützten Kirchen, Verwaltungsämter, Bischöfe oder Pfarrer: Die Kirche nahm historisch ihren Anfang als Bewegung begeisterter Christen.

Jugend bei einem Kirchentag. Ein Event, das begeistert. Der Kirchenalltag aber muss andere Prioritäten setzen. Foto: Steffen Giersch

Jugend bei einem Kirchentag. Ein Event, das begeistert. Der Kirchenalltag aber muss andere Prioritäten setzen. Foto: Steffen Giersch

Auch theologisch ist Kirche in erster Linie Versammlung der Glaubenden. In einer Zeit, in der wir uns nach Erneuerung sehnen, sollten wir berücksichtigen: Kirche wächst als Bewegung. Als solche erneuert sie sich. Strukturveränderungen und organisatorische Effizienz werden das nicht bewirken, ebenso wenig die Bemühungen um das Erstarken der Institution. Die neue Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (KMU) gibt Anlass zu einer nüchternen Bilanz solcher Reformmaßnahmen. Sie unterstreicht überdies, wie wichtig Gemeinschaft für den Glauben ist.

Eine weitere Tendenz wurde in dieser Studie offengelegt: Die Beziehungslosigkeit der Menschen nimmt zu, und zwar nicht nur zur Kirche, sondern auch zum Glauben. Vielen Zeitgenossen ist Glaube ein Schulterzucken wert; sie haben für Religion keine Antenne. Sie hören vielleicht die Worte, aber sie erreichen sie nicht. Die Jünger damals trafen den Ton der verschiedenen Kulturen, Milieus und Zielgruppen. Ebenso führt uns die KMU vor Augen, wie wichtig dieses Anpassen an die Hör- und Verstehgewohnheiten der verschiedenen Menschen ist. Vielsprachigkeit und kulturelle Relevanz werden wohl immer mehr zu Prüfsteinen einer gelingenden Kommunikation des Evangeliums.

Doch eigentlich fragt uns das breite Desinteresse an Religion noch grundsätzlicher an. Denn es stellt nicht nur Sensibilität und Professionalität unserer Angebote infrage, es stellt sie insgesamt infrage. Denn Gleichgültige gehen auch nicht in perfekt inszenierte Veranstaltungen. Sie nehmen Kirche (in der Regel) überhaupt nicht mehr wahr. »Veranstaltungen sind … dann hilfreich, wenn Menschen für den Glauben offen sind – weniger, um sie dafür zu interessieren.« So resümiert eine andere Studie. Sie begegnet damit dem kirchlichen Reflex: »Wenn wir eine Zielgruppe nicht mehr erreichen, machen wir für sie ein Angebot.« Die Jünger in Jerusalem haben jedoch keine Angebote gemacht. Sie haben ihre Türen aufgestoßen, sind hinausgegangen auf die Straßen und Plätze. Sie haben die Nähe der Menschen gesucht. Die KMU bestätigt, dass religiöse Kommunikation meist im persönlichen Umfeld geschieht. Durch menschliche Nähe zu Christen entsteht Geschmack fürs Unendliche. Alle Christen – nicht nur Hauptamtliche – sind Botschafter Jesu in ihrem Umfeld: zu Hause, bei der Arbeit, im Supermarkt und in der Freizeit. Die künftige Herausforderung besteht wohl darin, mehr eine netzwerkbasierte Beziehungskirche als eine institutionengestützte Veranstaltungskirche zu sein. Schließlich sagt uns Pfingsten: Erneuerung lässt sich nicht machen! Es ist der Geist Gottes, der in Bewegung setzt. Der kommt von außen. Aber: Die Jünger waren zusammen, als der Geist sie überfiel. Reformation wird wohl vor allem aus einer erwartenden und betenden Haltung kommen.

Thomas Schlegel

Der Autor ist Leiter des Referats Gemeinde der EKM.

Der Duft der Auferstehung

19. April 2014 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Ostern ist nichts für Zuschauer – eine Betrachtung von Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt

Für Menschen des medialen Zeitalters sind Ostern und Auferstehung wohl eine Zumutung. Denn den an Bilderfluten gewöhnten Zuschauern des 21. Jahrhunderts haben beide zunächst eine herbe Enttäuschung zu bieten: Es gibt nichts zu sehen. Oder besser: nicht viel. Allenfalls ein leeres Grab.

Anders als Weihnachten, dessen biblische Geschichten den Augen geradezu ein Fest bereiten, kommt Ostern eher schlicht daher. Statt Heiliger Familie, Engelschören, armen Hirten und reichen Weisen treffen wir im Osterevangelium auf deutlich weniger Personal. Drei Frauen und ein, vielleicht auch zwei Engel. Was zwischen ihnen geschieht, ist schnell erzählt. Während die Passionsgeschichten ausführlich den Weg Jesu ans Kreuz und seinen grausamen Tod schildern, wird das Geschehen am Ostermorgen in nur wenigen Sätzen berichtet. Eine kurze Begegnung, ein knappes Gespräch. Beinahe im Vorübergehen die Worte der Engel, gerichtet an die drei trauernden Frauen an Jesu Grab: »Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden« (Lukas 24,5 f.).

Am Grab Jesu treffen die drei Frauen »einen Jüngling, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich«. Mit der einen Hand weist der Engel auf die Stätte, da Jesus gelegen hat. Die andere sagt: Er ist auferstanden. Bild: Pater Polykarp Ühlein/Foto: Friedbert Simon

Am Grab Jesu treffen die drei Frauen »einen Jüngling, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich«. Mit der einen Hand weist der Engel auf die Stätte, da Jesus gelegen hat. Die andere sagt: Er ist auferstanden. Bild: Pater Polykarp Ühlein/Foto: Friedbert Simon

Zu sehen gibt es dabei nicht viel. Jedenfalls nicht viel von dem, was unseren Sehgewohnheiten und Seherwartungen entspricht. Nichts, was sich mit Kamera, Zeichenstift oder anderen bildgebenden Verfahren festhalten und ausschmücken ließe. Ostern und Auferstehung sind offenbar nichts für Zuschauer. Das könnte auch heißen: Ostern kann man nicht sehen, sondern nur erfahren. Am eigenen Leib, im eigenen Leben.

Die Texte der Evangelien vermitteln genau diese Botschaft. Was Christus in Kreuz und Auferstehung widerfährt, soll auch für uns gelten. In Kreuz und Auferstehung wird deutlich: Gott überlässt uns Menschen und die ganze Welt nicht einfach dem, wie es jetzt und hier ist. Gott überlässt uns in Leid, Schmerz, Angst und Tod nicht einfach unserem Schicksal. Sondern genau dort geht er an unserer Seite mitten hinein. Am Kreuz erlebt Gott all das mit. Am Kreuz nimmt er all das mit in sich hinein. Und Gott belässt es nicht dabei, sondern verwandelt es, lässt es neu werden – aus Tod wird Leben, aus Schuld Vergebung, aus Leid und Schmerz neue Anfänge.

Kreuz und Auferstehung erzählen von dieser Verwandlung, diesem umfassenden Neu-Werden. Sie erzählen, dass damit eine neue Kraft in der Welt ist: die Kraft der alles, wirklich alles, neu machenden, schöpferischen Liebe Gottes. Einer Liebe, die Gott beschreibbar macht als den, »der die Toten lebendig macht und das ruft, was nicht ist, dass es sei« (Römer 4,17). Diese Liebe soll fortan für alles in unserem Leben die bestimmende Kraft sein. Es ist diese neue Kraft, die zuerst Christus – buchstäblich am eigenen Leib – erfährt und die alles Leben auf dieser Erde erfassen wird. Diese neue Kraft bringt die bisherigen Kräfte- und Machtverhältnisse ins Wanken und wird sie letztlich ablösen. Nicht mehr der Tod und die, die ihn als Angst- und Druckmittel einsetzen, haben das letzte Wort, sondern die schöpferische und kraftvolle Liebe Gottes.

Auch deshalb ist Ostern nichts für Zuschauer. Denn Ostern wird es nicht, wenn wir ein Geschehen in ferner Zeit betrachten. Ostern wird es, indem wir uns hier und heute der Kraft der Liebe Gottes anvertrauen und uns von ihr verwandeln lassen. Indem wir gewissermaßen neu geboren werden, Gottes Kraft auch durch uns wirken lassen und so an Gottes neuer Welt mitarbeiten und mitbauen. Wenn wir singen und Flüchtlinge willkommen heißen, beten und Sterbende trösten, für Gerechtigkeit eintreten, den Garten neu bepflanzen und den Liebsten umarmen – und was immer wir noch tun können, um gegen alle augenscheinliche Macht des Todes und angeblich nicht zu ändernder Fakten auf die schöpferische Kraft der Liebe Gottes zu setzen.

Ostern gibt es nicht viel zu sehen. Vielleicht aber gibt es etwas zu riechen. Vielleicht nehmen wir zu Ostern Witterung auf, bekommen ihn in die Nase und dann nie wieder aus Kopf und Herz – den Duft der Auferstehung. Eine kleine Vorstellung davon, wie es um diesen Duft bestellt sein könnte, habe ich bei der Geburt unserer Tochter bekommen. Als ich sie zum ersten Mal im Arm hielt, duftete sie geradezu betörend – ungeheuer neu, frisch, zitronig und doch ganz und gar unbeschreiblich. Die ersten Tage ihres Lebens habe ich diesen Duft immer wieder regelrecht eingesogen. So einen Duft, den Duft neuen Lebens, hatte ich nie wieder in der Nase.

Irgendwie von dieser Art stelle ich mir den Duft der Auferstehung vor. Etwas davon weht einem immer dann in die Nase, wenn Gottes Liebe neues Leben werden lässt. Neues Leben, wo wir nichts mehr als den Tod erwarten. Neue Lebensperspektiven, wie wir sie noch nicht gekannt haben. Reine Freude, pure Hoffnung. So unvorstellbar neu, anders als alles und ganz und gar einzigartig, so wird er vielleicht sein, der Duft der Auferstehung. Man nimmt ihn auch mit geschlossenen Augen wahr. Selbst dann, wenn einem Hören und Sehen schon längst vergangen ist, wenn längst alles vergangen ist, wird er uns in die Nase wehen und Gottes Liebe wird alles verwandeln und neu machen.

Für von Bildern verwöhnte und an Bilder gewöhnte Menschen ist das sich letztlich allen Bildern entziehende Auferstehungsgeschehen wohl eine Zumutung. Wie aber sagte es die Dichterin Ingeborg Bachmann? »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.«

Die Autorin ist Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl.

Jubel und Niederlage

12. April 2014 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Palmarum lehrt eine andere Sicht auf die Dinge

Der Sonntag Palmarum erinnert an den gefeierten Einzug Jesu in Jerusalem. Die Siegerstimmung aber kippt schon nach wenigen Tagen.

Wir lieben Sieger. Wenn der eigene Fußballclub das Spiel gewinnt, ist alles in Ordnung. Wenn die Männer oder Frauen sogar den Meistertitel holen, werden sie bejubelt und auf Händen getragen. Die Fans werfen ihnen Blumen zu, schwenken ihre Fan-Schals und singen die Vereinshymne. Vor zwei Jahren feierte Dortmund seine Borussia-Jungs, die sowohl den deutschen Meistertitel als auch den Pokal gewannen – das erste Double der Vereinsgeschichte. Superlative lobten Trainer und Mannschaft in den Medien. Und nun? Kein Titel in Sicht – enttäuschte Fans. Ja, wir lieben Sieger, nicht die Verlierer.

2013 gewinnt Bayern München den Fußballpokal. Die Fans umjubeln das Siegtor. Foto: Daniel Kopatsch/picture alliance

2013 gewinnt Bayern München den Fußballpokal. Die Fans umjubeln das Siegtor. Foto: Daniel Kopatsch/picture alliance

Und das scheint immer schon so gewesen zu sein. Vor 2 000 Jahren schmückten die Menschen mit Palmzweigen den Weg, zogen ihre Kleider aus und legten sie als Teppich nieder. Sie jubelten und riefen: »Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« (Matthäus 21,9). Jesus zog, auf einem Esel reitend, in Jerusalem ein. Welch eine überschwängliche Begrüßung! So wird ein Sieger empfangen, von dem man hofft, dass er über den tristen Alltag hinweghilft. Dabei reitet er nicht auf einem stolzen Pferd wie ein König, sondern bescheiden wie ein Reisender aus dem Volk auf einem Esel. Beim Propheten Sacharja im 9. Kapitel wird das so beschrieben: »Siehe, dein König kommt zu dir (…), arm und reitet auf einem Esel.« Das Zwiespältige, aber auch das Besondere wird hier schon sichtbar: Herrschaft und Armut. Dieser Jesus aus Nazareth passt in kein Schema.

Dem feierlichen Einzug folgt die Schmach. Es dauert nur wenige Tage, bis die Stimmung kippt. Ein Getümmel vor dem Palast des Pilatus, die Menschen rufen: »Kreuzige ihn!« Man kann sich kaum vorstellen, dass es dieselben waren, die gerade jubelten.

Oder doch? Es ist ja nicht ungewöhnlich, sich von jemandem zu distanzieren, der uns enttäuscht hat. Sind nicht die Fans einer Mannschaft dieselben, die jubeln bei gewonnenem Spiel, sauer reagieren bei der Niederlage? Kürzlich beschwerte sich der Dortmunder Mittelfeldspieler Kevin Großkreutz nach einem verlorenen Spiel, dass die Fans im Stadion nach jedem Fehlpass murrten. »Immer dieses Gestöhne«, sagte Großkreutz.

Es ist nicht alles vorbei mit einem verlorenen Fußballspiel, selbst nicht mit einem verpassten Meistertitel. Es geht weiter. Es gibt ein nächstes Spiel, ein neues Fußballleben. Auch mit dem verurteilten Jesus aus Nazareth geht es weiter. Nur auf den ersten Blick enttäuscht er jene, die in ihn so große Hoffnung gesetzt haben. Er ist kein Verlierer, er bleibt der Sieger. Ein anderer jedoch, als sich die Menschen das wünschten, als sie ihn jubelnd vor den Toren Jerusalems begrüßten.

Wir lieben Sieger, weil sie unsere Träume stellvertretend verkörpern. Sie lassen vergessen, dass es Tiefschläge und Sorgen für uns gibt. Tatsächlich bedeutet ja der hebräische Jubelruf »Hosianna«: »Rette uns!« Wir brauchen Menschen, die uns zeigen, dass es möglich ist zu siegen. Das stärkt und ermutigt. Verlierer erinnern uns zu sehr an unsere eigenen Schwächen. Wir wollen nicht auf ihrer Seite stehen. Das macht Unbehagen.

Eine Fußballmannschaft kann nicht immer siegen. Wir können nicht permanent erfolgreich sein. Auch das hat uns Gott gezeigt in der Geschichte seines Sohnes: Für eine Zeit ist er auf der Verliererseite. Er wird beschimpft, geschlagen und zum Tode verurteilt. Schlimmer kann es nicht kommen. Gott aber hilft ihm und uns über diesen absoluten Tiefpunkt hinweg. Jesus bleibt nicht der Verlierer. Sein Königsthron ist nicht mit politischer Macht und weltlichem Glanz geschmückt, sondern mit Frieden und Gerechtigkeit. Barmherzigkeit und Liebe führen zur Meisterschaft.

Dietlind Steinhöfel

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