Der Wind weht, wo er will

16. November 2015 von redaktionguh  
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Energiewende: Der Strombedarf der EKM soll auf ökologische Weise selbst erzeugt werden

Wenn etwas Unsichtbares etwas Sichtbares bewegt, dann meint man in der Kirche meist den Heiligen Geist. Unsichtbar, immateriell und stark ist auch der Wind, mit dem der Heilige Geist oft verglichen wird. Die Kraft des Windes will man sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zu nutze machen.

Manchmal passen alte Weisheiten einfach. Auch bei erneuerbaren Energien. Ein chinesisches Sprichwort sagt: »Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.« Oder, aktueller: Wind­räder. Die EKM macht genau dies: Windräder bauen und betreiben. Mit einem eigenen Unternehmen, dem »EKM-StromVerbund«. Wie aber wird eine Landeskirche Stromproduzent?

Drübeck, 2010: Die Herbsttagung der Landessynode stimmt einem Beschluss des Umwelt-Ausschusses zu. »Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat zu prüfen, ob die EKM (…) eigene Investitionen in erneuerbare Energien vornehmen kann«, hieß es da. In der folgenden Frühjahrstagung in Wittenberg sollte die Synode einen abschließenden Beschluss fassen. Sechs Tage vor Synodenbeginn bebte in Fukushima die Erde. Der entstandene Tsunami und dessen Folgen sind bekannt. Auch auf die Energiepolitik hierzulande. Die Investition in erneuerbare Energien wird von den Synodalen bei neun Gegenstimmen und elf Enthaltungen abgesegnet. Im Herbst 2011 beschließt das Kollegium des Landeskirchenamtes (LKA) in Erfurt die Gründung eines eigenen kirchlichen Unternehmens – auf Empfehlung einer renommierten Wirtschaftsprüfergesellschaft. Im Folgejahr wurde der »EKM-StromVerbund« aus der Taufe gehoben, der sich um die beschlossenen Investitionen kümmern soll. Die Pläne für eine solche Unternehmensgründung bestanden schon lange vor dem Synodalbeschluss, wie Oberkonsistorialrat Diethard Brandt vom Referat für Grundstücke der EKM gegenüber »Glaube+Heimat« erklärte.

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Windräder in direkter Nachbarschaft zur Kirche, wie hier in Wormstedt im Kirchenkreis Apolda-Buttstädt. Foto: Adrienne Uebbing

Stefan Große, Finanzdezernent der EKM, sagte im November 2011 kurz nach dem Beschluss: »Die EKM verbraucht jährlich 33 Millionen Kilowattstunden Strom. Unser Ziel ist es, genauso viel Strom auf ökologische Weise selbst zu erzeugen.« Neu an dem Vorschlag war, selbst in die Energieerzeugung zu investieren. Zwar drehen sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits rund 140 Windräder auf Kirchengrundstücken. Aber bisher gehört keines davon der Kirche selbst. Mit der Gründung des »EKM-StromVerbundes« sollte sich das ändern.

Derzeit betreibt das kirchliche Unternehmen drei Wind­energieanlagen. Zwei in der Nähe von Halle und ein drittes im Kirchenkreis Gotha. In Planung sind weitere in Brandenburg, Nordhausen und Gera. Der selbst produzierte Kirchenstrom beläuft sich derzeit auf jährlich etwa 15 Millionen Kilowattstunden.

Kein billiges Unterfangen. Der Einstieg in die Welt der Strom­erzeuger kostete die EKM bisher rund 11,7 Millionen Euro. Finanziert wurde dies durch Kirchenbanken, der Eigenanteil von 20 Prozent (rund 2,3 Millionen Euro) stammt aus dem Grundvermögensfonds der EKM. In diesen Fonds fließen die Gewinne zurück. Im Jahr 2014 waren es gut 1,5 Millionen Euro. Für Thomas Wick, Sachbereichsleiter Landwirtschaft im Referat für Grundstückswesen des LKA in Magdeburg, ist diese innerkirchliche Wertschöpfungskette entscheidend. Er erklärt: »Die Kirchengemeinde, auf deren Grund die Windräder errichtet werden, bekommt Pacht von der Landeskirche. Finanziert wird alles durch die Kirchenbank, kirchliche Fonds geben das Eigenkapital, in die die Einnahmen zurückfließen und am Ende gibt es Kirchenstrom.« Energie von der Kirche für die Kirche.

In einer ersten Ausbauphase soll der Stromverbrauch der verfassten Kirche, in der zweiten
auch der Verbrauch der diakonischen Einrichtungen (insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden) aus kircheneigenen Windkraftanlagen gedeckt werden. Diethard Brandt kann sich auch eine kirchliche Direktvermarktung vorstellen. Die EKM wäre dann nicht nur Stromerzeuger, sondern auch -anbieter. Doch Brandts Blick in die Zukunft wirkt ein wenig gedämpft. »Lange kommunale Planungszeiträume und die zunehmende Zurückhaltung von Kirchengemeinden bei der Bereitstellung kirchlicher Grundstücke behindern neue Projekte.«

Doch Windenergieanlagen haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Im Durchschnitt werden die Betriebskosten mit 2,5 bis 4 Prozent der Investitionskosten beziffert – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Und: Nach Recherchen des Südwestrundfunks sind viele Windkraftanlagen unrentabel. Die Auslastung eines Windrades wird in Volllaststunden gerechnet. Gut 1 700 Volllaststunden gelten dabei als Richtwert, um rentabel zu wirtschaften. Nur werde dieser oft verfehlt. Gründe können mangelnder Wind oder verfehlte und zu hoch angesetzte Windgutachten sein. So berichten Betreiber aus Süddeutschland, dass ihre Windertragsgutachten um 20 bis 35 Prozent zu hoch angesetzt seien. Weniger Wind bedeutet weniger Rendite. Dabei nehmen die Erträge mit der Windgeschwindigkeit nicht linear ab oder zu, sondern potentiell. Was also passiert, wenn die EKM-Windräder in die Verlustzone geraten? Aus welchen Töpfen müsste dann Geld genommen werden? »Das wird nicht passieren«, sagt Thomas Wick. Bisher sei das Unternehmen profitabel, auch wenn 2014, das erste volle Betriebsjahr, ein schwaches Jahr war. Außerdem sei die Laufzeit auf 20 Jahre angesetzt. Windarme Jahre können so durch die regionale Verteilung der Anlagen aufgefangen werden. Ein ursprünglich für die Herbsttagung der Synode geplanter Bericht über die Erträge der Anlagen kann aber, so heißt es aus dem Landeskirchenamt, leider noch nicht vorgelegt werden.

In der Kirche fließen nun nicht mehr nur Ströme des lebendigen Wassers. Sondern auch eigens produzierter grüner Strom. So lange der Wind weht.

Stefan Körner

Kultur- und Lebensraum Elbe

29. Juni 2012 von redaktionguh  
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Elbekirchentag: Zum fünften Mal treffen sich Naturschützer, Elbnutzer und Politker

Zum 5. Elbekirchentag am 30. Juni und 1. Juli in Meißen wird auch über die Elbgestaltung diskutiert. Gibt es ein tragfähiges Zukunftskonzept für den Strom?

Den einen galt es als notwendig, den anderen war es ein Dorn im Auge: Das angestrebte Bauwerk über die Elbe wurde von Gemeinden und Gewerbetreibenden angeregt und vorangetrieben. Als es 1893 vollendet wurde, war die Kritik harsch: »Durch den Bau einer Auslegerbrücke hätte man eine noch sicherere und dabei einfachere Konstruktion […] erhalten, deren Umrisse […] in der Landschaft günstiger wirken würden […].« Oder aber: Es »sind viele abfällige Urteile entstanden. Man bedauert, daß die Landschaft durch die Eisenkonstruktion sehr beeinträchtigt sei«. Weiter moniert wurde, dass nur wenig Geld zum Bauen zur Verfügung stand und dass nur ein Abriss Abhilfe verspräche. Anders wäre ein geeignetes Landschaftsbild nicht wiederherzustellen. Das so gescholtene Bauwerk, die Loschwitzer Brücke in Dresden, als »Blaues Wunder« bekannt, steht noch und sie genießt mittlerweile hohes Ansehen. Als ein Wahrzeichen der Stadt war sie 2007 auch für den Preis »Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland« nominiert. Ein Sinnbild für die Bedeutung des Lebensraums Elbe?

Ob Meißen, Dresden, Wittenberg, Magdeburg (im Bild) oder Hamburg – historisch bedeutende Städte liegen entlang der Elbe. Foto: grs1305/Pixelio.de

Ob Meißen, Dresden, Wittenberg, Magdeburg (im Bild) oder Hamburg – historisch bedeutende Städte liegen entlang der Elbe. Foto: grs1305/Pixelio.de

Um diese Bedeutung auszuleuchten gehört sicher noch mehr dazu. Die Elbe wird als Wasserstraße genutzt, und auch der Hochwasserschutz erfordert bauliche Eingriffe am Fluss. Das Gewässer gräbt sich immer tiefer in sein Bett. Dies zieht neben dem Absinken des (Grund-)Wasserspiegels auch die dem Fluss benachbarten Auen und landwirtschaftlichen Flächen in Mitleidenschaft. Gleichwohl gehören die naturbelassenen Flusslandschaften mit ihren Uferzonen zu den artenreichen Naturräumen hierzulande. Wer sich der Naturbeobachtung hingibt oder die Elbe als Erholungs- und Freizeitgebiet entdeckt hat, weiß um diese Bedeutung. All diese Beispiele zeigen, wie reichhaltig die verschiedenen Einwirkungen des Menschen auf einen Fluss sein können und welche Möglichkeiten dieser den Menschen bietet.

Gesprächsbedarf im Lebensraum Elbe besteht bei den Themen Schifffahrt, Fischerei, touristische Nutzung, Hochwasserschutz, Erosion der Fluss-Sohle am Mittellauf, Naturschutz, Auenschutz, um nur einige zu nennen. Es geht um Einklang und Widerstreit von ökonomischen, ökologischen, kulturellen und verkehrlichen Zwecken. Dabei wird auch versucht, zukünftige Klimaentwicklungen in die Planungen mit einzubeziehen. Und hier sind wir mittendrin im Kultur- und Lebensraum Elbe. So dynamisch der Fluss ist, so dynamisch sind die unterschiedlichen Bestrebungen, die weitere Gestaltung der Elbe in Angriff zu nehmen. Verschiedene Anschauungen treffen dabei aufeinander. Die Kirchen, Umweltverbände, die Verbände der Binnenschifffahrt, der Häfen, der Verlader und des Tourismus, die Wasserschifffahrtsämter und -direktionen sind einige der beteiligten Akteure. Eine einzige Perspektive wird jedoch keinem Fluss gerecht – der einzigartigen Elbe schon gar nicht. Das »Gesamtkonzept Elbe« der Bundesministerien für Verkehr und Umwelt wie der Wirtschaft lädt zu einem gesellschaftlichen Prozess zur zukünftigen Gestaltung des Lebensraums Elbe ein; die Elbanrainerkirchen haben ein Positionspapier zur Zukunft der Elbe verfasst. Ein tragfähiges Zukunftskonzept für die Elbe wird wohl nur im konzertierten Vorgehen aller Beteiligten erfolgreich erstellt und umgesetzt werden können. Dadurch erfährt der Lebensraum Elbe seine Bedeutung!

Beim Elbekirchentag in Meißen soll dieser Kultur- und Lebensraum mit zahlreichen Aktionen gewürdigt werden. Zudem wird auch der Diskussion zur weiteren Elbgestaltung und Nutzung des Flusses Raum gegeben.
Jörg Michel

Der Autor ist Studienleiter an der Evangelischen Akademie Meißen.
www.elbekirchentag.de