Die Zeit ist reif

4. Mai 2018 von redaktionguh  
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Ein Zwischenruf vom katholischen Magdeburger Bischof zum Streit um die vorsichtige Öffnung der Eucharistie für Protestanten.

Nachdem sieben deutsche Bischöfe sich nach der Verabschiedung einer Handreichung über die Möglichkeit einer vollen Teilnahme evangelischer Christen in einer konfessionsverbindenden Ehe an der katholischen Eucharistiefeier durch die Deutsche Bischofskonferenz an Rom mit der Bitte um Klärung gewandt haben, wird über manches spekuliert. Eine öffentliche Auseinandersetzung ist entbrannt, obwohl der Text noch gar nicht erschienen ist.

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmels- richtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Gemeinsam unterwegs: Evangelische und katholische Pilger aus Mitteldeutschland haben sich am 22. April zur Ökumenischen Christus-Wallfahrt aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg zum Kloster Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen gemacht. Foto: Harald Krille

Unsere Handreichung bewegt sich im Rahmen der theologischen und kirchenrechtlichen Möglichkeiten und geht vom Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils (1964) und vom Kodex des Kanonischen Rechts (1983) aus. Vor diesem Hintergrund kann eine Bischofskonferenz oder sogar ein einzelner Bischof verantwortlich darüber urteilen, was außer Todesgefahr eine »andere schwere Notlage« ist, und welche Wege und Bedingungen für möglich gehalten werden, um im Einzelfall eine volle Mitfeier der Eucharistie zu eröffnen. Nichts anderes ist nun endlich geschehen. Da nicht überall auf der Welt die Bevölkerung konfessionell so gemischt ist wie in Deutschland und nur in wenigen Gegenden auf der Erde sich ein solches Gespür für die Herausforderungen der davon betroffenen Ehen entwickelt hat wie bei uns, erscheint es als sinnvoll und erlaubt, ja sogar als dringlich, nicht erst auf eine gesamtkirchliche Entscheidung zu warten, sondern die Initiative zu ergreifen, eine verantwortungsbewusste und angemessene Lösung vor Ort zu finden.

Bereits vor 20 Jahren beschäftigten sich verschiedene Bischofskonferenzen damit. Dabei ging es um kasuistische Reglungen: Zu Anlässen wie der eigenen Trauung oder der Erstkommunion der eigenen Kinder sah man den Kommunionempfang des evangelischen Ehepartners für erlaubt an, ansonsten nicht. Dies hielten die deutschen Bischöfe bereits damals nicht für überzeugend.

Neue Anregung brachten manche Äußerungen von Papst Johannes Paul II., die Bischofssynoden von 2014 und 2015 und die wiederholten Ermunterungen von Papst Franziskus. Hinzu kam, dass bei den ökumenischen Versöhnungsgottesdiensten anlässlich des 500. Reformationsgedenkens die Kommunionfrage in konfessionsverbindenden Ehen als ein brennendes Problem angesprochen wurde. So hat die Ökumenekommission eine Lösungsmöglichkeit erarbeitet, die der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2017 vorlag.

Die Ökumenekommission wurde beauftragt, unter Einbeziehung der Glaubenskommission daran weiterzuarbeiten. Um dem gerecht zu werden und andere Theologen mitdenken zu lassen, war es erst jetzt möglich, eine Überarbeitung einzubringen. Wieder kam es zu einer engagierten Diskussion, bei der die Kritiker nichts Neues vorbrachten. Dabei hatte man den Eindruck, dass nicht die mühevolle Suche nach einer verantwortbaren seelsorgerlichen Lösung für Einzelne ihr Interesse bestimmte, sondern die grundsätzliche Befürchtung, damit nicht mehr wahrhaft katholisch zu sein.

Manche scheinen immer noch einem vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet zu sein und die katholischen Prinzipien des Ökumenismus wenig verinnerlicht zu haben. Bei dem Text handelt es sich um eine »Pastorale Handreichung« und um keinen Lehrtext. Damit wird keine generelle Zulassung oder offene Einladung zum Kommunionempfang ausgesprochen. Geboten wird vielmehr eine Hilfestellung für Seelsorger, konfessionsverbindende Eheleute bei der persönlichen Gewissensentscheidung zu begleiten, nicht aber, ihnen diese abzunehmen.

Manchmal ist das Maß voll und die Zeit reif, darf man eine Lösung nicht weiter hinauszögern, muss – selbst wenn einige im Widerspruch verharren – eine gut begründete Entscheidung fallen. Dies ist jetzt geschehen. Eine einfache Lösung bietet die erarbeitete Handreichung nicht, aber eine, die im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche steht und Menschen helfen kann, die Freude am Glauben und an der Feier der Eucharistie zu vertiefen, die ökumenischen Beziehungen zu fördern und das Band der Ehe zu stärken. Eine solche Chance zu vertun, wäre makaber und beschämend.

Bischof Gerhard Feige

Der Gastautor ist Vorsitzender der Ökumenekommission der Katholischen Bischofskonferenz.

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Provokation

18. März 2018 von redaktionguh  
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Buona sera« – dieses schlichte »Guten Abend« waren seine ersten Worte im neuen Amt. Vor fünf Jahren stieg weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle in Rom auf: Papst Franziskus war gewählt.

Seither horche ich auf, wenn sein Name in den Nachrichten genannt wird. Er ist immer für eine Überraschung gut. Kaum war er im Amt, hat er Flüchtlinge auf Lampedusa besucht, er wäscht muslimischen Asylbewerbern die Füße, lädt Obdachlose zu sich zum Essen ein, er weist seine Leute an, Geld an die Armen zu verteilen, für Staatsbesuche nutzt er manchmal ein gebrauchtes Auto. Er prangert eine Wirtschaft an, die sich nur um Profit kümmert, und braucht dafür nur drei Worte: Diese Wirtschaft tötet. Während Europa sich einmauert und dafür das christliche Abendland bemüht wird, macht er deutlich, dass Europa gerade damit christliche Werte verrät.

Ja, diese Welt ist kompliziert, und Politik muss Kompromisse machen. Aber die christliche Botschaft ist nun einmal so einfach wie kompromisslos: »Siehe, ein Mensch«, das meint Franziskus, wenn er sich Geflüchteten zuwendet, Obdachlosen und Hungernden. So kompliziert die Dinge sein mögen: immer den Menschen sehen und ansehen. Das Elend ist keine biblische Plage. Die Ungerechtigkeiten schreien zum Himmel, aber sie sind nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen gemacht. Und was Menschen anrichten, können sie auch heilen.

Franziskus feilt den christlichen Stachel nicht schön rund, bis er nicht mehr weh tut, wie so viele, die sich auf das Christentum berufen, sondern er spitzt ihn an. So wird der christliche Glaube zu einer Provokation, die diese Welt bitter nötig hat.

Ralf-Uwe Beck

Der Autor ist ev. Pfarrer und Sprecher beim MDR – »Augenblick mal«. Nachhören: www.mdr.de/mdr-thueringen/podcast/augenblick

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»Ihr singt sehr gut!«

5. Februar 2018 von redaktionguh  
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Großes Lob vom Papst: Der Stadtsingechor zu Halle gestaltete in Rom die Vesper mit dem katholischen Kirchenoberhaupt

Die prächtigen päpstlichen Basiliken, das gemeinsame Proben und Singen mit dem päpstlichen Chor Capella Pontificale »Sistina« und die direkte Begegnung mit Papst Franziskus – all dies werden die 50 jungen Sänger des Stadtsingechores zu Halle noch lange in Erinnerung behalten, die im Januar in Rom gastierten.

Der Knabenchor aus der Saalestadt nahm an der Gestaltung der vom Papst zelebrierten feierlichen Vesper anlässlich des Festtags der Bekehrung des Apostels Paulus teil. Die Feier fand in der Basilika San Paolo fuori del Mura statt, der Kirche, die im 4. Jahrhundert über dem Grab des Apostels Paulus gebaut und nach einem Brand im 19. Jahrhundert originalgetreu wieder errichtet wurde.

Am Grab des Apostels Paulus: Der Stadtsingechor zu Halle sang gemeinsam mit dem Chor der Sixtinischen Kapelle bei der Vesper anlässlich des Festtags zur Bekehrung des Heiligen. Fotos (2): Stadtsingechor zu Halle

Am Grab des Apostels Paulus: Der Stadtsingechor zu Halle sang gemeinsam mit dem Chor der Sixtinischen Kapelle bei der Vesper anlässlich des Festtags zur Bekehrung des Heiligen. Fotos (2): Stadtsingechor zu Halle

Seit der Zeit von Papst Paul VI. ist es üblich, dass zu der Vesper Gäste aus der Ökumene eingeladen werden, um gemeinsam für die Einheit der Christen aller Konfessionen zu beten. Seit Papst Benedikt XVI. wird die ökumenische Einladung auch auf die musikalische Gestaltung der Vesper ausgeweitet, indem der Chor der Sixtinischen Kapelle gemeinsam mit einem Gastchor auftritt. In diesem Jahr wurde der Stadtsingechor zu Halle dazu eingeladen.

Der Knabenchor, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs in städtischer Trägerschaft ist, hat seine Wurzeln im Jahr 1116, als das Augustiner-Chorherrenstift Neuwerk vor den Toren der Stadt Halle gegründet wurde. Seit der Reformationszeit war er für die Gestaltung gottesdienstlicher Musik in den Hauptkirchen der Stadt Halle verantwortlich. Auch heute liegt sein Hauptaugenmerk in der Pflege geistlicher Chormusik, insbesondere der mitteldeutschen Chortradition.

Nach Rom war der Stadtsingechor sehr kurzfristig eingeladen worden. »Wir haben die Einladung erst im November von der Stiftung Fondazione Pro Musica Arte Sacra erhalten«, erzählt Chordirektor Clemens Flämig. Für den traditionsreichen Knabenchor aus Halle war es natürlich eine besondere Ehre, dass gerade er für die Teilnahme an der Vesper angesprochen wurde. Da nahmen es die jungen Sänger im Alter von zehn bis 18 Jahren sogar in Kauf, in ihren Weihnachtsferien zuhause zu üben, denn es waren auch neue Stücke gefragt.

So sangen sie gemeinsam mit dem Chor der Sixtinischen Kapelle Werke von Giovanni Pierluigi da Palestrina und ein Magnificat von Orlando di Lasso. Zudem wartete der Stadtsingechor zu Beginn und am Ende der Vesper mit Chorwerken der lutherischen kirchenmusikalischen Tradition auf, mit Kompositionen von Telemann und Mendelssohn Bartholdy.

Der Romaufenthalt hatte für die Hallenser übrigens mit einem ganz besonderen Erlebnis begonnen: Der Chor hatte sich vor die Vatikanische Audienzhalle begeben und dort Telemanns »Das ist meine Freude« angestimmt. Auf seinem Weg zur Audienzhalle kam der Heilige Vater dazu und hörte aufmerksam zu. »Ihr singt sehr gut!«, sagte Papst Franziskus und hob den Daumen. Ein sehr außergewöhnliches Lob für die Chorknaben.

Danach bedankte sich das Kirchenoberhaupt bei Chorleiter Flämig und stellte sich mit den Sängern zu einem gemeinsamen Foto auf. »Es war für alle sehr beeindruckend, diesem Papst begegnen zu dürfen«, so Clemens Flämig.

Claudia Crodel

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Was würde Jesus tun? – Der Anstoß, sich zusammenzuraufen

5. August 2017 von redaktionguh  
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Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, Verse 8 b und 9

Als Jugendliche hatte ich ein Armband, auf dem stand in weißen Buchstaben auf schwarzem Untergrund »W W J D«, die Abkürzung für: What would Jesus do (Was würde Jesus tun?)

Ich bin dadurch sicher nicht zu einem besseren Menschen geworden. Doch gab es tatsächlich eine konkrete Situation, in der es »geholfen« hat. Während einer Jugendfreizeit waren wir zu dritt auf dem Zimmer: Ich und Anni und eben die Dritte. Leider ließen wir sie immer mal spüren, dass sie eben mit in unserem Zimmer untergebracht werden musste. In einem recht hitzigen Hin und Her am Abend wurde mir beim zufälligen Blick auf dieses Armband bewusst, dass das ganz und gar nicht WWJD war – das, was Jesus tun würde.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Im Vers 8 heißt es: Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Die Bibelverse machen einen Unterschied deutlich: Früher dunkel, jetzt hell. Und dieses hell soll deutlich werden. Wir sind Licht in Gott. Wenn wir nicht Licht in die Welt tragen, bleibt es dunkel. Die Lichtmetaphern der Bibel sind eindeutig: Wir sollen es eben nicht unter den Scheffel stellen, sondern es hinaus in die Welt tragen.

Papst Franziskus ruft seine Ordensbrüder auf, »Anders-Orte« zu schaffen. Wäre es nicht toll, wenn es gelingt, dass Menschen den Unterschied spüren? Dass tatsächlich etwas anders ist als im normalen alltäglichen Umgang. Da, wo Christen zusammentreffen, soll Gottes Gegenwart spürbar werden! Ich denke nicht, dass es darum geht, unbedingt ein besserer Mensch zu sein. Stattdessen dürfen wir wahrhaftig erkennen, dass wir Kinder des Lichts sind, und dieses Geschenk in Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit an unsere Mitmenschen weitergeben.

Schließlich haben wir drei uns auf der Jugendfreizeit doch noch zusammengerauft. Wir wurden vielleicht nicht beste Freunde, doch ein bisschen »Frucht des Lichts« wurde in unserem Zimmer in den letzten Tagen der Freizeit hoffentlich erlebbar.

Judith Kölling, Gemeindepädagogin in Pratau

Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von redaktionguh  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Politisch ein »Muss«

28. Februar 2016 von redaktionguh  
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Als mit Papst Benedikt XVI. 2011 nach 500 Jahren erstmals ein römischer Papst Thüringen besuchte, stand im Mittelpunkt der Gespräche mit der Evangelischen Kir-
che die Frage Martin Luthers: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« Luthers Antwort war 1517 die Initialzündung der Reformation. Den begonnenen Dialog fortzusetzen, ist wichtig. Nur gemeinsam können Christen glaubhaft für Frieden und Versöhnung in unserer Welt, wie auch für Menschenwürde und Bewahrung der Schöpfung in Zeiten der Globalisierung wirken.

Heute wissen wir: Das, was sich vor 500 Jahren im mitteldeutschen Raum mit der Reformation Bahn gebrochen hat, war ein Weltereignis. Darüber sollte der Ministerpräsident eines der Hauptländer der Reformation mit dem obersten Repräsentanten der »Weltkirche« sprechen. Jeder Austausch gewinnt mit dem positiven Beispiel. Von Thüringer Seite mit der zweiten Auflage des neuen »Achava«-Festivals (Brüderlichkeit) im Gepäck sollte das gut gelingen. Und schließlich: Im Jahr 2011 haben laut »Media Tenor« die Berichte über den Besuch des Papstes in Thüringen weltweit 1,5 Milliarden Menschen erreicht. Das ist die höchste Medienresonanz in Thüringen seit 1990.

Wenn Thüringen im Jahr 2017 erneut eine ähnlich große Ausstrahlung sucht, dann ist auf dem Weg zur weltweiten Eröffnung des Reformationsjahres auf der Wartburg eine Audienz bei Papst Franziskus für den Thüringer Ministerpräsidenten nicht nur ein persönlicher Wunsch, sondern ein staatspolitisches »Muss«.

Christine Lieberknecht

Die Autorin ist Abgeordnete des Thüringer Landtags und war bis 2014 Ministerpräsidentin.

Auch Luther war schon hier …

25. Juli 2014 von redaktionguh  
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50 Christen aus Mitteldeutschland gingen Ostern 2014 auf eine ökumenische Wallfahrt nach Rom

Das gab es bisher so noch nicht: Je 25 Leser der evangelischen Kirchenzeitungen in Mitteldeutschland, »Glaube + Heimat« sowie »Der Sonntag«, und der katholischen Wochenzeitung »Tag des Herrn« machten sich über Ostern gemeinsam zu einer ökumenischen Pilgerfahrt nach Rom auf. Doch nicht nur um Papst und Petersdom, antikes und barockes Rom sowie Pizza und Pasta ging es dabei. Ob beim Besuch der frühchristlichen Katakomben oder bei der traditionellen Kreuz­wegandacht am Karfreitagabend im Kolosseum: Die Reise wurde auch zu einer Begegnung mit der 1 500-jährigen gemeinsamen Märtyrer- und Kirchengeschichte. In einer Sonderführung auf dem Campo Santo Teutonico erläuterte Rektor Hans Peter Fischer den deutschen Besuchern die Geschichte und Gegenwart des exterritorialen Gebietes innerhalb des Vatikans, zu dem heute neben einem Friedhof auch ein deutschsprachiges Priesterkolleg gehört.

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Die ökumenische Pilgergruppe vor der Kulisse des Petersdomes – zugegeben, bei der Perspektive hat der Fotograf in der virtuellen Dunkelkammer ein wenig gemogelt … Pater Ralf Sagner (links) aus Leipzig und Redakteur Harald Krille (rechts) aus Weimar begleiteten die Gruppe. – Foto: Harald Krille

Zwischen dem Friedhof und dem Petersdom stand ursprünglich auch der jetzt auf dem Petersplatz befindliche Obelisk als Markierung der antiken Arena des Kaisers Nero – die in der ersten großen Christenverfolgung Roms traurige Berühmtheit erlangte. Und: Auch Luther habe mit hoher Sicherheit bei seiner Romreise als Mönch 1510 bzw. 1511 auf dem Campo Santo Teutonico Station gemacht, zeigte sich Fischer überzeugt. Denn das Institut war zur damaligen Zeit erste Anlaufstätte für die Pilger aus Deutschland.

Den besten Gottesdienst in Rom erlebte der spätere Reformator in der deutschen katholischen Nationalkirche Santa Marie dell’Anima in der Altstadt Roms. Was lag näher, als dass auch die mitteldeutschen Pilger einen gemeinsamen Gottesdienst in dieser »frühen Lutherstätte« feierten? Zu den Höhepunkten der Reise aber gehörte sicherlich die Feier der Auferstehung Christi in der Ostermesse mit Papst Franziskus auf dem Petersdom, gemeinsam mit 150 000 Pilgern aus aller Welt. Weltkirche zum Anfassen! Und eine Sternstunde wurde die Begegnung mit dem Oberhaupt des weltweiten Benediktinerordens, Notger Wolf. Mehr als eine Stunde nahm sich der durch Bücher und Fernsehsendungen bekannte Abtprimas Zeit für das Gespräch mit seinen deutschen Landsleuten. Nicht ohne einen kritischen Blick auf die Zustände in Kirche und Gesellschaft zu werfen. Das Fazit am Ende: fünf ebenso anstrengende wie anregende Tage, die zeigten, dass evangelische und katholische Christen weit mehr verbindet als trennt.

Harald Krille

Barmherzig

6. Januar 2014 von redaktionguh  
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Papst Franziskus beeindruckt auch evangelische Christen. Seine Kapitalismuskritik, seine Forderung nach einer Kirche, die sich nicht selbst genügt und die »auf die Straße« geht, kommt der Radikalität, die Jesus von seinen Nachfolgern fordert, nahe. Das Heil nicht im Materiellen zu suchen ist für Christen selbstverständlich. Theoretisch. Doch wir leben nicht im luftleeren Raum. Die Kirche ist – ob sie will oder nicht – in dieses System des Kapitals eingebunden. Die Frage darf dennoch erlaubt sein: Lassen wir uns zu sehr davon leiten? Geht es oft nicht zu sehr ums Geld?

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, wandte sich vor Weihnachten in einem Zeitungsartikel gegen die von Franziskus geforderte »arme Kirche«, denn nur eine Kirche, die auch materielle Mittel besitzt, könne helfen, sagte er. Nun kann man lange darüber diskutieren, was »arme Kirche« bedeutet und ob eine »reiche Kirche« eher Gerechtigkeit schaffen kann. Es geht um Weltverantwortung, aber auch um soziale Gerechtigkeit im Kleinen, vor Ort, »um große prophetische Visionen in viele kleine praktische Schritte umzusetzen«, wie Schneider sagte. Gut, wenn die Kirchen solche Visionen haben. Dazu passt die Forderung der scheidenden Berliner Diakonie-Chefin, Susanne Kahl-Passoth, die Kirchenleitungen mögen sich mehr mit dem Thema Armut beschäftigen.

Bei allem Schlagabtausch und abseits großer Feiertagsreden sollte ein Wort, das der Papst immer wieder betont und das fast aus der Mode gekommen ist, für uns Christen zentral sein: Barmherzigkeit. Barmherzigkeit gegenüber den Notleidenden ebenso wie der Christen und Kirchen untereinander.

Materielles wird auch in diesem neuen Jahr eine Rolle spielen, seien wir hier ebenso barmherzig. Und bedenken wir gleichzeitig, dass das Heil nicht im materiellen Reichtum liegt, sondern im Reichtum an Liebe und Barmherzigkeit.

Dietlind Steinhöfel

Ideal und Wirklichkeit: Familie

21. Oktober 2013 von redaktionguh  
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Debatte: Katholische und evangelische Christen diskutierten über die EKD-Orientierungshilfe

Zu einem Gespräch hatten der katholische und der evangelische ­Beauftragte für Landtag und Landesregierung in Thüringen ­geladen. Über »Ehe und ­Familie – ein Leitbild im Wandel« diskutierten die Bildungsdezernentin der EKM Martina Klein und der katholische Moraltheologe Josef Römelt.

Die Debatte im Bildungshaus St. Martin in Erfurt, zu der das Katholische und Evangelische Büro am 9. Oktober eingeladen hatten, macht das Dilemma deutlich: Die Diskussion um Ehe und Familie, ausgelöst von der Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vermischt, anstatt klar zu trennen. So jedenfalls formulierten es einige Zuhörer des Abends gegenüber der Kirchenzeitung. Ehe und Familie seien zwei unterschiedliche Gemeinschaften, die nicht automatisch gemeinsam behandelt werden könnten. Einer warnte sogar vor der biologistischen Darstellung von Josef Römelt, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Erfurt. Eine Beurteilung der Ehe nach der Biologie sei gefährlich, denn auch die Vorherrschaft des Mannes über die Frau sei einst biologisch begründet worden, sagte er. Römelt hatte in seinem Beitrag ­darauf verwiesen, dass sich die Menschen nur zweigeschlechtlich vermehren könnten und somit die Partnerschaft zwischen Mann und Frau biologisch gegeben sei. »Warum dürfen wir die biologischen Gegebenheiten nicht in den Vordergrund stellen?«, fragte er. Man dürfe nicht alles gleichbehandeln, was verschieden ist.

Die Bildungsdezernentin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Martina Klein, betonte, dass das EKD-Papier die Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken und Menschen begleiten wolle, ohne sie zu bevormunden. »Die Wertschätzung des einen bedeutet nicht, dass anderes abgewertet wird«, ging die Oberkirchenrätin auf den Vorwurf ein, das Papier diskreditiere die Ehe. Die Kirche müsse sich als Fürsprecherin einsetzen und für gute Rahmenbedingungen sorgen.

Foto: Cora Müller/Fotolia

Foto: Cora Müller/Fotolia

Ordinariatsrat Winfried Weinrich vom Katholischen Büro warnte vor einer Polarisierung der Debatte, die mitunter verletze. »Deshalb brauchen wir wechselseitigen Respekt für die Lebensentscheidungen des Einzelnen«, sagte er. »Die Debatte verlangt eine sorgsame Sprache.« Dass die Ehe Leitbild ist und bleibt, darüber herrschte Konsens, auch wenn Idealvorstellung und Realität auseinanderklafften. Die Scheidungsrate ist zwar im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt zurückgegangen, trotzdem wurden noch fast 180000 Ehen geschieden – und damit waren auch 143000 minderjährige Kinder betroffen.

Hinter diesen Zahlen stehen Einzelschicksale und Menschen in Not. Dass hier die Kirchengemeinden familienfreundlich und unterstützend wirken, so Martina Klein, sei ein Ziel des Papiers. Vor allem aber formuliere die Orientierungshilfe sozial- und familienpolitische Forderungen. Professor Römelt verwies auf Papst Franziskus, der jüngst seine Kirche aufgefordert habe, Geschiedene mit Barmherzigkeit zu begleiten. Bereits in den 1990er Jahren habe es im Rheinland ein Schreiben gegeben, wie Scheidungspaare begleitet werden könnten. Zugleich brauche man eine Stabilität in der Partnerschaft. »Das Problem, vor dem wir stehen, ist die Instabilität unserer heutigen Gesellschaft«, so der Moraltheologe.

Auch der katholische Altbischof Joachim Wanke mischte sich in den Disput: Ihn irritiere das Wort Orientierungshilfe. »Wir sind uns einig, dass es keine Diskriminierung geben darf«, betonte er. Er schließe sich jedoch den evangelischen Kritikern an, die eine breitere biblische Herleitung vermissen. Der Altbischof hoffe, dass aus der Diskussion ein fruchtbarer Prozess wird. Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament und unauflöslich.

Oberkirchenrat Christhard Wagner ermutigte zur kritischen Auseinandersetzung, aber man dürfe sich nicht ­gegenseitig die Wahrhaftigkeit absprechen.

Dass die beiden großen Kirchen in ethischen Fragen mehr aufeinander hören sollten, das forderte Winfried Weinrich. Sie sollten sich gemeinsam auf den Weg machen, damit ihre Stimme in der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Dietlind Steinhöfel