Zu Hause angekommen

3. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Advent: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir« – Was braucht es, damit aus der Fremde Heimat wird?

Im zweiten Teil unserer Adventsserie »Ankunft« geht es darum, wie wir Menschen aufnehmen und selbst als Fremde aufgenommen werden.

Die Herrnhuter Weihnachtssterne leuchten. Sie symbolisieren die Ankunft unseres Herrn. »Ankommen« ist auch mein Thema. »Seid ihr mittlerweile angekommen?«, werden wir als Familie oft gefragt, seitdem wir in Südtirol angekommen sind. Aber was heißt es anzukommen? Wir sehen viele Touristen ankommen und wieder abreisen. »Ich brauche nur ein bis zwei Tage, dann fühle ich mich hier wie zu Haus«, erklärt mir ein Urlauber. Er kommt regelmäßig jedes Jahr und kennt sich aus.

Wir erleben aber auch die Ankunft von Flüchtlingen. Die meisten sind auf der Durchreise. Sie wollen nach Deutschland. Traumatische Erinnerungen begleiten sie. Zerbombte Häuser und Städte, verletzte und getötete Angehörige und Nachbarn. »Das Schlimmste sind die furchtbaren Geräusche der Gewehre und die Einschläge von Granaten«, erzählte mir eine Frau. Die Flüchtlinge kommen auf unterschiedliche Weise an. Sie haben lange Fußmärsche hinter sich, andere kamen mit Booten über das Meer. Sie erzählen uns ihre Lebensgeschichte, die mit ihrem Leid und ihrer Flucht eng verknüpft ist. Ein junger Mann berichtet von seiner Überfahrt nach Europa. Er gehörte zu den wenigen Insassen, die einen Sturm und das anschließende Kentern des Bootes überlebt haben. Er ist körperlich angekommen, im Kopf die Bilder seiner Flucht.

Foto: Martin Krautwurst

Foto: Martin Krautwurst

Als meine Frau und ich vor einem Jahr zum Elterngespräch in die Schule unserer Tochter eingeladen wurden, fragte man uns, ob wir schon angekommen seien. »Es ist bestimmt nicht einfach, das Leben mit Migrationshintergrund?« Das war uns gar nicht bewusst, dass wir in Italien Migranten sind. Doch trotz der deutschsprachigen Umgebung müssen wir uns umstellen, auf Neues einlassen und uns anpassen. So besuchen wir abends die Sprachschule, denn Italienisch ist zweite Amtssprache. Es kommt nicht gut an, wenn man angesprochen wird und kein Wort versteht.

Auch die Lebensgewohnheiten in einem katholisch geprägten Umfeld sind anders. Als wir mit Südtirolern und Italienern auf Reformationsreise in Thüringen waren, bemerkte eine Teilnehmerin: »In Thüringen sind die Katholiken in der Minderheit und in Südtirol seid ihr es.« Ich wiedersprach ihr. Auch in Thüringen gehörten wir zu einer Minderheit, denn der Großteil der Bevölkerung zählt sich zu keiner Kirche. Aber Mitgliedschaft bedeutet nicht gleich Glauben oder umgekehrt. Es gibt andere, die sich nicht zur Kirche zählen, aber dennoch glauben. In Italien spart man keine Steuern, wenn man aus der Kirche austritt. Vielleicht zählen sich deshalb noch so viele zu einer Glaubensgemeinschaft.

In diesen Tagen leuchtet nicht nur in der evangelischen Christuskirche Merans der schöne Herrnhuter Stern. Nachdem evangelische und katholische Christen den hellen Stern das erste Mal leuchten sahen, wuchs der Wunsch nach einem gemeinsamen Zeichen. So verschenkte die evangelische Gemeinde auch an die katholischen Nachbargemeinden die Sterne als Zeichen der Verbundenheit. Sie sind ein Symbol. Jeder, der hier ankommt ist willkommen, so unterschiedlich die Lebensgeschichte auch sein mag. Die Sterne stehen für die Hoffnung und die Erwartung. Der Stern, der schon vor 2 000 Jahren die Ankunft des ganz Großen im Kleinen beschrieb, wird auch uns zum Heil.

»Klein, elend, nackt und bloß« beschreibt nicht nur die Ereignisse im Stall von Bethlehem, sondern auch das Schicksal vieler in diesen Tagen. Die biblische Botschaft ist heute so aktuell wie damals: Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat (Matthäus 10, Vers 40).

Martin Krautwurst

Der Autor ist vor einem Jahr von Magdala im Kirchenkreis Jena als Pfarrer an die Christuskirche in Meran/Südtirol gewechselt.

Auf Spurensuche und in vorurteilsfreier Gemeinschaft

25. August 2014 von redaktionguh  
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Fünftes internationales Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Bernburg

In fröhlicher Runde sitzen die Teilnehmer des fünften Sommerlagers der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) am 14. August am Ufer der Saale beim Abendessen. Da liegen rund zehn Tage gemeinsamer Arbeit und Spurensuche hinter dem internationalen Team. Diesen Tag verbrachten sie in Magdeburg, wo sie an einem Geocaching der »Zeitreise-Manufaktur« teilnahmen. Anhand GPS-geführten und themenorientierten Suchens nach historischen Orten und aktuellen Sehenswürdigkeiten erschloss sich die ASF-Gruppe die Stadt und ihre Geschichte. Mit großer Begeisterung berichten sie am Abend über ihre Erlebnisse. In Halle hatten sie in der Woche zuvor die jüdische Gemeinde und die Synagoge besucht. Hier erfuhren sie aus erster Hand etwas über die Bedeutung und Tradition jüdischer Friedhöfe. Wie in den Jahren zuvor verbrachte das ASF-Team auch 2014 viele Stunden auf dem jüdischen Friedhof in Bernburg, um bei dessen Pflege und Erhalt zu helfen. Das war immer ein Schwerpunkt der Arbeit in Bernburg.

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Dascha Lukaschuk, Falk Gattert und Lisa Melech, Teilnehmer des Workcamps, halfen in der Gedenkstätte Bernburg beim Renovieren. Foto: Engelbert Pülicher

Während die Gruppenleiterinnen Anne Rothärmel (Deutschland) und Hanna Lichtenwagner (Österreich) bereits zum wiederholten Male im Sommerlager in Bernburg weilten, waren die vier Teilnehmerinnen aus Weißrussland zum ersten Mal in Deutschland. Zu Hause studieren sie deutsche Literatur und Kultur. Sie erhofften sich von der Tour vor allem auch eine Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse. Aus Meran in Südtirol war Laurin in die Saalestadt gereist. Er hat das Down-Syndrom und erhoffte sich eine gute und vor allem vorurteilsfreie Gemeinschaft. Denn bekannt ist die ASF auch für ihr Bestreben nach Inklusion, das heißt, dass besonderer Wert auf die Integration von Menschen mit verschiedensten Einschränkungen gelegt wird.

Die jährlichen 20 bis 25 europäischen Workcamps sind ein fester Bestandteil der Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. In den internationalen Sommerlagern leben und arbeiten Menschen im Alter von 16 bis 99 Jahren zusammen, um die Geschichte und die aktuelle Situation der verschiedenen Projektorte kennenzulernen. Gärtnern, Bauen und Archivieren sind nur Beispiele für die unterschiedlichen Tätigkeiten, die Teil der Sommerlager sind. Auf die Teams warten auch Arbeiten, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Projektpartner orientieren.

In Bernburg ist das neben dem jüdischen Friedhof vor allem die Gedenkstätte für die Opfer der NS-«Euthanasie«, die sich in den Kellerräumen der ehemaligen NS-Tötungsanstalt befindet, in der mehr als 14 000 Menschen ermordet wurden. An diese Last der Geschichte zu erinnern, um daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen, ist ein Ziel der Aktion.

In diesem Jahr gab es für die Besucher zum ersten Mal intensivere Begegnungen mit den Bernburgern selbst. So besuchte das Team einen Gottesdienst, stellte dort sein Projekt vor und lud danach zum Brunch mit internationalen Spezialitäten ein. Auch das Medieninteresse war diesmal besonders hoch. Neben Interviews für Zeitungen und einem Radiosender wurde ein kleiner Film gedreht. Bei dem vom Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe ausgelobten »mitMenschPreis« kam die Gruppe nämlich unter die fünf besten Bewerber und gewann einen Imagefilm. Ein Kameramann begleitete sie mehrere Tage. Das Material über ihr gemeinsames Leben und Arbeiten wird er zu einem kleinen Film zusammenschneiden.

Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist für die ASF Motiv und Verpflichtung für das Handeln heute. Sie will für die Folgen, die bis in unserer Gegenwart reichen, sensibilisieren und den aktuellen Formen von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten entgegentreten. Möglichst viel Öffentlichkeit kann deshalb hier nur von Vorteil sein.

Petra Franke