Gottes Geist sprudelt

18. Mai 2018 von redaktionguh  
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Warum feiern wir Pfingsten? Eine zunächst einleuchtende Antwort ist: »Wir feiern den Geburtstag der Kirche.« Ich war zufrieden, wenn Konfirmanden wenigstens diese Antwort parat hatten und dann noch vermuteten, dass da etwas durch den Heiligen Geist passierte.

Pfingsten ist die Geburtsstunde der nachösterlichen Jesusbewegung. Das Stichwort »Geburtstag« ist eine Erklärungshilfe, auch wenn sie zu kurz greift. Denn nach dem Geburtstag folgt wieder der Alltag. Aber was folgt auf Pfingsten? Nach Pfingsten kommt die Trinitatiszeit. Zwar wirkt im Gedanken der Dreieinigkeit Gottes das Thema des Heiligen Geistes weiter. Aber wir beschäftigen uns in der Verkündigung nur am ersten und zweiten Pfingsttag damit.

Pfingsten als Gedenktag des Heiligen Geistes ist mir zu wenig. Ich wünschte, man könnte die Sonntage nach Pfingsten zählen. Viele Themen und Texte würden in einem anderen Licht erscheinen, wenn sie an einem Sonntag nach Pfingsten bedacht würden. Es ist gut für unsere Kirche, mehr nach dem Heiligen Geist zu fragen und um ihn zu bitten.

Die Bibel bezeugt von Anfang bis Ende, wie Gott durch seinen Geist wirkt. Er ist derselbe Geist im Alten wie im Neuen Testament. Der Heilige Geist sprengt menschliche Gottesbilder auch im Blick auf das Geschlecht. Das hebräische Wort Ruach bedeutet zunächst Wind und ist weiblich. Die »Geistkraft« übersetzt man das angemessen. Gottes Geist wird als Energie erfahren. Aber die Bibel unterstreicht den personalen Charakter des Geistes. Vor allem ist er der Geist Jesu Christi. Er lehrt Jesus Christus erkennen, anbeten und nachfolgen.

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden- württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Ausgießen, auffangen, weitergeben: Der Kaskadenbrunnen im baden-württembergischen Kloster Maulbronn. Die ehemalige Zisterzienserabtei ist seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO. Foto: epd-bild

Die Pfingstgeschichte erklärt aber nicht, wer der Heilige Geist ist. Sie ist davon gepackt, wie er wirkt. Es geschah zum jüdischen Wochenfest, 50 Tage nach Ostern (Pfingsten heißt zunächst nicht mehr als »Fünfzig«). Da erfüllte Gottes Geistkraft Frauen und Männer, die einmütig beieinander waren. Begeisterung ergriff sie. Es war »wie Feuerflammen« oder »wie ein gewaltiger Sturm«. Diese äußeren Bilder einer intensiven Gottesnähe drückten aus, was sie innerlich erlebten. Gottes Geist rüttelte an ihnen. Ihr Denken und Fühlen wurde geöffnet für Gott.

In der Apostelgeschichte Kap. 2 durchläuft die Ausgießung des Geistes bildlich gesprochen drei Kaskadenstufen. In einem kunstvollen Brunnen sprudelt das Wasser aus einer Fontäne oben hervor, wird dann in einer Schale aufgefangen und läuft in ein Becken herab. So fließt Gottes Geist hinein in die Lebendigkeit der Anhänger Jesu. Zuerst ist der Geist göttliche Energie, die an ihnen geschieht. Er kommt überraschend und übersteigt alles Verstehen. Was hier geschildert wird, trägt die Züge einer Offenbarung Gottes.

Dann gibt derselbe Geist klare Worte. Das Wort fängt bildlich das Wasser der Fontäne auf. Sie predigen die weltverändernde Botschaft Jesu. Menschen aus aller Herren Länder verstehen sie in ihren Sprachen. Und Petrus deutet, was der Prophet Joel über den Geist angekündigt hatte.

Schließlich verleiht dieselbe Geistkraft über die Worte hinaus das klare missionarische Zeugnis der gelebten Gemeinschaft. Die Gruppe der Jüngerinnen und Jünger gewinnt Ausstrahlungskraft durch ihr gemeinsames Leben. Das ist die Schale, die das Wasser des Geistes auffängt. Sie leisten Umkehr und lassen sich taufen. Sie leben einmütig zusammen. Sie beten Gott im Tempel an. Sie halten Tischgemeinschaft in den Häusern. Sie brechen das Brot, wie Jesus es tat, und teilen alles miteinander. Ihr freudebetonter Lebensstil führt ihnen neue Anhänger zu.

Sie werden Jesu neuer Leib. Er ist das Haupt und erschafft sie durch den Geist als seine Glieder und schenkt ihnen vielfältige Gaben. So versteht es Paulus später. Menschwerdung 2.0 möchte ich das bezeichnen, was aus Pfingsten hervorging. Gott gibt sich aus Liebe weiter hinein in das Menschengeschick. Wie in Jesu Leben und Hingabe am Kreuz, so hat auch der Pfingstgeist ein deutliches Gefälle hinein in eine neue Gemeinschaft befreiter Menschen.

Nicht auf die pfingstliche Ekstase läuft alles hinaus, sondern auf das einfache Leben in der Gewissheit der Liebe Gottes.

Zeichen dafür ist das pfingstliche Brotbrechen, in dem sich die Mahlgemeinschaft Jesu fortsetzt.

Ich hoffe und glaube, dass Gottes Geistkraft unserer Kirche jeweils neu die Kraft gibt, erstarrte Formen aufzubrechen und frei, klar, lebendig und kreativ zu sein. Sie soll jederzeit mit dem Heiligen Geist rechnen, der auch außerhalb ihrer Strukturen Menschen erreicht. Er leitet sie zu den geringsten Schwestern und Brüdern Jesu.

Christoph Hackbeil

Der Autor ist Regionalbischof des Propstsprengels Stendal-Magdeburg.

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Der Herr ist auferstanden; er ist wahrhaftig auferstanden!

2. April 2018 von redaktionguh  
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Foto: Veit Rösler

Foto: Veit Rösler

Der Kuchen wird kleiner

Tafeln: Vor den Feiertagen erleben die Ausgabestellen einen großen Ansturm. Über die Situation in Mitteldeutschland sprach Willi Wild mit der Seminarleiterin der Tafelakademie, Beate Weber-Kehr.

Ist die von der Essener Tafel geschilderte Situation ein Einzelfall?
Weber-Kehr:
Der Umgang mit den Tafelbesuchern und die Bewältigung des Ansturms ist bei jeder Tafel ein Thema. Bei Menschen mit Migrationshintergrund geht es vor allem darum, zu erklären, was es mit den Tafeln auf sich hat. Viele denken, die Tafeln seien staatliche Stellen. Wir versuchen aufzuklären, dass es sich um ehrenamtliche Einrichtungen und gemeinnützige Vereine handelt, die kein Zweig des Sozialstaates sind. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf Tafelversorgung. Gleichwohl stehen die Einrichtungen allen Bedürftigen offen.

Wie gehen die Tafeln mit dem Ansturm vor Feiertagen um?
Weber-Kehr:
Da hat jede Tafel für sich ein System entwickelt, um die Besucherströme zu kanalisieren. Hier geht es vor allem um eine gerechte Verteilung. Oft werden Nummern vergeben, damit niemand vergeblich in einer Warteschlange steht. Oder aber es gibt ein genaues Zeitfenster, in der eine Familie oder Einzelpersonen zur Ausgabestelle bestellt werden. Im Grunde ist alles eine Frage der Organisation und des Verteilsystems.

Was bekommen die, die zu spät dran sind?
Weber-Kehr:
In den Tafel-Statuten steht eindeutig, dass jeder Bedürftige etwas bekommt. Wir wollen allen helfen, die Hunger haben. Es spielt für uns keine Rolle, welche Hautfarbe, Herkunft oder sexuelle Ausrichtung ein Mensch hat.

Beate Weber-Kehr, Weimar, ehem. stellv. Bundes­vorsitzende der Tafeln in Deutschland. Foto: privat

Beate Weber-Kehr, Weimar, ehem. stellv. Bundes­vorsitzende der Tafeln in Deutschland. Foto: privat

Wie gehen Sie mit Rassismus-Vorwürfen um?
Weber-Kehr:
Der Bundesverband hat sich sehr früh eine Carta gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung gegeben. Klar ist aber auch, wenn immer mehr Menschen zu den Tafeln kommen, müssen wir uns überlegen, wie wir den Ansturm bewältigen können. Wir sind auf Spenden angewiesen und auf ehrenamtliche Hilfe. Unter Umständen muss für den Einzelnen der Kuchen kleiner gemacht werden. Das Gratis-Essenspaket hat einen Wert von 40 bis 50 Euro und wird für einen Obulus abgegeben. Wenn es in der bisherigen Größe nicht mehr reicht, muss es eben auch mal mit weniger gehen, damit alle etwas davon haben.

Wie empfinden Sie die Aufmerksamkeit, die den Tafeln in der letzten Zeit zu Teil wurde?
Weber-Kehr:
Es ist wichtig, dass der Fokus auf diese ehrenamtliche Arbeit und die spezifischen Probleme gelenkt worden ist. Immerhin engagieren sich 60 000 Menschen bei den Tafeln in Deutschland. Auf einmal hat jeder etwas dazu zu sagen, allerdings oft mit gefährlichem Halbwissen. Wenn das Ergebnis ist, dass sich die Situation verbessert, dann hat der vermeintliche Skandal in Essen durchaus etwas gebracht.

Wie ist die Situation bei den Tafeln in Mitteldeutschland?
Weber-Kehr:
Die Situation ist ähnlich zu der in anderen Regionen. Der Ausländeranteil ist sehr hoch. Wir merken, dass dadurch andere, ich will sie jetzt mal als die traditionellen Tafelbesucher bezeichnen, wegbleiben. Manche Tafeln haben nicht mehr so ein großes Angebot. Mittlerweile kalkulieren die Märkte einfach besser.

Der Bundesverband hat reagiert und vermittelt über Logistikunternehmen bundesweit die Lebensmittel, so dass die Tafeln zusätzlich Spenden verteilen können.

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»Ja, ich glaube das!«

1. April 2018 von redaktionguh  
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Auferstehung: Die Idee, die unseren Verstand überfordert


Ja – ich glaube das!« Mit erhobener Stimme reagiere ich auf die spöttisch-kritische Frage eines weitläufigen Bekannten. Vorangegangen war ein zunächst harmloses Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Dann wurde es ernsthafter. Er erzählte vom Tod seines Vaters im Herbst vergangenen Jahres. Wie froh er sei, dass nun die Qual ein Ende habe, und mit 87 Jahren sei es auch ein langes Leben gewesen.

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Joachim Liebig. Foto: epd-bild

Zur Beerdigung war er mit seiner Frau allein anwesend; die weite Anreise sei für die Kinder ja nicht zumutbar. Und außerdem sei ja nun sowieso alles vorbei.

An der Stelle hatte ich mit der Bemerkung eingehakt, das könne man auch anders sehen. Daraufhin nahm das bisher durchaus ernsthafte Gespräch eine unerfreuliche Wendung: »Ach ja, Du glaubst ja an ein Leben nach dem Tod.« In diesem Moment stand die Überheblichkeit des Besserwissers zwischen uns. »Du kannst nicht ernsthaft annehmen«, setzte er nach, »es gäbe eine Existenz jenseits unserer Wahrnehmung!« »Ich bin sicher, so ist es«, erwiderte ich. Und dann fiel der Satz: »Ich glaube das.« Das Gespräch endete damit.

Hier trafen zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen offensichtlich unvermittelbar aufeinander. Für mich bleibt in solchen Gesprächen stets offen, mit welchem standhaften Glauben behauptet wird, es könne nur Dinge geben, die unser begrenzter Verstand erfassen kann. Ganz ohne Zweifel ist die österliche Botschaft vom Ende des Todes und die Verheißung einer lebendigen Ewigkeit nach dem Tod eine so große Idee, dass unser Verstand damit bei weitem überfordert ist. Dennoch bleibt es unerklärlich, warum sich Menschen dem Universum des Glaubens verschließen, nur weil es der Vernunft nicht zugänglich ist. Der Glaube ist Teil der Vernunft und überschreitet sie.

Das leere Grab am Ostermorgen ist die größte Zusage, die wir als Menschen erhalten können. Die lapidare Feststellung, mit dem Tod sei alles vorbei, ist weder begründet noch hilfreich – erst recht nicht tröstend.

Auf Gottes Zusage fest zu vertrauen, erfordert die Bereitschaft, bisher Vertrautes hinter sich zu lassen und Gott selbst beim Wort zu nehmen. Zunächst sind es drei Frauen, die den Satz hören: »Er ist nicht hier, er ist auferstanden.« (Lukasevangelium, Kapitel 24, Vers 6) Dieser Satz gilt uns. Wir werden auferstehen. Der Tod wird ein Ende haben. Fröhliche Ostern!

Joachim Liebig, Kirchenpräsident

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Den Horizont weiten

30. März 2018 von redaktionguh  
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Ostern verändert den Blick. Gott lässt uns sehen: Unser Leben geht weiter, als wir es im Moment erfassen können. Maria von Magdala hat das als eine der ersten erfahren. Sie will am Ostermorgen dem Gekreuzigten einen letzten Liebesdienst erweisen und ihn salben. Sie will ihm gut tun.

Er hat sie gut angesehen, als normale Frau. Die anderen hatten sie verteufelt. Ja, er hat tiefer gesehen als alle anderen. Sein liebevoller Blick hat sie aufgerichtet. Aber nun ist alles aus. Sie weint. Und noch mehr, als sie das Grab leer findet. Was ist mit ihm geschehen? Können sie ihn nicht wenigstens im Tod zur Ruhe kommen lassen? Ihre Tränen verschleiern ihren Blick.

So erkennt sie den auferstandenen Jesus nicht, als er sie fragt: ›Was weinst Du?‹ Sie hält ihn für den Gärtner, der ihr weiterhelfen kann bei der Suche nach dem Toten. Da spricht Jesus sie mit Namen an und da – erkennt sie ihn! Nun sieht sie auf. Nun sieht sie klar. Alles, was sie mit Jesus erhofft und erlebt hat, ist nicht zu Ende. Gott will das Leben und aufrechte Menschen.

Ostern heißt: Gott steht für das Leben auf. Er durchbricht die Logik des Todes. Er öffnet unseren Horizont auf das Leben hin. Wir sehen weiter. Wir bekommen genügend schlechte Nachrichten jeden Tag frei Haus geliefert – lasst uns weitersehen: Kriege können enden. Gott will das Leben. Frieden ist möglich. Wir erleben schwere Krankheiten – lasst uns weitersehen, und forschen: Gott will das Leben. Heilung ist möglich.Wir erleben, wie Menschen anderen unversöhnlich gegenüberstehen, beispielsweise wenn einer einen anderen Pass hat. Lasst uns weitersehen: Man kann sich kennenlernen. Gott will das Leben. Zusammenleben ist möglich.

Frohe Ostertage mit weitem Horizont, das wünscht Ihnen

Ihre Landesbischöfin Ilse Junkermann

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Mitten im Tod, mitten im Leben

30. März 2018 von redaktionguh  
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Karfreitag und Ostern im Angesicht des Todes. Unser Gastautor hat Krebs. Wie er als »berufener Diener des Wortes« damit umgeht und was seine Hoffnung ist, hat er hier aufgeschrieben:

Es gab Zeiten, da galt der Karfreitag als höchster evangelischer Feiertag. Dass Christus für uns gestorben ist, wurde in feierlich-ernsten Abendmahlsgottesdiensten begangen. Diese Zeiten sind lange vorbei.

»doloris mysteria« – schmerzhafte Geheimnisse: Die Collage aus Radiogrammen stellt den nach der Kreuzabnahme aufgebahrten, leblosen Christus dar. Die Gegenwartskunst des Weimarer Künstlers Michael Merkel ist als neue Dauerleihgabe im Altenburger Lindenau Museum zu sehen. Foto: Michael Merkel

»doloris mysteria« – schmerzhafte Geheimnisse: Die Collage aus Radiogrammen stellt den nach der Kreuzabnahme aufgebahrten, leblosen Christus dar. Die Gegenwartskunst des Weimarer Künstlers Michael Merkel ist als neue Dauerleihgabe im Altenburger Lindenau Museum zu sehen. Foto: Michael Merkel

Ich kenne Christen, engagierte Gemeindeglieder, die gehen Karfreitag gerade nicht in die Kirche, sondern erst am Ostersonntag. Mit Tod und Sterben wollen sie nicht noch im Gottesdienst belästigt werden, wo doch in unserer Welt schon genug gelitten und gestorben wird. Sie wollen das Leben feiern und nicht den Tod.

Der höchste Feiertag der ganzen Christenheit ist selbstverständlich Ostern und nicht Karfreitag. Jesus ist gestorben, das müssen alle Menschen einmal. Wenn auch meistens nicht so grausam. Aber Jesus hat den Tod besiegt.

Vor wenigen Monaten ist mir der Tod sehr nahe gekommen. Ich hatte ihm bisher immer gesagt: »Du hast noch Zeit. Komm später wieder.« Als ich ihm mit 20 Jahren knapp von der Schippe gesprungen war, habe ich es erst hinterher erfahren, wie ernst es war. Als ich mit 30 eine bösartige Erkankung des Lymphsystems hatte, habe ich auf die guten Heilungschancen vertraut, und es wurde wieder gut. Als ich mit Mitte 40 einen Herzinfarkt bekam, konnte mir rechtzeitig geholfen werden. Jetzt, bald Mitte 50, fanden sie einen Tumor an meiner Bauchspeicheldrüse mit Metastasen; keine Art von Krebs hat schlechtere Prognosen.

Immer wieder geht mir ein Vers aus dem »Osterpsalm« 118 durch den Kopf: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen« (Ps 118,17). Das ist ein gutes Motto für mein Leben mit und meinen Kampf gegen den Krebs. Es stimmt Tag für Tag. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, ist das ein Stück Auferstehung: Ich lebe! Und ich lebe als Glaubender, als Hoffender, als Liebender. Die meisten wissen das. Und viele, die von mir hören, lesen, mit mir reden, mich besuchen, sind erstaunt darüber, wie ich mit meiner Krankheit umgehen kann. Das bin nicht ich; das ist Gottes Werk an mir.

Und dann ist da noch ein Wunder: Dass entgegen der schlechten Prognosen die Chemotherapie sehr gut angeschlagen, die Metastasen abgetötet und den Tumor wieder ganz klein gemacht hat. Ich hoffe, er lässt sich bald wegoperieren. – Ob daraus das ganz große Wunder der Heilung wird, weiß ich nicht. Aber ich habe Hoffnung – jedenfalls noch für etliche Monate, vielleicht Jahre: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen.« Vielleicht sogar wieder auf der Kanzel und im seelsorgerlichen Gespräch – »als ein berufener Diener des Wortes«.

Karfreitag: Jesus ist gestorben. Ich werde sterben, ob schon bald oder erst in etlichen Jahren. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod definiert uns. Er zwingt uns zum Leben, weil wir nur begrenzte Zeit haben. Ohne Tod gibt es kein Leben.

Trotzdem nennt die Bibel den Tod einen Feind. Es ist richtig, für das Leben zu kämpfen – für das eigene und das der anderen. So wie Ärzte gegen den Tod kämpfen oder Friedensaktivisten oder Lebensschützer, die das Töten verhindern wollen, oder auch Soldaten oder Polizisten, die im Ernstfall gerade um des Lebens willen töten müssen … Oder wie Jesus, der Kranke heilt, Tote erweckt und sich doch selber in den Tod opfert, um vielen – der Glaube sagt: uns allen – das Leben zu bewahren.

Gerade im Tod hat er den Tod besiegt. Ohne Karfreitag gibt es kein Ostern. Aber der Auferstandene hat den Tod hinter sich gelassen: »Ich werde nicht sterben, sondern leben« – Wir Christen legen diesen Satz Christus in den Mund. Und wir sprechen ihn selber mit, weil wir darauf vertrauen, dass wir dorthin kommen werden, wo der Tod tot sein wird. Ohne Ostern hätte auch Karfreitag keinen Sinn.

Roland Herrig

Der Autor ist Pfarrer in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Sebnitz/Sachsen.

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Ein Satz für die Ewigkeit und über die Ewigkeit

24. März 2018 von redaktionguh  
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Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3, Verse 14 b und 15

Es ist eine der viel zu seltenen Nächte, wo Menschen zusammenfinden und man sich bei verglimmender Kerze alles sagt. Wirklich alles. Da bleibt nichts mehr offen. In dieser Nacht war es sogar Gott selbst und der Mensch, die da zusammenkommen. Auch das ist viel zu selten. Jesus ist in tiefer Nacht im tiefen Gespräch mit einem Menschen.

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

Die Bibel nennt den Menschen einen »Oberen«. Er ist ansonsten einer, der anderen was zu sagen hat. Heute aber ist er gekommen um zuzuhören. Heute ist er gekommen um zu verstehen. Wir kennen den Namen des Menschen. Er heißt Nikodemus. Im Dunkel der Nacht kam Gott selbst in Jesus Christus in die Welt. Im Schutz der Dunkelheit wird Schweres leichter ausgesprochen. Da kommt es aufs Hören und nicht aufs Sehen an.

Jetzt, in dieser Nacht, spricht dieser Jesus Christus von seinem nahen Tod. Das ist schon schwer genug, aber was für ein Tod: Er wird gefoltert und hingerichtet. Qualvoll. Erniedrigend. Schmerzhaft. Er kommt ans Kreuz. Das Kreuz wird für alle sichtbar auf dem Hügel draußen vor der Stadt aufgerichtet. Erhöht eben. Den Blicken ausgesetzt, so dass alle zugucken. Da fällt dann dieser Satz aus dem Mund Gottes.

Es ist ein Satz für die Ewigkeit und über die Ewigkeit: Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Wer es mit Jesus Christus zu tun bekommt, weiß, dass da manches genau andersrum ist. Anders als sonst üblich. Es bleibt eben nicht beim alten »das war schon immer so«.

Da, wo man mit ihm zu tun hat, da werden die Letzten die Ersten, sein. Wo man mit ihm zu tun hat, ist das Kleine gaaaaaanz groß. Wo man mit ihm zu tun hat, haben Tote das ewige Leben. Kein Wunder, dann ist die Erhöhung eine Erniedrigung. Das muss so sein. Und doch bleibt es auch nicht dabei.

Das sehen wir dann schon in einer Woche. Dann feiern wir nämlich Ostern. Ich freu mich drauf!

Jan von Campenhausen, Direktor der Ev. Wittenbergstiftung

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Die Schlüsselfrage ist geklärt: Der Himmel steht offen

16. April 2017 von redaktionguh  
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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Der Schlüssel ist übergroß, sein geschmiedeter Bart wird durch ein Kreuz geziert. Wer den Schlüssel in die Hand bekommt, weiß sofort: Hiermit kann nur eine Kirchentür geöffnet werden. Die mächtige Holztür knarzt beim Schließen. Ich lausche auf das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloss. »Ach, wie schön«, sage ich zum neben mir stehenden Küster, »noch keine Schließanlage, deren Schlüssel sich an meinem Bund von keinem einer Bürotür unterscheidet!« Der Mann schmunzelt »Braucht es auch nicht, Frau Pfarrer, solch ein Schloss ist schwerer zu knacken als ein Sicherheitsschloss. Die Alten haben gewusst, was sie taten!« Er hält mir die Tür auf und vergräbt den Schlüssel wieder tief in seiner Manteltasche. Sicher ist sicher.

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Die Schlüsselfrage ist eine Machtfrage. Wer den Schlüssel hat, erhält ungehindert Eintritt, muss nicht andere um Erlaubnis fragen. Wer den Schlüssel hat, bestimmt, wer drin ist und wer draußen bleiben muss. Wer den Schlüssel hat, kann einsperren und befreien.

Zu Ostern wird die Schlüsselfrage ein für alle Mal geklärt: Er, der Christus Gottes, überlebt den Tod und geht durch die Hölle. Den Schlüssel hält er fest in seiner Hand. »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?« singt uns das Brahms’sche Requiem aus der vagen Hoffnung der Totenmesse in die feste Gewissheit der Osternacht hinüber.

Im Buch der Heilpflanzen von Hildegard von Bingen wird die Schlüsselblume beschrieben. Sie blüht als eine der ersten Frühlingsblumen und ergießt ihr Sonnengelb zu Ostern in Wälder und über Wiesen. Hildegard beschreibt die wohltuende Wirkung der Pflanze, von der man alle Teile nutzen kann. Sie preist die Blume als Wunder der guten Schöpfung Gottes und tauft sie »Himmelschlüssel«. Mit ihren Blüten, in deren Anordnung man einen Schlüsselbund erkennen kann, erinnert sie uns daran:

Seit Ostern steht uns der Himmel offen. Die Schlüsselfrage ist geklärt!

Friederike F. Spengler, Pfarrerin im Landeskirchenamt der EKM, Erfurt

Auferstehung in Rösa

15. April 2017 von redaktionguh  
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Rösa hat eine beeindruckende, doch bislang namenlose Dorfkirche. Zur Osternacht ändert sich das: Das Gotteshaus wird zur Auferstehungskirche. Im Reformationsjahr erhalten weitere Kirchengebäude einen Namen.

Christus kommt zu uns auf Wegen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Keiner weiß, welche verschlungenen Pfade die geschnitzte Christus-Figur genommen hat, bis sie eines Tages im Pfarrhaus von Pouch bei Bitterfeld gefunden wurde, nach Rösa kam, restauriert wurde und nun an der Südseite der Apsis in der kleinen, aber mächtigen Dorfkirche hängt. Christus ist ein Torso, die Arme sind verloren gegangen. Ein Geschundener. Auf den ersten Blick. »Denn steht man vor ihm, merkt man: Ihm fehlt nichts«, sagt Pfarrer Albrecht Henning. »Er ist schon hindurch. Ostern ist erkennbar, spürbar.«

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Die kleine Dorfkirche von Rösa im Frühlingslicht. Zur Osternacht wird dem bislang namenlosen Gotteshaus der Name »Auferstehungskirche« gegeben. Foto: Thomas Klitzsch

Besonders in Rösa. Die Gemeinde gehört zum Pfarrbereich Krina im Kirchenkreis Wittenberg. Von neun Kirchen hatte bis auf die Barockkirche Burgkemnitz keine einen Namen. Welchem Heiligen das Gebäude einst gewidmet wurde, lässt sich nicht belegen. Das Landeskirchenamt fand keine Zeugnisse, auch nicht aus vorreformatorischer Zeit. Während also im nahen Wittenberg das 500. Reformationsjubiläum mit viel Aufwand und Hunderten Veranstaltungen gefeiert wird, starten die Christen im Pfarrbereich Krina ihre eigene Erneuerungsbewegung: Sie geben ihren namenlosen Kirchen Namen.

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Der Christus-Torso im Chorraum (re.) gab den Anstoß für Namenswahl und künstlerische Ausgestaltung. Fotos: Thomas Klitzsch, Katja Schmidtke

Zu Ostern wird Rösa zur Auferstehungskirche. Der Gottesdienst am Karsamstag beginnt um 22.30 Uhr. Bereits zum dritten Mal wird die Auferstehung Jesu auf diese Weise so in Rösa gefeiert. In diesem Jahr werden zwei Kinder getauft – und die Kirche erhält ihren Namen. Eine Woche später bekommt dann die Kirche in Krina den Namen Trinitatiskirche. Die bisherige Barockkirche Burgkemnitz wird am 25. Mai wegen ihres Deckengemäldes umbenannt in Barockkirche Christi Himmelfahrt. Mit einem Wandelkonzert am 19. August feiert die Gemeinde die Benennung der Kirche Gröbern als Elisabethkirche.

Und zum Tag des offenen Denkmals wird die Dorfkirche Schwemsal zur Erlöserkirche – hier gibt es ein modernes Gemälde, das auf die Himmelsleiter anspielt. Zu Erntedank am 30. September erhält die Marienkirche Schlaitz ihren Namen. Noch offen sind Termine zur Namensgebung der Christuskirche in Schköna und der Dornbuschkirche in Hohenlubast. Bereits ihren Namen erhalten hat die Christophoruskirche in Gossa. Die beiden historischen Ritzzeichnungen ergänzte Jochem Poensgen mit einem Glasfenster.

»Auferstehungskirche« – damit verbindet Hans-Ulrich Eckardt auch die jüngste Geschichte des Gebäudes. Rösa liegt im Braunkohlengebiet; zu DDR-Zeiten gab es Pläne, das Dorf zu überbaggern, die Kirche war ruinös. Erst Ende der 1980er-Jahre genehmigte der Staat eine Sanierung. »Aber nur mit eigenen Mitteln«, erinnert sich Hans-Ulrich Eckardt. Von 1988 bis 1993 arbeiteten die Rösaer an ihrem Gotteshaus. Eine auferstandene Kirche.

Die Auferstehung Jesu greift im Kircheninneren nicht nur der Christus-Torso auf. Ausgehend von ihm hat der Künstler Sven Göttsche ein Apsisfenster sowie ein Altarkreuz und zwei Leuchter geschaffen. Sven Göttsche erinnert sich noch wie heute, wie er die Figur zum ersten Mal sah. Eigentlich hatte der Druckgrafiker, Bildhauer und Glaskünstler, der direkt gegenüber der Kirche wohnt, gerade den Entwurf für das Fenster vorgestellt, Pfarrer und Gemeinde waren zufrieden. Dann sah Göttsche den Christus. »Das war für mich als Künstler ein Schock, weil mein Fenster-Entwurf mit dieser Figur nicht zusammenging. Andererseits war dieser Christus beeindruckend. Das war kein Korpus am Kreuz. Seine Armlosigkeit hat etwas Raketenhaftes. Er hat mich zum Gespräch herausgefordert«, erinnert sich der Künstler.

Er verwarf seinen ersten Entwurf, begann die Arbeit neu – mit dem Christus-Torso als Leitmotiv. Die Umrisse der spätgotischen Schnitzerei sind im Fensterbild zu erkennen, ebenso wie im Altarkreuz. Auch hier ist Jesus nicht der Leidende, das Kreuz kein Marterwerkzeug, sondern Hoffnungszeichen. Die Kerzenleuchter hat Sven Göttsche als stilisierte Hände gestaltet, die das Licht bringen. Auch sie sind vom Kreuz gelöst.

Der Künstler lädt dazu ein, Kreuz und Leuchter zu erkunden, Anfassen ausdrücklich erwünscht. Das hilft, Ostern zu begreifen. Das große Geheimnis der Auferstehung, das, so sagt Pfarrer Albrecht Henning, so schwer in Worte zu fassen ist.

Katja Schmidtke

Kirchennamen – woher sie kommen

95 Prozent der Kirchen erhielten ihren Namen im Mittelalter, berichtet Dr. Bettina Seyderhelm, Kirchenkonservatorin im Referat Kunst- und Kulturgut bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Die Benennung ging meist mit Reliquienbesitz einher.

Auch regionale Besonderheiten spielen eine Rolle: So gibt es im Kirchenkreis Halberstadt viele Gotteshäuser, die dem Heiligen Stephanus geweiht sind. Eine detaillierte Statistik hat die EKM nicht, aber die »Hitliste« der Kirchennamen führen St. Nicolai, St. Johannis, St. Michaelis und Maria sowie Dreifaltigkeitskirche an.

Osterwort

15. April 2017 von redaktionguh  
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Aus dem Dunkel kommen sie, Maria von Magdala und die andere Maria. Wie ein Leichentuch liegt dieses Dunkel über ihnen, seit Jesus gekreuzigt wurde und gestorben ist. Erstarrt in Schreck und Trauer sind sie. Sie können nicht fassen, dass alles zu Ende sein soll, sein Leben und ihr Leben mit ihm.

Zwei von ihnen machen sich auf den Weg. Sie waren mit den anderen Jüngerinnen in Jesu Nähe geblieben – auch als er gekreuzigt wurde, auch als er starb, auch als er begraben wurde. Die Jünger flohen, einzig die Frauen waren geblieben. Während die Männer noch im Dunkel ihres Versagens, ihrer Scham und ihrer Angst verharren, machen die Frauen sich schon auf den Weg. Die Liebe zu ihm setzt sie in Bewegung. Noch einmal wollen sie ihn berühren. Den Geruch des Todes wollen sie von ihm nehmen mit wohlriechenden Ölen.

Als sie zum Grab kommen, gerät die Welt aus ihren Fugen. Die Erde bebt. Ein Engel erscheint. Die Wächter erstarren vor Angst und Furcht. Und die Frauen? Der Engel schickt sie auf den Weg, die frohe Botschaft zu verkündigen: Der Gekreuzigte ist auferstanden! Ostern setzt in Bewegung und lässt herauskommen aus dem Dunkel von Leid und Not, Versagen und Schuld.

Ostern sendet uns auf den Weg des Lebens, hin zu Menschen, denen es übel ergeht: hin zu Kranken, Flüchtlingen, Kindern in Armut, Obdachlosen. Ostern lässt wider alle Vernunft hoffen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Frohe, bewegte Ostern wünsche ich Ihnen allen!

Ihre Landesbischöfin
Ilse Junkermann

Christus kommt zu uns

14. April 2017 von redaktionguh  
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Das Wunder von Ostern: Eine Geschichte über engagierte Kirchenretter, ein entstaubtes Fundstück und glückliche Fügungen.

Karsamstag im Jahr 1993. Geschafft! Ich atme durch. Dicht gedrängt stehe ich mit unzähligen Menschen in der Jerusalemer Grabeskirche. Die orthodoxe Lichtfeier beginnt jeden Augenblick. In ihr geschieht das »Wunder des heiligen Feuers«. Der Patriarch betritt das Heilige Grab. Überall ein Rumoren, keine wirkliche Stille, aber auch kein Lärm. Vielmehr ein Jubel, der nur noch mühsam zurückgehalten werden kann. Als dann der Patriarch mit dem Licht erscheint, bricht der Jubel los. Und in Windeseile wird das Feuer, die Flamme, das Licht weitergegeben. Alle haben eine Kerze – auch ich. Die Luft wird dünn. Das Atmen fällt schwer. Ein Flammenmeer. Auch das Herz ist entflammt. Glückseligkeit. Auferstehung!

Im selben Jahr an einem ganz anderen Ort feiert ein Dorf – Rösa in der Dübener Heide. Die romanische Kirche war einst dem Verfall preisgegeben, da im Schoß der Erde Braunkohle schlummert. Überbaggerungsgebiet! Eine Baugenehmigung für die marode Kirche wurde nicht erteilt. Doch die Gemeinde reichte Antrag um Antrag ein. Dann endlich die frohe Botschaft: ihr dürft sanieren – aber auf eigene Kosten. 1988 ging es in Feierabendarbeit los. Viele aus dem Dorf halfen mit. Und auch die Wende kam zur rechten Zeit. 1993 ist das Ziel erreicht, die Kirche gerettet. Ein ruinöses Gotteshaus erstrahlt in neuem Glanz und erzählt durch seine bloße Präsenz vom Glauben. Auferstehung!

Er hat keine Arme mehr. Überall Beschädigungen. Und dennoch diese Kraft! Diese emporstrebende Wucht! Lange verborgen im Gestrüpp des Vergessens, unter dem Staub eines Pfarrhausbodens: ein spätgotischer Christus-Torso (um 1510) – lebensgroß.

Weg mit dem Staub! Ihm wurden die Wangen gestreichelt, der Mund getupft, die Augenlider berührt. Konservierung als Akt des Glaubens. Die Restauratorin durfte tun, was den Frauen einst am Morgen des dritten Tages verwehrt worden war. Nicht einbalsamiert, aber gereinigt und berührt kam dieser Christus-Torso 2009 in unsere Kirche, belebt sie und uns. Auferstehung!

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

»Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, sind das die schönsten Farben! Dann kommt Jesus durch das Fenster in unsere Kirche, zu mir«, sagt die Kirchenälteste Renate Eckardt aus Rösa zum Osterfenster des Künstlers Sven Göttsche in der Rösaer Auferstehungskirche. Foto: Thomas Klitzsch

Gegenüber der Kirche ein Künstler – was für eine Fügung! Den Grafiker und Bildhauer beauftragten wir, für und mit uns zu denken und zu gestalten. Zuerst das Fenster in der Apsis. Gen Osten. Von dort das Licht. Von dort das Leben. Ostern. Ein Geflecht aus dunklen Linien erzählt vom Scheitern im Leben, von der Zerrissenheit der menschlichen Existenz, vom Tod. Das haben wir immer vor Augen, wenn wir zum Altar schauen. In der Mitte des Fensters jedoch ein Lichtspalt. Die Stricke des Todes zerreißend tritt er in unsere Mitte – Christus. Jede Andacht, jeder Gottesdienst, jeder Blick nach vorn lässt uns nicht ohne diese Kraftquelle sein.

Und die Erzählung geht weiter. Denn da steht ja das bronzene Kreuz auf dem Altar. Der Künstler des Fensters ist auch hier am Werk. Wir sehen den Spalt, der das Kreuz bersten lässt. Christus tritt siegreich als Lichtgestalt hindurch. In den beiden Spaltteilen entdecken wir möglicherweise zwei Menschen, die sich begegnen, einander zuwenden und trösten (Christus und Maria?). Und wir sehen die beiden dazugehörigen Leuchter. Stilisierte Hände halten, tragen das Licht. Auferstehung!

An irgendeinem Tag. Unsere Küsterin hat in der Kirche zu tun, macht sauber, steckt eine Blumenpracht zusammen, gönnt sich eine Pause. Sie setzt sich auf eine Bank und schaut nach vorn. Ganz still ist es.

Und sie ist allein hier. Wirklich? Neulich, auf die Frage hin, was für sie Auferstehung bedeutet, überlegt sie eine ganze Weile und erzählt sinngemäß: »Wenn ich dann so sitze und schaue, habe ich das Gefühl, dass Jesus von dort vorn in die Kirche eintritt und da ist. Bei allen Sorgen, die so auf einem lasten, ist das sehr tröstlich. Und es gibt Hoffnung.« Auferstehung!

Am 15. April um 22.30 Uhr beginnt unsere Osternacht. Vor der Kirche das Feuer. Die Kirche im Dunkel. Wir gehen hinein. Später das Licht der Osterkerze – auch bei uns das »Wunder des heiligen Feuers«. Wir hören die Worte der Schrift, taufen zwei kleine Kinder, feiern das Heilige Mahl und empfangen den Segen. Und noch etwas geschieht: wir geben unserer Kirche einen Namen. Mit dieser Nacht heißt sie »Auferstehungskirche«. So wie die Kirche in Jerusalem, die zwar nach westlichem Verständnis »Grabeskirche« heißt, in der östlichen Tradition (orthodoxen Kirche) aber als »Auferstehungskirche« bezeichnet wird. Anastasis! Auferstehung!

Albrecht Henning

Der Autor ist Pfarrer in Krina (Kirchenkreis Wittenberg), zu dem auch die Gemeinde Rösa gehört.

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