Radeln und Rasten

30. Juli 2018 von redaktionguh  
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Radwegekirchen in Mitteldeutschland

Die mitteldeutschen Radwegekirchen erleben aktuell ihren Saisonhöhepunkt. Insgesamt laden auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 59 und in der Landeskirche Anhalts 7 Radwegekirchen zur Einkehr ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an den zahlreichen Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen und sind an entsprechenden Hinweisschildern als Radwegekirchen erkennbar. Geboten werden meistens ein Rastplatz oder Garten mit Tischen und Bänken sowie ein Zugang zu Toiletten und Trinkwasser.

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Am Mulderadweg zwischen Eilenburg und Bad Düben liegt in dem kleinen Ort Gruna (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) eine Radwegekirche. Foto: epd-bild

Thüringen zählt bei den Radfahrern zu Deutschlands beliebtesten Gegenden. Unter den 171 Regionen der Rad­reiseanalyse 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) habe es das Land mit Platz sieben in die Top 10 geschafft, teilte die Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG) mit. Der 403 Kilometer lange Saale-Radweg von Sparnberg bis Kaatschen sei laut ADFC besonders populär. Insgesamt verfüge Thüringen über 1 500 Kilometer an Radfernwegen.

Die Radwegekirchen in der EKM und der Evangelischen Landeskirche Anhalts stehen Besuchern von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober zum Ausruhen und Innehalten offen. Viele Gemeinden bieten zusätzlich Kirchenführungen und Seelsorgegespräche an. In einigen Radwegekirchen finden während des Sommers auch Konzerte und Festivals statt. Vom Elbe-Radweg aus lohnt sich auch ein Abstecher zur Landesgartenschau in Burg in Sachsen-Anhalt. In Anhalt bekam 2008 die Kirche in Steckby bei Zerbst am Elberadweg den Titel Radwegekirche. Weitere Beispiele sind die Kirche in Dessau-Großkühnau und Klieken (Elbe), St. Georg und Pankratius in Hecklingen (Bode) oder die Kirche im Ballenstedter Stadtteil Opperode im Harz.

Mit 76 Prozent fahren drei von vier Deutschen Rad, 51 Prozent davon nutzten es für Ausflüge und Reisen, ermittelte der ADFC in seiner Analyse. Besonders der Bereich der Tagesausflüge nehme weiter zu. Mehr als jeder Zweite radele ins Grüne, was rund 167 Millionen Tagesausflügen entspreche. Auch in den Ferien würden sich die Deutschen gerne aufs Rad schwingen. Statistisch kämen so 99 Millionen Ausflüge im Urlaub zusammen, errechnete der Fahrradclub.

In Mitteldeutschland stehen etwa 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen deutschlandweit sowie Informationen zu den Öffnungszeiten der Kirchen und ihrer Geschichte gibt es im Internet. Auch die Geodaten der Radtouren stehen zum Download bereit. Das Signet »Radwegekirche« wird von der Landeskirche nach Prüfung der Kriterien verliehen.

(epd/G+H)

www.radwegekirchen.de

Veranstaltungen an und in Radwegekirchen:

• Für einen Besuch der Landes­gartenschau Burg lohnt sich ein Abstecher vom Elbe-Radweg: Der Kirchen-Pavillon ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er befindet sich in den Ihlegärten und ist auch ohne Eintrittskarte zugänglich. Neben anderen Programmpunkten gibt es tägliche Mittagsandachten (12 Uhr) und jeden Sonntag einen Gottesdienst (12 Uhr).

www.kirchen-landesgartenschau-burg.de

• Orla-Radweg-Festival: 8. bis 23. September in den Kirchen Krölpa (Eröffnungskonzert mit »Saitenverkehrt«, Cello und Klavier), Lausnitz (Orgelkonzert), Ranis (Kindertheater THEATERTA), Jüdewein (Konzert mit dem Pößnecker Posaunenchor), Oppurg (Saxophonkonzert mit der Gruppe »Taktlos«), Birkigt (Gospelkonzert mit »Voices of life«) und im Schützenhaus Pößneck (Chorsinfonisches Konzert mit der Pößnecker Kantorei). Weitere Informationen: Helmut Krauß, (01 57) 52 42 72 09
• St.-Concordia-Kirche Ruhla (Rennsteig-Radwanderweg): Sommerkonzert Gahabka & Grüger (18. August, 17 Uhr) mit Werken von Beethoven, Bernstein, Strauß u. a.

Kommentare bitte an: leserbriefe@glaube-und-heimat.de

Rast an der Radwegekirche

7. August 2017 von redaktionguh  
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Elberadweg: Teilstück in der Altmark wieder befahrbar

Mehr als 4 000 evangelische Kirchen und Kapellen stehen in Mitteldeutschland. Das sind rund 18 Prozent aller evangelischen Kirchen Deutschlands. Derzeit laden 64 davon, sogenannte Radwegekirchen, zu einer besonderen Rast ein. Die Gotteshäuser liegen unmittelbar an Radwegen in Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie in Sachsen und sind auf Hinweisschildern am Weg und an den Kirchen als Radwegekirchen gekennzeichnet. Die Kirchen bieten noch bis zum Reformationstag am 31. Oktober an mindestens fünf Tagen in der Woche tagsüber einen Ort der Ruhe und Besinnung. An manchen Orten gilt diese Regelung auch für das Winterhalbjahr.

Foto: Screenshot G+H

Foto: Screenshot G+H

In einigen Kirchengemeinden gibt es zudem Kirchenführungen und Seelsorgegespräche. Zertifizierte Radwegekirchen sollten neben Informationen möglichst auch einen Rastplatz oder Bänke im Garten sowie Zugang zu Toi­letten und Trinkwasser bereitstellen.

Ein Teilstück des Elberadweges in der Altmark zwischen Billberge und Arneburg im Kirchenkreis Stendal ist jetzt wieder ohne Einschränkungen befahrbar, so das Wirtschaftsministerium in Magdeburg.

Eine Karte mit allen Radwegen und Radwegekirchen findet sich auf einer Internetseite (Foto).

Dort gibt es detaillierte Informationen zu Öffnungszeiten oder der Geschichte der Kirche. Ein grünes Signet mit Kirche und Radfahrer kennzeichnet vor Ort die Kirchen.
(G+H/epd)

www.radwegekirchen.de

Losfahren und ankommen

15. Mai 2016 von redaktionguh  
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Unterwegs: Die Zahl der Radfahrerkirchen und Radgottesdienste in Mitteldeutschland wächst stetig


Mancher freut sich über stille Einkehr, andere über ein intensives Gemeindeerlebnis. Radwegekirchen erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Kristin Jahn ist auch zwei Wochen später noch begeistert. »Für uns war es eine Premiere, und zwar eine gelungene«, bilanziert die Pfarrerin an der Wittenberger Stadtkirche. Die Kirchengemeinde hatte am 30. April zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen, mit über vier Stunden Länge und zwei Ortswechseln. Fast zwei Dutzend Menschen kamen mit ihren Drahteseln zum ersten Radtourgottesdienst rund um Wittenberg, an den Stationen schlossen sich weitere Männer und Frauen an. »Unsere Fahrt lebte von gastfreundlichen Gemeinden, wir haben Kirchspielgrenzen überschritten, und es war so viel kommunikativer«, schwärmt Pfarrerin Jahn. Denn die Gottesdienst-Besucher seien nicht bloße Konsumenten, jeder allein ins Gebet vertieft. »Die Gemeinschaft hat sich ganz anders erlebt. Es entstehen viel einfacher Gespräche«, berichtet Kristin Jahn.

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Machte 2003 den Anfang: Weßnig bei Torgau. Foto: Kirchengemeinde

Selbst am Ausgangspunkt der Reformation, in der Lutherstadt Wittenberg, genügt es scheinbar nicht mehr, das Kirchenjahr einfach abzufeiern. Auch hier lassen sich Geistliche und Gemeindeglieder etwas einfallen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Die Wittenberger Premiere ist ein Steinchen in einem Mosaik aus Radfahrerandachten, Radgottesdiensten und Radwegekirchen in der EKM und der Anhaltischen Landeskirche.

67 mit Siegel zertifizierte Radkirchen gibt es aktuell auf dem Gebiet der EKM, von Hildburghausen in Südthüringen über Weßnig im Kirchenkreis Torgau-Delitzsch bis nach Seehausen in der Altmark. In der Landeshauptstadt Magdeburg öffnen sich vier Kirchen den Radfahrern in besonderer Weise, selbst in der Kleinstadt Wiehe im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda sind es zwei Gotteshäuser. In Anhalt – Deutschlands kleinster Landeskirche – haben bereits elf Kirchen das Zertifikat, am bekanntesten ist wohl Steckby an der Elbe.

Doch auch die Städte ziehen mit: Allein drei Kirchen in Bernburg tragen das Signet mit Radfahrer-Piktogramm und Kirche. Die meisten Radfahrerkirchen befinden sich an den großen Radwegen. Aber auch abseits breiter Pfade lässt sich viel entdecken: einen Internet-Reiseführer zu den Dorfkirchen im Wittenberger Land und rund um die Dübener Heide bietet der Verein »Mitteldeutsche Kirchenstraße« an, und im EKM-Veranstaltungskalender werden regelmäßig herzliche Einladungen ausgesprochen, wie Ende April im 180-Seelen-Ort Kriechau bei Weißenfels. Das dortige Kirchlein ist keine offizielle Radwegekirche, liegt aber direkt am Saale-Radweg. Zum jährlichen Saisonstart organisiert Kirchenälteste Beate Schlegel eine Tour zu umliegenden Kirchen.

Zu den bekanntesten Radfahrerkirchen gehört Weßnig bei Torgau. Das rund 200 Jahre alte Kirchengebäude liegt direkt am Elberadweg, wird seit 2003 als Radfahrerkirche genutzt, und ist damit Deutschlands erste Radwegekirche. 5 000 Radfahrer machen hier jährlich Halt – die Ankommenden werfen einen kleinen Stein in eine Box, das ermöglicht eine Schätzung der Besucherzahlen – und rasten vom Radeln. »Sie halten aber auch inne, beten und lassen ihren Gedanken freien Lauf«, weiß Pfarrer Maik Hildebrandt. Manche tragen sich in das Gästebuch ein oder hinterlassen auf losen Zetteln ihre Gedanken – Hildebrandt greift dies oft im Fürbittengebet auf. Der Theologe betont, dass in der Kirche jeder willkommen ist. »Aufgrund der Einträge im Gästebuch oder der Gebetszettel ahnen wir, was die Menschen mit sich herumtragen, wenn sie auf dem Elberadweg unterwegs sind und sie einen Ort finden, um all das einmal aufzuschreiben oder im Gebet auszusprechen«, sagt der Pfarrer. So unterschiedlich die Menschen auch seien, das Angebot des Auftankens und Entschleunigens in der Kirche nutzen alle gleichermaßen. Dass dies möglich ist, dass die Weßniger Kirche täglich auf- und zugeschlossen wird, dass sie ordentlich ist und immer eine Kerze brennt, darum kümmert sich in Weßnig ein Ehrenamtlicher. »Die Zahl der ehrenamtlich Tätigen wird kleiner. Zur Eröffnung der Radfahrsaison im Mai haben wir über die Jahre hinweg immer Kaffee und Kuchen angeboten. In diesem Jahr war das nicht mehr möglich. Uns fehlen die Engagierten in unseren kleinen Gemeinden«, berichtet der Pfarrer.

Die Idee der Radfahrerkirchen ist vergleichsweise jung, heißt es vom Kirchenamt der EKD. Erstmals explizit als Radfahrerkirche genutzt wurde der Nachbau der Johanniskirche im Klosterpark Reinhardsbrunn in Thüringen, die Kapelle trägt jedoch nicht das grüne Signet. Das Logo sowie einheitliche Standards existieren seit 2009, seit 2012 lassen sich alle teilnehmenden Kirchen in einem gemeinsamen Internetauftritt finden. Derzeit können Pedalritter an 357 deutschen Kirchen, an 106 Radwegen gelegen, rasten.

Eine gemeinsame Strategie für die Radwegekirche auf dem Gebiet der EKM gibt es derzeit nicht. In der Landeskirche ist das wichtige Feld »Kirche und Tourismus« verwaist. Die Projektstelle, die auf die Kirchenprovinz Sachsen zurückgeht, ist ausgelaufen. »Da kann man niemandem einen Vorwurf machen«, sagt Matthias Ansorg, Leiter des EKM-Gemeindedienstes. Derzeit stehen Luther und das Reformationsjubiläum im Fokus. In Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort bleibt der Gemeindedienst dennoch und hofft, ab 2018 wieder mehr Kraft für Kirche und Tourismus zu haben. Gerade die Radwegekirchen seien eine »unendlich wichtige Schnittstelle zur Welt«.

Katja Schmidtke

Nächste kirchliche Radtour in der EKM: Am 22. Mai im Pfarrbereich Braunsbedra (Kirchenkreis Merseburg): Um 13 Uhr beginnt an der Gnadenkirche in Bedra die Rad-Sternfahrt nach Branderoda.

Schild weist den Weg


Blick-2-20-2016Wer das Signet »Radwegekirche« tragen will, muss Voraussetzungen erfüllen: Radwegekirchen liegen in unmittelbarer Nähe zu einem Radwanderweg und sind zwischen Ostern und dem Reformationstag tagsüber verlässlich geöffnet. Sie sind durch Hinweisschilder als Radfahrerkirche ausgewiesen und bieten Abstellmöglichkeiten für die Räder, Tische und Bänke zur Rast, idealerweise auch Zugang zu Trinkwasser und Toiletten. Vor allem aber sollen sie als Kirchen erkennbar sein: Sie sind ein geistlicher Raum, bieten Gelegenheit zu Andacht, Gebet oder Seelsorge. Eine Karte mit allen Wegen und Kirchen in ganz Deutschland unter:
www.radwegekirchen.de


Heilsame Entschleunigung

14. Juli 2014 von redaktionguh  
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Ferienzeit: Kirchliche Angebote gehen auf das Bedürfnis von Urlaubern ein

Auch in den Ferien macht Kirche keine Pause. Es gibt zahlreiche Angebote für Menschen, die im Urlaub unterwegs sind: Autobahnkirchen, Radwegekirchen, Strandgottesdienste, Kirchenkonzerte … Aus gutem Grund.

Nächster Halt: Autobahnkirche. Für viele Menschen, die mit dem Auto oder mit einer Reisegruppe im Bus unterwegs sind, ist das ein wichtiger Zwischenstopp auf dem Weg in die Ferien. Sie bitten Gott um Bewahrung auf der Fahrt und um Schutz für die Daheimgebliebenen. Kirchen greifen die Bedürfnisse der reisenden Menschen auf und schaffen Angebote. Gerade wurde die 42. deutsche Autobahnkirche am Berliner Ring (A 10) eröffnet und im letzten Jahr der Neubau einer Kirche an der A 45 im Siegerland in Betrieb genommen. Radfahrer können in offene Kirchen einkehren, finden dort auch Informationen über Übernachtungen, wie in der in diesem Frühjahr eröffneten Radwegekirche in Klieken bei Coswig am Elberadweg und zahlreichen anderen verlässlich geöffneten Radwegekirchen.

Kirchenbesichtigungen stehen bei Urlaubsreisen fast immer auf dem Programm. Foto: Maridav – fotolia.com

Kirchenbesichtigungen stehen bei Urlaubsreisen fast immer auf dem Programm. Foto: Maridav – fotolia.com

Ist der Mensch in Freizeit und Urlaub ein Liebling der Kirche? So scheint es zumindest. Ihn umsorgt sie und hegt ihn mit besonderen Veranstaltungen für die schönste Zeit des Jahres. Und das aus gutem Grund. Denn der Ferien-Mensch legt in der Regel eine langsamere Gangart ein. Damit schafft er sich Freiräume: für die Menschen die um ihn sind. Für sich selber. Zeit, um die Seele baumeln zu lassen. Er blickt über seinen Alltag hinaus, und manch einer wird feinfühliger für sein Innenleben, auch für Fragen nach dem Glauben. Heilsame Entschleunigung.

So sind Kirchen und Gemeinden seit Langem erfindungsreich, Menschen an Leib und Seele zu berühren. Neben den zahlreichen Angeboten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an beliebten Urlaubsorten in Deutschland und ganz Europa gibt es eine Vielzahl von Gemeinden in Urlaubsregionen, die ihr Angebot auf Menschen abstimmen, die bei ihnen die Ferien verbringen. Es werden Kirchenkonzerte, Film- und Gesprächsabende organisiert, Sonnenaufgangswanderungen und Gottesdienste in freier Natur gefeiert. Es wird gesungen, gegrillt, erzählt und gebetet. Die Türen sind für alle weit offen. Urlauber kehren bereichert von diesen Erfahrungen zurück. Sie haben im Urlaubsort, auf dem Campingplatz oder auf der Kreuzfahrt Dinge erlebt, gespürt, gekostet, die sie von Kirche so gar nicht erwartet hatten. Neugier kann (neu) geweckt werden. Und es sind erfahrungsgemäß nicht nur die kirchlich Verbundenen, die sich einfinden. Gerade für religiös Ungeübte sind die geistlichen Impulse im Urlaub eine Gelegenheit, einmal unverbindlich wahrzunehmen, was Christen so glauben und »wie die so sind«.

Manche wollen mehr. Sie machen sich auf geistliche Pilgerwege, zusammen mit anderen Neugierigen. Die Frauenkirche Dresden beispielsweise bietet den »Walk-a-way« (Geh ein Stück) an: zehn Tage spirituelles Wandern in Dresden oder in Kärnten. Am Altenberger See bei Eisenach ist die »Campingkirche« für die Camper da für Gespräche, mit Angeboten und dem sonntäglichen Gottesdienst. Der Urlauber – Kirchens Liebling? In der Tat kann die Ferienzeit eine religiös spannende Zeit sein. Hier ist Kirche gefragt.

Was aber ist mit denen, die zu Hause bleiben – freiwillig oder unfreiwillig? Zum Beispiel weil sie sich den Urlaub nicht mehr leisten können. Auch hier gibt es inzwischen kirchliche Initiativen: »Urlaub im eigenen Bett«, »Urlaub ohne Koffer« – so oder so ähnlich heißen sie. Tagsüber gemeinsam ein abwechslungsreiches Programm erleben und abends im eigenen Bett einschlafen ist in vielen Kirchengemeinden möglich. Und wird gern angenommen.

Harald Mallas

www.campingkirche.de
www.radwegekirchen.de

Einkehr nicht nur für Radler

24. Juni 2011 von redaktionguh  
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Das Netz der Radwegekirchen wächst weiter. Inzwischen beteiligen sich fast 40 Gemeinden in der mitteldeutschen Kirche daran. Zuletzt ist die St.-Wigbert-Kirche in Häselrieth, einem Ortsteil von Hildburghausen, dazugekommen.


Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen.	Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Ein Schild kennzeichnet eine Radwegekirche als solche. Sie steht damit besonders für Fahrradtouristen offen. Foto: David Ebener/picture alliance/dpa

Autobahnkirchen kennt fast jedermann, aber Radwegekirchen? Zwei Jahre Vorbereitung und einige Fördermittel hat das Projekt »St. Wigbert« im südthüringischen Häselrieth gefordert, bevor vergangenen Sonntag mit einem stimmungsvollen Gottesdienst die Einkehrstätte für Radler, Pilger und Wanderer eingeweiht werden konnte. Gemeindekirchenrat Ingo Kronacher und seine Mitstreiter haben viel bewegt.

Denn das Siegel als Radwegekirche in Deutschland zu erhalten bedarf einiger Voraussetzungen. So wird die schmucke, anheimelnde Dorfkirche, deren gotischer Ursprung noch sichtbar ist, fortan ab Mai bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet sein. Der stille, gepflegte Kirchenraum ist wunderbarer Ort, Besinnung bei Gott zu suchen, für innere Einkehr, so wie es Pfarrer Dietmar Schwesig in seiner Predigt hervorhob.

»Es ist gut, dass die Radwegekirchen die Menschen zu seelischer Rast einladen und viele diese nutzen, sich selbst zu finden«, fügte Thüringens Bundes- und Europa-Ministerin Marion Walsmann (CDU) in ihrem Grußwort hinzu. Sie freue sich über jede Station, die hinzukomme, und sie sehe in diesen Orten nicht nur Möglichkeit für spirituelle Einkehr.

Die ehrenamtliche Mühe der Kirchengemeinde könne nicht hoch genug bewertet werden, weil sich diese damit auf besondere Weise für den Tourismus und die Begegnung der Menschen Europas engagiere, sagte die Ministerin. So trugen in Häselrieth zum Gelingen des Gottesdienstes auch der Kirchenchor und die Singegruppe »Laudate« sowie der Posaunenchor aus Marisfeld bei.

Viele Menschen steigen aufs Rad, um Natur und Architektur zu entdecken. Die Häselriether wollen ihnen verlässliche Gastgeber sein. Neben der offenen Kirche gehören Fahrradständer und Informationskasten dazu. Ein Holzpavillon wird aufgebaut und zum Verweilen einladen. Trinkwasser wird es geben, auch Toilettennutzung. Am Werratalradweg, der in 350 Meter Entfernung an »St. Wigbert« vorbeiführt, weisen Schilder den Weg.

Für Christfried Boelter vom Referat Offene Kirchen beim Gemeindedienst der EKM hat dieser Sonntag, an dem gleichzeitig der 1. Tag der Radwegekirchen gefeiert wird, Symbolik. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland sei Wegbereiter dieses Netzes »geistlicher Raststätten für die Seelen«.

Vor zehn Jahren sei im thüringischen Reinhardsbrunn mit der Johanniskirche die erste offene Kirche am Radweg in Dienst genommen worden, so Boelter. Zwei Jahre später folgte im sächsischen Weßnig (Kirchenkreis Torgau-Delitzsch) am Elberadweg die erste ofizielle Radfahrerkirche. An die 40 Kirchen beteiligen sich inzwischen in Mitteldeutschland am Netzwerk.

Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche. Insgesamt sind es über 50 in Deutschland. Das Netzwerk der mitteldeutschen Radwegekirchen stehe zudem in einem Zusammenhang mit der Kampagne 2011 »Klimawandel – Lebenswandel«. Dazu gehöre, das Auto hin und wieder stehen zu lassen und in die Pedale zu treten.

Christfried Boelter war unlängst auf dem Unstrut-Radweg unterwegs. In der Kirche in Herbsleben habe er im Gästebuch viel Lobendes von Einkehrern gelesen. Für ihn sei es eine wichtige Erfahrung, dass Christen mit diesen Gesten der Gastfreundschaft und offenen Türen allen Menschen zeigen: »Wir freuen uns, dass ihr da seid. Kommt herein!«

Ingrid Ehrhardt

www.radwegekirchen.de

Mit Fahrrad und Bibel

18. März 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum  Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März,  14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke

Vor einem Jahr wurde die Kirche Sankt Ursula in Wiehe zur ersten Radwegekirche im Kyffhäuserkreis. Von Ostern bis zum Reformationstag 2009 war sie täglich geöffnet – mit zahlreichen Gästen, wie das Gästebuch bescheinigt. Am 21. März, 14 Uhr, wird die diesjährige Fahrradsaison am Unstrut-Radweg hier eröffnet. Foto: Frank Bigeschke



Kirche entdeckt den Radtourismus für sich und beteiligt sich am Thüringer Themenjahr

Nicht nur für Manfred Reinhardt hat sich die Mühe gelohnt. »Die Nutzung von St. Ursula als Fahrradkirche nach der Sanierung war ein voller Erfolg«, ist der Gemeindekirchenratsvorsitzende aus Wiehe im Kyffhäuserkreis überzeugt. Vorher habe die Kirche in einem »Dornröschenschlaf« gelegen. Seit 2009 steht sie Radwanderern am Unstrut-Radweg zu Gebet und Ruhepausen offen.

Zwar hat es keine Statistik gegeben, wie viele Radler hier im vergangenen Jahr tatsächlich Station gemacht haben. Dennoch geben ihm die Einträge im Gästebuch recht. Da ­loben Radwanderer die Möglichkeit zu Stille und Einkehr sowie das angeneh­me Umfeld der kleinen Barockkirche in der Rankestadt. »Wir haben heute gelernt, dass eine Fahrradtour mehr sein kann, als nur viele Kilometer zu schaffen«, schreiben Rosi und Christian Leihmann aus Erfurt.

Am 21. März erfolgt nun der Start in die zweite Saison. Dazu hat sich auch Thüringens Verkehrsminister Christian Carius in Wiehe angesagt, der selbst passionierter Radfahrer ist. Aber das soll erst der Anfang sein. In Erfurt steht am 22. und 23. März eine Tagung bevor, die sich mit dem Radtourismus im Allgemeinen und dem spirituellen Radtourismus im Besonderen befasst. Organisiert wird das Treffen gemeinsam vom Gemeindedienst der EKM, ­Projektstelle »Kirche und Tourismus in Thüringen«, sowie der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

»Eine solche Zusammenarbeit dürfte eine Premiere sein«, schätzt Elfriede Gra­be von der Thüringer Tourismus GmbH. Der Grund ist denkbar einfach. Der Fahrradtourismus boomt, und auch der spirituelle Tourismus stellt nach Ansicht von Pfarrer Christfried Boelter vom EKM-Gemeindedienst ein wachsendes Segment dar. Die Tourismus-Fachleute haben das Jahr deshalb ­sogar zum Fahrradjahr erklärt. Unter dem Motto »Fahr Rad 2010. Am besten in Thüringen« werben sie für den ­Freistaat als Ziel von Radwanderern. Allein in Thüringen gibt es 13 Fernwege mit insgesamt 1700 Kilometern. »Das«, glaubt die zuständige Mitar­beiterin, »ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.«

Auch die Kirche setzt inzwischen verstärkt auf Fahrradpilger. Längst hat sich aus den bescheidenen Anfängen ein neues Arbeitsfeld entwickelt. Vor etwa zehn Jahren gab es erste Überlegungen, analog zu den Autobahnkirchen solche für Radwanderer zu öffnen. Den Anfang machte 2001 die Kapelle in Reinhardsbrunn. Zwei Jahre darauf folgte die Radfahrerkirche im sächsischen Weßnig. Inzwischen zählt die EKM sieben solcher Kirchen – und es werden immer mehr. Auch in der anhaltischen Landeskirche gibt es mit Steckby eine Radfahrerkirche.

Der EKD-Dachverband und die Verantwortlichen von Kirche und Tourismus erhoffen sich vom Thüringer Themenjahr weitere Impulse für ein mitteldeutsches Netzwerk der Radwegekirchen. Die Auftaktveranstaltung im Erfurter Augustinerkloster biete den Gemeinden und Initiativgruppen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu prüfen, ob die eigene Kirche als Radwegekirche profiliert werden kann, so Boelter. Dabei soll der Ausbau eines solchen Netzes keineswegs Selbstzweck sein. Die Kirche hoffe hier auf neue Möglichkeiten, Menschen anzusprechen. »Eine Fahrradkirche hat mit ihrer niedrigeren Schwelle immer auch eine missiona­rische Dimension«, ist der Pfarrer überzeugt.

Aber auch in Sachsen-Anhalt laufen die Vorbereitungen für das Projekt »Radwegekirchen am Elberadweg«. Jährlich sind dort 145.000 Menschen als Fernradler und noch einmal so viele als Tages- und Wochenendausflügler unterwegs. Aufgrund zahlreicher Nachfragen von Kirchengemeinden und Radwanderern sei das Pilotprojekt vom Referat »Offene Kirchen« angestoßen worden, erklärt Christfried Boelter. Eröffnet wird die Initiative am 24. März vom sachsen-anhaltischen Wirtschaftsminister Reiner Haseloff und dem Stendaler Propst Christoph Hackbeil in Schönebeck. Dann sollen insgesamt 26 evangelische und katholische Kirchen ihrer neuen Bestimmung übergeben werden.

Martin Hanusch

Der Fachtag zum spirituellen Radtourismus im Rahmen der Tagung Radtourismus in Thüringen am 23. März im Erfurter Augustinerkloster beginnt um 10 Uhr.