Geschenk für die Gemeinden

31. August 2018 von redaktionguh  
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Startschuss: In der Region »Unterharz« nimmt das anhaltische Verbundsystem Gestalt an – und zwei neue Mitarbeiterinnen nehmen ihre Arbeit auf.

Das kann so funktionieren«, sagt Julia Arndt fest und schaut auf Andrea Rittweger. Die beiden Frauen werden am 2. September in der St. Marien-Kirche in Harzgerode in ihren Dienst in der Region »Unterharz« eingeführt. Damit nimmt der erste Mitarbeiterverbund Gestalt an, wie es die Landessynode Anhalts beschlossen hat. Mitarbeiter im Pfarrdienst, in der Kirchenmusik, der Gemeindepädagogik, der Diakonie und der Verwaltung bilden einen Verbund. »Das heißt für mich, Gemeinden zu verbinden«, erklärt die studierte Ingenieurin Julia Arndt, die künftig – von der Landeskirche gefördert – im sächsischen Moritzburg nebenberuflich Gemeindepädagogik studiert und im September »in der Arbeit mit Kindern schon loslegt«. In der freien Wirtschaft sei alles sehr »produktbelastet«, sie wolle wieder näher an den Menschen sein.

Für ein starkes Miteinander: Kirchenmusikerin Andrea Rittweger (li.) und Gemeindepädagogin Julia Arndt sind zunächst für Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde zuständig. Foto: Uwe Kraus

Für ein starkes Miteinander: Kirchenmusikerin Andrea Rittweger (li.) und Gemeindepädagogin Julia Arndt sind zunächst für Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde zuständig. Foto: Uwe Kraus

Verbinden werden sie die Gemeinden Harzgerode, Schielo, Güntersberge und Siptenfelde, in einem zweiten Schritt soll Neudorf dazukommen. Andrea Rittweger freut sich, bei diesem ersten Verbundversuch im Kirchenkreis dabei zu sein. »Ich bin richtig glücklich, dass ich mit 52 Jahren jetzt richtig als Kirchenmusikerin arbeiten kann.« Was hier im Unterharz geschehe, sei außergewöhnlich in einer Zeit, wo auch in der Kirche an allen Ecken und Enden gekürzt werde. »Wir sind das Geschenk an die Gemeinden«, charakterisiert es die studierte Kirchenmusikerin, die bis zum Schuljahresende per Honorarvertrag Generationen von Kindern an der Kreismusikschule unterrichtete.

Die Kirchenmusikerin und die Gemeindepädagogin verstehen sich als Begleiter der Gemeinden, die mit ihrem Auftauchen niemanden der engagierten Ehrenamtlichen verschrecken wollen. Sie könnten nicht überall sein, möchten aber gern Hilfestellung geben. »Ich schubse keinen ehrenamtlichen Musiker von der Orgelbank«, scherzt Andrea Rittweger und meint es doch sehr ernst. »Ja, es gilt auch, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Aber das Ehrenamt muss hoch geschätzt werden.« Sie hat in den vergangenen Wochen viel an der Orgel in Harzgerode geübt und kam mit den Besuchern ins Gespräch. »Ich will 20 Minuten Orgelmusik an den Markttagen anbieten, es muss einfach selbstverständlicher werden, in die Kirche zu gehen, sich hinzusetzen und zu lauschen.« Die Gernröderin Andrea Rittweger kann sich einen Kinderchor vorstellen und musikalische Früherziehung anzubieten. »Ich könnte offenes Singen in den Alters- und Pflegeheimen etablieren, denn das musikalische Gedächtnis verschwindet als letztes aus dem Kopf.«

»Ob zu Jubelkonfirmationen oder beim Erntedank möchte unser großer Chor, der in Gernrode probt, weiterhin im gesamten Kirchenkreis die Gottesdienste mit singfähigen Gruppen bereichern«, sagt Andrea Rittweger. Auch Julia Arndt, die in Ballenstedt wohnt, möchte das Miteinander vertiefen und dieses Konzept auf die Kinderstunden ausdehnen. »Gerade die Arbeit mit den Jüngsten der Gemeinde öffnet Türen auch bei den Älteren.« So besuchte sie in den vergangenen Tagen die Kinderstunden in Harzgerode und Güntersberge. »Ich will die Kinder und die Ehrenamtlichen kennenlernen«, sagt sie. Dabei hat sie sowohl das Engagement der Ehrenamtlichen gespürt, aber auch den Wunsch nach Unterstützung. Zusammen mit den freiwilligen Helfern vor Ort sollen die vorhandenen Kindergruppen gestärkt und weitergeführt werden. Dabei wird bei den Kleinsten im Kindergarten begonnen, denn die neue Gemeindepädagogin weiß, wie dankbar und wissbegierig Kinder sein können: »Ich habe ja selbst zwei zu Hause.«

Der Mitarbeiterverbund ist eine Herausforderung. »Wir werden unser Gemeindeverständnis verändern müssen«, fordert der Ballenstedter Kreisoberpfarrer Theodor Hering. Es werde sich zu sehr auf den Pfarrer konzentriert. »Das bringt auch Veränderungen im Verständnis des Pfarramtes mit sich. Die Bedeutung des Pfarrdienstes wird nicht abnehmen, aber die gemeinsame Arbeit mit den anderen Professionen in der Kirche soll zunehmen. Darum setzen wir wie in anderen Lebensbereichen mehr auf Teamarbeit.«

Uwe Kraus

Gottesdienst am 2. September in der Marien­kirche in Harzgerode um 14 Uhr

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Zu tiefem Dank verpflichtet

19. Juli 2018 von redaktionguh  
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Nachruf: Trauer um Andreas Schindler. Der Präses der Landessynode starb kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand plötzlich und unerwartet.

Von Kirchenpräsident Joachim Liebig

Völlig unerwartet trifft die Evangelische Landeskirche Anhalts am 12. Juli die Nachricht vom Tod ihres Präses Andreas Schindler. Im Alter von 64 Jahren erliegt er einem Schlaganfall.
Andreas Schindler wird 1953 in Köthen geboren und wächst in einem Pfarrhaus auf. Das Studium der Volkswirtschaft 1974 bis 1978 in Halle schließt er als Diplomökonom ab. 1978 bis 1986 ist Schindler Betriebsteilleiter und Werkleiter in einem volkseigenen Betrieb für technische Textilien in Quedlinburg und Halberstadt.

Andreas Schindler. Foto: Johannes Killyen

Andreas Schindler. Foto: Johannes Killyen

Bereits zu dieser Zeit ist er in Quedlinburg im Gemeindekirchenrat und in der Kreissynode tätig. 1986 wird er Dezernent im Landeskirchenrat der Evangelischen Landeskirche Anhalts, ab 1991 ist er Geschäftsführer der Kanzler von Pfau’schen Stiftung mit Sitz in Bernburg sowie bis zu seinem Tod deren Vorstandsvorsitzender und Stiftungsdirektor. Zugleich ist Schindler seit dem Jahr 2000 Vorsitzender der Kreissynode Bernburg, Mitglied der Anhaltischen Landessynode und der Kirchenleitung sowie seit 2006 Mitglied des Präsidiums der Landessynode. Andreas Schindler steht ihr als Präses im Ehrenamt seit 2012 vor und wurde erst im Mai für eine weitere Legislaturperiode gewählt. Er hinterlässt seine Ehefrau Ulrike Schindler, geborene Böttger, seine hochbetagte Mutter und zwei erwachsene Söhne.

In seinen haupt- und ehrenamtlichen Tätigkeiten für die Landeskirche zeichnete sich Andreas Schindler durch eine tiefe Verwurzelung in der Region Anhalt aus. Nachdem sich im Rahmen der friedlichen Revolution die Bedingungen für kirchliches Arbeiten völlig verändert hatten, war es für Andreas Schindler in seinen kirchlichen Verantwortungsbereichen von allergrößter Bedeutung, die Landeskirche für zukünftige Herausforderungen zu gestalten. Freundlich und zugewandt und dabei gleichzeitig zielgerichtet hat er die gegenwärtigen Veränderungsprozesse von Anfang an begleitet.

Sein weiteres zentrales Lebenswerk ist zweifellos die Kanzler von Pfau’sche Stiftung in Bernburg, die während seiner Dienstzeit an unterschiedlichen Standorten zu einer bedeutenden diakonischen Einrichtung in der Region wurde. Persönlich war mir Andreas Schindler vom Beginn meines Dienstes in Anhalt an freundschaftlich verbunden.

Gemeinsam hatten wir in den vergangenen Monaten seinen Übergang in den Ruhestand in den Blick genommen. Sein plötzlicher Tod macht alle Überlegungen zunichte. Die Evangelische Landeskirche Anhalts, die Kanzler von Pfau’sche Stiftung Bernburg und ich persönlich sind Andreas Schindler zu tiefem Dank verpflichtet. Unsere Fürbitte gilt seiner Frau, seiner Familie und allen, die um ihn trauern. In unserem gemeinsamen Glauben empfehlen wir ihn der Hand Gottes.

Trauerfeier für Andreas Schindler am 21. Juli, 9 Uhr, im Gemeindesaal der Kanzler von Pfau’schen Stiftung, Kustrenaer Straße 9, in Bernburg, anschließend Überführung nach Dessau zur Beisetzung

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Personal Karussell

3. Juni 2018 von redaktionguh  
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Der Bischofswahlausschuss der Nordkirche hat sich Mühe gegeben: Mit Karl-Heinrich Melzer und Kristina Kühnbaum-Schmidt werden der Landessynode zwei gute Kandidaten vorgeschlagen, die ohne jede Frage die nötige Erfahrung und die für das Amt des Landesbischofs erforderlichen Kompetenzen mitbringen.

Gespannt sein darf man darauf, wie die Synode mit dem Fakt umgeht, dass hier ein Mann gegen eine Frau kandidiert. Denn Geschlechtergerechtigkeit hat in der Nordkirche fast schon Bekenntnisrang. Und unter den Bischöfen der Nordkirche gibt es mit der Hamburgerin Kirsten Fehrs nur eine Frau, der mit Stand von heute vier Männer gegenübersitzen. Kühnbaum-Schmidt hat deswegen guten Karten – wiewohl ein Wahlsieg im Norden auch ein Verlust für die mitteldeutsche Kirche wäre. Der Landeskirche ginge eine überregional profilierte Theologin verloren – und davon hat sie derzeit ohnehin nicht allzuviele …

Dazu passt, dass auf der Liste wieder einmal ein profilierter Ostdeutscher fehlt. Die fünf Jahre, die Kristina Kühnbaum-Schmidt in Mitteldeutschland verbrachte, gleichen das nur wenig aus. Deutschlandweit werden kirchliche Leitungsämter fast nur noch von Westdeutschen wahrgenommen, das hätte die aus Ost und West bestehende Nordkirche durchaus ändern können.

In der EKM dreht sich einstweilen das Personal-Karussell. Ab Herbst wird ein Nachfolger für den Regionalbischof des Sprengels Weimar-Gera , Diethard Kamm, gesucht. Und vielleicht ist auch eine neue Pröpstin für den Sprengel Meiningen-Suhl vonnöten. Bis 2019 muss der Bischofswahlausschuss der Synode Kandidaten für das Amt der Landesbischöfin vorschlagen. Eine mögliche Kandidatin ist dann unter Umständen nicht mehr darunter.

Benjamin Lassiwe

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Aufbruchsignal für Gemeinden

23. April 2018 von redaktionguh  
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Frühjahrstagung: Landessynode sucht im Kloster Drübeck Perspektiven

Die Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat sich auf ihrer dreitägigen Frühjahrstagung im Kloster Drübeck auf neue Impulse für die Gemeindearbeit verständigt. Unter dem Motto »Evangelisch – Ein Kreuz für die Welt« wurden zu sechs Thesen (untenstehend), die bereits auf der Herbstsynode 2017 vorgestellt wurden, Anregungen und erste Handlungsempfehlungen für die Gemeinden und Kirchenkreise erarbeitet. Unter anderem geht es darum, wie auch konfessionslose Menschen mit dem Evangelium erreicht werden und wie Glaubensinhalte verständlich kommuniziert werden können sowie um die Zukunft der Gemeindearbeit. Die Rede war von einem Aufbruchsignal, das daraus entstehen sollte.

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Fotos: Willi Wild/Collage: Adrienne Uebbing

Die Umschreibung der EKM-Verfassung in eine geschlechtergerechte Sprache verfehlte am Samstag indes die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit knapp. Für das Gesetz wären von den abgegebenen und gültigen 70 Stimmen genau 47 Stimmen notwendig gewesen. Da aber nur 46 Synodale dafür stimmten, scheiterte das Vorhaben. 22 Synodale stimmten mit Nein, bei zwei Enthaltungen. Die textlichen Änderungen, die vorgesehen waren, sahen vor allem den Zusatz der weiblichen Form wie etwa Pfarrerin, Bischöfin und Mitarbeiterin zu den männlichen Formulierungen vor.

Zum Auftakt der Tagung hatte Landesbischöfin Ilse Junkermann die Kirchengemeinden ermuntert, positive Erfahrungen aus dem Reformationsjubiläum 2017 mitzunehmen und neue Formate auszuprobieren. Die Bischöfin beklagte aber auch frustrierende Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Verantwortlichen des Reformationsjubiläums. Kulturunterschiede zwischen Ost und West dürften nicht einfach übergangen, sondern müssten viel häufiger und bewusster reflektiert werden, so Junkermann.

Die Landessynode besteht aus 80 gewählten, berufenen und solchen Mitgliedern, die ihr von Amts wegen angehören. In der Regel tritt die Landessynode zweimal im Jahr zusammen. Zu den Aufgaben der Kirchenparlamentarier, der Synodalen, gehören unter anderem die Kirchengesetzgebung und der Beschluss über den Haushaltsplan. Die Synode nimmt Berichte der Landesbischöfin, des Landeskirchenrates und des Landeskirchenamtes entgegen und kann ihnen Aufträge erteilen. Die nächste Tagung ist vom 21. bis 24. November in Erfurt geplant.
(epd)

Losgehen statt stehenbleiben

Die Verfassungsänderung ist knapp gescheitert. Eine Stimme fehlte der Kirchenverfassung in geschlechtergerechter Sprache. Kirchenrätin Dorothee Land, Gleichstellungs­beauftragte der EKM, ist trotzdem zuversichtlich.

Haben Sie mit diesem Ergebnis bei der Abstimmung gerechnet?
Land:
Ich finde gut, dass wir in der Synode so offen und kontrovers diskutiert haben. Denn auch da gilt, was nicht in der Sprache ist, ist nicht in der Wirklichkeit. Es war zu erwarten, dass es eine enge Abstimmung wird. Dass nur eine Stimme gefehlt hat, ist schade, zeigt mir aber auch, dass eine Mehrheit die Veränderung will. Und, dass einige die eigenen Bedenken zurück gestellt haben zugunsten derer, für die wir das tun.

Dorothee Land. Foto: privat

Dorothee Land. Foto: privat

Frauen und Männer, die in geschlechtergerechter Sprache ein Zeichen sehen, dass Kirche bereit ist, gewohntes Terrain zu verlassen, auch ohne letzte Sicherheit, wo sie der Weg hinführt. Das ist für mich eine gut evangelische Haltung. Das steht uns gut zu Gesicht, wenn wir Kirche für Andere sein wollen.

Wie gehen Sie als Gleichstellungsbeauftragte jetzt damit um?
Land:
Zuallererst werde ich auch weiter meinen eigenen Umgang mit geschlechtergerechter Sprache sensibel wahrnehmen und darauf achten, so zu sprechen, dass Frauen und Männer in meiner Sprache sichtbar werden. Wir müssen alle lang eingeübte Gewohnheiten verändern. Das fällt niemandem leicht. Ich will, dass wir im Gespräch bleiben und nicht durch Abwertung oder Distanzierung das Gespräch abbrechen. Darauf werde ich achten und mich auch entsprechend äußern.

War die ganze Vorarbeit umsonst und sind die Änderungen damit Makulatur?
Land:
Auf gar keinen Fall. Die hohe Intensität und Emotionalität der Debatte hat gezeigt, dass es mitnichten um ein Randthema unserer Kirche geht. Wir sind eine Kirche des Wortes. Wir fragen, wie wir sprachfähig werden, so dass Menschen verstehen, dass Kirche und Glaube eine Relevanz für ihr Leben haben. Kirchliche Arbeit wird in vielen Bereichen unserer Kirche von Frauen getragen. Was vergeben wir uns, wenn sich das auch sprachlich abbildet?

Wie jeder und jede Einzelne spricht, ist weder vorzugeben, geschweige denn zu diktieren. Der Fokus liegt darauf, die zu unterstützen, die durch Sprache oder auch durch unser Tun in der Entfaltung ihrer Lebensmöglichkeiten beschränkt werden. Wir tun dies selbstverständlich, wenn es um Fragen ungerechter Wirtschaftssysteme, um soziale Ungerechtigkeiten, um die Folgen unseres Lebensstils geht. Warum also nicht auch, wenn wir die Wirkung unserer Sprache diskutieren? »Ich brauche das nicht«, ist in diesem Zusammenhang ein Argument, mit dem ich die Perspektive derer ausblende, für die gendergerechtes Sprechen existentiell bedeutsam ist.

Die zentralen Punkte sind für mich: Öffnung statt Abgrenzung. Wahrnehmen statt Bewerten. Losgehen statt Stehenbleiben. Und in allem: Gottvertrauen.

Die Fragen stellte Willi Wild.

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Gemäßigt zukunftsfroh

5. März 2018 von redaktionguh  
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Landessynode: Umbau zum »Anhaltischen Verbundsystem« beschlossen

Veränderungen«, so Kirchenpräsident Joachim Liebig, »lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Bei den einen Angst, bei anderen Zustimmung in der Art: Veränderungen sind mein täglich Brot.« Bei der am 24. Februar in Dessau-Roßlau tagenden Landessynode Anhalts, der letzten in der 23. Legislaturperiode, ging es als Schwerpunkt genau darum. »Veränderungen stehen uns als Kirche bevor«, sagte Liebig. Das liege zwar auch in den »protestantischen Genen«, habe doch Luther darauf verwiesen, dass sich eine Kirche ständig zu reformieren habe. Der Landeskirche jedoch würden mit dem Umbau zum »Anhaltischen Verbundsystem« Veränderungen von Grund auf bevorstehen (siehe dazu Nr. 8, S. 9). »Es gibt bei uns niemanden, der sagt: Es läuft alles wunderbar.« Der Theologe erinnerte an Jurek Beckers Erzählung »Ansprache vor dem Kongreß der Unbedingt Zukunftsfrohen«. Wozu gehört Anhalt? Zu den unbedingt oder den gemäßigt Zukunftsfrohen, oder gar zum Verband der Hoffnungslosen?

Blick ins Plenum: Am vergangenen Sonnabend in der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau. Foto: Johannes Killyen

Blick ins Plenum: Am vergangenen Sonnabend in der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau. Foto: Johannes Killyen

Tatsache sei, so Liebig, dass in Anhalt bis 2025 etwa 30 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Zu den schmerzlichen Erfahrungen gehöre die Tatsache, dass immer weniger Menschen der Kirche angehören: »Wir schaffen es nicht, Menschen in ausreichender Zahl für das Evangelium zu begeistern.« Die Zahl der Kirchenaustritte seien zwar nicht überbordend, aber trotzdem schmerzlich. Und schmerzlich sei auch, dass aus gesellschaftlichen Ursachen Generationen von Menschen in der Kirche fehlen. »Das alles trägt enormes Frustrationspotenzial in sich.«

Anhalt habe nun mehrere Optionen. Die erste sei: Alles bleibt wie es ist. »Dann läuft es noch eine Weile so weiter, aber wir beachten die Rahmenbedingungen nicht«, so Liebig. Zweitens: Beim Weiterarbeiten mit weniger Personal drohe Überforderung. »Unsere Option ist aber eine andere«, so der Kirchenpräsident. »Wir verändern das Verhältnis der Berufsgruppen zueinander.« Zurzeit sei es so: Alle Berufsgruppen in der Landeskirche fühlten sich allein gelassen. Daher gehe es künftig um mehr gemeinsames Arbeiten. Zudem werde man andere Zugänge für Menschen zu Kirche finden müssen – über die bisher bestehenden hinaus. »Unser Ziel ist nicht weniger als eine andere Landeskirche«, so Joachim Liebig. In Ermangelung eines anderen Wortes werde man bei dem Wort »Verbünde« bleiben, in denen weiterhin selbstständige Gemeinden existieren sollen. »Die Veränderungen aber«, so der Kirchenpräsident, »werden weitreichende Folgen haben bis hin ins Landeskirchenamt.« Mit Blick auf die eingangs erwähnte Erzählung Jurek Beckers sagte er: »Ich persönlich sortiere mich bei den gemäßigt Zukunftsfrohen ein.«

Präses Andreas Schindler hatte in seiner Rede zum Beginn der Tagung darauf verwiesen, dass das, »was wir an Ideen entwickelten, in die Hände der neuen Landessynode übergeben« werden soll. Diese tritt am 25. und 26. Mai zur ersten Tagung der 24. Legislaturperiode zusammen. Für die Umstellung auf das »Anhaltische Verbundsystem«, das die Synodalen am Sonnabend mehrheitlich beschlossen, müssten Übergangsregelungen gefunden werden, weil der bestehende rechtliche Rahmen noch nicht jeden neuen Schritt absichert. Die Reaktionen in den Gemeinden auf das Projekt seien zwar vielfältig. »Die nächste Landessynode muss es schaffen, eine große Breite der Wahrnehmung des ›Anhaltischen Verbundsystems‹ in der Landeskirche herzustellen.«

Angela Stoye

www.landeskirche-anhalts.de/landeskirche/synode

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Ein Hinhörer mit Fantasie und Humor

26. Februar 2018 von redaktionguh  
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Kirchenpräsident Joachim Liebig zum 60. Geburtstag

In der Hand halte ich die Einladung zum 60. Geburtstag von Kirchenpräsident Joachim Liebig. Und als erstes lese ich »Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.« (Römer 1,16). Ja, es stimmt, wir haben in Anhalt einen »un-verschämten« Kirchenpräsidenten. Und das ist ein Segen. Solche Menschen wie ihn brauchen wir hier in unserer Gegend. Die bereit und auch in der Lage sind, sich vorne hin zu stellen und anzusagen, was ihr Glaube ist und was dieser ihnen bedeutet. In dieser Hinsicht habe ich Joachim Liebig nie in Verlegenheit gesehen. Ganz im Schleiermacherschen Sinne hat er jederzeit das Gespräch über den christlichen Glauben mit den Gebildeten unter dessen Verächtern gesucht. Vielleicht hat er sich auch deshalb zum Vorsitzenden der Anhaltischen Goethe-Gesellschaft wählen lassen.

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Ein gutes Team: Kirchenpräsident Joachim Liebig (links) und der Präses der Landessynode Anhalts, Andreas Schindler. Foto: Jürgen Meusel

Es scheint mir eine seiner großen Begabungen zu sein, in versandete oder abgebrochene Gespräche neues Leben zu bringen. Und das nicht als einer, der alles schon weiß, sondern als einer, der erst einmal genau hinhört. Er verfügt über zwei wichtige Schmierstoffe für das Gespräch: Fantasie und Humor. Gerade letzterem fühle ich mich selbst sehr verbunden. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen: Er hat das Con­tainerprojekt »Anhalt kompakt« mit einer mobilen Ausstellung in Übersee­containern erfunden; zuerst belächelt, später auch ganz klar bewundert. Und bei der Verabschiedung eines Mitarbeiters hat er in der Predigt einmal gesagt, dass dieser dem Heiligen Geist nicht im Weg gestanden sei. Wie ich finde, ein hohes Lob für einen Pfarrer, aber nicht von allen so verstanden.

Und auch ich möchte sagen, Joachim Liebig ist ein Mensch, ein Zeuge, der dem Heiligen Geist nicht im Weg steht, sondern versucht, ihm freie Bahn zu lassen. Dafür kann er gerne mal zur Seite treten, denn sein Humor kennt auch die Selbstironie und das heißt ja nichts anderes als: Er kennt auch seine Grenzen.

Joachim Liebig wurde am 1. März 1958 in Hildesheim geboren. Er studierte evangelische Theologie in Bethel und Hamburg und absolvierte sein Vikariat in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, damals die kleinste Landeskirche der EKD. Noch zu DDR-Zeiten leistete er ein Praktikum in Reinhardtsgrimma im Osterzgebirge und sammelte Auslands­erfahrung in England und Frankreich. 1987 wurde Liebig die Pfarrstelle in Frille nahe Minden übertragen. Daneben hatte er eine Reihe von Beauftragungen inne: Pressesprecher der Landeskirche, Landesjugendpastor, Super­intendent des Kirchenbezirks West, bis 2007 Präsident der Landessynode und bis Ende 2008 Präsident der Synode der Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen.

Am 14. November 2008 wurde Joachim Liebig von der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Anhalts zum Kirchenpräsidenten gewählt. Er ist Mitglied im Vorstand des Anhaltischen Heimatbundes, Vorsitzender der Anhaltischen Landschaft e.V., Vorsitzender des Evangelischen Presseverbandes in Mitteldeutschland, stellvertretender Vorsitzender im Berliner Missionsrat und Mitglied im Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP). Er engagiert sich im Petersburger Dialog und hat mittlerweile auch den Arbeitsbereich Diakonie in sein Dezernat integriert. Heute nun ist er im Osten wieder in der kleinsten Landeskirche Deutschlands angekommen. Und er steht dazu.

Joachim Liebig ist mit der Gemeindepädagogin und Arzthelferin Andrea Liebig verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Einer seiner Söhne wird zum Geburtstagsempfang in einer Feldküche einen Eintopf kochen. Auch ein Einfall Liebigs. Ich wünsche allen Gästen guten Appetit und ihm Gottes Segen für weitere Jahre im Amt und in Anhalt. In Dessau wird gerade die Bodenplatte für sein eigenes Haus betoniert. Auch das ein deutlicher Hinweis darauf, dass er in Anhalt angekommen ist.

Manfred Seifert, Oberkirchenrat i.R.

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Der Anstoß zur Veränderung kommt rechtzeitig

Die Landeskirche Anhalts will auf ihrem Weg in die Zukunft Neues ausprobieren. Was muss sich ändern? Was soll bleiben? Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus.

Als Bedenkenträger ist Albrecht Lindemann in seiner Landeskirche bislang nicht bekannt. Doch mit Blick auf das geplante Anhaltische Verbundsystem ist er nachdenklich geworden. Zwar sieht der Zerbster Pfarrer positiv, dass nach dem Perspektivpapier von 2008 einstmals ein landeskirchlicher Impuls zur Zukunft auf dem Tisch liegt. Und er sieht auch, dass die finanzielle Situation der Landeskirche es noch erlaubt, einen Prozess zur Veränderung einzuleiten, der nicht als Reaktion auf eine Krise wahrgenommen werden muss. Aber die fehlende Definition für die geplanten Verbünde und die damit einhergehenden Veränderungen sieht er kritisch.

Einer seiner Kritikpunkte ist die weitere Schwächung der Präsenz von Gemeindepfarrern. Diese lasse nach aktuellen Studienergebnissen kaum andere Perspektiven offen als den Niedergang des gemeindlichen Lebens bei gleichzeitigem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz. »Die Stärken des landeskirchlichen Protestantismus sind eng mit der Kompetenz akademisch gebildeter Pfarrerinnen und Pfarrer verbunden«, sagt er. Ein Problem sieht er auch darin, dass die Verantwortlichkeit für das Agieren der Kirchengemeinde als öffentlich-rechtliche Körperschaft im Verbundmodell nicht geklärt ist. Mitarbeitenden auf den Gebieten der Kirchenmusik und Gemeindepädagogik und ihren Qualifikationen würde man nicht gerecht, wenn man sie als Alternative zu Pfarrpersonen sähe. Zudem fehle jegliche Aussage darüber, wie groß ein solcher Verbund sein soll und wie viele es in Anhalt davon geben soll. Albrecht Lindemann wünscht sich vor so grundlegenden Veränderungen zunächst eine gründliche Analyse der Situation einschließlich der mit den Teampfarrämtern gemachten Erfahrungen. Dazu einen Diskurs über die Frage, was für eine Kirche Anhalt sein will. »Dieser Diskurs muss mit den Gemeinden geführt werden«, fordert er.

Verantwortung übernehmen

Seit Sebastian Saß Kirchenmusik studierte, begleitet ihn intensiv die neutestamentliche Geschichte vom sinkenden Petrus (Mt 14,22–32) in Verbindung mit dem Choral »In allen meinen Taten« (EG 368). Seit er in Anhalt ist, fasziniert ihn zudem der Satz: »Die Landeskirche baut sich auf der Gemeinde auf.« Deshalb sieht der Bernburger Kreiskirchenmusikwart alle Überlegungen zur Zukunft der Landeskirche mit diesem Satz als Basis und mit dem Bild vom sinkenden Petrus als »Geländer«. Er findet, dass jeder Versuch, anderen die Verantwortung zuzuschieben – im Sinne von »die da oben« – ins Leere laufen muss. Ebenso, sich hinter Althergebrachtem zu verkriechen oder Althergebrachtes abzuschreiben, ohne Alternativen aufzeigen zu können. »Das gilt auch für mich selbst«, sagt er.

Zu erwarten, für die eigene Arbeit Vorgaben aus Dessau zu bekommen, stehe dem Selbstbewusstsein einer anhaltischen Kirchengemeinde schlecht an. Insgesamt überwiegt bei Sebastian Saß das Gefühl, dass der Anstoß zur Veränderung rechtzeitig kommt. »Die überaus große Chance besteht in meinen Augen darin, Gemeinden geistliches Leben zu ermöglichen und sie nicht weiter in Fürsorge und Versorgung durch das Erfüllen von Erwartungen zu ersticken.« Dass es Probleme geben wird, wenn alte Verhältnisse und traditionelle Erwartungen auf Neuerungen treffen, sieht er aber auch. »Was das Wesentliche ist, muss jede Gemeinde für sich herausfinden.« Das könne durchaus schmerzhaft sein. »Ich denke, einzig die Frage ›Was bedeutet mir und uns das Evangelium?‹ kann Licht ins Dunkel bringen.«

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, sieht das Vorhaben Anhaltisches Verbundsystem positiv. Sie erinnert an das Pastorale Zukunftsgespräch des Bistums Magdeburg vor einigen Jahren. Als Folge davon seien Pfarreien zusammengelegt worden. In jeder dieser vergrößerten Pfarreien würden neben dem Priester verschiedene Gemeindereferenten – für Jugendarbeit, Musik, Verwaltung – tätig sein. »Jeder kann das machen, wofür er gut ausgebildet ist«, sagt sie. In Anhalt werde es keine Rundumversorgung in jedem kleinen Ort geben. »Aber unser Kerngeschäft wie Gottesdienste, Andachten, Seelsorge, Bibelkreise soll für jeden erreichbar sein. Dafür müssen die von Verwaltungsaufgaben entlasteten Pfarrer Zeit haben.«

Auch im Kirchenkreis Ballenstedt stand das Thema »Verbundsystem« im vergangenen Jahr auf der Tagesordnung des Pfarrkonvents, der Kreissynode und der Gemeindekirchenräte. »Bei der konstituierenden Sitzung der Kreissynode im Januar 2018 haben wir einen Ausschuss gebildet, der das Vorhaben begleiten will«, sagt Kreisoberpfarrer Theodor Hering. Die Mitarbeit darin sei auf großes Interesse gestoßen. Der promovierte Theologe gehört der Steuerungsgruppe an, die sich mit dem Vorhaben seit 2015 befasst, und er hat ein theologisches Papier in die Diskussion eingebracht, das die Möglichkeiten der Bewegung »Fresh X« für Anhalt auslotet: Mit »Fresh expressions« (frische Ausdrucksformen) werden neue kirchliche Gruppen bezeichnet, die sich seit 1990 in der Church of England entwickelt haben. Die Bewegung zielt darauf ab, die Menschen in ihrem Alltag zu erreichen. Denn traditionelle Ausdrucksformen der Kirche, so die These, seien für einen Großteil der britischen Bevölkerung uninteressant geworden. In Deutschland setzt sich Michael Herbst, Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, für die Aufnahme dieser Idee in den evangelischen Landeskirchen in Deutschland ein (Quelle: Wikipedia).

Für mehr Vielfalt

»Anhalt ist auch Mitglied im Fresh-X-Netzwerk in Deutschland«, so Theodor Hering. Für ihn geht der Impuls für eine Umgestaltung der Landeskirche von der Formulierung im Glaubensbekenntnis aus: »die eine heilige, christliche und apostolische Kirche«. Diese könne sehr unterschiedliche Gemeindeformen haben – neben der Parochie zum Beispiel die Schulgemeinde, die Hauskirche oder Milieugemeinde, in denen Beziehungen gelebt werden. »Ich bin dafür, mehr Vielfalt zuzulassen«, sagt er. »Wir müssen ein betende und eine hörende Kirche sein: hören auf Gott und die Menschen, die um uns leben.« Bei »Fresh X« heißt es dazu: »Es ist nicht die Kirche Gottes, die einen missionarischen Auftrag in der Welt hat. Vielmehr hat ein missionarischer Gott eine Kirche in der Welt.«

Angela Stoye

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Weichen stellen für die Zukunft

19. Februar 2018 von redaktionguh  
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Am 24. Februar tagt die Landessynode Anhalts in Dessau-Roßlau. Die Tagesordnung wird geprägt von der Vorstellung, dem Gespräch und der Beschlussfassung zum Anhaltischen Verbundsystem. Es soll die Weichen für die Zukunft der Landeskirche stellen. Angela Stoye befragte den Präses der Landessynode, Andreas Schindler, zu diesem Projekt.

Herr Schindler, warum ist diese Tagung überhaupt erforderlich? Die 23. Legislaturperiode hätte mit der Herbsttagung 2017 enden müssen.
Schindler:
Richtig, aber die beiden Synodentage waren thematisch und zeitlich sehr gut gefüllt. Weitere Punkte hineinzuzwängen, hätte der Tagung nicht gutgetan. Da wären andere Themen zu kurz gekommen. So haben wir uns für eine zusätzliche Winter-Synodentagung entschieden. Der Aufwand hält sich wegen der kurzen Wege in Anhalt in Grenzen, und die Anhaltische Diakonissenanstalt nimmt uns wieder gern auf.

Ist die konstituierende Tagung der 24. Legislaturperiode der Landessynode deswegen von April auf Mai verschoben?
Schindler:
Nein. Die Kirchenkreise wollten es so. Der frühere Termin hätte kaum Zeit gelassen, sich in Ruhe mit eventuellen Einsprüchen zur Wahl der neuen Synodalen auseinanderzusetzen. Zurzeit wählen die im Oktober 2017 neu gewählten Gemeindekirchenräte die künftigen Landessynodalen und die neuen Kreissynoden wählen die Synoden-Stellvertreter. Mit Einsprüchen ist immer zu rechnen.

Seit Frühsommer 2015 berät eine Arbeitsgruppe über die Zukunft der Landeskirche. Seitdem sind viele Voten aus Kirchengemeinden und von Mitarbeitern zum Anhaltischen Verbundsystem eingegangen. Was ist das?
Schindler:
Das zurzeit wichtigste Projekt unserer Landeskirche und ein Zukunftsbild. Wobei wir mit dem Namen »Verbundsystem« noch nicht ganz zufrieden sind. Denn das Wort Verbund bezieht sich nur am Rande auf einen Verbund von Gemeinden. Im Kern geht es aber um einen Verbund von Berufen in den Gemeinden der Landeskirche, die für das Funktionieren des Gemeindelebens wichtig sind. Ein solcher Verbund wird sich von den bestehenden Regionalpfarrämtern unterscheiden.

Wie soll das aussehen?
Schindler:
Bislang drehte sich in unserer Kirche vieles um den Pfarrer oder die Pfarrerin. Zugleich haben wir in den Kirchenkreisen immer mehr unbesetzte Pfarrstellen. Die verbliebenen Pfarrer(innen) haben die Grenze des Zumutbaren oft schon jetzt überschritten, zumal sie mit einer Vielzahl von Aufgaben betraut sind, die mit Theologie und Seelsorge nur bedingt etwas zu tun haben.

Präses Andreas Schindler. Foto: Landeskirche Anhalts

Präses Andreas Schindler. Foto: Landeskirche Anhalts

Künftig sollen Teams gebildet werden, die sich aus einer Pfarrerin/einem Pfarrer sowie Mitarbeitern aus Gemeindepädagogik, Gemeindediakonie, Kirchenmusik und Verwaltung zusammensetzen. Dies bedeutet einen Aufwuchs an Personal auf einigen Gebieten bei einem gleichzeitig zu erwartenden Absinken der Zahl der Pfarrer(innen). Kurzgefasst: Weg von der Pfarrer-Zentriertheit!

Was muss sich alles ändern, damit es mit dem Verbundsystem klappt?
Schindler:
Erstens wird ein Pfarrer/eine Pfarrerin nicht von vornherein als »Teamleiter« gesetzt sein, sondern im Team zuständig sein für Verkündigung und Seelsorge. Als Nächstes muss die Größe der Regionen festgelegt werden, in der ein solches Team zusammen mit den Gemeindekirchenräten der weiterhin autonomen Kirchengemeinden arbeitet. Auch finanzielle Aspekte müssen bedacht werden. Aber diese sind nicht Kern der Überlegungen.

Was sind die nächsten Schritte?
Schindler:
In Kürze werden die ersten »Pilotprojekte« in Richtung Verbundsystem starten. Die Landessynode wird die damit gemachten Erfahrungen auswerten. Sicher kommen in diesem Prozess auch Fragen auf, die beantwortet werden müssen. Erst in zwei bis drei Jahren werden wir in Anhalt soweit sein, Kirchengesetze zu verabschieden.

Am 24. Februar will die bisherige Synode der neu gewählten eine Entschließung zum Anhaltischen Verbundsystem für die nächsten Jahre übergeben. Sie kann daran weiterarbeiten, oder sie könnte andere Schwerpunkte setzen.

Wieso das?
Schindler:
Grundsätzlich ist die Situation in den Gemeinden sehr unterschiedlich. Es gibt Kirchengemeinden, vor allem in den Städten, die darauf brennen, neue Schritte zu gehen. Andere sind da noch sehr zögerlich. Aber auch sie müssen wir in diesem Prozess mitnehmen.

Da alle Veränderungen freiwillig geschehen sollen, dürfen Bedenken nicht einfach weggewischt werden. Zu überzeugen sind solche Kirchengemeinden, denke ich, nur mit Beispielen gut funktionierender Verbunde und Teams.

Die Landeskirche Anhalts hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Mitglieder verloren. Gibt es eine Untergrenze für die Selbstständigkeit?
Schindler:
Entscheidend ist nicht eine Zahl, sondern ob wir unsere Aufgaben weiter erfüllen können. Das geplante Anhaltische Verbundsystem zeigt, dass sich die Landeskirche weiterhin auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen will.

Und ich behaupte: Sie kann es auch. Außerdem erwarte ich nicht, dass der bisherige Trend sich fortsetzt.

Wo sehen Sie Anhalt in Zukunft?
Schindler:
Es wird Anhalt weiter geben. Es wird eine Landeskirche sein, die sich gut in die Gemeinschaft evangelischer Kirchen einfügt und in ihr auch Impulse setzt.

Ist die Synodentagung am 24. Februar öffentlich?
Schindler:
Ja, das ist sie, wie alle Tagungen der Landessynode. Besucher sind herzlich willkommen.

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Aufbruch zu Reformen

5. Dezember 2017 von redaktionguh  
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Zukunft: Wie geht es weiter in Anhalt? Diese Frage bewegt die Synodalen seit Jahren. Am Sonnabend sprachen sie sich dafür aus, umfassende Strukturreformen einzuleiten.

Die Sitzung am 24. und 25. November in der Dessauer Auferstehungskirche hätte die letzte der 23. Legislaturperiode der Landessynode sein sollen. Doch es wird eine weitere Tagung geben. Die Diskussion um die Zukunft der Landeskirche erfordert es. »Diese sollte vor allem als eine Frage an unseren Glauben verstanden werden«, so Präses Andreas Schindler in seiner Eröffnungsrede. »Natürlich sind wirtschaftliche und organisatorische Entwicklungen von sehr großer Bedeutung. Langfristig wird es mit unserer Kirche nur weitergehen, wenn wir überlegen, wie wir unter veränderten Rahmenbedingungen die geistliche Kraft behalten, Gottes Auftrag an uns gerecht zu werden und in die Welt Zeichen der Hoffnung zu senden.«

Seit dem Frühsommer 2015 arbeitet eine Steuerungsgruppe daran, die Landeskirche fit zu machen für die Zukunft. Wesentlich ist die Annahme, dass mittelfristig mit Geld nur aus eigenen Quellen gearbeitet werden muss: Kirchensteuer, Staatsleistungen, Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung. Zwar besteht der Finanzausgleich der EKD-Gliedkirchen weiter, aber wie hoch er bis 2025 sein wird, ist nicht vorherzusagen. Zudem werden die Kirchengemeinden kleiner – zurzeit haben sie insgesamt rund 33 900 Mitglieder. Mitarbeitende im Haupt- und Ehrenamt sind überlastet. Das geplante »Anhaltische Verbundsystem« nahm im Bericht des Kirchenpräsidenten Joachim Liebig breiten Raum ein. Alle Aufgaben – Pfarramt, Gemeindepädagogik, Kirchenmusik, Gemeindediakonie und Verwaltung – sollen im Verbundsystem neu zugeordnet werden. »Anders als bisweilen gemutmaßt, geht es dabei nicht um einen freundlich verpackten Strukturwandel, der am Ende nur noch weniger Personal vorsieht«, so Liebig. »Im Kern geht es um die grundsätzliche Frage von Kirche in Anhalt in der kommenden Generation.« Die Landessynodalen sprachen sich nach vorangegangenem, vertraulichem Gespräch dafür aus, diese umfassende Strukturreform einzuleiten.

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Tagungsort: In diesem Jahr tagte die Landessynode nicht, wie gewohnt, in der Laurentiushalle der Anhaltischen Diakonissenanstalt, sondern in der sanierten Auferstehungskirche. Während Pfarrerin Ina Killyen die Eröffnungsandacht hielt, war das Podium noch nicht besetzt. Foto: Johannes Killyen

Zudem verabschiedeten sie den landeskirchlichen Haushalt 2018. Er sieht Einnahmen und Ausgaben in Höhe von 16,74 Millionen Euro vor und liegt damit rund 300 000 Euro unter dem von 2017. Haupteinnahmen sind 5,2 Millionen Euro Kirchensteuern, 3,17 Millionen Euro Staatsleistungen, 4,24 Millionen Euro aus dem EKD-Finanzausgleich sowie 1,4 Millionen Euro, die aus Vermietung und Verpachtung kommen. Finanzdezernent Rainer Rausch betonte in seiner Haushaltsrede, dass ein unabhängiges externes Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, erstellt auf der Basis der Haushalte von 2013 bis 2016, die Lage der Landeskirche als stabil bewertet. »Es sieht weder kurz- noch langfristig bestandsgefährdende Tatsachen für die Landeskirche.«

»Es ist eine denkwürdige Synode, die jetzt zu Ende geht«, sagte Kirchenpräsident Liebig am Sonnabend. »Wir haben über massive Veränderungen beraten.« Vielleicht habe es hier und da die Vorstellung von einem Masterplan für die Zukunft der Landeskirche gegeben. »Es ist aber erwiesen, dass ein solches Verfahren – meistens – nicht funktioniert.« Deshalb habe Anhalt einen längeren Weg gewählt und diese Tagung sei ein Zwischenschritt gewesen. Bei der endgültig letzten Tagung der 23. Legislaturperiode am 24. Februar 2018 solle ein gangbarer Weg aufgezeigt werden. Gemeinsamkeit und Angstfreiheit sollten die beiden Grundsätze dafür sein. »Wir sind in der Lage, nicht von außen gedrängt zu werden und nicht unter Zugzwang reagieren zu müssen«, betonte er. »Ich bin zuversichtlich, dass wir unseren Auftrag als Kirche in Anhalt erfüllen können und gespannt auf die Zukunft.«

Angela Stoye

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Wohin die Kirchensteuer geht

24. November 2017 von redaktionguh  
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Unerwartet: Die Einnahmen sprudeln, dank der guten Konjunktur. Und das, obwohl die Mitgliederzahlen sinken. Was haben die Kirchengemeinden vom Geldsegen?

Bei der Herbsttagung der Landessynode geht es immer auch um die Finanzen. Oberkirchenrat Stefan Große, der Finanzdezernent der EKM, hat schon andere Zeiten erlebt. Derzeit kann er seinen Bericht gelassen angehen. Die Kasse stimmt. Wie schon im vergangenen Jahr wird auch diesmal wieder ein Überschuss ausgewiesen. Die Einnahmen durch die Kirchensteuer, 54 Prozent der sogenannten Plansumme, sind in Folge höher als prognostiziert.

Die Kirchensteuer allein mache es aber nicht, so Große. »Die EKM hängt am Tropf der Westkirchen.« Ohne den Finanzausgleich, das Solidarsystem der EKD – 26 Prozent des kirchlichen Haushalts –, sähe es schlecht aus. Hinzu kommen noch die Staatsleistungen, eine Art Pachtzins für einst vom Staat enteignetes Kirchenland. Dabei handelt es sich im Übrigen nicht um staatliche Almosen. Sie sind Verpflichtungen nach den Verträgen mit den Bundesländern, die zu Beginn der 90er-Jahre geschlossen wurden, und werden für die Besoldung und Versorgung von Pfarrern und Kirchenbeamten eingesetzt.

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

Ohne Umwege: In der Friedenskirche in Kittelsthal im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen können Spender direkt entscheiden, wo ihr Geld ankommt. Foto: Mirjam Petermann

In Summe stehen der Landeskirche 200 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Auf die 733 000 Mitglieder umgerechnet sind das 275 Euro Plansumme pro Gemeindeglied. Die Zahlen stammen aus dem Entwurf des Haushaltsplans, über den das Kirchenparlament auf der Herbsttagung berät und entscheidet.

Der überwiegende Teil des Plansummenanteils (210 Euro) steht den Kirchengemeinden und -kreisen zur Verfügung. Große betont, dass aber auch aus dem allgemeinen landeskirchlichen Anteil Aufgaben finanziert werden, die die Arbeit in den Gemeinden ergänzen und stärken. Der überwiegende Teil der Plansumme müsse sogar den Kirchenkreisen direkt oder indirekt zur Verfügung gestellt werden. Das sei im EKM-Finanzgesetz zwingend geregelt. Der Anteil für die allgemeinen Aufgaben der Landeskirche beinhalte beispielsweise Aufwendungen für die Ausbildung von Pfarrern, Gemeindepädagogen und Lektoren, für die Notfallseelsorge oder die Kinder- und Jugendarbeit sowie die Öffentlichkeitsarbeit. »Von jedem eingenommenen Euro gehen etwa 76 Cent in die Kirchenkreise und Gemeinden«, so der Finanzdezernent.

Eine Regelung, die die EKM von anderen Landeskirchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass der landeskirchliche Anteil, also die Mittel, die dem Landeskirchenamt zur Erfüllung der Aufgaben zur Verfügung stehen, an die Entwicklung der Kosten im Verkündigungsdienst gekoppelt sind. Das heißt, wenn 2019 durch Einsparungen weniger Geld in die Kirchenkreise überwiesen wird, muss auch das Landeskirchenamt im gleichen prozentualen Verhältnis sparen. Das sorge dafür, erklärt Große, dass der allgemeine landeskirchliche Anteil nicht zu Lasten der Kirchengemeinden aufgebläht werde. Diese Koppelung gelte
»in guten, wie in schlechten Zeiten«.

Insgesamt werden ab Januar 2019, wenn das geänderte Finanzgesetz in Kraft tritt, 80 bis 90 Stellen in den 38 Kirchenkreisen wegfallen. Schon jetzt sind die Kreissynoden damit beschäftigt, darüber zu beraten und Stellenpläne zu entwerfen.

Die gute Konjunktur dürfe nach Großes Worten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sinkenden Mitgliederzahlen und der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren voll durchschlagen werden. Die Landeskirche und die Kirchenkreise seien jedoch vorbereitet. Große sieht eine gute Basis, »nüchtern, aber angstfrei weiterzumachen« und die Einsparziele zu erreichen.

Bei immer weniger hauptamtlichen Mitarbeitern in den Gemeinden müsse sich die inhaltliche Ausrichtung verändern, so wie das bei den »Erprobungsräumen« versucht werde. »Wir wollen Räume eröffnen, Neues denken und dabei optimistisch und fröhlich Gottes Wort verkündigen.«

Willi Wild

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Vorrangig den Dialog suchen

20. November 2017 von redaktionguh  
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Im Gespräch: Pfarrer Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche Anhalts. Vor seinem Bericht bei der Herbsttagung der Landessynode sprach Katja Schmidtke mit ihm über Willkommenskultur, Kirchenasyl und was Gemeinden in Sachen Integration leisten können.

Wie viele Flüchtlinge leben derzeit in Anhalt?
Karras:
Für die gesamte Landeskirche liegen mir die Zahlen nicht vor. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld lebten zum Stichtag 30. September 1 455 Flüchtlinge. Als Flüchtlingsbeauftragter bin ich nicht nur für Kirchengemeinden Ansprechpartner, sondern für alle Initiativen auf dem Gebiet unserer Landeskirche, die Fragen haben.

In Kürze stellen Sie Ihren Bericht der Synode vor. Sie schreiben von einem Willkommenshype. Da klingt Kritik durch.
Karras:
Ich persönlich hätte mich nicht mit einem Plüschtier auf den Bahnhof gestellt. Dazu bin ich ein zu nüchterner Mensch. Aber natürlich muss jenen Menschen, die zu uns gekommen sind, geholfen werden. Die ehrenamtlichen Initiativen gehörten zu den Ersten, die Flüchtlinge aufgefangen und betreut haben, in wirklich vorbildhafter Weise. Inzwischen ist es so, dass die staatlichen Stellen sehr, sehr gut reagiert haben. Die erste Zeit war eine Ausnahmesituation, in der sich viele zusammengefunden haben, die helfen wollten. Nun ist der graue Alltag eingezogen.

Trotzdem brauchen wir die Initiativen?
Karras:
Ja. Sehr, sehr viele engagieren sich vorbildlich. Und wir wissen nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Wir sehen es an der Türkei; Erdogan ist unberechenbar.

Gibt es eine klassische Arbeitsteilung zwischen Staat und Ehrenamtlichen?
Karras:
Inzwischen nicht mehr. Einen Großteil dessen, was die Initiativen abgedeckt haben, etwa den Deutschunterricht, beherrschen die staatlichen Stellen heute. Aber die Initiativen sind noch wichtig, sie bilden einen Puffer, indem sie zwischen Flüchtlingen und Verwaltung vermitteln.

In Ihrem Bericht beschreiben Sie das Links-Rechts-Denken als kontraproduktiv. Warum?
Karras:
Diejenigen, die sich kritisch äußerten und Probleme thematisierten, wurden sehr schnell in eine Ecke gestellt, ach die sind rechts, mit denen reden wir nicht. Das halte ich für Irrsinn. Es ist wesentlich, den Dialog gerade mit Menschen zu suchen, die nicht unserer Meinung sind. Wir können in einem Dialog das Christliche herausstreichen. Das ist in erster Linie der Einsatz für die Schwachen. Unchristliche, heidnische Gesellschaften sind einem Optimierungszwang unterlegen und dieser Zwang setzt sich heute in der Frage um, was uns die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet und was uns dabei verloren geht. Diese Denkweise vermag unter ökonomischem Aspekt ihr Recht haben, aber sie hat mit christlichem Denken nichts zu tun. Und das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer ist in Not?

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Andreas Karras ist Flüchtlingsbeauftragter der Landeskirche und Pfarrer in Görzig. Foto: Landeskirche Anhalts

Die Frage stellt sich ganz praktisch beim Kirchenasyl. Wie ist die Lage dazu in Anhalt?
Karras:
Es gibt Fälle von Kirchenasyl, aber nur Fälle mit aufschiebender Wirkung, in denen es um Rückführungen in jenes europäische Land geht, in dem die Flüchtlinge angekommen sind. Mit diesen Kirchenasylen soll erreicht werden, dass das Asylverfahren in Deutschland abgeschlossen wird. Wir haben keine Kirchenasyle zu Abschiebungen in das Herkunftsland, nachdem ein Asylverfahren negativ entschieden wurde.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Kirchengemeinden?
Karras:
Meist ist es so, dass die Betroffenen gar nicht an die Kirchengemeinde gebunden sind, sondern dass sie nach jedem Strohhalm greifen und sich an eine Gemeinde, einen Pfarrer oder direkt an mich wenden. Wer Kirchenasyl gewährt, muss sich über die Verantwortung bewusst sein, hinsichtlich der Versorgung, der Betreuung oder auch, dass Kosten entstehen, wenn derjenige krank wird und behandelt werden muss.

Uns ist ganz wichtig, den Betroffenen anzuhören, seine Gründe zu erfahren, seine individuelle Not, dass möglicherweise Gefahr für Leib und Leben besteht. Am Ende steht ein Beschluss des Gemeindekirchenrats.

Welche Rolle spielt es, ob der Betroffene Christ ist?
Karras:
Es gibt Gemeinden, für die kommt ein Kirchenasyl nur in Frage, wenn der oder die Betroffene sich in der Gemeinde aufhält, Gottesdienste besucht, sich engagiert. Ich halte das nicht für richtig. Wenn man Bedingungen in dieser Hinsicht aufstellt, könnte ein Schein-Engagement kultiviert werden.

Allerdings hat das Christ-Sein oder nicht in den mir bekannten Fällen von Kirchenasyl keine Rolle gespielt. Es kam den Menschen in den Gemeindekirchenräten darauf an, ob eine Not vorhanden ist, ob sie diese lindern können; auch, ob Kirchengemeinden das ganz praktisch stemmen können. In Köthen gab es einige Kirchenasyle und die dortige Flüchtlingsinitiative erklärte sich bereit, mitzuhelfen. Kirchenasyle können mehrere Monate dauern, in dieser Zeit dürfen die Betroffenen das Gelände nicht verlassen, damit sie nicht verhaftet werden können.

Das erfordert viel Organisationstalent und Durchhaltevermögen seitens der Gemeinde.
Karras:
Ein Kirchenasyl kann ermüdend sein. Es kann aber auch stärken. In Zieko fand die Gemeinde darin eine Aufgabe und es vollzog sich im besten Sinne ein Gemeindeaufbau, in dem sich viele verabredeten und einen Plan aufstellten, wer den jungen Mann betreut, wer mit ihm Deutsch lernt oder mal ein Spiel spielt.

Was kann Kirche in punkto Integration leisten?
Karras:
Die Integrationsleistung der Kirche läuft über die Gemeinden, die die Menschen einladen, ohne die Absicht, missionieren zu wollen, sondern als Möglichkeit, dass Einheimische und Flüchtlinge miteinander in Kontakt und ins Gespräch kommen.

Sie sprechen sich auch dafür aus, dass Kirche ihren Einfluss auf die Politik geltend macht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern. Haben Sie dafür einen Vorschlag?
Karras:
Die Entwicklungspolitik der letzten Jahre kann nicht als gelungen bezeichnet werden. Deshalb schreibe ich in meiner Naivität im Synodenbericht über meine ganz persönliche Idee, dass alle Europäer eine Entwicklungs- und Aufbausteuer zahlen müssten. Ich unterstelle, dass Flüchtlinge eigentlich viel lieber in ihrem Land bleiben würden, aber sie sehen dort keine Zukunft. Stattdessen riskieren sie eine lebensbedrohliche Flucht.

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