Einkehr nicht nur für Radler

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Das Netz der Radwegekirchen wächst weiter. Inzwischen beteiligen sich fast 40 Gemeinden in der mitteldeutschen Kirche daran. Zuletzt ist die St.-Wigbert-Kirche in Häselrieth, einem Ortsteil von Hildburghausen, dazugekommen.


Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen.	Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen. Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Autobahnkirchen kennt fast jedermann, aber Radwegekirchen? Zwei Jahre Vorbereitung und einige Fördermittel hat das Projekt »St. Wigbert« im südthüringischen Häselrieth gefordert, bevor vergangenen Sonntag mit einem stimmungsvollen Gottesdienst die Einkehrstätte für Radler, Pilger und Wanderer eingeweiht werden konnte. Gemeindekirchenrat Ingo Kronacher und seine Mitstreiter haben viel bewegt.

Denn das Siegel als Radwegekirche in Deutschland zu erhalten bedarf einiger Voraussetzungen. So wird die schmucke, anheimelnde Dorfkirche, deren gotischer Ursprung noch sichtbar ist, fortan ab Mai bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet sein. Der stille, gepflegte Kirchenraum ist wunderbarer Ort, Besinnung bei Gott zu suchen, für innere Einkehr, so wie es Pfarrer Dietmar Schwesig in seiner Predigt hervorhob.

»Es ist gut, dass die Radwegekirchen die Menschen zu seelischer Rast einladen und viele diese nutzen, sich selbst zu finden«, fügte Thüringens Bundes- und Europa-Ministerin Marion Walsmann (CDU) in ihrem Grußwort hinzu. Sie freue sich über jede Station, die hinzukomme, und sie sehe in diesen Orten nicht nur Möglichkeit für spirituelle Einkehr.

Die ehrenamtliche Mühe der Kirchengemeinde könne nicht hoch genug bewertet werden, weil sich diese damit auf besondere Weise für den Tourismus und die Begegnung der Menschen Europas engagiere, sagte die Ministerin. So trugen in Häselrieth zum Gelingen des Gottesdienstes auch der Kirchenchor und die Singegruppe »Laudate« sowie der Posaunenchor aus Marisfeld bei.

Viele Menschen steigen aufs Rad, um Natur und Architektur zu entdecken. Die Häselriether wollen ihnen verlässliche Gastgeber sein. Neben der offenen Kirche gehören Fahrradständer und Informationskasten dazu. Ein Holzpavillon wird aufgebaut und zum Verweilen einladen. Trinkwasser wird es geben, auch Toilettennutzung. Am Werratalradweg, der in 350 Meter Entfernung an »St. Wigbert« vorbeiführt, weisen Schilder den Weg.

Für Christfried Boelter vom Referat Offene Kirchen beim Gemeindedienst der EKM hat dieser Sonntag, an dem gleichzeitig der 1. Tag der Radwegekirchen gefeiert wird, Symbolik. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland sei Wegbereiter dieses Netzes »geistlicher Raststätten für die Seelen«.

Vor zehn Jahren sei im thüringischen Reinhardsbrunn mit der Johanniskirche die erste offene Kirche am Radweg in Dienst genommen worden, so Boelter. Zwei Jahre später folgte im sächsischen Weßnig (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) am Elberadweg die erste ofizielle Radfahrerkirche. An die 40 Kirchen beteiligen sich inzwischen in Mitteldeutschland am Netzwerk.

Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche. Insgesamt sind es über 50 in Deutschland. Das Netzwerk der mitteldeutschen Radwegekirchen stehe zudem in einem Zusammenhang mit der Kampagne 2011 »Klimawandel – Lebenswandel«. Dazu gehöre, das Auto hin und wieder stehen zu lassen und in die Pedale zu treten.

Christfried Boelter war unlängst auf dem Unstrut-Radweg unterwegs. In der Kirche in Herbsleben habe er im Gästebuch viel Lobendes von Einkehrern gelesen. Für ihn sei es eine wichtige Erfahrung, dass Christen mit diesen Gesten der Gastfreundschaft und offenen Türen allen Menschen zeigen: »Wir freuen uns, dass ihr da seid. Kommt herein!«

Ingrid Ehrhardt

www.radwegekirchen.de

Mit Fahrrad und Bibel

18. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum  Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März,  14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke

Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März, 14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke



Kirche entdeckt den Radtourismus für sich und beteiligt sich am Thüringer Themenjahr

Nicht nur für Manfred Reinhardt hat sich die Mühe gelohnt. »Die Nutzung von St. Ursula als Fahrradkirche nach der Sanierung war ein voller Erfolg«, ist der Gemeindekirchenratsvorsitzende aus Wiehe im Kyffhäuserkreis überzeugt. Vorher habe die Kirche in einem »Dornröschenschlaf« gelegen. Seit 2009 steht sie Radwanderern am Unstrut-Radweg zu Gebet und Ruhepausen offen.

Zwar hat es keine Statistik gegeben, wie viele Radler hier im vergangenen Jahr tatsächlich Station gemacht haben. Dennoch geben ihm die Einträge im Gästebuch recht. Da ­loben Radwanderer die Möglichkeit zu Stille und Einkehr sowie das angeneh­me Umfeld der kleinen Barockkirche in der Rankestadt. »Wir haben heute gelernt, dass eine Fahrradtour mehr sein kann, als nur viele Kilometer zu schaffen«, schreiben Rosi und Christian Leihmann aus Erfurt.

Am 21. März erfolgt nun der Start in die zweite Saison. Dazu hat sich auch Thüringens Verkehrsminister Christian Carius in Wiehe angesagt, der selbst passionierter Radfahrer ist. Aber das soll erst der Anfang sein. In Erfurt steht am 22. und 23. März eine Tagung bevor, die sich mit dem Radtourismus im Allgemeinen und dem spirituellen Radtourismus im Besonderen befasst. Organisiert wird das Treffen gemeinsam vom Gemeindedienst der EKM, ­Projektstelle »Kirche und Tourismus in Thüringen«, sowie der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

»Eine solche Zusammenarbeit dürfte eine Premiere sein«, schätzt Elfriede Gra­be von der Thüringer Tourismus GmbH. Der Grund ist denkbar einfach. Der Fahrradtourismus boomt, und auch der spirituelle Tourismus stellt nach Ansicht von Pfarrer Christfried Boelter vom EKM-Gemeindedienst ein wachsendes Segment dar. Die Tourismus-Fachleute haben das Jahr deshalb ­sogar zum Fahrradjahr erklärt. Unter dem Motto »Fahr Rad 2010. Am besten in Thüringen« werben sie für den ­Freistaat als Ziel von Radwanderern. Allein in Thüringen gibt es 13 Fernwege mit insgesamt 1700 Kilometern. »Das«, glaubt die zuständige Mitar­beiterin, »ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.«

Auch die Kirche setzt inzwischen verstärkt auf Fahrradpilger. Längst hat sich aus den bescheidenen Anfängen ein neues Arbeitsfeld entwickelt. Vor etwa zehn Jahren gab es erste Überlegungen, analog zu den Autobahnkirchen solche für Radwanderer zu öffnen. Den Anfang machte 2001 die Kapelle in Reinhardsbrunn. Zwei Jahre darauf folgte die Radfahrerkirche im sächsischen Weßnig. Inzwischen zählt die EKM sieben solcher Kirchen – und es werden immer mehr. Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche.

Der EKD-Dachverband und die Verantwortlichen von Kirche und Tourismus erhoffen sich vom Thüringer Themenjahr weitere Impulse für ein mitteldeutsches Netzwerk der Radwegekirchen. Die Auftaktveranstaltung im Erfurter Augustinerkloster biete den Gemeinden und Initiativgruppen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu prüfen, ob die eigene Kirche als Radwegekirche profiliert werden kann, so Boelter. Dabei soll der Ausbau eines solchen Netzes keineswegs Selbstzweck sein. Die Kirche hoffe hier auf neue Möglichkeiten, Menschen anzusprechen. »Eine Fahrradkirche hat mit ihrer niedrigeren Schwelle immer auch eine missiona­rische Dimension«, ist der Pfarrer überzeugt.

Aber auch in Sachsen-Anhalt laufen die Vorbereitungen für das Projekt »Radwegekirchen am Elberadweg«. Jährlich sind dort 145.000 Menschen als Fernradler und noch einmal so viele als Tages- und Wochenendausflügler unterwegs. Aufgrund zahlreicher Nachfragen von Kirchengemeinden und Radwanderern sei das Pilotprojekt vom Referat »Offene Kirchen« angestoßen worden, erklärt Christfried Boelter. Eröffnet wird die Initiative am 24. März vom sachsen-anhaltischen Wirtschaftsminister Reiner Haseloff und dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil in Schönebeck. Dann sollen insgesamt 26 evangelische und katholische Kirchen ihrer neuen Bestimmung übergeben werden.

Martin Hanusch

Der Fachtag zum spirituellen Radtourismus im Rahmen der Tagung Radtourismus in Thüringen am 23. März im Erfurter Augustinerkloster beginnt um 10 Uhr.