Mut zur Zivilcourage
30. Oktober 2011 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Wer kann sich schon sicher sein, dass richtig ist, was er sagt? Berufsredner pflegen leidenschaftlicher zu sprechen und eindringlicher zu gestikulieren, je unsicherer der Boden der Argumentation wird. Der normale Bürger spricht nach, was die anerkannten Autoritäten meinen. Manch Einfältiger verstummt.Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.
Jeremia 17, Vers 14
In dieser Woche gedenken wir der Reformation, die mit dem Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg vor 494 Jahren ihren Lauf begann. Woher hatte Luther seine Gewissheit, mit seinen 95 Thesen in die Öffentlichkeit zu gehen? Woher den Mut, in Worms vor den Reichstag zu treten, zu reden und zu schließen: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.«
Von Jeremia, dem Propheten, wird erzählt, dass er in solch einem Moment gebetet hat: »Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen, denn du bist mein Ruhm.« Heilung im altorientalischen Sinn des Ins-Recht-Setzens. Wer zu Unrecht ins Unrecht gesetzt wird, lässt Federn.
Ich mag sie, diese Unbequemen, die sich trauen, auf ihre innere Stimme zu hören, die ihrem eigenen Gewissen folgen und dafür Ächtung in Kauf nehmen. Ich mag ihr Ringen um Wahrheit, das brennende Feuer in ihrem Herzen, ihr Vertrauen auf Gott, das stärker ist als die Zweifel. Sie halten meinen Glauben lebendig und meine Sicht auf das Leben veränderlich.
Luther leitete bisweilen seinen Familiennamen vom Griechischen eleúteros »der Freie« her. Der Reformationstag in diesem Jahr mag uns ermutigen, frei genug zu sein, den Impulsen unseres Gewissens zu folgen. Die Stimme zu erheben, obwohl es gerade so schwer ist, sich sicher zu sein, ob es richtig ist, was man sagt. Im Meer der Meinungen nicht zu resignieren. Lösungen, die angeblich alternativlos sind, nicht blind zu glauben. Zivilcourage zu zeigen. Immer mit der Gewissheit: »Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen, denn du bist mein Ruhm.«
Jutta Noetzel, Pfarrerin in Herzberg
Herbstlese
8. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Dora Horvath, sxc.hu
Von Martin Hanusch
Langsam nähert sich der Gedenkmarathon zur friedlichen Revolution seinem Höhepunkt. In diesen Tagen gibt es hierzulande kaum einen Ort, an dem nicht an die dramatischen Ereignisse im Herbst 1989 erinnert wird. Plötzlich sind die Friedensgebete zwischen Rostock und Sonneberg wieder ganz nah. Dass dabei manches verklärt wird, ist nur allzu menschlich. In der Rückschau erscheint vieles in einem helleren Licht. Schon deshalb ist es gut, dass sich die mitteldeutsche Kirche mit ihrer Kampagne »Gesegnete Unruhe« am Blick zurück beteiligt, der freilich bewusst auch ein Blick nach vorn sein soll. Denn ein Selbstzweck ist das Erinnern nicht.
Was lässt sich nun, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, aus den damaligen Ereignissen lernen? Zum einen ist es ganz sicher die Tatsache, dass sich Mut und Zivilcourage lohnen. Bis heute profitieren wir in Ost und West davon, dass sich vor 20 Jahren Menschen mutig gegen ein Unrechtssystem gestellt haben. Diese Form des Einsatzes kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Der Erfolg wird auch nicht dadurch geschmälert, dass es zunächst nur wenige waren, die gegen die Repressalien und die Unfreiheit aufgestanden sind und die Maueröffnung manchen Aufbruch schnell zunichte gemacht hat.
Engagierte Christen sowie kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können wiederum für sich reklamieren, den Prozess mit in Gang gesetzt zu haben. Auch gegen den Widerstand und manche Bedenken innerhalb der Kirchen haben sie dem Protest Raum gegeben und so für ein Klima gesorgt, das den Umbruch überhaupt erst möglich gemacht hat. Mit ihren Friedensgebeten und dem Ruf »Keine Gewalt« sind sie die Helden und Erfolgsgaranten des »Oktoberfrühlings« gewesen.
Das ist möglicherweise die wichtigste Lektion, die daraus folgt. Kirche erweist sich immer dann als besonders stark, wenn sie nahe bei den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten ist. Darauf sollte sie sich auch heute wieder besinnen – ganz im Sinne des Herbstes ’89.







