Kleinod der Literaturgeschichte

21. August 2017 von redaktionguh  
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Neuauflage: Zerbst will Theatergeschichte schreiben. Knapp 500 Jahre nach der letzten Aufführung kommt in der Stadt ein mittelalterliches Prozessionsspiel auf die Bühne. Aber als Stück für unsere Zeit.

Gebeugt und langsam kommen sie näher, kennen nur ein Ziel: Die hoch aufgerichtete Gestalt, die mit einem Kästchen in der Hand dasteht. Bald ist sie eingekreist … Seit dem 9. August steht auf dem Markt in Zerbst eine Bühne. In den nächsten vier Wochen wird an dieser Stelle das geprobt, was vom 8. bis 10. September als Open-Air-Spektakel über die Bretter gehen soll: Mit dem Titel »Hört her, merkt auf, versteht!« wird das Zerbster Prozessionsspiel von 1507 multimedial neu inszeniert. Die Proben laufen schon länger, die heiße Phase hat soeben begonnen. Am 10. August probten die Kinder vom Reit- und Fahrverein Sankt Laurentius eine Szene aus dem Leben ihres Vereins-Namenspatrons, der im antiken Rom lebte. Laurentius starb als Märtyrer, weil er sich weigerte, den Schatz seiner Kirche dem Kaiser auszuliefern, und ihn stattdessen unter den römischen Armen und Kranken austeilte.

Szene auf dem Markt: Kinder des Reit- und Fahrvereins Sankt Laurentius proben mit Professor Hans-Rüdiger Schwab für das Prozessionsspiel. Ein geduldiger Mitwirkender ist Hengst Paul. Foto: Angela Stoye

Szene auf dem Markt: Kinder des Reit- und Fahrvereins Sankt Laurentius proben mit Professor Hans-Rüdiger Schwab für das Prozessionsspiel. Ein geduldiger Mitwirkender ist Hengst Paul. Foto: Angela Stoye

Die Laurentius-Szene ist eine von insgesamt 24, die im September zu sehen sein werden. Nicht nur 415 Erwachsene und Kinder machen bei dem Spiel mit, sondern auch neun Pferde. Die zweibeinigen Darsteller kommen aus Zerbst sowie zahlreichen Orten aus der näheren und weiteren Umgebung der anhaltischen Stadt. Der künstlerische Leiter und Regisseur, Professor Hans-Rüdiger Schwab, kommt aus Münster. Alle sind ehrenamtlich, aber mit großem Einsatz bei der Sache. Möglich wird die Aufführung nicht nur durch dieses Engagement, sondern auch durch finanzielle Förderung, etwa von Seiten des Landes Sachsen-Anhalt und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung.

Fünf Jahre ist es her, seit das originale Fronleichnamsspiel im Zerbster Stadtarchiv wiederentdeckt wurde. Seit dem schweren Bombenangriff am 16. April 1945 galt die Handschrift als verloren. 1490 wurde das Spiel, das als eines der bedeutendsten spätmittelalterlichen Spiele im deutschsprachigen Raum gilt, in der Stadthistorie erstmals erwähnt. Zwischen 1507 und 1522 entwickelte es sich zum Großereignis mit bis zu 2 500 Mitwirkenden. »Damals spielten hauptsächlich Vertreter der Zünfte die Szenen. Heute sind es Menschen aus Vereinen, Chören oder Kirchengemeinden, die die historische Überlieferung in Szene setzen«, so Regisseur Hans-Rüdiger Schwab: »Vom enormen Engagement aller Laiendarsteller lebt die Aufführung.« Schwab verweist darauf, dass das Stück ein »Kleinod der deutschen Literaturgeschichte« sei. Nur eine Handvoll solcher Spiele sei überliefert, wiederaufgeführt keines. In Zerbst führe man es jedoch nicht eins zu eins wie im Mittelalter auf, als Prozession durch die Stadt, sondern auf einer Bühne vor der imposanten Ruine der Nikolaikirche. Außerdem seien die Fragen, die das Spiel aufwirft – etwa die nach Lebenssinn oder Hoffnung – Fragen, die auch die Menschen von heute bewegten. Sie seien »ein wichtiger Grund, warum man sich auch heute darauf einlassen kann«.

Bürgermeister Andreas Dittmann lädt zum Besuch des Spieles vom 8. bis 10. September und des Begleitprogramms – bestehend aus Bollen- und Mittelaltermarkt, Stadtführungen, Sonderausstellung im Rathaus und ökumenischem Gottesdienst am 10. September – herzlich ein. »An diesem Wochenende kann es nur ein Ziel geben: Zerbst«, sagt er. Und sollte es regnen, sei für genügend Capes gesorgt. Denn: »Wir lassen niemanden im Regen stehen.«

Der katholische Pfarrer Hartmut Neuhaus und der Pressesprecher der Landeskirche Anhalts, Johannes Killyen, verwiesen auf das Engagement der Kirchengemeinden für das Spiel und das Festwochenende. So seien täglich um 17.30 Uhr ökumenische Andachten in der Bartholomäikirche geplant.

Am 10. September stehe ein ökumenischer Open-Air-Gottesdienst in St. Nicolai auf dem Programm.

Angela Stoye

www.stadt-zerbst.de

Karten unter www.reservix.de oder der Touristinformation der Stadt

Die Bibel als Theaterstück

30. Januar 2017 von redaktionguh  
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Das Theaterstück »Die Bibel« des schwedischen Autors Niklas Rådström (Übersetzung: Steffen Mensching) feiert am 28. Januar im Rudolstädter Theater als deutsche Erstaufführung Premiere.

In 41 Szenen werden Geschichten des Alten und Neuen Testaments erzählt – als eine Art Revue durch uralte Mythen über die menschliche Existenz. »Als ich das Stück las«, sagt Gastregisseur Alejandro Quintana, »war ich angenehm überrascht, wie gegenwärtig es ist. Das Buch der Bücher spricht zu uns Heutigen ganz aktuell.« Dramaturg Michael Kliefert ergänzt: »Die Bibel wird als Literatur entdeckt. Alle wesentlichen Stationen sind auf die Wahrheit des Lebens konzentriert.« Dabei geht es um Sünde und Streit, um Mord und Totschlag, um Hunger und Krieg, Rache, Verfolgung, Flucht und Exil. Eine Tat zieht die nächste nach sich, bis einer kommt, der anders ist, der Liebe einfordert, auch Liebe unter Feinden: Christus. An seiner Person zeigen sich die Schwierigkeiten, andere Denkmuster zu begreifen und anzunehmen.

Da steht Abraham, der Stammvater Israels, in einen Fellmantel gehüllt. Er windet sich unter den bohrenden Fragen dreier Engel, die ihn umkreisen. Auf Geheiß von Gott hätte er seinen Sohn Isaak getötet. Warum wollte er einen Menschen umbringen, den er liebt? Was hat ihn angetrieben? Es geht um die eigene Verantwortung für begangene Taten, um ein Schuldeingeständnis, das nicht auf eine höhere Macht übertragen werden kann. Für die Verwandten in Sodom feilscht Abraham um Schonung vor der totalen Vernichtung. Vergebens. Es finden sich keine zehn Gerechten. Lot und seine Töchter können mithilfe der Engel der Feuersbrunst entkommen. Nur seine Frau, die sich umdreht, erstarrt eindrucksvoll zu einer Salzsäule. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, aber auch von Rache und Vergeltung: Als Moses sein Volk durch das sich nach rechts und links teilende Meer führt, folgen ihnen die Häscher aus Ägypten. In der Morgendämmerung schließt er den Graben wieder. Tausende Krieger und Pferde ertrinken.

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Eine Engelgruppe, zu der auch Luzifer gehört, führt durch das gesamte Stück. Fotos (2): Lisa Stern, Theater Rudolstadt

Am Anfang war Harmonie. Gottes Helfer inszenieren einen großen Raum, der alle in Erstaunen versetzt. Wunderbar wird diese Welt erschaffen, in der alle friedlich beieinander leben. Immer wieder springt die Handlung von der menschheitsgeschichtlichen Dimension auf die reale Bühne: lebendige Tiere sind nicht gestattet und nach der Erschaffung des ersten Menschenpaares beginnt bereits die Gender-Debatte. Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) gehören neben einer hierarchisch operierenden Engelgruppe zu den Konstanten im Stück. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies lebt das Paar ständig auf der Flucht: als Illegale in Noahs Arche, als Durchreisende in Grenzgebieten, die Geld an Schleuser zahlen müssen, um weiterzukommen und am Leben zu bleiben. Schauspieler Markus Seidensticker verwandelt sich im Verlauf der episodenhaften Handlung vom ersten Engel, der teilweise in der Ich-Form Gottes Willen verkündet, zum Erzähler: »Ich bin ein Werkzeug Gottes. Am Anfang bin ich eins mit ihm, doch im Verlauf des Stücks kommen
Zweifel auf.«

Das Stück öffnet Türen, jeder wird zum Nachdenken herausgefordert. Befreiung, Bindungen untereinander, aber vor allem Liebe in einem umfassenden Sinn sind die zentralen Themen, die Alternativen zu den Reaktionsmustern, die die Menschheit auch heute noch in Angst und Schrecken versetzen. Den gewaltigen Stoff, der in der Originalfassung über fünf Stunden lang ist, haben die Rudolstädter auf über drei Stunden gekürzt (mit Pause). Der Minimalismus, den Regisseur Alejandro Quintana ohne Showeffekte oder bloße Bebilderung mit gutem Schauspiel und in chorischen Szenen anstrebt, lässt viel Platz für eigenes Denken. »Das Schöne wäre, wenn wir auch Menschen erreichen, die die Bibel nicht kennen«, antwortet Michael Kliefert auf die Frage nach dem erwarteten Publikum. Zur Premiere am 28. Januar hat sich auch Autor Niklas Rådström angesagt. Dann erwartet die Zuschauer nicht nur ein spannendes Stück, sondern auch ein neu gestaltetes Theater im Stadthaus.

Doris Weilandt

Premiere: 28. Januar, 19.30 Uhr
Weitere Aufführungen: 24. Februar, 18 Uhr; 25. Februar, 19 Uhr und 26. Februar, 18 Uhr
Theaterkasse: Montag bis Freitag 9.30 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, Sonnabend 10 bis 12 Uhr, Telefon (0 36 72) 42 27 66
www.theater-rudolstadt.de

Liaison von Kunst und Glauben

26. September 2016 von redaktionguh  
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Fast vier Jahrzehnte lang schuf Roland Artus aus Wasungen die Kulissen im Meininger Theater. Im Ruhestand wendet sich der Maler und Grafiker religiösen Themen zu.

Neununddreißig Jahre lang, seit April 1977, war Roland Artus Theatermaler in Meiningen. Seit Juli ist er im Ruhestand, die neue Spielzeit im August hat ohne ihn begonnen. Während im Werkstattgebäude wieder die Arbeit aufgenommen wurde, blieb Roland Artus in Wasungen. Er brauche erst einmal Ruhe zum Denken, sagt der 63-Jährige. Nachdenken über den neuen Lebensabschnitt, in dem er gerade gelandet ist. Ruhestand. Seltsames Wort.

Doch eher Unruhestand. Da sind die Reisen mit seiner Frau in ferne Länder, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, der Garten – und sein Engagement für die Kirchengemeinde. Vor allem jedoch sein Glauben und seine Bilder.

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Im Wohnzimmer holt er einen kleinen Stapel mit Drucken hervor. Sie zeigen in grobem Schwarz-und-Weiß des Holzschnitts Motive zu den Jahreslosungen; die ältesten stammen aus den frühen 80er-Jahren. Es sind meist die ruhigen Wochen um die Jahreswende, in denen Roland Artus Ruhe für diese Aufgabe findet. Erst skizziert er das Motiv, dann schneidet er es spiegelverkehrt in Lindenholz und fertigt Probedrucke an.

Die Entscheidung für den Holzschnitt lässt sich mit Pragmatismus erklären: Mit wenig Aufwand können viele Abzüge geschaffen werden. Zumindest anfangs war das entscheidend, weil es in der DDR keine Kopierer gab. Es gibt aber auch eine ästhetische Begründung. Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff waren dem Autodidakten Vorbild; das Arbeiten im Holz, das dem Künstler vieles bereits vorgibt, ist kniffelig und damit reizvoll. Beim Blick auf die Drucke ist Roland Artus kritisch. Nicht immer gefällt ihm heute, wie er die Botschaft der Losungen einst ins Holz brachte, wie er sie plakativ oder symbolisch umsetzte. Auf den Holzschnitt von 1988 zur Jahreslosung »Kehrt um und glaubt an das Evangelium« ist er noch immer stolz.

Zunächst machte er die Holzschnitte nur für sich, dann verschenkte er sie in kleiner Auflage an Freunde, Verwandte, Weggefährten. Um etwas weiterzugeben von seinem Glauben. Irgendwann entstand die Idee, sie auf dem Titelbild des Wasunger Gemeindeblattes abzubilden. Seither hat die Aufgabe eine verbindliche Regelmäßigkeit erhalten.

Wie die Liaison von Kunst und Glauben ihren Anfang nahm, daran kann sich der Wasunger noch gut erinnern. Er zieht ein altes, schweres Buch aus einem Regal: »Halt im Gedächtnis Jesum Christum«. Es erzählt vom Leben Jesu Christi mit Worten und mit den Werken alter und jüngerer Meister. Als Junge hatte er es in der Schlafstube seiner Großeltern entdeckt, der Eindruck der Bilder war stark. »Ich bin ein sehr visueller Typ«, sagt er. Ein Augenmensch, auch wenn er gerne Rockmusik hört. Buchillustrationen, Zigarettenbildchen, Abenteuergeschichten von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe – all das habe seine Fantasie als Kind beflügelt.

In dieser Zeit spürte er erstmals dieses starke Gefühl von Geborgenheit bei Jesus Christus, erzählt er. Er habe ein Vertrauen in ihm gefunden, das ihn nicht mehr verlassen hat. Welches er sich auch nicht nehmen ließ durch einen Staat, der dem Glauben mit Skepsis begegnetet. Lachend erzählt Roland Artus vom Donnerwetter, das es gab, als er an die Wand im alten Werkstattgebäude des Theaters, einer wahren Bruchbude, den Berliner Appell schrieb: »Frieden schaffen ohne Waffen.« Er musste ihn wieder übermalen, aber die schwarze Zeichenkohle schimmerte noch Jahre später durch.

Aus dieser Zeit gibt es noch einen Holzschnitt von einer Friedenstaube, die auf eine Offiziersmütze kackt; gedruckt auf einer umgebauten Waschpresse im Mal-Saal. »Meinen Mund habe ich nie so richtig halten können«, blickt der 63-Jährige zurück. Biblische Themen, Christsein, all das sei immer Gesprächsthema bei der Arbeit gewesen. Als er nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten einsah, erkannte er erst, dass er »manches wohl deutlich unterschätzt« habe. Seine Besuche bei den Friedensdekaden in Meiningen waren ebenso vermerkt wie eine frühe Ausstellung im Gemeindehaus der Stadt.

Susann Winkel

Hoffnung im Plattenbau

1. August 2016 von redaktionguh  
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Erprobungsräume: Der Verein Jumpers in Gera-Lusan vermittelt Jugendlichen christliche Werte

Es ist fantastisches Sommerwetter in Gera-Lusan. Auf der Wiese vor dem Fußball-Kleinspielfeld herrscht lebendiges Treiben. Einige spielen Tischtennis, andere sitzen auf einer Decke, und auf dem Bolzplatz spielen die Jungen als »Spanien« und »Deutschland« gegeneinander. Man sieht, es macht allen Spaß. Dazwischen: Annette Steppan und Carsten Dax vom christlichen Kinder- und Familienzentrum Jumpers. Der Name steht für »Jugend mit Perspektive«. Jumpers gibt es inzwischen in vier Städten, und das Projekt gehört zu den erfolgreichen Beispielen im Rahmen von Erprobungsräumen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Seit Anfang Juni bietet ein Fußballfeld in Gera-Lusan Möglichkeiten zum Kicken für Kinder und Jugendliche. Foto: Wolfgang Hesse

Seit Anfang Juni bietet ein Fußballfeld in Gera-Lusan Möglichkeiten zum Kicken für Kinder und Jugendliche. Foto: Wolfgang Hesse

Seit Oktober 2015 öffnet der Treff von Montag bis Freitag seine Türen und bietet für die junge Generation eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Ein renoviertes Ladenlokal hat die TAG Wohnen der Immobilien AG nach den guten Erfahrungen aus Salzgitter dem gemeinnützigen Verein Jumpers in Gera zur kostenfreien Nutzung angeboten. »Viele Geraer Christen haben sich schon lange solch ein Zentrum gewünscht und dafür gebetet«, weiß Annette Steppan. Die 27-jährige Erzieherin, Jugendreferentin und Theaterpädagogin ist von Anfang an dabei und bringt beste Erfahrungen aus der christlich-sozialen Arbeit mit. »Mit der TAG Wohnen haben wir einen guten Partner für unsere Arbeit gefunden«, erklärt sie. »Die Vermietergesellschaft informiert regelmäßig über unsere Angebote und Aktionen und hat sich maßgeblich für die Realisierung des Bolzplatzes eingesetzt.« Dieses neue Freizeitangebot konnte ausschließlich durch Sponsoren und Fördergelder finanziert werden und steht allen Bewohnern der Plattenbausiedlung seit Anfang Juni zur Verfügung. Mit vielen sanierten Wohnungen und jeder Menge Grün wurde der Stadtteil Lusan mittlerweile zu einer guten Adresse für entspanntes Wohnen in Gera.

Jumpers bietet für die jungen Bewohner eine Oase der Begegnung. Über die positive Akzeptanz im Stadtteil und darüber hinaus freuen sich die beiden Projektleiter besonders. »Ich bin hier nach Lusan gezogen,« sagt Carsten Dax. »Im Haus wohnen Familien, deren Kids zu uns kommen. Durch diese enge Beziehung wächst das Vertrauen, und das bietet uns als Christen große Chancen.« Der 43-jährige Sozialpädagoge bringt viele Erfahrungen aus seiner Arbeit als Heilsarmeeoffizier und Pastor im Kinder- und Gemeindezentrum der Heilsarmee in Chemnitz ein.

Offene Angebote erwarten täglich die Kinder und Jugendlichen. Hier können sie Freunde treffen, Tischtennis, Billard oder Tischkicker spielen. Tanz- und Theater-AG, Backen, Hausaufgabenhilfe, Musikworkshops und Nachhilfetermine haben einen festen Platz im Wochenplan. Bei schönem Wetter wird der neue Bolzplatz genutzt. Geplante oder spontane Ausflüge mit den Betreuern ergänzen die Angebote an den Nachmittagen. Täglich besuchen etwa 20 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis sechzehn das christliche Kinder- und Familienzentrum.

»Unser Ziel ist es, christliche Werte durch unser Leben und Auftreten zu vermitteln«, findet Annette Steppan. »Die Kinder erleben Toleranz, Verzeihen und unseren Umgang miteinander. Wir laden alle herzlich dazu ein, das auch so zu tun.« Alle zwei Wochen kommt das mobile Kinderprogramm »Mc Turtle« von der Heilsarmee Chemnitz zu Jumpers nach Gera. Mitmachlieder, Wettspiele, Puppentheater oder Anspiele, aber auch eine Mini-Kinderpredigt und spannende Geschichten über Gott stehen auf dem Programm.

»Ich liebe die positive Veränderung bei den Kindern, ihre Entwicklung«, betont Annette Steppan. »Das Größte wäre natürlich, wenn sie Jesus kennenlernen.« Carsten Dax ergänzt: »Ob das geschieht, können wir nicht wissen. Wir möchten, dass sie positiv in ihre Familien hineinwirken. Veränderung fängt klein an und kann groß werden. So kann ich Hoffnung haben für diesen Stadtteil und auch für unser Land, denn es sind vor allem die Wertevorstellungen, die das Leben der Menschen prägen.«

Wer ein spannendes Jahr erleben und mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte, ist gern für ein Freiwilliges Soziales Jahr willkommen. Noch ist eine freie Stelle zu besetzen.

Wolfgang Hesse

Forschen. Lieben. Wollen. Tun

17. November 2015 von redaktionguh  
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Die Vorbereitungen für ein einmaliges Ereignis haben längst begonnen. Auch Dessau-Roßlau will 2017 ein guter Gastgeber sein.

Wir waren sehr bewegt, dass der Kirchentag ein Motto gewählt hat, dass sich an ein Zitat von Moses Mendelssohn anlehnt«, sagte Angelika Storz vom Moses-Mendelssohn-Zentrum in Dessau-Roßlau. Moses Mendelssohn (1729–1786), der deutsch-jüdische Philosoph der Aufklärung aus Dessau, schrieb 1781 seinem Freund Johann Georg Müchler, Leiter des Schindlerschen Waisenhauses in Berlin und Professor für Latein an der Militärakademie, ins Stammbuch: »Nach Wahrheit forschen, Schönes lieben, Gutes wollen, das Beste tun. Dies ist die Bestimmung des Menschen.« Der Satz passte in die damals in ganz Europa geführte Diskussion über die Bestimmung des Menschen. Daran angelehnt lautet das Motto des »Kirchentages auf dem Weg« 2017 in Dessau-Roßlau »Forschen. Lieben. Wollen. Tun«. Die Frage nach ihrer Bestimmung »eint Generationen und geht über die Zeiten hinweg«, so Angelika Storz.

Stellten den Dessauer »Kirchentag auf dem Weg« 2017 vor (von li.): Christof Vetter vom Verein Reformationsjubiläum 2017; Steffen Kuras von der Stadt Dessau-Roßlau; Angelika Storz vom Moses-Mendelssohn-Zentrum; Andreas Janßen von der Landeskirche Anhalts und der Autor und Dramaturg Andreas Hillger. Foto: Johannes Killyen

Stellten den Dessauer »Kirchentag auf dem Weg« 2017 vor (von li.): Christof Vetter vom Verein Reformationsjubiläum 2017; Steffen Kuras von der Stadt Dessau-Roßlau; Angelika Storz vom Moses-Mendelssohn-Zentrum; Andreas Janßen von der Landeskirche Anhalts und der Autor und Dramaturg Andreas Hillger. Foto: Johannes Killyen

Auf die Tatsache, dass die Feier des 500. Jubiläums von Luthers Thesenanschlag für den Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kein »historisierendes Ereignis« sein soll, verwies Christof Vetter. Der Theologe und Journalist ist Abteilungsleiter für Marketing beim Verein »Reformationsjubiläum 2017«, dem Verein, der für die Großereignisse 2017 zuständig ist. Die »Kirchentage auf dem Weg« vom 25. bis 27. Mai 2017 werden parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und der Lutherstadt Wittenberg vor dem Abschlussgottesdienst auf den Elbwiesen am 28. Mai in mehreren Städten in Mitteldeutschland ausgerichtet. In Dessau-Roßlau laden der DEKT, die Landeskirche Anhalts und die Stadt gemeinsam ein. Der Beginn fällt auf den Himmelfahrtstag 2017. Da werden in den Kirchentagsstädten ökumenische Gottesdienste nach einer Liturgie gefeiert.

Anhalt, seit Mitte der 1990er Jahre in der Ausrichtung von Landeskirchentagen erprobt, hat sich für 2017 viel vorgenommen. »Wir sind sehr froh, Partner zu haben, die mit Enthusiasmus und Liebe herangehen«, so Andreas Janßen, Beauftragter für das Reformationsjubiläum in der Landeskirche. So werde es am Himmelfahrtstag 2017 ein »Anhalt-Mahl« geben – eine lange Tafel im Dessauer Stadtzentrum. Gemeinden und Vereine werden Gastgeber sein. Kirchentagsbesucher können bei Exkursionen ab Dessau Anhalt kennenlernen. Außerdem wird die Landeskirche bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg mit ihrem Überseecontainer-Projekt »Anhalt kompakt« vertreten sein – auch hier mit Partnern aus Anhalt sowie in- und ausländischen Kirchenpartnern.

Steffen Kuras, Kulturamtsleiter von Dessau-Roßlau, betonte, dass sich die Stadt freue, erneut Gastgeber zu sein. Er verwies auf die Erfahrungen mit dem Sachsen-Anhalt-Tag 2012 in Dessau-Roßlau, als Anhalt das 800-jährige Jubiläum feierte. Damit sich Besucher wohlfühlten, seien außer Kultur auch Logistik, Ordnung und Sicherheit nötig.

Der Autor und Dramaturg Andreas Hillger informierte über die kulturellen Partner beim »Kirchentag auf dem Weg«, unter anderem das Anhaltische Theater, die Hochschule Anhalt, das Umweltbundesamt und die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz. Wegen der hohen Dichte an Unesco-Welterbe, sei das Dessau-Wörlitzer Gartenreich ein zentrales Thema. 2017 sei auch das 200. Todesjahr seines Gründers, des Fürsten Franz. »Wir haben auch die Elbe und die Schifferstadt Roßlau im Blick«, so Hillger. So könnte zum Beispiel auf dem Wasser Brot aus Anhalt und Wein aus der anhaltischen Partnerkirche der Pfalz nach Wittenberg gebracht werden.

Das Programm des Kirchentages soll insgesamt so gestaltet sein, dass sich die Menschen aus der Region (Christen wie Nicht-Christen), Besucher aus den Partnerkirchen Anhalts und Zufallsgäste angesprochen fühlen. Gerechnet wird mit rund 8 000 Menschen. Zudem hat Dessau-Roßlau einen großen Vorteil: »Wer hier übernachtet, ist schneller beim Kirchentag in Wittenberg«, so Andreas Janßen. Er verweist aber auch darauf, dass das Jubiläum 2017 zwar ein Höhepunkt sein wird, dass die Reformation am 31. Dezember des Jahres nicht vorbei ist. »Das Jubiläum soll etwas in Gang setzen, was weitergeht.«

Angela Stoye

Am 7. Dezember sind alle, die beim Kirchentag mitwirken wollen, zum Beteiligungsworkshop ins Anhaltische Theater eingeladen (18 Uhr).

https://r2017.org

Zeit und Raum für Begegnung schaffen

11. März 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Silke Rosenbrück gehört neu zum Gemeindekirchenrat der Ilmenauer Jakobuskirche

Es macht mir Freude, zu organisieren und Dinge voranzubringen«, sagt Silke Rosenbrück von sich selbst. Mit 38 Jahren ist sie die jüngste der fünf Neuen im Gemeindekirchenrat der Ilmenauer Jakobuskirche. Zusammen mit neun wiedergewählten Kirchenältesten will sie künftig das Gemeindeleben gestalten. Besonders wichtig sei ihr, die Generationen zusammenzubringen und Toleranz zu fördern für die verschiedenen Wünsche und Vorstellungen zur Ausgestaltung der Gottesdienste und des Gemeindelebens. »Das soll nicht heißen, das Fähnchen nach dem Wind zu hängen«, betont sie. Aber sie möchte auch traditionell orientierte Gemeindemitglieder anregen, das Bestehende weiterzuentwickeln und auch mal Neues zu versuchen. In der Vergangenheit habe es beispielsweise einen monatlichen Sonntag-Nachmittags-Gottesdienst in freier Form, mit Theater und ähnlichen Elementen gegeben, erinnert sie sich.

Silke Rosenbrück. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Silke Rosenbrück. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Leider fehlten bislang Gelegenheiten und Räume für die Begegnung zwischen den verschiedenen Altersgruppen. Ideen hätte sie dafür schon: Das Kirchencafé nach dem Gottesdienst zum Beispiel sei eine Möglichkeit. Silke Rosenbrück denkt auch an Ausflüge, bei denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können.

Eigentlich fühlt sie sich schon ihr ganzes Leben lang mit der Ilmenauer Kirchengemeinde verbunden. Ihre Eltern zogen zwecks Studium in die Stadt. Ihre eigenen Kinder brachten sie vor gut zehn Jahren dazu, für die sonntägliche »Kinderkirche« aktiv zu werden: Zu Beginn war sie Betreuerin, später übernahm sie die Leitung. Im Rückblick »habe ich auch sehr viel für mich selbst gelernt, was mir auch beruflich genützt hat«, etwa, sich öffentlich zu Wort zu melden und eine Sache zu vertreten. Die studierte Betriebswirtin leitet eine mittelständische Messtechnik-Firma in Geraberg. Nun, da Tochter (14) und Sohn (11) der Generation Kinderkirche entwachsen sind, fand Silke Rosenbrück, dass auch für sie die Zeit für etwas Neues gekommen war. »Mir gingen langsam die Ideen aus«, da fand sie es passend, Platz für andere zu machen und sich selbst einer neuen Aufgabe zuzuwenden. Nach rund eineinhalb Jahren der Neuorientierung kandidierte sie für den Gemeindekirchenrat. Als in der ersten Sitzung des Gremiums die Ausschüsse besetzt wurden, entschied sie sich für den Gemeindeausschuss, der unter anderem Grundsatzentscheidungen für das Veranstaltungsprogramm sowie die Nutzung der Räume beschließt. Hier, so glaubt sie, kann sie ihre Ideen am besten einbringen.

Ines Rein-Brandenburg

Mitnichten alles nur Theater

3. März 2014 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

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Thema: Fantasievolle Gottesdienste für Menschen mit gleichen Interessen können die Kirchen füllen

An einem normalen Sonntag besuchen laut Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland 3,6 Prozent der Christen den Gottesdienst, das sind oft weniger als zehn.

Zwei Jugendliche gehen im Altarraum auf und ab, während der Pfarrer mit der Liturgie beginnt. Beim gesungenen »Gloria Patri« bleiben sie stehen. Das war nicht geplant im Theatergottesdienst zum Stück »Die im Dunkeln » im Januar in der Geraer Salvatorkirche (G+H berichtete). Die beiden Schauspieler, welche die Jugendlichen darstellten, waren beeindruckt und empfanden, dass sie in diesem Moment stille sein müssten. »Durch den Dialog merkt man, was einem selbst wichtig ist«, erläutert der Geraer Pfarrer und Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Frank Hiddemann. Seit Jahrzehnten schon bereichert er Gottesdienste durch Literatur oder Theater. Und er ist nicht der einzige: In Meiningen, Weimar, Dessau-Roßlau, Magdeburg, im Kloster Volkenroda und in anderen Gemeinden sind Theatergottesdienste entstanden.

Um Tiefschläge des Lebens ging es in einem Theatergottesdienst 2012 in Meiningen. Foto: Susann Winkel

Um Tiefschläge des Lebens ging es in einem Theatergottesdienst 2012 in Meiningen. Foto: Susann Winkel

Die Fantasie bei der Suche nach neuen Formen der Verkündigung ist groß: Themengottesdienste stehen neben dem »Himmlisch anderen Gottesdienst«, in Gotha treffen sich »Nachteulen«, im Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf tauschen Pfarrer die Kanzel. In der Faschingszeit reimen Theologen ihre Predigt. Der Segnungsgottesdienst zum Valentinstag hat bereits in vielen Kirchengemeinden Tradition. Paare empfinden die persönliche Segnung oft als Zuwendung Gottes zu ihrer Partnerschaft. Und in Eisenach wird seit vorigem Jahr Memory-Gottesdienst gefeiert, der speziell auf Demenzkranke zugeschnitten ist.
Pfarrer Hiddemann ist überzeugt, dass sich der Gottesdienst im Wandel befindet. Und das bedeute auf keinen Fall eine Abwertung. Er ist im Gegenteil davon überzeugt, dass neue Gemeindekonzepte nur funktionieren, wenn das Zentrum der Gottesdienst bleibt. »Es gibt nach empirischen Erkenntnissen kein Gemeindemodell, das ohne Gottesdienst funktioniert«, betont der promovierte Theologe.

Der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Leipzig, Alexander Deeg, unterstreicht diese Bedeutung. Aber vor allem, so Deeg, müsse »klar werden, was evangelischer Gottesdienst bedeutet: die Unterbrechung des Alltags, die wir selbst nicht machen können.« Diese Pause wird auch von den tragenden liturgischen Formen unterstützt.

Im Mittelpunkt der besonderen Form der Verkündigung stehen für Frank Hiddemann die Mission und die Begegnung der Menschen mit Gott. Die Theatergottesdienste in Gera werden zum Beispiel immer mit einer entsprechenden Premiere verbunden. Auf Faltblättern lädt Hiddemann das Premierenpublikum in die Kirche ein. »Damit werden Theaterinteressierte angesprochen, die sonst kaum in den Gottesdienst kommen«, sagt er. Die Verknüpfung zwischen Spiel (Theater) und Wirklichkeit (Gebet, Anrufung) sei nicht nur für die Gemeinde interessant, sondern auch für ihn als Theologen. Er freut sich, dass so unterschiedliche Formen in den mitteldeutschen Kirchen gewachsen sind. Mit solchen Angeboten verdoppele man mindestens die Zahl der Gottesdienstbesucher. Aber vor allem erschließe sich das Evangelium auf eine neue Weise. Ganz gleich ob im Dorf oder der Stadt: Gottesdienste, in denen etwas Besonderes geschieht, wecken Interesse.

Schon in den 1960er und 70er Jahren wurde mit modernen Liedern und Anspielen »Gottesdienst einmal anders« gefeiert. Es gab damals durchaus heftige Diskussionen in den Kirchengemeinden. Heute hat sich manches gewandelt. Auch die Erwartungen. »Die Menschen erkennen an, wenn wir uns um andere Formen der Predigt bemühen«, meint Hiddemann. Es sei mitnichten »alles nur Theater«, sondern ernsthafte Verkündigung der Frohen Botschaft mit verschiedenen Mitteln.

Dietlind Steinhöfel