Fluchtgeschichten

24. April 2016 von redaktionguh  
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Ein einmaliges Projekt in Benneckenstein vorgestellt


Seit Monaten Fernsehbilder und Zeitungsberichte über Flüchtlinge. Alles weit weg? – Nein, Menschen mit diesem Schicksal leben direkt vor unserer Haustür. Das hat eine Gruppe von rund 20 Ehrenamtlichen erkannt, die am vergangenen Freitag in Benneckenstein einen interkulturellen Abend mit Syrern und Deutschen gestaltete. Seit Februar 2016 wohnen zwei syrische Familien im alten Pfarrhaus. Sie berichteten dem Publikum über ihre Flucht. Andererseits erinnerten sich auch Deutsche an ihre Fluchterlebnisse aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in dem Fall Schlesien, und eine Fluchtgeschichte der jüngeren Vergangenheit, aus der DDR.

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

Es herrschte eine angespannte Stille bei den 150 Besuchern im Schützenhaus in Benneckenstein, als Khaled Altramesh von seiner Flucht aus Syrien berichtete. Bis Herbst 2015 lebte der 38-jährige Mann mit seiner Ehefrau Jawha und vier Kindern in Abu Kamal, einer Stadt am Euphrat im Osten Syriens. Als durch den Krieg dort kein normales Leben mehr möglich war, verließ die Familie das Heimatland. Es begann eine Odyssee über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich bis nach Deutschland. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, beendet Khaled Altramesh seine Fluchtgeschichte, die Stück für Stück ins Deutsche übersetzt worden war. Nicht nur seine syrischen Landsleute, die einen ähnlichen Fluchtweg hinter sich haben, blickten verständnisvoll. Auch Margot Papra aus Elbingerode konnte die Angst der Familie nachvollziehen. Sie erlebte vor 70 Jahren die Flucht aus ihrer Heimat Schlesien, wo sie 1938 geboren worden war. Ihre Kindheit verbrachte sie im Dörfchen Kamenz, das heute in Polen liegt. Ihr Sohn Detlef las den Erlebnisbericht seiner Mutter vor, der ins Arabische übersetzt wurde.

Die beiden Erlebnisberichte gehörten zu insgesamt sechs Fluchtgeschichten von einst und heute, die an diesem Abend sprichwörtlich unter die Haut gingen. Organisiert wurde der Abend von den ehrenamtlichen Helfern der evangelischen Kirchengemeinde Elbingerode, unter Federführung von Vikarin Ann-Sophie Schäfer.

»Die Stimmung im Harz ist nicht flächendeckend so«, sagte Ann-Sophie Schäfer. »Diese gut besuchte Veranstaltung ist leider nicht repräsentativ.« Aber ein sehr guter Anfang, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken. In Elbingerode kam man über die Seniorenkreise auf das Thema Flucht zu sprechen. »Da gab es so viele Andockmöglichkeiten«, sagte Schäfer. »Das war ein Stein des Anstoßes. Nun erinnert man sich auch in den Familien und bei den Treffen an die Erlebnisse. Die Geschichten wurden aufgeschrieben, eine Publikation ist geplant.«

Eine syrische Band aus Wernigerode und der Harzer Singkreis gestalteten den Abend musikalisch aus. Im Anschluss konnten bei einem deutsch-syrischen Büfett persönliche Gespräche geführt und Kontakte vertieft werden.

Steffi Rohland

Die Würde des Menschen

29. September 2014 von redaktionguh  
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Seit 1993 hat Deutschland mit einer heftig umstrittenen Änderung im Grundgesetz ein eingeschränktes Asylrecht. Flüchtlinge aus »sicheren Drittstaaten« können sich nicht auf das Asylrecht berufen. Jetzt wurden die drei Balkanstaaten Mazedonien, Serbien und Bosnien-Herzegowina durch einen Beschluss des Bundesrates zu solchen erklärt. Nicht nur die Partei der Bündnisgrünen protestiert. Auch kirchliche Migrationsexperten warnen vor weiterer Diskriminierung. Denn die Zuwanderung betrifft vor allem Roma aus Südosteuropa.

Zunächst ist richtig: Es gibt in den drei Ländern keine politische Verfolgung dieser Minderheit. Allerdings, so bestätigt Propst Johann Schneider, Regionalbischof des Sprengels Halle-Wittenberg, der siebenbürgische Wurzeln hat, würden sie so­zialpolitisch verfolgt. Sie werden diskriminiert und hätten kaum Chancen auf eine angemessene Bildung. Mit Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak sei das jedoch nicht zu vergleichen.

Das neue Asylrecht versucht einen Spagat. Ob das Gesetz sein Ziel erreicht, die Migration aus Südosteuropa einzudämmen, ist zu bezweifeln. Denn erstens herrscht in Europa Freizügigkeit. Zweitens haben Roma schon jetzt kaum Aussicht auf Erfolg ihres Asylantrags. Und drittens werden sie weiter kommen, weil sie für sich und ihre Kinder ein auskömmliches Leben, Achtung und Bildung suchen.

Mit der Achtung ist es allerdings nicht weit her hier in Deutschland. Der Antiziganismus ist weit verbreitet, und Roma-Zuwanderer stoßen allenthalben auf Vorurteile.
»Wir müssen lernen, mit armen Menschen zu leben«, sagte Johann Schneider. Hier sind auch die Kirchen gefordert. Zum einen durch Hilfe in den betroffenen Herkunftsländern, aber vor allem sollten wir als Christen diesen Menschen mit Würde und ohne Vorurteile begegnen.

Dietlind Steinhöfel