Wenn blinder Hass auf Liebe stößt

20. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Römer 12, Vers 21

Dieser Vers war doch eben erst Jahreslosung, schießt es mir durch den Kopf. Schnell google ich danach und merke: mein »eben erst« ist schon wieder sieben Jahre her. Die Zeit vergeht, und in den vergangenen sieben Jahren hat sich einiges in der Welt verändert. Und doch ist gerade diese Zeile des Römerbriefes in ihrer biblischen Zeitlosigkeit noch aktueller und zeitloser geworden, als sie es 2011 war.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Gut und böse – schwarz und weiß – sind oftmals schwer zu trennen. Dennoch nehmen der Hass und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft stetig zu. Wir lesen die Zeilen aus Chemnitz, verfolgen die politischen Veränderungen im Land und hören von immer mehr Menschen, bei denen christliche Nächstenliebe an der Grenze endet. Populismus mit scheinbar einfachen Lösungen breitet sich aus. Die Falle der Banalität schnappt zu.

Umso entscheidender ist es doch, dass gerade wir als Christen uns nicht ebenfalls einfangen lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden. Dass wir in Offenheit und Nächstenliebe zeigen, was es heißt, sich eben nicht den platten Parolen hinzugeben. Mit offenem Herzen und der Vernunft des Glaubens durch das Leben zu schreiten, fällt wahrhaftig nicht immer leicht. Aber von der Leichtigkeit des christlichen Glaubens steht in der Mahnung des Paulus an die Gemeinde im 12. Kapitel des Römerbriefes auch nichts geschrieben. Christus nachzufolgen und Gott zu dienen kann, besonders im säkularen Raum, wie wir es alle allzu gut wissen, nicht immer einfach sein. Gerade das Böse mit Gutem zu überwinden scheint häufig, als müsse man gegen einen Orkan anpusten.

Und obgleich viel Ausdauer und ein kräftiges Lungenvolumen von Nöten sind, kann jede und jeder für sich immer wieder aufs Neue dagegen angehen. Denn wenn auf ein Scheltwort ein Wort der Versöhnung folgt, wenn blinder Hass auf Liebe stößt und wenn Gewalt Friedfertigkeit begegnet, so überwinden wir das Böse mit Gutem. Jeden Tag aufs Neue. Heute, morgen und auch noch in sieben Jahren.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Wie Demut heute zu verstehen ist

13. Oktober 2018 von redaktionguh  
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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Micha 6, Vers 8

Endlich ein Text, in dem mir der Prophet Micha sagt, was gut ist: Gott verlangt lediglich drei Dinge, die ich zu erfüllen habe, um ihm zu gefallen. So einfach ist es in der Bibel sonst meist nicht. Oder ist es auch hier gar nicht so einfach? Die erste Aufgabe ist klar definiert. Ich soll »Gottes Wort halten«. Doch wo beginnt es und wo hört es auf? Dass Texte wie die Zehn Gebote darunter fallen, erscheint mir logisch. Und das Johannesevangelium beginnt schließlich mit dem Vers: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Folglich fällt natürlich auch Jesus darunter, dem wir in unserem Handeln nachfolgen sollen. Auch was mit »Liebe üben« gemeint ist, lässt sich schnell erschließen: Mit dem Doppelgebot der Liebe kann man schließlich nichts falsch machen. Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst kann ja nur gut sein. Und Jesus bezeichnete eben dieses Gebot als das höchste, christliche Gebot.

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Anders sieht es da mit der Demut aus. Alle sprechen immer davon, keiner ist es so richtig und niemand scheint zu wissen, wie das überhaupt funktioniert. »Demütig sein.« Ein Blick in den Duden sollte doch helfen. Er beschreibt Demut als ein Wort, welches dem Mittelhochdeutschen entspringt und sich von den Worten dienen und Mut ableitet und somit die Gesinnung eines Dienenden beschreibt. Als Synonyme schlägt er Hingabe, Ergebenheit, Opferbereitschaft und Devotion, also Unterwürfigkeit, vor. Aber wie sieht die denn heutzutage aus? Ein wenig Hingabe ist ja mancherorts in den Gottesdiensten noch zu sehen, aber Ergebenheit und Unterwürfigkeit? Opferbereitschaft höchstens noch in Form der einen oder anderen Kollekte oder der ehrenamtlich aufgebrachten Zeit. Unter wahrer Demut stelle ich mir hingegen etwas anderes vor. Ist unsere ehrenamtliche Hingabe, unsere Zeit, die wir opfern und in der entschleunigten Kirche der rasanten Welt entfliehen können, unsere neue Demut? Oder haben wir allesamt die Demut verlernt?

Felix Kalbe, Theologiestudent und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Forschungsschiff Gemeinde

3. September 2018 von redaktionguh  
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In jungen Jahren steuerte er Schiffe über Binnengewässer. Jetzt steuert er in Anhalt ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. Angela Stoye sprach mit dem Bernburger Pfarrer Lambrecht Kuhn über seinen Lebensweg zwischen Technik und Theologie.

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Anker geworfen in Bernburg: Pfarrer Lambrecht Kuhn an der Saale vor einem Passagierschiff, wie er es einst selbst auf dem Scharmützelsee steuerte. Im Hintergrund sind die Giebel des Renaissanceschlosses zu sehen. Foto: Engelbert Pülicher

Sie stammen aus einer Pfarrfamilie und waren auch in der Jungen Gemeinde zu Hause. Eines Tages verließen Sie den festen Boden unter den Füßen und wurden Binnenschiffer. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Ich wuchs in Fürstenwalde in Brandenburg auf, wo mein Vater Super-
intendent war. Die Spree und die vielen Seen in der Gegend haben durchaus zu dem Wunsch beigetragen. Eine Rolle spielte auch, dass es Vorfahren gab, die zur See gefahren sind.

Den Ausschlag gab mein Bruder, der Schiffbau studierte, mein Interesse an Schiffen und anderer Technik sah und mich zu diesem Weg ermutigte – obwohl ich eigentlich Bühnentischler werden wollte. Als das nicht klappte, bewarb ich mich, wurde angenommen und lernte ab 1983 an der DDR-Schifferschule »Karl Meseberg« in Schönebeck-Frose.

Wie ging es dann weiter?
Kuhn:
Mit dem Austreiben der »Rosinen aus dem Kopf«. Die waren wirklich ganz schnell weg. Gleich zu Anfang wurden wir in Uniformen gesteckt und mussten eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. Dann erst begann die Ausbildung im Blockmodell: drei Monate Schulbank drücken und drei, vier Monate Praxis auf dem Schiff.

Dennoch: Es waren interessante Jahre, in denen ich mich ausprobieren musste und konnte. Bald bin ich aus dem Lehrlingswohnheim aus- und in ein leerstehendes Pfarrhaus eingezogen, wo ich mit anderen in einer Art Kommune gelebt habe. Von dort bin ich jeden Tag mit dem Rad die vier Kilometer zur Ausbildung nach Frose und zurück gefahren.

Wie hieß Ihr erstes Schiff?
Kuhn:
SSS 2508. Mit dem Stromschubschiff war ich auf der Oder und dem Oder-Spree-Kanal unterwegs. Später steuerte ich ein Ausflugsschiff auf dem Scharmützelsee südlich von Fürstenwalde. Ich war beim Kraftverkehr Fürstenwalde angestellt, der auch die Weiße Flotte auf dem Scharmützelsee betrieb.

Ihr Lebensweg führte Sie bald vom Wasser weg zu den Bausoldaten und dann weiter. Was haben Sie mitgenommen?
Kuhn:
Dinge, die einen im Leben tragen. Die technische Lehre, die Kenntnisse in Maschinentechnik, die Ausbildung bei sehr strengen Lehrmeistern, was wirklich nicht rosig war.
Bei der Armee hat mir auch geholfen, dass ich schon mit 16 von zu Hause weg und über lange Zeit allein zurechtkommen musste. Auch das Wissen, dass man lange Trennungszeiten durchhalten kann, hilft einem im Leben weiter.

War auch etwas für den Pfarrberuf dabei?
Kuhn:
Auf jeden Fall die Selbstdisziplin. Und ich habe durch den erlernten Beruf ganz andere Anknüpfungspunkte für Gespräche mit Gemeindemitgliedern. Ich weiß nicht, wovon ich hätte zehren sollen, wenn ich nach Abitur und Studium mit 25 Jahren auf eine Gemeinde losgelassen worden wäre.

Aber dazu kam es ja nicht …
Kuhn:
Nein, wohl auch deswegen, weil es mich mit Anfang 20 nach Berlin zog. Das war eine spannende Zeit, die mit der kniffligen Wohnungsfrage begann.

Zur Erinnerung: Eine Wohnung bekam in der DDR-Hauptstadt nur der, der eine Arbeit vorweisen konnte. Und einen Arbeitsvertrag bekam nur der, der eine Wohnung in Berlin vorweisen konnte. Ich hatte das Glück, ohne Mietvertrag im Hedwigskrankenhaus eine Arbeit zu finden. Später legte ich an der Humboldt-Universität eine Sonderreifeprüfung ab und begann 1989 – noch in der DDR – mit dem Theologiestudium, auf das ein Vikariat und das Zweite Theologische Examen folgten.

Die Veränderungen, die sich aus der Friedlichen Revolution ergaben, waren für mich segensreich. Unter anderem bot das Studium Generale weitere Lern-Möglichkeiten an anderen Fakultäten, und ich konnte ein Spezialvikariat in einer evangelischen Gemeinde in Polen absolvieren.

Sie waren einige Zeit wissenschaftlicher Honorarmitarbeiter am Lehrstuhl für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte der Humboldt-Universität. Was fasziniert Sie so an der alten Zeit?
Kuhn:
Das Fach Christliche Archäologie umfasste unter anderem die vorreformatorische Zeit in der Mark Brandenburg. Grundsätzlich finde ich die Suche nach Antworten darauf spannend, wie Menschen gelebt, warum sie was geschaffen haben und was das über sie aussagt.
Ich habe über das Bistum Lebus promoviert, eine polnische Gründung aus dem zwölften Jahrhundert, das später unter den Einfluss der Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg kam. Letzter Bischofssitz war bis zum Ende 1598 übrigens Fürstenwalde.

Inzwischen haben Sie sich der neueren und neusten Geschichte zugewandt …
Kuhn:
Stimmt. Denn interessante Themen bietet auch sie. Einen Anknüpfungspunkt habe ich in meiner Familie gefunden. Die beiden älteren Brüder meines Vaters fielen im Zweiten Weltkrieg. In der Schule lernte ich, dass alle Angehörigen der Wehrmacht Faschisten durch und durch gewesen wären. Das stimmt natürlich nicht.

Es ist spannend zu lesen, welche Doktrinen einem früher und welche einem heute angeboten werden. Deshalb rate ich zum gründlichen Informieren und Differenzieren und zum nüchternen Umgang mit den Themen. Das würde allen guttun. Die Beschäftigung mit den Familienschicksalen führte auch dazu, dass ich vor zehn Jahren den Kreisvorsitz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge des Salzlandkreises übernahm.

Seit 2001 steuern Sie das »Schiff« Bernburger Martinsgemeinde. Wie kamen Sie an Deck?
Kuhn:
In der Kirche Berlin-Brandenburg gab es damals keine beruflichen Möglichkeiten für mich. Aber ich hatte das Glück, nach Anhalt in eine interessante Stelle wechseln zu können. Bald bot sich die Chance, ein Kinder- und Gemeindezentrum zu errichten. Das Martinszentrum mit seiner einzigartigen Kombination aus Kirchengemeinde, Kindertagesstätte, Grundschule und Schulhort am Leben zu halten, ist eine Herausforderung. Da sind meine Frau Berit als Schulleiterin und ich als Gemeindepfarrer am richtigen Ort.

Wie sehen Sie das »Schiff« Martinsgemeinde? Als Supertanker? Als Fracht- oder eher als Kreuzfahrtschiff?
Kuhn:
Vielleicht als ein sehr diffiziles Forschungsschiff, weil es letztlich darum geht, etwas Gutes für künftige Generationen zu tun. Da muss man ausprobieren und sich herantasten, herausfinden, was geht und was nicht. Das Forschungsschiff kann auch ein Bild für die Landeskirche Anhalts sein, die sich anschickt, mit dem Verbundsystem Neues zu probieren. Ich bin zuversichtlich, dass Gutes dabei herauskommt, obwohl ich anfangs skeptisch war. Für die Kirchengemeinden kann es nur besser werden. Und für die Pfarrer ist es wichtig, dass sie sich wieder auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können.

Wo sehen Sie Probleme bei der Weiterfahrt, um im Bild vom Schiff zu bleiben?
Kuhn:
Unser größtes Problem ist die Kirchturmmentalität. Zudem muss die Mündigkeit der Gemeinde gefördert werden. Schon von daher darf der Pfarrer nicht alles machen.
Einer meiner Freunde in Holland ist Ältester. Dort kommt der Pfarrer nur zu Gottesdiensten, Kasualien oder zur Seelsorge in die Gemeinde. Er hat aber nichts mit Finanzen, Baufragen oder Geburtstagsbesuchen zu tun. Diese Aufgaben übernehmen andere. In Holland sind sie da viel weiter als wir hier.

Seit 13 Jahren sind Sie der landeskirchliche Beauftragte für die Arbeit mit Motorradfahrern. Wie kam es dazu?
Kuhn:
Das mit den Zweirädern begann schon vor der Lehre mit dem Moped-Führerschein. Nach der Wende habe ich mir dann ein Motorrad von der Bauart gekauft, von der ich davor nur habe träumen können. Und als ich 2001 nach Bernburg kam, gab es in der Landeskirche niemanden für diese Zielgruppenarbeit. Da habe ich damit begonnen und inzwischen gute Kontakte zu den Pfarrkollegen in anderen Landeskirchen, die ebenfalls auf diesem Gebiet tätig sind.

Ich weiß, dass dieses Arbeitsgebiet von manchen Pfarrer-Kollegen belächelt wird. Aber ich finde, es ist wichtig für die Menschen und auch für die Kirche.

Wieso das?
Kuhn:
Diejenigen, die zu den Gottesdiensten und den Ausfahrten kommen, haben zu 80 Prozent nichts mit Kirche zu tun. Aber in den Gottesdiensten werden sie empfänglich für andere Dinge, andere Themen, die sonst kaum in ihrem Leben vorkommen.

Ich wähle für die Treffen am Saisonbeginn immer ein Thema, das sich durch den Tag zieht. 2017 zum Beispiel ging es um Recht und Recht haben und um Eike von Repgow, der als Verfasser des Sachsenspiegels die deutsche Rechtsgeschichte prägte.

Dass die Arbeit mit Motorradfahrern ankommt, zeigt das stetige Interesse. Ich habe sogar eine Gruppe aus Essen dabei, die in jedem Jahr den weiten Weg zu den Treffen in Bernburg auf sich nimmt.

Sind Sie nun »nur« noch zu Lande unterwegs? Oder besitzen sie privat ein Boot?
Kuhn:
Besitze ich nicht. Ich habe zwar auch einen Führerschein für Sportboote. Aber als Familie sind wir anders unterwegs.

Wenn Sie nicht ausfahren, sondern einladen: Wo gehen Sie mit Gästen in Bernburg hin?
Kuhn:
In die Innenstadt mit dem Renaissanceschloss zum Beispiel. Oder wir schlendern durch die einst nicht zerstörten Straßenzüge, in denen zu sehen ist, was eine kleine ehemalige Fürstenresidenz für einen Charme hat. Das habe ich inzwischen sehr zu schätzen gelernt – obwohl mir die Seen und Wälder aus Brandenburg noch immer ein wenig fehlen.

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Was ist der Mensch?

27. Juli 2018 von redaktionguh  
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Der Mensch: Marionette des göttlichen Willens oder freier Herr über Gottes Schöpfung?

Es passierte einer Kollegin: In einem Nachruf schrieb sie, die Person sei an einer schweren Krankheit gestorben. Daraufhin fragte ein erzürnter Leser, wie sie so etwas schreiben könne. Als Christ wisse sie doch, dass der Tod allein Gottes Wille war. Schließlich fiele kein Haar von unserem Kopf, ohne dass dies in Gottes ewigem Ratschluss von Anbeginn der Welt so vorgesehen sei.

Auch wenn das Thema in der Theologie derzeit kaum eine Rolle spielt: In der Volksfrömmigkeit ist die Vorstellung von der Vorherbestimmung allen Geschehens durchaus verbreitet. Prädestination ist das Fachwort dafür. Und in der Tat gibt es Bibelstellen, die diesen Gedanken nahelegen. Etwa, wenn es im Epheserbrief, Kapitel 1, heißt, Gott habe die Gläubigen erwählt, »ehe der Welt Grund gelegt war« (Vers 4) und »dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein« (Vers 5). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) war der Erste, der den Gedanken der Vorherbestimmung ausformulierte. Luther griff ihn auf und entwickelte ihn in der Auseinandersetzung mit dem Humanisten Erasmus von Rotterdam weiter: »Denn wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will,« heißt es in seinem Werk »Vom unfreien Willen«. Einen freien Willen gebe es deshalb weder für den Menschen noch für die Engel.

Wenn Gott vorherbestimmt, wer gerettet wird, bestimmt er dann nicht auch voraus, wer verloren geht? Natürlich, sagt der Genfer Reformator Johannes Calvin: »Unter Prädestination verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.« Als »Lehre von der doppelten Prädestination« ging dies in die Theologie ein.

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Lebenslauf: Wenn alles vorherbestimmt ist, was ist dann mit unserem freien Willen? Ist es egal, welche Entscheidung wir im Leben für uns und andere treffen? Foto: Pixabay/Creative-Commons CC0

Auch dafür kann man eine Reihe Bibelstellen anführen. Etwa Sprüche 16, Vers 4 in dem es heißt: »Der Herr macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag.« Oder etwa 2. Mose, Kapitel 10, wo Gott zu Mose sagt, er selbst habe dem Pharao und seinen Beratern das Herz »verhärtet«, so dass er das Volk Israel nicht in die Freiheit ziehen lassen werde.

Gott also der, der das Böse nicht nur zulässt, sondern es aktiv für und durch Menschen anstrebt? Pharao wie Hitler also Marionetten Gottes, ohne eigene Verantwortlichkeit für ihr Tun? Eine schreckliche Vorstellung, die Menschen schon immer zum Widerspruch herausforderte.

Und auch der Widerspruch kann sich auf Gottes Wort berufen. So schreibt Paulus im 1. Timotheusbrief, Gott wolle, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«. Und wie könnte der Psalmist davon sprechen, dass der Mensch nur »wenig niedriger« gemacht sei als Gott selbst? (Psalm 8)

Die reformierten und lutherischen Kirchen formulierten deshalb 1973 in der Leuenberger Konkordie ein neues gemeinsames Verständnis der Prädestination: »Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.«

Unseren »älteren Geschwistern«, den Juden, ist der Gedanke einer Prädestination übrigens völlig fremd. Dies verbietet sich für sie schon im Blick auf die Paradiesgeschichte: Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis – und Gott sagt: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.«

Harald Krille

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Ein außergewöhnliches Geschenk – nehmen wir es an!

30. Juni 2018 von redaktionguh  
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Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

Epheser 2, Vers 8 a

Wir lassen uns doch alle gern beschenken. Und wenn wir nicht beschenkt werden, so schenken wir anderen etwas. Dazu nutzen wir jede Gelegenheit: Geburtstag, Weihnachten, Ostern, Taufe oder das neue Auto. Und dabei haben wir den Anspruch, mindestens soviel zu schenken, wie wir vorher selbst empfangen haben. Möglichst originell und hochwertig sollte es sein, auf jeden Fall nichts Alltägliches – außer es gab einen bestimmten Wunsch.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

Und so nimmt die Kreativität kein Ende. Es gibt nichts, was man nicht schenken kann. Sogar Sterne finden sich heute nicht selten auf den Gabentischen. In vielen Familien und Freundeskreisen gibt es Verabredungen, nichts mehr zu schenken, da man doch schon alles habe. Aber wie oft wird sich eigentlich daran gehalten? Und wenn es nicht gefällt, dann legen wir alles daran, die Haltung zu bewahren und bedanken uns höflich.

Es gibt aber auch Geschenke, mit denen wir nicht rechnen oder die wir uns niemals gewünscht hätten. Geschenke, die nicht gegenständlich sind und dadurch nur schwer annehmbar. Bei denen wir lernen müssen, sie zu schätzen und einen Sinn dahinter zu finden. Gott hat uns ein solch außergewöhnliches Geschenk gemacht. Er hat uns unseren Glauben geschenkt und so unser Leben verändert.

Aber nicht nur unser Glaube ist uns von ihm gegeben. Er hat uns auch das ewige Leben geschenkt. Durch seine Gnade sind wir selig geworden. Und diese Gnade ist in Jesus Christus wahrhaftig.

Durch sein Sterben und seine Auferstehung müssen wir uns nicht mehr beweisen und die größten und teuersten Geschenke kaufen. Wir sind durch ihn von allen Abhängigkeiten befreit.

Es spielt keine Rolle, wie viele Geschenke wir im Leben verschenkt oder erhalten haben. Nur dieses eine Geschenk von Gott sollten wir annehmen. Durch die uns geschenkte Gnade können wir Frieden finden und unsere Selbstgenügsamkeit ablegen.

Julia Braband, Theologiestudentin in Jena und Mitglied der EKM-Kirchenleitung

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Der Gesellschaftsreformer

8. Mai 2017 von redaktionguh  
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Mit Blick auf Europa können wir von Martin Luther noch eine Menge lernen, findet Klaus-Rüdiger Mai. Mit dem Schriftsteller sprach Sabine Kuschel.

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Klaus-Rüdiger Mai bei einer Lesung in der Potsdamer Friedenskirche. Foto: Günter Krawutschke

Herr Mai, Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern als Historiker und Philosoph mit Martin Luther. Was interessiert Sie an ihm?
Mai:
Wir machen einen Fehler, wenn wir Luther als Theologen im heutigen Sinne verstehen. Denn heute ist die Theologie eine Fachwissenschaft – wie Medizin, Geschichte, Philosophie und Physik. Im Mittelalter war sie Allgemeinwissenschaft. Alle Fächer gingen in Theologie über. Für alle alltäglichen und wissenschaftlichen Fragen galt immer die Autorität der Theologie. Ich würde Martin Luther aus heutiger Sicht als Gesellschaftsreformer, Gesellschaftsdenker sehen. Er hat über alles nachgedacht und geschrieben: über Bildung, über Wirtschaft, über Eheleben, Kriegswesen, um nur einige Beispiele zu nennen – Themen, die nicht unbedingt Kernthema von Theologie sind. Insofern hat mich, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, Luther interessiert.

Was ist in Ihren Augen die besondere Leistung Luthers?
Mai:
Luthers Ansatz von der Freiheit eines Christenmenschen ist für mich das Gründungsdokument des modernen Europas. Wer nicht genauer hinschaut, mag das übertrieben finden. Aber die Grundlage unserer modernen Gesellschaft beruht auf dem Individuum, auf dem Bürger. Genau das hat Luther definiert. Nämlich die Freiheit der Bürger. Das begeistert mich an dem Reformator. Er ging vom Individuum aus, vom Christen, der die Gnade des Glaubens hat.

Der Gerechte lebt aus Glauben allein. Das heißt auch, er ist nicht Masse, nicht Verfügbarkeit, sondern ein Einzelner, der sich dieses Geschenkes bewusst werden sollte. Luther definiert in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, was Freiheit ist. Er sagt: Der Christenmensch ist frei und keinem untertan. Und er sagt: Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und aller Dinge und jedem untertan. Damit meint er, dass der Christ eine Verantwortung für die Schöpfung hat. Und deswegen ist Luthers Freiheitsbegriff der modernste. Er balanciert Freiheit, Gewissen und Verantwortung aus. Ich habe in den nachfolgenden 500 Jahren nichts Klareres, Besseres als Luthers Definition gefunden.

Wir können also von Luther noch etwas lernen?
Mai:
Unbedingt! Die Vorstellung von einem Zentralstaat war Luther fremd. Dass es ein Zentrum in Rom gibt, dem alle zuzuarbeiten haben, hat Luther nicht akzeptiert. Er denkt, modern gesprochen, föderaler, regionaler. Seinen Widerstand gegen Rom, gegen eine über allem thronende Macht, wo der Christ, der Untertan als Einzelner nicht mehr vorkommt, finde ich nahezu modern. Wenn wir heute in Europa über zentrale oder regionale Strukturen, über ein EU-Brüssel oder ein Europa der Regionen reden, können wir von Luther eine ganze Menge lernen.

Die nationale Sonderausstellung beleuchtet Luthers Verhältnis zu den Deutschen. Dabei geht es in besonderer Weise um seine Bibelübersetzung …
Mai:
Es gab bereits Bibelübersetzungen ins Deutsche. Die fanden aber keinerlei Anwendung. Denn es war zu Zeiten des Reformators und davor verpönt, die Bibel zu lesen. Martin Luther hatte im Kloster Schwierigkeiten, weil man nicht verstanden hat, warum er so oft, so intensiv die Bibel studierte. Die Kirche fürchtete, dass die Bibel falsch verstanden werden konnte, sie sorgte sich um ihre Deutungshoheit. Deswegen sollten die Leute nicht in die Bibel schauen. Luther aber sagte: Alle Christen sind gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen den Christen, zwischen dem Bauern, der ein Christ ist, und dem Papst, keine Über- und keine Unterchristen. Wenn sich alle mit der Bibel beschäftigen sollen, dann muss sie auch für alle verständlich sein.

Luther verbindet seine Bibelübersetzung mit der Forderung an jeden Christen, sie täglich zu lesen. Auch aus diesem Grund tritt er dafür ein, dass alle lesen und schreiben lernen. Die Bibelübersetzung wiederum wird notwendig, damit dieses Ziel erreicht werden kann.

Illustrationen: www.3xhammer.de

Illustrationen: www.3xhammer.de

Da er möchte, dass die Leute die Bibel auch verstehen, »schaut er dem Volk aufs Maul«. Luthers Sprachgenie gilt noch immer als unerreichbar und als Vorbild …
Mai:
Martin Luther hatte ein unglaubliches Gehör für Dialoge, für die Ausdrucksweise der Menschen. Das hat zu tun mit seiner Herkunft. Er ist in der sehr vitalen, sehr vielgestaltigen wirtschaftlichen Welt des Erzbergbaus in Mitteldeutschland groß geworden. Dort entwickelte er das Gespür für die deutsche Sprache, die damals noch keine Literatur- und Kultursprache war. Kultur- und Wissenschaftssprache war Latein.

Mit anderen Worten, Luther hat mit seiner Bibelübersetzung die Volkssprache auf ein literarisches Niveau gehoben, ohne dass dabei die Verständlichkeit verlorenging, ohne dass die Sprache dadurch abstrakt, blutleer wurde, ohne dass sie ihre Verhaftung im Alltagsleben der Menschen einbüßte.

Die Menschen des Mittelalters waren von Angst gepeinigt. Theologisch ist Luther zu der Erkenntnis gelangt, dass der Christ nichts leisten, keine Werke vollbringen muss. Er ist gerecht aus Glauben. Das war das Neue, das Befreiende …
Mai:
Luthers Erkenntnisse öffneten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Tore und Türen zu einem neuen, sehr praktischen Lebensverständnis. Auch Luther hatte zunächst Angst vor Jesus Christus, der für ihn ein schrecklicher Richter war. Aber er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Gottes Gerechtigkeit vollkommen anders funktioniert, als es bisher gelehrt wurde. Erstens entdeckt Luther in Christus den Liebenden und zweitens begreift er, dass der Gerechte aus Glauben allein lebt. Diese Vorstellung schiebt die ganze Ablasspraxis, die ganze Werkgerechtigkeit vollkommen beiseite. Das bringt eine ungeheure Befreiung. Albrecht Dürer, der ein großer Verehrer von Luther war, schreibt deshalb: »Martin Luther hat mich befreit.«

Luther wies den Menschen seiner Zeit, die in Glaubensbedrängnissen litten, einen neuen Weg. Deswegen diese plötzliche Begeisterung vieler Zeitgenossen für Luther und für das, was er sagte.

Die zehnjährige Beschäftigung mit der Reformation treibt gelegentlich sonderbare Blüten. Wie geht es Ihnen damit?
Mai:
Na ja, ich würde mir Luther nicht als Playmobil kaufen und hinstellen. Aber dem Reformator schadet das nicht. Solche Blüten dürfen jedoch nicht zum Gegenstand ernsthafter Kritik erhoben werden. Ich stimme nicht in die Kritik einiger Kirchenhistoriker ein, die eine zu große Oberflächlichkeit festzustellen meinen. Meine Kritik richtet sich gegen einen anderen Effekt, der eintritt, wenn zehn Jahre lang gefeiert wird. Man wird mäklig. Und dann fängt man an, die dunklen Seiten der Reformation und Luthers aufdecken zu wollen und kippt ahistorisch wohl eher selbst schwarze Farbe hin, als dass man tatsächlich dunkle Stellen ausfindig macht.

Überdies habe ich manchmal den Eindruck, dass die Funktionäre der EKD verführt zu sein scheinen, nicht Martin Luther, sondern sich selbst in der Reformationsdekade zu feiern.

Ich hingegen möchte Martin Luther feiern, indem ich die Aktualität seines Denkens und Handelns immer aufs Neue entdecke.

Klaus-Rüdiger Mai (Jahrgang 1963) ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. In seinen Sachbüchern beschäftigt er sich mit religiösen und gesellschaftspolitischen Fragen. Zwei Bücher über Martin Luther stammen aus seiner Feder.

• Mai, Klaus-Rüdiger: Martin Luther – Prophet der Freiheit. Romanbiografie, Kreuz Verlag, 448 S., ISBN 978-3-451-61226-8, 22 Euro (siehe Rezension Seite 13)
• Mai, Klaus-Rüdiger: Gehört Luther zu Deutschland? Herder Verlag, 208 S., ISBN 978-3-451-34846-4, 19,99 Euro

Sieben Jahre Theorie – und dann?

14. November 2016 von redaktionguh  
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Das-volle-Leben.de: Im Internet wirbt die Evangelische Kirche in Deutschland für den (Zitat) »geilsten Job der Welt«, den Pfarrberuf. Theologiestudenten klagen auf der anderen Seite über den fehlenden Praxisbezug ihres Studiums. Das Theologiestudium zwischen Ansprüchen und Wirklichkeit – die Studierenden Julia Braband und Felix Kalbe diskutierten darüber mit der Prodekanin, Professor Miriam Rose, und dem neuen Dekan, Professor Manuel Vogel, der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; moderiert von Willi Wild.

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Gesprächsrunde: »Glaube + Heimat« brachte die Jenaer Studenten (v.l.) Julia Braband und Felix Kalbe mit Dekan Manuel Vogel und Prodekanin Miriam Rose zum Gedankenaustausch an einen Tisch. Fotos: Adrienne Uebbing

Was war Ihre Motivation, Theologie zu studieren?
Braband:
Ich habe früh angefangen, im Kindergottesdienst mitzumachen. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in Kirchengemeinde und Kirchenkreis hat sich der Wunsch entwickelt.
Kalbe: Ich kam aus der Schule, war viel mit der evangelischen Jugend unterwegs. Und irgendwann stellte sich die Frage: Was mache ich eigentlich nach dem Abitur? Dann habe ich mich entschieden, Theologie zu studieren. Ich will mein Hobby zum Beruf machen.

Was haben Sie vom Theologiestudium erwartet?
Braband:
Ich wusste, dass es ein rein wissenschaftliches Studium ist mit drei Wochen Gemeindepraktikum. Jetzt merke ich aber, sechs oder sieben Jahre Studium und drei Wochen Gemeindeerfahrung stehen in keinem Verhältnis. Ich verstehe, dass Grundlagen wichtig sind, aber Praxis ist es ebenfalls.
Kalbe: Die Praxisnähe fehlt. Eine Vorbereitung auf Lehramt oder Pfarramt ist das nicht.
Prof. Rose: Ich habe erst mal Verständnis für die Sicht. Aber es ist ein korrekturbedürftiges Bild dessen, was das Studium leisten soll. Es geht gerade nicht darum, dass man das lernt, was man dann den Schülern oder der Gemeinde erzählen kann. Sondern es geht darum, dass man lernt, ganz grundlegend die eigene Praxis zu reflektieren. Es ist mehr eine Ausbildung auf einer Meta­ebene. Um dann alle nur möglichen Praxisvollzüge selbstständig reflektieren zu können. Wir wollen die Studierenden befähigen, sich selbst anzuleiten. Lehramtsstudierende erwarten, dass sie unmittelbar Unterrichtsentwürfe lernen, die sie dann umsetzen können. Und Pfarramtsstudierende erwarten schon gleich im 1. Semester Anleitung zum Predigtmachen. Aber wir setzen auf einer ganz anderen Ebene an.

Haben Sie im Vikariat den Eindruck gehabt, durch das Studium genug auf die Praxis vorbereitet zu sein?
Prof. Vogel:
Ich wusste, was mich erwartet. Ein Klimawechsel und ein Milieuwechsel, den ich gut bewältigt habe. Ich habe es immer als einen Genuss empfunden, wissenschaftlich arbeiten zu können und mich zu bilden. Das Studium an sich ist ein Wert, den man nicht unterschätzen sollte, ohne unmittelbare Erwartungen an die Praxisnähe zu haben. Ich hoffe, Studierenden Lust daran zu vermitteln, sich zu bilden: eine Lust auf Bildung, eine Lust an Bildung. Viele Lehrer und Pfarrer sehnen sich später nach dieser Zeit zurück. Für viele ist dann auch diese erworbene Bildung in materieller Gestalt – in Form von Büchern, die man sich angeschafft hat – ein Rückzugsort. Das ist sehr wertvoll und hält ein ganzes Berufsleben an.

Der unmittelbare Praxisbezug stellt sich, denke ich, im Vikariat sowieso sofort ein. Aber die Kategorien, um darüber abstrakt selbstkritisch nachzudenken, muss man sich im Studium erarbeiten. Das ist eine sehr wichtige Anforderung im Beruf. Der ständige Blick über die eigene Schulter braucht eine ganz gründliche theologische Bildung; die sollte im Studium erworben werden.
Braband: Ich finde es schwierig. Da studiere ich sechs Jahre und bewerbe mich anschließend für ein Vikariat, und dann werde ich vielleicht wegen mangelnder praktischer Eignung abgelehnt. Ich wünsche mir im Studium ab und zu Reflexionsgespräche, nicht nur am Anfang oder nach der Zwischenprüfung. So kann ich feststellen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Kalbe: Ist es nicht viel effizienter, das theoretische Wissen anzuwenden und auszuprobieren, als zu warten, bis das Studium abgeschlossen ist?
Prof. Vogel: Das sehe ich nicht so. Ich sehe im Studium wirklich eine Auszeit. Es hindert Sie niemand daran, den Praxisbezug in Ihrer Gemeinde zu suchen. Aber die Abfolge ist eine andere: Man eignet sich theoretische Kenntnisse an, und dann kommt irgendwann die Situation, wo man diese einsetzen kann. Die Zeiträume sind aber größer. Wenn Sie das Studium hinter sich haben, ist ein ganzes berufliches Leben Zeit für die Praxis. Es geht darum, eine Vorstellung von 2 000 Jahren Christentums-Geschichte zu haben. Ein Fundament, das auch durch tagesaktuelle Debatten nicht so leicht zu erschüttern ist.
Prof. Rose: Ich denke, was manchmal zu kurz kommt, ist die Einübung, Praxis und theoretische Reflexion miteinander zu verbinden und füreinander fruchtbar zu machen. Als Dozentin könnte ich noch mehr verdeutlichen, aus welchem Praxisproblem theoretische Reflexionen jeweils entspringen. Beispielsweise, was macht überhaupt Gemeinde aus oder was ist Kirche? Und dann kann man die theoretischen Reflexionen anschließen.

Ich würde noch gern auf den Punkt eingehen, dass man im Studium wenig kritische Rückmeldungen bekommt, ob man zum Pfarramt geeignet ist oder nicht. Mir leuchtet ein, dass das ein Problem ist. Ich denke nur, man kann es jetzt nicht über die Dozenten lösen. Ein großer Vorteil des Studiums ist, dass man wirklich ganz frei diskutieren kann. Das ist mir auch sehr wichtig, dass Studierende Freiraum haben, theologische Positionen und Argumente auszuprobieren, die vielleicht mit ihrem bisherigen Denken wenig zu tun haben. Es ist sehr wichtig, dass die Rolle der Dozenten klar getrennt ist von der als spiritueller Begleiter oder Berater.
Braband: Das sehe ich auch so. Es macht in diesem Zusammenhang sicher Sinn, zu Anfang deutlicher darzustellen, was das Studium leisten kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich nicht alle Ihrer Kommilitonen darüber im Klaren waren?
Kalbe:
Das ist relativ unterschiedlich und bunt gemischt. Es gibt Leute, die kommen direkt aus dem Gemeindeleben zum Theologiestudium. Und dann gibt es auch wieder die Gegenbeispiele; die Leute finden dann erst während des Studiums überhaupt zur Taufe und beschäftigen sich mit ihrem Glauben. Und es gibt Leute, die haben mit Kirche und Glauben nicht viel am Hut.
Braband: Manche studieren nur aus rein wissenschaftlichem Interesse. Ich habe schon mal gehört: »Mit dem Beten hab ich es nicht so.« Das finde ich schwierig, vor allem, wenn man auf Pfarramt studiert.
Prof. Vogel: Ich würde ungern das Studium mit sehr starken normativen Vorgaben belasten. Also mir ist gerade wichtig, dass Studierende sich intensiv mit der Bibel auseinandersetzen, mit den Bekenntnisschriften, dass sie sich das aneignen. Aber ich möchte den Freiraum geben, auch etwas auszuprobieren. Die Zeiten sind glücklicherweise vorbei, wo vorgeschrieben wurde, wie man glauben soll und was richtig oder falsch ist.
Prof. Rose: Das ist später im Pfarramt sehr wichtig, zu akzeptieren, dass Gemeindemitglieder auf sehr verschiedener Weise glauben, und behutsam ein Verständnis dafür zu entwickeln.
Außerdem hat die Theologie in den letzten Jahrhunderten eine sehr stürmische Entwicklung durchgemacht. Da gibt es sehr gegensätzliche Positionen, wie: Befreiungstheologie, Feministische Theologie, Ökologische Theologie, Theologie nach Auschwitz. Es sind sehr, sehr gegensätzliche Richtungen. Ich möchte gerne, dass Studierende wirklich auch in der Gegenwart ankommen und sich mit diesen verschiedenen Entwürfen beschäftigt haben.

Die Theorie gibt es im Studium, die Praxis im Predigerseminar oder im Vikariat. Ist das nicht gut aufgeteilt?
Braband:
Ich könnte jetzt ganz plakativ sagen: sieben Jahre Theorie und zweieinhalb Jahre Praxis.
Prof. Rose: … ein Leben lang Praxis.
Prof. Vogel: Möglicherweise greift die Frage nach dem Praxisbezug des Theologiestudiums zu kurz, und es geht vielmehr um die Zeitgenossenschaft von Theologie überhaupt? Also was hat der Satz: »Gott liebt dich so wie du bist« zu tun damit, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken? Das ist meine selbstkritische Anfrage an Universitätstheologie. Damit verbindet sich auch die Frage, ob wir im Grunde die Bildungsbestände, die wir verwalten, als Wissensbestand und Besitz in einem bildungsbürgerlichen Sinne weitergeben. Also, der Pfarrer, die Pfarrerin hat Griechisch, Hebräisch und Latein gelernt. Und das unterscheidet sie von den sogenannten einfachen Gemeindechristen. Ist das vielleicht auch ein möglicher professoraler Habitus? Die Studierenden atmen das dann sozusagen mit jeder Vorlesungsstunde ein. Nach meiner Wahrnehmung ist die Theologie reichlich apolitisch geworden und die Studierenden sind es auch. Als männlicher Dozent bin ich oft in der Position, weiblichen Studierenden die Feministische Theologie schmackhaft machen zu müssen, vom christlich-jüdischen Dialog ganz zu schweigen.

Möglicherweise muss man die Frage nach dem Praxisbezug des theologischen Studiums viel radikaler stellen. Das würde dann implizieren, dass Sie sich als Persönlichkeiten im kritischen Dialog mit den Dozenten stärker einbringen und eine Antwort auf die Relevanzfrage einfordern.

Hirte der Hirten

12. Juni 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Ein Nachruf zum Tod von Propst Siegfried T. Kasparick. Der Beauftragte für Reformation und Ökumene ist nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Ein großer von Empathie getragener Schmerz durchzieht unsere Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. Auch wenn ich wohl weiß und glaube, dass »wir hier keine bleibende Stadt (haben), sondern die zukünftige suchen« (Hebr.13,14), gebe ich der Trauer recht und fühle mich durch den Tod meines Bruders in Christus, meines Freundes und Kollegen tief angerührt. Siegfried Kasparick, der leidenschaftliche und zugewandte Prediger, der passionierte Seelsorger, der weithin geachtete Ökumeniker und kompetente theologische Gesprächspartner wurde nach kurzer, schwerer Krankheit heimgerufen. Unsere Herzen wollen noch nicht fassen, was uns der Verstand sagt: Seine uns vertraute Stimme schweigt. Sein guter Rat fehlt uns.

Wir danken Gott

Wir halten inne: Vergangenes zieht in Gedanken vorbei. Wir danken Gott für die Gaben, die er ihm mit auf den Weg gab. Wir danken Siegfried Kasparick für seine unermüdliche Freudigkeit, uns das Evangelium zu bezeugen. Und: Wir stehen im Gebet an der Seite seiner Frau und seiner Familie.

In der Zeit des Abschiedes schauen wir zurück auf das, was uns vor Augen ist, aber auch, wie wir ihn oft ganz persönlich wahrgenommen haben. Geboren im brandenburgischen Herzberg (1955); Studium der evangelischen Theologie in Naumburg, Berlin und Leipzig; Vikariat; als Ephorus, Repetent und Assistent am Sprachenkonvikt in Berlin tätig; 1986 erste Pfarrstelle in Osterburg; 1991 amtierender Super­intendent; 1993 Direktor am Predigerseminar der Evangelischen Kirche der Union in Brandenburg; 2001 Wahl durch die Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen zum Propst des Kurkreises Wittenberg; später Regionalbischof; zeitweise stellvertretender Landesbischof; seit 2012 Beauftragter der Landesbischöfin für Reformation und Ökumene.

Sein Werdegang hat ihn in seiner Theologie, in seinem Verständnis von Kirche und ihren Strukturen, in seinem Zugang zu den Menschen bereichert. Bei den Föderations-, später Fusionsverhandlungen, in denen es beispielgebend für die EKD nicht nur um den Zusammenschluss zweier bis dahin selbstständig agierender Landeskirchen, sondern auch um das Miteinander »bekenntnisverschiedener« unierter und lutherischer Kirchen handelte, bedeutete es einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, in Siegfried Kasparick und anderen profilierte Gegenüber zu haben, wenn natürlich auch »zunächst« als ausgewiesene Anwälte ihrer Kirche, der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. In dieser Situation lernte ich ihn als Thüringer kennen und schätzen.

Seine Gaben

Er war ein Diplomat, der zu moderieren verstand. Ein überaus geschätzter »kirchlicher Außenminister«, der seine reformatorische Kirche mit Herz, Verstand, manchmal auch mit Humor in der Ökumene vertrat. Aus der Orthodoxie vermittelte er andere Sichten auf Russland, die Ukraine, auch auf Themenfelder wie Autorität oder Homo­sexualität. Er war geradezu geschaffen für das Amt der Einheit, das bischöfliche Amt der Draufsicht und der geistlichen Entscheidung. Sei es in kritischen Zeiten des Föderationsprozesses, sei es in Synoden.

Siegfried Kasparicks Stärke beruhte oft gerade in der nicht ausgegebenen Macht: Er musste in Debatten und Diskursen nicht gewinnen, er war menschlich wie theologisch frei und unabhängig. Er erwartete von der Schrift her begründete, hermeneutisch durchdachte Antworten und war von daher kollegial auf Augenhöhe. Er war im besten Wortsinn pastor pastorum. Kein Dienstvorgesetzter, sondern ein Friedensstifter, der sich mit hohem persönlichem Einsatz dreingab.

»Non vi, sed verbo – ohne Gewalt, sondern aus dem Wort« – hat Martin Luther seine Wittenberger Invokavitpredigten im März 1522 überschrieben, um einer Radikalisierung der Reformation zu hindern.

Siegfried Kasparick, der sich mir gegenüber nie als Lutheraner bezeichnet hat, hätte gerade diesen Ansatz sehr wohl für sich in Anspruch genommen. Gleichwohl soll nicht verschwiegen werden, dass er auch ein »Leiden an seiner Kirche« kannte.

So soll es sein

Hebräer 13,14 geht von der Endlichkeit oder auch der Vorläufigkeit menschlicher Planungen aus. Das heißt: Gott schafft in Christus Neues, so die offenbarende Orientierung der Schrift.
Der aus dieser Perspektive Raum und Hoffnung schaffende Friede schenke unserem Bruder und Kollegen, dem Ehemann und Familienvater Siegfried Kasparick die Erfüllung seines Glaubens. »Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Tost sein. Kyrieleis.«

Hans Mikosch

Der Autor ist promovierter Theologe und war Propst des Sprengels Gera-Weimar.

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa –
heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

Das Beste kommt zum Schluss

12. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Bereitet dem Herrn den Weg; denn siehe, der Herr kommt gewaltig.

Jesaja 40, Vers 3.10

Der Herr kommt gewaltig. Man fragt sich unweigerlich: Aber war oder wird sein Kommen wirklich so gewaltig sein? Gott kommt. Aber wenig gewaltig. Ein neugeborener Junge, der Gottes Sohn ist und hingerichtet werden wird. Was für ein Widerspruch. Kein Wunder, dass so viele an ihm zweifelten. Auch wenn man die Kirche dieses Gottes heute ansieht, hat man Zweifel: sinkende Mitgliederzahlen, weniger Taufen und größere Pfarrbereiche. Wo ist das gewaltig? Manch einer denkt mit Blick auf das Leben: Wo ist dieser gewaltig kommende, Leben verändernde Gott? Ich sehe ihn nicht. Und da ist der Spott derer, die den Glauben schon lange für Unsinn halten: Da rennt sie jeden Sonntag in die Kirche und was hat sie davon? Ihr geht es trotzdem nicht besser. Also was soll’s? Manchmal mag man der Frau des Hiob recht geben: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!

Andreas Ohle, Pfarrer in Authausen

Andreas Ohle, Pfarrer in Authausen

Für mich ist eines der wichtigsten Dinge an unserem Glauben eine andere Perspektive. Der Marburger Theologieprofessor Henning Luther hat mir diesen Gedanken nahegebracht. Trost ist Trost nur im Hinblick auf die Ewigkeit Gottes und das Ende der Zeit – auf die Wiederkunft Christi. Denn im Hier und Jetzt sind wir Christen denselben Wechselfällen des Lebens ausgesetzt wie alle anderen. Darin einen Sinn zu sehen und als Trost verkaufen zu wollen – etwa, dass Gott uns prüft oder straft –, das sind leidliche Erklärungen. Ehrlicher wäre zu sagen: Warum uns dies widerfährt, verstehen wir nicht und verstehen auch Gott darin nicht. So bleibt er Gott. Keine Rechtfertigungen, keine Erklärungen.

Doch dann – einst, wenn unsre Zeit hier zu Ende ist – wird er tatsächlich kommen, gewaltig, einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Und Gott wird abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Ohne diesen Ausblick, so Paulus, wären wir die elendsten unter den Menschen. Vielleicht ist die Adventszeit ein guter Moment, um sich dieses Inhaltes wieder bewusst zu werden.

Andreas Ohle, Pfarrer in Authausen

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