Wegbereiter der Revolution

23. Februar 2018 von redaktionguh  
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Das Jahr 1988: Das Reformprogramm von Gorbatschow stieß in der DDR auf Widerstände. Die greisenhaft versteinerte SED-Führung witterte Gefahr, ihr Machtanspruch könnte infrage gestellt werden.

Chefideologe Kurt Hager beantwortete eine Reporterfrage nach dem Reformvorbild Sowjetunion mit der Gegenfrage: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?«

Collage: Adrienne Uebbing

Collage: Adrienne Uebbing

Die einige Monate später im Oktober 1987 in Görlitz tagende Synode des DDR-Kirchenbundes glaubte allerdings, Hager sei inzwischen überholt und der Reformzug habe auch in der DDR an Fahrt gewonnen. Man dachte vor allem an zwei Ereignisse, die im September stattgefunden hatten: die Reise Erich Honeckers nach Westdeutschland und die Veröffentlichung eines Dokumentes unter dem Titel »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Der Text war aus einem Dialog zwischen Vertretern der SED und der SPD hervorgegangen und enthielt Aussagen wie: »Die offene Diskussion über den Wettbewerb der Systeme, ihre Erfolge und Misserfolge, Vorzüge und Nachteile, muss innerhalb jeden Systems möglich sein.«

Als die Synode, dadurch ermutigt, eine couragierte Entschließung zur Friedensfrage verabschiedete, sah die SED jedoch eine rote Linie überschritten und Hager durfte die Reformbremse wieder anziehen. Die Hoffnungen des Herbstes erwiesen sich als Illusionen. Den Kirchen und dem ganzen Land stand mit dem Übergang in das Jahr 1988 ein Winter des Missvergnügens bevor.

Alle Befürchtungen wurden Realität in den sogenannten Berliner Ereignissen. Dazu gehörte eine Stasiaktion gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde und im Januar 1988 der Einsatz von Gewalt, als Regimekritiker sich am offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch beteiligen wollten mit Plakaten, die das Luxemburgzitat variierten: »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!« In beiden Fällen kam es zu Mahnwachen und Solidaritätsaktionen mit den Gefangenen und Ausgewiesenen.

Jetzt zeigte sich, dass im Umfeld der Kirchen zwei schon länger bestehende Bewegungen immer mehr in die Öffentlichkeit drängten: einerseits Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, andererseits die Antragsteller auf ständige Ausreise aus der DDR. Für die Kirchenorganisationen, ihre Gemeinden und Leitungen bedeutete das, für alle da sein zu müssen, die ihrer Hilfe bedurften. Allerdings verstand nicht jeder das Bestreben, als Helfer das kirchliche Profil wahren zu wollen.

Einen überaus wichtigen Beitrag für das Gelingen der am Horizont heraufziehenden Revolution haben 19 Kirchen und kirchliche Gemeinschaften in Gestalt der »Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« geleistet, deren erster Abschnitt im Februar 1988 in Dresden begann.

In den Beratungsergebnissen, in denen sich das Versammlungsmotto spiegelte, erblickten die Aufpasser von SED und Stasi jedoch den Versuch »bestimmter Kräfte«, die »Kirche im Sozialismus« zu einer Opposition gegen den Sozialismus umzugestalten. Für den Gegenschlag wurde das staatliche Presseamt in Stellung gebracht. Das hatte der Kirchenpresse verboten, über die Ökumenische Versammlung zu berichten. Dieses Verbot war gegen den Widerstand auf Seiten der Kirchen nicht vollständig durchsetzbar.

Umso stärker wütete die Zensur in den folgenden Monaten, als in der DDR mehrere Kirchentage stattfanden, darunter ein Treffen in Erfurt. »Glaube und Heimat« erlitt sieben Eingriffe, zweimal durfte sie nicht erscheinen. Auf den Kirchentagen selbst konnte jedoch frei über die immer notwendiger werdende Umgestaltung der DDR gesprochen werden. »Umkehr führt weiter« hieß es in Erfurt.

Die SED-Oberen blieben auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 bei ihrer Politik der Verweigerung. In ihrer Ablehnung jeglicher Veränderungen riskierten sie sogar den Konflikt mit dem Reformer Gorbatschow. Sowjetische Filme und Publikationen wie das beliebte Magazin »Sputnik« wurden aus dem Vertrieb in der DDR herausgenommen. Die Revolution näherte sich mit großen Schritten.

Gottfried Müller

Der Autor war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube und Heimat«.

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Jesus im Hinterhof

22. September 2017 von redaktionguh  
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Offene Arbeit: Ein Synonym für Freiheit, politische Diskussionen, unangepassten Lebensstil inmitten der DDR und im Schoß der evangelischen Kirche. Hat die kirchliche Jugendarbeit den Herbst 1989 erst möglich gemacht?

Es gibt keine direkte Linie von der Offenen Arbeit zur friedlichen Revolution. Aber es gibt Protagonisten der Friedensbewegung und Opposition, die in der Offenen Arbeit lernten, Themen zu diskutieren und sich auf Augenhöhe mit anderen und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Junge Menschen, die nicht ins DDR-Raster passen wollten.

Die Jugendpolitik im DDR-Sozialismus zielte seit den 1960er-Jahren sehr stark auf Formierung und Homogenisierung. »Jugendlichen, die lange Haare hatten, in Jeans rumliefen und andere Musik hören wollten, wurden zunehmend die Räume verschlossen«, erklärt die Historikerin Katharina Lenski. Sie kennt die Zeit aus eigenem Erleben. Lenski hatte Medizin studiert, wurde aus politischen Gründen exmatrikuliert. Anschließend war sie in der Berliner Opposition aktiv.

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Protest im Rahmen der Kirche: Jugendliche beim Kirchentag 1983 in Erfurt. Foto: Archiv

Diesen Jugendlichen öffneten Seelsorger der evangelischen Kirche Räume. »Hier konnten die Konflikte zur Sprache kommen und wurden zu faszinierenden Bildungsprozessen. Politische Gestaltungsräume gab es ja kaum«, sagt Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung des SED-Unrechts. Karl-Marx-Stadt, Saalfeld, Jena, Bad Blankenburg, Halle-Neustadt und Erfurt waren einige der Standorte für Offene Arbeit. Pfarrer Walter Schilling war eine wichtige Symbolfigur der Offenen Arbeit in der DDR. Ein charismatischer Seelsorger, der das Rüstzeitheim in Braunsdorf bei Rudolstadt aufbaute, das von vielen jungen Menschen besucht wurde. Schilling praktizierte mit seiner Offenen Arbeit die »Konzeption der Konzeptlosigkeit«, ein Gegenmodell zur sozialistischen Erziehung. Er öffnete im Sommer 1978 die Rudolstädter Stadtkirche für Jugendliche und gab ihnen mit »June 78« ein Gefühl von Freiheit. In gewisser Weise entstand mit der Offenen Arbeit eine Insel im DDR-Alltag, meint Katharina Lenski. »Man hat versucht, sich dort mit konkreten Problemen auseinanderzusetzen.« Das bedeutete auch, dass man in diesem Rahmen Kritik äußern konnte. »Da war die Offene Arbeit doch förderlich, um doch einfach mal auch zu experimentieren, so unbeholfen das gewesen ist.«

Dass Offene Arbeit gelang, hing vor allem von den handelnden Personen ab. Walter Schilling oder Lothar Rochau riskierten mit ihrem Engagement viel – staatlich wie kirchlich. Rochau, Jugendwart der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt wurde entlassen und sogar inhaftiert. »Im kirchlichen Selbstverständnis war diese Arbeit immer grenzwertig. Der Thüringer Bischof Werner Leich brachte dies auf die Formel, Kirche sei offen für alle, aber nicht für alles, so Dietrich. Im Fall von Rudolstadt hatte der dortige Superintendent die Veranstaltungen für Jugendliche und damit den Jugendpfarrer und seine Aktivitäten unterstützt. »Aber die höheren Hierarchien, die Oberkirchenräte, die haben das alle bekämpft. Und gleichzeitig mit der Staatssicherheit kooperiert«, weiß Historikerin Lenksi. Unangepasste Themen, Lebensweise, Äußeres – das beunruhigte Staat und Kirchenleitung.

Verantwortliche unterbanden mitunter die Arbeit der Jugendpfarrer. Somit brachen die Gruppen der Offenen Arbeit vielerorts immer wieder auseinander. Eine große Enttäuschung für die nach Vertrauen und Halt suchenden Jugendlichen. »Der Druck auf die jungen Menschen wurde stärker und ebenso die verdeckten Zersetzungsmechanismen, die dann auch soziale Erosionen hervorgerufen haben. Da haben sich Partnerschaften getrennt, Freundschaften sind zerbrochen«, so Lenski. Dass die Offene Arbeit nicht nur ein Jugendmodell war, betont Christhard Wagner vom Evangelischen Büro Thüringen. Alle Menschen seien willkommen gewesen, egal woher und in welchem Alter. Gelebtes Evangelium, unter sozialistischen Außenbedingungen. Der frühere Jugendpfarrer ist sich sicher: »Wenn Jesus wiederkommt, dann sitzt er zuerst im Hinterhof der Offenen Arbeit.«

Diana Steinbauer

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Das Jahr, in dem Luther zum Nationalhelden der DDR wurde

6. März 2017 von redaktionguh  
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Altbischof Axel Noack über die kuriosen Ereignisse rund um das Lutherjahr 1983 im Arbeiter-und-Bauern-Staat

Die Älteren werden sich noch an das »Lutherjahr 1983« erinnern: SED-Parteichef Erich Honecker persönlich war der Vorsitzende des staatlichen »Luther-Kommitees«. Zur Eröffnung sagte er: »Martin Luther war einer der bedeutendsten Humanisten, deren Streben einer gerechteren Welt galt. Wir dürfen sagen, dass unser Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, dieses kostbare Erbe in sich aufgenommen hat.«

So wurde in der DDR nicht immer über Martin Luther gesprochen. Besonders in den Anfangsjahren der DDR – die alten Schulbücher für den Geschichtsunterricht können das anschaulich belegen – galt Luther als ein »Fürstenknecht« und als »Totengräber der Revolution«. So hatte schon 1836 der Dichter Ludwig Börne formuliert: »Die Reformation war die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber.«

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Luther-Souvenirs: Zum Kirchentag 1983 ein Schaufenster in Wittenberg. Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Was hatte den Wandel des Lutherbildes bewirkt? Letztlich weist er auf den Unterschied zwischen der Ulbricht-Zeit und der Zeit unter Erich Honecker hin. Wurde bei Ulbricht die Ideologie noch groß geschrieben, galt bei Honecker ein viel pragmatischerer Kurs. In der 1968 per Volksentscheid in Kraft gesetzten neuen DDR-Verfassung galt die DDR noch als »sozialistischer Staat deutscher Nation«. Das wurde – ohne jede Volksabstimmung – 1974 geändert. Nun sprach man von der DDR als eigenständiger Nation, die sich damit noch deutlicher von der Bundesrepublik abzugrenzen wünschte.

Natürlich bedurfte die Nation der DDR auch einer Nationalgeschichte. So wurden dann ziemlich schnell wieder Traditionen aufgegriffen, die vorher verpönt oder verschwiegen, zumindest aber – das zeigte das Beispiel Martin Luther – negativ gekennzeichnet worden waren: Zuerst durfte Friedrich II. (»der Große«) wieder auf seinem Denkmal in Berlin, unter den Linden, reiten. Das war verwunderlich, galt doch Preußen bis dahin als der Hort der Reaktion und des Militarismus.

Dann wurden – Weihnachten 1982 war es soweit – erstmalig Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen gezeigt. Honecker persönlich hatte sich für die Renovierung der Karl-May-Stätten in Radebeul und Hohenstein-Ernstthal eingesetzt und den Druck von Karl-May-Büchern befürwortet. Karl May hatte als der Lieblingsautor Adolf Hitlers gegolten. In dem vom damaligen Minister für Volksbildung, Paul Wandel, initiierten Beschluss zur Einrichtung von Jugend-und Kinderbuchabteilungen (7. 7. 1950) stand Karl May auf der Liste derjenigen Autoren, die aus den Bibliotheken zu entfernen seien.

Noch im Jahre 1976, als die SED-Zeitschrift »Neues Deutschland« seinen unsäglichen Artikel zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz veröffentlichte (31. 8. 1976), wurde Pfarrer Brüsewitz in sehr negativer Weise mit Karl May verglichen: »Seine Handlungen entsprachen sehr oft mehr den Geschichten von Karl May als den Geboten der Kirche.«

Nun also auch Martin Luther. Kirche und Öffentlichkeit waren wirklich überrascht, als Honecker persönlich schon 1978 bei dem berühmten Staat-Kirche-Gespräch vom 6. März mit dem Vorschlag eines Lutherjahres im Jahre 1983 kam. Da wurden dann keine Mühen gescheut. Die Lutherhalle in Wittenberg, Luthers Elternhaus in Mansfeld und das Erfurter Augustinerkloster wurden aufwendig restauriert. »Expertengespräche« zwischen marxistischen Historikern und Kirchengeschichtlern wurden erstmalig offiziell ermöglicht.

Eine riesige, fünfteilige Fernsehfilmserie »Martin Luther« konnte (und kann) sich durchaus sehen lassen. Eine – vornehmlich für das Ausland gefertigte – große Wanderausstellung war sehr beachtlich, was Aufwand und Inhalt betrifft.

Freilich gab es auch Kuriositäten: Die Betriebe waren angewiesen, »Luthersouvenirs« zu produzieren, die man gegen Devisen zu verkaufen hoffte. Das hat nicht wirklich funktioniert. Und dann die acht regionalen Kirchentage. Vermutlich hoffte man, durch die Regionalisierung die Sache etwas klein halten zu können, erreichte aber das Gegenteil: Die Kirchentage wurden zu einem großen Fest und zur Plattform für die Vernetzung von Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen aus der ganzen DDR.

Auf dem Kirchentag in Wittenberg (September 1983) war – unter großer Anteilnahme des Publikums und des westdeutschen Fernsehens – ein Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet worden (siehe Erinnerungsmal »Schwerter zu Pflugscharen« auf Seite 2). Das wurde zum Symbol einer erstarkenden Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR. So wurde das Lutherjahr 1983, ganz anders als von der Partei geplant, auch zu einem wichtigen Schritt auf dem Weg zum Ende der DDR.

Der Autor ist Kirchenhistoriker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Buchtipp: Peter Maser: Mit Luther alles in Butter? Das Lutherjahr 1983 im Spiegel ausgewählter Akten, Metropol-Verlag, 576 S., ISBN 978-3-863-31158-2, 29,90 Euro

Zu früh für einen Schlussstrich

3. März 2017 von redaktionguh  
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Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR: Endlich Schlussstrich, fordern die einen, endlich intensive Beschäftigung mit diesem Kapitel die anderen.

Bis Ende der 1980er-Jahre hatte es mehrere Phasen im Umgang der SED-Führung mit den Kirchen gegeben; harter Kirchenkampf in den 1950er-Jahren und später zeitweise Annäherung und relative Ruhe. Dennoch waren die Christen bis zuletzt die größte Gruppe Verfolgter in der DDR. Ein Umstand, der bis heute nachwirkt.

Wie konnte es passieren, dass zu Beginn der DDR 95 Prozent der Menschen einer der beiden Kirchen angehörten und es 1989 kaum mehr 30 Prozent waren? Diese Frage erforscht unter anderen Christopher Spehr, Kirchenhistoriker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er fordert, ein universitäres Zentrum zur kirchlichen Zeitgeschichte einzurichten. Nachdem es Kritik am ersten Bericht der Thüringer Landesregierung gegeben hatte und diese Versäumnisse in der Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR einräumen musste, geht die Aufarbeitung nun in eine neue Phase. »Es tut sich vieles«, meint der Kirchenhistoriker. Und das nicht nur im Leserforum der Kirchenzeitung.

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Das war einmal: »Umkehr führt weiter« lautete das Motto des Kirchentags 1988 in Erfurt. Das Foto zeigt einen Wartburg mit dem Leitthema der Veranstaltung auf der Kofferraumtür. Kirchentage gab es im selben Jahr auch in Halle, Görlitz und Rostock. – Foto: epd-bild/Bernd Bohm

Auch die Landesregierung will den Ankündigungen Taten folgen lassen. Ihr zweiter Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen hat gerade das Kabinett passiert. Offenbar soll die Rolle der Kirchen und Christen erstmals Erwähnung finden. Ein Signal, dass die Aufarbeitung der Geschichte von Christen in der DDR keineswegs am Ende ist, sondern eher noch an ihrem Anfang steht. Das beurteilt auch Spehr so. Für ihn kann es, mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, keinen Schlussstrich geben. Ganz im Gegenteil: »Die Generation der Zeitzeugen wird älter und eine neue Generation fragt kritisch nach: Wie war das damals?« Der Abstand zum Geschehen sei eine Chance, dieses Kapitel der DDR-Geschichte objektiv und interdisziplinär aufzuarbeiten, vor allem, da es emotional bisher hoch aufgeladen war.

Die EKM widmet sich ebenfalls der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte. »25 Jahre nach der friedlichen Revolution hat sich der Landeskirchenrat 2014 mit der Frage nach der Rolle der Christen in der DDR beschäftigt«, erklärt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann. Daraus sei der »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« entstanden. Bestehend aus Mitgliedern der Kirche, Theologen, Historikern und Juristen, ermittelt er Themen, spricht mit Institutionen und bündelt Ergebnisse.

»Drei Themengebiete haben wir vor Augen. Da sind zum einen die Menschen, die als Mitarbeiter der Vorgängerkirchen der EKM in der DDR-Zeit als Christen verfolgt wurden. Wir wollen sie zu Wort kommen lassen und schauen, wie sich die Landeskirchen zu diesen Menschen verhalten haben. Wo sind Fälle auszumachen, wo Kirchenleitungen ihrer Schutzfunktion nicht entsprochen haben?«, so Fuhrmann.

Zum anderen will man der Frage nachgehen, wie theologisch und kirchenrechtlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern umgegangen wurde, die nach ihrer Ausreise ihre Ordinationsrechte verloren hatten. Auch die Gruppe der »verfolgten Schüler« nimmt der Beirat in den Blick. Entscheidend sei, so Fuhrmann, der selbstkritische Blick der Institution Kirche. Dass Landesregierung und Kirchen Ende 2016 eine Arbeitsgruppe gebildet haben und gemeinsam an diesem Themenkomplex arbeiten wollen, begrüßt er, macht aber klar, dass dies unabhängig vom »Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung« geschieht, der sei ausschließlich in der Kirche beheimatet.

Das Thema sollte aber nicht nur innerhalb der Kirchen diskutiert werden. Denn die Christenfeindlichkeit der DDR beschäftige auch Menschen, die keiner Konfession angehörten, meint Christian Dietrich, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Er sieht die Religionsfreiheit als Herausforderung für die Verantwortlichen in der Politik. »Ein Weg dazu ist die Aufklärung und Verurteilung der Verletzung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der SED-Diktatur.«

Ein anderer Aspekt sei die individuelle Rehabilitierung der Opfer. Hier gebe es eine evidente Gerechtigkeitslücke. Die Kirchen stünden vor einer ganz eigenen Herausforderung. Und, so Dietrich weiter: »Sie sollten den Menschen, die Gottvertrauen über Menschenfurcht gestellt haben und dabei oft auch in Konflikt mit ihrer Kirche kamen, wenigstens Anerkennung zollen.«

Diana Steinbauer

Verfolgte Schüler

15. August 2016 von redaktionguh  
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Der erste Mann im DDR-Staat, Walter Ulbricht, verkündete 1957: »Wer sich heute daran hindern lässt, überlebte, alte Glaubenssätze über Bord zu werfen, der schadet sich selbst.« Zu spüren bekamen es vor allem Pädagogen, die sich der Weltanschauungsdiktatur widersetzten. So verlor Oswald Schieck 1957 seinen Lehrauftrag an der Jenaer Ingenieurschule. In der Tageszeitung hieß es dazu: »Die Erziehungs- und Bildungsarbeit kann in unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat nur in die Hände von solchen Lehrkräften gelegt werden, die vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus an ihre Arbeit gehen.« Vom Kindergarten bis zur Hochschule war in der DDR der sogenannte historische Materialismus unumgängliches Bildungsprogramm. In ihren Reihen duldete die SED keine bekennenden Christen. Ihr Ziel war die religionslose Gesellschaft. Ein Mittel war die Jugendweihe. Anpassungsverweigerung war karriereschädigend, und viele Kinder aus christlichen Familien litten unter Schulangst. Der Protest von Oskar Brüsewitz richtete sich auch gegen diesen Terror.

Über 700 Betroffene wurden in Thüringen inzwischen als »verfolgte Schüler« anerkannt. Eine soziale Ausgleichsleistung gibt es für sie jedoch nicht. 1999 brachten Angela Merkel und weitere Abgeordnete eine entsprechende Forderung in den Bundestag ein. Bis heute gab es dazu keine Mehrheit. Es wäre gut, wenn die Kirchen den Mut derer, die sich den Jugendweihen widersetzten und als Christen ihren eigenen Weg gingen, würdigten und sich für eine soziale Anerkennung einsetzten. Der frühe Eingriff in den Berufsweg und damit in die (Renten-)Biografie wirken oft bis heute fort.

Christian Dietrich

Der Autor ist Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Der Fall Brüsewitz

12. August 2016 von redaktionguh  
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Am 18. August jährt sich zum 40. Mal das Ereignis, das als »Fanal von Zeitz« in die Geschichte einging: die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz.

Was Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976 getan hat, als er selbst seinem Leben vor der Michaeliskirche in Zeitz ein Ende setzte, erschüttert uns bis heute. Er war ein frommer und engagierter Pfarrer unserer Kirche. Unvergesslich bleiben die vielen Transparente und Plakate, mit denen er auf die Herrschaft Jesu in dieser Welt aufmerksam gemacht hat. Das weithin sichtbare Neon-Kreuz auf seiner Kirche nahe der Autobahn hat damals höchste Partei­kreise beschäftigt.

Heute ist klar: Das »Signal von Zeitz« war eine tiefe Zäsur sowohl für Staat und Gesellschaft der DDR wie auch für unsere Kirche. Die Kritik von Oskar Brüsewitz galt nicht nur dem SED-gelenkten Staat. Er sorgte sich ebenso darum, ob unsere Kirche in ihrem Reden und Handeln entschlossen genug sei. Mit seinem Tod entflammte dazu eine kontroverse Debatte. Dass der Tod von Pfarrer Brüsewitz zu einem solchen Signal wurde, liegt auch an der völligen Fehlreaktion der SED-Führung. Besonders in dem Artikel in der SED-Zeitung »Neues Deutschland«, »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden« am 31. 8. 1976, in den allem Vernehmen nach Erich Honecker selbst redigierend eingegriffen hatte, waren jede Zurückhaltung und jedes Augenmaß verloren gegangen. Hier wurde ein Pfarrer geschmäht und beleidigt, wie das nicht mehr für möglich gehalten worden war.

Plakat von Oskar Brüsewitz (Foto unten) am Ort seiner Selbstverbrennung in Zeitz. Fotos: Archiv

Plakat von Oskar Brüsewitz am Ort seiner Selbstverbrennung in Zeitz. Foto: epd-bild

Natürlich, die Kirchen haben damals mit den ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten protestiert, aber viele Menschen in unserem Land und auch unter unseren kirchlichen Mitarbeitern behielten dennoch ein schales Gefühl. Sie schämten sich für das Land, in dem sie leben mussten. Sie wandten sich – mit zum Teil zornigen Briefen – auch an die Kirchenleitung. Die Kirchenleitung hat sich damals in guter Weise dem Gespräch gestellt und konnte dennoch nicht »alle Fragen beantworten«, weil die nämlich an die Grundlagen der SED-Herrschaft rüttelten.

Dass heute viele in dem Jahr 1976 – die Ausweisung des Sängers Wolf Biermann im November tat ein Übriges – einen entscheidenden Baustein zum Ende der DDR sehen, ist nur zu verständlich. Manche unserer damals kirchenleitenden Brüder haben sich bis zu ihrem Tod mit der Frage beschäftigt, ob sie in ihrem kirchlichen Handeln in der DDR-Zeit klar und eindeutig genug gewesen sind und wo sie möglicherweise versagt haben. Ich denke zum Beispiel an Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917– 2000) und Bischof Werner Krusche (1917– 2009).

Und dann, als es die DDR nicht mehr gab, wurde unsere Kirche umso mehr gefordert, sich zu Vorwürfen, dass sie »SED-gesteuert« oder »Stasi-verseucht« gewesen sei, zu verhalten. Durch einen Dokumentationsfilm (»Der Störenfried«) und zahlreiche Bücher und Artikel konnte viel zur Erhellung der Geschehnisse und ihrer Hintergründe beigetragen werden. Die Debatte hat sich heute versachlicht, löste aber auch nicht mehr ein solches Echo in den Medien aus, wie das in den Jahren nach der Wende der Fall gewesen ist.

Dennoch: Gerade über die mit dem Tod von Oskar Brüsewitz aufgeworfenen Fragen darf nicht nur im Rückblick gesprochen werden. Wirkliche Erinnerung an den Sommer 1976 und seine Folgen wird nur dann stattfinden, wenn auch wir Heutigen bereit sind, über unser Reden und Tun immer wieder kritisch Rechenschaft zu geben. Die Gefährdungen sind freilich andere geworden. Vielleicht würde Oskar Brüsewitz uns heute fragen, ob wir – angesichts der viel beschworenen Ausgewogenheit, des Zwangs zur »political correctness« und zur parteipolitischen Neutralität – die wirklichen Nöte der Menschen deutlich genug zur Sprache bringen?

Kirchengeschichte wird niemals »Ruhmesgeschichte« werden, da können wir ganz sicher sein. Aber wir können immer wieder staunend zur Kenntnis nehmen, dass Gottes Barmherzigkeit uns immer noch die Möglichkeit zur Einsicht in unser eigenes Versagen und auch Mut zu neuem Anfang gewährt.

Axel Noack

Der Autor, Altbischof Axel Noack, lehrt Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Christen bislang kein Thema

10. Juni 2016 von redaktionguh  
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Gemeindemitglieder aus dem Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau fordern eine Debatte über die Religionsfeindlichkeit in der DDR und deren Folgen.

Der 17. Juni wird in Thüringen erstmals als Gedenktag für die Opfer von SED-Unrecht begangen. Der Tag des Volksaufstandes in der DDR bietet nach Ansicht der Thüringer Landesregierung die Chance auf eine neue Herangehensweise an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Der Überwachungsapparat, die Strafverfolgung von Oppositionellen und Repu­blikflüchtigen, die Thematisierung von Schuld, Zwangsadoption und Zwangsaussiedlung sollen Teil des Prozesses sein. Einzig die Christenfeindlichkeit kommt dabei nicht vor.

Diskriminierung

Christen im Osten Deutschlands, die die DDR noch erlebt haben, können von Diskriminierung auf vielen Ebenen des Lebens berichten. Wer sich für die Konfirmation oder Firmung anstatt der »freiwilligen« Jugendweihe entschied, dem musste klar sein, dass die Ausbildungs-, Berufs- und Studienwünsche meistens eines bleiben würden: Wünsche. Christen wurden nicht nur in ihrer Religionsausübung eingeschränkt, sie wurden diskriminiert, ihr kirchliches Tun ins Verborgene, ins Private verbannt. Gehörten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone noch 95 Prozent der Bürger einer der beiden Kirchen an, so sind es heute gerade noch 20 Prozent.

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

Der Gedenkort für die Opfer des DDR-Regimes vor der Jakobuskirche in Ilmenau. Foto: Diana Steinbauer

»Was die Minimierung der Christenzahlen angeht, hat die DDR ganze Arbeit geleistet«, erklärt Pfarrer i. R. Gerhard Sammet aus Ilmenau. Diese Entwicklung ließe sich nicht ungeschehen machen, doch Sammet hofft darauf, dass die Christen- und Religionsfeindlichkeit in der DDR endlich auch Thema einer umfassenden Aufarbeitung der Thüringer Landesgeschichte wird. Darum hat er gemeinsam mit dem Mathematiker Pedro Hertel einen offenen Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition formuliert. Darin beschreiben die Autoren, welche Repressalien Christen in der DDR erleiden mussten.

»Dieser Brief legt den Finger in die Wunde und beschreibt ein großes Dilemma«, betont Christian Dietrich, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch er glaubt, dass die Christenfeindlichkeit des Regimes bisher zu wenig offen thematisiert worden ist. Darin kritisiert Dietrich auch die Kirchen. Anpassung, das eigene Bekenntnis, Erpressungsversuche des Staates, all das sei bisher zu wenig betrachtet worden.

Die Thüringer Landesregierung, zu deren Koalition auch die Partei die LINKE gehört, bekennt sich im Koalitionsvertrag zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. »Seit Regierungsantritt haben sich zahlreiche Menschen an uns gewandt. Darunter war aber keine einzige Anfrage zur Christenfeindlichkeit. Daraus resultiert auch, dass wir bisher keine Projekte in diese Richtung angedacht haben«, erklärt Staatssekretärin Babette Winter.

Aufarbeitung des Unrechts

Die Landesregierung will mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Gespräche, das ist es auch, was die Verfasser des offenen Briefes wollen: »Es geht uns nicht darum, Entschädigungen für erlittenes Unrecht zu verlangen. Wir wollen mit dem Brief eine Entwicklung, einen Gesprächsprozess darüber in Gang setzen, was diese Religionsfeindlichkeit in der Bevölkerung bewirkt hat und was davon bis heute nachwirkt«, so Sammet. Denn die Rolle und der Platz der Kirchen in der Gesellschaft – damals wie heute – sei ein wichtiges Thema. Darum fordert Mitverfasser Pedro Hertel, dass sich der Landtag mit dem Thema in einer öffentlichen Fragestunde befasst. Und auch eine weitere Debatte innerhalb der Kirchen sei nach seiner Ansicht notwendig. Forschungsergebnisse belegen, dass nicht einmal jedes zweite Opfer von SED-Repressionen über seine Erfahrungen spreche.

Opfer meist sprachlos

Auch Personen, deren Schicksal im offenen Brief von Gerhard Sammet und Pedro Hertel an die Regierungskoalition angedeutet wurde, scheuten sich heute noch, an die Öffentlichkeit zu gehen. »Opfer würden dann gezwungen, sich wiederum mit den Erniedrigungen und den Tätern auseinanderzusetzen«, erklärt Christian Dietrich. Das sei meist nicht hilfreich. Gerade die Auseinandersetzung um Religionsfreiheit ist konfliktträchtig. Das Recht, seinen Glauben in der eigenen Familie und öffentlich zu leben, ist bis heute nicht selbstverständlich. Christian Dietrich glaubt nicht, »dass Aufarbeitung das Ziel hat, dass sich wieder alle lieb haben«.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Geschehene zu benennen und Dialoge mit gesellschaftlichen Gruppen zu führen, um in der aktuellen Auseinandersetzung achtsamer miteinander umzugehen.

In der DDR-Vergangenheit gäbe es nicht nur Täter und Opfer, nicht nur Schwarz und Weiß, betonte Staatssekretärin Babette Winter. Entschuldigen könne sich nur, wer schuldig geworden sei, vergeben könne nur der, der Opfer gewesen sei. Für die Landesregierung aber gelte, »dass wir anerkennen, dass es Unrecht war, und das muss es uns wert sein – auch noch in zehn Jahren«.

Diana Steinbauer

Offener Brief an die Vorsitzenden der Thüringer Regierungskoalition

“Fremdenfeindlichkeit” ist ein böses Wort. Im vergangenen fahr 2015 haben wir mehr als genug davon, auch im persönlichen Leben, erfahren müssen. Wir kennen sehr viele Christen, die in ganz Deutschland Herzen und Türen geöffnet haben, um Flüchtlingen zu begegnen und für sie da zu sein. Bis zur Friedlichen Revolution 1989 haben wir Christen in der DDR auch eine spezielle Feindlichkeit erfahren: “Christenfeindlichkeit”. Wir können uns also in die Opfer von Feindlichkeiten jeglicher Art hineinversetzen. Von der Christenfeindlichkeit in der DDR, die wir erleben mussten, berichtet dieser “Offene Brief”. Nach dem Krieg gehörten in der damaligen SBZ etwa 95% der Einwohner einer der beiden großen Kirchen an. Heute sind es nur etwa 20% der Einwohner in den jungen Bundesländern. Wie ist es dazu gekommen? Schon 1956 referierte der katholische Bischof Otto Spülbeck aus Meißen auf dem Kölner Katholikentag: “Wir Christen leben in der DDR in einem Haus, das wir nicht gebaut haben. Wir halten auch die Fundamente dieses Hauses für falsch, Wir dürfen in diesem Haus nur die Treppen säubern.” Diese Feststellung erregte damals großes Aufsehen, besonders natürlich in der DDR. Die Machthaber monierten: Der Sozialismus ist für alle da! Schon ab 1945 hatte die SED in der SBZ die Weichen gestellt: nur eine sozialistische Kinderorganisation: Junge Pioniere (FP) und nur eine sozialistische Jugendorganisation: Freie Deutsche Fugend (FDJ). Aber 1945 war mit den Kirchen abgesprochen worden: Nach Überwindung der Kriegsschäden – auch in den Köpfen – könnt ihr Christen selbständige Organisationen gründen. Dieses Versprechen wurde NIE eingelöst. Das Gegenteil war der Fall. Es gab massive Maßnahmen z. B. gegen die Mitglieder der “Jungen Gemeinde” in der evangelischen Kirche. Sie wurden insbesondere sichtbar von 1950 bis 53, wo z. B. an der Schiller Universität Jena Studenten deshalb exmatrikuliert und verfolgt wurden, was bei der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Jena nach 1989 beispielhaft nachgewiesen wurde. Jugendweihe und andere pseudosakrale Riten wurden eingeführt. Die Teilnahme der Kinder und Jugendlichen war angeblich freiwillig, wehe aber denen, die diese Freiwilligkeit in Anspruch nehmen wollten. Berufswünsche, Studienwünsche wurden negativ beeinflusst, wenn ein junger Mensch kein Junger Pionier, nicht in der FDJ war oder nicht an der Jugendweihe teilnehmen wollte. Lebenswege wurden verbaut. Die Konfirmation wurde “erfolgreich” in den Hintergrund gedrängt, sie brachte den Jugendlichen Nachteile. Dieser Trend hat sich bis heute erhalten, etwas, was die damaligen Kinder und heutigen Eltern nie kennengelernt haben, das erwarten sie von eigenen Kindern nicht, viele freuen sich über das Ritual der Jugendweihe, das Fest und Geschenke. Da jede Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen verboten war, wurde die Tätigkeit der Kirchen und der christlichen Religion immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. In vielen Bereichen hatte es den Anschein, als sei die Kirche schon tot oder ihre Seelsorge sei überflüssig geworden, sei nur noch Sterbehilfe für wenige alte Menschen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Schüler im heutigen Thüringen hatte in allen Fächern Bestnoten. Ihm fehlten für das schulische Weiterkommen allerdings die Zugehörigkeit zu den JP und die Jugendweihe. Im Gespräch mit dem damaligen Rat des Kreises, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Abteilung Inneres, der zuständige Ansprechpartner für Kirchenfragen: “Der Schulrat ist ein Stalinist, er hasst jeden Christen persönlich”. Diese Erklärung des stellvertretenden Vorsitzenden war schon recht offen – aber niemals hätte er schriftlich dazu gestanden. Trotz aller danach geführten Gespräche, schriftlichen Eingaben von Eltern und dem Pfarrer, trotz der schulischen Bestleistungen wurde der damals 14jährige Schüler nicht zur EOS (Erweiterte Oberschule) zugelassen, damit von Abitur und Erreichen der Studienreife bewusst ausgeschlossen. Weil er Christ war! Das Verhalten des DDR-Staates (SED-Einparteienherrschaft) gegenüber Christen bewegte sich wie auf einer schiefen Ebene, fast unmerklich gab es Absagen, Verunsicherungen, Ausgrenzungen. Andererseits wurden Ausnahmen gemacht und diese dazu benutzt, um sagen zu können: “Na, der hat es doch auch geschafft.” Wie verlogen, verunsichernd und zersetzend. Unter dieser systematischen Benachteiligung christlicher Kinder kam es 1976 zu einem tragischen Höhepunkt. Am 18. August 1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz in Zeitz im Talar und in aller Öffentlichkeit und starb. Er hatte bei sich das Spruchband: “Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an. Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.” Der Liedermacher Wolf Biermann nannte dieses Geschehen “Republikflucht in den Tod”. Diese Selbstverbrennung konnte vor der Öffentlichkeit nicht verborgen werden. Die SED-Presse sprach von einem “geistig gestörten Pfarrer”, von einem “Einzelgänger”. Dieses “Zeichen von Zeitz” änderte auch nichts an der Kirchenpolitik der SED. Eigentlich muss es heißen: an der “Christenpolitik”. Weitgehend wurden kirchliche Institutionen und Amtsträger geschont (Kampf gegen die Kirchen wäre für die DDR-Außenpolitik nicht förderlich gewesen), aber nach dem Motto: “Die Hirten schonen, die Schafe zerstreuen und unterdrücken” wurden ostdeutsche Christen in ihren Aktivitäten auf das Äußerste eingeschränkt. Zudem wurden sie an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: an ihren Kindern. Die Drohung hieß: “Sie wollen doch, dass aus Ihren Kindern einmal etwas wird, dann müssen Sie …!”

Bereits am 30. Mai 1968 ließ der SED Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ohne Not die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Zentrum Leipzigs gelegene Universitätskirche trotz aller Proteste, sprengen. Sie war seit Jahrhunderten Teil des Leipziger universitären Lebens, Martin Luther predigte hier und J. S. Bach spielte auf der 0rgel. Ulbricht wollte diese Kirche nicht. Das genügte. Kein kirchenfeindlicher Unrechtsstaat? Von Herrn Bodo Ramelow wird erzählt, dass er sich während seiner westdeutschen Zeit für Menschen mit Berufsverbot eingesetzt hat. Für tausende junge Christen gab es in der DDR unausgesprochene Berufsverbote: Wo gab es einen Polizisten, der Christ war? Wo gab es einen Schuldirektor, der Christ war? Wo gab es einen Rektor einer Hochschule, der Christ war? Wo gab es Jurastudenten, die Christen waren? Diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen. Manchmal gab es einen Stellvertreter aus einer Blockpartei, der aber “nichts zu sagen hatte”, der als Alibifunktion an diesem Platz war. Diese Berufsverbote wurden wie selbstverständlich von den Menschen hingenommen, als sei dies in jedem Staat der Welt so. Nach der 10. vergeblichen Beschwerde hörten fast alle auf, sich zu beschweren. Zwei fahre vor der Friedlichen Revolution wurde sozusagen als letzter Versuch, von der Stasi initiiert, der “Bund der Freidenker” gegründet. Der Vorsitzende diese Bundes in unserem Kreis Ilmenau, Herr Prof. L., sagte im persönlichen Gespräch: “Dieser Bund wird die letzten Christen ausrotten. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung ist allmächtig, weil sie wahr ist. Also Christen macht Platz!”. Eine gefährliche Drohung, aber nur bis zum Herbst 1989 gültig. Im Rückblick auf die Jahrzehnte von 1945-1989 muss man dem DDR-Unrechtsstaat bescheinigen, dass er in seinem Sinne ganze Arbeit an der Minimierung der Christenzahlen geleistet hat. Insbesondere die Stasi, Schild und Schwert der SED, ein Geheimdienst der außerhalb des Rechts stand und Menschen ungebremst, ungehemmt und unkontrolliert bespitzeln, verfolgen, zersetzen und sogar töten konnte, schürte die Grundängste der Menschen. Christen waren Feinde, die sich nicht anpassen wollten und zu einer Minderheit gemacht wurden. Die Thüringer Partei die LINKE hat als direkte Nachfolgepartei der SED im Herbst 2014 in dem Koalitionsvertrag als Zugeständnis an SPD und Bündnis 90/Grüne stehen, dass die DDR in der “Konsequenz ein Unrechtsstaat” gewesen sei. Aber was haben die Thüringer von einer solchen Aussage zu erwarten? Aufarbeitung? Auseinandersetzung mit allem, was Unrechtsstaat bedeutet, z. B. Einparteiendiktatur? Entschuldigungen für vielfach begangenes Unrecht, auch an Christen? Nichts davon spürt man. Bisher ist von wenigen Einzelschicksalen abgesehen, kein einziges Wort über die 44 Jahre Christenfeindlichkeit in der SBZ/DDR gesagt worden. Als hätte es diese schlimmen und folgenschweren Tatsachen und Vorgänge nicht gegeben. Man hört nur vom Streit der alten Genossen von der Basis und Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche über den Begriff, “Unrechtsstaat DDR” von denen, die nun in “Amt und Würden” sind. Im 0ktober 2014 hat der angesehene Politikwissenschaftler und langjährige Vorsitzende der Stiftung Ottersberg Hanns-Joachim Veen im Detail erläutert, weshalb die DDR für hinein Unrechtsstaat war (Thüringer Allgemeine, 8.10.2014).Diese Haltung der Partei die LINKE zu ihrer eigenen SED-Vergangenheit mit der Verantwortung für verursachtes Unrecht, auch gegenüber Christen, macht echte Aufarbeitung unmöglich. Es würde von den Mandatsträgern doch dann eigentlich erfordern, aus Ihrer Partei auszutreten. Wie kann man diese 44 Jahre aufarbeiten, in denen eine Demenz besonderer Art gewachsen ist, in der Menschen schließlich dachten und sagten: “wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben!” Schaut man auf die Fraktion der Partei die LINKE im Thüringer Landtag, so ist festzustellen, dass von den 28 Mitgliedern mindestens 16 schon bis 1989 im Unterdrückungsapparat der SED-Partei auf Kreis- oder Bezirksebene beteiligt waren. Wenn dem Reden ein Tun folgen sollte, dann müsste die Aufarbeitung der Christenfeindlichkeit und des Christenhasses von 1945 bis 1989 endlich beginnen. Allein Herr Ministerpräsident Bodo Ramelow, durch seine westdeutsche Vergangenheit unbelastet vom Vorwurf des DDR Unrechtstaates, spricht ständig davon, wie viel ihm sein evangelischer Glaube bedeutet. Eine Bibel liegt auf seinem Schreibtisch, durfte die Öffentlichkeit erfahren. Aber reichen diese Worte und die zur Schau gestellte Bibel? Herr MP Ramelow hat sich pauschal für in der DDR geschehenes Unrecht entschuldigt, hat sich also für Dinge entschuldigt, die er als westdeutscher Gewerkschaftsfunktionär nicht begangen hat und nie persönlich erfahren musste. Feststeht, dass Herr Ramelow als aktiver evangelischer Christ in der DDR kein erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär geworden wäre. Offen als aktiver Christ in der DDR zu leben und eine erfolgreiche berufliche Karriere zu machen schlossen sich aus. Keinerlei Einsicht oder gar Reue bezeigen dagegen ehemalige SED-Mitglieder, die heute in der Thüringer Linkspartei in der Regierung und in verantwortlichen Positionen sitzen. Noch nie hat Bodo Ramelow in der Öffentlichkeit ein Wort darüber verloren oder sich zudem Unrecht bekannt, welches seine Vorgängerpartei den Christen und ihren Familien in der DDR-Zeit angetan hat. Wir fordern Herrn Ramelow auf, Stellung zu beziehen zum Thema der Christenverfolgung in der ehemaligen DDR und sie öffentlich erkennbar zu thematisieren. Man hört, dass Mitgenossen untereinander lästern: “Von uns aus kann er auch noch der katholischen Kirche beitreten – Hauptsache wir gewinnen dadurch wieder Wahlen”. Wie makaber. Unser Offener Brief soll zum Nachdenken anregen und das Gespräch unter Christen und Nichtchristen fördern. Wir sind Menschen der Hoffnung, weil wir Christen sind! Wir plädieren für eine “ansteckende Gesundheit” für unsere Demokratie, die in Freiheit auch gelebtes Christsein erlaubt. Wir wissen, dass alle Freiheitsliebenden Demokraten diesen offenen Brief unterschreiben (im Sinne von Sophie Scholl: “… was viele denken, aber nicht sagen” am 22. Februar 1943, dem Tag ihrer Hinrichtung vor ihrem Richter in München). Dann braucht ein Herr Dittes (innenpolitischer Sprecher der LINKEN) nicht mehr zu einer Demo aufrufen “Es gibt 1000 Gründe Deutschland zu hassen”, dann gibt es gute Gründe offen und hilfsbereit zu anderen Menschen zu sein. Mit hoffnungsvollen Grüßen und den besten Erfolgswünschen beim Lesen, Nachdenken und Handeln.

Pedro Hertel
Gerhard Sammet

Augenhöhe

16. November 2014 von redaktionguh  
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Man redet wieder über Politik. Nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf der Straße. Am 9. November demonstrierten 4 000 Menschen gegen eine rot-rot-grüne Koalition. Über die Fragen des Bundespräsidenten an »Die Linke«, ob sie sich denn schon genügend von der SED-Politik distanziert hätte, wird heftig diskutiert. Die Andacht Bodo Ramelows in der Kirchenzeitung erzeugt Pro und Kontra in der Zeitung und im Internet.

Gut so. Die politische Diskussion ist wieder an der Basis angekommen. Vor der Landtagswahl in Thüringen schien sich nur ein Teil der Bürger um die Zukunft des Freistaates wirklich Gedanken zu machen und sich nicht über die Folgen ihres Wahlverhaltens oder besser Nichtwahlverhaltens im Klaren zu sein. Nur knapp über 50 Prozent Urnengänger, in manchen Orten sehr viel weniger, hat in Thüringen ein politisches Patt erzeugt. Das Erschrecken scheint nun groß. Aber es rüttelt wach.

Vor 25 Jahren sind wir unter anderem für freie Wahlen auf die Straßen gegangen und für eine offene gesellschaftliche Diskussion ohne Tabus. Es ist gut, dass ein solcher Streit in einer Demokratie geführt werden kann. Es ist gut, wenn Menschen danach fragen, welche Ziele die Nachfolgepartei der SED hat, aber auch welche Politik die anderen verfolgen.

Fragen muss sich jedoch auch jeder, der nicht zur Wahl gegangen ist, wem er denn damit geholfen hat. Denn eins liegt auf der Hand: Wer nicht wählt, unterstützt jene, von denen er auf keinen Fall regiert werden will. Der Realität müssen wir nun ins Auge sehen und sollten als Christen dabei nicht vergessen, dass Frieden nur werden kann, wenn ich mit meinem Gegner rede, ihn auf Augenhöhe wahrnehme und akzeptiere. Jesus hat es uns gezeigt, dass das Gespräch möglich ist – ob mit der Samariterin, ob mit dem Betrüger Zachäus oder mit dem römischen Hauptmann. Er hat sich nicht gescheut, gegen Konventionen zu handeln – um der Menschen und um Gottes Frieden willen – und damit die Welt verändert.

Dietlind Steinhöfel

Ein Lob der Zufälle

8. November 2014 von redaktionguh  
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Jubiläum: Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer – ein Ereignis, das wie ein Wunder wirkt

Mit den Ereignissen vom 9. November sind Staunen und Dankbarkeit verbunden, aber auch Ernüchterungen.

Der Tag im Jahr 1989, an dem sich Ängste lösten und die Hoffnung auf einen neuen Anfang Oberhand gewann, war der 9. Oktober. Am frühen Morgen rief eine befreundete Krankenschwester aus Leipzig an. Wir sollten unsere Tochter warnen, die Blutkonserven seien vorbereitet. Kurz vor Mitternacht dann der Anruf unserer Tochter: »Sie haben nicht geschossen.« Ich glaube, wir haben geweint.

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen im November 1989 auf der Berliner Mauer. Foto: picture alliance/dpa

Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen im November 1989 auf der Berliner Mauer. Foto: picture alliance/dpa

Genau einen Monat später, am Abend des 9. November, fuhr ich mit Reinhard Höppner, dem damaligen Präses der Synode der Kirchenprovinz, zu unserer Partnerkirche nach Prag. In unserem Weltempfänger hörten wir mit schlechtem Empfang: Aufregung in Berlin an der Bornholmer Straße! Aber die Dinge konnten wir uns nicht zusammenreimen. Erst unsere Gastgeber klärten uns auf: »Die Mauer ist gefallen.« Wir wussten instinktiv: Jetzt geht es um die deutsche Einheit! Reinhard Höppner und ich haben uns später eingestanden, dass wir bereits seit dem Frühjahr 1989 wussten, dass diese Möglichkeit auf der Tagesordnung stehen würde: Höppner saß in Karlovy Vary an einem Tisch mit Günther Jahn, dem Ersten Sekretär der SED im Bezirk Potsdam. Nach einem Mittagessen bemerkte Jahn: Die DDR ist Pleite, wir machen noch einen Versuch, und wenn der misslingt, kommt eben die deutsche Einheit. Dazu eine abweisende Handbewegung, als wolle er die DDR gleich wegwerfen.

Überhaupt war das Selbstvertrauen der Führung der DDR brüchig geworden. Bei meinem ersten Gespräch mit dem Ersten Sekretär der SED in Magdeburg, Werner Eberlein, im Juni 1989 wurden wir mit einem kleinen Ausflugsboot auf der Elbe hin- und hergefahren. Eberlein sagte auf meine Vorhaltungen zur Politik der SED zwei Mal, dass man nichts ändern werde. Die Begründung: »Wir haben Angst.« Damit das keiner hört, mussten wir so merkwürdig Schiffchen fahren.

Höppner und ich hatten diese Gespräche fast vergessen. Und das war ein großes Glück! Denn hätte einer der Akteure sich die deutsche Einheit auf seine Fahnen geschrieben, dann hätte das mit Sicherheit unabsehbare Folgen gehabt. Es gibt viele Zufälle auf dem Weg zum 9. November, als junge Leute auf der Mauer tanzten: Günter Schabowskis Stammeln, die richtigen Politiker zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das Nichteingreifen des Militärs und mehr. Gott sei Dank! Die historische Wissenschaft aber kann Zufälle nicht leiden. Sie will und muss die Ursachen ergründen und bewerten. So wird Helmut Kohl zum »Kanzler der Einheit« hochgejubelt, werden die ökonomischen Zwänge zu den eigentlichen Ursachen für das Ende der DDR ernannt und das Aufstehen der Menschen wird kleingeredet.

Auf die am 9. November gewonnene begeisterte Freude folgte freilich bald eine herbe Ernüchterung: Die Freiheit zeigte sich als eine anstrengende Aufgabe. Manches blieb auf der Strecke, in der Kirche unter anderem die Predigerschulen. Dabei braucht eine missionarisch ausgerichtete Kirche Quereinsteiger, die aus anderen Berufen kommen. Die DDR hatte ungewollt durch ihre Volksbildungspolitik für eine bunte Mischung der Pfarrerschaft gesorgt, weil viele ihren ursprünglichen Berufswunsch nicht erfüllen konnten.

Durch die fortschreitende organisatorische Rationalisierung mit ihrer Zentralisierung ist auch die persönliche Begegnung und Aussprache in der Kirche auf der Strecke geblieben. In Landeskirchen nimmt die Klage über wachsende Bürokratisierung zu. Dennoch: Für mich klingt die Hoffnung des 9. November immer noch nach in der stolzen Freude unserer Enkelkinder, wenn sie in ihrem Studium aus den verschiedensten Weltecken grüßen. Der Fall der Mauer wurde durch die Globalisierung noch erweitert. Unsere Enkel werden all dies steuern müssen. Viel Glück und glückliche Zufälle möchte ich ihnen dabei wünschen!

Christoph Demke

Der Autor war von 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Was ist ein Unrechtsstaat?

18. Oktober 2014 von redaktionguh  
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Die Diskussion um die DDR als Unrechtsstaat ist nach den Kommunalwahlen in Thüringen wieder aufgeflammt. Und erhitzt die Gemüter. Auch wenn nach dem Politikwissenschaftler Hans-Joachim Veen vom Vorstand der Stiftung Ettersburg (Weimar) der Begriff »Unrechtsstaat kein präziser Begriff der Staatsformenlehre« ist, so kann ein Staat wohl als solcher bezeichnet werden, in dem grundlegende Rechte nicht gelten. Wie das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, auf Versammlungsfreiheit. Vor allem politische Kritik, selbst wohlwollend und konstruktiv gemeint, konnte zu willkürlichem Vorgehen des DDR-Staates führen.

Kritiker wurden mundtot gemacht, verhaftet oder in den Westen abgeschoben. Oft ohne wirkliche Gerichtsverhandlung und mit falschen Beschuldigungen. Kritik am DDR-Staat war »verfassungsfeindlich, gesetzeswidrig«. Selbst wenn es in der Diktatur der SED auch einzufordernde Rechte gab – wie das Recht auf Arbeit, auf Bildung, darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass unliebsamen Personen dieses Recht verweigert wurde: manchen Christen, die die Mitgliedschaft in der FDJ und die Jugendweihe ablehnten; Studenten, die sich kritisch äußerten mussten zur »Bewährung in die Produktion« … Es gibt zahlreiche Beispiele.

Eines aber ist nicht zu verwechseln: Auch wenn die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet werden kann, ist die Lebensleistung und das Leben der Menschen, die 40 Jahre in diesem Land gelebt, geliebt, gearbeitet haben, etwas wert. Jeder Mensch, auch der Fehler begangen hat, bleibt nach unserem christlichen Menschenbild wertvoll. Und zum anderen heißt es auch nicht, dass unsere jetzige Gesellschaft ohne Fehler ist. Wir dürfen dankbar sein, dass wir heute Kritik laut und deutlich anbringen dürfen. Und dass jeder, der eines Vergehens beschuldigt wird, die Chance zu seiner Verteidigung hat.

Dietlind Steinhöfel

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