Wissen braucht ein menschliches Maß

1. Juli 2010 von redaktionguh  
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EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider würdigt Melanchthon und schlägt dabei einen Bogen in die Gegenwart.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach in Magdeburg. Foto: ekir

»Nichts liegt hier näher, als das Augenmerk auf die Themen Reformation und Bildung zu werfen.« Nikolaus Schneider, amtierender Ratsvorsitzender der EKD und Präses der Kirche im Rheinland, lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es ihm geht. Reformation und Bildung gehörten untrennbar zusammen. »Es war«, sagt Schneider, »ein elementares Anliegen der Reformation, Menschen zu bilden.« Und dies sei bis heute so geblieben. Anlass für seinen Vortrag am vergangenen Sonnabend ist das Melanchthon-Jahr, das die EKD anlässlich des 450. Todestages des Refor­mators ausgerufen hat und das an den »Praeceptor Germaniae« (Lehrer Deutschlands) erinnern soll.

Dass Schneider den Vortrag in Magdeburg hält, ist ebenfalls kein Zufall. Am 26. Juni erinnert der Kirchenkreis traditionell an die Einführung der Reformation in der Elbestadt. An diesem Tag vor 486 Jahren hatte Martin Luther in der Johanniskirche gepredigt, worauf sich der Rat und die Stadt wenig später der Reformation anschlossen. »Damit ist Magdeburg die erste Großstadt gewesen, in der die evangelische Lehre eingeführt wurde«, erklärt Pfarrer Sebastian Neuß in seiner Einführung nicht ohne Stolz.

Schon bei Melanchthon sei die Forderung »Bildung für alle« vorgezeichnet, unterstreicht der amtierende EKD-Ratsvorsitzende. Gegenüber einer Gesellschaft, in der die familiäre Herkunft eines Kindes über den Bildungserfolg entscheidet, hätte er »alle rhetorischen Bataillone« aufgeboten, um sie »auf den Weg der Bildungsgerechtigkeit zu bringen«. Auch heute spiele eine frü­he Sprachförderung in der Elementarbildung eine große Rolle, besonders bei der Einbeziehung von Kindern und ­Jugendlichen mit unterschied­lichen erzieherischen, sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen.

Denn Schneider bleibt in seinem Vortrag zum Thema »Reformation und Bildung – eine Erinnerung an Philipp Melanchthon« keineswegs in der Vergangenheit stehen. Er nutzt ihn auch zu einem Plädoyer für einen weiten Bildungsbegriff. Heute werde den Kindern in den Schulen nur wenig Sozialkompetenz vermittelt und die Bildung zu sehr auf den Wissensaspekt verengt, moniert der EKD-Ratsvorsitzen­de. Wissen brauche ein »menschliches Maß«, so Schneider weiter. Oft genug hätten die Kinder und Jugend­lichen wegen der hohen Zeit- und Leistungsanforderungen der Schule zu wenig Muße in der Jugendarbeit, aber auch für Musik, Sport und Kunst. Dabei bestehe ein wichtiger Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können, Wertebewusstsein und Handeln.

Aus diesem Grund sei die Kirche auch selbst Bildungsträgerin. Hier schaffe sie »zentrale Orte der Selbstvergewisserung für junge Menschen«. Zugleich macht Schneider deutlich, dass Religion Bildung braucht und Bildung Religion. Schließlich ziele die Bildung auf den ganzen Menschen und nicht nur auf den Kopf.

Martin Hanusch